Lukas Rietzschel «Sanditz», dtv

Es gibt Bücher, die mich ab der ersten bis zur letzten Seite in einem Sog mitreissen und nachhaltig berühren. «Sanditz» ist so ein Buch. Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte einer Familie aus dem fiktiven Ort Sanditz in der sich auflösenden DDR.

Zeitlich wird aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten erzählt von der Wende bis zur Coronazeit und dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Ich erfahre viel über das ehemalige Ostdeutschland, einen Bauern und Arbeiterstaat mit Kohletagebau und Glasfabriken. In eindrücklichen Mikroszenen erfahren wir das Schicksal der Familie Wenzel. Ohne Pathos und Anklage, aber mit beeindruckender Empathie für die geschilderten Menschen entsteht ein imposantes Panorama der deutschen Gesellschaft von bildhafter Kraft.

Lukas Rietzschel «Sanditz», dtv, 2026, 480 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28516-2

Es geht um existentielle Auseinandersetzung von Menschen in den verschiedensten Situationen. Liebe, Homosexualität, Einsamkeit, Leben in Ungewissheit, Krankheit, freiwilliger Einsatz im Krieg in der Ukraine und Abrackern auf westdeutschen Baustellen zum Überleben sind Themen. Wie können Familie und Freundschaften in umwälzenden Zeiten bestehen. Die Sprache ist detailliert, farbig und ohne belehrenden Ton: «Mit der Rechten griff Marion nach Rolands Hand, mit der Linken nach Achims.» Ich wollte euch fragen, ob sich einer von euch beiden vorstellen kann, mich zu heiraten.» «Ich denke darüber nach, dann reden wir nochmal», sagte Roland. «Ist das dein Ernst?», fragte Achim. «Hier und jetzt werden wir das ja wohl kaum entscheiden können». «Doch», sagte er. «Indem du einfach Nein zu dieser Quatschidee sagst

«Die Russen sind durch das Fenster gekommen, Die Abdrücke ihrer Schuhe sind auf dem hellen Teppich noch zu sehen. Ihr Weg durch das Haus lässt sich genau nachverfolgen. Zuerst waren sie in der Küche, der Kühlschrank steht noch offen. Eine Wasserlache hat sich gebildet. ..Ruffy weist Tom auf den geplünderten Alkohol hin. Ähnlich wie die samt Halterung aus der Wand gerissenen Fernseher sei das überall so. Die Russen dächten wohl, sie seien auf Klassenfahrt.»

«Es gab auch Abende. An denen Roland bei ihm blieb. Er half ihm beim Duschen, brachte ihn ins Bett, deckte ihn mit den zahlreichen Decken zu, damit er nicht fror, räumte anschliessend die Küche auf und legte sich dann im _Wohnzimmer aufs Sofa. «Du hast dich als guter Diener erwiesen», sagte eines Tages Achim. «Was hältste du davon, wenn du einfach hierbleibst? »….Also zog Roland mit einem Koffer voll Klamotten ein. Was er sonst noch besass, liess er bei Marion im Bungalow. Sie half ihm, alles nach Sanditz zu fahren. Als er ausstieg, umarmte sie ihn so fest wie nie. «Was ist mit den Kindern?», fragte er. «Eines Tages werden sie es verstehen.»

Lukas Rietzschel, in der Nähe von Görlitz geboren und dort lebend, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Ostens. Er tritt in Talk-Shows und in Zeitungen von West und Ost auf. Ihm geht es darum, die Ostdeutschen zu verstehen, zu verteidigen, aber auch ihre Problemzonen zu thematisieren. Bereits seinen ersten Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» habe ich mit Gewinn gelesen. Darin schildert er, wie die Perspektivlosigkeit der Zukunft einen jungen Menschen in die rechtsextreme Jugendkultur abdriften lässt. Im zweiten Roman «Raumfahrer» wird eine Familiengeschichte der DDR spannend mit der Beziehung der Brüder Baselitz verwoben. Was passiert mit Erinnerungen nach jahrelangem Schweigen? An der BuchBasel 2021 begegnete mir ein sehr sympatischer, engagierter und kluger Mensch, der sich mit Problemen der deutschen Gesellschaft fundiert und offen auseinandersetzt. «Sanditz» übertrifft die beiden ersten Romane nicht nur an der Anzahl Seiten. Ich wünsche diesem Epos eine grosse Leserschaft!

der Bär

Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman «Raumfahrer». Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.  

Beitragsbild © Alexandra Polin