Marion Brasch «Lieber woanders», S. Fischer

Wenn einem die Vergangenheit überholt, überrollt. Wenn sich Gegenwart vernichtend kreuzt, wo man doch eigentlich gerne aussteigen würde, aus dem Zug, der ohne Halt durch die Zeit rast. Der schmale aber gewichtige Roman von Marion Brasch tritt leichtfüssig auf, um im Verlaufe seines Erzählens zu beweisen, was Leben und erst recht die Literatur zu erschaffen vermag.

Ein grossartiges Buch. Vielleicht schon deshalb, weil es mich am Anfang der Lektüre auf eine «falsche» Fährte führte und ich geneigt war, es auf die Seite zu legen. Weil sich ein scheinbar leicht durchschaubares Konzept als viel verflochtener erweist. Weil es einem bei der Lektüre bewusst macht, wie sehr man sich in seinem Leben mit dem eigenen beschäftigt, angesichts der Tatsache, dass gleichzeitig Milliarden anderer Leben passieren, jedes mit dem Anspruch, der Mittelpunkt eines Kosmos zu sein. Weil das Szenario wie ein Film von schnellen Schnitten lebt, alles andere als behäbig erzählt und einem die Personen trotz aller Leerstellen im Scheinwerferlicht des Moments erstaunlich nahe kommen. Weil das Buch mit seinen 154 Seiten suggeriert, dass man es an einem Abend so leicht weglesen kann.

Manchmal spielt uns die Erinnerung einen Streich, schlägt uns ein Schnippchen, gaukelt uns etwas vor.

Toni und Alex. Die beiden kennen sich nicht und doch sind ihre Leben miteinander verzahnt. Toni lebt in einem Wohnwagen irgendwo auf dem Land. Sie ist jung, zeichnet und hofft, damit ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Alex ist Roadie einer Band, schafft das Equipment von einem Spielort zum andern, ist nie zuhause bei Frau und Kind, wenn man ihn braucht und hat eine andere Frau, die er ebenso liebt, wie seine eigene Frau. Toni macht sich auf den Weg zu einer Verlegerin, die ihr verspricht, aus ihren Zeichnungen ein Buch zu machen, macht sich auf den Weg, irgendwann nach Neuseeland zu fahren zu Oli, ihrem einzigen Freund, der es dort geschafft hat. Alex macht sich auf den Weg zu seiner kleinen Tochter, die nach einer Blinddarmoperation im Spital liegt, zu seiner Frau, die genau das Gegenteil von dem ist, was die andere Frau für ihn ist, auf den Weg nach Hause, das er aber schon lange verloren hat.

«Aus dem Irgendwann wurde ein Nirgendwann. Und im Nirgendwann hingen sie dann fest.»

Sie beide tragen eine Schuld mit sich herum oder zumindest das permanente Verheeren dessen, was ein einziger Moment in ihrer beider Vergangenheit anrichtete, ein Moment, der nicht zu korrigieren, nicht auszulöschen ist. Ein Moment, der sie zu Getriebenen macht, die durch ein Leben stolpern, dass aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Toni trifft ihren unzuverlässigen Vater, das, was von ihrer Familie übrig geblieben ist, denn die Mutter dämmert und der Bruder ist tot, trifft ihn, ohne dass Versöhnung eine Chance hätte. Alex kommt zurück zu Frau und Kind und muss feststellen, dass nichts so ist, wie er es sich auf seinen Fahrten mit dem Truck zurechtgelegt hat.

«So ist das mit der Erinnerung – sie führt uns an der Nase herum.»

Toni und Alex Geschichten sind untrennbar miteinander verzahnt. Eine Tatsache, von der die Protagonisten nichts wissen, in kurzen, aufblitzenden Momenten höchstens erahnen, mehr unbewusst als bewusst. Marion Brasch erzählt einen Tag, vierundzwanzig Stunden, in denen sich die Leben mehrfach kreuzen, letztlich mit fatalen Folgen. Marion Brasch erzählt aber nicht nur einfach zwei kunstvoll ineinander verwobene Geschichten, perfekt inszeniert, spannend bis zur letzten Seite. „Lieber woanders“ schildert genau das,  was der Titel verrät. Jeder legt sich sein Leben zurecht, gibt nur soviel preis, damit das Konstrukt nicht in sich zusammenfällt. Wir leben nicht wirklich mit dem Bewusstsein, wie sehr unser Leben mit jenem vieler anderer, von denen wir keine Ahnung haben, verzahnt und verbunden ist. Wie sehr die Metapher „das Leben in die Hände zu nehmen“ über die tatsächlichen Möglichkeiten des Individuums hinwegtäuscht!

«In jedem steckt ein anderer. In jedem Tapferen ein Feigling, in jedem Zärtlichen ein Grobian, in jedem Ehrlichen ein Lügner, in jedem Guten ein Schlechter.»

© Holmsohn

Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete die gelernte Schriftsetzerin in einer Druckerei, bei verschiedenen Verlagen und beim Komponistenverband der DDR, später fürs Radio. Bei S. Fischer erschienen die Romane «Ab jetzt ist Ruhe», «Wunderlich fährt nach Norden» und zuletzt «Lieber woanders».

Webseite der Autorin

Ein Gespräch mit Marion Brasch über den Roman auf 3sat

Beitragsbild © Sandra Kottonau

40° Literatur am Festival Leukerbad, Rückblick 2/3

Am Literaturfestival Leukerbad zur Tradition geworden, lädt diese ihre Gäste seit Jahren zu Beginn des Festivals zu einer «Literarischen Wanderung» ein. Hoch über dem Rhonetal von Erschmatt bis Leuk ging die diesjährige Literaturwanderung, durch Geschichte, Geschichten und Gedichte, über Spuren der Zeit, unter der glühenden Sonne der Gegenwart.

Vom Sortengarten, an Findlingen so gross wie Häuser vorbei, begleitet vom «Carillon», umarmt und betört von den Satzsalven eines Dichters, über Ho Briggu in den Schatten einer Eiche, der Angst vor einem Eichhörnchen ausgesetzt, über Brenntjong, an riesigen, stählernen Ohren vorbei bis nach Guttet – ein heisses, literarisches Abenteuer!

Die in der Ukraine aufgewachsene Tanja Maljartschuk, die vor drei Jahren das letzte Mal mit ihrem Roman «Biographie eines zufälligen Wunders» in Leukerbad las und mich damit bezauberte und Christian Uetz, wortgewaltiger Performer, Lyriker und Erzähler vom Bodensee begleiteten eine mehr oder weniger hitzeresistente Schar Wortverliebter durch die Glut eines literarischen Sommertages. 

Tanja Maljartschuk und Christian Uetz bildeten ein kongeniales Begleitpaar. Die eine mit feinem Witz, grosser Beobachtungsgabe und Empathie – der andere mit grosse Geste, laut und raumgreifend, von der Sprache berauscht. Man geht und hört, man nimmt auf und reflektiert schweigend in sich hinein, gibt sich dem Rhythmus von Sprache und Schritt, spürt den Puls innen und aussen!

© Michael Schwarz

Tanja Maljartschuk, geboren 1983, ist in der Ukraine aufgewachsen, wo sie einige Jahre als Journalistin gearbeitet und schon mehrere Bücher publiziert hat. Sie schreibt regelmässig Kolumnen für die Deutsche Welle (Ukraine) und für Zeit Online. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Wien. 2018 hat sie mit ihrem ersten auf Deutsch geschriebenen Text den Bachmann-Preis gewonnen. In ihrem neusten Roman Blauwal der Erinnerung schreibt sie über den vergessenen ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyj, dessen Leben auf kunstvolle Weise mit dem der Ich-Erzählerin verknüpft wird: Sie sucht in dessen Vergangenheit nach Spuren, um besser mit ihrer eigenen Gegenwart zurechtzukommen. Lypynskyj befasste sich politisch und historisch mit der zwischen Polen und Russland zerrissenen Ukraine und forderte wie besessen ihre staatliche Unabhängigkeit. Ähnlich kränklich wie diese historische Figur und – wie er – auf der Suche nach Zugehörigkeit, folgt die Erzählerin diesem stolzen, kompromisslosen, hypochondrischen Mann, um durch die Erinnerung der sowjetischen Entwurzelung zu trotzen. Ein literarisch beeindruckender Roman, der zeigt, was es heisst, wenn die eigene Identität aus Angst, Gehorsamkeit und Vergessen besteht.
Die Frankfurter Rundschau über den Roman: «Das Tröstliche an diesem Buch ist seine Untröstlichkeit. Der Blauwal schliesst sein Maul und schwimmt weiter.»

© Literaturfestival Leukerbad

Der 1963 in Egnach am Bodensee geborene Christian Uetz ist studierter Philosoph, und er glaubt an keine Wahrheit ausserhalb der Sprache. Ob im Gedicht oder in der Prosa: Sein Tanz an ihren Rändern ist immer auch ein Seiltanz über den Abgründen der Existenz. Und er gilt als Virtuose, wenn es um die Intensität der Sprache geht. Auswendig und in einem rasenden Tempo rezitiert er seine Texte bei Auftritten, dass einem Hören und Verstehen vergeht. Das ist gewollt. Einzig die Wortkraft zählt und die Suggestivkraft der Sätze, kaum deren Inhalt. In seinem Gedichtband Engel der Illusionformuliert Uetz spielerisch und doch souverän Gedichte um gewichtige Themen: um die Präsenz des Anderen im Selbst, um Anwesenheit und Abwesenheit, um Negativität und Transzendenz. Mit seinen bildgewaltigen, selbstverlorenen und dabei tief nachdenklichen Gedichten sucht Christian Uetz in der Sprache nach der verborgenen Präsenz dieser Engel der Illusion, um ihr Scheinen erfahrbar zu machen. Was seine Texte so hervorbringen, sind Ekstasen der Begierde und die Trunkenheit der Vernunft. Es ist der Wahnsinn des Tages. Ihr Fluchtpunkt bleibt dabei stets eine mitreissende Affirmation des Lebens und der Sinnlichkeit, ein Lob der Sprache als derjenigen Kraft, welche die Illusion als Wahrheit, das Jenseits als Teil des Diesseits erkennbar macht.

Christian Uetz ist Gast an den 15. Frauenfelder Lyriktagen vom 13. – 15. September!

Rezension von Tanja Maljartschuks Erzählung «Überflutet» auf literaturblatt.ch

Fotos © Literaturfestival Leukerbad

24. Internationales Literaturfestival Leukerbad, Rückblick 1/3

Eine grosse Qualität der langen Festivaltradition in den Walliser Alpen ist die Vielfalt der Gäste, die nicht nach deren Publizität eingeladen werden, sondern ob sie etwas zu sagen haben, sei es literarisch, gesellschaftlich oder kulturell. So kreisen Gespräche in verschiedenen Formaten weit über Literatur, Kultur hinaus, um existenzielle Fragen, nicht zuletzt darum, ob und wie die Welt zu retten ist.

Immer und immer wieder dreht sich Literatur um Erinnerungen. Literatur ist die Kunst des Erinnerns, sei es im Zusammenhang mit Historie oder um das, was man in sich trägt, eingegraben bis in die Gene. Historisches Erinnern, das sich unweigerlich und gleichermassen mit Deutung und Wertung verbindet, ist wie persönliche, individuelle Erinnerung Motor des Tuns und Denkens. Literatur, selbst wenn sie sich oberflächlich betrachtet mit Gegenwart oder Zukunft beschäftigt, ist immer transformierte Erinnerung. Und wenn sich Aleida und Jan Assmann, gemeinsam Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, in Leukerbad mit ihrem Schreiben vorstellen, dann gleich mehrfach und ineinander verwoben. Über ihre Forschungen zum Thema „Kollektives Gedächtnis“ wird in verschiedenen Gesprächsformationen diskutiert und schnell klar, dass sich Literatur nicht nur mit Erinnerung befasst, sondern mit ihrem Niederschlag ganz deutlich zu „kollektiven Erinnerung“ beiträgt, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine kollektive Erinnerung, die in eine ganze Generation wirkt.

Der Umbruch unserer Zeit manifestiert sich nicht nur in der Walliser Vegetation, den Bäumen, die nach einem trockenen Jahrhundertsommer und permanenter Klimaerwärmung von Hitzstress und Trockentod bedroht werden, nicht nur in der Umkehrung einer digitalen Gesellschaft, die nach der Freude über globale Internetvernetzung immer mehr zur Desinformationsgesellschaft wird, sondern in Unwahrheit und Lüge, die das kollektive Bewusstsein bedroht. Man misstraut scheinbaren Wahrheiten mit Recht, stellt kollektive Erinnerung in Frage, die an nationale Interessen gebunden ist.
Der Umbruch zeigt sich auch in der Literatur, der im Hitzestress der Gegenwart ihre Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit genommen ist, nicht zuletzt wegen der schwindenden Zahl von Leserinnen und Lesern, solchen die bereit sind, sich nicht bloss unterhalten zu lassen, sondern sich mit Literatur den Fragen der Zeit zu stellen.

Zoltán Danyi, Foto © Literaturfestival Leukerbad

Für Zoltán Danyi, 1972 als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Senta, damals Jugoslawien, geboren, wo er auch heute noch lebt und schreibt, ist das Erinnern an den Zerfall Jugoslawiens ein Trauma, ein kollektives Trauma einer ganzen Generation. Was in seiner Heimat geschah, verstörte ihn, weil er sich permanent mit der Frage konfrontiert sah, für welche Seite er sich in diesem jahrelangen Konflikt zu entscheiden hatte. Als Schriftsteller schaffte er sich die Situation eines Aussenstehenden, der beobachtet und beschreibt, eine Position, die ihm als Mensch ganz offensichtlich nicht wirklich gelingen wollte.
Zoltán Danyi las in Leukerbad aus seinem bei Suhrkamp erschienenen ersten Roman „Der Kadaverräumer“. Der Erzähler wird in der Vojvodina in die serbische Armee eingezogen und Augenzeuge kriegerischer Gräuel, wird nach dem Krieg „Kadaverräumer“, der tote Tiere von den Strassenrändern zu sammeln hat, wird Schmuggler, Flüchtling, unglücklich Liebender, Leidender an seinem Körper. Ein Mann, der nicht verdauen kann. „Der Kadaverräumer“ ist aber nicht einfach nacherzählte Erinnerung, sondern in langen mäandernden Sätzen ein in sieben Klagelieder gefasster Gedankenstrom. Er erschliesst sich mir als Leser nicht so einfach, da die Schichten des Fliessens vielfach sind, starke Bildern und Sätze zeigen, was der Wahnsinn eines Krieges und dessen Folgen in einem Menschen für Katastrophen anrichten können, auch dann, wenn die offensichtliche Aggression längst Erinnerung ist.

Johanna Lier, Foto © Literaturfestival Leukerbad

Dass es aber nicht zwingend die Internationalität sein muss, der grosse Verlag, die Verbindung mit einem Krieg, der sich zu einem kontinentalen Trauma auswächst, beweist die Ostschweizerin Johanna Lier, die ihr künstlerisches Schaffen zuerst als Schauspielerin begann (Bekannt wurde sie in der Rolle der Tochter Belli in Fredi Murers Film Höhenfeuer.) In ihrem beim umtriebigen Kleinverlag „die brotsuppe“ erschienenen Roman „Wie die Milch aus dem Schaf kommt“ macht sich die Erzählerin und Protagonistin Selma auf die Suche nach ihrer Herkunft. Nach dem Tod ihrer Grossmutter findet Selma unerwartet in einer Tupperware-Box Papiere und Hinterlassenschaften, die klar machen, dass nichts so ist, wie es schien. Selma macht sich auf eine lange Reise, sowohl zeitlich wie geographisch, weit zurück ins 19. Jahrhundert, tief hinein in die bäuerliche Welt des thurgauischen Donzhausen, weit weg bis in die Ukraine und nach Israel.
Familiengeschichte ist ein dauerndes Verschwinden in Tabus oder blosses Vergessen. Johanna Lier erzählt von starken Frauen, von Geschichten und Geschichte, davon, was mit Lücken in der Erinnerung geschieht, wie Abgründe in der Vergangenheit, ob ausgesprochen oder nicht, bis in die Gegenwart wirken. „Wie die Milch aus dem Schaf kommt“ ist ein schwergewichtiges Stück Literatur in starken Sätzen, raumfüllend und mit grossem Gestus erzählt.

Webseite von Johanna Lier

Beitragsbild Aleš Šteger und Akkordeonist Jure Tori © Literaturfestival Leukerbad

Usama Al Shahmani «Wo die Diktatur beginnt, liegt die Kultur im Sterben – Eine Kindheit zwischen dem Krieg und dem bewaffneten Frieden»

Die Weihnachtsferien sind vorbei. Ein regnerischer Morgen. Die Autos fahren langsam. Ich bin unterwegs zur Arbeit. Auf dem Weg zum Bahnhof Frauenfeld sehe ich Kinder, die in kleinen Gruppen zur Schule laufen. Sie tragen ihre Schulsäcke auf dem Rücken – praktische Taschen mit Reflektoren zur Erhöhung ihrer Sicherheit. Ihre Kleider und ihre Taschen leuchten auf den winterlichen Strassen wie ein Feuerwerk. Die Kinder gehen langsam und sprechen miteinander. Einige von ihnen halten sich an den Händen, vor allem, wenn sie die Strasse überqueren wollen. „Ach, wie schön“, denke ich und erinnere mich an meinen eigenen Schulweg.

Als ich in die Primarschule ging, war der Weg zur Schule schrecklich. Ich versuchte, vor meinen eigenen Schritten zu fliehen. Meine grosse Angst war es, in den Krieg zu geraten; den Krieg zwischen den Kindern. Aus jeder Seitenstrasse stiessen Gruppen von Kindern jeden Alters dazu. War ein Kind, das die anderen nicht kannten, alleine unterwegs, prügelten sie auf es ein. Dieses Spiel hiess das «Krieg-Spiel». Manche Kin- der trugen Stöcke mit sich und schlugen gnadenlos zu, egal wo. Hauptsache war, dass das verprügelte Kind auf die Knie fiel und um Gnade winselte. Mein Mittel gegen diese Angst war es, so schnell wie möglich durch dieses Kriegsfeld zu rennen. Der Weg zur Schule war wie ein Marathon, begleitet von ständiger Angst.

In diesem Jahr wird der dreissigste Jahrestag des Kriegsendes im Irak gefeiert. Ein Krieg, der 1980 zwischen dem Irak und dem Iran begann. Ich war damals in der 4. Klasse der Primarschule. Als er endete, hatte ich meine Matura erst seit Kurzem in der Tasche. Aber mit diesem Ende war der Krieg noch nicht wirklich fertig; es war nur eine Übergangszeit, bis der nächste ausbrach. Zufälligerweise in einem Land geboren zu werden, in dem der Krieg kein Ende nehmen will, ist ein schreckliches Schicksal. Ich gehöre zu einer Generation irakischer Kinder, die keinen friedlichen Zustand erleben durfte. Schon mit sieben Jahren erfasste ich, dass vieles nicht stimmt. Ich wuchs unter dem fürchterlichen Lärm von Bombeneinschlägen und unerwartetem Sirenengeheul auf. Als Kinder rannten wir immer zu den Orten von Schiessereien, um Patronenhülsen zum Spielen zu sammeln.

Bevor Saddam und seine Partei 1979 die Macht im Irak übernahm, wurden Kinder meistens auf der Basis von Ehrlich- und Gerechtigkeit erzogen. Doch die Situation veränderte sich schnell. Vom Beginn dieses Krieges an hielten sich die meisten Eltern meiner Generation bei der Erziehung streng an die Regeln des Regimes sowie an religiöse Vorgaben und Sitten. Alles andere mussten die Eltern verdrängen. So wuchs ich eingekerkert zwischen den drei Mauern der Religion, der Diktatur und der Sitten auf.

Dieser anhaltende Notzustand während der Kriegsjahre gab mir keine Möglichkeit, eine normale Kindheit zu leben. Alles war eingeschränkt; es gab keine freien Räume, auch gedankliche Freiheit war gefährlich. Die Wege der Träume waren steinig oder blieben ganz versperrt. Man durfte nicht davon träumen, sich frei zu machen, irgendwohin zu reisen; fast alles war verboten. Als Kind begriff ich ganz genau, dass ich nie etwas sagen durfte, ohne zuerst an die Folgen zu denken. Diese Angewohnheit schleppe ich immer noch mit mir mit. Jeder Satz will mehrmals reflektiert werden, bevor er den Weg über meine Lippen findet. In der Schule hatte ich das Schweigen und den Umgang mit Ungerechtigkeit und Unterstellung perfekt gelernt. Über alles zu reden, was man dachte, war äusserst gefährlich. Die Angst, dass ich ein Mitglied meiner engsten Familie verlieren könnte, begleitete mich ständig. Immerhin musste ich als Kind nicht arbeiten, tröste ich mich jetzt. Vieler meiner Klassenkameraden waren Strassenarbeiter; einige verkauften an Ampeln Plastiktüten oder Zigaretten, andere putzten die Windschutzscheiben der dort stehenden Autos.

Ich weiss nicht, was aus unserem Mathematiklehrer geworden ist. Er war gross und schlank, hatte eine Glatze und trug eine Brille mit dicken Gläsern. Seine Hemden waren fast immer zu eng. Als Kinder warteten wir ständig darauf, dass ihm ein Knopf wegspickt. Er fragte oft, ob ein Kind arbeite, wenn es die Hausaufgaben nicht richtig gemacht hatte. Er sagte: „Die Strassenverkäufer können gut rechnen, aber nie still setzen.“ Manchmal erkundigte er sich, was unsere Väter arbeiteten, als ob er eine Verbindung zwischen der Leistung eines Kindes und dessen Vaters suchte. Einmal hatte ihm ein Kind unerwartet geantwortet: „Ich habe weder Vater, noch Mutter. Ich habe sie nie gesehen. Sie sind seit Jahren im Gefängnis. Auch Angehörige habe ich nicht.“ Der Lehrer wurde rot, blieb starr. Eine schreckliche Stille erfasste das Schulzimmer der 6. Klasse. Diese Szene werde ich ein Leben lang in Erinnerung behalten. Ich hatte sie auch vor Augen, als ich nach Saddams Sturz 2003 eine Sendung im irakischen Fernsehen sah, in der ein junger Iraker seine Geschichte und das, was mit seinen Eltern passiert ist, erzählte.

Ich lebte damals in einer Holzbaracke, die für Flüchtlinge in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Baden (AG) gebaut worden war. Durch das einzige grosse Fenster dieser kleinen Baracke sah man den weiten Horizont und eine mächtige Weide, auf der im Sommer viele Kühe frei herumliefen. Oft habe ich mich vor das Fenster gesetzt und den alten Apfelbaum betrachtet, der die Mitte dieser Fläche füllte. Im Winter war der Ausblick auf diese von weisser Farbe bedeckte Weite betrübender. Drei Schlafzimmer gab es in dieser Baracke, in jedem Zimmer lebten zwei Asylbewerber. Mein Mitbewohner, ein junger Araber, war unerwartet aus der Baracke verschwunden. Mit ihm sass ich oft vor dem Fernseher, vor allem im Winter. Ich verfolgte damals die Nachrichten über den Irak mit grosser Aufmerksamkeit. Ich wollte begreifen, wie dieses Land aus der grausamen Diktatur den Weg zum Leben finden konnte. Die erwähnte Sendung schaute ich mir zusammen mit einem Jungen aus dem Tibet an. Er klagte oft über den Geruch von Cannabis, der aus dem Nachbarzimmer ströme. Seine Bewegungen erschienen mir traurig und lustlos, als ob er auf einem Friedhof wäre. Der kleine Fernsehraum war sein Zufluchtsort. Die Sendereihe erzählte von Menschen, die unter der Autorität Saddams gelitten hatten.

Bis ein 32jähriger Mann, der als Kind sämtliche Familienangehörige verloren hatte, seine Geschichte öffentlich erzählen durfte, hatte es lange gedauert. Das Schicksal seiner Eltern konnte er den Akten des irakischen Geheimdiensts nach Saddams Sturz am 9. April 2003 entnehmen. Dort war das Geschehen von der Festnahme der Eltern bis an bis hin zu ihrer Hinrichtung protokolliert. Seine Mutter war schwanger, als sie mit seinem Vater im Sommer 1981 nördlich von Bagdad bei einem militärischen Checkpoint festgenommen wurde. Die beiden wurden verdächtigt, der politischen Bewegung gegen das Regime anzugehören, was sie auch zugaben. Sie versicherten jedoch, vor einer Weile die politischen Aktivitäten eingestellt zu haben, weil sie sich nur ihrer jungen Familie und dem noch ungeborenen Kind widmen wollten.

Das Militärgericht verurteilte sie dennoch zum Tode durch Hinrichtung. Die Ehefrau ersuchte mehrmals um die Verschiebung der Hinrichtung bis nach der Geburt des Kindes, doch all diese Gesuche wurden abgelehnt. In einem letzten Antrag bat das Paar um einen Kaiserschnitt vor der Hinrichtung. Mit dem Satz «Der Irak braucht keinen neuen Verräter» wurde auch diese Bitte um Gnade für das unschuldige Kind abgelehnt. Am Tag der Hinrichtung stieg der Mann auf das Podest, seine Frau wartete unten. Er wurde erhängt. Als die Frau ebenfalls die Treppe hinaufgegangen war, bat sie ein allerletztes Mal um Aufschub ihrer Hinrichtung bis nach der Geburt des Kindes. Sie war im neunten Monat schwanger. Doch auch diese Bitte wurde nur wenige Augenblicke vor der Exekution abgelehnt. Die Henker zeigten keine Gnade. Die Frau versuchte zu pressen, um so die Wehen und die Geburt zu erzwingen, doch es gelang ihr nicht. Auch sie wurde erhängt. Als sie tot auf den Boden gelegt wurde, öffnete sie sich ihr Muttermund wie durch ein Wunder. Das Kind hatte den Weg zur Welt selbst gefunden. Das war ein Schock für alle Anwesenden. Vor Ort waren ein hoher Offizier mit seinen Mitarbeitern, ein Mann aus der Moschee und ein Arzt, der den Tod verifizieren musste. Der Offizier wollte das Kind neben seiner Mutter schreien lassen, bis es stirbt. Der Arzt und einige Mitarbeiter des Offiziers widersprachen: «Die Strafe wurde dem Vater und der Mutter auferlegt und nicht dem Kind. Dieses Lebewesen kann nicht ohne Gerichtsbeschluss getötet werden.» «Das muss unbedingt geklärt werden», sagte die rechte Hand des Offiziers. Die Beteiligten einigten sich darauf, das Kind einer Person zu übergeben, die mit den Verurteilten nicht verwandt war, bis die Angelegenheit geklärt war. «Wir haben eine Putzfrau im Gebäude», sagte ein Offizier. «Sie arbeitet seit über zehn Jahren hier. Sie ist eine alte Frau, ihr können wir vertrauen. Wir können ihr das Kind geben, ohne eine Erklärung abliefern zu müssen».

Die alte Dame reinigte den blutigen Boden. Sie wickelte das Baby in ihren Schleier und nahm es mit nach Hause. Für sie war es wie ein Geschenk Gottes. Die Frau war Mitte fünfzig und lebte kinderlos mit ihrem behinderten Mann. Sie wohnten in der Nähe des Frauengefängnisses, wo die Hinrichtung vollstreckt worden war. Als dieser Junge, aus dem nun ein erwachsener Mann geworden war, seine Geschichte erzählte, sass seine Ziehmutter neben ihm. Die über achtzigjährige Dame war sichtlich stolz auf ihn und die Art wie er seine Geschichte erzählte. Über diese Sendung wollte der Mann herausfinden, wer seine leiblichen Eltern waren, wer seine Verwandten sind. Als ich das sah, brach eine alte Wunde in mir auf. Ich dachte, dass sie längs verheilt wäre. Aber es gibt Situationen im Leben, die immer abrufbar bleiben. Sie brauchen nur einen kleinen Auslöser, um uns wieder in Unruhe zu versetzen.

Ich sass wie versteinert da und fragte mich, was mir geholfen hat, all diese Grausamkeit zu ertragen. Solche und ähnliche Geschichten habe ich schon als Kind erfahren, sie prägten mein Leben während der Diktatur. Zum Beispiel führte unser Schulweg an grossen Bäumen vorbei, in welchen oft die Leichen von politischen Aktivisten hingen, die von den Sicherheitskräften der Diktatur erschossen worden waren. Wir Schüler hatten grosse Angst, diesen Weg zu gehen. Es gelang mir damals, in zwei Welten zu leben: der Welt der Bücher und der Welt der Gräueltaten draussen. Dank der Lektüren verlor ich die Orientierung nicht und konnte vorwärts gehen in diesen Zeiten des Rückschritts. Die Kraft der Worte half mir, lebendig zu bleiben und gegen den Strom zu schwimmen. Aber auch Lesen war in dieser Gesellschaft, in der ich aufwuchs, keine Alltagsbeschäftigung. Den grössten Teil meiner Kindheit hatte ich in einer kleinen Stadt im Süden des Iraks verbracht, wo es keine Buchhandlung gab – nur einen kleinen Kiosk auf der Hauptstrasse, welcher Zeitungen und Zeitschriften verkaufte. Bücher kaufen hätte ich sowieso nicht gekonnt, weil ich dafür kein Geld hatte. Ich erinnere mich an die erste Zeitschrift meines Lebens, die ich las, sie hiess „Meine Zeitschrift“. In dieser Zeitschrift wurde der Krieg für Kinder farbig präsentiert und der irakische Soldat als tapferer Held dargestellt, der dem grässlichen Feind gegenübersteht.

Als ich in die Schweiz kam, staunte ich über die vielen Kinder- und Jugendbücher, Buchhandlungen und Bibliotheken und darüber, dass die Leute an der Kasse Schlange stehen, um Bücher kaufen zu können. „Wie bei uns beim Amt des Militärdienstes, wo die Leute den Stempel erhalten wollen“, dachte ich mir.

In meinem Elternhaus gab es ausser dem Koran keine Bücher. Mein Vater war kein Leser, er brachte höchstens ab und zu einmal eine Zeitung mit nach Hause. Das alte Exemplar des Korans hatte meine Mutter mit einem feinen grünen Seidenstoff eingepackt und auf das Wohnzimmerregal gelegt. Man durfte es nicht berühren, bevor man die rituelle Waschung zur Reinigung verrichtet hatte. Gelesen wurde Zuhause nur für die Schule. Bücher lesen war ein gefährlicher Luxus. Lesende, gebildete und intellektuelle Menschen waren für das Regime eine Provokation. Wer die Diktatur überleben wollte, durfte sich nicht von der Masse unterscheiden. Andernfalls riskierte man sein Leben.

Die kleine Stadtbibliothek hatte nicht nur wenig Bücher, es gab auch kaum Leute, die sie aufsuchten. Für mich war sie trotzdem die Rettung, weil ich dort Lesestoff fand. Ohne sie wäre ich ein anderer Mensch ge- worden. Ich erinnere mich an eine grosse Menge der russischen Literatur und viele arabische Poesie, die ich dank dieser Bibliothek gelesen habe.

In der Schule gab es keine Bibliothek. Bücher zu lesen war ganz fremd. Die ersten zwei Bücher, die wir lesen mussten, erhielten wir vom Regime als Geschenk. Der Hintergrund für dieses Geschenk gründete im Pech meines Schulkameraden Haider. Wir waren in der 7. Klasse als ein Offizier des Sicherheitsdienstes ihn aus dem Klassenzimmer zum Verhör mitschleppte. Das war Anfang Sommer und im Klassenzimmer war es so heiss, dass wir kaum frische Luft bekamen. In der Pause hatte Haider mit seinem Schuh auf einen Kollegen gezielt und unglücklicherweise ein Porträt von Saddam, welches über der Tafel hing, getroffen. Auf dem Porträt sass Saddam auf einem majestätischen Sessel. Ihm hing eine kubanische Zigarre aus dem Mund, welche er mit seinen Fingern abstützte, und er starrte scharf in den Raum – das ganze Schuljahr über. Das Bild fiel auf den Boden ohne kaputt zu gehen. Eine ungeheure Stille trat ein, bis die Schüler wieder zu schwatzen begannen: „Haider hat Saddam mit einem Schuh geschlagen.“ Innerhalb von zwanzig Minuten stand der Schulleiter vor der Klasse und begann zu brüllen. Haider erschrak so fest, dass sein Gesicht aus- sah, als hätte er die Toten auferstehen sehen. Vor unseren Augen schlug der Schulleiter gnadenlos auf Haider ein, dann nahm er ihn mit in sein Büro. Der Schulleiter war gross, seine wenigen Haare waren weiss, selten haben wir ihn lächelnd gesehen. Es gab Gerüchte in der Schule, dass er schon einmal im Gefängnis gewesen sei und man ihn gefoltert habe. „Er benimmt sich wie ein Wahnsinniger“, sagte unser Mathema- tiklehrer, als er die ganze Schule an einem eiskalten Wintermorgen versammelt hatte und die Schüler zu schlagen begann, die an einem Schultag gefehlt oder ihre Fingernägel nicht geschnitten hatten. Der Schulleiter hatte militärische Ordnung und Drill in der Schule durchgesetzt. Er verprügelte Haider, zog ihn an den Haaren hoch und liess ihn auf den Boden fallen. Noch vor dem Ende der Schule kam ein Auto des Sicherheitsdienstes, um Haider abzuholen. Zwei Wochen später kehrte er wieder ins Klassenzimmer zurück. Er war bleich und sprach wenig. Auch wir hatten Angst ihn auszufragen. Meine Mutter hat mir mehrmals eingebläut, dass ich nicht neben Haider sitzen oder etwas mit ihm zu tun haben soll. „Wenn ihr euch auf der Strasse über den Weg läuft, musst du sofort die Strassenseite wechseln“, sagte mir mein Vater mit erhobener Stimme. Auch seine Augen wurden mit jedem Wort grösser mit dem er den Satz vervollständigte. Der Schulleiter und einige militärisch gekleidete Männer begleiteten Haider bei seiner Rückkehr ins Klassenzimmer. Letztere trugen glänzende Pistolen, und ihre Schuhe waren so schön sauber und poliert, dass sich ihre Gesichter darin spiegelten. Einer von ihnen, vermutlich der Chef, sagte zu uns, dass wir gute Schüler seien und den Führer und die Partei gerne hätten. Danach hielt ein anderer eine lange Rede, und jedes Mal, wenn unser Schulleiter klatschte, mussten auch wir klatschen. Am Schluss verabschiedeten sich die Männer bei jedem Schüler per Händedruck. Wir standen auf. Ich spüre immer noch den Druck ihrer Hände auf meinem Handballen. Sie übergaben jedem Schüler zwei dünne Bücher. Das eine trug den Titel „Lebe lang Generation der Partei“, das andere „Die Helden des Vaterlands“. Wir sollten diese zwei Bücher lesen und darüber einen Aufsatz schreiben. Mit diesem Auftrag verliessen diese Männer unser Klassenzimmer, Saddams Blick aber entmachtete uns weiter.

Die Lektüre von Büchern gehörte in der Primarschule und der Oberstufe nicht zum Alltag. Das änderte sich im Gymnasium, wo es eine kompakte, kleine Büchersammlung gab. Hin und wieder kamen Leute vom Geheimdienst, um die Bibliothek zu durchsuchen. Jedes Mal gingen sie mit einigen Büchern in der Hand wieder hinaus. Die Lücken in den Bücherregalen füllten sie mit Exemplaren, die Saddam und die Partei rühmten. Von diesen Büchern, die in grosser Zahl gedruckt und kostenlos an Schulen verteilt wurden, gab es Hunderte. Sie handelten von der arabischen Nation und ihren Feinden.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem alle Exemplare des Romans von Nagib Machfus „Die Kinder unseres Viertels“ aus den Bibliotheken und Buchhandlungen verschwanden. Ich war damals im ersten Stu- dienjahr und sagte mir: „Diesen Roman muss ich lesen.“ Jedes Mal, wenn das Regime ein Buch bannte, löste das bei vielen den Reiz aus, das Buch erst recht zu lesen. Ich lernte, dass eine Menge verbotener Bü- cher kopiert wurden und über den Schwarzhandel ihren Weg machten. Man nannte das die „kopierte Kultur“. Es gab Geschäfte in der Nähe der Universität Bagdad, die diese Bücher verbreiteten. Ihre Händler riskierten dafür ihr Leben. Auf fast dunkles Recyclingpapier gedruckt mit einfachem Einband und Buchstaben, die entweder ganz schwarz oder kaum sichtbar waren – so sahen philosophische und literarisch wichtige Werke in dieser Parallelkultur aus; und ich konnte sie mir leisten, denn sie kosteten wenig. Meistens wurde die Titelseite des Buches nicht mitkopiert und man erhielt ein Werk ohne Titel. Freunde von mir hüllten verbotene Bücher in Einbände von Büchern des Regimes ein, um die wahre Identität des Inhaltes zu verbergen. Nach der Lektüre mussten diese kopierten Papiere so schnell wie möglich verschwinden.

„Schwöre mir, dass du diese Kopien nach der Lektüre nicht weitergibst“, sagte mir der junge Mann im Geschäft, bevor er mir das Geld abnahm. „Ja, ich verspreche es“, erwiderte ich und verstaute Machfus’ Buch, das ich ohne Nennung des Autorennamens auf A4-Blättern bekam, in meiner Tasche.

Je älter ich werde, desto intensiver nehme ich Saddams Zeitalter wahr; eine verstümmelte Zeit, die sich in meiner Erinnerung für immer festgesetzt hat.

Am Abend auf dem Heimweg von Kreuzlingen nach Frauenfeld betrachte ich die Weihnachtsdekorationen aus dem Zugfenster. Die Häuser, Strassen und Bäume leuchten hell. Einige Kinder sitzen in meiner Nähe. Sie sprechen mit ihren Grosseltern über die Geschenke, die sie zu Weihnachten erhalten haben. Die Farben ihrer Geschenke harmonieren mit dem Spektakel des Sonnenuntergangs. Die Aussicht über den Säntis, der in Ferne zu sehen ist, ist farbenprächtig. Der Berg trägt eine strahlend weisse Krone inmitten dieses Naturfeuerwerks, als ob auch er das neue Jahr auf seine Art und Weise feiert. Eines der Kinder zieht ein Buch aus seinem Rucksack heraus und fordert die Grossmutter auf, ihm daraus vorzulesen. Die Dame, sie muss über siebzig Jahre alt sein, beginnt zu lesen. Immer wieder hebt sie ihren Blick immer unter ihrer filigranen Brille, um ihr Enkelkind anzuschauen. Ich lausche still, wie sie die Geschichte vorträgt, genauso wie mir meine Grossmutter damals Geschichten erzählte. Sie hatte nie Schreiben oder Lesen gelernt, dafür konnte sie umso besser erzählen. Die Schichten ihrer traurigen Erzählungen wurden in ihren feinen Humor gewickelt und waren wie ihre köstlichen, gefüllten Weinblätter dicht und sättigend. Jede dieser Geschichten, die ich als Kind erzählt bekam, hat nicht nur meinen Geist geprägt, sondern auch meine Seele beeinflusst. Sie wa- ren für mich der erste Geistöffner oder Wegweiser, der in Richtung Hoffnung gezeigt hat.

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad, und aufgewachsen in Qalat Sukar (Al Nasiriyah), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert und im Irak mehrere Bücher über arabische Literatur publiziert. 2002 kam er als Flüchtling in die Schweiz. Heute arbeitet Usama Al Shahmani als Autor, Kulturvermittler und Dolmetscher, und er übersetzt deutsche Literatur ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Dichter am Bahnhof» von Ivo Zanoni, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern» von Friedrich Schleiermacher. Er lebt mit seiner Familie in Frauenfeld. «In der Fremde sprechen die Bäume Arabisch» ist sein beim Limmat Verlag erschienener Roman.

Im Mai 2019 erhielt Usama Al Shahmani einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau. Er arbeitet an seinem nächsten Roman: „Im Fallen lernt die Feder fliegen».

Rezension von «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» auf literaturblatt.ch

Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt: «Das kann ich» von Andrea Gerster CH/TG

Die Ostschweiz bleibt am diesjährigen Bachmann-Wettbewerb vermutlich ohne Preis: Der Text der Thurgauer Autorin Andrea Gerster war einer Mehrzahl der Jurymitglieder zu «bieder» – andere lobten das Thema.

Kein anderes Wettlesen im deutschsprachigen Raum geniesst derart viel Aufmerksamkeit wie der Bachmannpreis, der seit 1977 in Klagenfurt der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu Ehren verliehen wird. Andrea Gerster, arrivierte Schriftstellerin aus dem Kanton Thurgau, war eine der AutorInnen, die eingeladen wurden.

Wer die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger des Bachmannpreises liest, erkennt die Bedeutung dieses Preises. Die meisten sind Eckpfeiler der Gegenwartsliteratur, Namen, die sich tief ins Bewusstsein aller Lesenden eingegraben haben. Namen, die in der Folge auch andere, noch viel bedeutendere Preise gewinnen konnten, medial weniger ausgeschlachtet, dafür nicht weniger ehrenvoll. So eine ganze Reihe Namen, die auch auf der Liste des Georg-Büchner-Preises auftauchen, dem renommiertesten Literaturpreis des deutschen Sprachraums.

Wo die Literatur Skandale auslöst

Aber ebenso schillernd sind die Namen der Jurymitglieder, die seit 1977 amten, allen voran der 2013 verstorbene Marcel Reich-Ranicki oder die «Literaturaktivistin» Nora Gomringer, mit der ich kurz vor den Bachmanntagen 2018 im Zug weg vom Literaturfestival Leukerbad mitkriegte, was Tage später auf ihrem T-Shirt während den TV-Übertragungen sichtbar wurde: Literaturkritik sei «der schlechteste Ausgangspunkt für die Unterhaltung mit einem Autor» – ein Bachmann-Zitat.

Und all die kleinen und grossen Skandale, die mit Getöse in die Geschichte des Preises eingingen. Sei es Reinald Goetz, der sich 1983 während der Lesung die Stirne mit einer Rasierklinge ritzte und seine Lesung blutend fortsetzte, der Schweizer Urs Allemann, der 1991 mit seinem Text Babyficker selbst das österreichische Parlament zum Diskutieren brachte, oder der Österreicher Philipp Weiss, der 2009 während seiner Performance vorgab, sein Manuskript zu verspeisen. Gewonnen haben sie nicht, aber da waren sie.

Zudem ist es der Preis selbst, 1977 gestiftet mit einer Preissumme, die den einen unverschämt, den andern umso bedeutsamer erschien. Heute sind es 25’000 Euro, eine Summe, die eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller nicht nur auf ein Podest hebt, sondern für eine Weile unabhängig macht. Und all jene, die nie einen Preis gewannen, von Juroren zerzaust und von den Medien geschimpft wurden, können in ihrer Biografie oder auf den Klappentexten ihrer Bücher trotzdem das Gütesiegel einer Teilnahme vermerken.

Im Vorjahr war die Rorschacherin Anna Stern zu Gast und gewann nach kontroversen Diskussionen einen der Nebenpreise, den 3sat-Preis.

Diesmal las Andrea Gerster, eingeladen von der Literaturkritikerin Hildegard Elisabeth Keller, die schon das zehnte Jahr zur Jury des Bachmannpreises gehört, Das kann ich (der Text zum Nachlesen hier). Es ist die Geschichte einer zerbrechenden Ehe, einer Familie in der Krise, ein Text über Sorgerecht und dessen Verweigerung und Grosseltern von Kindern, die nichts retten können, über klaffende Wunden in einer Familie, die sich mit Geheimnissen, die im Streit offenbar werden, nur noch katastrophaler ins Unvermeidliche hineinmanövriert.

Erzählt ist der Text aus der Sicht von Carla, Grossmutter von Tilli und Mutter von dessen Vater Mathi, dem ehemaligen Burgtheater-Schauspieler. Mathi weint am Telefon, etwas, was er sonst nie tut, und Carla verletzt sich im Streit mit ihrer Schwiegertochter Julia mit einem Messer, etwas, was sie sonst auch nie tun würde. Katastrophen.

«Passiv-aggressiv» oder «bieder»?

Andrea Gerster las wie alle Kandidaten unter dem Porträt Ingeborg Bachmanns. Ihr Text spiegelt viel von dem, was sich in Familien abspielt, ist aber doch ganz traditionell, weit weg von den Skandaltexten der Vergangenheit – und doch viel zu nah an der Normalität. Nicht bloss an der Normalität des Geschehens, sondern auch an der des Erzählers.

Andrea Gerster gibt wieder, was passiert, bleibt aber eigenartig distanziert. Das mag an den vielen Wiederholungen liegen, aber auch daran, dass der Text nur wenige Dimensionen besitzt. Familientragödien genügen an sich. Aber die Katastrophen, die sie irreparabel anrichten, sind jene in der Tiefe der Seele. Da reichen auch Tränen und eine klaffende Wunde in der Hand nicht aus, um in diese Tiefe vorzudringen.

Jurorin Insa Wilke, Literaturkritikerin der Süddeutschen Zeitung, lobte die Biederkeit der Art des Erzählens, die kongruent zur Person der Grossmutter und ihrer Weltsicht sei, die «passiv-aggressive» Verzweiflung einer Mutter und Grossmutter, die aus meiner Sicht aber nicht an der Oberfläche bleiben dürfte. Was nur in Ansätzen zum Ausbruch kommt, was zaghaft und vielleicht typisch schweizerisch bleibt, ist die Bravheit des Textes, in dem kein Funke Risiko liegt – ohne dass dafür reales Blut fliessen oder mit Kraftausdrücken hantiert werden müsste.

Die Kritik blieb denn auch nicht aus. Juror Stefan Gmünder bemängelte die Ironielosigkeit und fand sie typisch schweizerisch, Klaus Kastberger vermisste Brüche und Kippmomente. Mehrmals hiess es: Der Text sei das Opfer seiner eigenen Mittel. Jurorin Hildegard Elisabeth Keller verteidigte die Langsamkeit des Erzählens mit den langsamen inneren Prozessen, die er abbilde, Michael Wiederstein schätzte die «guten und feinen» Beobachtungen im Unterschied zu den «Holzhammermethoden» der vorher gehörten Texte.

Wenn der preisgekrönte Schriftsteller Clemens J. Setz den Literaturbetrieb und die Klagenfurter Lesearena in seiner Eröffnungsrede mit der eines Wrestlingkampfs verglich, so war Andrea Gersters Text wohl doch einfach zu schmalbrüstig, zu wenig schwergewichtig.

Andrea Gerster, geb. 1959, hat fünf Romane, drei Erzählbände sowie zahlreiche Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Ausserdem schrieb sie Theaterstücke und Textinstallationen für Kunstausstellungen. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Andrea Gerster lebt in der Ostschweiz. Neuster Roman bei Lenos ist «Alex und Nelli».

Webseite Bachmannpreis

Webseite Andrea Gerster

Hansjörg Schertenleib «Die Hummerzange», Kampa

Eigentlich war der Plan, zusammen in Maine den Lebensabend zu verbringen, sie die ehemalige Polizistin Corinna Holder und ihr Mann Michael. Aber nach einem schrecklichen Polizeieinsatz, einem Ausraster und dem plötzlichen Unfalltod ihres Mann ist nichts mehr so, wie es sein sollte.

Eigentlich lese ich keine Krimis. Krimis müssen mir förmlich ans Herz gelegt werden, damit ich zu lesen beginne. Geschichten, bei denen es bloss um ein rätselhaftes Verbrechen geht, in dem genüsslich geschändet und gemordet wird und ich als Leser zum Voyeur werde, interessieren mich nicht. Ebenso wenig die schrulligen Kommissare, die sich nach der Pensionierung in polizeiliche Ermittlungen einmischen und mit markigen Sprüchen den Plot weichklopfen.

Obwohl auch Hansjörg Schertenleibs Krimi Klischees bedient, zolle ich ihm grossen Respekt, denn der Krimi spielt sich viel mehr in und um die Figur der Ermittlerin Corinna Holder ab, als um ein brutales, rätselhaftes Verbrechen.

Corinna Holder ist nach einem traumatischen Polizeieinsatz von der Aargauer Polizei freigestellt. Erst recht, als sie sich in aller Öffentlichkeit von einer Männergruppe provozieren lässt und handgreiflich wird. Seither hat sich etwas in ihr verschoben, noch mehr, weil ihr Mann Michael im Streit um ihre Alkoholprobleme von ihr wegfuhr und im Auto auf der Autobahn den Tod fand. Das Haus in Maine, in das sie sich zusammen mit ihrem Mann einst verliebte, das sie kauften und ausbauen liessen, in dem sie ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen wollten, wird zum Fluchtpunkt, zusammen mit Xanax, Psychopharmaka mit grossem Suchtpotenzial, das sie hinter Albert Camus‘ «Die Pest» im Bücherregal versteckt. Sie ist sich selbst ausgesetzt, ihren Träumen, ihren Ängsten, ihrer Trauer.

Bis sie in einer stillen Bucht beim Schwimmen auf die Leiche eines Ermordeten stösst, der im Wasser treibt, die Griffe einer Hummerzange durch die Augen bis tief ins Hirn gestossen. Sie kennt den Mann. Jeder auf er Insel kennt den Mann; Norman Dunbar, ein Investor und Radikalsanierer in Schieflage gekommener Unternehmen, ein ominöser Geschäftsmann und Frauenverbraucher, einer, dessen Tod auf vielen Wunschlisten ganz oben gestanden hätte. Corinne Holder macht sich an die Ermittlungen, nicht zuletzt darum, weil sie ihrem Leben wieder Richtung geben.

«Die Hummerzange» liest sich bis zur letzten Seite spannend, wie es ein Krimi sein soll. Aber die Geschichte lebt ebenso von der Person, einer Frau, die den Halt, den sicheren Stand verloren hat, die dem Leben nicht mehr traut und schon gar nicht sich selbst. Er lebt vom Lokalkolorit, der nicht aufgesetzt und recherchiert ist. Hansjörg Schertenleib erzählt vom Ort, an dem er mehrere Monate im Jahr lebt, von den Menschen, den Gerüchen, den Dörfern und Felsen dort. Vom Meer, dem Licht und den zwei Seiten einer Insel, die man gerne fotografiert. Handwerklich perfekte Unterhaltung, ein gelungener Versöhnungsversuch für ein von mit sonst so verschmähtes Genre.

Während ich schreibe, sitzt Hansjörg Schertenleib auf Spruce Head Island ebenfalls hinter seiner Tastatur, an seinem neuen, zweiten «Maine-Krimi». Ich freue mich!

Hansjörg Schertenleib, geboren am 4. November 1957 in Zürich, machte die Ausbildung zum Schriftsetzer/Typographen; Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich. 1981 zog er ins Künstlerhaus Boswil, arbeitete dort halbtags in der Küche und schrieb sein erstes Buch «Grip». Seit 1982 ist er freier Schriftsteller, 1980 bis 1984 und seit 2016 erneut Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift «orte», von 1984 bis 1989 Mitglied im Vorstand im Schweizerischen Schriftstellerverband. Seit 1985 journalistische Tätigkeit für verschiedene Zeitungen und Magazine, in der Spielzeit 1992/1993 Hausautor am Theater Basel unter Frank Baumbauer. Zwischen 1996 und 2016 lebte er in einem ehemaligen Schulhaus aus dem Jahr 1891 im County Donegal in der Republik Irland, seit 2011 zeitweise in Suhr im Kanton Aargau und seit 2016 auf Spruce Head Island in Maine, USA.

Rezension von «Die Fliegengöttin» auf literaturblatt.ch

Kurzgeschichte «Der Stich» auf der Plattform Gegenzauber

Webseite des Autors

Beitragsbilder © Hansjörg Schertenleib

Lukas Hartmann «Der Sänger», Diogenes

Einer der grossen Namen an den 41. Solothurner Literaturtagen; Lukas Hartmann. Nach bald drei Dutzend Romanen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene brilliert der Altmeister des historischen Romans mit seinem Buch über den einst berühmten Sänger Joseph Schmidt, der sich 1933 mit «Ein Lied geht um die Welt» in die Herzen einer Generation sang und 1942 krank und vergessen in der Schweiz starb.

1942 flüchtete der einstmals gefeierte jüdische Sänger Joseph Schmidt in die Schweiz, den Ort seiner letzten Hoffnung, weil er in Zürich einen Bekannten wusste, der ihm helfen würde. Gelandet ist er in einem Auffanglager, schwer erkrankt, entkräftet, mutlos und mit schwindender Hoffnung. Im einzigen Land in Europa, das ihm Rettung versprach, eine Rettung, die ihm hinter Pflichterfüllung und latentem Antisemitismus nicht zum Überleben die Hand reichte, die ihn sterben liess, obwohl der Schritt zur Rettung und die Menschen, die es dazu gebraucht hätte, so nah waren.

Der 1904 im damals österreichischen Czernowitz (heute Ukraine) geborene und deutsch aufgewachsene Sänger, der auf Bühne und im Film berühmt und gefeiert wurde, erlebte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen steilen Niedergang. Der Mann, der in überbordendem Luxus von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort reiste, von den Frauen verehrt und angeschmachtet und von Musikkennern auf Händen getragen wurde, war unaufhaltsam gefallen, mit Berufsverbot stumm gemacht, wenn auch nicht aus der Erinnerung so doch aus der Zeit getilgt. Und als ob die Flucht und die Sorge um seine Familie nicht genug gewesen wären, plagen ihn eine aggressive Kehlkopfentzündung und Herzprobleme. Die wenigen Menschen, die ihm an der Seite bleiben, selber Juden sind, schaffen es nicht, gegen eidgenössische Pflichterfüllung und unverhohlenen Antisemitismus anzukämpfen. Joseph Schmidt stirbt, alleine gelassen, obwohl er nichts lieber getan hätte, als seinem Gastland seine Kraft als Gegenleistung anzubieten. Aber amtliches Misstrauen und Vorhaltungen, alle Krankheitssymptome seien blosses Simulieren, brachten den Mann schliesslich um sein Leben.

Lukas Hartmann beschränkt sich in seinem Roman auf die letzten Monate im Leben des gebrochenen Sängers. Auf Erinnerungsfetzen an seine Mutter, an Otto, den Sohn aus einer Liebschaft, den Sohn, den er gerne gehabt hätte, aber nie akzeptiert hatte. Lukas Hartmann schlüpft in gequälte Seele und Körper eines Mannes, der es gewohnt war, seine Umgebung mit seiner Stimme zu betören, dem mit dem Klang seines Singens fast alles gelang. Aber auf der Flucht vor den Nazis, krank, kraftlos, wird ausgerechnet der Hals, der Kehlkopf zum Epizentrum seines körperlichen Zerfalls.

Es wäre für den Autor ein leichtes gewesen, die Geschichte dieses Mannes episch auszubreiten. Aber Lukas Hartmann ging es ganz offensichtlich nicht in erster Linie um die Biographie eines Gestrandeten. Als die Schweiz im August 1942 ihre Grenzen für die flüchtenden Juden schloss, begründete man dies mit der Angst vor «Überfremdung», obwohl mehr als deutlich bekannt war, was mit abgewiesenen Juden passiert. Man knickte ein im vorauseilenden Gehorsam, weil man es auf keinen Fall mit dem mächtigen Grossdeutschland verspielen wollte. Heute sind «Überfremdungsängste» so aktuell wie damals. Lukas Hartmanns Buch ist die Stimme eines Mannes, der nicht ankommen kann und dabei zu Grunde geht. Keine anklagende Stimme, eine Stimme, die sich dem Schicksal ergibt. Darum ist dieses Buch ein besonderes Buch. Die Stimme eines Mannes, die abstirbt. Nicht nur weil eine Krankheit seinen Hals im Würgegriff hat, sondern weil Demütigung, Hass und «fatale Binnensicht» Tausende Existenzen vernichten.

Ein kleines Interview mit Lukas Hartmann:

Wo lag die erste Motivation, über Joseph Schmidt  zu schreiben? Wie geschieht ein solcher Findungsprozess bei all den historischen Personen, über die sie schon Romane schrieben?

Ich kann mich nicht genau erinnern. Der Name begleitete mich schon lange, aber ich wusste bloss, dass er ein berühmter Sänger gewesen war und in einem Schweizer Internierungslager starb. Aber als mir ein Musiker, mit dem ich befreundet bin, mehr über ihn erzählte, war meine Neugier oder mein literarischer Instinkt geweckt, und ich machte mich auf meinen Rechercheweg, in dessen Verlauf – er kann sehr steinig sein – ich ja auch immer etwas über mich erfahre.

Zuhörer an der Lesung von Lukas Hartmann © Lea Frei

„Der Sänger“ ist keine Lebensgeschichte, sondern eine Leidensgeschichte, ein Passionsweg. Die Geschichte eines Mannes dem nicht nur die Stimme, sondern sein Leben geraubt wird. Sie beschränken sich beim Erzählen auf ganz ausgewählte Rückblenden, wenige Motivtafeln in dieser Passionsgeschichte. Mussten sie sich strategisch beschränken angesichts der aufregenden Biographie dieses Mannes?

Ja, Passion trifft es nicht schlecht, das war mir gar nicht bewusst. Es ist eine von unzähligen jüdischen Leidensgeschichten während der finsteren Zeit zwischen 1933 und 45. Ich wollte mich in der Tat auf die letzte Etappe von Schmidts Leben beschränken und mit atmosphärisch dichten Rückblenden arbeiten. Darum reiste ich zum Beispiel in die Gegend, in der er aufwuchs, in die Bukowina, nach Czernowitz, wo auch Paul Celan und Rose Ausländer in ihren frühen Jahren lebten.

„Überfremdungsängste“ waren es 1942, „Überfremdungsängste“ sind es heute, wo der Ruf „Das Boot ist voll!“ wieder deutlich zu hören ist. In ihrem Roman sind es die kleinen Gesten, die einem, wenn sie denn möglich sind, versöhnlich stimmen. Vielfach sind es Frauen; eine treue Freundin, eine Krankenschwester, eine Wirtin. Menschlichkeit nur noch als Form des Guerillawiderstands?

Zuhörerin an der Lesung von Lukas Hartmann © Lea Frei

Es gehört wohl zu den grausamen Epochen der Menschheitsgeschichte, dass gerade die kleinen Gesten den Glauben an die Möglichkeit des Mitmenschlichen nicht ganz erlöschen lassen. Darin zeigt sich eine Gegenkraft, die es mir ermöglicht hat, das Buch zu schreiben. Es ist nicht einfach ein billiger Trost, sondern die Überzeugung, zu der ich mich hinschrieb, dass in solchen Schicksalen die kleinen liebevollen Gesten ebenso viel zählen wie die grossen Taten. 

An der Hauswand des ehemaligen Gasthauses Waldegg in Girenbad im Kanton Zürich hängt eine Gedenktafel auf der steht: „In diesem Haus starb am 16. November 1942, achtunddreissig Jahre alt, einer der berühmtesten und beglückendsten Sänger der Welt – Joseph Schmidt – als Flüchtling und Opfer einer gnadenlosen Zeit. Dankbare Freunde“. Ihr Buch; Denk- und Mahnmal?

Sie können es so lesen, auch als Appell, den Mut zu haben, in unserer Vergangenheit die Schattenseiten der Gegenwart zu entdecken und zugleich zu erkennen, wo es damals und heute Leuchtpunkte gab und gibt.

© Bernard van Dierendonck

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen, zuletzt «Ein Bild von Lydia», regelmässig auf der Bestsellerliste.

Rezension zu «Ein passender Mieter» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung des Joseph-Schmidt-Archivs In Dürnten im Kanton Zürich

Sun Wei, Gast im Bodman Haus in Gottlieben TG

Sun Wei, eine der originellsten und führenden Stimmen Chinas, ist für zwei Sommermonate Gast und Stipendiatin der Kulturstiftung Thurgau und der Bodman Stiftung im Bodman-Haus in Gottlieben am Bodensee. Zusammen mit der seit zwei Jahrzehnten in der Schweiz lebenden chinesischen Schriftstellerin Wei Zhang, stellte Sun Wei sich ein erstes Mal dem Publikum und gab Kostproben ihres vielfältigen Schaffens.

Sun Wei, 1973 während den Zeiten der Kulturrevolution in China geboren, war vor ihrer Profession als Schriftstellerin Journalistin, Dokumentarfilmerin und Geschäftsführerin eines Betriebs. In «the confession of a baer» erzählt Sun Wei Geschichten über das zeitgenössische Shanghai, gibt Einblicke in die moderne chinesische Gesellschaft. Das geschäftige Treiben im Shanghai des 21. Jahrhunderts dient als Hintergrund für eine Geschichte voller Intrigen.

Ein tief verunsicherter Mann hat die Aufgabe, eine gespendete Satellitentelefonausrüstung in ein abgelegenes Dorf zu liefern, in dem die Menschen ihren Traditionen folgen und ein Leben führen, das dem Gegenteil in der Stadt entspricht. In diesem abgelegenen Dorf lernt der Mann die wilden Bären kennen, Symbol für längst verlorene Tugenden. Seine Anwesenheit verändert das Dorf, während ihn seine Abwesenheit von der Arbeit zu einem unwissenden Spieler in einem Spiel macht, das sein Leben zwischen Guten und Schlechten pendeln lässt.

Sun Wei veröffentlichte bereits 23 Bücher, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. Ihr Roman «The Map of Time» wurde 2017 in China ein Verkaufsschlager. Ihre Novellen «Farewell», «Ignition» und «Second Son» wurden ins Englische, Französische, Spanische, Bulgarische übersetzt. Sun Wei sticht in die vielen psychologischen und sozialen Probleme der chinesischen Stadtbewohner. Ihre Arbeiten spiegeln Einsamkeit, Stolz und das Gefühl der Entfremdung wider.

Sun Wei bedankte sich nach Lesung und Gespräch innig bei all jenen, die ihr diesen Aufenthalt an diesem magischen Ort ermöglichen. Allen voran bei den beiden Stiftungen und beim Schriftsteller und Stiftungsratsmitglied der Kulturstiftung Thurgau Peter Höner, der Schriftstellerinnen und Publikum im Bodman-Haus begrüsste.
Sun Wei meinte, sie werde sich bemühen, die deutsche Sprache zu erlernen, von der sie schon jetzt die Melodie liebe, um endlich all jene grossen Autorinnen und Autoren zu lesen, die ihr sonst verschlossen blieben.

Sun Wei, Stipendiatin und Wei Zhang            ©Martin Geier

 

If I Were a Girl in Fairytales

By Sun Wei

If I were Sleeping Beauty,
An alarm clock could have worked
Much better than a kiss from an unpunctual princess.

If I were Snow White,
I would have never married a man who
Merely fell in love with my body in coffin.

If I were Cinderella,
No fairy godmother could have convinced me to
Dress up for a dance,
Smile sweetly for attention,
Display in the corner as a candidate,
Disguise as someone else.
Why should I be running like hell at every midnight,
Only for running away from
Who I really am?

If I were Little Mermaid,
Why should I give up my voice to trade for
Whatever between human legs,
Whatever makes me the same as others,
Whatever is said to be the
Most necessary to please a king-to-be in order to
Get a marriage,
Certificated by human world,
Go through all these humiliations,
Give up my own soul,
In order to
Achieve a so-called human soul,
A soul belonging to a mass,
A common sense leading to the immortality of the soul,
A reward for ignorance,
A prison for eternity.
I don’t want a soul like this,
I’d rather become bubbles on the sea to
Smell the free life,
Swim with whales,
Slide into my own dreams,
Disappear with pride.

10,7,2019, Bodmanhaus, Gottlieben

 

The Dusk

By Sun Wei

Hallo Dusk,
I’ve come to visit you again
For our private date.
No third can share the secret land of us,
No sage can provide maneuver,
No spectator can define us.

People always said,
Let’s go to see sunset together.
They never mean it.
You never show up.

You never show up if I am not alone,
You prefer a quiet observer,
A patient admirer,
A non-instrumental soul,
One of your kind.
Wind down over a drink after a long day,
You look tipsy and rosy,
You can’t hide yourself
Before my gaze,
You are luminescent when I stare
Into your eyes,
You are waiting patiently for me
To approach and have a word with you.
But I’d rather stay silent with you,
For the last hours we have,
Staying away from the human world,
Staying away from our terrene lives,
Staying away from aging and death,
Staying away from past and future,
Staying together for now,
For the last and the first glance.

Look into my eyes,
I am reading you at the moment,
I am listening to you at the moment.

22,6,2019, Bodmanhaus, Gottlieben

Webseite des Bodman Literaturhauses in Gottlieben

Webseite der Autorin

Gabrielle Alioth «The Poet’s Coat», Waldgut

Nach fast dreissig Jahren Prosa veröffentlicht Gabrielle Alioth im Waldgut Verlag ihre Gedichte unter dem übersetzten Titel «Der Mantel der Dichterin». Eine ganz besondere Sammlung, denn die Schriftstellerin, die ihre Prosa nur deutsch schreibt, dichtet in der Sprache ihrer Wahlheimat, in der grossen Tradition nordirländischer Dichtung, einem Land, in dem Dichtung bis heute einen ganz anderen Stellenwert besitzt.

„Als ich die Schweiz vor 35 Jahren verliess, fand ich eine Insel, ein Leben und eine Sprache. In Irland stiess ich auf eine lebendige poetische Kultur, die den Alltag der Menschen betraf; und die Gedichte, die in den 1980er-Jahren häufig von Frauen geschrieben und zitiert wurden, berührten mich, wie es kein deutsches Gedicht je vermocht hatte…“

Time

Once I lost a future
On a warm summer evening,
And my past
In a sentence of a stranger.
Now the wind ist blowing in my hair
And the sea is in my heart.

Zeit

Einst, an einem warmen Sommerabend,
verlor ich eine Zukunft
und, im Satz einer Fremden,
meine Vergangenheit.
Jetzt bläst der Wind durch mein Haar
und das Meer ist in meinem Herzen.

„Muttersprache“ ist die Sprache des Herzens, eine Sprache, in der unweigerlich Bilder mitschwingen, die sich in einem ganzen Leben ansammeln. Eine gelernte Sprache, eine Sprache, in die man aktiv hineinwächst, ist viel weniger verschlüsselt. Gabrielle Alioth erklärte bei einer Lesung im Kultbau St. Gallen, sie sei im Schreiben von Gedichten, in der englischen Sprache eine „andere Frau“, könne viel freier agieren. Das sei auch ein Grund, warum man in einer fremden Sprache viel freier fluche als in der Muttersprache. So „distanziert“ sie in ihrem schriftstellerischen Wirken in ihrer Arbeitssprache Deutsch wirkt, in den historischen Themen wie in ihrem Ausdruck, so persönlich, so nah, so ganz anders wirken die Gedichte. So sehr die Schriftstellerin ihre Prosa einem Ziel unterwirft, so sehr ergibt sich ihre Lyrik dem Moment, auch den Momenten einer Erinnerung.

Leaving Rosemount

Snow on the hills
No winter has been so cold
And empty roads.
Could I Have died?

It will get easier
In time to come
I will get used
To leaving
Till it leaves me.

Rosemount verlassen

Schnee auf den Hügeln.
Kein Winter war je so kalt.
Und die Strassen leer.
Hätte ich sterben können?

Es wird leichter werden in Zukunft.
Ich werde mich gewöhnen
ans Verlassen.
Bis es mich verlässt.

Gabrielle Alioth schreibt seit 20 Jahren Gedichte in Englisch, von denen einige in irischen Zeitungen erschienen, in denen Gedichte noch immer nicht bloss Lückenbüsser sind. In ihren Gedichten spiegeln sich ihre Vergangenheit, Begegnungen, ihre zweite Heimat, das, was Orte mir einem tun und anstellen, was sie in uns und wir an ihnen zurücklassen. Ihre Gedichte sind Ausdruck dessen, dass sie nicht zerrissen, sondern an vielen Orten zuhause ist, dass Heimat nicht an Nationen und ihre Grenzen, nicht einmal an die Sprache gebunden sein muss. Gedichte darüber, wie wenig Orte sich an uns selbst erinnern, wenn man mit dem Bewusstsein lebt, dass man sich an die einen oder andern Orte „für immer“ erinnert.
Dichten ist Alchemie, eine Dichterin, ein Dichter ein Alchemist. Gedichte eine Form „Unerklärliches“ erklären zu wollen. Dichten sei „Altes im Feuer verbrennen, zusammen mit gesammeltem Treibholz“.

Ein besonderes Vergnügen bereitet die Gegenüberstellung der englischen Originalgedichte und die deutschen Übersetzungen von Fred Kurer. Die beiden Seiten zeigen offensichtlich und eindrücklich, was Übersetzung kann und muss, dass literarische Übersetzung viel mehr ist als das, was ein Google-Übersetzer kann, wie unterschiedlich Klang und Tiefenschärfe ist, wie viel Auseinandersetzung es braucht, bis sich Dichterin, Übersetzer (und in diesem Fall die Herausgeberin Irène Bourquin) finden.

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg und war anschliessend als Konjunkturforscherin tätig. 1984 wechselte sie ihren Wohnsitz nach Irland. 1990 erschien der Roman «Der Narr», der durch das Literaturhaus Hamburg ausgezeichnet wurde. Es folgten zahlreiche weitere Romane – jüngst «Gallus, der Fremde», 2018 im Lenos Verlag – Kurzgeschichten, Essays sowie Kinder-, Reise- und Sachbücher. Gabrielle Alioth ist Dozentin an der Hochschule Luzern Design & Kunst, journalistisch tätig und hält Schreibkurse am Literaturhaus Basel.

Der Übersetzer Fred Kurer, 1936 in St. Gallen geboren, studierte nach einer Lehrerausbildung Germanistik, Anglistik, Publizistik und Theaterwissenschaften in Zürich, Wien und London. Er ist Autor eines Romans, zahlreicher Gedichtbände, Bühnencollagen, Theaterstücke und verschiedener Programme für Kleinbühnen, Kabarett, Radio und Fernsehen. Er übersetzt aus dem Englischen und Amerikanischen.

Rezension «Gallus, der Fremde» auf literaturblatt.ch

«But you don’t really care for music, do you? – Szenen zu Leonard Cohen» von Gabrielle Alioth auf der Plattform Gegenzauber

Kultbau St. Gallen

Webseite der Autorin

Illustrationen aus dem Buch © Isabelle Looser

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Yoko Ogawa «Augenblicke in Bernstein», Liebeskind

Eine Mutter verliert eines ihrer Kinder. Es stirbt. Sie ortet die Schuld und versucht nun mit allen Mitteln ihre anderen Kinder vor Gefahren zu schützen, um fast jeden Preis. Was wie Mutterliebe aussieht, wird zur Besessenheit, zum Gefängnis. Yoko Ogawa, eine Grosse der japanischen Literatur, hat einen feinsinnigen, fast märchenhaften Roman über drei Geschwister im geschlossenen Garten geschrieben.

Bei einem Besuch in einem Park wird das jüngste Kind von einem grossen Hund im Gesicht abgeleckt. In der Folge stirb das Kind und für die Mutter ist klar, dass der böse Hund die Schuld am Tod ihrer kleinen Tochter trägt. Um die drei älteren Geschwister des toten Mädchens vor ähnlichem Schicksal zu schützen, zieht sich die Mutter mit ihnen in eine Villa am Rand einer Stadt zurück, ein Haus mit grossem Garten, umfangen von einer mannshohen Mauer. Die Villa gehörte dem von ihr getrennten Ehemann, einem pleite gegangenen Verleger von Enzyklopädien. Während die Mutter ihrer Arbeit als Pflegerin im Ort nachgeht, überlässt sie die Kinder im Haus sich selbst und einem ganz bestimmten Stundenplan. Sie warnt sie vor den Gefahren der Aussenwelt und befiehlt ihnen gar, ihre Namen aus dem alten Leben, ja ihre Vergangenheit zu vergessen. Zukünftig heisst die grosse Schwester Opal, die jüngeren Brüder Achat und Bernstein.

Romane aus Japan oder von AutorInnen, die mit Japan stark verbunden sind und sich mit dem Thema des „Sich Einschliessens“ beschäftigen, haben Tradition. Wohl auch deshalb, weil viele Auswirkungen gesellschaftlicher Missstände in Japan anders wahrgenommen werden, denke man nur an das Phänomen der Hikikomori (Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschliessen und den Kontakt zur Gesellschaft verweigern oder auf ein Minimum reduzieren).

Das Phänomen des sich Entziehens, Kinder um jeden Preis vor allem schützen zu wollen, ist aber beileibe kein japanisches. Medienberichte von Eltern, die ihre Kinder unter Verschluss halten, von mehr oder weniger misshandeln oder verwahrlosenKindern gibt es zuhauf. Yoko Ogawa geht es aber weder um ein Verbrechen, noch um die verstiegene Mutterliebe einer vom Wahn Getriebenen. „Augenblicke in Bernstein“ konzentriert sich auf die Geschwister im begrenzten Kosmos eines grossen Hauses mit umschlossenem Garten. Die drei Kinder sind nicht unglücklich, arrangieren sich mit ihrem Sein, nehmen Teil an der Welt im Kleinen, lernen aus den Enzyklopädien ihres Vaters und lieben sogar ihre Mutter, von der sie glauben, sie würde sie schützen.

Das jüngste der Kinder mit Namen Bernstein bekommt irgendwann eine Augenkrankheit. Über das eine Auge zieht sich ein bernsteinfarbener Schleier. Und weil der Junge in eben dieser Zeit damit beginnt, auf den Seitenrändern der Enzyklopädien, die er eifrig studiert zu zeichnen und aus diesen Zeichnungen „Daumenkinos“ entstehen, in denen die Mutter die Anwesenheit ihrer verstorbenen Tochter sieht, wird aus der Augenkrankheit eine besondere Fähigkeit, eine Art des Sehens, eine Verbindung zu einer Welt, die nicht nur ausserhalb der Mauern liegt, sondern ausserhalb der Zeit.

Yoko Ogawa beschriebt ohne psychologische Deutung, bezaubert dieses eingeschlossene Leben der drei Geschwister, die sich in grosser Liebe tragen. Ins Erzählen eingefügt sind die Vorbereitungen einer Ausstellung von Bernsteins Zeichnungen. Bernstein ist alt geworden, lebt in einer Altersresidenz. Losgelassen hat ihn diese eingeschlossene Kindheit nie, auch die tiefe Verbundenheit zu seinen drei Geschwistern.

„Augenblicke in Bernstein“ ist ein zauberhafter Roman, ganz wörtlich. Ein Roman, wie ihn nur Yoko Ogawa schreiben kann. Ein Roman mit Bildern, die bleiben, Geschichten, die auf unspektakuläre Weise bezaubern. Yoko Ogawa erzählt im Kleinen das Grosse.

Yoko Ogawa (1962) gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tanizaki-Jun’ichiro-Preis. Für ihren Roman »Das Geheimnis der Eulerschen Formel« erhielt sie den begehrten Yomiuri-Preis. Yoko Ogawa lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo.
Die Übersetzerin Sabine Mangold (1957) studierte Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete als Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Niigata in Japan und wirkt auch als Yogalehrerin und Fotografin. Sie übersetzte Werke von Haruki Marukami, Akira Yoshimura, Hitomi Kanehara u. a.

Rezension von «Zärtliche Klagen» (2017) auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau