Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese

Leonor Gnos Gedichte erzählen glasklar und unverschlüsselt. Hinge ihre Kunst wie Bilder an Wänden, wäre sie gegenständlich, aber unmissverständlich vieldeutig. Da schreibt und dichtet eine Frau mit dem Mut einer Unverzagten, mit dem tiefen Bewusstsein, dass ihre Sprache Musik ist.

Ich lernte die fast Neunzigjährige in einem Restaurant in Luzern kennen. Eine kleine Frau mit ausgesuchter Garderobe, keckem, schwarzem Lederhut ohne Krempe, wachen Augen und fein rot nachgezogenen Lippen. So wie ihre Gedichte hat das Wesen dieser Frau nichts Aufdringliches, weder ihre Gedichte noch ihr Tun zwingen etwas auf. Und trotzdem sitzen wir uns nach wenigen Minuten wie alte Bekannte gegenüber. Aber genauso geht es mir mit ihren Gedichten. Da schreibt jemand mit einem Gleichmass an Herz, Seele und Geist. Nichts Verschlüsseltes, nichts Vergeistigtes, nichts Verklausuliertes. Die Vielschichtigkeit ihrer Lyrik liegt offen, so wie die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Frau hinter den Gedichten.

 

Die Winde austoben lassen
die abgeflauten Stösse
keinen Schrei mehr übrighaben
erstickendes Heulen Winseln
bis das letzte Wehen flach liegt

die Wörter aufsteigen
in bangen Sätzen
Rückkehr ins Gedicht
als wäre es das erste Mal

 

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese, 2026, 104 Seiten, CHF ca. 26.00, ISBN 978-3-03981-028-4

Leonor Gnos orientiert sich an der Natur, einem wachen Auge, dem Blick für die Kleinigkeiten, hinter denen sich das Grosse verbirgt. Helle Farben, offenbarende Bilder, klare Konturen, die meinen eigenen Blick schärfen. Leonor Gnos nimmt nicht Stellung, trotzdem sind ihre Gedichte Statements einer Haltung, setzen etwas gegen die Abgründe im Menschlichen, gegen die Verwerfungen der Gegenwart. Ihre Gedichte sind geschmeidig, nie glatt, verraten viel über die Art ihres Schauens, ihren Alltag, ihr Schreiben, das längst zu Atem geworden ist.

 

Wie Formen und Umformen glückt
zeigt mir der Mond in der Nacht
wenn der neue Entwurf gelingt
und ich an nichts zu glauben brauche
mich wie die Sängerin auf die Luft stütze
die den Klangkörper der Wörter trägt

so setze ich Zeilen als schriebe ich
ein Gedicht allen Regeln zum Trotz

 

Der Gedichtband ist in drei Teile unterteilt; Funkensprühen – Lichte Scheitel – Geflüchtete Sonnen. Vom Frühling, vom Erwachen durchs Jahr bis hinein in den Winter, ins Vergehen, ins Sterben. Eingeschlossen die Erfahrungen eines langen Lebens, des Werdens und Vergehens, vom Aufbrechen bis in den Tod. Mag sein, dass Resümieren mitschwingt, der Blick zurück auf ein langes Leben. Aber ohne Groll, dafür mit einer ordentlichen Portion erfrischenden Widerstands.

 

Lange Schatten fliehen
mit der sinkenden Sonne
Goldtöne lösen sich auf im Dämmer

in den Bäumen kauern Gnome
werfen Kastanien und Nüsse

doch ich suche das Licht des Meers
bevor die Sonne verschwindet
und ich mit ihr

***

Der Gedanke bohrt und gräbt
nicht wie der Stein oder der Schatten
er geht einem Ton auf den Grund
einer Stimme in der Nähe
der Kindheit und des Todes

geht dem Gedicht nach
dem Schrei und seinem Schweigen

Foto © Benedikt Troxler
Foto © Benedikt Troxler

Ich liebe Musik, in der Lyrik ist viel Musik, Wörter und Silben folgen einer musikalischen Intention, einem Rhythmus, der den Versen den Zauber des Gedichts geben. Erinnern, Denken, Empfinden, Finden, Erfinden, Verbinden. Leonor Gnos

Leonor Gnos, geboren 1938 in Amsteg, UR, publiziert Lyrik und Prosatexte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung lernt sie mehrere europäische Sprachen, verknüpft mit Aufenthalten in England, Italien, Spanien, Griechenland. Sie erwirbt Lehrdiplome und unterrichtet 1988 – 2009 Deutsch in Paris. Im Alter von fünfzig Jahren beginnt sie mit dem literarischen Schreiben und veröffentlicht in den folgenden Jahren zahlreiche Gedichtbände. Seit 2010 lebt sie – die pulsierende Städte liebt – in Marseille. Dort ist sie Mitglied des lyrischen Zirkels «Le Scriptorium».

Beitragsbild © Roberto Conciatori

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooks

Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.

Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.

Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6

Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.

Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.

Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.

Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.

Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.

im Literaturhaus Thurgau Gottlieben

Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.

Beitragsbild © Michel Gilgen

Hauslesung mit Thomas Dütsch und Chris Wirth «Mit jedem Vers»

Samstag, 9. Mai, 18 Uhr, Maihaldenstrasse 11, 8580 Amriswil, Lesung, Musik und Diskussion bei Wein, Wasser und Leckereien, (bis ca. 21 Uhr), Eintritt inkl. Konsumation 35 CHF, zwingend Anmeldungen bis 3. Mai unter info@literaturblatt.ch oder 076 448 36 69 (Platzzahl beschränkt!). Hauslesung mit Thomas Dütsch und Chris Wirth «Mit jedem Vers» weiterlesen

Ahojana 4 «Tausend Tentakelschläge» – Eine Postkarte aus Carbelotte von Owida N. Woiax

Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu.
Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht.
Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt.
Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon.
Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin

Bușteni liegt etwas mehr als 130 Kilometer weg von der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ein Urlaubsort in den Karpaten. Roxana und Camil treffen sich dort jedes Jahr, vor allem in den Sommermonaten, schliessen Freundschaft, erfahren Liebe, finden sich jedes Jahr, um sich jedes Jahr wieder zu verlieren.

Dana Grigorceas Roman ist eine zarte Liebesgeschichte. Ganz bestimmt jene zwischen Roxana, die mit ihrer grossen Familie jedes Jahr in der Sommerresidenz in Bușteni Ferien macht, und Camil, der in einem kleinen Ferienhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie jeden Sommer seine Freundschaft zu ihr erneuert. Aber dieser Roman ist vor allem die Liebesgeschichte an einen Ort, einen Sehnsuchtsort, einen Sommerort, einen Ort der Freundschaft und an jene Zeit nach dem Zusammenbruch der rumänischen Diktatur. Bușteni ist nicht gross. Die Menschen, die sich dort in den Sommerwochen treffen, sind immer die gleichen. Man kennt sich. Und die Bahnhofstrasse, in der sich die Kinder der Familien treffen, auch jener, die das ganz Jahr über dort wohnen, zum El Dorado klassenfreier Freundschaften.

Nicolae Ceaușescu gibt es nicht mehr. Im Vakuum einer neuen Zeit scheint alles abgelegt, was die rumänische Gesellschaft während Jahrzehnten im Würgegriff hielt. Und weil sich Kinder in ihrer Verspieltheit nicht um die Wirren der Politik kümmern, höchstens um das grimmige Gesicht eines Nachbarn, einen bösen Hund und die Frau in der Nachbarschaft, die etwas von einer Hexe hat, spielt man Fussball oder das Erwachsensein, trifft man sich an der Bahnschranke oder streunt in den Wäldern herum. So auch Roxana und Camil, die sich schon früh geschwisterlich verbunden fühlen, die sich das ganze Jahr über auf die Wochen in Bușteni freuen, um dann, wenn es soweit ist und die Familie von Roxana einmal mehr von Bukarest nach Bușteni gefahren ist, mit Erleichterung feststellen, dass fast alles beim Alten geblieben ist, auch wenn sich der Wandel der Zeit bis in die Bahnhofstrasse einschleicht.

Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-328-60440-2

„Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist auch eine Liebesgeschichte an eine Zeit, die Neunziger, in denen sich plötzlich alles zu öffnen schien. Eine Zeit, in der sich nicht nur Kinder auf der Strasse trafen, auch die Erwachsenen. Wo am Gartenzaun Gespräche geführt wurden, wo man in den langen Sommerferien ein Stück Freiheit geniessen konnte, Feste im Garten feierte und Gelegenheit genug hatte, sich die wildesten Geschichten hinter den Mensch auszudenken.

Dana Grigorcea erzählt von diesen Menschen an dieser Strasse, von den einen, von denen kaum etwas verborgen blieb und von jenen, die sich hinter Zäunen und Mauern versteckten. Sie erzählt die Geschichten, die zusammengehalten werden von Roxana und Camil. Einer Freundschaft, aus der eine zaghafte Liebe wird, die es aber trotz allem immer wieder wegzuwischen droht in der Unvermeidbarkeit von Distanzen und Missverständnissen. Die Liebesgeschichte an einer Zeit, die noch viel mehr der Zugewandtheit verschrieben war, als unsere Gegenwart, die von Technik immer mehr beherrscht wird. Einer Zeit der Unmittelbarkeit, der Leidenschaft, die sich Menschen gegenüber zeigt.

Dana Grigorceas Erzählton schwankt zwischen Melancholie und Sehnsucht. Mag sein, dass da auch etwas Verklärtheit mitschwingt. Aber Erinnerung verklärt immer, taucht Erlebtes in ein Licht, das sich ganz eigenartig an den Tatsachen bricht. Man wird seltsam erfasst von dieser Melancholie. Ein zartes, melodiöses Buch, das von genau diesen Strassen, den Wegen zwischen den Menschen erzählt. „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist ein Fächer in dunklen Farben, ein Fächer der Liebe.

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie ist Germanistin und Nederlandistin und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Ihr Roman «Die nicht sterben» wurde 2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert und 2022 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Dana Grigorcea ist Trägerin des rumänischen Kulturverdienstordens im Rang einer Ritterin, 2026 ist sie Kuratorin des Münchner Literaturfests, das unter dem Motto «Freiheit» steht.

mehr von und über Dana Grigrorcea

Beitragsbild © Gabi Hirit

Christian Uetz «Im Verstummen», Secession

Glücklicherweise verstummt Christian Uetz nicht. Er bäumt sich in seinen Gedichten gegen das Verstummen auf, was angesichts der erschreckenden Gegenwart leicht nachzuvollziehen ist. Glücklicherweise tanzt der Sprachschamane weiter über die heisse Glut seiner Sprache, betörend, flehend, rauschhaft bis in die Exstase.

Zugegeben; weil ich den Dichter kenne, weil ich ihn immer wieder einmal erleben darf, weil er mich auf der „Bühne“ förmlich überkommt, weil mich seine Stimme begleitet, ist eine Auseinandersetzung mit seinen Texten wohl um einiges leichter, als wenn ich seinem neuen Gedichtband unvoreingenommen begegnen würde. Wenn ich lese, höre und sehe ich ihn. Er wirbelt um mich und zieht mich in einen Sog, als hätte seine Sprache die Kraft einer Windhose, die mich mitzieht, hineinzieht, die mich dreht bis mir schwindelt. Sein Sprachrausch wird zu meinem Leserausch – ein Zustand, in dem nicht das analytische Verstehen seiner Texte im Vordergrund steht, sondern jener Zustand der Sprachexstase, den Christian Uetz wie kaum ein anderer zu erzeugen weiss.

Ein Grab
Europa. Ein
Massengrab Geschichte.
Begraben das Abendland, der Tage
Gastfreundschaft, der Fremden Nähe
in die Nacht. Verendet, sprachlos, im Klirren
der Kriege, alles Menschliche, alle. Hinter der Kälte
keine Nachfahren. Farnzeit
wieder. Schuttgebirge.
KrIstall.

Christian Uetz hadert und zweifelt, stemmt sich, bäumt sich auf, schmettert und wehrt sich mit allem gegen den Sog des Verstummens. In vier mal 20 Texten, Gedichten, die er sich wie Wimpel gesetzt auf die Speerspitzen seiner Versuche des Erwehrens gesetzt hat, Texte, die sich wie Konzentrate essaistischer Gedanken lesen, kreist Christian Uetz nie einfach um sich selbst, sondern um die Macht und die Kraft der Sprache, die wie noch nie im Strudel der Gegenwart als Waffe missbraucht und als Kampfmittel seine Betäubung entfalten soll. 

Christian Uetz «Im Verstummen», Secession, 2025, 120 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-96639-140-5

Es geht ein Nichtsein durch die Welt. Wie leicht wird die Schwere, der Sprache Last! Ein Nichts waren wir, sind wir, werden wir bleiben. Das hast du gesagt. Aber Niemand hat dich gehört. Und ob es gehört wird oder nicht: es ist.

Christian Uetz stellt unentwegt Fragen, immer und immer wieder, ist kein Satter, kein Gesättigter, sondern ein ewig Hungriger, ein ewig Durstiger, für den Fragen allein schon ein erster Versuch der Antwort sind, ein erster Versuch des Zurechtfindens in einer Welt, die aus den Fugen bricht. Er richtet seine Texte, seine Gedichte an ein Du, personalisiert die Sprache, wendet sich an eine Macht, eine Kraft, einen Geist. Jenen Geist, den er braucht, um an all dem, was einem sprachlos macht, nicht zu zerbrechen.

Wenn du,
tiefer atmend, inne
wirst, dass der Wind, dich bewegendes Nichts, in dir wie
außer dir weht, dein Geist, dröhnende Glocke der Gedanken
im und um den Schädel steht, dein Leib, ein von wegen geringer
Dinge verstimmtes Instrument, durch das Klang und Klage
geht: Da singt, da sieht dich, schneeiges Nicht, deine
Ohngestalt, sprachlos und lautlos
und in die Nacht
kaum kalt.

Er wirft seine Netze aus in die Atmosphäre, in der alles liegt, steht und wabert. Alles Gesagte und nie Ausgesprochene. Er holt die Netze ein und ordnet, sucht nach den langen Fäden und Bändern der Sprache, die wenigstens stückweise verraten, was sonst allzu schnell und leicht missverstanden oder gar nicht vernommen wird.

Nirgends bist du erbarmungsloser wahr als im Krieg, da du wahnsinnig fehlst. Nie ist dein Nichtsein tatsächlicher als in den Händen von Mördern. Der Mensch ist weltlich erst da am unerbittlichsten ein Gott, wo er als Monster die Möglichkeit zum massenmörderischen Krieg vollzieht und zum totalen Vernichter wird, zum Vollstrecker der absoluten Nichtigkeit des Lebens, das ein Haschen nach Wind. Und die immer weiter barbarischen Auslöschungen richten uns als Mördergrube in der Nacht des Erwachens von Angesicht zu Angesicht.

Christian Uetz nimmt wahrhaftig kein Blatt vor den Mund. Er formt es zu einem Horn und posaunt, was andere verstummen lässt. Seine Texte sind überdeutliche Statements. Es sind Anrufungen, Mahnungen, Wortspiele allen Ernstes. Christian Uetz malt Himmel und Hölle über dem Wort, das grosse Gewölbe, das sich aus der Sprache erhebt. Ein Prediger und Sprachseher, der überzeugen will, weil wir die Sprache schon lange nicht mehr ernst nehmen, ihr immer mehr misstrauen. Er reisst Fenster und Türen auf in Räume, die ich in ihren Dimensionen gar nicht erwarte, weil er die Spuren durch sein Denken als Textspur hinter sich her zieht, ein Schweif aus Sprachkraft.

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach in der Ostschweiz, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt; 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz; 2002 die Anerkennungsgabe der Stadt Zürich; 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.

mehr von und über Christian Uetz auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Start des 17. Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut mit Schwerpunkt «über:setzen»

Vom 27. bis 29. März 2026 findet die 17. Ausgabe des Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut statt. Insgesamt werden 29 Veranstaltungen in der Lokremise, den Bibliotheken Hauptpost und Katharinen, der Grabenhalle sowie dem Stadtbistro durchgeführt. Zu den fast 50 geladenen Autor:innen und Künstler:innen gehören u. a. Fabio Andina, Flurina Badel, Lukas Bärfuss, Martina Clavadetscher, Romain Buffat, Julia Weber, Usama Al Shahmani, Helga Schubert, Laura Vogt, Nora Gomringer und Jonas Lüscher.

Wichtiger Hinweis: Aufgrund der hohen Nachfrage sind die Tages- und Wortlaut-Pässe mittlerweile ausverkauft. Für die grossen Veranstaltungen am Freitag- und Samstagabend sowie die Veranstaltungen am Festivalsonntag sind aber noch Einzeltickets verfügbar.

Am Festivalwochenende vom 27. bis 29. März finden in St. Gallen zahlreiche Lesungen, Performances sowie Podiumsdiskussionen mit Autor:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich statt. Zudem wird die Buchtaufe der Ostschweizer Autorin Laura Vogt gefeiert; musikalisch begleitet vom Kontrabassisten Marc Jenny. Darüber hinaus wird das Publikum eingeladen, Gast des Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein. Neu bietet das Festival ein kostenloses Familienprogramm in der Stadtbibliothek Katharinen an. Weitere Kooperationen mit neuen Formaten gibt es mit dem Förderraum und dem open art museum. Mit Katinka Ruffieux und Julia Sutter stellt das Festival zwei Debütantinnen vor. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost der «Silent Reading Rave» statt.

Festivalmotto
Das Motto des diesjährigen Festivals lautet «über:setzen». Neben den zahlreichen Lesungen in den vier Landessprachen sollen im Rahmen des Festivals vor allem folgende Fragen zum Schwerpunktthema diskutiert werden: Wie wird ein Buch in eine andere Sprache übertragen? Wie lassen sich komplexe Themen so vermitteln, dass sie verständlich und zugänglich werden? Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden?

Pass-Kontingent
Aufgrund der hohen Nachfrage sind die Tages- und Wortlaut-Pässe mittlerweile ausverkauft. Einzeltickets können aber an den jeweiligen Kassen in den Lokalitäten erworben werden. Insbesondere für die grossen Veranstaltungen am Samstagabend und unsere Veranstaltungen am Festivalsonntag sind noch Plätze verfügbar. Tickets für die Eröffnung und die Lesungen mit Helga Schubert und Navid Kermani können entweder vor Ort oder im Vorverkauf über eventfrog erworben werden.

Einzeltickets für die Veranstaltungen mit den beiden kürzlich ausgezeichneten Schweizer Literaturpreisträger:innen Martina Clavadetscher und Jonas Lüscher sind nur an den jeweiligen Veranstaltungskassen verfügbar.

Eröffnung
Am Eröffnungsabend stellt der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss den Akt des Übersetzens in einen grösseren kulturellen Zusammenhang: Wie verschafft er seinen Themen Gehör, und wie erreicht er sein Publikum? Gemeinsam mit Nicola Steiner geht Bärfuss diesen Fragen nach und zeigt, was es dazu braucht und weshalb dies heute wichtiger ist denn je. Musikalisch begleitet wird der Eröffnungsabend vom Thurgauer Gitarristen Tobias Engeler. Das Grusswort spricht die Regierungsrätin Laura Bucher.

Festivalzentrum
Das Café St. Gall in der Bibliothek Hauptpost ist in diesem Jahr Festivalzentrum. Hier werden von Samstag bis Sonntag Speisen und Getränke angeboten. Zudem können Informationen zum Programm eingeholt werden. Sämtliche Veranstaltungen im Café St.Gall sind übrigens kostenlos.

Tickets und Pässe
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre bezahlen keinen Eintritt. Studierende und Inhaberinnen und Inhaber der KulturLegi der Caritas erhalten reduzierte Ticketpreise.

Tickets für einzelne Veranstaltungen am Freitag, Samstag und Sonntag können nur an den jeweiligen Kassen in den Lokalitäten erworben werden. Ausnahmen von dieser Regel: Für die Eröffnungsveranstaltung sowie die Veranstaltungen mit Helga Schubert und Navid Kermani können auch Tickets im Vorverkauf erworben werden.

Tagespässe sowie Wortlaut-Pässe werden bevorzugt behandelt. Einzeltickets sind nur erhältlich, wenn freie Plätze zur Verfügung stehen. Wer ein Einzelticket kaufen möchte, erscheint bitte 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn – die Plätze werden 5 Minuten vor Beginn freigegeben. Aus organisatorischen Gründen können keine Platzreservationen entgegengenommen werden.

Freier Eintritt: Die Veranstaltungen im Café St.Gall und in der Stadtbibliothek Katharinen sind kostenlos. Für Geflüchtete sowie Mitglieder des A*dS ist der Eintritt zu sämtlichen Veranstaltungen kostenfrei.

Nähere Informationen zu den aktuellen Ticketpreisen finden sich hier: www.wortlaut.ch/tickets/

Lokalitäten 2026
Lokremise: Grünbergstrasse 7, 9000 St.Gallen
Turmzimmer (Bibliothek Hauptpost): Eingang Gutenbergstr. 2, 9000 St.Gallen
Raum für Literatur (Bibliothek Hauptpost): Eingang St.Leonhard-Str. 40, 9000 St. Gallen (3. Stock)
Atelier (Bibliothek Hauptpost): Eingang St.Leonhard-Str. 40, 9000 St.Gallen (3. Stock)
Stadtbibliothek Katharinen: Katharinengasse 11, 9000 St.Gallen
Grabenhalle: Unterer Graben 17, 9000 St.Gallen
Stadtbistro: Webergasse 22, 9000 St.Gallen

Nähere Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und weitere wichtige Informationen zum Festival finden sich auf der Webseite www.wortlaut.ch.

Allgemeine Information: Wortlaut ist das literarische Frühjahrsereignis der Ostschweiz. 2026 wird es zum 17. Mal durchgeführt und findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Sämtliche Veranstaltungsorte sind fussläufig erreichbar und liegen bahnhofsnah. Ziel des Literaturfestivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekanntzumachen. Festivalleiterin ist Ariane Novel.

Karsten Redmann
redmann@wortlaut.ch
M 0041 (0)77 437 5339
www.wortlaut.ch

Nava Ebrahimi «Und Federn überall», Luchterhand

Nava Ebrahimi ist eine feinsinnige Beobachterin. In ihrem aktuellen Roman „Und Federn überall“ fühlt sie den Puls einer Gesellschaft, die im ständigen Fieber mit allen Mitteln versucht, die Kontrolle über sich und die Umgebung nicht zu verlieren. Ein Roman, der zeigt, wie nah wir an der Katastrophe agieren. Ein Roman, der unter die Haut geht.

Eine Kleinstadt im Emsland, ganz im Norden Deutschland. Eine Gegend, von der die Autorin in einem Interview erzählt, die noch nie Schauplatz von grosser Literatur war. Ob ihr neuer Roman, der 2025 für den Deutschen Buchpreis nochminiert war, grosse Literatur ist, wird die Zukunft zeigen, ob er im „literarischen Bewusstsein“ bleibt oder im Meer jener Bücher entschwindet, die man nie zu Meilensteinen erklärt. Mich beeindruckt dieser Roman sehr. Nicht nur weil er den Puls der Gesellschaft misst, das Fieber, das viele nah an den Wahnsinn bringt. „Und Federn überall“ ist raffiniert konstruiert, spielt mit seinen 350 Seiten an einem einzigen Tag, einem Montag, in einer Kleinstadt, in der der grösste und wichtigste Arbeitgeber pro Tag 650 000 Hühner zu Lebensmittel verarbeitet. 6 ProtagonistInnen, die in irgend einer Weise von dem Grossbetrieb abhängig sind, riesige Produktionsstrassen, in denen am Fliessband Hühner, die an der Rückseite der Fabrik lebend angeliefert werden und portioniert und eingeschweisst die Hallen wieder verlassen. 

Nava Ebrahimi «Und Federn überall», Luchterhand, 2025, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87745-7

Sonia sitzt jeden Tag an einer dieser Fliessbänder mit der einzigen Aufgabe, Hühnerbrüste auf ihren Verhärtungsgrad mit ihren Händen abzutasten, Stück für Stück. Seit man Hühner durch Hormonbehandlung immer schneller und effektiver wachsen lässt, und das „Wooden Breast“-Syndrom droht, verhärtetes Hühnerfleisch den Verkauf als Lebensmittel verunmöglicht, nicht nur stubide Arbeit, sondern ein Tun, das selbst die eigene Brust verhärten lässt. Sonia, die den Kopf bei der Sache haben sollte, ist an diesem Montag aber nicht wirklich bei all den kalten Hühnerbrüsten auf ihrem Fliessband. Schon am Morgen, kaum aufgestanden, eskalierte die Situation mit ihrer halbwüchsigen Tochter.

Anna ist in der Geflügelschlachterei Melling als Ingenieurin angestellt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Eine Maschine ist im Testlauf, die das „Wooden Breast“-Syndrom ohne „menschlichen Eingriff“ erkennen soll. Eine Maschine, die die Verarbeitung steigern und optimieren und Ausgaben für ArbeitnehmerInnen minimieren soll. Aber es will nicht funktionieren, wie Geschäftsleitung und Anna wollen. Und Anna hat mehr und mehr zu kämpfen. Nicht nur in ihrer Arbeit, in der sie als Frau bestehen soll, sondern auch in ihrer privaten Situation. Nicht nur, dass sich Stimmen aus der Vergangenheit einmischen, da braut sich in ihrem Bauch etwas zusammen.

Meckhausen ist einer in der Teppichetage der Firma Melling. Ein verlassener Ehemann, einer, der sich in seiner Firma unentbehrlich und die Kollegin Ingeneurin wie ein Stück Fleisch sieht, das erst einmal in der Möllingmaschine zu bestehen hat. Ein verlassener Ehemann, der auf einem Dating-Portal nach einer Polin sucht.
Die Auserwählte auf diesem Datingportal ist Justyna, eine nicht mehr ganz junge Polin, die sich als schwarz angestellte Betreuerin um Sonias ehemalige Schwiegermutter kümmert und ihre kleine Einzimmerwohnung mit Nassim, einem sehbehinderten afghanischen Flüchtling teilt. Eine Zweckgemeinschaft, die mehr ist. Nassim hofft nicht nur auf einen positiven Asylentscheid, sondern auch darauf, als Lyriker in dem fremden Land eine Stimme zu bekommen. Die deutsch-iranische Schriftstellerin Roshanak Rastgoo soll ihm bei der Übersetzung seiner Gedichte helfen.

So feinmaschig das Beziehungsnetz in diesem Roman ist, verliere ich nie den Überblick. Sie alle kämpfen mit sich und der Welt, lassen ordentlich Federn. Man spürt, wenn man lesend den Spuren der ProtagonistInnen folgt, dass sich die Schicksale gegenseitig wie Billardkugeln berühren und am Ende des Romans in irgend einer Weise das Final kommen muss. Aber nicht der Plott zieht mich als Leser durch dieses Buch. Zum einen die Neugier, wie sich das Personal aus den immer enger werdenden Schlingen zieht. Und noch viel mehr wie es die Autorin schafft, die Fäden glaubhaft zu verknoten. Etwas, das ihr meisterhaft gelingt. „Und Federn überall“ ist ebenso klug gebaut wie feinfühlig erzählt. Drei Frauen und drei Männer, die an einem Montag die Bodenhaftung verlieren.

Und  nicht zuletzt ein Roman über die Entfremdung unserer Nahrungsmittelindustrie.

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland sowie der Kölner Stadtrevue. Sie erhielt 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für «Sechzehn Wörter» wurde sie mit dem Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, sowie dem Morgenstern-Preis ausgezeichnet. Seit 2025 ist sie regelmässige Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz.

Beitragsbild © Clara Wildberger

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser

Ein mutiges Buch! Nicht nur weil Navid Kermani ganz nah an seinem eigenen Leben schreibt, sondern weil er sich nicht scheut davon zu erzählen, wie sehr ihn seine Gegenwart, der Sommer 2024, verunsichert, wie sehr ihm die Geschehnisse zusetzen. Eine Welt voller Bedrohungen.

Ob die Ettikette „Roman“ dem Buch gerecht wird, bezweifle ich, auch wenn Navid Kermani in seiner „literarischen“ Vergangenheit sehr wohl bewiesen hat, dass er neben seinen Sachbüchern zu Themen interreligiöser Verständigung, sehr wohl Bücher schrieb, die dem Etikett «Roman» gerecht werden. „Sommer 24“ ist essayistische Erzählung, Selbstbestimmung, Erklärungsversuch und existenzielle Auseinandersetzung zugleich. Ein Buch über einen Mann, über ihn, der sich an der Gegenwart reibt, der schreibend versucht, Ordnung in eine Innenwelt zu bringen, die durch das äussere Chaos bedroht ist. Ein Buch über einen heissen Sommer, in dem sich alles zu mischen droht, das Unverständnis darüber, dass die Wahl eines neuen Präsidenten in den USA doch mehr als deutlich ausfallen könnte, dass die AfD im eigenen Land es schafft, all jenen in Deutschland eine Stimme zu geben, die sich unverstanden und betrogen fühlen, einem Sommer der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihm nahestehen und solchen, die sich an seine Seite drängen. Mit Bildern aus Reportagen, die ihn nicht loslassen, die alles Erlebte, alles, was an ihn getragen wird, in ein fast unerträgliches Ungleichgewicht setzen. Den Sommer mit all dem Schrecken im Gaza, in der Ukraine, im Sudan, all den Weltenbränden, die sich wie ein Flächenbrand auszubreiten drohen.

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser, 2024, 160 Seiten, DHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28576-7

„Sommer 24“ ist ein ungemein ehrliches Buch. Ein Buch, das von dem erzählt, was dem Schriftsteller und Reporter an die Nieren geht und mir bei der Lektüre ebenso. Von einem todkranken Freund, den er nur wenige Stunden vor seinem inszenierten Tod besucht, der in den Monaten seiner Krankheit und dem drohenden Sterben immer mehr in rechtes Gedankengut abdriftet. Seine Lebensgefährtin trennt sich von ihm, an seiner Liebe zweifle sie nicht, aber an seiner Beziehungskompetenz. Eine Frau, deren Erzählung ihrer Vergewaltigung er in einen literarischen Text verarbeitete und dabei tunlichst alles entfremdete, um jene Frau zu schützen, die ihm aber nun doch ziemlich unverblümt vorwirft, sie durch den Text ein weiteres Mal vergewaltigt zu haben. Die Hochzeit eines Schulfreundes auf einer griechischen Insel, auf der einen Seite der überbordende Luxus, eine Ehe zwischen den Kulturen, auf der anderen Seite die Dekadenz des Moments. Die Nachwehen eines Attentats, jenes von jenem Mann im Sattelschlepper an einem Berliner Weihnachtsmarkt. Seine Auseinandersetzung mit dem literarischen Übervater Thomas Mann und seiner Familie und der eigenen Biographie, nicht zuletzt mit der Begegnung als Zwölfjähriger mit seiner Familie damals in Teheran mit Ajatollah Chomeini, der damals die Hoffnungen einer ganzen Nation befeuerte. Oder seine Faszination für Petra Kelly, die in den 80ern zu einer Identifikations- und Leitfigur einer Grünen-Bewegung wurde und sich nicht nur gegen Kravattenträger, Aufrüstung und Menschenrechtsverletzungen aller Art einsetzte, sondern zu einer Gallionsfigur des feministischen Kampfes wurde. Eine Frau, die im Selbstzweifel erkrankte und ausgerechnet durch eine Pistolenkugel ihres Ehemannes starb.

„Sommer 24“, manchmal analytisch, immer leidenschaftlich und engagiert, manchmal verzweifelt, ist der ehrliche Versuch eines Mannes, der nichts und niemanden auf die leichte Schulter nimmt und gleichzeitig viel Denkleistung braucht, um an all dem Nebeneinander nicht zu zerbrechen. Ein faszinierender Versuch, Ordnung in die Gleichzeitigkeit der Dinge zu bringen. Ein Zeugnis dafür, wie sehr ein denkender und empathischer Mensch an der Gegenwart leiden muss.

17. Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des 1. FC Köln. Als Reporter berichtet er immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. Für seine Romane, Essays, Reportagen und Monographien erhielt Navid Kermani unter anderem den Kleist-Preis, den Hölderlin-Preis, den Joseph Breitbach-Preis, den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2024 den Thomas-Mann-Preis. Seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck, sein literarisches Werk im Carl Hanser Verlag. Die Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Beitragsbild © Peter Andreas Hassiepen

Julia Sutter «Und das wäre erst der Anfang», FVA

Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.

Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.

Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.

Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.

Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.

Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen. 

Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert. 

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.

Beitragsbild © Hanes Sturzenegger