Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese

Pius Strassmann schildert in seinem erzählerischen Debüt die vermeintlich kleine Welt eines Jungen, der bei seiner Grossmutter aufwächst. Einer Frau, die sich ihrer Aufgabe hingibt, den Jungen aber nimmt wie eine permanente Zumutung. Pius Strassmann erzählt von einem Kind, das letztlich allein aufwächst, sich die Welt ganz alleine zusammensetzen muss.

Erinnern sie sich an ihre Grossmütter? Zumindest bei mir war die eine distanziert, fremd, schon ihre Brille ein Statment „Komm mir nicht zu nahe“. Und jene müttelicherseits? Dort war ich manchmal in den Ferien, durfte mit dem Fahrrad ihres zweiten Gatten herumfahren, das mir so gross war, dass ich unter der Stange, dem Oberrohr treten musste. Vergnügen gab es nur bei den Nachbarkindern, wo ich ganze Nachmittage Monopoly spielte. War ich bei Grossmutter, musste ich im Garten helfen, Bohnen zum Dörren auffädeln. Mir wurden keine Geschichten erzählt. Radio und Fernsehen blieben stumm. Gegessen wurde in der Küche mit Wachstischtuch und die einzigen Bücher, die ich mir mit sauberen Händen ansehen durfte, waren Mondo- und Silvabücher. Aber wehe, wenn eines der eingeklebten Bilder herausfiel oder beim Blättern geknickt wurde.

Es waren die Grossmütter, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten, vielleicht sogar geschuftet. Es waren die Grossmütter, die ein Leben lang sparten und sich kaum etwas gönnten, ausser die Genugtuung eines wachsenden Kontos. Leben war Arbeit. Und warum sollten es die Kinder anders haben?

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03981-020-8

Pius Strassmann lässt mich im Dunkeln darüber, warum der Junge, den die Grossmutter nie beim Namen nennt, bloss Kind, nicht bei seinen Eltern aufwächst. Aber dafür wird umso deutlicher, dass der Junge nicht geliebt, sondern bloss geduldet ist. Seine Grossmutter ist Witwe, der Junge ein Anhängsel, das sich gefälligst nach ihren Regeln zu richten hat. Regeln, die nicht ausgesprochen werden, die der Junge erfahren muss. Alles ist in gut und schlecht eingeteilt, das Leben klar gegliedert zwischen hell und dunkel. Selbstverständlich lauert hinter allem Dunkeln und Schlechten der Mahnfinger der Religion. 

Heute verkörpern Grossmütter und Grossväter ein ganz anderes Bild. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Enkel, opfern bereitwillig ihre eben erst gewonnene Freizeit, bereiten ein kleines Paradies, wenn die kleinen Racker sie besuchen oder ein paar Tage in die Ferien kommen. Der Grossvater verzieht sich in den Nächten ins Gästezimmer, weil die Enkel Rundumbetreuung brauchen. Und tagsüber schenkt man ihnen voller Freude die ganze Aufmerksamkeit, erzählt Geschichten, liegt auf dem Boden und spielt mit, schiebt das Rad die Strasse hoch, geht Eis oder Pommes essen oder bastelt mit so viel Eifer, dass sich das Wohnzimmer in ein Atelier verwandelt.

In „Fantast!“ ist nichts so, wie es heute sein würde. „Fantast!“ ist Grossmutters Ausruf, wenn sich der Junge traut, wenn er seiner Grossmutter etwas davon zeigt, was in seinem Innern zu Wirklichkeit wird, zur zusammengeschusterten Realität, weil sich die Grossmutter weigert, ihm jene Fragen zu beantworten, die das Leben stellt. 

Zum Glück gibt es in dieser kleinen begrenzten Welt einen Dachboden, den die Grossmutter nicht mehr betritt. Ein verwinkelter, mehrräumiger Kosmos, der den Jungen mit seinen Gegenständen und Geschichten wegträgt. Dort oben, wo auch Bücher und alte Illustrierte liegen, offenbart sich das Tor zur Welt, auch wenn er sich die Erklärungen selbst geben muss. Eigentlich möchte er die Zeichen auf Papier gerne lernen. Aber seine Grossmutter vertröstet ihn auf später, weil sie ahnt, dass sie damit ein Fass aufmacht, das sie nicht mehr schliessen kann.

Sei es in dem kleinen Haus mit Sonntagsstube, Glasvitrinen mit Büchern, die man nicht in die Hand nehmen darf. Sei es der Keller, wo sinnbildlich für alle Gefahren, die bei unerlaubtem Betreten lauern, eine offene Wäscheschleuder steht, nur eine der vielen Gefahren. Sei es der Garten, der nur der Arbeit dient und selbst die Brombeeren nicht zum Naschen, sondern für Konfitüre am Strauch wachsen. Sei es der Zaun im Wald, hinter dem der Bär lauert. Sei es der Fernseher, wo allabendlich ein Mann mit Kravatte die Nachrichten liest. Wenn Grossmutter am Mittag um Punkt halb eins die Nachrichten hört und nach einem hastig verzehrten Mittagessen regelmässig auf den Chaiselongue einschläft. Wir begleiten den Jungen, der die Welt in kleinen Bissen verdaut, sich auf das meiste selbst einen Reim machen muss, tunlichst vermeidend, die Grossmutter in ihrem Alltagstrott zu stören. Eine kleine Welt, eine beklemmende Welt. Als wäre der kleine Junge ein Tier, das in seinem engen Käfig gar nicht weiss, wie die Welt draussen aussieht.

Auch wenn „Roman“ auf dem Buchdeckel steht; „Fantast!“ ist ein Stück Geschichte. Als wäre sie Lichtjahre entfernt.

Pius Strassmann, geboren 1963, lebt und arbeitet als Musiker und freier Autor in Luzern und im Emmental. Nach Berufstätigkeiten als Primarlehrer, Musiker, Musik-Kinesiologe und Lehrtätigkeit an Musikschulen und Musikhochschulen widmet sich Pius Strassmann heute ausschliesslich dem Schreiben und seinen musikalischen Interessen als Blockflötist. Seit 1994 Veröffentlichung mehrerer Lyrikbände, zuletzt «blauklang» und «erinnerungsleicht», beide bei edition bücherlese.

Beitragsbild © Lydia Segginger

Katerina Poladjan «Goldstrand», S. Fischer

Eli ist Filmemacher, hat aber in den letzten zehn Jahren keinen Film mehr gedreht. Auch zu seiner Tochter Vera stockt die Verbindung – und zu seinen Eltern hat er sie ganz verloren. Eli liegt für 40 Sitzungen auf der Bank bei der Dottoressa und erzählt sein Leben, so weit weg von der Realität wie in seinen Filmen.

Eli ist um die sechzig und lebt in Rom, in der Villa seiner Grosseltern, die einst glühende Verehrer Mussolinis waren, in einem Haus, das voll ist mit Devotionalien jener Zeit, einem Haus, in dem der Mief der Vergangenheit nie ganz auszulöschen war. Elis grosse Erfolge in der Filmwelt sind schon mehr als eine Weile her. Eli steckt in einer Krise und legt sich deshalb auf die Couch seiner Psychologin. Aber was er der Frau erzählt, ist eine schillernde Variante seiner Geschichte, der Geschichte seiner Familie, von den Bildern dieser Geschichte, die er wie Filmsequenzen mit sich herumträgt. Einer Geschichte voller Geheimnisse. So wie die Geschehnisse vor einem Jahrhundert, als seine Verwandten väterlicherseits auf der Flucht mit dem Schiff auf dem Schwarzen Meer Richtung Süden waren. Lew mit seinen beiden Kindern, dem Knaben Felix und der jungen Frau Vera. Seine Tochter verliert sich auf dem Schiff. Ist sie über die Reling des Dampfers geklettert und in die Fluten des Meeres gesprungen? Lew, einst Student der Philosophie, macht sich auf eine lange und verzweifelte Suche nach seiner Tochter, bleibt an der Küste Bulgariens, haust mit seinem Sohn in einer kleinen, windschiefen Hütte und hält sich und seinen Sohn als Korbmacher über Wasser. Bis man ihn zu Grösserem ruft, sein Sohn, Elis Vater zu einem gefragten Architekten wird, einer von jenen, die in den 1950er Jahren am Goldstrand Bulgariens, nicht weit von der Stadt Varna, mit riesigen brutalistischen Bauten, für eine neue Gesellschaft Ferienressots an die Küste klotzt.

Katerina Poladjan «Galdstrand», S. Fischer, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-10-397176-7

Eli lebt von seiner grossen Liebe Jenny getrennt, jener Frau, die ihn in genau jenem Moment verliess, in dem er sich zu ihr hätte bekennen müssen. Damals, als Elis greiser Grossvater im Untergeschoss der Villa sein Leben aushauchte und man hätte Ordnung machen können. Mit dem Auszug und der Distanz seiner ehemaligen Frau verliert Eli aber auch die Nähe zu seiner Tochter Vera, die damals den Namen seiner verschwundenen Tante bekommen hatte. Vera sieht er nur noch ab und zu. Eli ist zu einem Mann geworden, der von seinem Leben abgeschnitten ist.

Katerina Poladjans schmaler Roman hätte Stoff genug für ein ausladendes Epos; ein Mann und seine Filme, was Bilder evozieren können, ein Mann in der Krise, eine Familiengeschichte in den tektonischen Verschiebungen eines ganzen Jahrhunderts, die Nähe von Liebe und Verzweiflung. Nicht dass Katerina Poladjan an diesen grossen Themen gescheitert wäre, ganz im Gegenteil; die hat sie auf ein Konzentrat eingedampft. Sie spielt mit prägnanten Schnitten, witzigen, filmreifen Dialogen, vor allem jenen zwischen Eli und seiner Dottoressa und Bildern, die vieles offen lassen. Was passierte damals wirklich mit seiner Tante Vera? Wer war Elis Vater, der aus dem Leben seiner Mutter verschwand, der bulgarische Kommunist, der sie in den 60ern am Goldstrand schwängerte? „Goldstrand“ liest sich zwischen filmischen Bildern von surrealer Wirkung und Realität. Sie erzählt nicht klassisch, aber sprunghaft, manchmal wie in einem Film mit rätselhaften Sprüngen.

Katerina Poladjan, in ihrer eigenen Lebensgeschichte genauso entwurzelt, wie die ProtagonistInnen in ihrem Roman, erzählt von Menschen, die mit- und weggespült werden, die nach Ankerpunkten suchen. „Goldstrand“ ist eine schillernde Collage, raffiniert erzählt, mit dem sicheren Gespür dafür, wie man in Leserinnen und Lesern jenes Mass an Stirnrunzeln erzeugen kann, das jene tektonischen Verschiebungen in eine neue Ordnung bringt.

Lesung im Literaturhaus Thurgau / Gottlieben

Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt «In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Für «Hier sind Löwen» erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit «Zukunftsmusik» stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis 2022 ausgezeichnet. Katerina Poladjan wurde 2025 mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds geehrt. 

Beitragsbild © Andreas Labes

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis

Kleiner, unvollständiger Rückblick zum 22. Internationalen Lyrikfestival Basel

Klein und bescheiden? Ganz und gar nicht. Wer sich vom 22. bis 25. Januar in Basel zur Lyrik verführen liess, wunderte sich oft über die aufmerksame Stille und das lebhafte Gedränge im Literaturhaus Basel in den Pausen zwischen den Veranstaltungen. Der Durst war gross!

Das Festival überzeugt durch seine Konzentration, die Art und Weise, wie sich ModeratorInnen und GesprächsteilnehmerInnen vorbereiten und in die Werke der Eingeladenen vertiefen. Das Programm besticht durch Qualität, nicht durch Quantität. Wenige Veranstaltungen, dafür Atempausen. Immer wieder Möglichkeiten, sich mit Dichterinnen und Dichtern auszutauschen oder Gelegenheiten mit anderen BesucherInnen bei einem Kaffee oder einem Glas Wein dem nachzugehen, womit das eben Gehörte den Nerv trifft, weit weg von Oberflächlichkeiten, Chauvinismus und Selbstinszenierung. 

wenns dich nicht gäb
ich würde dich erfinden
ausdenken
erdichten
errichten
vorstellen
so hielt ich dich in meinem kopf
in der hosentasche im schränk und fest in der hand
legte dich an die wange oder die stirn
wenn der kopf schmerzt
aber du bist und alles was mir bleibt
ist mich selbst zu erfinden

(Volha Hapeyeva «Mutentengarten», Edition Thanhäuser, S. 55)

Die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva war eine der Eingeladenen am diesjährigen Lyrikfestival. Eine Frau, die wegen politischer Repressionen gezwungen wurde, 2020 ihr Heimatland zu verlassen, die ihre Heimat in ihrer Sprache sucht, ihrer Fähigkeit, all die Leerstellen mit Worten zu füllen, Worte, die nicht erklären, nicht deuten, aber eine Spur hinterlassen auf der Suche nach Gewissheiten. Eine Frau, die sich energisch gegen die Schulbladisierung «Flüchtling» wehrt und sich als Nomadin bezeichnet und ihren Weg durch die Lande damit zur Haltung, das «Fremdsein», die Einsamkeit, das Verlorensein und den Schmerz zu ihren grossen Themen macht. Die wahre Heimat gibt es nur im Traum, sagte sie im Gespräch. Poesie als ihre Art des Denkens, eine Wahrnehmung, die neue Räume schafft. Ihre Lyrik nimmt das Gesellschaftliche ins Visier, misst sich aber stets an der Realität. Als Linguistin spürt die Autorin den Wörtern nach, ihrer Bedeutung, ihrer Mehrdeutigkeit. Ihre Mehrsprachigkeit, Volha Hapeyeva übersetzt ins Deutsche, Englische, Chinesische, Japanische, Ukrainische, Lettische prägt nicht nur ihr Denken, ihre Poesie, sondern ihren Blick auf die Welt, aus der Distanz der Vertriebenen, Ausgeschlossenen.

Eine andere Dichterin, die mit ihren vielseitigen Publikationen immer wieder für Überraschungen und Aufsehen sorgt, ist die sprachliche Tiefenforscherin Esther Kinsky. In einem feinsinnigen Gespräch mit dem Moderator und Dichter Rudolf Bussmann unterhielten sich die beiden über «gestörte Gelände», einen Begriff aus der Naturkunde. «Gestörtes Gelände» beschreibt eine Fläche, die einst vom Menschen genutzt wurde und der Natur wieder überlassen wird, von der Leblosigkeit zurück in die Vielfalt. Ein Gelände, in dem die Nutzung eingeschrieben bleibt, wie Schrift, wie eine Erzählung. Nebst naturkundlichen Streifzügen durch solches Gelände, ist vieles in ihrer Dichtung das Erforschen der Sprache über Natur selbst. Sie erkundet Schichten (in ihrem gleichnamigen Band, 2020 bei Suhrkamp erschienen), das Übereinandergelegte, Zugedeckte, das Verborgene, schon lange nicht mehr Sichtbare. Als stünde sie an einer Bruchstelle des menschlichen Seins, wo all die Segmente, die sonst nie mehr ans Licht kommen, Klärung fordern.

Wir
sagen die kiesel
wären auch gerne wort

wir sagt der schotter
(was heisst er kennt
seine grenzen nicht)
wir halten auch was von der zeit
wie sollten wir nicht

dünn entflockt der sauerklee
das sinken der blüten
hat nichts gemein mit dem fall.

(Ester Kinsky «FlussLand Tagliamento», S. 48)

Aber es gab wie jedes Jahr auch Namen, die ich nicht kannte, deren Bücher mich in den kommenden Monaten begleiten werden, wie die der frisch mit dem Basler Lyrikpreis 2026 ausgezeichneten Dichterin Barbara Hundegger. Gedichte, über die der Festredner Sascha Garzetti sagte: Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist.

Franziska Füchsl und Esther Kinsky – Vor Franziska Füchsl erscheint im Frühling 2026 bei der Edition Thanhäuser der Band «Am Rande der Müh»

Weitere Gäste waren Anna Frey, Jens Friebe, Franziska Füchsl, Elias Hauck, Nina Hurni, Vera Kappeler, Judith Keller, Martina Kuoni, Thomas Lehmkuhl, Mira Mann, Valerie-Katharina Meyer, Julia Rüegger, Tobias Pfister, Lisa Pottstock, Nadine Reinert, Monika Rinck, Jan Röhnert, Nathalie Schmid, Carlo Leone Spiller und Michael Spyra.

Grossen Dank an die Lyrikgruppe Basel mit Rolf Bussmann, Claudia Gabler, Sascha Garzetti, Ariane von Graffenried, Alisha Stöcklin, Simon Lappert und der operativen Leitung von Maria Marggraf. Ich freue mich auf die 23. Internationalen Lyrikbasel 2027!

Sonja Crone «Im Garten des Gleichmuts», Plattform Gegenzauber

Wenn wir uns
wundern
schwebt
ein Sommervogel
über dem
leeren Stuhl

 

Im Garten des Gleichmuts

Dort wachsen keine Blumen
Dabei sprießen den Kindern
Die Kirschblüten
Direkt aus den Ohren

 

Meine Worte
wurzeln in Stein
tragen
seltene Früchte
aus Blau 
auf Blättern
sind sie
zu lesen

 

Der Punkt ist ein Moment
ohne Anfang und Ende
und wir Pointillisten
tupfen das Jetzt
näher an die Unendlichkeit

 

seziertes Insekt
da schimmert nun deine Idee
im Lichteinfall fort

 

Lauschend
das Hören der Kunst
zum eigenen Ohr
werden lassen

 

Sonja Crone, geboren 1982 in Speyer am Rhein lebt in Oberwil bei Basel (Schweiz). Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, Gräzistik und Besuche philosophischer sowie kunstgeschichtlicher Lehrveranstaltungen in Leipzig, Bern und Basel. Sie ist nun als Lyrikerin, bildende Künstlerin und Lektorin tätig. Ihre Texte wurden bisher in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Ihr Debüt „Einen Spalt weit“ erschien im März 2024 im „Geest-Verlag“.

Beitragsbild © privat

Ahojana 1 «Die Solistin» – Eine Postkarte aus Maizye von Owida N. Woiax

Wie konzentriert sie ist. Ihr Körper aufrecht, angespannt, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen geradeaus. Als spiele sie das Soloinstrument in einem klassischen Konzert, ein Symphonieorchester im Rücken, eine Dirigentin neben sich und vor sich im Halbdunkeln dreitausend Ohren. Dabei hält sie bloß eine Wasserpistole hoch, mit der sie den Putzschaum von meinem Auto spritz. Das Orchester sind zwei Hunde, die hechelnd einen hungrigen Habicht aus dem Hof vor der Werkstatt vertreiben. Für die Rolle der Dirigentin komme nur ich infrage. Und ich bin so musikalisch wie eine Tanksäule, «xeloan az on popom o bænzol», das sagt man so auf Lemusa. Aber die Ohren zuhalten, das kann ich gut. Denn die Wasserpumpe macht einen kruden Krach und wirkt dabei doch so, als müsse in jedem Moment ein Infarkt ihr störrisches Stottern zersprengen.

Vor einer Stunde hatte ich meinen Wagen auf einen kleinen Parkplatz im Westen des Hafens von Maizye gelenkt. Ich stellte den Motor ab und schaute den Wellen zu, die, von einem Gewitter angestachelt, mit Wucht gegen das Land schlugen. Mehrere Meter reckten sich die Fäuste aus Gischt in den Himmel, wo sie für zwei oder drei Sekunden in bizarren Verkrümmungen erstarrten, als überlegten sie sich, was jetzt zu tun sei, ehe plötzlich alle Kraft aus ihnen wich und sie wie willenloses Wasserfleisch auf die Kiesel des Strandes herunterbrachen.
Ich wunderte mich, dass kein anderes Auto auf dem Parkplatz stand. Einen besseren Ort, um das launische Spiel der Swatala, der lemusischen See zu genießen, konnte es kaum geben. Ich sass in der ersten Reihe, geschützt von einem stabilen Gehäuse und gewärmt vom warmen Gebläse der Heizung. Da aber türmte sich plötzlich eine Welle zu solcher Höhe auf, dass es dunkel wurde. Im nächsten Moment stürzte der Ozean über mir zusammen, packte eine Hand meinen Wagen, schüttelte ihn hin und her, wieder und wieder. Aus der Lüftung spritze mir salziger Schlamm ins Gesicht. Ich drehte den Zündschlüssel um, doch der Motor hustete bloß. Erst beim vierten oder fünften Versuch sprang er an, ich legte den Rückwärtsgang ein, das Getriebe krachte, ich setzte zurück, bis zur Einfahrt des Platzes. Endlich konnte ich wieder durch die Windschutzscheibe sehen. Mein Pullover und meine Hose waren nass, mein Gesicht fühlte sich ölig an. Ich suchte nach einem Taschentuch, rieb mir die Augenhöhlen trocken, die Stirn, das Kinn. Dann musste ich lachen.
Die Lüftung gab immer noch seltsame Geräusche von sich, immerhin aber spuckte sie kein Wasser mehr. Für die Karosserie war so ein Bad in Salzlake sicher nicht gut. Das Auto war neu. Ich sei die allererste Mieterin, hatte mir der Mann von der Firma Karavektur versichert. Ich befürchtete, bei der Rückgabe könnte es Ärger geben, wenn da Salzflecken oder gar Kristalle auf dem Lack säßen. Also hielt ich bei der nächsten Garage mit Waschplatz an.

Endlich war der ganze Schaum weggespült, nur über dem Abfluss am Eingang der Werkstatt schimmerten noch ein paar Blasen in der Luft. Es roch wie im Duschraum einer Fußballmannschaft nach dem Spiel. Die junge Frau trat etwas zurück, um ihr Werk in seiner ganzen glänzenden und triefenden Schönheit zu besehen. Sie legte sich die Wasserpistole über den linken Arm, wischte sich die Rechte an der Hose trocken. Ihr Körper entspannte sich, die Runzeln verebbten, die Augen wurden weicher und fast erschien ein Lächeln in ihrem Gesicht. Jetzt war sie ganz Solistin, die tosenden Applaus entgegennahm.

Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Buchstaben-Kunst-Dinger von kuriosem Gewicht, von beträchtlicher Grösse – Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026

Lauchzwiebel, laudabel, Laudanum, Laudatio: im Rahmen eines Festakts gehaltene feierliche Rede, in der jemandes Leistungen und Verdienste gewürdigt werden. Kein Wort über das eigentliche Problem: Dass es kein Sprechen über Kunst geben kann, dass dieser gerecht werden, sie auch nur berühren könnte.

Laudatio für Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026,
von Sascha Garzetti

Das Sprechen über etwas ist eine wunderliche Sache. Das hat mit der Sprache zu tun. Sprache erzählt immer von dem, was sie nicht ist. Von dem, was nicht da ist. Daraus erwachsen ihr aber auch Möglichkeiten. Denn: Sie ist ja da. Und das eine – ein Zeichen, ein Laut – hat mit dem anderen – den Bedeutungen, dem Kräuseln in den Synapsen – zu tun, ist mit ihm wie über einen feinen Faden verbunden –und über noch einen und noch einen. Zieht man im Bild nun – ausgehend von den Wörtern – Faden um Faden ein, so entsteht allmählich etwas, was ich einen Text nennen möchte: einander Zugewandtes, miteinander Verbundenes, ineinander Verwobenes. Darum soll es hier gehen.

Es gehört zu den Eigenheiten einer Preisverleihung, dass die Preisträgerin im besten Fall vor Ort ist und etwas macht, zeigt, sagt, liest, singt, das sich nicht neben das Sprechen über etwas gesellen, sondern sich davor stellen kann.

Aber wie die Zeit überbrücken?

Es gibt unzählige Wege, die Würdigung einer Autorin anzuzetteln.Es gibt das leere Blatt, auf das man ein Wort setzt, als wäre es ein erstes: Vorher war nichts,  nachher ist da ein Wort. Darauf könnte man sich etwas einbilden.

Gegenperspektive: Es gibt unzählige Wörter, die man abzutragen, fortzuschlagen, abzuschleifen, wegzuschreiben versucht, bis etwas übrig bleibt. Die Arbeit Barbara Hundeggers gleicht denn auch der einer Holz- oder Steinbildhauerin. Ihre Gedichte sprechen nicht von und über Themen, vielmehr legen sie diese offen, ja sprechen aus diesen heraus. Und sie sprechen aus der Sprache heraus. Denn: «In der Sprache ist ja alles schon da.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 59)

Aber wie die Zeit überbrücken?

Sich beispielsweise ein Wort bei der Autorin leihen: «[F]ür mich ist Lyrik auch das hochgradige Bewusstsein davon, dass Sprache und Wörter nicht beliebig abrufbar sind, um nur den eigenen inneren schönen Plan zu erfüllen oder zu dekorieren, sondern dass Sprache und Wörter ein einschüchternd starkes Eigenleben mitbringen, das sich nur dann produktiv nutzen lässt, wenn man es respektiert, also die Verästelungen und Vergangenheiten und Gewichte und Entgleisungen usw. der Wörter sowie andere Eigenheiten des Materials nicht ignoriert. Dichter/innen werden ja ganz gern als Beherrscher/innen der Sprache beschrieben, aber mir erscheint diese Herrschaftsdiktion fragwürdig und paternalistisch, denn Sprache ist ein so mächtiges Material und weiss sich durchzusetzen, selbstverständlich auch gegen mich – und die Sprache ist klüger als ich.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 46)

aufschirren, Aufschlag, Aufschlagball, aufschlagen: im Fall hart auftreffen, aufprallen; durch einen oder mehrere Schläge öffnen; den Ball zur Eröffnung des Spiels über das Netz schlagen; sich mit einer heftigen Bewegung bis zum Anschlag öffnen; ein oder mehrere Blätter eines Druck-Erzeugnisses zur Seite schlagen, sodass eine oder zwei Seiten darin offen daliegen; durch Aufheben der Lider öffnen; nach aussen umschlagen; durch Zusammenfügen der Teile aufstellen; auflodern; erhöhen, heraufsetzen; irgendwo erscheinen, ankommen.

Beim ersten Gedicht beispielsweise, der ersten Strophe: «wir stehn noch auf ein/ zwei beinen, wir atmen und/ schwatzen von lust. bis in die/ träume fehlt es an scheinen. und/ keine will was von brust-/ schwund hören.» Die Strophe weist voraus, setzt erste Inhalte, einen Ton – von vielen. Von hier an: Gedichte, die immerzu das Verwobensein des Subjektiven mit dem Gesellschaftspolitischen offenlegen – um selbst den nächsten Faden einzuziehen. Eine Sprache, die auf sich selbst und die Dinge zuhält, die das Bild, den Bruch, den Klang, den Rhythmus sucht, sodass es einen zu jedem Wort zieht, man immer tiefer in die unter diesen Versen liegenden Schichten hinabgerät.

Die poetische Präzision, die Alltägliches erfasst, scheint in «desto leichter die mädchen und alles andre als das» noch stärker gebrochen bis auf das Wort. Von diesem ausgehend die Verästelungen nach allen Richtungen: «desto schwerer die schuhe wir/ machten uns auf holen was uns/ gehört: sterne echtes wie/ rätsel und die noch warm/ ernst von der frage die/ wirklich wer stellte eine/ der anderen wir uns oder/ sich flugzettel sind da/ blattweise desto leichter/ die mädchen und alles/ andre als das» (Hundegger: desto leichter die mädchen und alles andre als das, S. 40) Bisweilen erzeugen die Gedichte das Paradoxon eines rhythmischen Stotterns, das zu noch mehr Präzision führt, weil es ein Heranzoomen ist: Ein Wort kann angebunden sein an ein letztes oder ein nächstes oder stehen wollen für sich. Die Zeilensprünge bei Hundegger sind Sprünge ins Ungewisse. Man liest und ja: liefert sich aus. Und Anbinden heisst auch: Zusammensetzen der Wörter: trommelrose, stachelblitz, mittagsbeschauchlichkeitswahnsinn, entwusstheitsflehen, geistergeplänkel, zwinkersucht. Man nimmt die Gedichte beim Wort.

Oder stellen Sie sich vor, Sie reisen für einen Schreibaufenthalt nach Rom – und am Abend vor Ihrer Abreise verstirbt der Papst: «timing du in rom und sedisvacanza/ vaterherrenpapstlos zwischenatemzeit.» (Hundegger: rom sehen und, S. 47) Man kann sich vieles vorstellen – ausser den Zufall. Aus diesem Zwischenraum, der sich von allen Seiten alsbald zu füllen beginnt, schöpft die Autorin im Gedichtzyklus rom sehen und, hängt Bericht, Schilderung, Zeitungsluft, durch die Sprache herausgearbeitete Impressionen, Beobachtungen, Begebenheiten selbst kleinster Art, das Nachdenken über die «innere Fracht» (Hundegger: rom sehen und, S. 84) ineinander. Was tun, wenn man morgens zum Kaffee eine Zeitung braucht, in deutscher Sprache aber nur die «Bild» aufliegt? Die «Bild» lesen? Ja, sich dafür aber entschädigen: Alles durch die Sprache sickern lassen, die Sprache durch alles – also auch durch sich selbst – und sehen, was geschieht, wenn nebeneinander gesetzt und ineinander verwoben wird, was sich sonst kaum berührt. Die Provokation nicht als Geste, sondern als Versuchungsanordnung, die Hallräume schafft.

Dompredigerin, Domprobst, Dompteur, Dompteurin: weibliche Person, die wilde Tiere für Vorführungen dressiert.

Als Vorarbeit für den Gedichtband schreibennichtschreiben las Barbara Hundegger den Duden von A bis Z durch: «eine der spannendsten Lektüren» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 77) ihres Lebens. Der Band setzt mit einem Prosa-Intro ein, das den Themenbereich des Schreibens an- und aufreisst, aber auch den Schreib- und Literaturbetrieb in pragmatischer Weise reflektiert: «preise und deren verleihungen – problematische momente literarischen daseins: wer gründlich schreibend den verhältnissen nachgeht, entwickelt ja logisch eine zurückhaltende haltung zur macht.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 8) Hundegger schreibt schonungslos und pointiert, um dennoch oder gerade deswegen tröstlich zu bleiben, in Trostvolles zu münden von Z nach A: «anfänglich: die einsamkeit von etwas, in dem du dir erscheinst. die ahnungen, die dich daheim suchten. – glücke, spätnachts. bestürzungen, mitten am tag. – die lichtspiele, wenn dir was dämmert. der dunkle ernst, der dir erhellt, dass du auch nur geblendet bist. – das viele-schriftarten-sein in deinen schriften. das schriftlich eins-sein mit dem, was deiner handschrift doch gelang. Anfänglich war es nicht abzusehen, dass das bei dir bleibt.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 16) Der Gedicht-Teil verbindet aus Nomen und Partizip II-Formen gebildete und gelistete Wendungen mit Gedichten, die aus diesem Material hervorgehen und deren Titel aus Nomen und Infinitiv-Formen gebildet sind. Die Titel wie kleine Türschwellen, darauf beinahe unmerklich ein Innehalten, ehe man in die Verse einfädelt: «drähte kappen: schon es kommt glück auf in dir von/ einem seine zigfach wendigen wesen/ kühn jonglierenden satz du dompteur/ dompteuse je nach gegen lage fall/ doch schon kommt ein unglück nach/ aus denselben wörtern sagt es säumig/ seinen preis den menschlichen entzug». (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 87)

Im Band «wie ein mensch der umdreht geht. dantes läuterungen reloaded» überträgt Barbara Hundegger die Themen aus Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» in die Gegenwart. Da steht der Dichter wie verknotet am Läuterungsberg: «dieser berg hat keine strafe die/ bitterer wäre als: im gehen den/ knoten deiner schulden nicht zu/ lösen | als oben elend übersäuert/ statt im strahlend himmelfreien/ im drückend gipfelinneren zur/ selbstschau gezwungen zu sein:/ auf folgen deines größten fehlers/ und worüber du nicht sprichst |/ ehrlich: grandios wird das nicht. (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 19) Die Gedichte sprechen eine Gegensprache, als ein vehementes Ansprechen gegen etwas, aber auch als ein Anlehnen an etwas und jemanden. Es gibt die Kritik an der Macht, ja an allem, was von Kanzeln, Thronen, Podien, Manageretagen herunterspricht. Es gibt aber auch die radikale Zugewandtheit allem gegenüber, zu dem die Sprache kommt – und immer wieder diesen feinzüngigen Humor. Es ist das stetige Ausmachen des einen im anderen,
das Einweben des einen in das andere, also das Ausfindigmachen, Benennen und Anlegen von Bezügen, Kontrasten, Texturen – selbst in Hanglage –, das diese Gedichte auszeichnet – und über die Dante in die Gegenwart steigt: «von dem was wir säten blieb: ihnen das/ heu | selbst das stroh: nahmen sie | wie/ das wasser: in pet-flaschen grub man es/ uns ab | uns ließ man als ernte: den staub.» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 111)

Streiferei, streifig, Streifjagd, Streiflicht: Licht, das [als schmaler Streifen] nur kurz irgendwo sichtbar wird, irgendwo auftrifft, über etwas hinhuscht; kurze, erhellende Darlegung.

Der Band [anich.atmosphären.atlas] ist dem 1723 in Oberpfuss (Tirol) geborenen Bauern und Kartographen Peter Anich gewidmet. Nach dem Tod des Vaters bildete sich Anich mathematisch und astronomisch weiter und machte solcherlei Fortschritte, dass er den Auftrag erhielt, für die Universität einen Himmelsglobus mit einem Durchmesser von einem Meter anzufertigen. Später fertigte Anich in kürzester Zeit eine Landkarte, die zwei Drittel des heutigen Nordtirols umfasst. Den Druck des «Atlas Tyrolensis», der genauesten Karte ihrer Zeit, die 1774 erschien, erlebte er nicht mehr. Die Arbeit war körperlich und geistig über alle Massen zehrend. Von heftigem Sumpffieber befallen, verstarb Anich 1766 an den
Folgen eines Schlaganfalls.

«ein bauer: er näherte sich/ den sternen des weltalls |/und von einem birnbaum/ aus: sie greifen nach ihm». (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7) So setzt Barbara Hundegger Peter Anich, den Bauern und «meister der mechanischen künste» (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7), ins Bild, auf einen Ast, unter die Sterne. Hier – in und zwischen die Zeilen gebettet – kann man ihn sich trotz aller Gewichte, von denen wir im Verlauf der Lektüre erfahren, leicht vorstellen. Die Autorin gibt einem eine Stimme, der zwar gesehen wurde, bei dem das Aber aber so schwer wog, wie die zuvor erwähnten Gewichte.

Im letzten Gedicht des Bandes heisst es: «dein ende: nichts sehen nichts/ hören | der ganze körper: taub | und gegen/ abend im garten | wohin man dich brachte:/ wüste krämpfe bei dem birnbaum wo dein/ hang begann | die sterne: prächtig | deiner:/ 43 geworden | ach anich: es ist aus | großer/ wagen kleiner wagen fahren beide vor dich/ zu holen | und du: steigst in den kleinen ein». (Hundegger: anich.atmosphären.atlas, S. 201) Barbara Hundegger reichen wenige Wörter, wenige Zeilen, um in Streiflichtern das Porträt eines Menschen zu entwerfen, etwas davon ein- und aufzufangen. Man liest es und will sich aufs Bein schlagen.

Eine Sache zu vermessen, zu durchdringen, heisst auch: durch sie hindurchzudringen zu etwas, was dahinter liegt, was es auch noch gibt. So weist« [anich.atmosphären.atlas]» über das Leben Peter Anichs, über das Tirol hinaus, indem es Strukturen offenlegt: Ein Mensch wird zerrieben zwischen Herkunft und sozialer Klasse, Wünschen, Sehnsüchten und Möglichkeiten, Pflichten und Anforderungen von oben. Das Durchmessen über die Biografie und den geografischen Raum hinaus geht in den Köpfen der Leser*innen weiter. Durch die sprachliche Gestaltung, den Ton, den Rhythmus, durch den diese Texte aufgespannt, gestützt, getragen werden, wächst der Raum ins Unermessliche.

In Ihrem letzten Band mit dem Titel «[in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis]» behandelt Barbara Hundegger die Corona-Pandemie, lotet Hörweiten und -tiefen aus, legt einen Katalog der Angst an, geht dem individuellen Erinnern der Überlebenden der Shoah und ihrer Nachfahren nach, fächert ein Motetten-Kabinett zu Textquellen bei Bach auf, entwirft das berührende Porträt einer Häuslerin, der tant’, widmet jedem der 55 Kilometer des Brennertunnels einen Dreizeiler – das macht sie wirklich –, sprüht Lebensregelnnebel, bis er sich lichtet und etwas sich mit ihm, indem sie Redewendungen und Sprichwörter dreht und wendet, dass kein Wort beim anderen bleibt, und schliesst mit Gedichten für und an Kinder. Im zyklischen Arbeiten potenziert sich die Wirkung der Gedichte entgegen der Logik in der Summe, wenn sie über ihre jeweiligen Grenzen hinaus mit dem Nachbarinnen-, dem Nachbarinnennachbarinnen-Gedicht Zwiesprache halten, aber auch über die Zyklen hinaus und hinweg, an deren Enden und Anfängen weitersprechend, einen Faden unscheinbar spinnend oder aufgreifend, das eine
an das andere knüpfen.

Haltung: Art und Weise, besonders beim Stehen, Gehen oder Sitzen, den Körper, besonders das Rückgrat, zu halten; Körperhaltung; innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt; Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird; Beherrschtheit, innere Fassung; Tierhaltung.

Und wenn jemand fragte: «Worum geht es wirklich?»

Barbara Hundeggers Gedichte greifen verdichtend aus – und klammern ein. Es ist, als ob die Gedichte unzählige Stimmen hätten, die sie weitergeben: an diejenigen, die zu selten gesehen oder gehört werden. Hundegger erschreibt eine Poesie der radikalen Zugewandtheit: den Menschen wie den Dingen gegenüber, die in die Gedichte aufgenommen werden: «an jemandes/seite auf der seite stehen wo der mensch das herz/hat» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 113), heisst es einmal. Zugleich prangern und klagen die Texte an, sind in der kritischen Offenlegung von Missständen jedweder Art unmissverständlich, ohne je den lyrischen Ton abzulegen. Barbara Hundegger schreibt aus der Sprache herausgearbeitete, alles durchdringende Kleinstkunstwerke.

«schönrechnungsart: wie schwer der/ halbe mantel denen wiegt die er vor/ not bewahrt | rechnungsart: ja wie/ viele mäntel denn noch der schon/ hat der davon groß den halben gibt» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 39) Das hat mit Haltung zu tun.

«Das Nicht-Berücksichtigen, das Ausblenden der Verhältnisse, die uns umgeben und bestimmen – Armutsfragen, Minderheitenfragen, Geschlechtergerechtigkeitsfragen, Marktfragen, Medienfragen, Mechanismen und Dynamiken der Macht auch in demokratischen Systemen usw. – ist […] eine Quelle literarischer Ungenauigkeit und der Überantwortung politischer Zustände in die Zuständigkeit des und der Einzelnen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 52)

Ich kannte erst einige verstreute Gedichte Barbara Hundeggers, als ich sie als Moderatorin erleben konnte. Ich dachte: Das wird nicht allen passen. Die Auftakterin nichts als Wohlfühl-Vorband, stattdessen ein Ausloten bis ins Verwinkeltste, ein Auffalten, das dazu führen kann, dass die Gedichte im Anschluss einen schweren Stand zu haben scheinen. Aber Gedichte können sich nicht fürchten. Und es geht nicht um eine Inpflichtnahme der Wörter, vielmehr um die Verpflichtung der Autorin, sich selbst, einem Gegenüber, der Sache und der Sprache gegenüber – der fremden wie der eigenen. Auch das hat mit Zugewandtheit zu tun.

Und mit Haltung.

«Grundsätzlich gilt, dass die Texte, die ich produziere, in ihrer Gesamtheit den Anspruch verfolgen, sich in durchdachter Weise sprachlich und gesellschaftspolitisch komplex mit den je relevanten Themen, Spiel-Orten, Sprachfeldern usw. literarisch auseinanderzusetzen und aus dieser Sprach- und Wahrnehmungsarbeit so konzentrierte wie berührende lyrische Gebilde entstehen zu lassen, die das weithin Unterschätzte an Gedichten, jenseits verstaubter Erwartungen oder Zuschreibungen und in Opposition zur Randexistenz von Lyrik innerhalb des Literaturmarkts, emotional und intellektuell lesbar, hörbar, erfahr- und erfassbar zu machen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 57.) Das heisst auch: Gedichte in den öffentlichen Raum zu tragen. Und wenn die Acryl-Platten so gross sind, dass sie gerade noch so ins Auto passen, kann das in den Rücken gehen. Irgendwie hat auch das mit Haltung zu tun. Den Public-Poetry-Projekten wäre ein eigenes Kapitel zu widmen.

Ein literarischer Text ist aus Wörtern gemacht. Wenn man sie nebeneinander und untereinander aufreiht, es schafft, Bezüge zwischen selbigen herbeizuschreiben, kann ein Gerüst entstehen – Gedichte beginnen immer als Baustellen. Es gibt aber Texte, die wirken, als stünde einem ein Mensch gegenüber. In ihrem Innern klirrt es nicht, wie wenn Metall auf Metall schlägt. Sie haben ein Skelett, eine Wirbelsäule, ein Rückgrat: Haltung eben. Und es schlägt ein Herz nach draussen.

«Womit ich mich in meiner Lyrik-Arbeit die ganze Zeit befasse: mit der prekären Balance von Wörtern, ihren Bedeutungen, Schatten, ihrem Gewicht, ihrem Licht, um daraus Kleinstgesamtkunstwerke zu erschaffen – und wenn das gelingt, wenn es das hat, das Gedicht, was es dazu braucht, und wenn es (sich) das leistet, gleichzeitig poetisch, politisch und persönlich zu sein, dann ist es ein in sich und mit der Welt in schneidiger Schwebe austariertes Buchstaben-Kunst-Ding von erstaunlichem Gehalt.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 87)

Zu sagen, nichts sei vor Barbara Hundeggers sprachlichem Zugriff sicher, griffe zu kurz. Was ist das für ein Zugriff? Man denkt an die Bewegung der Finger, die fester greifen, wieder loslassen, noch einmal zugreifen, sieht eher aber ein Pulsieren vor sich, spürt, wie diesen Gedichten der Puls geht. Und vielleicht ist alles, was in diesen Texten zur Sprache kommt oder zu dem die Sprache kommt, gerade das: aufgehoben, zu sich genommen, getragen.

Ja, Barbara Hundeggers Gedichte erzählen etwas. Gerade die Gedichtzyklen erzählen sogar viel. Doch selbst dort, wo sie viel erzählen, breiten und erzählen sie nie aus. Stattdessen arbeiten die Gedichte mit Leerstellen, also mit Luft, lassen Raum, ihrem Nachhall nachzuhören. Der eigentliche Text entsteht durch diesen erweiterten Hallraum. Das heisst: die Leser*innen nicht ausschliessen, sie ernst nehmen. Und ja, auch das hat mit Haltung zu tun.

Die Auslassung in literarischen Texten ist anfällig für den Bluff. Wo nichts steht, entsteht nicht zwingend Tiefgang. Barbara Hundegger aber schreibt nicht nichts, sondern immer so viel, wie nötig ist. Denn: «Was in einem Gedicht steht, steht nicht – zwecks Deutung oftmals bemüht – ‚zwischen den Zeilen‘, sondern in seinen Zeilen, wer in die Zeilen nichts hineinschreibt, darf sich nicht wundern, dass sich daraus nichts herauslesen lässt und auch zwischen den Zeilen nichts steht.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62) Reduktion und Verdichtung sind immer der Klarheit verpflichtet, «denn die Schwebe, Mehrdeutigkeit, Offenheit eines Textes entsteht durch Genauigkeit und nicht durch Vernebelung.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62)

Wie das Gewicht einer Sache, deren sich ein Gedicht annimmt, in demselben erscheint, wird zuvorderst durch die Form, also die Sprache mitbestimmt. Die Sprache des Gedichts spottet dabei der Physik, wird es doch paradoxerweise in der Verdichtung leicht. Es zieht sich nicht zusammen, verschliesst sich nicht, sondern macht sich auf, hebt ab. Und es kann aufgehen in einem – über den Klang, der Rhythmus, den Sound.

«stirnen bieten: in dem schrägen licht des spätnachmittags/ staubwild durch dein fenster bricht in dem/ regenbogenstreifen den die spiegelkante als/ spektralstrahl über deinen schreibtisch wirft/ im zigarettennebel den deine herkunft deine/ zukunft um dich legt übersetzt sich etwas in/ schwerkraftlose wörter von kuriosem gewicht/ von beträchtlicher größe je näher sie kommen/ umso mehr als nähmen gezeiten projektionen/ lawinen plakate aus dem weltall kurs auf dich (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 41)

Im Film «Dead Poets Society» gibt es eine Szene, in der ein Schüler aus dem fiktiven literaturwissenschaftlichen Werk «Poesie verstehen» vorliest. Die Grösse eines Gedichts – so behauptet die Einleitung – lasse sich berechnen, indem man dessen sprachliche Perfektion, die sich ihrerseits insbesondere an der Verwendung metrischer Mittel bemessen lasse, auf der x-Achse vermerke, während man die Bedeutung des Gedichts auf der y-Achse festhalte. Die ermittelte Fläche bilde die Qualität eines Gedichts ab. Das ist natürlich Unsinn. Und so bittet Robin Williams die Schüler denn auch, die entsprechende Seite herauszureissen.

Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist. Wie oft man aus dem Stuhl springt und ins Nebenzimmer rennt, um seinen Liebsten ein Gedicht oder einen Vers daraus vorzulesen, auch wenn der dreijährige Sohn jedes Mal ruft: «Papa, ned immer rede!» Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie gross seine Fähigkeit ist, Atem zu holen, auf dass es gross und immer grösser wird, wenn man es wieder und wieder liest. Ihre Gedichte, liebe Barbara Hundegger, wachsen im Lesen ins Unermessliche.

Wenige Stunden, bevor die Geburt meines zweiten Sohnes losging, schrieben Sie mir: «kinder sind ja die nettesten menschen überhaupt auf der welt.» Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet. Über Kinder zu schreiben ist dem Schreiben über Gedichte verwandt – was soll man sagen? Es gibts nichts mehr zu überbrücken.

Ihre Nachricht schloss mit der Bitte, ja der Aufforderung, das Leben zu feiern.

Heute, liebe Barbara Hundegger, feiern wir Sie und Ihre Gedichte. Ab morgen wieder das Leben.

Herzliche Gratulation.

Barbara Hundegger, geboren 1963 in Hall in Tirol, lebt als freie Schriftstellerin in Innsbruck. Mehrere Jahre Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Innsbruck und Wien; langjähriges Engagement in der Autonomen Frauenbewegung; berufliche Tätigkeit als Korrektorin, Lektorin und Redakteurin; Lektorin am Institut für Sprachkunst/Universität für Angewandte Kunst/Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Reinhard-Priessnitz-Preis (1999), Christine-Lavant-Lyrikpreis (2003), Outstanding Artist Award für Literatur (2011), Anton-Wildgans-Preis (2014) und Tiroler Landespreis für Kunst (2020). 

Sascha Garzetti, 1986 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und skandinavische Literatur an der Universität Zürich. Heute unterrichtet er Deutsch an einem Gymnasium und Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Vereinzelte Gedichte und Gedichtzyklen wurden ins Englische, Spanische, Griechische, Ukrainische, Russische und Bosnische übersetzt. Zudem leitete Garzetti Schreibwerkstätten für junge Erwachsene. Als Mitglied der Basler Lyrikgruppe kuratiert er das Lyrikfestival Basel und den Basler Lyrikpreis mit.

Beitragsbild © Samuel Bramley

Abbas Khider «Der letzte Sommer der Tauben», Hanser

Noah ist zwölf und lebt ganz für seine Tauben auf dem Dach seiner Familie. Mutter und Vater haben sich recht und schlecht in ihrem Leben eingerichtet und das eine oder andere Mal bringt ihm das Glück eine neue Taube. Bis Männer in Autos das Kalifat ausrufen und mit einem Mal alles anders sein muss.

Nur zu gut erinnern wir uns an Bilder von Pickups, bärtigen Männern, Gewehre gegen den Himmel gereckt und schwarze Fahnen im Fahrtwind, als vor gut 10 Jahren im Irak und in Syrien die Terrororganisation ISIS den islamischen Staat ausrief. Zu glauben, dass all jene, die damals mordeten und brandschatzten, heute zur Besinnung gekommen wären, ist naiv. Ebenso die Hoffnung, dass sich die Bevölkerung in Staaten wie Afganistan irgendwann ganz bestimmt aus ihrer Knechtschaft selbst befreien werden. Was ist dann an Kraft noch geblieben? Oder man sieht Bilder von Kundgebungen in Deutschland, Städten wie Hamburg, wo junge, bärtige Männer, muskelbepackt und mit unverholener Selbstsicherheit und Radikalität das Kalifat in Deutschland fordern, das Kalifat als Allheilmittel anpreisen. Wenn am Rande solcher Veranstaltungen ein artiges Häufchen eingeschüchteter Frauen unter ihren Niqab applaudiert und man sich angesichts der meist jungen Männer, die lauthals Parolen schreien, fragen muss, was da ungehindert zu gedeihen scheint.

Noch viel schlimmer dabei ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr differenzieren können zwischen Islam und Islamismus. Und wenn aus christlicher Sicht dann noch die Versuchung geschürt wird, den Islam mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen und vergessen wird, was in den letzten zwei Jahrtausenden im Namen der Christen angerichtet wurde, scheint jedes Mass, jede Relation im Gezeter des Hasses unterzugehen.

Abbas Khider «Der letze Sommer der Tauben», Hanser, 216 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-446-28222-3

Noahs Glück ist brüchig. Schon sein älterer Bruder ist irgendwann aus der Familie verschwunden, zusammen mit ihm alle Bilder von ihm, sein Name, alles. Nur manchmal sieht er seine nie mehr frohe Mutter unter Tränen jenem einen, letzten Foto seines Bruders nachtrauern. Seine Schwester ist schwanger. Aber auch ihr Glück ist bedroht. Ihr Mann, der bei der Polizei arbeitete, ist jetzt, wo die Mudschaheddin die Macht mit ihren Gewehren zeigen, eingesperrt und von deren Willkür bedroht.

Es ist Sommer in der Stadt. Noahs Vater ist von den neuen Machthabern gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen Vorschriften anzupassen. Alles, was zu sehr nach Weiblichkeit aussieht, muss verschwinden, verbrannt werden. Jeder abgebildete Frauenkörper muss mit einem Stift geschwärzt werden. Sein Onkel Ali, der unter dem gleichen Dach ein Café führt, muss den Laden dichtmachen. Alles, was ihm bleibt, ist seine Taubenzucht, das, was ihn mit Noah verbindet. Tauben sind für Noah und seinen Onkel all das, was ihnen nach und nach genommen wird, nicht nur die Freiheit, die Fähigkeit zu fliegen, auch ihr soziales Gefüge, der Zusammenhalt, den Willen, sich nach den Schwächsten in der Gruppe zu richten. 

Zusammen mit seinen Freunden Shirzad und Mohamed waren sie einst eine Clique, nannten sich die Al-Pacino-Bande. Aber nachdem Shirzad als Jeside zusammen mit seiner Familie verschwindet und Mohamed nach einem „Ferienlager“, an dem der Gebrauch der Waffe gelernt wurde, nicht mehr der gleiche ist wie zuvor, spürt Noah, dass sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Bis auch die Tauben vom Himmel verschwinden sollen.

Abbas Kidher zeigt im kleinen Kosmos eines Zwölfjähigen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, wie die Kombination aus Staat, Recht und Religion keine Freiheiten erlaubt, wie ein hassgesteuertes, hirarichisches System von enthemmten Männern alles zunichte macht, was die Rechte des Individuums hochalten will, wie aus Hoffnung Angst wird.

Mag sein, dass der Roman von Abbas Khider aus der Sicht des Zwölfjährigen erzählt manchmal fast zu sehr zur Parabel, die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Taubenschlag arg strapaziert wird. Trotzdem erzählt der Roman ein Stück beklemmender Wirklichkeit und Realität.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. 

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher»

Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand

Manchmal überraschen mich Bücher, die Sprache in einem Buch so sehr, dass ich regelrecht betört bin. Dass die Autorin eine Österreicherin ist, wundert mich wenig, denn wie kein anderes Land scheint Österreich immer und immer wieder Stimmen hervorzubringen, die mit einem ganz eigenen Sound bestechen.

Eine Bäuerin in einem kleinen, norddeutschen Bauernhof schlachtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts illegal ein Schaf. In einer Zeit, in der alles, was man brauchte, von der Scholle kommen musste, auf der man lebte. In einer Zeit, in der die Bäuerin alles können musste, um eine Familie am Leben zu halten. Wie man schlachtet, pökelt, räuchert, wie man Früchte und Gemüse konserviert, wie man Wunden versorgt. Zur Not, und von der Not gab es viel, musste eine junge Frau den Hof auch alleine führen, wenn die Mutter viel zu jung starb oder Vater und Ehemänner aus dem Krieg nicht zurückkehrten.

Henrike führt das Schaf in die Waschküche, wo sie alle Fenster abgedunkelt hat, damit niemand im Dorf das heimliche Schlachten mitbekommt. Schweine würden schreien. Schafe sterben still. Henrike hängt das tote Schaf an eine Holzleiter und zieht das Messer in gerader Linie bis zum Brustknochen, öffnet den Körper wie ein Buch, kehrt das Innerste nach aussen. So wie Anna Maschik es mit dem Erzählen durch ein ganzes Jahrhundert tut.

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand, 2025, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-630-87814-0

Die einzigen im Dorf, auf die niemand verzichten kann, sind Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau. Nicht etwa ein Priester. Beides sind Begleiterinnen in Momenten, in denen die Kraft zum eigenen Handeln fehlt; bei der Geburt und beim Gang in den Tod. Anna Maschiks von Bildkraft strotzender Roman macht bewusst, wie nah die Zeiten waren, in denen das Schicksal einer Frau unabwendbar im Zyklus von Werden und Vergehen, von Dienen und Aufopferung eingebunden war. Das Leben auf einem Bauernhof oder später in der Stadt, „an der Seite eines Mannes“, ist weit weg vom romantisierten Blick auf die Liebe, von der Selbstverständlichkeit der Gegenwart. Man wird in eine Famlie geboren, begleitet von Liebe oder nicht, hat zu überleben, zu arbeiten, vorbestimmt in einer Aufgabe, in Traditionen, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Von der Urgrossmutter Henrike, der Grossmutter Hilde, der Mutter Miriam; sie alle bringen ungefragt Kinder zur Welt, die einen stumm, die andern laut. Hildes Bruder Benedikt verschläft die ersten 15 Jahre seines Lebens. Miriams Bruder Wolfgang bleibt ungeliebt, ein Aussenseiter, ein Wolf. Und als alle Kinder Hildes mit einem Mal aus dem Haus ausziehen, bricht das Familiengefüge auseinander, weil das, was sie zusammenschweisst, die Not war. Alle Mütter tun sich schwer mit ihren Töchtern, auch wenn alle Frauen in der Familie alles daran setzen zu überleben. Auch wenn dieser kleine Rest Überleben nur das Stück Garten beim Haus ausmacht. Was für ein Schmerz, wenn dann auch noch die Farben aus dem Garten verschwinden.

Alma, die letzte in der Ahnenreihe der Frauen, ist die Erzählerin. Sie öffnet nicht den Körper des geschlachteten Schafs. Sie öffnet die Innereien einer Familie. Sie zieht das Messer bis zum Brustbein, bis zum Innersten. Dass Anna Maschik dabei Traumbilder hineinnimmt, dass sie Wiederholungen einbaut, die das „Immergleiche“ des Lebens spiegeln, dass Anna Maschik Listen mitnimmt, die sich wie Litaneien lesen, die sich die Frauen vorbeten müssen, um zu überleben, macht dieses Buch zu einem ungewohnt brachialen Leseerlebnis.

Und wenn man sich vor Augen hält, das „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ein Debüt ist, bewundert man den Guss, aus dem dieses aussergewöhnliche Buch geschrieben ist. Ein Versprechen! Grossartig!

Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Luca Senoner