Katrin Zipse «Moosland», Dumont

1949 auf Island. Elsa ist eine von knapp 300 Frauen, die die Trümmer ihrer Heimat Deutschland verliessen und sich auf der Insel eine Zukunft erhofften. Eine Zukunft auf den kargen Höfen der windgepeitschten Insel, einem Leben in vielfacher Fremde. Katrin Zipse schrieb mit „Moosland“ einen atmosphärisch dichten Roman darüber, dass Heimat nur in sich selbst zu finden ist.

Elsas Zukunftslosigkeit in den Jahren nach dem Krieg muss derart gross gewesen sein, dass sie einem Aufruf der isländischen Bauernpartei folgte. Sie liess sich verschiffen, um auf der Insel, auf der viele junge Frauen den amerikanischen Truppen mit dem Abzug in die Staaten gefolgt waren, einen Platz zurück im Leben zu finden. Auf dem Land herrschte akuter Mangel an heiratswilligen Frauen und das harte Leben auf den abgelegenen Höfen funktionierte in ihrer Tradition nicht ohne viele helfende Hände. In den Kriegsjahren waren auf der Insel 30000 GIs stationiert. Die Insel erfuhr mit der von den Amerikanern aufgebauten Infrastruktur in wenigen Jahren den Übergang von einer ganz rudimentären landwirtschaftlich orientierter Kultur in die Anfänge grosser Investitionen, gedeihender Fischindustrie und soldatischer «Dienstleistungen».

Was Elsa in ihrer Heimat zurückliess, waren Trümmer und Hoffnungslosigkeit. Was sie auf die Insel mitnahm, trug sie am Leib und einem Beutel mit sich und tief in ihrem Herzen das Trauma eines Krieges, das mit der Kapitulation Nazideutschlands im Mai 1945 noch lange nicht sein Ende gefunden hatte. Zusammen mit vielen anderen Frauen verteilte man sie bis in die entlegensten Winkel der rauen Insel. Auf den Höfen, zu denen nicht einmal Strassen führten, liessen sich die Frauen ohne Sprachkenntnisse und meist auch oft ohne Erfahrungen in der Landwirtschaft auf ein «Experiment» ein, bei dem es letztlich um alles oder nichts ging; Wer die Kraft hatte, sich auf Umstände einzulassen, die unverrückbar einen Neubeginn zum alles abgewinnenden Kraftakt machte, hatte die Chance auf einen Neubeginn, einen Restart. Auch wenn die Bauernfamilie dort die Anwesenheit der deutschen Arbeitskraft, die in den ersten Monaten kein Wort spricht, zur Geduldsprobe wird.

Katrin Zispe «Moosland», Dumont, 2026, 224 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7558-1183-1

Elsa wächst nur langsam in die Familie hinein. In die Arbeiten, die man ihr gibt, schickt sie sich, auch wenn Bauer und Bäuerin nur schwer nachvollziehen können, warum das Leben bei ihnen so schwer sein sollte. Auch die beiden Brüder und der Knecht bleiben auf Distanz. Trotzdem spürt Elsa, dass auch diese  Familie an ihrem Schicksal, ihrer Geschichte zu beissen hat. Elsa findet zufällig das Foto einer jungen Frau. Es muss eine Tochter gegeben haben, deren Name in der Familie niemals fällt. Gerda, ihre Freundin, die mit ihr auf dem Schiff nach Island war, lebt zwar auf der gleichen Insel, aber unerreichbar weit weg. Mit der Zeit treffen Briefe von Gerda ein, Lebenszeichen einer Nähe, die Elsa verloren glaubt.

Die Stille ist so gross, dass sie sie hören kann. Ein Rauschen, das nicht vom Meer kommt und nicht vom Wind. Das immer stärker anschwillt, bis es sie ganz umschliesst.

Zwei Welten treffen aufeinander, jede mit Hoffnungen. Dazwischen ein Raum ohne Sprache, ohne Gemeinsamkeiten, einer Stille, die oft nur Wind und Regen brechen, eine Landschaft fast ohne Kontur, ein nicht enden wollenden Winter. Und einer Welt, die in der Weite zu einer Winzigkeit zu schrumpfen droht. Da ist die Geschichte einer Verlorenen, die Geschichte von Traumata, über denen das Schweigen steht, Existenzen, die ums Überleben kämpfen, denen dieser Kampf zur Selbstverständlichkeit werden muss. Erzählt in einer Sprache, die zur Landschaft wird, die genau dem entspricht, was Imagination zum sinnlichen Erleben werden lässt. Es ist erstaunlich, wie sehr Katrin Zipse in ihr Personal, diesen Kampf, die Innenwelten, die Landschaft und die Traditionen der isländischen Bauern eintauchen kann. Es ist, als ob sich während des Lesens Kälte und Wind über meine Haut legen würden. Ein beeindruckendes Leseerlebnis!

Interview

Was interessiert eine deutsche Autorin an der Geschichte einer solchen Frau, dem Schicksal einer Vertriebenen, dem Leben in krasser Einfachheit gemessen am Leben in Island heute? Die Intensität ihres Romans lässt vermuten, dass sich dieser Stoff förmlich aufgedrängt haben musste? Wo lag die Initialzündung?

Die Initialzündung geht bis 2015 zurück, als in Deutschland sehr viele Geflüchtete aus Syrien ankamen. Ich habe damals ehrenamtlich in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen Sprachkurse gegeben bzw. bei den Hausaufgaben geholfen. Wir hatten die Empfehlung, die Geflüchteten nicht auf ihre Erfahrungen zuhause und während der Flucht anzusprechen, um sie nicht zu retraumatisieren. Ich war unsicher, wie ich Kapitel im Lehrbuch, die sich mit Familie befassten, durchnehmen sollte, ohne womöglich an akute Verluste zu rühren. Ich wusste ja nicht, was sie durchgemacht hatten, ob sie zum Beispiel Familienmitglieder betrauerten. Und ich fand es schwierig, einzuschätzen, was ich beim Lernen erwarten konnte. Wie kann jemand mit freiem Kopf lernen, Neues in sich aufnehmen, wenn er damit beschäftigt ist, Vergangenes zu bearbeiten oder auch zu verdrängen? Es kam mir manchmal so herzlos vor, diese Erwartung an geflüchtete Menschen, sich zu integrieren, aktiv an einem Ankommen hier zu arbeiten, wenn sie so schwere Erfahrungen hinter sich hatten, für deren Bewältigung sie Zeit und ein gutes Umfeld gebraucht hätten.

Zeitgleich habe ich damals über Themen recherchiert, mit denen ich mich zusammen mit einer befreundeten Kollegin für ein Island-Stipendium bewerben konnte. Eher zufällig bin ich auf die deutschen Landarbeiterinnen gestoßen und dadurch entstand die Idee, zu versuchen, die Schwierigkeiten, die sich durch Migration und Integration, Aufbruch und Ankunft in der Fremde ergeben, aus umgekehrter Perspektive zu erzählen: von Deutschen, die sich in einem fremden Land zurechtfinden müssen.

Wir wollten ein Hörspielprojekt zu diesem Thema realisieren, weil es eine starke akustische Ebene hat. Wir haben ein Exposé geschrieben und tatsächlich ein Stipendium des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop für Island bekommen. Doch als wir es antreten sollten, war meine Freundin zu krank geworden, um zu reisen und das Projekt weiterzuverfolgen. Ich bin dann allein nach Skagaströnd gefahren, aber unser gemeinsames Projekt wollte ich nicht ohne sie umsetzen, das wäre mir falsch vorgekommen. Deshalb habe ich mich entschieden, das Thema in einem Roman zu verarbeiten.

Freilichtmuseum Glaumbaer © privat

Sie haben sich dermassen nah an das Leben der isländischen Bauern nach dem 2. Weltkrieg geschrieben, dass man kaum glauben kann, dass es reine Imagination sein kann, blosses Hineinfühlen. Da ist so viel Bildhaftes, es riecht und duftet, so viel herausmodelliertes Detail. War das bloss Recherche oder noch viel mehr?

Es war sehr viel Recherche. Durch mein Stipendium war ich am Anfang meines Schreibprozesses einen ganzen Monat in Island, danach war ich noch mehrere Male dort, immer zu unterschiedlichen Jahreszeiten und immer in derselben Region. Die wichtigsten Eindrücke habe ich auf meinen langen Wanderungen gewonnen, und ich habe sehr viel von einer deutschen Schafbäuerin gelernt, die vor Jahrzehnten nach Island ausgewandert ist und sich ein enormes Wissen über das bäuerliche isländische Leben im letzten und vorletzten Jahrhundert angeeignet hat. Sie gibt dazu Bücher in ihrem eigenen Verlag, Alpha Umi, heraus. Darüber habe ich sie kennengelernt. Und ich hatte das große Glück, dass ich ihr während der Lammzeit helfen durfte. Das war eine unvergessliche Erfahrung, als ich zehn Tage mit ihr auf ihrem abgelegenen kleinen Hof in den Bergen gelebt habe und so eng mit den Schafen zu tun hatte. Sie fehlen mir seitdem richtig. 

Außerdem gibt es tolle Freilichtmuseen in Island, die das Landleben optisch und zum Teil auch olfaktorisch nachvollziehbar machen. Die Torfhäuser haben immer noch einen ganz eigenen Geruch, genauso wie der Stockfisch, der dort ausgestellt ist. Und Island ist in Sachen Digitalisierung sehr weit. Ich konnte die Zeitschriften von 1949 online aufrufen und lesen, hatte Zugriff auf ein enormes Fotoarchiv und konnte sogar die Wetterbedingungen von jedem Tag des Jahres 1949 recherchieren.

Schon im Weggehen, auch wenn der Einsatz scheinbar befristet war, gab es kein Zurück. Wohin hätten sie gehen sollen? Zurück in ein zerbombtes Deutschland? Ein Leben ohne Zukunft mit der Last einer nicht zu tilgenden Vergangenheit? Heute gibt es diese Unausweichlichkeit fast nicht mehr. Aber sehr wohl die Faszination für einen radikalen Entschluss, das volle Risiko, den freien Fall. Sie beschreiben ein radikales Leben. Sowohl jenes der isländischen Bauern wie jenes der Frauen, die hofften, dort eine Chance auf Zukunft zu bekommen. Lieben sie das Unausweichliche? Ist das Schreiben das auch?

Als Autorin interessiere ich mich auf jeden Fall für radikale Lebensentwürfe, weil in ihnen so viel Dynamik steckt. Aber meine Protagonistin Elsa fasst keinen Plan für eine radikale Lebensveränderung. Sie wird da einfach hineingezogen. Mit Sola wäre sie in die USA ausgewandert, weil Sola das wollte. Mit Gerda geht sie nach Island, weil Gerda sie dafür anmeldet. Was an Elsa radikal ist, ist ihre Verlorenheit. Sie flieht vor den Verlusten, die sie erlitten hat. Sie kommt nicht damit zurecht, aber das Leben geht ja trotzdem weiter und muss irgendwie gelebt werden. Das ist ihre Ausgangssituation im Roman.
Island als Fluchtpunkt fand ich für Elsa auch deshalb interessant, weil es von da aus erstmal nicht weitergehen kann. Ohne Schiff oder Flugzeug sitzt man auf der Insel fest. Und das ist für Elsa, die immer in Bewegung sein muss, um nicht von ihren Erinnerungen eingeholt zu werden, fast nicht auszuhalten.

Landschaft bei Skagaströnd © privat

Ich habe vor langer Zeit die Bücher von Halldor Laxness gelesen. Nach „Moosland“ werde ich wieder darin lesen. Liegt in der Faszination dieser Bilder nicht auch die Faszination der Einfachheit in einer immer komplexeren, komplizierteren Welt? Dass man sich jenes Leben mit all den Entbehrungen gar nicht mehr vorstellen kann?

Die Bücher von Halldor Laxness haben mir für meinen Roman sehr geholfen, auch die Romane von Jón Kalman Stefánsson – und die „Nonni“-Bücher von Jón Svensson, die ich schon als Kind verschlungen habe. Sie beschreiben ja alle auf sehr bildliche Art dieses aufs Wesentliche konzentrierte Leben.

Und ja, die Einfachheit in dieser ganz auf die Rhythmen der Natur und der Tiere ausgerichteten Welt hat auf jeden Fall etwas Faszinierendes in ihrer existenziellen Eindeutigkeit und Klarheit. Die Landschaft spiegelt das für mich auch, die baumlose Weite, die kahlen Bergketten, die leeren Strände. Das Detail fällt plötzlich ins Auge.

Ich würde aber sagen, in meinem Roman gibt es genau hier einen Bruch zwischen den Generationen. Die Elterngeneration lebt konsequent und klaglos mit dieser Einfachheit. Aber die Jüngeren sehen eine andere Perspektive für sich. Das verunsichert sie.

Schafherde © privat

Wie irrig zu glauben, der letzte Weltkrieg sei im Mai 1945 zu Ende gewesen. Es gab Millionen, für die der Krieg nie vorbei war, die ein Leben lang leiden mussten, die das Leiden an ihre Kinder weitergaben. So wie der Krieg in Syrien noch lange nicht ausgestanden ist und es Generationen dauern wird, bis der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine beendet sein wird, wenn in nicht allzu ferner Zukunft ein Waffenstillstand beschlossen wird. Was Elsa alles aus dem Krieg mitschleppt, kristallisiert sich nur wage aus dem Beschriebenen. Wie weit mussten sie als Schöpferin dieser Geschichte Einzelheiten wissen, die mir verborgen bleiben?

Als Schöpferin der Geschichte weiß ich so gut wie alles über Elsa. Ich habe ein genaues Bild von ihrem Leben vor dem Krieg, während des Kriegs, in den ersten Nachkriegsjahren und vor allem auch von ihrer Zeit mit Sola, als sie zusammen durch Deutschland gewandert sind. Das brauche ich, um sie als komplexen Charakter zu spüren und zu wissen, wie sie in welcher Situation reagiert.

Aber wichtig für diesen Roman ist nur, was Elsa bereit ist zu offenbaren, bzw. was sie immer wieder als Bild oder Erinnerung überfällt. Die Geschichte dahinter kann der Leser oder die Leserin nur vermuten, so wie wir bei Menschen, die geflüchtet sind, oft auch nur vermuten können, was sie erlebt haben. Und jeder und jede ersetzt die Leerstellen durch eigene Bilder.

Das korrespondiert auch mit der Erfahrung meiner Generation: Wir sind mit Eltern aufgewachsen, die einen Großteil ihrer Kindheitserfahrungen im Krieg für sich behalten haben, und wenn sie erzählt haben, dann oft nur in stereotypen Narrativen. Weil es eben nur so schwer möglich ist, über schreckliche Erlebnisse zu berichten, die man tief in sich vergraben hat. Und dieses Verdrängte belastet natürlich auch die folgenden Generationen, die versuchen, die Lücken zu füllen.

Elsa wird in eine Familie hineingeworfen. Um zu verstehen, was dort wirklich geschieht, fehlt ihr die Sprache, zumindest am Anfang. Eine Art Aphasie. Leben wir nicht in einer Zeit gesellschaftlicher Aphasie?

Ich glaube, unser Problem ist weniger, dass wir nicht mehr reden, sondern dass wir verletzend und polemisch mit Sprache umgehen. Und dass in unserer Gesellschaft, die Bereitschaft und das Vermögen einander zuzuhören, immer weiter zurückgehen.

Katrin Zipse wurde in Stuttgart geboren und lebt als Autorin und Hörfunkredakteurin in Baden-Baden. Sie studierte Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der FU Berlin und arbeitete mehrere Jahre am Theater. Im April 2019 war sie Stipendiatin des Künstlerhaus Ahrenshoop in der NES Artist Residency in Skagaströnd. Im Herbst 2019 hat ihr der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg ein Stipendium für «Moosland» zuerkannt.

Beitragsbild © niklas-berg.de

Ein kleines Jubiläum: Das 70. analoge Literaturblatt ist auf dem Weg zu den Abonnent*innen

„Vielen Dank für das wunderbare Literaturblatt. Man liest es wie einen handgeschriebenen Brief, langsam und bedächtig. Man versucht, die schöne Schrift zu entziffern, um zu erfahren, was Gallus zu unserem Buch sagt. Und schon sind wir wieder Leser.“ Romain Buffat

«Danke, hast du deine Worte zu meinem Buch nun auch noch mit Kugelschreiber aufgeschrieben, mit anderen Worten zu anderen Texten zusammengebracht und lässt darauf einen Baum wachsen. Ich habe mich sehr gefreut, als ich das Blatt in meinem Briefkasten fand.» Agnes Siegenthaler

„Schon lange wollte ich mich bedanken für das wunderschön und liebevoll gestaltete Literaturblatt, das du uns hast zukommen lassen. Was für eine gute Idee, der Literaturkritik eine künstlerische Form zu geben. Und mit grossem Interesse habe ich natürlich dein spannendes Interview mit Romain Buffat gelesen. Danke für dein riesiges Engagement fürs Sichtbarmachen der Literatur.“ Adrian Künzi

«Wir freuen uns sehr, dass „So nah, so hell“ Teil des analogen Literaturblatts ist – einzigartig, persönlich und mit spürbarer Hingabe gemacht. Ein echtes Sammlerstück!» A. Kunz, Zytglogge

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Für mindestens 200 Fr./€ sind Sie als Gönner stets eingeladen, als Gönner der Literaturblätter auf literaturblatt.ch vermerkt bekommen 10 Literaturblätter (5 – 6 pro Jahr), also etwa zwei Jahre lang und werden einmalig auf Wunsch mit einem Buch beschenkt.

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Seit Januar 2022 ist das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar und seit April 2025 die Schweizerische Nationalbibliothek prominente Abonnenten des Literaturblatts!

Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont

Manchmal erbt man „Dinge“, die man nicht verweigern kann. Von Generation zu Generation. Und wenn es nur die Angst davor ist, Opfer zu werden von etwas, was sich in der Abfolge der Generationen wie eine genetische Unverückbarkeit festgesetzt hat. Leon Engler erzählt in seinem Romandebüt von einen jungen Mann und seiner Angst, verrückt werden zu müssen.

Als seine Mutter stirbt, bleiben sieben Kartons in einem Lagerabteil in Wien. Die falschen Kartons, denn alles, womit man die Schulden seiner Mutter noch hätte begleichen können, wanderte in die Müllverbrennung. Übrig blieben sieben Kartons mit Dingen, die seine Mutter aussortiert hatte; alte Rechnungen, Steuererklärungen, ungeöffnete Briefe, Müll. Als er seine Mutter zum letzten Mal in der Wohnung besuchte, bevor sie nach der Zwangsräumung in die Klinik kam, war die Mutter nicht nur aus ihrer Wohnung, sondern auch aus ihrem Leben ausgezogen. Einem Leben, das nie zur Ruhe gekommen war, einem Leben mit wenigen Höhen und einer langen Kette von Tiefen. Schon die Mutter seiner Mutter war wie Wasser, ständig in Bewegung, ständig den Zustand wechselnd. Bipolar, zwölf Suizidversuche. Der Vater depressiv und dem Alkohol verfallen, schon lange von seiner Frau getrennt, war schon lange nicht mehr der Fels, der er hätte sein wollen und müssen.

Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit.

Dass er als Junge in ein Internat kam, war eine Befreiung. Und das Studium in den Staaten ein einzig grosser Versuch, um sich aus den festgeschriebenen Mechanismen einer zum Wahnsinn verurteilten Familie zu befreien. Er studiert Psychologie. Nicht zuletzt darum, um eben jene Mechanismen zu verstehen, seine Angst vor dem Wahnsinn zu zähmen. Bis er als Arzt zurückkehrt, in der Psychiatrie arbeitet, dort, wie man alle nach Diagnosen sortiert, um sich selber von seiner Angst zu heilen. Ich leide unter Agateophobie, der Angst, verrückt zu werden.
Was bei der Mutter zu einer Selbstverständlichkeit wurde, war es schon bei der Grossmutter. Sie schluckte Pillen mit sedierender, hypnotischer und narkotischer Wirkung wie Bonbons. Zwölf Mal verkündete sie ihren Glauben, dass es sich nicht lohne zu leben. Immer wieder verschwand die Grossmutter in der Psychiatrie. Ein Muster, dass sich in seiner Mutter fortsetzte.

Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-7558-0053-8

Er studierte, schloss das Studium ab, von dem er überzeugt war, dass es ihn zu nichts qualifizierte. Er beginnt eine Stelle in der Psychatrie, wird mehr hineingestossen, als dass er die Aufgaben in Angriff genommen hätte – und er liest. Er liest viel. Weil das Lesen das einzige ist, das ihn vor dem Verrücktwerden zu schützen scheint. Lesen, um nicht nachzudenken. Er schickt sich in den riesigen Apparat einer Klinik, von Abteilung zu Abteilung „weiterbefördert“, immer unsicher darüber, auf welcher Seite er wirklich steht. Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln.

Entweder passen wir den Patienten der Therapie an. Oder wir passen unsere Theorie an den Patienten an.

Was ist normal? Wer ist normal? Warum gibt es so vieles, dass nie dieser Norm entspricht? Warum fallen jene, die dieser Norm nicht entsprechen durch alle Netze, die sich eine Gesellschaft zum täglichen Überleben eingerichtet hat? Warum hat unsere Gesellschaft keinen Platz für jene Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen? „Botanik des Wahnsinns“ hat nichts, gar nichts von einer Abrechnung. Es ist auch kein Hadern mit der Geschichte, der Herkunft, der Familie. Der Roman ist in aller Offenbarung und Ehrlichkeit eine Liebeserklärung, ein liebvoller Erklärungs- und Ordnungsversuch. Da erzählt jemand, der sich beinahe schämt, übergelaufen zu sein. Der Roman ist aber auch eine stille und gleichermassen subtile Kritik am Umgang mit den „Verrückten“ in den dazu eingerichteten Institutionen, ohne damit pampig oder besserwisserisch zu klingen. Neben der Liebeserklärung an seine Familie, den Bildern, die mit so viel Respekt geschrieben sind, ist es auch eine Liebeserklärung an all die Gestrandeten, die Gesellschaft die «Kranken» nennt.

Das schreibt einer, der die Menschen ernst nimmt, erst recht jene, die durch die Maschen fallen. Ein Buch, in dem ich Sätze lese, die hängen bleiben, die sich tief eingraben. Ein Buch, das zu verstehen hilft!

Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman.

Beitragsbild © Niklas Berg

«Die Literaturrunde» bei Tele D – eine Lanze fürs Wortlaut Literaturfestival

Es gibt sie nicht nur in den grossen staatlichen Fernsehgiganten, sondern auch in den «kleinen», die ganz und gar von der Leidenschaft einer eingeschworenen Betreiberschaft getragen werden. «Die Literaturrunde», von Jeanette Bergner mit Kompetenz und Begeisterung moderiert, ist über die letzten Jahre zu einem fixen Sendebestandteil des Privatsenders Tele D geworden. Erstaunlich genug, wo doch in Deutschland vergleichbare Formate «aus Spargründen» abgesetzt werden.

letzte Absprachen zwischen Gallus Frei, Literaturvermittler und Co-Leiter des Wortlaut Literaturfestivals, Jeanette Bergner, Moderatorin und Ariane Novel, Lektorin, Ghostwriterin und Co-Leiterin des Wortlaut Literaturfestivals St. Gallen

«Umlaufbahnen» von Samantha Harvey: Was die Schriftstellerin literarisch schafft, ohne einen einzigen Besuch in einer solchen Kapsel abgestattet zu haben, mit blosser Imagination und sogfältiger Recherche ist ausserordentlich. Was sie daraus macht ebenso. Jene Erfurcht, die Weltraumfahrende immer wieder beim Anblick unserer Erde erfasst, springt über. Was Samantha Harvey erzählt, hat durchaus eine mahnende Komponente, obwohl Samantha Harvey nicht moralisiert. Aber was wohl das Verblüffendste an diesem Roman ist, dass ich als Leser ihre Freude an der Sprache spüre, ihre verschriftlichte Leidenschaft, die sie so beschreibt. «Dieses Gefühl, dass mir der Atem stockt und ich schwebe, das wollte ich zu Papier bringen. Es war pure Freude, diesen Roman zu schreiben, reiner Eskapismus. Ich wollte nicht, dass er endet.»

Kameramann Joel Reisinger

Wild nach einem wilden Traum von Julia Schoch: Ihre Romane entlarven die Gegenwart, spiegeln ein Lebensgefühl der permanenten Suche, diesem Drang, sich zu bewegen, sich mitreissen zu lassen. Rasch fertig werden, um Zeit für das Eigentliche zu haben: den Wahn der Liebe. So gar nicht das, was man mit dem Modewort „Achtsamkeit“ zu verkaufen versucht. „Wild nach einem wilden Traum“ ist ein gnadenlos ehrliches Buch. Nicht zuletzt ein Buch über das Schreiben, über Julia Schochs Schreiben. Darüber, wie sehr sich Begegnungen auf das eigene Tun auswirken, oft tief verborgen im Unterbewusstsein. Und vielleicht ist es eben diese Fähigkeit einer Schriftstellerin, dass sie sich dessen bewusst ist, dass sie in den Sedimenten ihres Lebens nach jenen Einschliessungen sucht, die bis in die Gegenwart wirken.»

«Zwei Leben» von Ewald Arnez: Was den Reiz des Buches ausmacht, ist seine Sinnlichkeit. Ewald Arenz beschreibt derart leidenschaftlich und innig, dass ich als Leser die Landschaft riechen kann. Aber auch die Sinnlichkeit in den Gefühlen des Personals, in diesen zwei Leben dieser beiden so unterschiedlichen Frauen; Roberta und Gertrud. Oder im klaffenden Gegensatz zwischen den Auswirkungen der 68er und einer bäuerlichen Tradition, die erst auf Änderungen aufsteigt, wenn es nicht zu vermeiden ist. Ewald Arenz weiss genau, wovon er schreibt. Er schöpft aus der Atmosphäre seiner eigenen Herkunft – und tut dies mit Wonne.

Klicken Sie auf das untenstehende Bild, dann können Sie in «Die Literaturrunde» hineinschauen:

ph.neff@schliff.ch

Beitragsbilder © Philipp Neff

«Bilder müssen im Kopf der Leserin erblühen», ein Interview mit Ewald Arenz

«Zwei Leben» heisst der neue Roman von Ewald Arenz und er betont, wie wichtig die Empathie für sein Schreiben ist. Ewald Arenz ist mit diesem Roman Gast am Wortlaut Literaturfestival in St. Gallen.

Gastgeitrag von
Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Herr Arenz, Ihr neues Buch liegt in den Buchhandlungen, und schön ist es geworden, dann das Auge liest ja mit. Können Sie als Autor bei der Aufmachung vom Cover über Schriftbild bis zum Lesebändchen mitreden?

Ewald Arenz: Ganz anders, als man gemeinhin denkt: Nein. Kein bisschen. Ich bekomme die Coverentwürfe zwar geschickt und kann sagen, was mir am besten gefällt, aber letztlich entscheidet doch der Verlag. Und das ist gut so.

Aerni: Warum?

Arenz: Wenn ich Grafiker hätte werden wollen, dann könnte ich jetzt keine Romane schreiben. Die Herstellerinnen bei DuMont wissen wirklich, was sie tun und ich verlasse mich völlig auf sie.

Aerni: «Zwei Leben» ist ein stiller, berührender Roman natürlich mit der Liebe als zentrales Thema. Was auffällt ist, dass sie aus der Perspektive von Roberta erzählen. Wie können wir das Hineinversetzen in weibliche Protagonistin als Mann vorstellen?

Arenz: Ich werde das seit «Alte Sorten» häufig gefragt.

Aerni: … Ihr Roman, der 2019 erschienen ist…

Arenz: Die Antwort ist: Es hilft, wenn man als Mann und Autor Frauen einfach mal zuhört. Ich glaube, das tun wir viel zu wenig. Und dann sind wir gar nicht so unterschiedlich. Ich meine, wer fragt Donna Leon, wie sie sich in Commissario Brunetti hineinversetzt?

Aerni: Gute Frage.

Arenz: Als guter Schriftsteller – ich wähle hier bewusst die männliche Form – muss man sich in alle hineinversetzen können. Empathie ist eine Grundvoraussetzung für gelungenes Schreiben.

Aerni: Der Roman beginnt in den 1970er Jahren, in Süddeutschland. Wie trifft man den Ton und die Farben von Jahren, die schon lange her sind? Oder wie gingen Sie da vor?

Ewald Arenz «Zwei Leben», Dumont, 2024, 368 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-8321-8205-2

Arenz: 1971 war ich sechs Jahre alt und lebte in einem kleinen Dorf im fränkischen Jura. Jedes Bild, alles Gehörte und Erlebte ging direkt in mich hinein. Ich musste nur aus der Erinnerung schöpfen. Und dann blätterte ich in den alten Fotoalben meiner Eltern und jedes Bild weckte eine Vielzahl an neuen Szenen.

Aerni: «Als sie aus dem Zug stieg, wehte es ihr frisch um die Haare und ins Gesicht; ein ganz zarter Duft darin wie von frisch gepflügter Erde. Ein Frühlingsversprechen». Diese Passage zeugt von Ihrer Affinität zu Landschaft und Natur. Hilft die Sprache für die Tiefe des eigenen Geniessens?

Arenz: Die Sprache ist das A und O. Wenn ich erzähle, möchte ich, dass meine Sprache ist wie ein eleganter Rolls Royce. Man hört ihn kaum, aber er bringt einen mit grosser Sicherheit an den Ort des Erzählten. Meine Sprache muss Bilder transportieren, die im Kopf der Leserin erblühen. Sie ist essenziell.

Aerni: Der Roman thematisiert auch die Ambivalenz zwischen den Sehnsüchten, einerseits nach Urbanität und Karriere in der Modewelt, andererseits nach dem Dorfleben mit der Landwirtschaft und Natur drum herum. Wohin zieht es Sie momentan eher?

Arenz: Ich habe das grosse Privileg, in beiden Welten leben zu können. Lebte ich nur in einer, dann würde es mich unweigerlich immer auch in die andere ziehen.

Aerni: Sie studierten unter anderem englische und amerikanische Literatur und es dünkt, dass die amerikanische Erzählkultur mit ihren Weiten und Familienchroniken Ihr eigenes Schreiben prägt. Oder?

Arenz: Sowohl die amerikanische wie auch die englische Literatur haben mein Schreiben geprägt. Dos Passos genauso wie Steinbeck oder Phlip K. Dick, die Brontës nicht weniger als Jane Austen. Aber alles in allem sind es doch auch und immer wieder die deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller – darunter nicht zuletzt Max Frisch und Dürrenmatt. Ist es nicht grossartig, dass Literatur so nationenübergreifend wirkt?

Aerni: Sehr. Davon könnte die politische Welt wohl noch lernen. Von schreibenden Zunft wird oft erwartet, dass sie sich gesellschaftlich ja sogar politisch mehr engagieren müssten, da sie ja mit der Sprache und Inhalten arbeitet im Gegensatz zur Musik oder Malerei. Sie tun dies unter anderem auch durch Stellungnahme zu Vernunft und Ängsten vor dem Fremden. Aber was meinen Sie zu dieser Erwartungshaltung?

Arenz: Ich bin politisch in der kleinsten Zelle der Gesellschaft, in ihrem Kern, der Familie und dem engsten Umfeld. Dort beginnt alles: Toleranz und Vergebung und das Gespräch miteinander. Von dort aus wirken wir weiter. Wenn wir uns in der Familie nicht zuhören und uns verzeihen können, wie dann im Grossen? Ich bin auch parteipolitisch engagiert, aber ich glaube, dass ich mit Literatur mehr bewirken kann.

Aerni: Wenn ein Roman veröffentlicht ist, kommen die Interviews und die Lesungen. Wie bereiten Sie sich auf die lebendige Phase des Schriftstellerlebens vor, da doch das Schreiben eine ruhige und zurückgezogene Angelegenheit ist?

Arenz: Ach, das sind doch die schönen und lebendigen Stunden. Schreiben ist manchmal eine verteufelt einsame Angelegenheit mit tausend Selbstzweifeln und manchmal sehr dunklen Stunden. Da bin ich froh über Lesungen und den echten Kontakt zum Publikum.

Aerni: Dürften wir erfahren, wie Ihr Lieblingsschreibort aussieht?

Arenz: Immer wieder: Mein Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Es gibt einen Blick auf den verwilderten Garten und den Blick auf eines meiner Lieblingsbilder – ein Gemälde meiner künstlerisch so begabten Grossmutter.

Aerni: Erlauben Sie mir noch zum Schluss folgende Frage: an welchem Ort als Kulisse würden Sie mal gerne einen Roman platzieren?

Arenz: Jedenfalls nicht in Berlin. Aber ganz ehrlich: Der Mars würde mich mal reizen…

(Zuerst erschienen im Magazin «Lesen» von Orell Füssli Schweiz.)

Ewald Arenz wurde 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Mit «Alte Sorten» (DuMont 2019) stand er auf der Liste »Lieblingsbuch der Unabhängigen« 2019 und «Der große Sommer» (2021) erhielt 2021 ebenjene Auszeichnung. Zuletzt erschien «Die Liebe an miesen Tagen» (2023). 

Webseite des Autors

Beitragsbild © Ilka Birkefeld

Caroline Wahl «Windstärke 17», DuMont

Stürme toben nicht nur auf See und Land. In „Windstärke 17“ erzählt Caroline Wahl von einem nicht enden wollenden Sturm in einer jungen Frau. Einem Sturm, den sie überall hin mit sich trägt, dem nicht zu entfliehen ist. Ein eindringlicher Roman über das Gewicht einer vermeintlichen Schuld und vergeblichen Fluchtversuchen, am wenigsten vor der Familie.

Man muss Caroline Wahls Debüt „22 Bahnen“ nicht gelesen haben, um „Windstärke 27“ geniessen zu können, auch wenn das Personal das gleiche ist. War die Protagonistin in „22 Bahnen“ Tilda, die ältere der beiden Schwestern, so ist es in „Windstärke 17“ Ida. Ida haut ab, hat ihre Sachen gepackt, zumindest das, was sie in den marineblauen Hartschalenkoffer ihrer Mutter packen kann. Wichtigstes Gepäckstück im Koffer ist Ida MacBook, denn Ida möchte schreiben, auch wenn es damit nur noch zäh voranging. So wie alles in einer zähflüssigen Suppe zu versinken drohte und Ida sich nur noch mit Flucht zu helfen weiss.

Seit ein paar Tagen ist Tildas und Idas Mutter tot. Ida war nicht einmal mehr fähig, zur Beisetzung ihrer Mutter zu erscheinen, obwohl sie bis zum bitteren Ende ihrer alkoholkranken Mutter an ihrer Seite war, wenn auch im allerletzten Moment doch nicht. Ihre Mutter hatte alles aufgeräumt und sich zum Sterben hingelegt, als sie alleine war. Auch dies eine Flucht. Und weil Ida spürt, dass ihr die Stadt, die sie mit ihrer Mutter teilte, wie ein schwerer Stein am Hals zieht, muss sie weg. Eigentlich war ausgemacht, dass sie zu ihrer verheirateten Schwester Tilda nach Hamburg fährt. Aber weil da ein anderer Zug stand und Ida nichts zu ihrer Schwester zog, stieg sie ein und fuhr über Hamburg hinaus bis auf Rügen, wo sie in einem kleinen Kaff am Meer eine Stelle in der Robbe findet, einer schummrigen Kneipe. Der Laden gehört Knut, der eigentlich nie spontan Fremde einstellt. Aber da ist etwas zwischen Ida und Knut, etwas, dass aus Knut bald Opa Knut macht.

Caroline Wahl «Windstärke 17», DuMont, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-8321-6841-4

Nach einem Schwächeanfall von Ida lädt Knut die junge Frau zu sich nach Hause ein, in ein Zimmer, das mit ‚Mandy‘ angeschrieben ist. Bald stellt sich heraus, dass auch im Haus von Knut ein Sturm wütet, wenn auch ein ganz anderer. Knuts Frau Marianne ist totkrank, voller Methastasen, vorbereitet darauf, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird. Unweigerlich gerät Ida in ein Gefüge, das sie erneut vor die Frage stellt, ob sie bleiben kann oder fliehen muss. Sie lernt Leif kennen, der sich bis vor ein paar Wochen noch als DJ sein Geld verdiente, der sich wie Ida auf der Insel neu zu finden versucht. Idas Stürme reissen an ihr; ihre Mutter, die sich nicht erst mit ihrem Sterben von ihr entfernt, ihre Schwester, die Ida permanent mit schlechtem Gewissen füttert, Knut und Marianne, die sich in ihrer Endlichkeit zurechtfinden müssen und diese Gefühle, die sie für Leif empfindet, die nur zuzudecken scheinen.

Caroline Wahl beschreibt diesen Sturm, der alles durcheinanderwirbelt, den Kloss aus Wut und Zorn und den nagenden Schmerz, jenen entscheidenden Moment im Leben versäumt zu haben, jene Momente mit der Mutter, jene Momente mit ihrem Traum vom Schreiben, dem drohenden Moment mit Marianne, die ihr etwas schenkt, was sie von ihrer Mutter nie bekommen hatte.

Manchmal schwimmt Ida weit hinaus. Manchmal gar über eine Grenze hinaus. Wo sind die Momente, von denen es kein Zurück mehr gibt? Wie schafft man es, den immer wieder aufflammenden Sturm in seinem Innern unter Kontrolle zu bringen? Schafft man das alleine? Wie befreit man sich vom äzenden Schmerz vermeindlicher Schuld? Caroline Wahls Roman ist die intensive Auseinandersetzung mit der gebeutelten Innenwelt einer jungen Frau. Dabei inszeniert die junge Autorin stilsicher und gekonnt und überzeugt nicht zuletzt durch treffende Dialoge und einen erstaunlich ruhigen Fluss des Erzählens.

Nachdem «22 Bahnen» im Rahmen der Frankfurter Buchmesse bereits zum «Lieblingsbuch der Unabhängigen 2023» gekürt wurde, ist Caroline Wahls Debütroman nun auch «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels 2024».

Caroline Wahl wurde 1995 in Mainz geboren und wuchs in der Nähe von Heidelberg auf. Sie hat Germanistik in Tübingen und Deutsche Literatur in Berlin studiert. Danach arbeitete sie in mehreren Verlagen. 2023 erschien ihr Debütroman «22 Bahnen» bei DuMont, für den sie mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Grimmelshausen-Förderpreis und dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde. Ausserdem wurde «22 Bahnen» Lieblingsbuch der Unabhängigen 2023. Caroline Wahl lebt in Rostock.

Beitragsbild © Frederike Wetzels

Berni Mayer «Das vorläufige Ende der Zeit», DuMont

Frankfurt an der Oder liegt an der Grenze zu Polen. Horatio Beeltz hatte vorgehabt, von Berlin bis ans Kaspische Meer zu wandern. Aber hängen geblieben ist er auf einem Friedhof direkt an der Grenze zu Polen. Jenes Frankfurt oder besser der Friedhof in Słubice wird zu einem rätselhaften Tor in eine fremde Dimension. „Das vorläufige Ende der Zeit“ ist das gewagte literarische Aufbrechen eines Gravitationsfeldes.

Horatio Beeltz, Verleger und Mitglied einer geheimwissenschaftlichen Gruppe, einer kosmologischen Vereinigung, in die Jahre gekommen und ruhelos. In seinen Studien um das Wesen der Zeit, weiss Horatio Beeltz, dass Zeit kein fliessendes Kontinuum ist von Vergangenheiten, Gegenwart in die Zukunft. Und als er unweit von Frankfurt an der Oder an einem alten, vergessenen Friedhof vorbeikommt, in dem ein Grossteil mit jüdischen Grabsteinen verwildert und verwachsen vor sich hinkrautet, steigt er hinein, weil er einem Geruch folgt, ein bisschen nach Zitrone und ein wenig nach kandierten Walnüssen, ein Geruch, der ihn ahnen lässt. Zwischen schrägen Steinen findet Beeltz einen Riss, einen Riss in der Zeit, ein Ort, an dem die Zeit verletzt worden ist.

Der jüdische Friedhof in Słubice war bis zum zweiten Weltkrieg einer der grössten. Nach dem Massaker wurde er weitgehend vergessen, verwilderte mehr und mehr und wurde gar als Bauplatz für ein Hotel und späteres Bordell genutzt. Aber mittlerweile interessiert sich nicht nur die jüdische Gemeinschaft wieder für den Friedhof, sondern auch die Wissenschaft. So wird die noch junge Archäologin Mi-Ra nach Słubice geschickt, um diesen zu erforschen und begegnet dort nicht nur dem verschrobenen Horation Beeltz, sondern auch dem Friedhofswärter Artur, der sich als ehemaliger Leistungsschwimmer mehr auf diesem Friedhof versteckt, als dass diese Arbeit sein Ziel gewesen wäre. Mi-Ra und Artur sind Versehrte. Mi-Ra Kim, mit koreanischer Migrationsgeschichte, ist aus einer Familie, die ohne ihr Kind flüchtete, aus einer Ehe, die mehr und mehr in Schieflage geraten war und einer Kindheit, die alles zu verlieren drohte – und Artur Arkadiusz in seiner Trauer um seine kleine Tochter, die eine tödliche Krankheit dahingerafft hatte, von seinen Schuldgefühlen, etwas versäumt, nicht getan zu haben.

Berni Mayer «Das vorläufige Ende der Zeit», DuMont, 2023, 256 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-8321-8184-0

So treffen sich drei Verlorene in einem verwaldeten Friedhof und Horatio Beeltz verspricht den beiden, mittels psychodelischer Substanzen eine gewisse Zeit den Zwängen der Zeit ein Schnippchen schlagen zu können, eine Chance zu erhalten, in der Vergangenheit etwas anzustossen, mit dem zurück in der Gegenwart in der Zukunft etwas anders werden könnte. Doch man kann nur eine begrenzte Zeit unter Wasser bleiben, bis einem die Luft ausgeht. Bis man wieder nach oben in den lauten Teil der Existenz gezogen wird. Mi-Ra und Artur lassen sich überreden und landen tatsächlich in einer Art Trancezustand in Vergangenheiten, die sich wie reales Leben anfühlen. Sie machen mit, weil sie beide nichts zu verlieren haben, weil sie beide jenen Teil ihres Lebens verloren haben, für den sie lange Zeit alles gegeben hätten. Beiden sitzt ein Trauma im Nacken.

Zeitreisen à la Hollywood interessieren Berni Mayer nicht. Aber der Autor weiss, dass das, was wir als naturgegebene Einbettung erfahren, menschliche Wahrnehmung ist. Eine, die trainiert und als solche längst zur unumstösslichen Wahrheit geworden ist. Obwohl wir seit Einstein und anderen WissenschaflerInnen wissen, dass Zeit kein gleichmässig fliessender Strom ist, dass wir mittels Erinnerungen und Trancezuständen sehr wohl in der Lage sind, die Gesetzmässigkeiten der Zeit auszuhebeln, trauen sich nur wenige an ein Gedanken- und Handlungsexperiment wie Berni Mayer. Es entwickelt sich zwischen den dreien ein angespanntes Hinundher zwischen Hoffnung und Ernüchterung, zwischen Angst und Erwartung.

„Das vorläufige Ende der Zeit“ geht als Roman weit über die Frage hinaus, was man hätte anders entscheiden können. Im Roman wird gezeigt, was Schuld anrichten, wie sehr Schuld sich zu einem Berg auftürmen kann, der sich mit grösster Willenskraft nicht entfernen lässt. Einzig vielleicht durch ein Anschupsen in der Zeitachse. „Das vorläufige Ende der Zeit“ ist mutig!

Interview

In Filmen sind Zeitreisen kein seltenes Motiv, auch in Kinder- und Jugendromanen. Aber in der Belletristik, für ein „anspruchsvolleres“ Publikum, scheint man sich vor dieser Thematik förmlich zu hüten, obwohl sich die Wissenschaft schon genüsslich mit unseren allzu fixen Vorstellungen auseinandersetzte. Warum diese Zurückhaltung?
Ich vermute, Verlage, Vertriebe, Buchhandlungen und vor allem das Publikum denkt in literarischen Kategorien und möchte bitte nicht verwirrt werden. Es möchte seine Autofiktion oder seine Fantasy. Bitte nicht beides vermischen. Ich erinnere mich, dass mein alter Lektor (whom I truly love) mir aus „Rosalie“ mal eine längere Passage mit der Anmerkung gestrichen hat, die Leser würden von magischem Realismus an dieser Stelle aus dem Gleis geworfen. Das hab ich mir gemerkt und mich jetzt gerächt. Nein, Spass. Ich wollte beweisen, dass das eben schon zusammengeht. In TV-Serien (v.a. englischsprachigen) finden sich ja auch ständig wilde Genremixes und doch haben die Charaktere Tiefe und Geschichte und berühren einen ganz arg. Und dann kommt trotzdem ein UFO. So ist halt Geschichtenerzählen, so ist Literatur: es ist ein Erfinden und gleichzeitiges Verankern in der Realität. Das ist ja auch die Kunst und die möchte ich neben so vielen anderen Spielarten des Schreibens gut beherrschen.


Ihre drei ProtagonistInnen sind Versehrte. Alle tragen Verletzungen und Vernarbungen mit sich herum, wir auch. Literatur ohne dieses Forschen nach Wunden und ihren Ursachen ist undenkbar. Etwas Urmenschliches. Und trotzdem ist da die Vorstellung, in der Zeit zu beeinflussen, der Wunsch, etwas ungeschehen machen zu können. Die Flucht in Drogen und Süchte könnte bestimmt auch als eine Form der Erleichterung gesehen werden. Stehen wir seit den Errungenschaften der Psychologie unter dem Zwang einer permanten Selbstauseinandersetzung?
Auf keinen Fall. Vieles ist nur Verschlagwortung und Lifestyle und erreicht nur eine gewisse intellektuelle Bubble. Wenn wir unter einem Zwang der permanenten Selbstauseinandersetzung stünden, sähe die Welt nicht so aus, wie sie aussieht. Ich finde, die Leute könnnen sich ruhig noch viel mehr mit sich auseinandersetzen … mit einem gewaltigen Addendum: Am Ende der Auseinandersetzung und Optimierung, am Ende der Selbstheilung, oder am besten schon im Prozess, muss die Empathie stehen und im Idealfall der Altruismus. Sonst haste am Ende einen reflektierten Rassisten oder einen noch viel konsequenteren Demagogen … und da hat ja auch keiner was davon. Ich persönlich gebe mir alle Mühe, bei aller Rotation um mich und meine Psyche, nicht aus den Augen zu verlieren, wie es den anderen geht. Ob das gelingt, müssen natürlich die beurteilen. Ich bin aber immer wieder verwundert, wie selbst Leute vom Selbstauseinandersetzungsfach – Buddhist:innen, Psycholog:innen, Coach:innen, Priester:innen etc – spektakulär daran scheitern, eine kritische Distanz zu sich zu finden. Insofern gerne noch mehr Selbstauseinandersetzung.

Friedhöfe sind Grenzorte. Es gäbe keinen besseren Platz für einen Riss, einen Riss in der Zeit. Es gibt an vielen Orten ganz besondere Friedhöfe. Ich erinnere mich an einen in der Bretagne mit Sicht aufs Meer. Und trotzdem sind viele westeuropäische Friedhöfe weit weg von einem Nekropolis, viel mehr Orte überbordender Reglemente. Entfernen wir uns vom Tod, dem Sterben genauso wie von den Vorstellungen durchbrochener Zeit?
Nein, ich denke nicht. Ästhetisch integrieren wir das immer mehr, es gibt zig Bücher über Trauer und Tod, alternative Beerdigungsfirmen schiessen aus dem Boden (pun intended) und auch die Populär-Psychologie greift aktiver in diese Diskussion mit ein. Ich vermute aber, dass auch das letztlich ein Versuch ist, sich den Tod vom Leib zu halten, indem man ihn stilisiert. Das macht die Menschheit via Glaube, Literatur und Kunst ja eh seit Jahrtausenden. Wenn er dann aber passiert, bleibt er welterschütternd. Insgesamt würde ich aber mutmassen, wir integrieren den Tod gerade ein bisschen mehr in unseren Alltag, in unserer Ästhetik und das ist ja nichts Schlechtes. Wie es andere Länder aber auch schon viel länger viel besser machen. Siehe z.B. den mexikanischen Feiertag Día de los Muertos. Doch selbst in Mexiko tut’s genauso weh, wenn ein geliebter Mensch stirbt, nehme ich an. Über die deutsche Friedhofskultur an sich kann ich wenig sagen, ich vermute jedoch, da hat sich wenig geändert in den letzten Jahren. Meine Tochter ist vor ein paar Jahren gestorben, seitdem verbringe ich viel Zeit auf einem wunderschönen alten Friedhof in Berlin Mitte. Für mich ist das ein Rastplatz, ein Garten und ein Erinnerungsort, ich bin da sehr gerne und fühle mich wohl in Gesellschaft der vielen toten Menschen. Dieser Friedhof hat aber auch was Wildes und Altes. Wenn ich dagegen an das Grab meiner Grosseltern auf dem katholischen Friedhof meines Heimatorts denke, überkommt mich ein eher klaustrophobisches Gefühl. Läge ich dort begraben, käme ich mir vor wie in einer Kleingartenkolonie. Und ich habe grosse Angst vor Kleingartenkolonien.

An der Figur Horatio Beeltz ist alles antiquiert, nicht nur der Name. Er ist eine Figur, die aus der Zeit gefallen ist, eine Figur, der wir mit Befremden begegnen würden, würde sie sich im Zug neben uns setzen. Ihnen gegenüber sind Mi-Ra und Artur ganz in der Gegenwart verankert, Archätypen der Neuzeit. Lieben Sie Gegensätze?
Klar lieb ich die Gegensätze. Welche(r) Autor:in tut das nicht? Mit Horatio Beeltz wollte ich den ultimativen alten weissen Mann besetzen, aber weil mir das als Kategorie natürlich viel zu flach ist, hab ich aus ihm eine Art unsterblichen Vincent Price gemacht, mit einem obsessiven Hang zu Romantik, Rhetorik und dem Besiegen der Zeit. Verliebt bin ich natürlich trotzdem unsterblich in Mi-Ra.

Die Einsichten der Quantenphysik sind auch ein esotherisches Tummelfeld. Unglaublich, wer und was sich alles darauf bezieht. Ich bin neugierig, ob Ihnen bei einer Lesung dereinst einmal eine Besucherin oder ein Besucher erklären wird, dass man bei diesem Thema doch noch viel mehr hätte lernen und folgern müssen. Wie weit erfahren Sie Quantenphysik als Büchse der Pandora?
Wäre mein Buch ein heftiger Bestseller, bekäme ich vermutlich öfter eins auf den Deckel von Quantenphsyik-Fanclubs und Wissenschaftler:innen, die meinen eklektischen und anarchischen Umgang damit kritisieren. Aber sorglos war ich mit dem Thema nicht, ich habe mir eine Menge angelesen und Ansätze weitergedacht. Bin sogar selbst mit Fragen zu Raum und Zeit auf einen intensiven Pilztrip gegangen und schlauer wieder herausgekommen. Wobei das natürlich viele Leute denken, die auf Pilztrips waren. Am Ende gilt für alle meine Unternehmungen aber auch so ein bisschen: ich hab in dem Buch das gemacht, worauf ich Lust hatte. Wie gesagt, meine kleine Tochter ist vor ein paar Jahren gestorben, ich dachte einfach: I don’t give a fuck, was jemand von mir erwartet oder über Zeitreisen denkt … ich schreib jetzt genau das Buch, das ich schreiben will, das ich auch selbst gerne lesen würde. Fuck you, Erwartungshaltung und Erfolgsdruck. Und jetzt ist es eh zu spät, das zu bereuen. 

Berni Mayer, geboren 1974 Mallersdorf, Bayern, war Chefredakteur bei MTV und VIVA online. 2012 – 2014 erschien bei Heyne die «Mandel-Trilogie» über die musikjournalistischen Privatdetektive Sigi Singer und Max Mandel, 2016 «Rosalie» beim Dumont, ein düster-romantischer Coming-of-Age-Roman in den 1980ern und 2019 dann mit «Ein gemachter Mann», ein Campusroman über einen wehleidigen jungen Mann und die weniger wehleidigen Frauen in seinem Leben. Mayer arbeitet als freiberuflicher Autor, Journalist, Moderator, Übersetzer & Podcast-Produzent in Berlin.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Birte Filmer

Delphine de Vigan «Die Kinder sind Könige», DuMont

Als Mélanie jung war, wäre sie am liebsten ein Star in einem der blühenden Big Brother Formate geworden. Aber man wollte sie nicht. Jahre später, zusammen mit ihren Kindern, wird sie begehrte Youtuberin mit Hunderttausenden Followern, beginnt mit einem sphärenhaften Flug ins scheinbare Glück. Bis zur Katastrophe. „Die Kinder sind Könige“ von Delphine de Vigan sticht mitten hinein.

Zugegeben, ein erstes Mal legte ich das Buch nach den ersten 30 Seiten weg. Ich hatte keine Lust, mich mit der Welt von YoutuberInnen und FollowerInnen zu beschäftigen, all dem hohlen Nachrennen um Sichtbarkeit, Anerkennung und medialer Präsenz. Vielleicht hatte ich keine Lust, weil mich das Thema als Schreiberling für meine Internetseite und Nutzer von digitalen Plattformen selber betrifft, weil es Zeiten gab, in denen ich sehr wohl mit Neugierde meine Klicks in den Statistiken meiner Webseiten „überprüfte“. Dann nahm ich das Buch doch noch einmal zur Hand, nicht zuletzt darum, weil ich Delphine de Vigan bisher stets schätzte für die Art, wie sie Themen der Zeit mit dem Personal ihrer Romane verknüpft, weil ihre Auseinandersetzung nie platt ist und sie mich stets zwingt, mich mit meiner eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen. 

Eine junge Frau, gekränkt in ihrem Selbstwertgefühl, mit der Angst drohender Bedeutungslosigkeit, beginnt, ermuntert durch ihren Mann, der spürt, dass seiner Frau etwas fehlt, auf den Tummelplätzen von Social Media zu spielen. Erst ganz zaghaft. Aber sie merkt, wie gut ihr all die Zeichen auf dem Bildschirm tun, immer mehr und irgendwann auch mit ihren beiden Kindern. Mit Kimmy und Sammy. Was als Spass und Beschäftigung beginnt, wird mit der Zeit zu einem Geschäft, das jeden Tag bestimmt, sieben Tage in der Woche. Was sie zu Beginn nur aus der Sehnsucht nach Resonanz tat, wird durch Verträge mit der Freizeitindustrie zum lukrativen Unternehmen. So sehr, dass Bruno, Melanies Mann, seinen Posten im IT-Bereich aufgibt und sich nur noch im Hintergrund seines medial inszenierten Familienglücks engagiert. Melanie ist glücklich. Sie und ihre beiden Kinder repräsentieren das Glück. Das Leben ist ein grosses Spiel und ihre Familie die Gewinner.

Bis alles in sich zusammenbricht. Bis Sam zu seiner Mutter kommt und erklärt, Kim, seine kleine Schwester, sei verschwunden, beim Versteckspiel im Quartier nicht mehr aufgetaucht. Melanie, von sich selbst überzeugt, die Fürsorglichkeit in Person zu sein, macht sich auf die Suche nach ihrer kleinen Tochter, irgendwann die ganze Nachbarschaft, dann die Polizei. Aber das Mädchen finden sie nicht. Es bleibt verschwunden, spurlos.

Delphine de Vigan «Die Kinder sind Könige», DuMont, aus dem Französischen von Doris Heinemann, 2022, 320 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-8321-8188-8

Zum Polizeiteam, das sich auf die Suche nach der kleinen Jimmy macht, gehört Clara. Eine stille, introvertierte Frau, die früh und schnell nacheinander ihre Eltern verloren hatte und sich nur mehr schwer in die Anhängigkeiten einer Beziehung traut. Claras Fähigkeiten, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden, ihre Empathie für die kleinen, unscheinbaren menschlichen Regungen, ihre Verbissenheit sich durch nichts abschütteln zu lassen, machen Clara zu einem eigentlichen Gegenpart zur haltlosen Verzweiflung der jungen Mutter Melanie. So sehr die eine den Boden unter den Füssen verliert, den klaren Blick und jede Fähigkeit, das eigene Verhalten zu reflektieren, so sehr krallt sich Clara in den Fall des verschwundenen Mädchens. Bis es völlig überraschend auftaucht und klar wird, dass es nicht um Mord oder Erpressung geht, sondern eigentlich um einen blinden Rettungsversuch.

Klar erzählt Delphine de Vigan spannungsreich und clever vom Ausbeuten von Kindern im Netz, von einem Kriminalfall, der eine ganze Nation in Atem hält. Noch viel mehr erzählt die Autorin von Liebe, von instrumentalisierter Liebe, fehlender Liebe, der Sehnsucht nach Liebe. So blind die Sucht nach Publicity die Mutterliebe pervertieren kann, so blind macht Clara die Angst, verletzt zu werden. Delphine de Vigan seziert das Zuviel und Zuwenig, wie sehr die Angst der Liebe die Luft abschnüren kann.

Im letzten Teil des Romans, in nicht zu ferner Zukunft, die beiden Kinder sind erwachsen geworden, radikal von der Mutter emanzipiert, schnappt Melanie, die noch immer ihr ganzes Leben im Netz produziert und verkauft, die Meldung auf, dass ihre Tochter Jimmy sie vor Gericht verklagt.

Das Netz ist voller Bilder von Kindern. Wir wissen um die Untiefen des World Wide Web, tummeln uns aber in naiver Bedenkenlosigkeit in eben diesen Untiefen. Menschlicher Voyeurismus scheint keine Grenzen zu kennen. Ein Paradox in einer Zeit, in der alles nach Privatsphäre schreit, der Begriff der Menschenwürde inflationär verwendet wird. Delphine de Vigans Roman ist ein subtiler Griff in die eiternde Wunde einer Gesellschaft!

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman «No & ich» (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman «Nach einer wahren Geschichte» (2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Zuletzt erschien bei DuMont ihr Roman «Dankbarkeiten» (2019). Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Doris Heinemann, geboren 1957, studierte Romanistik und Germanistik in Köln und Montpellier, arbeitete als Sprachlehrerin, als Übersetzerin im Generalsekretariat des EG-Ministerrats und übersetzt seit 1997 Literatur, u. a. von Christian Gailly, Gabriel Chevallier, Theresa Révay, Yann Queffélec, Jean-Claude Derey und Olivier Rolin.

Beitragsbild © Francesca Mantovani Editions Gallimard

„Blutbuch“ von Kim de l‘Horizon gewinnt den Schweizer Buchpreis 2022 #SchweizerBuchpreis 22/11

Laudatio zu Kim de l’Horizon «Blutbuch» (DuMont Buchverlag) von Sieglinde Geisel, Jurymitglied

Kim de l’Horizons Debüt «Blutbuch» ist ein Chamäleon von einem Roman. Es ist die Coming of Age-Geschichte eines Menschen, der sich geschlechtlich nicht definieren will und zugleich eine Sozialstudie über die Gesellschaft, die das nicht akzeptiert. Es ist ein Buch über die Kindheit und eine Suche nach den Vorfahrinnen. Es ist ein Buch, das sämtliche Diskurse der Political Correctness verarbeitet, von der Diversität der Geschlechter über den Rassismus bis zu Klassenunterschieden – und das doch kein non-binärer Thesenroman ist.

«Blutbuch» feiert die Sprache als ein Medium des Erfindens und Ausprobierens, er bedient sich aller Register des Sprechens. So wird im Berner Dialekt aus der «Mutter» eine «Meer» und aus der «Grossmutter» eine «Grossmeer», und auf einmal ahnen wir ein Meer, in dem wir untergehen könnten.

In jedem der fünf Kapitel spricht eine andere Stimme. Wir lesen konzentrierte Kindheitsprosa («Grossmeers Hände … packen meine Kinderarme (…) und streicheln sie unbarmherzig») und poetisch aufgeladene Einsichten («Die Kindheit fühlt sich an wie ein toter Hase an einem Feldwegrand, der langsam von Ameisen, Fliegen, Bakterien und Pilzen zersetzt wird.»). Wir lesen sozialkritische Analysen (über «den Rassismus, den mensch uns mit dem Schnuller eingetrichtert hat und der nicht einfach aufhört zu wirken, auch wenn wir uns gegen ihn entscheiden»), und dann wieder werden wir von rhapsodisch verwilderten Sexszenen an die Grenze des Zumutbaren katapultiert. Wir lesen Stammbaum-Einträge der Vorfahrinnen, die die «Meer» in ihre Schreibmaschine getippt hat, Frauenporträts, die den viele Jahrhunderte umfassenden Echoraum der Unterdrückung öffnen. Auch die «Meer» selbst hat ihr Studium dem Kind geopfert, das nun dieses Buch schreibt und ihr eine dialektgefärbte, bisweilen um Formulierungen ringende Stimme verleiht. Das letzte Kapitel schliesslich ist auf Englisch geschrieben: Die in die Dem‹enz versinkende Grossmeer soll diese Briefe nicht lesen können, denn was der Ich-Erzähler ausdrücken möchte, kann er ihr nicht sagen. «I am still scared of you, Grandma, scared of what you will do when you read all of this.»
Ein sprachlich überbordender Roman über die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen – auch so könnte man dieses vielgestaltige Buch benennen. Zusammenfassen kann man es nicht, es strebt in alle Richtungen. «This naughty text, der einfach nicht straight sein will, der sich einfach ständig unter meinen schlecht lackierten Nägeln wegdreht wegquengelt wegqueert.» Der Ich-Erzähler reflektiert sich ständig selbst: «Vielleicht ist es das, was ‹Autofiktion› bedeutet: mit eigenem Tempo, eigenem Fokus und eigenem Modus durch die Wirklichkeit zu fahren.» In der Tat begegnen wir hier einer Sprache, die beschleunigt, abbremst, ausbricht, nach innen horcht, ausschert, dann wieder überraschend die Spur hält – zwischen all diesen Stühlen, auf die der Autor sich nicht setzen will.

Mit diesem Debüt hat Kim de l’Horizon der literarischen Sprache der Schweiz einen neuen Kosmos eröffnet. Ich gratuliere Kim de l’Horizon im Namen der Jury zur Nominierung für den Schweizer Buchpreis.

Illustration © Charlotte Walder

Kim de l’Horizon «Blutbuch», DuMont #SchweizerBuchpreis 22/7

„Blutbuch“ ist ein Buch über das Woher und Wohin. Die Stimme im Buch sucht nach ihrer Herkunft, schreibt Briefe an die Grossmutter, weil sie weiss, dass alle alle Generationen mit sich tragen, aus denen die eigene Existenz gewachsen ist. „Blutbuch“ ist die Suche nach den Säften, die das Leben ausmachen.

Die Erzählstimme definiert sich weder männlich noch weiblich, was sich non-binär nennt. Sie forscht in einer Zeit, in der Vergangenheit, als es ausschliesslich das Weibliche und Männliche gab und sich alles dieser Zweiteilung zu unterwerfen hatte, mit allen Konsequenzen. Wenn die Erzählstimme in den Schichten des eigenen Daseins wühlt, wenn sie schwärmt, leidet, schreit, erklärt und forscht, vermeidet sie jede Zuordnung, schreibt „jemensch“ statt jemand, was zu Beginn gewöhnungsbedürftig ist, den Lesefluss aber kaum hemmt und für Kim de l’Horizon eine der unausweichlichen Konsequenzen einer nicht nur für das Schreiben getroffenen Entscheidung ist.

«Solange ich schreibe, spreche ich zwar nicht, aber ich schweige auch nicht.»

„Blutbuch“ ist die Zwiesprache mit der Grossmutter, mit seiner Grossmeer, einer alt gewordenen Frau, die zu verstummen droht, die in ihrer Demenz ihre Geschichte Stück für Stück verliert, die er nicht mehr fragen kann, deren Antworten versiegen. Mit einer Frau, die untrennbar mit der eigenen Geschichte verbunden ist, die in ihr grosses Vergessen Stücke seiner eigenen Geschichte mit in diese eine nicht zu korrigierende Leere reisst.

„Blutbuch“ ist die Suche nach der eigenen Herkunft, ein erschriebener Stammbaum. Kim de l’Horizon kostet in diesem Buch vom Blut seiner Familie, schmeckt das Verborgene, Vergessene, Verschwiegene. Jene Blutbuche im Hof ist Sinnbild für das Buch, das jede Familie schreibt, die Geschichten, von denen man sich emanzipieren kann oder die einem auf ewig im Griff behalten, nicht loslassen, ketten.

Kim de l’Horizon «Blutbuch», DuMont, 2022, 336 Seiten, CHF 32.00, ISBN 978-3-8321-8208-3

Die Grossmutter des Erzählenden, die Grossmeer, ist Kim näher als die Mutter, seine – ihre Meer, von der Kim sich sein ganzes Leben lang seltsam distanziert fühlt, mit der Kim nicht redet, schon gar nicht über das Anderssein, dieses „Es“, das immer aussen vor bleibt. „Blutbuch“ ist die Liebeserklärung an eine Grossmutter, das Nachspüren an eine Nähe, die der Erzähler zur Mutter nie hatte. „Blutbuch“ ist sanfte Berührung, leises Streicheln, aber auch verzweifeltes Schreien, grelle Demonstration.
„Blutbuch“ ist die Erkundung eines Körpers, einer Selbstverständlichkeit für viele, einer schmerzhaften Konfrontation für Kim. Kim spürt sich dann, wenn der Schmerz am grössten ist. In „Blutbuch“ steckt der Kampf ebenso wie der Versuch einer permanenten Versöhnung. Warum bin ich so, wie ich bin? „Blutbuch“ ist der Literatur gewordene Versuch, die Dinge beim Namen zu nennen, dem eigenen Sein eine Gestalt zu geben, Kraft dort zu finden, wo andere sich der Verzweiflung ergeben. Kim de L’Horzon gibt dem Suchen eine Sprache.

«Ich wollte dir meine konstante Angst vor meinem Körper erzählen: Mit dem schrecklichen Monster unterm Bett unter einer Decke zu stecken. Nur ist das keine Decke, sondern meine Haut.»

Ich las „Blutbuch“ mit angehaltenem Atem. Der Roman ist keine Nachttischchenlektüre, denn die Gefahr, dass einem Bilder bis in Träume begleiten, ist gross. Kim de l’Horizons Debüt ist ein vielstimmiges Konvolut, sich aus den Zwängen einer Gesellschaft zu befreien, die alles und jedes in Schubladen pressen muss, die all dem keinen Platz lässt, was Normen widerspricht. „Blutbuch“ liest sich wie ein Drehbuch zu einem langen Akt der Befreiung. Erstaunlich, wie viel Reife in diesem Buch liegt, wie viel Sprachkunst, wie viel Mut und Kompromisslosigkeit.

Weniger erstaunlich, dass sowohl der Deutsche wie der Schweizer Buchpreis das Buch in die Shortlist, in die Endausscheidung aufgenommen haben, weil das Buch all das zur Sprache bringt, was in der aufgeladenen Atmosphäre unserer Gesellschaft wabert. Aber „Blutbuch“ ist keine Unterhaltung. Dieses Buch will Auseinandersetzung. Wer sich als Lesende dieser Auseinandersetzung stellt, wird belohnt. „Blutbuch“ ist eine Wucht.

Kim de l’Horizon gewann mit seinem Roman «Blutbuch» den Deutschen Buchpreis 2022. Hier die Kurzfassung der Jurybegründung:
«Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman „Blutbuch“ nach einer eigenen Sprache. Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht? Fixpunkt des Erzählens ist die eigene Grossmutter, die „Grossmeer“ im Berndeutschen, in deren Ozean das Kind Kim zu ertrinken drohte und aus dem es sich jetzt schreibend freischwimmt.
Die Romanform ist dabei in steter Bewegung. Jeder Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern liess.»

Kim de l’Horizon, geboren 2666 auf Gethen. In der Spielzeit 21/22 war Kim Hausautorj an den Bühnen Bern. Vor dem Debüt «Blutbuch» versuchte Kim mit Nachwuchspreisen attention zu erringen – u. a. mit dem Textstreich-Wettbewerb für ungeschriebene Lyrik, dem Treibhaus-Wettkampf für exotische Gewächse und dem Damenprozessor. Heute hat Kim aber genug vom »ICH«, studiert Hexerei bei Starhawk, Transdisziplinarität an der ZHdK und textet kollektiv im Magazin DELIRIUM. «Blutbuch» wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und mit dem Deutschen Buchpreis 2022 ausgezeichnet.