Franz Hohler «Fahrplanmässiger Aufenthalt», Luchterhand

Franz Hohler ist ein Reisender in Sachen Literatur, einmal als Minnesänger, dann als Beobachter, als Erzähler, als Mahner, als Unterhalter und nicht zuletzt als eine der Identifikationsfiguren der Schweizer Literatur. In den vergangenen Jahren leuchtete der Stern Franz Hohler immer heller und wurde zu einem Fixstern, unübersehbar, als wäre er schon immer da gewesen.

Viele Geschichten aus seinem neuesten Erzählband sind auf Lesereisen weit weg und ganz nah entstanden; Sarajevo, Odessa, Kiew genauso wie Hessental, Appenzell und Tübingen. Begegnungen mit Menschen und Orten, Situationen und der Geschichte – und immer mit sich selbst. Franz Hohler ist kein Stänkerer, kein Meckerer, kein Sezierer und schon gar kein Analyst. Er richtet den Blick auf die Welt und beschreibt sie so, wie sie ihn erreicht, wie er ihr gegenübersteht, nach fast achtzig Jahren Leben und einem übergrossen Mass an Wohlwollen und Respekt. Er zeigt, was Weltanschauung bedeuten kann, wenn sie durchsetzt ist von Liebe und Empathie. Und immer, wie für einen Bühnenmann wichtig, voller Einsichten, Witz und tiefgründigem Humor; was das Alter und Altern mit einem macht, wenn einem die Endlichkeit nicht mit Schrecken in die Glieder fährt, sondern mit einem tief empfundenen Gefühl der Dankbarkeit erfüllt. Eine Dankbarkeit, die nicht ausgesprochen werden muss, die aber in seinen Geschichten, seinen Erzählungen überdeutlich wird. 

Franz Hohler «Fahrplanmäßiger Aufenthalt», Luchterhand, 2020, 112 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-630-87639-9

Manchmal sind es nur Augenblicke, Momentaufnahmen, ausserplanmässig, wenn ein Zug im Nirgendwo 15 Minuten stehen bleibt und Franz Hohler in der Viertelstunde Suche nach einer heissen Tasse Tee mit dem Schrecken des 20. Jahrhunderts konfrontiert wird. Oder in der Stadt Odessa am Schwarzen Meer im Süden der Ukraine, wo er an einem Literaturfestival eingeladen unweigerlich mit dem Krieg konfrontiert wird, genauso wie am Maidan-Platz in Kiew, oben die Fotos jener, die bei den Unruhen im Winter 2013/2014 umgebracht wurden, darunter Einkaufsmeile mit Hochglanz und Überfluss, Begegnungen in einer zerrissenen Gesellschaft. 

Oder in Kenia, wo einer der Söhne eine Kenianerin heiratete und sich Franz Hohler mit einem Mal in seiner Funktion als Stammesältester bewusst wird und der künftig bei Langstreckenläufen nicht mehr mit derselben Vergeblichkeit auf einen schweizer Triumph hoffen muss.
Es sind bei aller Überraschung, die der Autor noch immer zu erzeugen weiss, wenn es um Pointen und Wendungen geht, noch immer die ganz typischen Hohler-Geschichten. Wer den Autor jemals auf der Bühne, bei einer Lesung, im Radio oder im Fernsehen hörte, wird beim Lesen den Sound seiner Stimme mitschwingen hören und staunen, mit wieviel Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit er zu erzählen und zu schildern weiss. Nie verkopft, untermalt mit sanfter Moral, im Licht seiner ganz eigenen Freundlichkeit.

Wenn es Geschichten gibt, mit denen auch Erwachsene einschlafen wollen, dann sind es die Geschichten von Franz Hohler, die unbedingt eine Weile auf dem Nachttischchen liegen müssen!

«Schreiben ist eine Lebensform.»
Interview mit Franz Hohler

Nicht wenige von deinen Geschichten handeln vom Tod. Wenn du von deinem Vater erzählst, der 101 wurde, als er starb und dir im hohen Alter noch das Gefühl überliess, Vollwaise zu sein, ein Gefühl, dass jede(n) beschleicht, wenn Mutter und Vater gegangen sind. Oder bei all den Reisen in Länder, die durch Krieg und Unruhen mit dem Alp von Mord und Misshandlung gepeinigt sind. Ist es im Umgang mit Sterben und Tod immer jene Ruhe und Gelassenheit, die du und dein Schreiben ausstrahlen oder mischt manchmal nicht doch ein bisschen Angst mit?
Selbstverständlich habe ich Angst vor dem Tod, fast mehr vor dem Tod der anderen als meinem eigenen. Den Tod als Begleiter unseres Lebens wahrzunehmen und zu beschreiben, macht wohl gelassener als ihn totzuschweigen. 

Du bist ein grosser Erzähler. Wer dir irgendwann einmal zuhören kann und darf, dem wird diese Sprachreise unvergessen bleiben. Kein Wunder füllen sich Säle, wenn sich Franz Hohler ankündigt. Aber du bist weit mehr als ein Unterhalter, denn in deinen Geschichten mischt auch eine politische Überzeugung, einiges an Moral und ein festes Rückgrat mit. Deine Haltung in der aktuellen Flüchtlingsfrage ist unüberhörbar. Beschleicht dich zuweilen nicht die Resignation?
Doch, täglich. Gestern lagen in meinem Briefkasten 10 Bettelbriefe, in Worten zehn, von lauter Organisationen, die versuchen, unsere Welt zu verbessern. Alle leisten gute Arbeit. Die weltweite Bekämpfung der Armut macht, wenn man den Statistiken der Weltbank trauen darf, Fortschritte, die des Hungers auch, aber es wachsen auch die Rüstungsausgaben, es wächst überhaupt der ganze Problemberg, an dessen Fuss wir uns sehr klein und ohnmächtig vorkommen. Doch als denkende Menschen haben wir gar keine Wahl: Wir müssen uns auf die Seite des Lebens schlagen, täglich. Der Gesang der Amseln und das Lachen der Kinder helfen mir dabei.

Wenn ich mir den Reisenden Franz Hohler vorstelle, dann ist er immer ein Wanderer, ein langsam Reisender, der beobachtet, sinniert und schaut. Wenn du von Odessa, Kiew, Kenia und Moskau erzählst, fällt es mir beinahe schwer, mir einen Franz Hohler vorzustellen, der sich durch ein Gate ins Flugzeug kämpft und nach drei Stunden aus der Druckkabine steigt, in einem anderen Land. Wie sehr schmerzt die Anpassung an den Takt der Zeit?
Das Flugzeug besteige ich nur für die fernen Ziele, und jedesmal bin ich beeindruckt, dass Fliegen möglich ist und dass man derartige Distanzen in so kurzer Zeit zurücklegen kann und freue mich darüber. Allerdings beginnen sich die Länder auch immer mehr zu gleichen, und das schmerzt eigentlich mehr als die leichte Erreichbarkeit. Im «Carrefour» von Abu Dhabi findet man das ganze Sortiment der «Ricola»-Täfeli, in den Warenhäusern von Krasnojarsk wetteifern Hugo Boss und H&M um die Kundschaft, und österreichische Schneekanonen machen die Skipisten befahrbar.

Du veröffentlichst seit 50 Jahren fast ausschliesslich beim Luchterhand Verlag, einem Verlag, der sein Antlitz in diesen fünf Jahrzehnten stark veränderte. Dass ein Schriftsteller einem Verlag über so lange Zeit treu bleibt, ist immer seltener, genauso selten wie Paare, die fünf Jahrzehnte beieinander bleiben. Ist Treue ein Lebensprinzip? Und wie sehr rettet es dich?
Mein Deutschlehrer Ludwig Storz, mit dem ich ein Leben lang befreundet blieb, sagte einmal den schönen Satz: «Ich bin für lange Freundschaften gemacht.» Das gilt auch für mich. Je mehr mein Vorrat an Zukunft schmilzt, desto kostbarer werden die Verbindungen zu Menschen, die über lange Zeit Bestand hatten. 

Mit meinem Verlag bin ich durch etliche Ups and Downs gegangen und habe mich immer fürs Bleiben entschieden, auch wenn heute niemand aus der Crew von 1970 mehr dabei ist. In den letzten Jahren sind dort meine gesammelten Erzählungen («Der Geisterfahrer»), meine gesammelten kurzen Texte («Der Autostopper») und meine gesammelten Gedichte («Sommergelächter») herausgekommen. Das empfinde ich als eine Art Ernte. 

„Ich bin gerne Dichter“, steht ganz am Schluss des Buches. Du scheinst auch nicht den Willen zu bekunden, dich „pensionieren“ zu lassen, wie andere SchriftstellerInnen, die das Schreiben irgendwann einstellen, wie zum Beispiel Philipp Roth, der sich eines Tages „vom Schreiben zurückzog“. Was bedeutet das Schreiben für dich über meine Annahme hinaus, dass es längst Lebensnotwendigkeit in mehrfacher Hinsicht geworden ist?
Schreiben ist eine Lebensform. Ein Chefarzt eines Spitals wird mit 65 pensioniert, auch psychologische Praxen haben eine Altersgrenze. Diese Menschen hatten Freude an ihrer Tätigkeit, und auf einmal dürfen sie sie nicht mehr weiter ausüben, das fällt den wenigsten leicht. Dass ich niemanden zu fragen brauche, ob ich mich noch vor mein Laptop setzen darf, empfinde ich als grosses Privileg, und damit aufhören kann ich, wann ich will. Oder muss.    

Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Franz Hohler liest aus «Fahrplanmässiger Aufenthalt»

«Enten» Kurzgeschichte von Franz Hohler 

Webseite des Autors

Melitta Breznik «Mutter. Chronik eines Abschieds», Luchterhand

Eine Chronik ist eine geschichtliche Prosadarstellung, die die Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge geordnet darstellt. Die österreichische Autorin Melitta Breznik (Jahrgang 1961) gibt ihrem neuen Roman «Mutter» den vielsagenden Untertitel «Chronik eines Abschieds». Geordnet, aber keineswegs emotionslos erzählt sie über das langsame Sterben der eigenen Mutter.

Gastbeitrag von Cornelia Mechler

Die Mutter wohnt in einer Kleinstadt in der Steiermark. Die Autorin, die auch als Ärztin in der Schweiz tätig ist, reist an, um die Mutter auf ihrer letzten Reise nicht allein zu lassen. «Der Tod braucht Zeit, er duldet keine Eile, er duldet nichts anderes neben sich.» Und so vergehen mehrere Wochen, intensive Stunden und Tage, in denen die Autorin in nüchterner Sprache die Veränderungen beschreibt, die sie sowohl an ihrer Mutter als auch an sich selbst wahrnimmt. Die Berichte über den jeweils tagesaktuellen Gesundheits- und Gemütszustand der Mutter gleiten in Erinnerungen ab. Eine Familiengeschichte wird erzählt, die bis zu den beiden Weltkriegen zurückreicht. Die Mutter verlor einen ihrer beiden Söhne – er starb mit nur 18 Jahren an einem Hirntumor. Dieser Verlust prägt alle übrigen Familienmitglieder, auch wenn die Autorin selbst zum Zeitpunkt des Todes noch ein kleines Kind ist. Es tauchen Fragen nach Schuld und Vergebung auf, und nach dem, was bleibt, wenn jemand stirbt. 


Melitta Breznik «Mutter. Chronik eines Abschieds», Luchterhand, 2020, 160 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-630-87506-4

Deutlich tritt auch ein weiterer, noch immer nicht abgeschlossener Konflikt zutage: Einst zwang die Mutter die damals 17-jährige Tochter zu einer Abtreibung…
Das Gegengewicht zu diesen noch immer aktiven «Gespenstern der Vergangenheit» findet sich in Beschreibungen von persönlichen, ja intimen Momenten der Zweisamkeit einer im Sterben begriffenen Mutter und ihrer Tochter, die ihr – den einstigen Ereignissen zum Trotz – liebevoll zugetan ist. «Als sie mir gute Nacht wünschte, lehnte sie mit Tränen in den Augen in den Kissen. Die Tage mit mir seien traurig, aber auch schön. Dann fiel sie zufrieden in einen stillen Schlaf.»

Man leidet als Leserin schmerzhaft mit bei all den Versuchen der Autorin, es der Mutter recht zu machen, ihr ein würdiges Ende vorzubereiten. Auch die alltagspraktischen und medizinischen Schwierigkeiten einer Sterbebegleitung werden nicht ausgelassen. «Die schnelle Wirkung der Tablette verblüfft mich, und gleichzeitig frage ich mich, ob es richtig ist, Mutter mit einem Medikament davon abzuhalten, ihren Sohn zu suchen, Vielleicht hätte sie ihn ja gefunden, wie er sie im Jenseits erwartet, ihr seine Hand reicht.» Irgendwann ist die Grenze des Erträglichen für die Autorin erreicht. Die körperliche und seelische Erschöpfung lässt sie nach mehr Hilfe von aussen suchen. Eine Pflegerin unterstützt sie folglich in den letzten Wochen, in denen die Mutter zu einem Schatten ihrer selbst wird. 


Gewiss: Es existieren bereits einige gute Bücher, die sich mit der Thematik des langsamen Abschieds von einem Elternteil beschäftigen – man denke beispielsweise an Michael Lentz’ «Muttersterben2 (2002) oder an Arno Geigers «Der alte König in seinem Exil» (2010). Melitta Brezniks Buch beeindruckt vor allem durch die gekonnte Darstellung der schwierigen Selbstpositionierung der Autorin. Sie ist Tochter, sie ist Ärztin und sie ist die Pflegerin der eigenen Mutter. Mal verliert sie sich fast sehnsuchtsvoll in den Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse mit der Mutter, mal beschreibt sie in einer vom ärztlichen Fachjargon geprägten Sprache ihre Hilfsmassnahmen für die sterbenskranke alte Frau. Eine schonungslose Ehrlichkeit durchdringt diesen tiefgründigen Roman, für Beschönigungen ist keine Zeit mehr.

«Es ist später als Du denkst», diese Inschrift eines Marmorsteins in Lass in Südtirol steht dem Buch als Motto voran. Unerbittlich konfrontiert uns die Autorin mit der Frage, wie wir selbst dem Tod begegnen möchten. Das Auf und Ab der Emotionen wird sich nicht vermeiden lassen. Aber es hat etwas Tröstliches zu sehen, dass man auch mit dem unausweichlichen Verlust eines nahen Menschen seinen Frieden machen kann. Ein grosser Roman – trotz eher geringem Seitenumfang.

© Peter von Felbert

Melitta Breznik, geb. in Kapfenberg, Österreich, studierte Humanmedizin und wurde zur Praktischen Ärztin ausgebildet, bevor sie sich als Fachärztin in Psychiatrie und Psychotherapie spezialisierte. Sie lebt in der Schweiz im Kanton Graubünden. Bei Luchterhand sind von ihr bisher erschienen: «Nachtdienst» (Erzählung 1995), «Figuren» (Erzählungen 1999), «Das Umstellformat» (Erzählung 2002), «Nordlicht» (Roman 2009), «Der Sommer hat lange auf sich warten lassen» (Roman 2013).

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Peter von Felbert

Oskar Roehler «Der Mangel», Ullstein

Oskar Roehlers neuer Roman ist sperrig, kantig, und gerade deshalb so empfehlenswert. Er erzählt anders, vielleicht so, wie man das von einem Filmemacher erwarten würde, der seine Geschichte nicht „einfach“ erzählen will, denn seine Bilder schwirren an der Grenze zwischen Realität und Bildern, die von traumatischer Tiefe sind. 

Zugegeben, ich kannte Oskar Roehler nicht, wohl aber einen seiner Filme; „Die Unberührbare“ mit der unvergesslichen deutschen Filmikone Hannelore Elsner. Hätte der Klappentext des Buches nichts von Oskar Roehles Filmschaffen erzählt, wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, es mit einem Filmemacher zu tun zu haben. Und um noch einmal etwas zuzugeben; Ullstein zählt nicht unbedingt zu meinen Jagdgründen. Aber wie sehr ich mich täuschen kann. Oskar Roehlers eigenwilliger Roman ist ein ungeschliffener Diamant. Ungeschliffen deshalb, weil er sich erfrischend vom Mainstream unterscheidet, weil die Art seines Erzählens eine Unversöhntheit an den Tag legt, die den Roman quer stehen lässt. Er will nicht verstehen, nicht besänftigen, nicht erklären oder ergründen, aber aufreissen und hineinleuchten, selbst wenn die Scheinwerfer die Farben verzerren, Tiefen verschieben.

Oskar Roehler erzählt vom Deutschland seiner Kindheit, den beginnenden 60er-Jahren, als sich die klaffenden Wunden des letzten Krieges zu schliessen begannen (auch wenn der Eiter darunter nicht verschwand!), alles mit dem Aufschwung mitgerissen wurde, Eigenheime aus dem Boden schossen, ein Auto zum Lebensinhalt werden konnte und die hierarchisch, autoritäre Ordnung ins Schwanken geriet.

Oskar Roehler «Der Mangel», Ullstein, 2020, 176 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-550-20038-0

Eine Gruppe Kinder wächst am Rande eines Dorfes auf, einer schnell hingebauten Siedlung oben auf der „Hut“, einer ewigen Baustelle schlecht gebauter Häuser, in denen die Feuchtigkeit die Wände niemals trocknen lässt. Einem Dorf, das die Zugezogenen mit Argwohn beäugt, das Kreuz am Eingang des Dorfes nicht nur Furcht einflössen sollte, sondern mit aller Deutlichkeit zeigen, wer schon immer da in diesem Dorf das Sagen hatte. Noch sind die Neubauten nicht ans Stromnetz angeschlossen, obwohl die gigantischen Masten in Sichtweite stehen. Die Väter sind an der Arbeit und wenn sie abends nach Hause gehen, dann sind sie müde und wie ihre grau gewordenen Ehefrauen damit beschäftigt, die Familie dorthin zu führen, wo Kühlschrank, Fernseher und Auto endlich zu den Insignien von Wohlstand und kleinem, persönlichen Endsieg werden müssen.

Selbst als man das Dorf zwingt, eine Schule zu erbauen, bleiben Alteingesessene und Neuzugezogene getrennt. Aber die Kinder auf der „Hut“ sind mehrfach getrennt; abgetrennt vom Dorf, von einem Nichtzuhause in Familien, die alle Energie dazu verwenden, am Wohlstand einer neuen Welt teilzuhaben. Die Kinder rotten sich zusammen und erklären den Nachbar Behrend mit seiner Bibliothek zur Leitfigur ihrer Existenz. Einer Existenz, die Kunst zum Fixstern werden lässt und sich Lichtjahre davon entfernt, eine gesicherte Existenz in der örtlichen Sparkasse zu beginnen. Eine Existenz, die den Mangel, die Armut zum Programm macht, entgegen aller Strömungen und Errungenschaften einer prosperierenden Gesellschaft. 

„Der Mangel“ ist ein Roman des Widerstands. Gegen Väter mit blitzblanken Hemden, gegen Bausparverträge, gegen ein Vertreter-Leben (in mehrdeutiger Hinsicht!). Und doch erzählt Oskar Roehler von allem anderen als Heldentum. Die Gruppe Kinder wird älter. Dichtung, Wahrhaftigkeit und Kunst brachten Armut und Hunger, hinterlassen eine Mischung von Ängsten und tiefem Trotz.
Oskar Roehler erzählt nicht nur, was ihm durch Erinnerung und Vernunft geblieben ist. Was er erzählt, ist durchsetzt von Bildern, die wie Träume, Alpträume anmuten. Von einer Kindheit weit weg von jeder Idylle und Geborgenheit, den Massstäben der Gegenwart. Von apokalyptischen Szenarien eines Sechsjährigen, der die Welt als Grube mit lehmig, glitschigen Wänden erinnert, dem schon die frühe Kindheit ein Kampf ums blosse Durchstehen und Überleben war.

Oskar Roehles Roman „Der Mangel“ tut weh und das ist gut so. Weh, weil das, was erzählt mit dem Massstab der Gegenwart kaum zu ertragen ist, weil die Gefühle der Lesenden kippen zwischen Abscheu und Faszination.

Ein Bilderrausch!

© Nadine Fraczkowski für INTERVIEW

Oskar Roehler, geboren 1959, ist Schriftsteller und Regisseur. Sein bislang erfolgreichster Film war «Die Unberührbare» mit Hannelore Elsner in der Hauptrolle, in dem Roehler die letzten Jahre im Leben seiner Mutter erzählt. Der Film wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet. Unter dem Titel «Herkunft» veröffentlichte er 2011 einen autobiografisch geprägten Roman, den er unter dem Titel «Quellen des Lebens» (2013) auch verfilmte. Seine Romane erscheinen seit 2011 bei Ullstein. Oskar Roehler ist verheiratet und lebt in Berlin.

Beitragsbild © Gerald von Foris

Hussein Bin Hamza «Ich spreche von Blau, nicht vom Meer», Edition Converso

Was aus einer Begegnung werden kann, beweist der Gedichtband „Ich spreche von Blau, nicht vom Meer“. Hussein Bin Hamza, syrischer Dichter und eine der bedeutendsten poetischen Stimmen seines Landes, traf an den Heidelberger Literaturtagen 2018 auf die Autorin, Veranstalterin und heutige Verlegerin Monika Lustig. Der Beweis dafür, dass Literaturtage und -festivals nicht einfach Ansammlungen von Veranstaltungen sind, sondern Orte schöpferischer Begegnungen, weit über Kulturen hinaus.

Hussein Bin Hamza lebt derzeit in Hannover im Exil, weit weg von seiner Heimat, in der Krieg, systematische Verfolgung und Terror noch immer Alltag sind. Auch wenn das Land, der Despot, Vertriebene und Gebliebene aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit gerutscht sind. Es sind Hunderttausende geflohen. Viele von ihnen mit Schlauchbooten übers Meer. Tausende von ihnen haben ihre Flucht mit dem Leben bezahlt. Alle bezahlen sie mit unauslöschlichen Erinnerungen, mit Gefühlen der Einsamkeit und der Sehnsucht nach einer Heimat, die in Trümmern liegt.

Im Gedicht Grenzöffnung beschreibt Hussein Bin Hamza genau das, und doch ganz anders als ich es erwartet hätte.

Grenzöffnung

Wären wir doch bloss im Asyl unserer Träume geblieben
Hätten uns vorgetastet, mit verbundenen Augen
als jagten wir verstreuten Sternen nach
klopften an unsichtbare Türen
Wären wir bloss in fernen Wäldern durch den Schlamm gerobbt
samt unserem Gepäck, randvoll mit Kleidung und Erinnerung
Hätten wir bloss nicht unsere Vergangenheit ins Meer geworfen
um die Schlepperboote zu erleichtern
Wären wir doch dichtgedrängt wie Sardinen in der Büchse
in Turnhallen und Klassenzimmern geblieben
die in den Sommerferien als Unterkünfte dienten
Hätten die Zeitungen und Nachrichtensendungen bloss keine Fotos von uns verbreitet
fiel doch ohnehin keinem auf, dass die Ertrunkenen
gar nicht mit auf dem Bild waren
Wären wir doch nie gezwungen gewesen, neue Sprachen in den Mund zu nehmen
die schmeckten wie Gerichte, die wir als Kinder nicht mochten
Hätten wir doch bloss nicht alles hinter uns gelassen
nur um eine neue Einsamkeit zu erdulden
Wären wir doch Flüchtlinge im eigenen Land
und nicht dort und nicht hier geblieben
hätten wir weiterhin den verstreuten Sternen nachgejagt, wie Blinde
und an unsichtbare Türen geklopft
Hätten die bleiernen Erinnerungen uns doch in die Tiefe gezogen
noch bevor wir das Ufer erreichten
Wären wir doch bloss hängengeblieben
zwischen dem, was wir zurückliessen
und jenen neuen Träumen, die wir unbeholfen verfolgten
Hätten sie doch nie die Grenzen für uns geöffnet!

ليتهم لم يفتحوا لنا الحدود

ليتنا بقينا لاجئين داخل أحلامنا القديمة
نتقدّم بعيونٍ معصوبة
كما لو أننا نطاردُ نجوماً منثورة أمامنا
أو كأننا نطرق أبواباً غير مرئية
ليتنا لم نلوّث ثيابنا بوحل الغابات الأجنبية
ليتنا لم نجرجر حقائبنا المتورّمة بالثياب والذكريات
ليتنا لم نرْمِ ماضينا في البحر كي تخفّ حمولتنا في قوارب المُهرّبين
ليتنا بقينا مكدّسين كأسماك السردين 
في المعسكرات وصالات الرياضة ومدارس الصيف الفارغة
ليت الصحف ونشرات الأخبار لم تنشر صورنا 
التي لن ينتبه أحد أنها لا تضمُ من غرقوا منا
ليتنا لم نُجبر على مضغ لغاتٍ جديدة طعمُها يشبه الطبخات التي كرهناها في طفولاتنا
ليتنا لم نترك كل شيء خلفنا
واستدرنا لنواجه
معاً وعلى حِدة
عزلاتنا الجديدة والشاقة
ليتنا بقينا لاجئين لدى أنفسنا
 ليتنا بقينا لا هنا ولا هناك
نطارد كالعميان نجوماً منثورة أمامنا
أو نطرق أبواباً غير مرئية
ليت ذكرياتنا الثقيلة أغرقتنا قبل أن نصل إلى الشواطئ
ليتنا بقينا عالقين
بين ما تركناه
وما ركضنا خلفه كالعدّائين الهُواة
ليتهم لم يفتحوا لنا الحدود.

Hussein Bin Hamza «Ich spreche von Blau, nicht vom Meer», Edition Converso, 2020, 98 Seiten, CHF 25.90, ISBN 978-3-9819763-6-6

Was sich in seinen Wiederholungen wie ein flehentliches Gebet liest, ist die Zusammenfassung all jenen Schreckens, durch das Elend von Vertreibung, Flucht und Heimatlosigkeit nie zu tilgen ist. Hätten und Wären werden zu Peitschenhieben auf die eigene Haut und zeigen die Lähmung, nachdem man sich in existenzieller Bedrohung zwischen zwei Übeln entscheiden musste, im Wissen darum, dass man den anderen Weg immer als Vorwurf seiner selbst hören wird. Hussein Bin Hamzas Gedicht ist schonungslos, wütend und doch nur eine Anklage gegen sich selbst, das eigene Dilemma. Kein Rundumschlag, keine Anklage gegen die Welt, die zuschaut. Aber Hussein Bin Hamza nimmt mich mit, nimmt mich ganz nah an seinen Schmerz. Einen Schmerz, der mir unmöglich gleichgültig sein kann. Einen Schmerz, der sich durch seine Gedichte auffächern muss, damit er zurück in die Köpfe und Herzen der Verschonten kommt.

Ein anderes, immer wiederkehrendes Thema in den Gedichten ist die Einsamkeit. Das Getrenntsein von Heimat und nicht zuletzt von sich selbst.

Einsamkeit

Jeden Tag gehe ich
von zu Hause zur Arbeit
von der Arbeit wieder nach Hause
Ich bin ein alter Bus
der durch die grosse Stadt kurvt
doch Fahrgäste sitzen keine darin
nur meine Einsamkeit fährt er spazieren
vertreibt sich die Zeit mit ihr
von Haltestelle zu Haltestelle.

وحدة

كلّ يوم
من البيت إلى العمل
ومن العمل إلى البيت
أنا حافلةُ نقلٍ هرمة
في هذه المدينة الكبيرة
ولكنها خالية من الركاب
إنها فقط
تُنزّهُ وحدتي
وتلهو بها بين مكانينْ.

Einsamkeit ist zum dauernden Begleiter geworden. Eine Einsamkeit, die sich wie eine fremde Haut anfühlt, die einem distanziert von dem, was geblieben ist. Die Lakonie, mit der Hussein Bin Hamza darüber schreibt, offenbart die Tiefe der Zerrissenheit. Der Schalk darin die Weisheit des Dichters, sich von diesen Gefühlen nicht auffressen zu lassen. Hussein Bin Hamza lädt nicht ab, er zeigt mir Unabänderliches, dem er sich stellt, von dem er sich nicht schlucken lässt.

Ein anderes Themenfeld in „Ich spreche von Blau, nicht vom Meer“ sind die Gedichte über das Schreiben selbst.

Verlorene Gedichte

Viele Gedichte habe ich geschrieben
Auf die Rückseite von Strom- und Telefonrechnungen
auf Bank- und Schulgeldquittungen
auf Papierschnipsel, die mir in den Hosentaschen zerkrümelten
auf Tischkanten und auf Stühle
auf die freien Ränder von Zeitungen und Büchern
Auf Theater- und Kinokarten
Viele Gedichte habe ich geschrieben
Und sie hätten mich zu einem grossen Dichter gemacht
Wären sie nicht alle verlorengegangen
Alle ausser diesem hier.

قصائد ضائعة

كتبتُ قصائدَ كثيرة
على قفا فواتير الهاتف والكهرباء
على إيصالات البنك والأقساط المدرسية
على قصاصاتٍ احتفظتُ بها وتهرَّأت في جيوبي
على أطراف الطاولات والكراسي
على الهوامش الشاغرة في صفحات الجرائد والكتب
على تذاكر المسرح والسينما
كتبتُ قصائد كثيرة ربما كانت ستجعلُ مني شاعراً عظيماً
ولكنّي أضعتُها
هذه القصيدة
نَجَتْ.

Hussein Bin Hamza musste neu beginnen, vieles, fast alles zurücklassen. Hussein Bin Hamza hat eine lange Spur hinter sich gelassen, eine Spur, die sich verloren hat. Hussein Bin Hamza schreibt immer und von sich selbst, dass er in ein Haus geboren worden sei, „in dem das geschriebene Wort grösste Wertschätzung, fast heilige Verehrung erfuhr“. Aufgewachsen in einer Welt, in der das Buch schon immer ein Fluchtpunkt gewesen war und nun, nach der Flucht nach Deutschland der Beginn einer „neuen“ Existenz auf den Trümmern des Verlorenen.

Ich wünsche dem Dichter viele neue LeserInnen und Leser, denen er wie mir die Tür zu einer andern Welt öffnete. Einer Welt, die mitten unter uns Verschonten existiert.
Und ich wünsche dies auch der neu gegründeten Edition Converso, die sich mit ihrem Bestreben, den Kulturen rund ums Mittelmeer über die Nationen hinaus Gehör zu verschaffen und sich dabei viel vorgenommen hat.
(Die arabischen Gedichte sind auch im Buch den deutschen Übersetzungen von Günther Orth gegenübergestellt. Ich danke dem Verlag für die freundliche Genehmigung, diese veröffentlichen zu dürfen.)

Übersetzung des Gedichts im Titel:

Vergangenheit

Unsere schwere Vergangenheit
zieht uns unter Wasser, noch bevor wir die Küste erreicht haben
Wir Syrer.

© Hussein Bin Hamza

Hussein Bin Hamza wurde in einer kurdischen Familie im syrischen Al-Hasaka geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten poetischen Stimmen seiner Generation in der arabischen Welt. An der Aleppo University studierte er Wirtschaft. 1995 zog er nach Beirut und arbeitete als Redakteur und Kritiker für führende libanesische Zeitungen und veröffentlichte kritische Artikel über Lyrik, Prosa, Theater und Kunst. Er leitete den Verlag des Instituts für irakische Studien.

Günther Orth geboren 1963 in Ansbach, studierte Islamwissenschaft, Geografie und Soziologie in Erlangen. Er promovierte zur modernen Literatur des Jemen und war Dozent für Übersetzung und Deutsch als Fremdsprache an verschiedenen Universitäten. Er übersetzt Literatur aus dem Arabischen ins Deutsche und arbeitet als Konferenzdolmetscher. Orth lebt als Dozent, Dolmetscher und Übersetzer für Arabisch in Berlin.

Das 51. Literaturblatt entsteht!

Reaktionen zum 50.:

«Fünfzig Ausgaben ‚Literaturblatt‘, fünfzig Blätter, die die Literatur und das Lesen feiern und damit selbstredend auch das Schreiben, fünfzig Blätter, die zeigen, es gibt sie, die Menschen, denen Literatur ein Lebensmittel ist, das sie nicht missen mögen. Danke, Gallus. Auf die nächsten fünfzig Literaturblätter!»
Hansjörg Schertenleib

«Das Literaturblatt ist immer wieder eine grosse Freude in Zeiten der voranschreitenden Digitalisierung. Auf weitere 50 Blätter!»
Katharina Wilts, Klett-Cotta

«So macht Post holen Freude: Vielen Dank für das schöne und spannende 50. Literaturblatt!»
Regula Portillo

«Wunderschön ist es geworden, das 50. Literaturblatt, und ich bin sehr stolz darauf, mit dabei zu sein bei und mit den Regenbogenfarben.»
Wolfgang Hermann

Und natürlich bedanke ich mich bei all jenen, die ein weiteres Mal ihr Abonnement des Literaturblatts erneuert haben. Ganz speziell jenen die sich mit spezieller Grosszügigkeit zu «Freundinnen und Freunde der Literaturblätter» machten.

Thomas Sandoz «Apollo», Plattform Gegenzauber

Chères amies, chers amis de Mars et environs,

J’ai perdu une balle de golf le printemps dernier et serais très heureux si vous acceptiez de m’aider à la retrouver. Elle a disparu à proximité des collines de Fra Mauro où nous avions aluni en février dernier. Mon ami Edgar D. Mitchell qui faisait quelques pas en ma compagnie ne m’a pas été d’un grand secours et c’est pourquoi je me tourne aujourd’hui vers vous. Ce n’est pas simplement une question sentimentale. Certes, j’avais promis à mon père de faire un petit geste pour lui, grand pour l’histoire de notre noble sport. Mais l’administration de la NASA me réclame cette balle – à tort puisque je l’ai achetée moi-même chez Britroy, un commerce fort avenant situé sur Lexington Avenue. Vous connaissez l’esprit étriqué de nos fonctionnaires, impossible de les raisonner, d’autant plus que la presse s’acharne sur le coût de notre mission. La Nation devrait être heureuse que nous soyons revenus sains et saufs malgré les nombreuses pannes auxquelles, comme nos prédécesseurs, nous avons dû faire face. On m’a déjà demandé le club bricolé pour l’occasion, mais j’ai souhaité faire don de mon fer 6 à des amis véritablement connaisseurs (rassurez-vous, pas à ces Ecossais de la Royal & Ancient Golf Club de Saint Andrews qui soutiennent que j’ai fauté en négligeant de ratisser le sol lunaire après mon coup).

Récupérer cette balle me ravirait et me consolerait des railleries dont je fais l’objet depuis mon retour. Il est vrai que mon premier tir n’est pas parti à des miles et des miles. Mais avez-vous déjà essayé de slicer hors de l’atmosphère? Même que, empêtré dans ma combinaison, j’ai failli m’étaler dans le sable. Ai-je mérité pour autant d’être traité de Bibendum jouant au croquet? Que les hommes sont injustes…

Merci par avance pour votre précieux soutien.

Sincèrement,
Votre dévoué Alan B. Shepard
Chef du Bureau des astronautes
23 décembre 1971
ps : J’offre une bonne récompense.

TS, 2007, rév. 2020

Thomas Sandoz «Ruhe sanft», übersetzt von Yves Raeber, die Brotsuppe, 136 Seiten, CHF 25.00 und Euro 22.00, ISBN 978-3-03867-010-0

Thomas Sandoz lebt im Kanton Neuenburg und hat Prosa, Essays und Monographien veröffentlicht und dafür diverse Auszeichnungen erhalten. Insbesondere 2011 den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung für «Même en terre» (Grasset). Die zuletzt erschienenen Titel sind «Les temps ébréchés» (Grasset, 2013), «Malenfance« (Grasset, 2014), «Croix de bois, croix de fer» (Grasset, 2016), «La balade des perdus» (Grasset, 2018).
Die Übersetzung von »Même en terre« ist unter dem Titel «Ruhe sanft» im verlag die brotsuppe erschienen. Übersetzt hat Yves Raeber.

Rezension von «Ruhe sanft» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Pablo Fernandez

Cécile Wajsbrot «Zerstörung», Wallstein

Eine Frau alleine in ihrer Wohnung, dem letzten Rückzugsort in einer Zeit, in der alles zerbricht, was einmal zu ihrem Leben gehörte. Nicht bloss Familie und Beziehungen, sondern eine ganze Welt. Frankreich bricht ab in einer Diktatur, in ein Land, dass sich der Geschichte verweigert und aus Menschen bloss noch Existenzen macht.

Cécile Wajsbrot schrieb keine chronologische Geschichte. Sie nimmt mich mit in ein dystopisches Paris, in die klein gewordene Welt einer Schriftstellerin, die von rätselhafter Seite her aufgefordert wird, einen „Soundblog“ zu führen. So erzählt die Protagonistin keine Geschichte, auch nur stückweise ihre eigene. Sie schildert eine Realität, die in vielen Belangen nur wenig entfernt von der Wirklichkeit zu sein scheint. In Coronazeiten erst recht.

„Wir dachten … Wir glaubten … Wir träumten …“

In Frankreich gab es umwälzende politische und gesellschaftliche Veränderungen. In einem Frankreich, das nicht in ferner Zukunft liegt, eher in unmittelbarer Gegenwart. In einem Frankreich, einem Europa, das in vielen Belangen schon die Neigung zeigt, sich in eine beängstigende Zukunft zu begeben, eine Zukunft der totalen Kontrolle, einer Zukunft ohne Vergangenheit, in eine Zukunft, in der Kultur zur blossen Unterhaltung degradiert wird, man in Konzert- und Opernhäusern nur noch Operettenhaftes zeigt, Bücher nur noch lauwarme Unterhaltung bieten und man alles dem Erdboden gleich macht, was älter als ein Jahrzehnt ist.

Cécile Wajsbrot «Zerstörung», Wallstein, 2019, 229 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-8353-3610-0

Die Protagonistin ist einsam geworden, mäandert, philosophiert und schweift gedanklich in einer Welt herum, die sie sich mit niemandem mehr zu teilen traut, ausser mit dem anonymen Kanal eines Soundblogs. Eine Frau, die dem nachtrauert, was einst das Leben ausmachte. Erinnerungen an eine Zeit, in der einst die Literatur der Leuchtturm der Gesellschaft war. Jener Turm, der vor den Untiefen in stürmischen Zeiten warnt. In einem Land, einer Stadt, die sich einst als Nabel der Welt, der Kultur, des Fortschritts, der Wissenschaft und der Eroberung verstand. In einem Land, einer Stadt, in der alles flach geworden ist, alles in Angst und Dunkelheit versinkt.

„Was nicht weitergetragen wird, gibt es irgendwann nicht mehr.“

Cécile Wajsbrot stellt sich in „Zerstörung“ aber nicht nur Fragen, sondern stellt sich selbst in Frage. „Zerstörung“ ist nicht das Protokoll einer äusseren Zerstörung, sondern jener gegen innen, gegen das eigene Selbst, gegen das Bewusstsein, ein Stück in einer Geschichte, in der Geschichte zu sein, wirksam zu sein bis in die Zukunft. Sie schreibt von einem Land, das Leck geschlagen mit Seitenlage sinken wird, auf dem die Menschen aber immer noch zur Musik tanzen. Über einen Staat, der das reine Vergnügen verordnet hat nach dem Motte „Lacht und vergesst, wir kümmern uns um alles Übrige“.

Schreiben und das stille Sprechen ist das einzige, was der Protagonistin geblieben ist. In einer Welt, in der Toleranz auf der Strecke geblieben ist, sich abschottet, sowohl gegen innen wie gegen aussen. „Zerstörung“ ist eine Analyse dessen, was einer Gesellschaft blüht, die nur noch ihren Hunger nach Unterhaltung stillen muss. Einer Gesellschaft, in der das Denken und Handeln nicht im plumpen Protest stecken bleibt und mit Engagement verwechselt wird. „Zerstörung“ bietet 230 Seiten gesellschafts- und kulturpolitischen Zündstoff, ohne je platt oder plakativ zu sein.
Cécile Wajsbrot untergräbt mein Denken, mischt sich ein bis in die scheinbaren Tiefen meiner Sicherheit.

Ein Buch wie ein mahnender Monolith!

Cécile Wajsbrot, geb. 1954, lebt als Romanautorin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Englischen und Deutschen in Paris und Berlin. Sie schreibt unter anderem für die Zeitschriften «Autrement», «Les nouvelles Littéraires» und «Le Magazine littéraire». 2007 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Prix de l’Académie de Berlin.

Anne Weber, geb. 1964, ist eine deutsche Autorin und literarische Übersetzerin. Sie arbeitete bei verschiedenen französischen Verlagen und übersetzte nebenbei Texte deutscher Gegenwartsautoren und Sachbücher ins Französische. Ihr Roman «Kirio» stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse 2017.

Beitragsfoto © imago image / Christian Thiel

Isabella Krainer «Vom Kaputtgehen», Limbus

Dass Lyrik grösstes Vergnügen bereiten kann, trotzdem jene Schärfe und Würze birgt, die der Lyrik in ihrer Konzentration eigen ist und doch kunstvoll, gewieft und vielschichtig daherkommt, das beweist Isabella Krainer in ihrem ersten bei Limbus erschienen Band „Vom Kaputtgehen“.

von wegen

vater war dafür
sagte nur
deswegen

verwegen

mutter fragte wofür
dachte nur
weswegen

verlegen

krieg vor der tür
kämpfe nur
entlegen

von wegen

 

Wie an manchen Abenden wollte ich meiner Frau vor dem Schlafengehen noch ein paar Gedichte vorlesen. Immer liegt ein Gedichtband auf meinem Nachttisch. Nicht dass ich nur vor dem Einschlafen Gedichte lese. Aber sie blenden noch einmal ein Licht in meine Seele. Und manche Lichter wirken bis in die Nacht hinein.

Ich versuchte es mit dem neuen Gedichtband einer bekannten Autorin, der die Rezeption meist zu Füssen liegt. Die Gedichte aber prallten ab, trotz der glänzenden Verpackung. Wir lagen beide ziemlich ratlos in den Laken. So stand ich noch einmal auf und holte ein neues Buch aus der Bibliothek, eines aus dem Regal der «wartenden Bücher». 

Was dann passierte, als ich mich wieder unter die Decke begeben hatte, in der Hoffnung, meine Frau sei noch nicht in den Schlaf hinüber gerutscht, gab es noch nie. Zum einen lachte meine Frau während des Vortrages immer wieder laut auf, zum andern reihte sich Gedicht an Gedicht. Bei den Mundart-Gedichten der geborenen Kärntnerin las meine Frau, ebenfalls Kärntnerin.

Es wurde spät und wir mussten ihr Buch vorsätzlich weglegen, um nicht gleich an einem Abend den ganzen Spass in grossen Schlucken zu geniessen. Isabella Krainers Werk ist es Wert, in kleinen Portionen zu verkosten.

manchmal

manchmal möchten möhren
eingesetzt
vielleicht auch zu höchstleistungen
angetrieben
oder mehr noch
wegen
medial produzierter minderwertigkeitskomplexe
karotten genannt
und überhaupt
attraktiver
werden

 

Isabella Krainer «Vom Kaputtgehen», Limbus, 2020, 91 Seiten, CHF 18.90, ISBN 978-3-9903917-0-9

Die Dichterin mäandert in Alltäglichkeiten, Situationen mit viel Wiedererkennung, durch ein ganzes Leben, einen ganzen Kosmos. Ihre Lyrik ist direkt und ungekünstelt, nicht verkopft und alles andere als unzugänglich. Manchmal schliessen sich ganze Geschichten auf, Szenerien, die neben und zwischen den Zeilen ein Vielfaches von dem entfalten, was die knappe Dichtkunst der Schriftstellerin auszeichnet.

Witzig und bissig, kurz und prägnant. Gleichsam verspielt und bodenständig, taktvoll und frech. Und ungeheuer lautverliebt und deutungsreich. Und wenn sich dann auch noch eines ihrer Gedichte reimt, dann ist es, als würde sie noch einen draufgeben, als packe sie der sprachliche Übermut.

selbst ort gedanken

ich
ist ein
ort

an den
ich
gehe

wenn
ich
bleibe
wer ich bin

 

Und ganz nebenbei; Wer den Limbus Verlag noch nicht entdeckt hat, der sollte sich einmal Zeit nehmen, sich auf dessen Webseite zu tummeln. Neben all den literarischen Leckerbissen – was für schöne Bücher! Gewisse Verlage haben es geschafft, im Erscheinungsbild ihrer Bücher einen Wiedererkennungseffekt zu generieren. Das schafft Limbus mit einem Teil seiner Veröffentlichungen, vornehmlich mit seiner Lyrik, genauso. Ein vielsinniges Bucherlebnis!

(die hier veröffentlichten Gedichte aus Isabella Krainer Gedichtband «Vom Kaputtgehen» mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

Isabella Krainer, geboren 1974 in Kärnten, verfasst Lyrik und Prosa und macht gern Theater. Bis 2017 lebte sie in Tirol, aktuell in der Steiermark und pendelt zwischen Politsprech und Dialektlandschaft. 2016 wurde sie mit dem Hilde-Zach-Förderstipendium der Stadt Innsbruck ausgezeichnet. Im Rahmen des stubenrein-Festivals (steirischerherbst’19) las sie aus ihren Gedichten. Als Murauer Bezirksschreiberin sammelt sie Zuschreibungen von der Straße auf und verarbeitet, was Frauen abverlangt wird, von A bis Z.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Tina Brunner

Ariela Sarbacher «Der Sommer im Garten meiner Mutter», Bilger

Geheimnisse gibt es in jedem Leben, in jeder Familie. Geheimnisse, die unausgesprochen, verschwiegen oder scheinbar vergessen wie schwarze Locher ein Familiengefüge bedrohen können. Ariela Sarbacher erzählt von einer Frau, die durch ihre sterbenskranke Mutter und ihren Willen auch den letzten Schritt selbstbestimmt zu gehen, jenes Licht zurückbekommt, das jene Löcher ein Leben lang zu schlucken drohte.

Samstag, 22. August!

Ich kenne Ariela Sarbacher als Schauspielerin, als Stimme. In einem Sommer sass ich ihr und ihrem Mann im Zug schräg gegenüber auf der Fahrt nach Leukerbad im Wallis. Dort gaben die beiden ihre Stimmen jenen Autorinnen und Autoren, die ihre Texte in deutsch nicht lesen wollten oder konnten.
Und in diesem Frühling hat Ariela Sarbacher sich selbst eine Stimme gegeben. Eine Stimme, die wegen der Pandemie aber des öftern zurückgepfiffen werden musste. So auch im Literaturhaus Thurgau, wo die programmierte Lesung am 2. April dieses Jahres den strikten Massnahmen zum Opfer fiel. Eine Stimme, der sich nun glücklicherweise doch noch ein Fenster öffnet, denn die Autorin wird ihren Debütroman am 22. August doch noch im Literaturhaus Thurgau präsentieren können. Eine Veranstaltung, die mit Musik, Speis und Trank zu einem kleinen Sommerfest werden soll, zum Start in eine neue Saison.

Ariela Sarbacher erzählt von Francesca und ihrer Mutter. Vielleicht erzählt Ariela von sich und ihrer Mutter. Aber eigentlich spielt das nur eine untergeordnete Rolle, denn Ariela Sarbacher schildert eine Mutter-Tochter-Geschichte, eine mitunter schwierige Geschichte. Die Geschichte einer grossen Familie, halb an der ligurischen Küste in Chiavari zuhause, halb am Zürichsee in der Schweiz. Ariela Sarbacher erzählt aus der Ich-Perspektive nach dem Tod, nach einer unheilbaren Krankheit, nach dem selbstbestimmten Sterben der Mutter. 

Ariela Sarbacher «Der Sommer im Garten meiner Mutter», Bilger, 2020, 155 Seiten, CHF 28.00, ISBN 978-3-03762-083-0

Francesca hat ihre Mutter bis zum letzten Moment begleitet, einer Nähe, die in starkem Kontrast zu den wenigen Gemeinsamkeiten der beiden sonst steht. Sie ist da, als die Tropfen durch die Kanüle den Geist der Mutter nach wenigen Atemzügen wegdämmern lassen. Sie bleibt. Sie bleibt in der Wohnung. Die Mutter bleibt im Kopf, im Herzen, in den Dingen, die zurückbleiben und nicht einfach zu Staub zerbröseln. „Der Sommer im Garten meiner Mutter“ ist der letzte Sommer. Jene Wochen, in denen sie zusammen sind, aufräumen, ordnen, das Sterben organisieren, Filme schauen, erzählen, streiten, lachen und weinen. So liest sich auch der Roman. Es sind Bilder, die auftauchen, ein langer Gang durch die Geschichte einer ganzen Familie. Nicht chronologisch erzählt, denn niemand erzählt chronologisch. Es sind Geschichten aus den Tiefen der Vergangenheit, Geschichten, die erst auftauchen, wenn sich das Ende abzeichnet. Geschichten, die eine Erklärung sein sollen und wollen dafür, was in diesem Sommer, dem letzten gemeinsamen Sommer, geschieht.

Francescas Mutter, die als Zwölfjährige durch eine schlimme Blutvergiftung für drei Jahre ans Bett gefesselt war, sich ganz der Hilfe anderer ergeben musste, die die Welt in Büchern an ihr Bett holte und Zeit ihres Lebens alles daran setzte, selbstbestimmt durch ihr Leben zu schreiten, will auch in den letzten Wochen keiner Krankheit, keinem Zustand die Kontrolle über ihr eigenes Selbst, nicht einmal über ihr Sterben übergeben. Ein Entschluss, der für ihre Familie, für Francesca ein Kampf wird, der nicht mit dem Sterben der Mutter zu Ende ist, sondern erst durch das Erzählen ein langsames Ende, eine Versöhnung findet.

So ist die Stärke des Buches auch ihre Achillesferse. Die erzählerische Nähe der Autorin zu ihren Protagonisten suggeriert unweigerlich, dass vieles im Roman autobiographisch sein muss. Dabei spielt das für Literatur eine völlig unwichtige Rolle. Diese Nähe macht den Text zerbrechlich, führt mich ganz nahe an starke Emotionen. Dabei passiert diese Auseinandersetzung im und um den Tod mit allen, die zurückgelassen werden. Mit dem kleinen, grossen Unterschied, dass es im Sterben dieser Mutter im Roman eine Alternative zu geben scheint.

Aber wenn man „Der Sommer im Garten meiner Mutter“ auf ein „Sterbe-Buch“ reduziert, wird man dem Roman nicht gerecht. Ariela Sarbacher erzählt die Geschichte von Francesca, ihrer Kindheit zwischen den Kulturen, zwischen Italien und der Schweiz. Francesca erfährt, was es bedeutet, hin- und hergerissen zu werden, nicht nur zwischen den Kulturen, auch zwischen Eltern, die sich irgendwann trennen, in den Gegensätzen dieser Welten. Francesca muss erfahren, dass es mit dem Sterbewunsch ihrer Mutter auch ein anderes Sterben gibt, als all jene Tode, die sich im Laufe ihres Lebens in die Erinnerung gruben. Ariela Sarbacher erzählt die Geschichte einer hellen Kindheit, wie sich der Wunsch, Schauspielerin zu werden, eingräbt, vom Kampf bis der Wunsch Realität wird. Von unsäglicher Fremdheit und schmerzhafter Nähe. Davon, dass aus jahrzehntelanger Distanz zwischen Mutter und Tochter nicht mit einem Mal Nähe entstehen kann, schon gar nicht unter dem Zwang einer lebensbedrohenden Krankheit. Sie erzählt von einem Leben, in dem Sprache schon immer nicht nur Mittel zum Zweck des Erzählens war, sondern Elixier, der Stoff, aus dem Leben entsteht, Freiheit und Halt. 

Ein ungeheuer bewegendes Buch.

Ariela Sarbacher wurde 1965 in Zürich geboren. An der Schauspiel-Akademie Zürich wurde sie als Schauspielerin ausgebildet. Ihre ersten Engagements führten sie ans Stadttheater Heidelberg und an die Bremer Shakespeare Company. Nach der Geburt ihrer beiden Töchter liess sie sich zur Taiji-, Qi Gong- und Pilateslehrerin ausbilden. 2002 gründete sie ihre Schule »Einfluss«. Sie hat ein eigenes Präsenztraining entwickelt, mit dem sie Menschen für ihre Auftritte vor Publikum vorbereitet. Von 2017 – 2018 Ausbildung Literarisches Schreiben am EB Zürich. Heute arbeitet sie als Schauspielerin, Sprecherin, Schriftstellerin und Präsenztrainerin.

Webseite der Autorin

© Elke Hegemann

Das Sommerfest im Literaturhaus Thurgau wird musikalisch begleitet von «Stories»: Christian Berger (Gitarren, Loop, Electronics, Büchel, Sansula, Framedrum) und Dominic Doppler (Schlagzeug, Schlitztrommel, Perkussion, Sansula).

Webseite von Stories

Alexander Puschkin & Kat Menschik «Pique Dame», Galiani

Seit 2016 erscheint bei Galiani Berlin eine ganz besondere Reihe ausgesuchter Erzählungen und Novellen. Grandiose Texte, feinste Ausstattungen, ungewöhnliche Materialien, überraschende Interpretationen. Alle Bände im selben Format, alle Bände mit dreiseitigem Farbschnitt – aber jeder Band in anderer Ausstattung und jeder Band mit eigener Bildsprache. Ein Fest für Geist und Sinne. Gestalterisch interpretiert von Kat Menschik.

Bisher sind die ersten acht Bände erschienen, jeder ein Kleinod; von Franz Kafka „Ein Landarzt“, von William Shakespeare „Romeo und Julia“, von E. T. A. Hoffmann „Die Bergwerke zu Falun“, von Volker Kutscher „Moabit“, von Edgar Allan Poe „Unheimliche Geschichten“, das Kochbuch „Essen essen“, das norwegische Märchen „Die Puppe im Grase» und 2020 „Pique Dame“ von Alexander Puschkin.

© Kat Menschik

Alexander Puschkin, 1799 – 1837, gehört zu den Grossen der russischen Literatur, in Russland selbst der Nationaldichter, für viele RussInnen höher einzuschätzen als dessen Landsleute Tolstoi, Dostojewski, Gogol oder Pasternak. Nebst seinem wohl berühmtesten Versepos Eugen Onegin war Alexander Puschkin Meister der Erzählung. Eine davon ist die von Kat Menschik illustrierte Spielernovelle „Pique Dame“. Gering im Umfang, aber typisch für Puschkin. „Das Phantastische in der Kunst hat seine Grenze und Regel. Das Phantastische sollte sich so viel mit dem Realen berühren, dass man es «fast» glauben kann“, so Fjodor Dostojewski.

Man trifft sich in langen, russischen Winternächten zu Kartenabenden, die bis in die Morgenstunden dauern. Man spielt, erzählt sich Geschichten, labt sich an den Gewinnen und hadert mit dem Schicksal, wenn der Einsatz zerrinnt. Die alte, schrullige Gräfin ist eine der Spielerinnen. Sie lebt zusammen mit ihren Bediensteten und einer jungen Frau, Lisaweta Iwanowna in einem stattlichen Haus, von dessen Fenster die junge Frau eines Abends einen jungen Mann sieht. Einen jungen Mann, der auch noch Stunden später an der gegenüberliegenden Strassenseite zu warten scheint und zum Fenster hochschaut. Ein junger Mann, der ihr Briefe schreibt, ein junger Gardekavallerist, Sohn eines nach Russland immigrierten Deutschen. 

© Kat Menschik

Aber Hermann ist entgegen seiner Liebesschwüre gar nicht an der jungen Frau interessiert, sondern an einem Geheimnis, das man sich von der alten Gräfin erzählt. Sie habe die Fähigkeit, drei Karten im Spiel vorauszusagen, drei Karten, die für jenen Reichtum bedeuten, der mit der letzten Karte zu spielen aufhört. Kein Problem für den jungen, sparsamen Soldaten. Das Problem allerdings liegt darin, das Vertrauen der alten Dame zu erlangen, um ihr das Geheimnis zu entlocken.

Mit Lisaweta Iwanownas Hilfe schleicht sich Hermann in das Haus der Gräfin, wartet ab, bis diese allein in ihrem Schlafgemach ist und stellt sich ihr im Halbdunkel mit seinem Drängen um die drei Karten. Doch die alte Dame stirbt vor Schreck. Hermanns Gewissen scheint zu erwachen. Doch als ihm nach der Beerdigung der alten Gräfin, diese im Traum erscheint und ihm die drei Karten nennt, eine Drei, eine Sieben und ein Ass, erwacht die Gier erneut und Hermann macht sich auf zu seinem grossen Spiel. Aber die Pique Dame schlägt ihn, schlägt ihn nicht nur im Spiel, sondern für sein ganzes Leben lang.

Kat Menschiks Reihe entwickelt sich zur Kultreihe. Wer die einen hat, muss die andern auch haben. Kat Menschik bebildert aber nicht einfach die Geschichten, sie erzählt mit, leidenschaftlich mit Farben und Formen, eindringlich in ihrem kraftvollen Ausdruck. Jedes Buch ist durchdrungen von der Liebe zum Buch. Kat Menschiks Reihe ist buchgewordene Leidenschaft!

Kat Menschik musste leider absagen. Das Sommerfest findet aber trotzdem statt und zwar mit Ariela Sarbacher und ihrem Debüt «Der Sommer im Garten meiner Mutter». Für alle Menschik-Fans wartet eine ganz besondere Überraschung!

© Kat Menschik

Kat Menschik (1968 in Luckenwalde DDR) ist freie Illustratorin. Ihr Gartenbuch «Der goldene Grubber. Von grossen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr» (2014) wurde zum Dauerseller und unter die 25 schönsten Bücher des Jahres gewählt. Seit 2016 gestaltet Kat Menschik ihre eigene Buchreihe, darunter der Bestseller «Moabit» von Volker Kutscher (2017) und Edgar Allen Poes «Unheimliche Geschichten» (2018). Jeder dieser Bände ist individuell gestaltet und ausgestattet. Zuletzt erschien dort die Neuübersetzung von Alexander Puschkins «Pique Dame» (2019).

Beitragsbild © Lea Frei