Christoph Geiser, Träger des Schweizer Literaturpreises 2020, über den es auf der Webseite des Bundesamtes für Kultur heisst: Ein scharfzüngiger, sprachmächtiger Erzähler zeigt sich als Chronist, Museumsbesucher, Leser, Beobachter, Tourist, Gourmet und verhinderter Gerichtsreporter, bot mit der jungen «Literaturaktivistin» Svenja Gräfen aus Leipzig und der in Moskau geborenen Katerina Poladjan ein vielseitiges Kontrastprogramm.
Katerina Poladjan «Hier sind Löwen», S. Fischer, 2019, 288 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-10-397381-5
Katerina Poladjan schreibt von «unbekannten Gebieten», nicht Kartographiertem, jenem Unerschlossenen, Unentdeckten in uns. In ihrem aktuellen Roman «Hier sind Löwen» erzählt Katerina Poladjan von Helen, die wie die Autorin selbst einen armenischen Familiennamen trägt. Helen ist auf der Suche nach Spuren, verwickelt sich in neuen Zugehörigkeiten, in einer Geschichte, die weit in die tragische Geschichte des armenischen Volkes zurückgreift. Helen ist Buchrestauratorin, flickt aber nicht einfach alte Folianten. Sie macht Geschichte und Geschichten sichtbar. Die Geschichte Armeniens, ihrer Familie, ihre eigene Geschichte. Katerina Poladjan nennt ihren Roman ein Erinnerungsfenster, ihr Fenster in die Erinnerung eines Landes. «Hier sind Löwen» löste in Armenien selbst ganz gemischte Reaktionen aus, war es doch den einen zu zahm, zu wenig dramatisch. Die Autorin selbst zeigt sich aber überrascht, dass ihr Roman sowohl ins Türkische wie ins Armenische übersetzt wurde, dass es das Buch schaffte, auf «beiden Seiten» gelesen zu werden. Etwas, das nur gelingen konnte, weil die Autorin es schafft über den Genozid zu schreiben ohne in das übliche Täter-Opfer-Muster zu verfallen.
Christoph Geiser «Verfehlte Orte», Secession, 2019, 176 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-906910-51-2
Christoph Geiser ist mit vielen seiner Romane als Familienchroniker, als Seismograph und Kritiker der «heiligen» Familie in die Literaturgeschichte eingegangen, genauso wie als Stimme der Verbannten und Verstossenen. Christoph Geiser ist ein «Entfesselungskünstler», sprachlich, formal und inhaltlich. Sein preisgekrönter Erzählband «Verfehlte Orte» ist der Schnittpunkt seiner Motive, ein Band, in dem Christoph Geiser sämtliche Register seines Könnens zeigt, seine Radikalität, seine Lust zu fabulieren genauso wie jene zu provozieren. Selbst in seinem neuen Romanprojekt, seinem «letzten Manuskript» ist der Ursprung des Schreibens eine Art Provokation. Der Protagonist, Christoph Geiser sitzt auf seiner Grabkiste und räsoniert. Aber der Schriftsteller Christoph Geiser ist zurückgebunden, denn sein neuer Roman über seine jüdische Grossmutter la grandmama russe verlangt nach Recherche in Minsk, Moskau, Gorki und Nazareth. Aber wer fährt jetzt dorthin.
Christoph Geiser ist auf der Suche nach den «Hasen», einer Familie, deren Name sich verloren hat in Geschichte, Verfolgung, Verbannung und Genozid. Die Geschichte einer verrückten Grossmutter, wieder eine Familiengeschichte, die sich nach der jüdischen Apokalypse verlor. Über eine Frau, die in der Engelgasse in Basel die letzten beiden Jahre ihres Lebens verbrachte, nachdem sie aus dem Irrenhaus entlassen wurde. Christoph Geiser ist ein lustvoll Massloser, dessen Virtuosität und sprachliche Leidenschaft in krassem Gegensatz steht zu seinem Gehstock, der hinter ihm am Türknauf zum Nebenraum hängt. «Was bleibt? Die Geschichte. Der Wahnsinn.» In seinem kommenden Roman «Die Spur der Hasen» wird Christoph Geiser von der Tragödie des Ostjudentums erzählen, die Opfergeschichte eines Kollektivs, sich einmal mehr mit dem Vergessen auseinandersetzen.
Ein wunderbar angenehmer Kontrast zu Christoph Geiser bot Svenja Gräfen mit ihrem 2019 erschienen Roman «Freiraum». Er, der sich an seiner Geschichte, seinem Leiden abarbeitet, sie, die sich locker und flockig mit dem Personal einer ganz besonderen Bühne beschäftigt; einer Hausgemeinschaft, einem Versuch alternativen Wohnens am Stadtrand, von den Träumen einer noch offenen, vielversprechenden Zukunft und den Ernüchterungen in den aufkommenden Zwängen. Svenja Gräfen macht ein Haus zu einem eigentlichen Experimentierfeld, witzig mit starken Dialogen – eine eigentliche Soziostudie über Lebens- und Wohnentwürfe.
Und am Sonntag? Elsie Schmit liest aus ihren Erzählungen «Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen», Miku Sophie Kühmel aus «Kintsugi», einem flimmernden Roman über die Liebe in all ihren Facetten, Kirstin Köhler aus ihrem Roman «Schöner als überall», der bei Suhrkamp erschien und Simone Lappert aus ihrem Bestseller «Der Sprung»! Unbedingt hingehen! (Festivalprogramm)
Ruth Schweikert eröffnete das 15½. Literaturfestival Literaare in Thun. Was bräuchte es, um den Kilimandscharo zu bezwingen? Was stände auf der To-do-Liste? Ruth Schweikert schrieb mit «Tage wie Hunde» ein Buch, das sich mit Radikalität und Offenheit mit ihrer Krebserkrankung auseinandersetzt. Ein Buch, das unter die Haut fährt und in seiner Lesart nicht wenig verunsichert.
Ruth Schweikert bezwang einen solchen Berg, auch wenn die Metapher nicht wirklich taugt, da es ja bei jenen, die den Berg nicht bezwingen, meist nicht an der Liste oder der fehlenden Orientierung bis zum Gipfel fehlte und schon gar nicht an der Ausrüstung. Ruth Schweikert schildert die Konfrontation mit Brustkrebs vom Beginn der Diagnose weg bis tief in die Krankheit hinein, in Rückblenden weit zurück und in Vorblenden bis weit über die Gegenwart hinaus. Ruth Schweikerts Erzählen, ihr Nachdenken ohne Pathos der Genesenen nimmt mich mit, ganz nah, als ob ich neben und mit ihr sehen, leben und denken würde; wenn sie nach der Mammographie im Besprechungszimmer des Arztes sitzt oder die Staatsbürgerschaft im Reich der Gesunden verliert. Wenn sie beim Arzt zugibt, wie sehr sie die Angst packt, als ob es möglich wäre, keine zu haben.
Ruth Schweikert, eine Grosse der Schweizer Literatur, protokolliert nicht, erzählt keine Leidensgeschichte. Sie spürt scharfsinnig nach, was sich nach einer verhängnisvollen Vermessung ihres Körpers unausweichlich aufdrängt. «Tage wie Hunde» ist aber auch eine Auseinandersetzung mit ihrem Schreiben, über die Veränderungen des Schreibens, die Befreiung des Schreibens. Über das Übersetzen von «Erfahrungen, die sich dem Punkt entziehen», Empfindungen, die Ruth Schweikert ähnlich einer Mathematikerin in Beziehung zu setzen versucht, um sie in Sprache übersetzen zu können.
«Krankheit ist eine ganz spezifische Zeiterfahrung», sagte Ruth Schweikert im Gespräch mit der Moderatorin und Festivalchefin Tabea Steiner. Eine Literatur gewordene Zeiterfahrung darüber, was sich beispielsweise im Moment einer Diagnose zeitlich ausbreitet. So wie man ein ganzes Leben in einen einzigen Satz packen kann, konzentriert Ruth Schweikert in ihrem Buch jene Momente, die das Leben ausweiten, die Zeit zerreissen. «Tage wie Hunde» ist nicht blosses Abbilden, sondern der Versuch, eine andere Art des Beschreibens der Krankheit entgegenzusetzen, eine Ordnung, denn Krebs ist Chaos, Unordnung, Wucherung. Sprache ist Ordnung.
Ruth Schweikert «Tage wie Hunde», S. Fischer, 2019, 208 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-10-397386-0
Ruth Schweikert erzählte, das Buch sei auch Resultat eines Zu-fallens. Während sie am Text arbeitete, starb Ruth Schweikerts Vater. «Tage wie Hunde» ist ein Buch über das Drinnen und Draussen, das Leben und den Tod, das Davor und Danach, das Beginnen und drohende Ende.
Ruth Schweikert las nicht allein zur Festivaleröffnung. Links von ihr sassen abwechselnd zwei Frauen, lautlos gestikulierend mit Händen und Gesicht, mit Blick auf die erste Reihe im Rathaussaal, wo Gehörlose nicht der Schriftstellerin lauschten, sondern den Simultanübersetzungen zuschauten. «Eine Parallellesung» leicht versetzt, als wären die Gesten ein Echo der Sätze.
«Stoff für den Shutdown» mit Anaïs Meier, Benjamin von Wyl, Aleks Sekanic und Mariann Bühler
Ob mit Mundschutz und Social Distancing Festivalstimmung aufkommt, muss sich noch erweisen. Das Festivalteam hat angerichtet! Heute Samstag lesen Sandra Künzi, die GewinnerInnen des Textstreich-Wettbewerbs, Katerina Poladjan, Stef Stauffer, Christoph Geiser, Thomas Rötlhisberger, Svenja Gräfen, vier Studierende des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel und Hengameh Yaghoobifarah. Und am Abend um 21 Uhr ein ganzer Strauss: Meral Kureyshi, Demian Lienhard, Daniel Mezger, Elio Pellin, Regula Portillo, Giuliano Musio, Laura Vogt und Benjamin von Wyl. Möge Thun strömen! (Festivalprogramm)
Mariann Bühler liest «Lang, lang lebe die Weile» aus «Stoff für den Shutdown, Vol 2, Ausdauer»
Begleitet wird das Festival von der jungen Illustratorin Lea Frei, die im Foyer des Rathauses die Zeichnungen zeigt, die sie fürs ursprüngliche Festivalprogramm im März dieses Jahres erstellte. Zeichnungen aller beteiligten Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Zeichnungen, die man sich nicht nur von ganz Nahem ansehen kann. Zeichnungen, die man sich gönnen, kaufen kann!
Aleks Sekanic liest «im sommer, vielleicht.» aus «Stoff für den Shutdown, Vol 2, Ausdauer»
Schon der Titel des Buches birgt genug Stoff, um eine Diskussion vom Zaun zu reissen. Ein Fest in der Stadt, eine Party. Leben konzentriert sich auf diesen einen Abend, verschiedenste Leben, jedes getränkt von Erwartungen, geprägt von einer Geschichte. Man kommt zusammen, und doch ist jeder allein. Ulrike Ulrichs neuer Roman spürt vielem nach, was in unserer Gesellschaft offensichtlich und unterschwellig kocht – während wir feiern.
Nationalfeiertag in der Schweiz, sowas wie Geburtstag. Ein Fest für Alexa, wie jedes Jahr, die damit auch feiern will, dass sie sich in diesem Land endlich angekommen fühlt. Mit den Vorbereitungen auf dieses Fest allerdings ist Alexa ziemlich allein, so wie Mrs Dalloway im Roman von Virginia Woolf. Adrian hilft nicht mit. Sie ist nicht einmal sicher, ob er an diesem Abend da sein wird. Ist es doch ihr Abend, ihr Lied, das sie an diesem Abend singen wird, ihr Fest, an dem getanzt, geredet, getrunken und geflirtet werden soll. Und weil neben genügend Männern vieles andere auch noch fehlt, ist Alexa alles andere als gelassen; vergessene Grillkohle, die Kleider, die Tische, die Blumen und das Lied, das Guggisberglied.
Alles an einem Tag, fast alles an einem Ort, die Parallelführung verschiedener Leben, Perspektiven, die sich wie bei einem Stafettenlauf den Stab übergeben, ein Teppich aus verschiedensten Biographien, der von Lesern einiges abverlangt. Eine Partygesellschaft noch ohne Mundschutz und doch alle unsäglich weit voneinander entfernt, gefangen in Ängsten, Abhängigkeiten, Einsamkeit und Isolation, genauso wie in Drogen und Zwängen. Ein Raum, der in der Musik pulst, in dem sich der Dunst von Geschichten, Schweiss und Alkohol ausbreitet. Als Leser sehe ich in die Köpfe und Herzen, sehe aus den Augen derer, die an der Party sind, die einen auf der Jagd, die andern auf der Flucht, vor der Welt oder sich selbst.
Ulrike Ulrich und Moderatorin Cornelia Mechler spürten im Gespräch über das Buch den Fragen der Zeit nach. Fragen, die die Schriftstellerin schon in mehreren Büchern nachging, so wie in der 2018 erschienenen Anthologie «Menschenrechte. Weiterschreiben», in der über ein Dutzend AutorInnen in «vielgestaltigen literarischen Interpretationen dazu ermutigen, die Artikel der Menschenrechtserklärung weiterzudenken und den eigenen Standpunkt zu durchleuchten». Ebenso waren es die kleinen Details aus dem Leben einer Schriftstellerin. So schreibt Ulrike Ulrich gerne und oft von Hand in Cafés, fast immer morgens, um das Geschriebene nachmittags, ein erstes Mal überarbeitend, in den Computer zu tippen.
… und Ulrike Ulrich singt ganz leise, während sie signiert …
Vielen Dank der Schriftstellerin Ulrike Ulrich, der Moderatorin Cornelia Mechler und der umsichtigen Mitgastgeberin Brigitte Conrad.
Tom und Patrick waren Freunde. In den wilden Jahren ihrer Jugend zerriss es ihre Freundschaft. Leben, die vorgezeichnet schienen, warf es aus der Bahn. Ein Vierteljahrhundert später treffen sich die beiden wieder in Bern. Zwei Versehrte stehen einander gegenüber. Patrick hat in Übersee studiert, Tom ist Lehrer geworden. Alleine sind beide.
Patrick ist zur Beerdigung seiner Mutter in die Schweiz zurückgekehrt. Kurz vor seinem Rückflug steht er vor der Wohnungstür seines einstigen Freundes. Wenn die Vergangenheit nach einem Vierteljahrhundert so einfach vor der Türe auftaucht, dann nicht, um Hallo zu sagen, denn als sie sich gegenübersitzen, ist da das leise Surren von Patricks Handprothese.
Damals waren sie Freunde, Blutsbrüder, besuchten das Gymnasium, trafen sich nach der Schule, lümmelten in Rohbauten und Einkaufszentren herum, rauchten, tanzten in den Kellern des Ortes und verdienten sich auf dem Ticketschwarzmarkt vor grossen Konzerten einen ordentlichen Batzen Geld. Dass es dabei mit konkurrierenden Gangs zu Konflikten und handgreiflichen Auseinandersetzungen kam, schien die Freundschaft zwischen Tom und Patrick nur zu stärken, zumal sich die beiden mit aller Deutlichkeit von ihren Eltern abnabeln wollten. Patrick von Eltern, die nie da waren, selbst wenn die Mutter mit Pumps und vollen Tüten eines Lieferservices den peinlich gewordenen Geburtstag feiern wollte. Tom von seiner Mutter, die sich mit Alkohol tröstete. Weg von Eltern, die sie bloss Zombies nannten.
Peter Zimmermann «Was der Igel weiss», edition bücherlese, 2020, 272 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-906907-31-4
Bis Tom Jasmin in seiner Klasse erstmals wahrnimmt. Ein Mädchen, das anders ist als jene, die im Keller tanzen. Ein Mädchen, das sich anders gibt, auch in der Schule. Auch keines von denen, die seinem grossen und athletischen Freund Patrick wie die Fliegen aufsitzen. Einmal steht Jasmin vorne beim Lehrerpult und hält wie alle anderen einen Vortrag. Aber der Vortrag ist eine Kampfansage gegen die Gewohnheiten der Gesellschaft; Halbnackte Hühner in Massentierhaltung, geschredderte Küken in einem Container, gestapelte Schweinehälften wie Tote in einem Konzentrationslager. Pater Zyrill, der Lehrer, bricht den Vortrag ab und schickt die Gymnasiasten an die frische Luft. Aber Tom ist fasziniert vom Mut seiner Mitschülerin. Sie treffen sich und er erfährt, dass Jasmin nicht bloss Vegetarierin ist, sondern Teil von „Straight Edge“, einer Bewegung, einem Lebensstil ohne Alkohol, Tabak oder andere Drogen, gegen häufigen PartnerInnenwechsel, nüchtern, gradlinig und selbstbestimmt. Tom verliebt sich. Er verliebt sich aber auch in die Kraft seiner Freundin, die sich nicht einfach blossen Schimpfen und Auflehnen hingibt, sondern in den Augen Toms auch für Veränderungen einsteht. Erst recht als klar wird, dass Jasmin Teil einer Gruppe junger AktivistInnen ist.
Tom ist mittendrin. Die alkoholabhängige Mutter, sein Freund Patrick, der mit seiner cool-lässigen Art die Welt zu nehmen versteht, Jasmin, die nicht bloss Steine wegkickt, Toms Onkel, der ihn zum Denken ermuntert und doch ganz anders ist wie sein erloschener Vater. Jasmin nimmt Tom mit und aus ihrer Überzeugung wird seine.
Aber kann man eine Überzeugung wie einen Mantel umlegen? Wann wird Überzeugung zu eigenem Leben? Was bleibt von dem, was man in seiner Jugend wie ein Schwamm in sich aufgesogen hat? Den Plänen und den Träumen, den Vorstellungen und Visionen? Spiegelt mein gegenwärtiges Leben noch einen Funken dessen, was damals im Brennpunkt war, explosiv werden konnte? Ein Vierteljahrhundert später treffen sich zwei Ernüchterte. Ist die Handprothese seines Freundes ein Grund, dass Tom Philosophieleher geworden ist? Ist jene Katastrophe, die damals Tom und Patrick beinahe das Leben gekostet hätte, bloss einfach ein Ende mit Schrecken oder ein Anfang?
Peter Zimmermann nimmt mich mit in die 90er Jahre, konfrontiert mich mit mir selbst, der ich auch einmal meine Überzeugung für jeden sichtbar mit mir herumtrug. Was bleibt vom Kampf gegen das Immergleiche, Unumstössliche, gegen Tradition und Establishment? Peter Zimmermanns Roman ist sehr konventionell erzählt, bleibt auf der eingeschlagenen Linie. Ich hätte dem Roman mehr Sprache und Konstruktion gewordenen Mut gewünscht. Doch auch wenn Peter Zimmermanns Debütroman manchmal etwas hölzern wirkt, lohnt sich die Lektüre allemal, weil da einer einen Kampf ausleuchtet, den wir alle mit uns herumtragen; die Rebellion und das, was davon bleibt.
Ein Interview mit Peter Zimmermann:
Tom wurde Philosophielehrer. Sie lassen im Verborgenen, wie sehr die verheerende Geschichte damals einer der Gründe wurde, warum Tom diesen Beruf auswählte. Und warum er einer der Menschen geworden ist, denen nicht die Karriere an erster Stelle steht, sondern ihr Idealismus. Ist jener Idealismus, den man sich bewahrt, nicht immer das Resultat von Leben, das an einem nagt? Ja, das kann sein. Ich mag solche Figuren. Sie sind mir sympathischer als jene, die das Leben an sich abperlen lassen, keine Ideale besitzen und am Leben ihrer Mitmenschen nagen. Das ist es ja auch, was Tom in Bezug auf seinen Freund Patrick befürchtet: Dass dieser sich zu einem «zufriedenen, satten Geist» entwickelt. Auf der anderen Seite kann das Leben so sehr an einem nagen, dass der Idealismus, den man sich bewahrt, zahnlos wird, zu einer Flucht vor der Realität verkommt. Ich denke, Tom befindet sich da an einer Grenze.
Tom hat einen Onkel, den Bruder seines Vaters, der ganz anders ist, der Sätze sagt wie „Dein Verstand muss intuitiv werden. Er darf nicht sezieren, darf sich nicht in Einzelheiten verlieren“. Das tut doch aber die Literatur sehr oft. Man verliert sich in den Einzelheiten, den Details und traut der Intuition nur wenig. Oder liegt dort der Unterschied zwischen Handwerk und Kunst? Gibt es diesen Unterschied überhaupt? Ich betrachte das literarische Schreiben – zumindest mein eigenes – eher als Handwerk. Aber ich verstehe den Sinn Ihrer Frage: Gewisse Texte sprechen uns in emotionaler und intellektueller Hinsicht auf eine ganz besondere Weise an und in diesen Fällen sagen wir üblicherweise, dass wir es mit Kunst zu tun haben.
aus den Notizen Peter Zimmermanns
Was zeichnet solche Texte aus? Ich formuliere eine Gegenthese zu Ihrer Aussage: Oft vernachlässigt Literatur den präzisen Blick auf die Details. Man verliert sich im Abstrakten, produziert «Geschwurbel» und behauptet, es wäre Kunst. Ich will Ihnen aber auch nicht widersprechen. Womöglich liegt die echte Kunst – oder das gute Handwerk – darin, die richtigen Details so zu wählen und zu arrangieren, dass Bedeutungen entstehen, die über die wörtliche Bedeutung des Textes hinausreichen. Dazu braucht es vielleicht tatsächlich so etwas wie Intuition. Ein solches Mehr an Bedeutung lässt sich dann wiederum bloss intuitiv erschliessen und nicht vollständig ausbuchstabieren, was zu dieser besonderen Leseerfahrung führt, die uns dazu bringt, von Kunst zu sprechen.
Was bleibt von dem, was einem in jungen Jahren umtreibt? Wie wächst Ideologie? Was ist von den Idealen des jungen Peter Zimmermann geblieben? Das ist eine sehr persönliche Frage. Nun gut: Die Ideale des jungen Peter Zimmermann haben sich zu einem guten Teil darauf bezogen, was für ein Leben er führen möchte. Unter anderem wollte er auf keinen Fall Lehrer werden. Genau das ist aber aus mir geworden. Diese Entwicklung bereue ich keineswegs. Das Unterrichten ist eine sehr erfüllende Tätigkeit, die mir zwanzig Jahre lang grossen Spass bereitet hat. Allerdings nähere ich mich inzwischen dem Leben an, das ich mir als Jugendlicher erträumt habe: Nachdem ich diesen Frühling meine Stelle am Gymnasium gekündigt habe, um fortan nur noch in der Lehrerbildung tätig zu sein, werde ich in Zukunft deutlich weniger verdienen, aber auch deutlich mehr Zeit fürs Schreiben haben. Im Vergleich zu früher lebe ich heute in grösserer Übereinstimmung mit den Idealen des jungen Peter Zimmermann.
Sie zielen mit Ihrer Frage aber wohl auf andere Dinge. Wie steht es um meine moralischen Ideale? In gewisser Hinsicht war das auch mein Ausgangspunkt, als ich den Roman zu schreiben begann. Wie wird aus einem fünfzehnjährigen Jugendlichen, der genau dieselben Werte wie seine Eltern vertritt und der vor seinen Mitschülern ein flammendes Plädoyer für die Erneuerung der Schweizer Luftwaffe hält, in kurzer Zeit jemand, der auf die Strasse geht, um gegen die Anschaffung des F/A-18 zu demonstrieren? Auch wenn der Roman nicht als persönliche Aufarbeitung gedacht ist, interessiert mich grundsätzlich, wie ein solcher Wandel zustande kommt.
Im Erwachsenenalter und bis heute sind meine moralischen Überzeugungen im Wesentlichen aber stabil geblieben. Eine andere Frage ist die nach dem moralischen Engagement und der Konsequenz im Handeln. In dieser Hinsicht gilt es, Abstriche einzugestehen. Mein damaliges Ich hätte meine diesjährige Reise nach Costa Rica wohl kaum gutgeheissen. Auf der anderen Seite wäre es sicherlich erfreut zu hören, dass ich während der Recherche zum Buch endlich wieder zum Vegetarier geworden bin und inzwischen auch auf viele Milchprodukte verzichte.
Zur Frage nach der Ideologie: Meiner Meinung nach wächst Ideologie in der Weigerung, die Stimmen der Anderen zu vernehmen. Und Idealismus schlägt dann in Ideologie um, wenn entsprechende Überzeugungen entgegen ihrem Anspruch, vernünftig und allgemeingültig zu sein, lediglich der Verteidigung eigener Interessen dienen. In dieser zweiten Hinsicht würde ich, um auf das Thema des Romans Bezug zu nehmen, eher die Gegner einer veganen Lebensweise und Lebensmittelproduktion unter Ideologieverdacht stellen wollen als deren Befürworter.
Sie schildern in ihrem Roman einen „Einbruch“ der jungen AktivistInnen in einen Schweinebetrieb. Eine Sauerei aus der Sicht der jungen Leute, eine Sauerei aus der Sicht des Schweinezüchters. Ihre Schilderungen sind so krass wie die Bilder des Tierschützers Erwin Kesslers. Erziehung, Überzeugung und Korrektur geschieht aber in den wenigsten Fällen durch Abschreckung. Und doch reizt kaum etwas so sehr wie das Krasse, das Schreiende, das Brutale. Warum stechen sie nicht noch viel mehr in die eiternde Beule? Weil es den Roman aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Die Schilderungen sollten drastisch genug sein, um die Reaktionen der Figuren und das weitere Geschehen plausibel zu machen, ohne dabei die Grenze zum Reisserischen zu überschreiten. Die entsprechenden Passagen dienen der Geschichte und nicht umgekehrt. Aber ja, das Krasse und Schreiende reizt. Tatsächlich hat mir ein Literaturagent geraten, das Manuskript in die Tonne zu treten und die Geschichte neu aufzuziehen, mit literweise Blut und allem. Das entspricht jedoch nicht meinen Vorstellungen. Auch wenn in meinen Texten immer mal wieder brutale oder krasse Ereignisse vorkommen, reizt mich insgesamt doch eher das Subtile.
Um einen weiteren Aspekt Ihrer Frage aufzugreifen: Wäre es meine Absicht gewesen, Leserinnen und Leser zu überzeugen, hätte ich ein Sachbuch geschrieben. Und da stimme ich Ihnen zu: Abschreckung funktioniert nicht. Man müsste eher versuchen, vegetarische und vegane Lebensweisen noch stärker positiv zu besetzen, gegen das Vorurteil anzuschreiben, es handle sich dabei um genussfeindliche Einstellungen, die nur von miesepetrigen Besserwissern vertreten werden. Auf der anderen Seite bin ich schon der Meinung, dass jede Person, die Tierprodukte konsumiert, wissen sollte, unter welchen Bedingungen diese hergestellt werden. Dass ein solches Wissen oftmals schockiert, liegt in der Natur der Sache.
Tom liebte Jasmin, liebt jene Jasmin vielleicht auch noch nach einem Vierteljahrhundert als Imago. Tom ist alleine geblieben, Jasmin längst verheiratet und Mutter von Kindern. Bleibt Tom an seiner Geschichte hängen? Dieser Schluss drängt sich auf. Aber das eigentliche Geschehen wird ja von drei Kapiteln eingerahmt, die in der Gegenwart spielen. Diese Kapitel sind mir wichtig, auch sie erzählen eine Geschichte: Tom trifft nach fünfundzwanzig Jahren auf seinen Jugendfreund, die Ereignisse von damals werden zum Thema. Das könnte durchaus der Ausgangspunkt einer Entwicklung sein, die es Tom ermöglicht, sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Das Leben nagt an ihm, aber es besteht die Chance, dass es ihn nicht zerfrisst.
Peter Zimmermann, geboren 1972, wuchs in Nidwalden auf. Er promovierte in Philosophie und arbeitet als Fachdidaktiker an der Universität Fribourg. Ab 2016 publizierte er diverse Texte in Literaturzeitschriften und wurde für sein Schreiben bereits verschiedentlich ausgezeichnet: 2016 gewann er den Schreibwettbewerb von Das Magazin und den Literaturwettbewerb Treibhaus des Literarischen Monats, 2018 erhielt er einen Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung für die Arbeit an «Was der Igel weiss», und 2019 den Irseer Pegasus. Peter Zimmermann lebt in Bern.
Manchmal drängen sich Bücher auf. „Dort dort“ tat es, weil es tut, was Literatur wie kaum eine andere Kunstgattung tun kann. Sie mischt sich ein. Sie prügelt mich als Leser aus meiner Komfortzone. Sie schimpft mich einen Ignoranten, weil ich mich mit Erklärungen verschanze, Erklärungen darüber, warum meine Welt aus derart vielen Irrtümern besteht.
1492 entdeckte Columbus eine neue Welt, nannte die Völker dort Indianer. Man pries ihn Jahrhunderte lang als Entdecker, goss ihn in Bronze, feierte ihn als Helden. Damals sollen nach Schätzungen 60 Millionen Menschen in Nord- und Südamerika gelebt haben. 100 Jahre später hatten bloss 10% von ihnen überlebt. Aber das Sterben, Morden und Vertreiben ging Jahrhunderte lang weiter und hat sich tief ins Bewusstsein der indigenen Völker gefressen. Allein die Indianer in Kalifornien schrumpften zahlenmässig bis 1900 in Zeiten des Goldrauschs von 300 000 auf 16 000. Dass man dabei nicht von einem Genozid spricht, ist ein Hohn. Dass die USA sich ihrer Verantwortung allen nicht weissen Bevölkerungsgruppen gegenüber nicht bewusst ist, zeigen die jüngsten Ereignisse mit aller Deutlichkeit. Noch immer glaubt der Weisse an seine Vormachtstellung, an ein von Gott gegebenes Privileg. Dass dieses Selbstverständnis auch in Europa im Unterbewusstsein und manchmal auch ganz offen im Bewusstsein vieler steckt, beweisen Interviews mit in Deutschland, Österreich und der Schweiz geborenen nicht Weissen.
„Man kann das Leben nicht schönreden, wenn es nicht schön ist.“
Noch immer ist das Bild eines Indianers das in romantisch verklärten Bildern gezeichnete Fantasiemotiv aus Filmen und Büchern. Auch wenn sich dieses Bild langsam zu relativieren beginnt, bleibt eine kritische Auseinandersetzung mit sämtlichen Regungen kolonialen Denkens aus. Eroberung und Expansion, Übernahme und Ausweitung sind Begriffe in Wirtschaft und Geschichte. Die 500 Jahre Leidensgeschichte der nordamerikanischen Ureinwohner sind nicht vorbei, nicht ansatzweise aufgearbeitet. Wenn wir mit dem Wohnmobil in den Staaten Ferien und Fotos von bunt gekleideten Indianern machen, eine Kette kaufen und in die untergehende Sonne blinzeln, ist uns nicht bewusst, wie viel Zerstörung weisses Selbstverständnis angerichtet hat.
„Zuhause war ein verriegelter Kombi auf einem leeren Parkplatz. Zuhause war eine lange Busfahrt. Zuhause war, wo auch immer sie für eine Nacht sicher waren.“
Tommy Orange «Dort dort», Hanser Berlin, dem Englischen von Hannes Meyer, 2019, 288 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-446-26413-7
Darum braucht es die Literatur. Darum braucht es Romane wie diesen von Tommy Orange. Weil sie in aller Klarheit und Direktheit schildern, was ist, nichts beschönigen aber auch in keine Depression verfallen. Tommy Orange erzählt aus dem Leben der Indianer heute, tut es von innen heraus. Und es ist nicht einfach die Geschichte eines Einzelnen, sondern eines Kollektivs, eines ganzen Volkes, das man seit Jahrhunderten schamlos belügt, betrügt und hinhält. Dass Teil des amerikanischen Traums sein soll, aber statt dessen den amerikanischen Alptraum erlebt.
Jaquine Red Feather, Drogenberaterin und selbst erst seit ein paar Tagen frei von Alkohol, gab als junge Frau nach einer Vergewaltigung ihr Kind zur anonymen Adoption frei. Wie alle in diesem Roman ist sie unterwegs in ein Stadion, unterwegs zu einem Powwow, einem grossen indianischen Treffen, an dem getanzt, gesungen und getrommelt wird. Jaquine Red Father ist aber wie alle auch unterwegs zu ihrer Familie, ihrer kleinen Familie, ihrer grossen, indianischen Familie. Dene Oxendene, ein junger Cheyenne und Arapaho Triebs, will mit der Kamera seines Onkels Geschichten der Native Americans, der Indianer festhalten. Und Erwin Black, ein junger Mann mit einer weissen Mutter und einem indianischen Vater, ist auf der Suche nach seiner Herkunft, seinem inexistenten Vater.
„Jugendliche springen aus dem Fenstern brennender Gebäude und stürzen in den Tod. Und wir glauben, das Problem wäre, dass sie springen. Getan haben wir Folgendes: Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, um sie am Springen zu hindern. Sie davon zu überzeugen, dass es besser ist, bei lebendigem Leib zu verbrennen, als Schluss zu machen, wenn es so heiss wird, dass sie es nicht mehr aushalten.“
In „Dort dort“ sind sie alle unterwegs, alle auf der Suche. Unterwegs zum Powwow, unterwegs zu einem Sehnsuchtsort, unterwegs, raus aus der Hoffnungslosigkeit, getrieben von Fetzen einer Perspektive. Und alles in diesem Buch, alles was aus einer grossen indianischen Katastrophe gründet, sich aus dem grossen indianischen Trauma zu schälen versucht, mündet wieder in einer Katastrophe. Ausgerechnet an jenem Ort, an dem die indianische Seele Atem schöpft, soll ein Verbrechen stattfinden, ein Raub.
„Du bist Indianer, weil du Indianer bist, weil du Indianer bist.“
Tommy Orange erzählt mit den Stimmen der Menschen, die er beschreibt, mit authentischen Dialogen, abgrundtiefen Einsichten in die gebeutelte indianische Seele. Und doch ist „Dort dort“ von grandioser poetischer Kraft, wenn Tommy Orange von Emotionen, Landschafts- und Seelenbildern erzählt – nicht zuletzt vom Sterben. Der Roman tut weh, weil Tommy Orange das letzte Fitzelchen Romantik verbannt, weil er mir mit Gewalt in den Nacken greift und mich zwingt hinzuschauen.
Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Angels Camp, Kalifornien.
Hannes Meyer wurde 1982 in Preetz bei Kiel geboren. Er studierte in Düsseldorf Literaturübersetzen und arbeitet seit 2007 als freier Übersetzer. Er übersetzte u. a. Bücher von James Franco, Philip Kerr und Dana Spiotta. Für seine Übersetzung des Romans «Der Geschichte einer kurzen Ehe» von Anuk Arudpragasam wurde er für den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt nominiert.
«Spätestens wenn man sie nicht mehr hat, merkt man, wie wichtig sie ist.» Das gilt auch für Kultur – oder erst recht. Und es braucht schon eine ordentliche Portion Mut und Aufwand, in diesen Zeiten eine Kulturveranstaltung zu organisieren, die einen ganzen Ort mitnehmen soll. Die kleine Stadt Amriswil im Herzen des Thurgaus trotzte allen Ängsten und lud ein zur 2. Amriwiler Kulturnacht.
«Es war eine Meister- und Monsterleistung wie die verschiedenen Plattformen sich engagiert und organisiert haben. Es war eine Stimmung der Superlativen, alle haben sich gegenseitig geholfen, waren dankbar für die Durchführung, bereicherten sich an der kulturellen Vielfalt, waren berührt und begeistert von Begegnungen. Und auch das wunderbare Herbstwetter hat zum Geniessen eingeladen. Endlich wieder Leben mit Kultur!», schrieb die OK-Präsidentin und Stadträtin Madeleine Rickenbach in einer Mail an all jene, die sich in die Liste der VeranstalterInnen eingeschrieben haben.
Als ich zusammen mit der Schriftstellerin Sandra Hughes über den Marktplatz auf das Pentorama zuging, musste die Schriftstellerin erst einmal stehen bleiben und ihr Handy zücken, um ein Foto von dem Veranstaltungsort zu schiessen. «Das glaubt mir kein Mensch!» Wenige Wochen vor der Durchführung der Kulturnacht hatte man uns am ursprünglichen Ort «ausgeladen», weil eine coronakonforme Durchführung einer Lesung nicht gewährleistet werden konnte. So verschob man kurzerhand ins Pentorama, in eine Halle, die voll mehrere tausend BesucherInnen fassen kann. Eine Krimilesung in einer Halle? Würde das gut gehen?
Es ging gut. Auch wenn sich der Ansturm auf die Lesung in Grenzen hielt, war doch die Konkurrenz von Dutzenden anderer Veranstaltungen im Ort gross, vielfältig und potent. Sandra Hughes nahm die Lauschenden mit nach Meride in die Pastamanufktur der Familie Savelli ,einer alteingesessenen Pastadynastie im Ort. Eine kleine Fabrik mit langer Tradition, eine Perle im Ort am Fusse des Monte San Giorgio, Weltkulturerbe und weit herum bekannt für seine prähistorischen Fossilienfunde. Die junge Kindergärtnerin Stefanie Schwendener wird eines Morgens vom alten Patron der Pastamanufaktur tot im Kühlraum der kleinen Fabrik gefunden. Eine Katastrophe für die Familien, jene des Opfers, die der Manufaktur und fürs Dorf, das sich in Schockstarre befindet.
Sandra Hughes neues Ermittlerduo, die eigenwillige Emma Tschopp aus der Region Basel und der Tessiner Commissario Bianchi, wird auch in weiteren Krimis gemeinsam ermitteln. Die Fährte ist gelegt! Eine gelungene Lesung vor aufmerksamem Publikum. Ein angeregtes Gespräch über menschliche Abgründe und das Glück des Schreibens. Vielen Dank an Sandra Hughes und die Gäste im Pentorama!
Das 15. Thuner Literaturfestival versucht es noch einmal! Und mit den Organisatorinnen hoffen all die Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf eine Durchführung, auf BesucherInnen, Menschen, die sich trotz allem von der Literatur verführen lassen – nicht zum Leichtsinn, aber zum literarischen Hochgenuss!
Am Samstag, den 26. September, um 13.30 Uhr im Rathaus Thun: «Hier sind Löwen» von Katerina Poladjan:
Helene Mazavian kommt in Jerewan, der armenischen Hauptstadt an. Sie soll dort alsBuchrestauratorin im Zentralarchiv für armenische Handschriften eine ganz spezielle Bindetechnik erlernen. Was Helene Mazavian aber wirklich lernt, ist sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das Tor zu dieser ist ein Heilevangilar aus dem frühen 18. Jahrhundert. Aber Gewehr und Buch können ganz nah beieinander sein!
Helene Mazavian ist im Stillen entsetzt, als sie durch die Regale mit den Schätzen des Zentralarchivs geführt wird. Ganz anders wie in Deutschland, wo sie sich ausbilden liess, liegen hier die Bücher nicht in Archivboxen geschützt, sondern offen auf den Regalen. Ihre Chefin, die sie dorthin führt, meint: „Wären die Bücher alle umhüllt oder lägen sie in Schachteln, könnten sie nicht miteinander sprechen, nicht atmen. Eine Schachtel ist wie ein Grab, das Buch vereinsamt und stirbt.“
Katarina Poladjan «Hier sind Löwen», S. Fischer, 2019, 288 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-10-397381-5
So manches ist anders, auch wenn Helene armenische Wurzeln hat, eine Vergangenheit, die mit dem blutigen Genozid zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Die Menschen sprechen eine Sprache, die die ihre sein könnte, die sie aber nicht versteht, das Buch, das sie als erstes restaurieren soll, beginnt mit ihr zu kommunizieren, der Mann, der sie vom Flughafen abholte, bringt sie ins Wanken, sie, die sonst alles unter Kontrolle hat.
Schon Helenes Mutter, eine Künstlerin, die sich im Keller ihres Reihenhauses mit dem Genozid an den Armeniern beschäftigte und dabei auch nicht davor zurückschreckte die Puppen und Kuscheltiere ihrer Tochter in das nachempfundene Gemetzel jenes Schreckens einzubauen, liess, was damals geschah, nicht wirklich an sich heran. „Hier sind Löwen“ beschreibt, wie Geschichte, die Konfrontation mit ihr oder die Verweigerung einer solchen sich bis in die kommenden Generationen hineinfressen kann.
Die Familienbibel, an der sich die Buchrestauratorin versuchen soll, ist und war viel mehr als ein Buch. Ein Schatz, der in einer armenischen Familie von Generation zu Generation mitgetragen wurde. Ein Buch mit Wirkung und Geschichte. Ein Buch voller Zeichen, an die Seitenränder gekritzelt. Ein Buch, das zuerst gesäubert werden musste und zu dem ein Plastikbeutel aus dem Archiv gehört mit Haaren, toten Insekten, einer Theaterkarte, einer Zugfahrkarte von Wladiwostok nach Moskau, zwei Miniaturen, die einmal Seiten im Buch waren, einem Foto, einer Schiffsfahrkarte.
Während Helene sich immer tiefer in Land und Menschen begibt, fesselt sie dieses Buch, das ihr eine Geschichte erzählt. Die Geschichte von den Geschwistern Anahid und Hrant, die vor mehr als hundert Jahren auf der Flucht vor den Gräueln an ihrem Volk in die Berge flüchteten, ihr Zuhause, ihre Familie zurücklassen mussten, mit nichts als den Kleidern, die sie auf dem Leib trugen und diesem einen Buch, das sie beschützen sollte. „Hrant will nicht aufwachen“ steht mit ungelenken Buchstaben auf den Rand einer Seite gekritzelt.
Und als Helenes Mutter Sara sie auffordert, jetzt wo sie doch dort sei, wo die Familie herkomme, jenes Foto, das sie ihr mitgab, als ersten Hinweis zur Suche nach ihrer Herkunft zu nutzen, begibt sich Helene auf eine Reise, die sie in mehrfacher Hinsicht an und über die Grenzen ihres bisherigen Lebens führt.
Mag sein, dass das Buch etwas kühl erzählt ist. Aber genau das macht den Roman zu dem, was ihn auszeichnet. Er spielt nicht mit den Gefühlen der Leserin, des Lesers. Es öffnet sich Seite um Seite einer Geschichte, eines Lebens, eines Dramas. Katerina Poladjan konstruiert gekonnt, verwebt Geschichten, Stimmen. Und so wie eine Buchrestauratorin mit Vorsicht und Umsicht an die Verletzungen eines Buchschatzes geht, so geht Katerina Poladjan an ihren Stoff.
Von 1915 bis 1917 starben unter der Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs mehr als eine Million Armenier, ein Völkermord, ein Genozid, den die türkische Regierung bis heute als «kriegsbedingte Sicherheitsmassnahme» bezeichnet und Regierungen und Persönlichkeiten rügt, die Tatsachen beim Namen nennen oder gar Konsequenzen fordern. Katerina Poladjan klagt nicht an, führt nicht vor. Aber «Hier sind Löwen» rückt ein Verbrechen zurück ins Bewusstsein, dem man angesichts der spannungsgeladenen Beziehungen zwischen der Türkei und dem Westen zu gerne aus dem Weg geht.
Ein Interview mit Katerina Poladjan
Sie öffnen mir als Leser die Tür zu einem Kapitel düsterer Geschichte des 20. Jahrhunderts mit aller Behutsamkeit. Und doch fühlte ich mich während der Lektüre gezwungen, mich mehr mit dem Genozid an den Armeniern zu beschäftigen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihren Roman mit unerträglicher Dramatik aufzublasen. Ist das auch ein bisschen ihr Kampf gegen den Zeitgeist?
Kampf gegen den Zeitgeist klingt mir zu heroisch, vielleicht ist es eine Don-Quixoterie.Es war wirklich mein Anliegen, von einem der großen Menschheitsverbrechen zu erzählen, ohne dem allgemeinen Drang zur Polarisierung zu erliegen, ohne den Schreckensbildern zu erliegen, die mir oft genug bei der Recherche den Atem nahmen. Die Stille des Gedenkens war mir wichtiger, als laute Schreie der Anklage, Trauer und Wut. Und wenn es mir damit gelungen ist, ein kleines Fenster der Erinnerung zu öffnen, freut mich das sehr.
Das Unglück eines ganzen Volkes, das Unglück einer Liebe, die Helene in der Hauptstadt Armeniens loslassen muss, das Unglück einer Familie – das Glück einer Buchrestauratorin, die Auseinandergefallenes, Verwundetes, Zerrissenes, Verlorenes zurückgewinnen kann. Wie sind sie auf die Idee gekommen?
Einen Roman schreibe ich nicht von Anfang bis Ende. Am Anfang meines Schreibens steht ein Gefühl, eine Idee, ein Thema, ein Klang, hier ein Ort, dort die vagen Umrisse einer Figur. Ich skizziere, recherchiere, experimentiere, verwerfe. Mit diesem Material beginnt irgendwann ein Puzzlespiel, das sich beim Zusammensetzen ständig verändert und erweitert. Eines führt zum nächsten, anderes passt vielleicht nicht mehr ins Bild, Lücken entstehen und müssen gefüllt werden. Als ich in der Werkstatt des Handschriftenarchivs in Jerewan den Buchrestauratorinnen bei ihrer Arbeit zusehen durfte, war ich tief beeindruckt und fühlte ich mich ein wenig an meine eigene Anstrengung erinnert, erzählbare Geschichten aus der Unendlichkeit von Geschichte herauszuarbeiten. So ist Helene Buchrestauratorin geworden.
Liegt in ihrem Roman die Sehnsucht nach Spuren in die Vergangenheit? Eine Bibel, die die Zeichen über Generationen in und an sich trägt? Die Sehnsucht, dass sich mit dem Tod nicht alles dem Vergessen und Verschwinden auftut?
Ich würde nicht von Sehnsucht sprechen. Das Wesen menschlichen Denkens und Fühlens fusst doch auf der Fähigkeit zur Erinnerung. Wir können ja gar nicht nicht-erinnern, wir können nur leugnen oder vergessen. Erinnerung kann negativ wirken, traumatisch gar, und zum Durst nach Rache und Vergeltung führen. Viel mehr noch ist die Erinnerung eine Säule der Humanität und des Mitgefühls. Und letzteres ist doch Grund genug für die Spurensicherung.
Anahid und Hrant sind jung, sehr jung und auf der Flucht. Hrant, der jüngere der beiden wird krank, fiebert und Anahid ist irgendwann gezwungen, ihren Bruder alleine zurückzulassen, eine Situation, die sich im Laufe der Geschichte noch einmal wiederholt. Darin steckt die Urangst eines jeden, verlassen zu werden. Aber braucht es dieses Verlassen-werden nicht, um autonom zu werden?
Um autonom zu werden, muss man selbst verlassen, ein aktiver Vorgang. Wenn einem das Autonom-werden aus der Zwangssituation des Verlassen-werdens gelingt, ist es ein Glück.
Wie viel will und soll man vom „Geheimnis Familie“ aufreissen, wenn man ahnt, dass es eine Wunde sein könnte, die sich niemals schliesst?
Das vermag ich nicht zu sagen. Nietzsche hat einmal den Satz geschrieben: „‚Wille zur Wahrheit‘ – das könnte ein versteckter Wille zum Tode sein.“
In Ihrem Roman fragt Helene: „Was gibt es Schöneres und Wichtigeres als Bücher?“ Ich stelle die Frage an Sie!
Seit wann gibt es auf rhetorische Fragen eine Antwort? Ach richtig – im Roman lautet sie: „Ein blankgeputztes Gewehr.“
Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt «In einer Nacht, woanders» folgte «Vielleicht Marseille» und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht «Hinter Sibirien». Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für «Hier sind Löwen» erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul.
Laura Vogt las im Literaturhaus Thurgau aus ihrem bei Zytglogge erschienenen Roman «Was uns betrifft». Eine Reise in die Seele einer zerrissenen Frau, einer Frau, die aufbricht. Eine Lesung, die beeindruckte, weil es Laura Vogt schafft, Themen zu Literatur werden zu lassen, die sonst gerne aussen vor bleiben.
„Was uns betrifft“ betrifft mich, betrifft jeden, der Laura Vogts Roman liest. Vielleicht, weil das Buch von den Urängsten einer jungen Frau erzählt, einer werdenden und gewordenen Mutter. Vielleicht weil der Roman nichts beschönigt und Fragen stellt. Vielleicht weil Ihr Roman derart ehrlich ist, nicht verklärt und idealisiert. Vielleicht aber auch, weil Laura Vogt einen Roman geschrieben hat, den sie nie hätte schreiben können, wäre sie nicht selbst Mutter geworden.
Schon die erste Szene im ersten Teil ihres Romans fährt einem in den Unterleib. Rahel, die junge Protagonistin sitzt in einer Lesung und mir wird geschildert, wie sich in ihrem Unterleib ein männliches Spermium mit der Eizelle Rahels vereint. Als hätte man dem Erzählmotor schon zu Beginn eine Einspritzung verpasst. Ein Einstieg, der einem als Bild unauslöschlich hängen bleibt.
Es sind drei Frauen im Roman der jungen Ostschweizerin; Verena, die an Krebs erkrankte Mutter, Rahel die Protagonistin und Fenna ihre Schwester. In keinem der drei Frauenleben scheinen Männer eine wirklich gute Rolle zu spielen. Martin, Rahels Freund setzt sich ab. Verena trennt sich von Erik, Rahels Vater, schon früh. Und Fenna kämpft sich an Luc ab. Als ob unter allem die Einsicht stünde, dass Beziehungen zwischen Menschen permanentes Wagnis sind und bleiben. Vielleicht sogar die Mahnung, endlich von den festgefahrenen Vorstellungen von „Familie“ Abstand zu nehmen.
Laura Vogt schreibt sich extrem nahe an ihre Protagonistin, bildlich und emotional. „Was uns berifft“ ist ein Buch von selten weiblicher Dominanz. Ein Buch, dass so nie von einem Mann hätte geschrieben werden können und deshalb für den Mann zu einem wahren Leseabenteuer werden kann.
wallen Sie trauen Sie sich über den weg prasseln Sie auf sich selber herunter übergehen Sie sich unterlaufen Sie ihresgleichen beflaggen Sie ihre fersen versohlen Sie sich artig wadeln und schenkeln Sie alles
vertreten Sie sich zergehen Sie sofort und entlassen Ihre anwesenheit auf der stelle unken Sie unken Sie quietschen Sie sich ganz in sich hinein
und siezen Sie sich
blüteln Sie sich voll fliedern Sie den winter zweigen Sie ab blättern Sie sich hin stammeln Sie verlauben Sie verstauben Sie treffen Sie jetzt erst Ihre vorkehrungen fallen Sie hinter sich her und über sich hin
verbarrikadieren Sie sich im vogelbauer zwitschern Sie formeln berechnen Sie seemannslieder zählen Sie geschichten
ziehen Sie sich auseinander zweifeln Sie sich heftig aus quengeln Sie sich zueinander
und siezen Sie sich
feuern Sie sich nieder erden Sie ihr werweißen wassern Sie ihr wasweissich lüften Sie sich auf und davon
dementieren Sie die elemente vierteln und sieben Sie sich durch und durch und siezen Sie sich
kaufen Sie sich ein nichtsichtgerät zweierlei käslochbohrer einen halben aubläser (bei verwunderungen) viele lustwagen und zehbrillen für alle hühneraugen
gähnen Sie ihre gedanken verlegen Sie ihre überlegungen verstauen Sie den verstand beschlafen Sie die vernunft träumen Sie sich munter
und siezen Sie sich
wringen Sie mit sich selbst gehen Sie ein schmeißen Sie sich zusammen knittern Sie sich kreuz und quer falten Sie sich bunt scheinen Sie durch und durch fad fasern Sie sich aus sich selbst heraus legen Sie sich mit sich zusammen oder hängen Sie verkehrt herum
aber siezen Sie sich
kreiden Sie sich jetzt von unten bis oben ein verschreiben Sie sich aber subito satzen Sie sich nun gänzlich ab füllen Sie die wörter und gellen Sie die silben benoten Sie die betonungen und lachen Sie pausen los
spannen Sie sich endlich verduzen Sie augenblicklich nichten Sie nichten Sie mit und siezen Sie sich siezen Sie sich gefälligst siezen Sie sich endlich
Hugo Ramnek «Die Schneekugel», Wieser Verlag, 2020, 120 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-9902937-9-9
Hugo Ramnek, geboren 1960 in Klagenfurt/Celovec, aufgewachsen in Bleiburg/Pliberk, studierte Anglistik und Germanistik in Wien und Dublin und besuchte die Schauspiel-Schule Zürich. Er lebt seit 1989 als Schriftsteller, Gymnasiallehrer und Leseperformer in Zürich. Im Wieser Verlag erschienen: «Der letzte Badegast» (2010), ausgezeichnet mit der Anerkennungsgabe der Stadt Zürich, «Kettenkarussell (2012), nominiert für den Bachmannpreis, «Momentum, Texte zu Bildern von Arno Popotnig» (2013), «Meine Ge-Ge-Generation: Eine Jukebox» (2017) und «Das Letzte von Leopold» (2019), zuletzt «Die Schneekugel. Ein Roman in Erzählungen» (2020).
Die Mischung hätte illustrer nicht sein können. Eine Mischung, die es in sich hat. Charles Lewinsky gehört seit Jahrzehnten zu den Grossen im deutschsprachigen Literaturhimmel. Die Ostschweizerinnen Dorothee Elmiger und Anna Stern zählen noch immer zu den Geheimtipps. Tom Kummer weiss sich zu inszenieren, nicht erst seit dem Klagenfurter Wettlesen. Und Karl Rühmann? Karl Rühmann ist die Überraschung!
Charles Lewinsky «Der Halbhart», Diogenes Charles Lewinsky ist das Schwergewicht unter den Nominierten. Nur schon deshalb, weil er bereits zweimal unter den Nominierten zum Schweizer Buchpreis sass: 2011 mit seinem Roman «Gerron» und 2016 mit dem Roman «Andersen». Auch im Wettbewerb zum Deutschen Buchpreis stand und steht sein Name schon auf der Liste. Aber ein Wettbewerb soll überraschen! Charles Lewinsky ist einer der Namen, den man längst für seine literarischen Verdienste hätte adeln sollen. Wäre ich König, hätte ich dem Schriftsteller, Drehbuch-, Theater- und Hörspielautor, Musical- und Songtexter schon längst für sein Lebenswerk den Titel «Sir» verliehen. Charles Lewinsky ist eine Grossmacht, ein Tausendsassa, ein Schriftsteller, der sich stets neu erfindet. Rezension von «Der Stotterer» (2019) auf literaturblatt.ch
Dorothee Elmiger «Aus der Zuckerfabrik», Hanser Dorothee Elmigers neues Buch ist kein Roman. Dorothee Elmiger versucht mit «Aus der Zuckerfabrik» die Welt zu verstehen, nimmt mich mit ihrem Buch mit auf ihre Kopfreise in die Tiefen des Denkens. Mit ihrem dritten Buch erscheint sie zusammen mit Charles Lewinsky nicht nur auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises, sondern auch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020. Erinnern wir uns an «Tauben fliegen auf» der Schweizerin Melinda Nadj Abonji. 2010 gewann sie mit ihrem zweiten Roman sowohl den Deutschen wie den Schweizer Buchpreis. Und Dorothee Elmiger hätte mit Sicherheit das Zeug dazu, es Melinda Nadj Abonji gleich zu tun. «Elmiger ist Dichterin, Historikerin, Analytikerin, Theoretikerin und begnadete Erzählerin in einem», schreibt die Presse.
Anna Stern «das alles hier, jetzt», Elster & Salis Anna Stern, Umweltnaturwissenschaftlerin und Autorin, schreibt sich mit jedem neu erscheinenden Buch tiefer, höher, prägnanter in die Szene. Anna Stern stellt die grossen Fragen der Zeit und die ewig grossen Fragen des Menschseins, experimentiert mit ihrem Schreiben, verbindet in ihren Büchern die verschiedensten Sparten der Kunst. Sie schreibt kompromisslos und wer Anna Stern schon einmal lesend und argumentierend erlebt hat, weiss, was es heisst, ganz für eine Sache einzustehen. Es ist längst Zeit, dass Anna Stern einen grossen Preis für ihr Schreiben verliehen bekommt. Es ist längst Zeit, dass man Anna Stern den Platz einräumt, der ihr gebührt. Rezension von «Wild wie die Wellen des Meeres» (2018) auf literaturblatt.ch
Tom Kummer «Von schlechten Eltern», Tropen Tom Kummer – ein bunter Vogel, der weiss, wie Geschichten erzählt werden müssen, nicht nur weil er einst die Hollywoodstories fürs Schweizer Publikum aufbereitete, weil er ein ausgezeichneter Journalist ist, sondern weil er in seinem Schreiben zeigt, dass Dichtung und Wahrheit nicht in zwei verschiedenen Schubladen gebettet liegen. Das eine mischt sich mit dem andern, unweigerlich, ob man es wahrhaben (wieder so ein Wort) will oder nicht. Sein neuer Roman «Von schlechten Eltern», von den einen gefeiert, von den andern mit Distanz quittiert (wie könnte es bei Tom Kummer anders sein). Tom Kummers Protagonist in seinem Roman ist ein VIP-Chauffeur, der vom Flughafen nach Bern oder Zürich fährt, ein Geschichtensammler, der noch viel mehr mit sich herumschleppt, alles zwischen Himmel und Hölle.
Karl Rühmann «Der Held», rüffer & rub Und Karl Rühmann? Kennen sie Karl Rühmann? Karl Rühmann schrieb vor zwei Jahren den Roman «Glasmurmeln, ziegelrot», ein wunderbares Buch, das in der Öffentlichkeit niemals jene Aufmerksamkeit erreichte, die der Roman verdient hätte. Dass Karl Rühmann unter den Nominierten ist, freut mich ungemein. Und ich stelle mir seine Überraschung mit grösstem Vergnügen vor, die ihn heimsuchen wird, wenn er von seiner Nominierung erfährt! Lesen sie seinen Roman «Der Held» aus dem Verlag rüffer & rub, einem Verlag, in dem Karl Rühmann fast das ganze literarische Programm ausmacht. Ein Roman, der aus dem Internationalen Tribunal in Den Haag eine literarische Bühne macht – existenziell! ein Interview mit Karl Rühmann auf der Verlagsseite Rezension von «Glasmurmeln, ziegelrot» auf literaturblatt.ch
Ich bin von der Shortlist beeindruckt. Sie ist listengewordener Mut! Der Beweis dafür, wie vielfältig die Schweizer Literatur sein kann – und angesichts all derer, die sich nicht auf der Liste finden, aber das Zeug dazu absolut hätten, ein starker Jahrgang!