Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener – ein Interview

Von der Zeit über Illusion zur Absurdität – Die aus Chur stammende Musikerin Claudia Vonmoos legt ihr erstes literarisches Werk vor.

© Damian Byland

Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Frau Vonmoos, was veranlasste Sie, Ihrem künstlerischen Schaffen mit der Musik, ein neues hinzuzufügen und zwar der schriftstellerischen Art?

Claudia Vonmoos: Ich schreibe schon lange, nur hat es etwas gedauert, bis ich auf die Idee kam, mir die Texte zwischen zwei Buchdeckeln vorzustellen, um damit ein Lesepublikum zu erreichen. Auch als Musikerin habe ich, vor allem in meinen musikalisch-szenischen Projekten, viel mit Texten gearbeitet. Damals allerdings nicht mit eigenen, sondern mit Fremdtexten.

Die Sprache spielte also nebst der Musik schon immer eine Rolle?

Das Arbeiten mit Worten war für mich schon immer selbstverständlich.

Blättert man das schön gemachte Buch auf, sieht man sich keiner langen Erzählung gegenüber – abgesehen von den Porträts im hinteren Teil, sondern kurzen, ja ironischen und verspielten Sätzen. Es sind «Miniaturen» wie es im Untertitel steht. Was gefällt Ihnen an der kurzen Form des Schreibens?

Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener Verlag, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-948442-57-6

Bei der Arbeit an den Miniaturen gefällt mir die Herausforderung, eine Idee, einen Gedanken oder eine Geschichte mit wenigen Worten festzuhalten. Es sollte kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig auf dem Papier stehen. Die Miniatur lässt Raum für unterschiedliche Lesarten. Es freut mich, wenn Lesende Dinge im Text entdecken, die mir nicht aufgefallen sind. Auch kann jede Miniatur eine andere „Form“ haben. Die Arbeit daran ist abwechslungsreich. 

Auf Seite 106 lesen wir das hier: Ich hätte gerne drei Gramm Ruhe. Sie können aufrunden. Oder schon der Satz als Titel: Kunst ist, sich an morgen zu erinnern. Kommen Ihnen solche Sachen nachts im Traum in den Sinn oder beim Proben als Pianistin?

Tatsächlich ertappe ich mich beim Klavierüben manchmal dabei, dass sich die Gedanken auf eine andere Ebene, die Textwelt, begeben. Für das Schreiben ist das gut, fürs Klavierspiel natürlich nicht. Aber Ideen können einem überall in den Sinn kommen, oft ganz unerwartet. Ich habe immer ein Notizbuch in Papier- oder digitaler Form, dabei.

Aber wie kamen Sie auf diesen schönen Buchtitel?

Den habe ich beim Blättern in älteren Notizen gefunden. Ich wusste sofort, dass ich den Satz als Titel verwenden will, weil damit mehrere Themen angedeutet werden, die im Buch eine Rolle spielen, zum Beispiel Zeit, Erinnerung, Kunst, Illusion und Absurdität.

Dieses Buch hat als Geschenk einen grossen Vorteil: Der Beschenkte muss sich nicht durch einen Roman lesen, sondern kann blättern und stöbern und da und dort schöne Sätze geniessen. Wie haben Sie es denn mit dem Lesen von Büchern?

Ich lese sehr gerne, auch Romane. Im Moment liegt das Buch „Lektionen“ von Ian McEwan vor mir. Der Autor verknüpft unterschiedlichste Ebenen virtuos miteinander. Das gefällt mir. Vor Kurzem habe ich per Zufall zwei Romane von Elfi Conrad entdeckt …

… Eine in Karlsruhe lebende Schriftstellerin mit den Romanen «Als sei alles leicht» und «Schneeflocken wie Feuer», die übrigens auch Musik studierte…

Ihre präzisen, kurzen Sätze ohne Schnickschnack treffen mitten ins Herz.

Bis 2023 unterrichteten Sie an der Musikakademie Basel. 2022 gingen Sie zum ersten Mal mit ihren Texten an die Öffentlichkeit, bei einem Wettbewerb in Basel landeten Sie mit einem Text in der Shortlist und 2024 erhielten Sie eine Auszeichnung in Wien. Wann ist ein Text für Sie vollendet?

Ich überarbeite meine Texte über eine lange Zeit. Schon oft dachte ich von einem Text, er sei „fertig“, bis ich ihn später wieder hervorholte und nochmals daran feilte. Wenn ich das „Gut zum Druck“ gebe, entlasse ich den Text aus meinen Fängen und sage mir, dass er jetzt fertig ist. 

Schon vor vielen Jahren erhielten Sie einen Förderpreis der Stadt Chur, wo Sie aufwuchsen. Könnte man die damalige Förderung als Initialzündung Ihrer Karriere als Kulturschaffende bezeichnen?

Das ist allerdings lange her! Der damalige Preis war vor allem eine grosse Freude und Bestätigung. Er kam exakt zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte damals von einer Konzertbesucherin einen alten Flügel geschenkt bekommen. Mit Hilfe des Preisgeldes konnte ich ihn schön revidieren lassen. Da hat gerade einiges zusammengepasst.

Jetzt vielleicht eine einfältige Frage, die sich vielleicht auch die Buchhandlungen stellen: In welches Rayon würden Sie als Buchhändlerin Ihr Buch einordnen? Lyrik/Poesie, Belletristik, Philosophie oder Geschenkbuch?

Wenn ich Buchhändlerin wäre, würde ich es natürlich in alle Rayons einordnen (lacht). Nein, Spass beiseite. Die Texte sind weder ganz der Prosa noch ganz der Lyrik zuzuordnen. Kürzlich habe ich es in zwei Buchhandlungen unter Schweizer Literatur gesehen. Das gefällt mir, weil da alle Genres Platz haben.

Claudia Vonmoos ist in Chur aufgewachsen und lebt heute in Riehen bei Basel. Sie konzertierte über Jahre als Pianistin und kreierte und leitete Projekte mit Kunstschaffenden verschiedener Disziplinen. «Hintergründiger Wortwitz und immense Sprachmusikalität machen jeden der Texte zur Entdeckung», meint Barbara Schingnitz über ihr erstes Buch.

Martina Dénervaud «Glas Mauern», Kiener Verlag

«Lauernde Einsamkeit» – In ihrem ersten Roman zeichnet Martina Dénervaud literarisch eine Tristesse, aus der es auszubrechen gilt und gibt in knappen Worten Auskunft dazu.

Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Wir treffen uns in Zürich, genauer am Bahnhof Altstetten und spazieren unter den Platanen. Sie sind eine frischgebackene Schriftstellerin mit Ihrem Roman «Glas Mauern». Lässt sich im Wissen, dass ein eigenes Buch nun in den Buchhandlungen liegt, etwas anders flanieren?

Martina Dénervaud: Eigentlich nicht. Ich glaube der eigentliche Kraftakt war für mich wohl eher das Buch fertig zu schreiben. Die Geschichte begleitet mich schon sehr lange. Ich bin froh, dass ich sie nun loslassen kann. Das mit dem Buchladen ist mir eher ein wenig unheimlich…

Aerni: Es ist keine leichte Lektüre, was die Gemütsverfassung angeht. Ein Stefan will aus dem Elend des Elternhauses und dem trostlosen Dorf entfliehen mit Blick auf den Hochglanz des grossen Geschäfts der Grossstadt. Wie fanden Sie zu diesem Stefan?

Martina Dénervaud «Glas Mauern», Kiener Verlag, 304 Seiten, CHF ca. 26.90, ISBN 978-3-948442-42-2, 304 Seiten.

Dénervaud: Es ist wohl eher so, dass er mich gefunden hat. Die unzähligen Begegnungen und Gespräche in meinem Berufsalltag sind irgendwann zu Stefan geworden.

Aerni: «Dave ist der Versuchung der Stadt erlegen, ihrer stummen Verführung.» heisst es bei einer Stelle. Wie sehen Sie die Wirkungskraft von Städten auf uns Menschen?

Dénervaud: Jede Stadt ist anders, hat ihre eigene Stimmung. In Städten ist alles möglich. Sie verführen dazu uns glauben zu lassen, dass sie uns eine Identität geben, und wir lassen uns gerne täuschen. Darum mag ich grosse Städte, man weiss nie, was oder wem man in ihnen begegnet.

Aerni: Sie beschreiben in einer klaren und ruhigen Sprache vom Ringen nach Identität, vom Scheitern, ja bis an den Tod heran. Wussten Sie schon von Anfang an, dass es diese Tonalität sein muss?

Dénervaud: Ja unbedingt. Die Geschichte lässt sich nicht mit Weichfiltern in Szene setzen. Stefan lebt in einer Welt mit Licht aus Neonröhren.

Aerni: Es könnte als ein Roman verstanden sein, der uns die Jämmerlichkeit widerspiegelt, von unserem Strampeln nach Karriere, Anerkennung und der Suche nach dem Kick eines modernen Lebens…?

Dénervaud: Das ist definitiv ein Aspekt davon. Jämmerlich ist es, weil Karriere und die Annehmlichkeiten eines modernen Lebens unsere Löcher nicht stopfen.

Aerni: Sie arbeiten im Bereich Human Resources und das unter anderem in der Finanzbranche und zwar international. Sie sammelten also reichlich Erfahrungen für Ihr Buch. Was tun Sie, damit Sie nicht dahin driften, wie es Ihren Protagonisten passierte?

Dénervaud: Im Gegensatz zu meinen Protagonisten ist mein Leben sehr farbig und ich weiss was mich glücklich macht. Die Zeit, in der ich mich hauptsächlich über meine Arbeit definiert habe, ist vorbei.

Aerni: Einsamkeit, Unternehmensalltag, Intrigen, Machtgier und der Wunsch nach Anerkennung bilden den Topos Ihres Romans. Wie gross sehen Sie die Chancen, dass wir da wieder hinausfinden?

Dénervaud: Da bin ich tatsächlich ziemlich desillusioniert. Bei Grossfirmen ist es doch so wie auf Instagram, alles muss glänzen und eine Nummer besser sein. Doch hinter der Fassade lauert die Einsamkeit und die gleichen alten Themen, ungeschönt.

Aerni: Bevor wir Sie wieder in die S-Bahn steigen, noch eine Frage: Wenn ich ein Gemälde malen würde, mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen, wie müsste es aussehen?

Dénervaud: Das Bild hat wenig Farben, ist auf das wesentliche reduziert. Lassen sie ausreichend freien Raum auf dem Gemälde. Der Leser braucht viel Platz, damit er seinen eigenen Gedanken zuhören kann.

Martina Dénervaud, 1976 in Zürich geboren, arbeitet als Führungskraft im Bereich Human Resources. Dabei ist sie im Finanzdienstleistungssektor in unterschiedlichen nationalen und internationalen Rollen tätig. Mit mehr als 20 Jahren Einblick ins Innerste von Unternehmen begleitet sie Menschen auf der Suche nach der eigenen Sinnhaftigkeit. Der Kampf gegen die Einsamkeit, die jeder von ihnen in diesem fordernden Mikrokosmos mit sich trägt, berührt sie immer wieder aufs Neue. «Glas Mauern» ist ihr erster Roman.