Thorsten Nagelschmidt «Arbeit», S. Fischer

Es geht nicht immer gut aus. Manchmal ist es wenigstens knapp. Oder es steht noch nicht fest, ob sich die Sache nicht doch noch zum Guten wendet. Wie bei Bederitzky, dem Taxifahrer, der nachts unterwegs ist, weil es sich dann wenigstens ein bisschen lohnt im Gegensatz zu tagsüber, wo es sich nicht mehr lohnt. Und in dessen Taxi wir immer wieder lesend einsteigen, der uns so durch eine Berliner Nacht führt wie fährt, durch den Prenzlauer Berg, durch Charlottenburg, durch Berlin Mitte und all die Strassen dazwischen. Also, wenn neben oder hinter ihm ein Fahrgast sitzt.

Frank Keil

Stimmt so.
von Frank Keil

Willkommen in Berlin – der, wenn man als Deutscher ehrlich ist – einzigen Grossstadt Deutschlands, wenn man mehr erwartet, als nur eine grosse Stadt. Und versprochen ist ein Berlin-Roman und das ist jetzt eine ganz hohe Hürde, die da genommen werden will; ist ein heikles Versprechen. Aber Thorsten Nagelschmidt schafft es, leitet er uns doch mit leichter Hand, klarem Blick und einer wortwörtlichen Unermüdlichkeit in seinem rasant-brachial-empfindsamen Roman „Arbeit“ durch die Berliner Nacht und stellt uns deren Bewohner vor: die einen schlafen, aber die anderen arbeiten. Arbeiten, damit die anderen schlafen können. Ob es sich für sie lohnt, also für die, die arbeiten? Finden sie wenigstens ein bisschen Glück?

Und dazu wieder eingestiegen bei Bederitzky (der eigentlich aus der DDR stammt, diesem anderen deutschen Staat, also, als es ihn noch gab, fest und unwidersprochen, nicht, als er schon sinnbildlich in Trümmern lag, wie wir noch erfahren werden und der auf den Vornamen Heinz-Georg hört, Heinz-Georg Bederitzky). Dabei ist gerade – Funkstille; Pause, niemand will mit, niemand will irgendwohin und Bederitzky ist dennoch unterwegs. 60 Minuten kurvt er bereits durch die Stadt, fährt durch Kreuzberg und Neukölln, schaut und sucht, aber niemand braucht ihn und dann will doch einer mit. Steigt dazu ein, riecht nach Parfüm, viertel nach Zwölf ist es auf der Uhr. Und wo will er hin, der parfümierte Fahrgast, mit einem Stück Pizza vom Pizzaschnellimbiss in der Hand? Eine weite Strecke, eine lange Strecke soll es werden. Nach Halle an der Saale, weil Zugausfall. Halle an der Saale, sieh‘ an, denkt sich Bederitzky, da warst du lange nicht mehr. 

Und auch endlich eine Fahrt durch die Nacht, die lohnt, aber so richtig, denkt er. Und dann klingelt Bederitzkys Telefon, Freisprechanlage, versteht sich. Anna ist dran, seine Liebste, die einen der legendären und besonders bei Touristen so beliebten Späti betreibt, dabei hatte sie in diesem Leben eigentlich was anderes vor, als hinter dem Tresen eines Spätverkaufs bis eben spät zu stehen, aber was will man machen. Und nun zum zweiten Mal in diesem Jahr überfallen, von so einem Bubi, einem Jugendlichen mit einem Messer, ein halbes Kind noch, aber Überfallen ist nun mal Überfallen. Sie bräuchte jetzt seine starke Schulter, selbst wenn die nicht stark ist, Hauptsache Schulter, seine. Aber er hat doch jetzt einen Bord, der nach Halle an der Saale will, für 350 Euro, immer geradeaus. Soll er den raussetzen? Und Anna schreit ins Telefon, bricht das Gespräch ab, sie wird sich schon wieder beruhigen, aber was, wenn nicht?

Ein Kapitel heißt: Sag jetzt nichts. Ein Kapitel heisst Zwölf Stunden sind kein Tag. Ein anderes hört auf den Namen Wenn’s um Geld geht Arschkarte.

Thorsten Nagelschmidt «Arbeit», S. Fischer, 2020, 336 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-10-397411-9

So fahren wir durch die Nacht, sind mal kurz und dann mal länger bei Bederetzky ausgestiegen, keine Sorge: man trifft sich wieder. Lernen Leute kennen, die zur Nacht gehören wie die Nacht zu diesen Leuten. Felix etwa, 39 Jahre jung. Der Drogen vertickt, aber selbst keine nimmt, also er hat sich vorgenommen, dass er besser die Finger lässt von all dem Zeug, dass er da verkauft, seine Wohnung ein Drogenumschlagplatz und was sind das immer für Typen, die bei ihm in der Küche sitzen und schon mal probieren, was sie kaufen wollen oder gekauft haben in grösseren Mengen, wieso gehen die nicht wieder, wieso quatschen die sich immer fest und hocken auf seinen Küchenstühlen wie angeklebt und haben beste Laune, während seine immer schlechter wird? 

Wir lernen Marcela kennen, die sich in Berlin ein besseres Leben erträumt als daheim in Kolumbien und die per Fahrrad Essen ausliefert für die, die keine Lust zum Kochen haben und keine Lust zum Einkaufen oder gleich beides, und es ist doch irre praktisch, da gibt es so eine App, da tippt man was ein und dann kommt Marcela und bringt das Gewünschte (Sushi, Italienisch, vielleicht auch was vom Spanier), hoffentlich dauert es nicht so lange und ist noch warm. Wir lernen Tanja kennen, die Rettungssanitäterin, die neben dem Studium jobbt, dabei müsste sie lernen ohne Ende, denn was studiert sie, Medizin natürlich. Weshalb sich Tarek, ihr Kollege, mehr als Sorgen macht, wie sie das schaffen soll, nachts arbeiten, tagsüber studieren und dazwischen noch lernen, das funktioniere doch nicht, sagt er ihr immer wieder, während sie unterwegs sind, mit Sondersignal, um zu retten, was noch zu retten ist, aber Tanja will das nicht hören, was wäre denn die Alternative und überhaupt: Was will Tarek von ihr? Doch nicht etwa? Oh, je! Und noch immer ist die Nacht nicht zu Ende, so eine Nacht ist lang, sie ist verdammt lang. Besonders für die, die arbeiten müssen, für die, die nicht wissen, wohin sonst. 

Nagelschmidt (der gleichzeitig Musiker der Berliner Band „Muff Potter“ ist) geht nah heran, er bleibt seinen Protagonisten nah, er verlässt sie nicht und er verrät sie nicht. Egal, wie schräge sie drauf sind, wie seltsam sie mit sich umgehen und wie mit anderen, er will wissen, wie es ihnen geht und er will erkunden, warum sie tun, was sie tun und wie es ihnen dabei geht. Und er schaut nicht von oben herab auf sie herunter, er ist in einem fast schon christlichen Sinne bei ihnen, wobei man das „fast“ ruhig streichen kann.

Und das alles drückt sich auch in seiner Sprache aus: direkt, schnörkellos, alltagsnah und manchmal fast protokollhaft. Schnelle, kurze Sätze, viele und vor allem gute und sehr Dialoge. Ein stetes Ineinanderfliessen von Beobachtetem, Kommentiertem und dem, was im Moment geschieht, während die verschiedenen Protagonisten und Helden, von vielleicht Gewinnern und vielleicht Verlierern sich in dieser einen Nacht begegnen, mit einander sprechen, manchmal auch kreuzen sich nur kurz ihre Wege, ohne dass ein Wort fällt. Und nie ist der Autor derbe dabei oder obszön oder künstlerisch aufgeladen tabuverletzend, wie das oft genug vorkommt, wenn da ein Schreibender aus besserem Stall sich mal auf die Strasse wagt oder das, was er für die Strasse hält. Und dann so richtig vom Leder zieht, weil es ihm gut tut, egal, was die Menschen, über die da einer schreibt und die einer schreibend erfasst, damit anfangen können und ob es ihnen hilft oder ob es ihnen wenigstens ihre Würde lässt.

Und nicht zuletzt ist „Arbeit“ ein hochpolitischer Roman. Er fragt danach, wer des Nachts den Laden am Laufen hält, wie es heute auf neudeutsch heisst. Wer zahlt den Preis? Wer macht den Rücken krumm und macht doch immer weiter? Wer bringt uns von A nach B, wer passt auf uns auf, wer stellt im Spätverkauf rechtzeitig den Sekt kalt, damit kalter Sekt da ist, wenn uns nach kaltem Sekt ist, wer räumt den Dreck weg, die Scherben, den Müll, die Absperrbänder, rund um die Uhr und eben nachts, wenn es zwischendurch mehr als tiefdunkel ist – es ist eine nur sehr begrenzt romantische Welt, diese Nacht, für die, die dann arbeiten müssen, was immer sie auch tun und auch für die, die wenigstens in der Nacht ein wenig Halt und Schutz und Orientierung finden und haben, wenn es hell wird, wird für sie die Welt nicht unbedingt besser.

Ach ja: Ein Kapitel heisst Stimmt so. Eine Floskel, die man sich abgewöhnen sollte, dringend.

© Verena Brüning

Thorsten Nagelschmidt, geboren 1976 im Münsterland, ist Autor, Musiker und Künstler. Er ist Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter und veröffentlichte die Bücher «Wo die wilden Maden graben» (2007), «Was kostet die Welt» (2010) und «Drive-By Shots» (2015). Zuletzt ist von ihm der Roman «Der Abfall der Herzen» (2018) erschienen. Thorsten Nagelschmidt lebt in Berlin und veranstaltet dort die Lesereihe «Nagel mit Köpfen».

Webseite des Autors

Beitragsbild © Thorsten Nagelschmidt (vom Autor selbst geschaffener Linoldruck!, hier abgebildet mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Alice Grünfelder „Postkarten aus Taiwan“ VII

Alice Grünfelder ist (noch) in Taiwan auf Spurensuche und schickte ihr Gewölk aus Gedanken, Beschreibungen, Zitaten in Miniaturen verdichtet per Postkarte ans literaturblatt.ch – jeden Monat eine. Diesmal, zum letzten Mal, versuchte sie es wieder mit Briefmarke und Stempel. Erfolglos. Dafür wieder digitanolog!

Taiwan – zum Letzten:
Eine Teeaffäre: Der Alte thront vor dem Teegeschirr
gießt Wasser vom Kännchen ins Schälchen
klopft den Wasserhahn gerade das Wasser fließt über
die Sonne geht auf, aber zu spät, wir sehen nur noch,
wie sie sich über den Drachenrücken schiebt und in Wolken verschwindet
er lächelt dazu und zieht erst die Augenbrauen in seinem Gesicht hoch
runzligkantig, als wir ihm von einer Schlange erzählen.

Design und Typo: Hsuan Liang Lin

Alice Grünfelder, lebt in Zürich, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und China. 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Von 2001–2010 eigene Literaturagentur für Literaturen aus Asien. Unterrichtet Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Sie leitet diverse Workshops rund ums Thema Schreiben und seit fünf Jahren den Kinderschreibworkshop „Wortschatz“ im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg. Als Herausgeberin und Übersetzerin aus dem Chinesischen und Englischen publizierte sie Bücher über Asien, zuletzt „Sri Lanka. Geschichten und Berichte“ (2014) und „Flügelschlag des Schmetterlings. Tibeter erzählen“ (2009). (Unionsverlag) 2018 erschien ihr erster Roman „Die Wüstengängerin“ (Verlag edition8).

Alice Grünfelder „Postkarten aus Taiwan“ I

Alice Grünfelder „Postkarten aus Taiwan“ II

Alice Grünfelder „Postkarten aus Taiwan“ III

Alice Grünfelder „Postkarten aus Taiwan“ IV

Alice Grünfelder „Postkarten aus Taiwan“ V

Alice Grünfelder «Postkarten aus Taiwan» VI

Beitragsbild ©Alice Grünfelder 

Anna Ruchat «Neptunjahre», Limmat

„Neptunjahre“ erschien 2018 unter dem Titel „Gli anni di Nettuno sulla terra“ in Italien und bescherte Anna Ruchat mit Recht 2019 einen der Schweizerischen Literaturpreise. Aber wie sooft bei solchen Preisen und aus nicht deutsch sprechenden Landesregionen nimmt nur ein ganz kleiner Kreis Kulturinteressierter dies zur Kenntnis und beginnt gar zu lesen. Mein Lob auf den Limmat Verlag, der nach „Schattenflug“ mit „Neptunjahre“ ein weiteres Juwel der Autorin herausgibt.

„Neptunjahre“ sind zwölf Erzählungen, den zwölf Monaten übers Jahr zugeordnet, von Januar bis Dezember. Keinem bestimmten Jahr zugeteilt, dafür jeweils einer Begebenheit aus Politik, Kultur oder Gesellschaft. Zwölf Erzählungen, scheinbar wohl geordnet und doch unergründlich ineinandergestellt. Zwölf Erzählungen, zwölf Begebenheiten, zwölf Titel. 

Anna Ruchat «Neptunjahre», Limmat, übersetzt von Barbara Sauser, 2020, 144 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-85791-894-0

In der ersten Erzählung unter dem Titel „Die Seegfrörni von 1963“ begleite ich eine noch junge Frau durch einen schneestiebenden Januartag in Zürich. Alles ist weiss und die junge Frau setzt sich in eine Strassenbahn Richtung See. Sie trägt einen grauen Mantel, eng um den Leib gebunden wie einen Morgenmantel. In der Strassenbahn setzt sich ein junger Mann neben die Frau. Sie fragt ihn nach der Uhrzeit, es entwickelt sich ein Gespräch zwischen den beiden. Die Frau bittet den Mann, sie zu begleiten. Er willigt ein. Hinunter zum See, an den Ort, wo vor zwanzig Jahren ein Unglück geschehen sein musste. Ein Unglück, dass nicht nur Leben kostete, sondern auch das Leben der Frau nie mehr aus den Fängen liess. Sie gehen weiter, der Mann und die junge Frau in Pantoffeln und einem baumwollenen Schlafanzug unter dem grauen Mantel.

Der Erzählung vorangestellt: „31. Januar 1983. In Zürich wird die Schweizerische Gesellschaft für Gartenkultur gegründet.“ Ein Ereignis, das zur gleichen Zeit stattfindet wie das, was in der Erzählung „Die Seegfrörni von 1963“ geschildert wird. Ein Ereignis, das der Erzählung einen Kontrapunkt setzt, sie ins Gegenlicht setzt, beide nur durch ein Datum berührt.

Oder die Erzählung „Der Nerz“: „16. April 2008. Bei israelischen Angriffen in Gaza werden zehn Zivilisten getötet. Darunter Fadel Shana’a, ein Kameramann der britischen Presseagentur Reuters.“
Miriam, eine Pariser Psychoanalytikerin, kommt wie jeden Tag, an dem sie arbeitet, mit einem Taxi nach Hause. Der Taxifahrer bleibt am Strassenrand stehen, bis die Frau im Haus verschwindet. Und weil am Aufzug ein Zettel hängt Ascenseur en panne ist sie gezwungen, die Treppe nach oben zu steigen. Zeit genug, um durch den Blick der Autorin in ein Leben zu leuchten, das in der Tristesse des eigenen Gefängnisses zu verdorren scheint. Eine Frau, die sich gegen alles zu wehren scheint, was nach Umklammerung riechen könnte, ein Leben geprägt durch die Geschichte und die Geschichten aus der Vergangenheit.

Anna Ruchats Geschichten sind seltsam fremd, nicht ausgeleuchtet, geheimnisvoll. Alles andere als eine zufällig zusammengestellte Sammlung netten Kurzfutters. Nichts für Zwischendurch, nicht einmal geeignet fürs Nachttischchen, denn die Geschichten haben das Potenzial, mich als Leser nicht einfach so zu entlassen. Anna Ruchat beweisst, dass eine Komposition von zwölf Erzählungen, scheinen sie auch noch so zusammenhangslos, einer grossen Ordnung angehören, wie eine gross angelegte Musikkomposition mit zwölf Sätzen. Ich wünsche der Autorin von ganzem Herzen, jene Leserinnen und Leser, die zu geniessen verstehen!

© Yvonne Böhler

Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebüt «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Sie unterrichtet an der Europäischen Übersetzerschule in Mailand. Anna Ruchat lebt in Riva San Vitale und Pavia.

Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Franzö­sischen, Russischen und Polnischen.

Beitragsbild © Yvonne Böhler

Lu Bonauer «Afropa», Plattform Gegenzauber

Manchmal zähle ich die Sekunden, wenn ich abends oder schon in der Nacht an meinem Haus vorbeifahre und mich etwas weiterzieht, immer weiter.

Ich höre mir die Nachrichten an. Bei einer Spezialeinheit hat es mehrere Tote gegeben, während sie einen Schutzzaun errichtet hat. Und Europa droht bereits die nächste Flüchtlingswelle.

Ich versuche mir vorzustellen, ich wäre selbst irgendwo im Süden geboren, hätte Kenntnis vom Wohlstand, von der Meinungsfreiheit, von der Menschlichkeit dort drüben. Ich kann es mir aber nicht vorstellen, nicht wirklich. Ich sage zu mir selbst, dass es schon okay ist, unterwegs zu sein, ohne ein Ziel zu haben. Meine Stimme klingt wie ein kalter Niederschlag.

Mein Beruf: Leitender Angestellter in einer Softwarefirma. Dass ich zweiundvierzig bin, merkt man nur an dem nach oben gerutschten Haaransatz. Ich habe noch genug schwarze Haare, um die grauen auszugleichen. Seit einem Jahr bin ich geschieden, Vater einer fünfjährigen Tochter. Jedes zweite Wochenende verbringen wir Zeit miteinander.

Meine Tochter wirkt älter, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Ihre samtdunklen Augen, die sie von mir hat, schauen an mir vorbei.
Hast du mich nicht lieb?
Diese Frage macht mich perplex. Ich?, entgegne ich energisch. Ich? Doch! Natürlich!
Aber du bist nie da.
Ich darf dich nicht mehr so oft sehen. Es ist mir nicht erlaubt.
Du weinst, sagt sie erstaunt.
Weil ich dich vermisse.
Wenn du mich lieb hast, kannst du mich auch sehen.
Das ist nicht so einfach, ach, das ist viel schwieriger, als du denkst.
Ich beobachte sie, wie sie leise, katzenhaft, biegsam, aber mit sturem Ausdruck im Gesicht vom Sitz klettert und dabei auf die Lippen beißt. Das hat sie von ihr, nicht von mir. Sie implodiert, wenn sie wütend ist; ich explodiere, denke ich und will lieber etwas sagen, als zu vergleichen, aber alles dreht sich aus der Verankerung und fliegt weg. Warum bringe ich alles zum Explodieren? Verzweifelt lege ich ihr die Hand auf die Schulter. Bis bald, ja?
Das Lächeln misslingt mir. Kinderaugen sind das Flutlicht in die eigene Seele. Ich kann nicht anders und starte den Motor, ohne sie noch einmal anzusehen.

Welcher Moment war der Anfang vom Ende? Die Frage ist nicht zu beantworten; ich habe sie mir schon oft gestellt. Ich erinnere mich an Ladungen mit Vorwürfen, die wir über uns schütteten, oft an den Samstagen nach den gemeinsamen Einkäufen. Noemi weinte auf dem Rücksitz, und wir knüpften nahtlos an den letzten Streit an, beluden den neuen Streit mit neuen Vorwürfen und vergaßen auch die alten Vorwürfe nicht.
Stau im Gotthardtunnel – unser letzter Urlaub im Tessin ein Leerlauf, keine Chance, woanders hinzusehen als geradeaus. Plötzlich hing dieses Schweigen zwischen unseren Lippen.
Du hattest den Mut, es auszusprechen. Zwischen uns, hast du mit vertränten Augen gesagt, zwischen uns, da ist doch nichts mehr.
Ich wollte schreien. Bitte weine nicht; wir haben das nur durchgespielt!
Aber wir rückten uns nicht mehr zurecht und bäumten uns nicht mehr auf, um die Streitigkeiten durchzustehen wie unsere Großväter und Großmütter, nicht mal unserer Tochter zuliebe.
Wäre es anders gekommen, wenn wir uns für ein zweites Kind entschieden hätten?, hast du gefragt.
Ich weiß nicht, habe ich geantwortet. Vielleicht. Viele Paare versuchen, ihrer Beziehung damit neuen Auftrieb zu geben, eine neue Gemeinsamkeit zu erzeugen. Doch nutzen tut es im Endeffekt wenig.
Das Gespräch ist leise gewesen. Mit letzter Kraft haben beide den anderen nochmals wahrgenommen.

Grundsätzlich mag ich dich noch immer, aber da liegt nicht das Problem – war es das Letzte, was du gesagt hast? Ich erinnere mich nicht mehr. Ich mochte es, wie du barfuß durch unsere Zimmer liefst, als begingest du gerade einen unberührten Fleck Natur. Die vielen Dinge, die du während unserer Zeit gesagt hast, sind verschwunden; es sind Bilder, die ich ab und an antreffe, an den verschiedensten Orten, von einem unsichtbaren Pinsel in mein Unterwegssein gemalt – doch immer unschärfer, verwaschener, ausgebleichter. Ich konzentriere mich auf das Lenken, die Straße runter und die nächste, Straße um Straße, und dann unser Haus, in dem noch einige deiner Sachen hängen. Begleitet von einem leisen Schwindelgefühl rolle ich mit dem Familienauto daran vorbei. Ich zähle die Sekunden. Dann zögere ich und wende. Und fahre wieder zurück.

In letzter Zeit träume ich nachts oft dasselbe, manchmal auch am Tag, wenn ich wach bin und doch in einem schwebenden Zustand durch die Gegend fahre.
Ich stehe in einem Raum. Er hat weder eine Tür noch Fenster; es ist dunkel. Aber meine Augen gewöhnen sich allmählich daran. Der Raum ist eng. Gezwungenermaßen muss ich den Blick auf etwas richten, das vor mir auf dem nackten Boden liegt. Mal hebt es sich leicht. Dann ist es höhenlos, wie ein Fleck, ein Schatten, etwas Dunkles; ich höre es atmen. Ich will weg, weg aus dieser Enge, habe Angst. Panik überfällt mich, dass ich meinen Fluchtimpulsen nicht nachgeben kann und für immer eingeschlossen bin.
Doch, und jetzt kommt das Seltsame, fühle ich auch etwas Warmes. Tief drinnen in dieser Angst ist etwas, das sich um mich sorgt; es weint um mich. Meine Irritation hält für Sekundenbruchteile an.
Dann ist die Angst wieder da. Ich wache schwitzend auf, oder ein Auto hupt mir ins Gesicht; mit letzter Kraft reiße ich das Steuer herum, und der Lichtkegel schluckt wieder die Fahrbahn. Mein Auto rollt weiter. Die Welt dreht sich weiter. Die Nachrichten gehen weiter.
Ich tippe flüchtig den Schalter seitlich am Lenkrad an, worauf die Radiostimme verstummt.
Kann ich noch lieben?
Nach den Zeitangaben der Scheidungsbücher sollte ich allmählich über die Trennung hinweg sein, sonst falle ich aus der Statistik.

Ich betrete die Bar, die ich einmal pro Woche aufsuche. Über dem Tresen laufen die letzten Sekunden der Abendnachrichten. Danach eine weitere Ausgabe von Nur der Überlebenswille zählt. Die verbliebenen Kandidaten müssen sich, geschwächt von Hunger und Schlafabstinenz, in die Tiefe einer Schlucht abseilen.
Die Frau neben mir – wie ich auf einem Barhocker – gibt sich unbeteiligt. Sie simst auf ihrem Handy. Es scheint eine längere Botschaft zu sein. Sie trägt einen sorgfältigen Haarschnitt, braun, schulterlang, die Augen leicht geschminkt. Sie bewegt sich anmutig. Wie üblich habe ich die Krawatte gelockert, meine Haare in die Stirn gedrückt, nicht nach hinten geklatscht wie früher. Es geht nicht lange und wir sind in ein Gespräch verwickelt.
Nach dem zweiten Drink fragt sie: Warum heiraten Leute?
Aus Leidenschaft?, frage ich zurück.
Nein. Um einen Zeugen für ihr Leben zu haben. Es gibt Milliarden von Menschen. Aber was bedeutet das Leben eines Einzelnen? In einer Ehe verspricht man, alles miteinander zu teilen, die guten Dinge, die schlechten, die banalen. Einfach alles, jeden Tag. Man sagt: Dein Leben wird nicht spurlos vorübergehen, weil ich es beachte. Dein Leben wird nicht ohne Zeuge sein, weil ich dein Zeuge sein werde.
Diese Dinge, die sie da sagt. Ich falle in ein mir fremdes Grübeln. Ich habe wieder diesen Gedanken wegzufahren, hinaus aus allem – und bin selbst überrascht, als ich sie frage.
Sie streicht sich die Haare aus der Stirn. Dazu lacht sie.
Sind Sie ein Künstler oder so etwas? Sie sehen zwar nicht so aus, aber Ihre Augen sind groß, wie aufgerissen, als sähen Sie Dinge, für die Menschen wie ich keine Zeit haben.
Ich lache ebenfalls, es klingt hohl. Also, wie denken Sie darüber?
Aber wir kennen uns ja erst seit heute Abend.
Sie kennen mich bereits, sage ich forsch.
Sie blickt mich überrascht an.
Alles, was Sie wissen müssen, sitzt hier bei Ihnen.
Sie kitzelt ihr Sektglas mit dem Zeigefinger, lässt ihren Blick eine Weile durch die spärlich gefüllte Bar gleiten und schaut mir dann direkt in die Augen.
Wie Teenager auf der Flucht vor dem Erwachsenwerden?
Ja.
Unsicher flüstert sie zurück: Also gut, sagen Sie es noch mal.
Ich nicke devot. Wer hat in unserem Alter noch die Tollkühnheit, alles stehen zu lassen und dem Drang nach Freiheit zu folgen?
Sie sind doch kein Serienmörder?
Darauf lache ich wieder hohl.

Als ich sie durch ihr Viertel fahre, regnet es leicht. Sie erklärt mir, wo ich halten soll. Ich schaue ihr nach, wie sie im Haus verschwindet, rauche dabei eine Zigarette. Als die Glut den Filter erreicht, blicke ich noch einmal in den Rückspiegel. Ohne auf sie zu warten, starte ich den Motor und gebe Gas.
Plötzlich schlägt etwas auf den Kofferraum. Ich sehe sie rennen. Sie rennt hinter mir her und fuchtelt mit den Armen.
Ich würge den Motor ab und halte aus einem Impuls heraus, den ich bei mir nicht kenne, schützend die Hände vor mein Gesicht. Beobachte durch die Finger hindurch zuerst im Rück-, dann im Seitenspiegel, wie sie wütend um den Wagen herumkommt.
Warum fahren Sie einfach weg? Wollen Sie mich demütigen?
Steigen Sie ein, entgegne ich leise.
Meine Hände zittern, als ich wieder ans Lenkrad greife, mein Herz schlägt noch eine ganze Weile schnell. Seit wir an meinem Haus vorbeigefahren sind, zähle ich heimlich die Sekunden. Kurz vor Minute zwei höre ich auf. Wir fahren schweigend Richtung Peripherie, bald auf der Straße, auf der Autos über die Grenze nach Deutschland gelangen. Schwacher Regen fällt.
Sie durchbrechen in Windeseile Schranken, und wenn es darauf ankommt, flüchten Sie. Weshalb machen Sie das?
Ich schaue vorsichtig zu ihr. Ihre Wangen glühen. Alles glüht an ihr. Ich hätte sie gerne umarmt, während sie noch immer außer sich ist.
Ich kenne Sie überhaupt nicht – und trotzdem fahre ich mit Ihnen weg. Ich … ich kenne mich ja selbst nicht mehr!
Schweigen. Regen fällt.
Was ist eigentlich Ihr Problem? Sie blickt auf die Regentropfen, die der Scheibenwischer nach links und rechts verschiebt.
Ich überlege. Räuspere mich. Ich fahre herum, wissen Sie – nach der Arbeit. Abend für Abend. Ohne Ziel. Fahre und fahre, und alles fliegt dennoch aus der Verankerung.
Sie runzelt die Stirn, sodass eine ernste Falte zwischen ihren Brauen entsteht. Mit ruhiger, entschiedener Stimme sagt sie: Irgendwann bauen Sie wieder ein neues Heim auf. Das ist so was wie ein Kreislauf.
Ich schüttle kurz den Kopf. Ich erzähle von meinem Traum mit dem engen Zimmer ohne Fenster, ohne Tür. Erzähle von meiner Angst, eingesperrt zu sein, ohne Fluchtmöglichkeiten – und von diesem dunklen Fleck. Weil sie sich dazu nicht äußert, schalte ich das Radio ein. Nachrichten über einen Familienvater, der seine Familie ausgelöscht hat.
Nach einer Weile höre ich ein Räuspern, und eine Stimme neben mir sagt: Sie wissen also nicht, wohin wir fahren.
Vielleicht nach Utopia, bin ich um etwas Aufheiterung bemüht. Vor einer Ampel lehne ich mich zu ihr hinüber. Mit gefällt Ihre Kette. Ist das Ihr Name – Rose?
Sie blickt mich lange an. Das Licht in ihren Augen rieselt in warmen, zuckenden Wellen durch meinen Körper. Ich lächle gequält.
Zoll Otterbach – nur noch zwei Kilometer, höre ich mich sagen. Mit einer Stimme, als bestellte ich einen Hotdog mit Senf.

Wir fahren den Grenzkanal entlang, in dem in früheren Zeiten sommers noch gebadet werden konnte.
Der Regen hat nachgelassen, haucht sie. Können Sie bitte anhalten?
Hier, so knapp vor der Grenze?
Ich fahre ein Stück waldeinwärts und, auf ihren Befehl hin, noch etwas tiefer hinein.
Ihre Augen funkeln wild. Nicht schauen! Und nicht wieder wegfahren!
Ich sehe, wie sie sich bei der dritten Baumreihe abseits des Waldweges in die Luft setzt, den Rücken an einen Stamm gelehnt. Ein ovaler Mond legt fahl und stumm sein Licht in die Bäume, ehe er endgültig von einer Wolkenschicht verdeckt wird.
Ich denke an den Traum, an den engen fenster- und türlosen Raum. Vor mir liegt etwas am Boden, das um mich weint.
Für einen Moment kommt mir alles sinnlos vor. Aber ich lasse mir nichts anmerken. Ich nicke fröhlich, als sie zusteigt, und rede mir ein, dass ich ihr vorsichtiges Lächeln mag, hinter dem noch so viel verborgen zu liegen scheint. So könnte Noemi in ein paar Jahren sein – ein verrückter Gedanke.
Bereit zur Weiterflucht?, sage ich mit gut gelaunter Stimme. Der Bordcomputer bringt uns direkt ins Paradies!
Ich wende das Raumschiff in einer satten Linksschlaufe und presche durch den dunklen Wald. Die Bäume auf beiden Seiten des Weges rücken enger zusammen, bilden einen schmalen, tückischen Korridor, aber ich schaffe es, uns sicher hindurchzusteuern.
Halt! So halte doch!
Sie duzt mich in ihrer plötzlichen Aufgeregtheit. Dem spitzen Schrei, den sie ausgestoßen hat, folgt das Bremsen der Räder, das Absterben des Motors. Irgendwo aus dem Geäst flattern ein paar Federkörper. Dann ist es still.
Sehen Sie es auch?, zischt sie. Schalten Sie die Scheinwerfer wieder ein! Da, sehen Sie?
Ja, jetzt sehe ich es auch. Vielleicht ein Reh, ein Hund. Ich versuche, meinen Blick zu schärfen. Sehe es langsam aus dem Unterholz auf den Weg vor uns kriechen. Gut zehn Meter entfernt, schätze ich.
An der Stelle, wo sie meinen Arm umgreift, wird es warm, doch ich habe jetzt für derartige Empfindungen keine Zeit.
Ich schaue vorsichtshalber in den Rückspiegel; hinter meinem Gesicht ist es stockdunkel.
Du meine Güte, ein Mensch. Sehen Sie doch. Es ist ein Mensch!
Ihre Nägel haben sich in meinen Oberarm gegraben. Ich rolle im Schritttempo näher heran.
Es ist ein Mensch!, wiederholt sie ständig.
Ja, aber sehen sie sein Gesicht?, unterbreche ich sie schließlich.
Nein.
Eben.
Was eben?
Ich schalte die Scheinwerfer wieder aus, um es zu demonstrieren.
Du meine Güte. Ein Flüchtling. Einer von denen. Weshalb liegt er da am Boden?
Dem geht es nicht gut.
Das sehe ich selbst. Er bewegt sich ja kaum! Wer macht so was?
Die Armee, die Polizei, die Grenzwächter, sage ich trocken.
Das ist Ihre Vermutung. Vielleicht hat es unter den Flüchtlingen eine Rangelei gegeben.
Ich merke, wie ich schlagartig müde werde, und schalte die Scheinwerfer wieder ein.
Er lebt noch. Er kriecht. Das ist mir alles zu viel. Wir sollten schon lange von hier weg sein!
Ich schlucke leer. Meinen Sie? Ich weiß plötzlich nicht mehr.
Ihr Gesicht glänzt verbittert. Ich dachte, Sie seien stark. Nur geschwächt von einer gescheiterten Ehe, aber im Grunde genommen stark.
Sie sagt noch weitere Dinge, die mich nicht mehr erreichen. Ich höre sie zwar, aber ich bin unfähig zu antworten. Ich bin in den letzten Minuten bewegungslos geworden. Als hätte mich eine höhere Macht in diese Situation eingeschweißt. Der Flüchtling ist nochmals ein Stück näher auf uns zugekrochen.
Das ist mein Traum, höre ich mich sagen. Davon habe ich geträumt.
Rose starrt mich unentwegt an. Ich spüre ihren vernichtenden Blick auf mir. Ich werde plötzlich ganz ruhig. Ich schalte die Scheinwerfer endgültig aus und starre in die Dunkelheit. Rose, will ich sagen. Jetzt wird alles gut. Ich bin mir selber fremd geworden.

Sie schlägt die Wagentür zu. Ihre Panik hat etwas Gespenstisches. Nach Hause, nach Hause – hält sich das Echo ihrer Stimme noch eine Weile an den Herbstblättern fest, die über meinem Kopf sanft im Wind rauschen. Rose wankt um das Auto Richtung Hauptstraße, ihre Augen finden in der Dunkelheit keinen Halt. Ihr ist offenbar nicht in den Sinn gekommen, die Taschenlampen-App auf ihrem Handy zu benutzen. Der Gedanke, ebenfalls im Dunkeln loszugehen, fühlt sich immer richtiger an.

Ich bin inzwischen auch ausgestiegen. Schritt für Schritt berührt mich meine eigene Angst. Ich stöhne leise und bleibe stehen. Ich wage mich erst weiter vor, als ein leises Atmen um Aufmerksamkeit ringt.
Ich sehe panisch aufgerissene Augen. Hallo?, will ich sagen und bücke mich runter. Der dunkle Fleck versucht, die Krawatte, die lose an meinem Hals pendelt, zu fassen und greift dabei immer wieder ins Leere. Ich fange diese Bewegungen mit meiner Hand ab, als ertastete ich etwas, das tief in mir erklingt und mir lange Zeit verborgen war, vielleicht von mir selbst einst verbannt. Ich kann die andere Haut riechen, als ich meinen Körper auf den feuchten Waldboden lege, und spüre das Blut an meiner Wange.
Ich flüstere: Ist es nicht so, dass wir alle an denselben Ort wollen?
Und in die Wunde, die neben mir zittert, drücke ich wie ein kleines Kind mein ganzes Gesicht, sauge gierig daran und dehne mich hinaus ins Grenzenlose.

(Erzählung aus «Fliehende Lichter», Erzählungen, Kommode Verlag, 2017)

Lu Bonauer «Fliehende Lichter», Erzählungen, Kommode Verlag, 2017, 208 Seiten, CHF 23.90, ISBN 978-3-9524626-3-8

Lu Bonauer, geboren 1973 in Basel, schreibt Prosa und Lyrik. Seine Texte sind in mehreren Anthologien erschienen und wurden bei diversen Wettbewerben ausgezeichnet, unter anderem war er Gewinner des Schreibwettbewerbs OpenNet der Solothurner Literaturtage und des Monatstextes März 2002 des Literaturhaus Zürich. 2008 und 2016 erhielt er jeweils für die Romanprojekte Herzschlag hinter Stein und OLI’s God einen Förderpreis des Fachausschuss Literatur BS/BL. Lu Bonauer erhielt im Frühjahr 2019 einen Werkbeitrag von der Kulturstiftung Pro Helvetia.

Cornelia Travnicek «Feenstaub», Picus

Dass die Welt nicht die ist, wie sie auf Kalenderblättern und Hochglanzmagazinen, Instagramkanälen und Webseiten erstrahlt, wissen wir längst. Dass inmitten unserer Welt aber noch ganz andere Welten existieren, im Schatten der unsrigen, in Ritzen, Höhlen, Zwischenräumen und Brachen, das übersehen wir geflissentlich oder auch unwissend. Cornelia Travnicek, Romanautorin, Lyrikerin und Übersetzerin führt mich in ihrem neuen Roman «Feenstaub» in eine solche Zwischenwelt.

In den Wohlstandsländern Mitteleuropas leben Tausende obdachloser Strassenkinder, meist unsichtbar, im Verborgenen, in einer Welt, die den Vorübereilenden verschlossen bleibt. Petru, Cheta und Magare sind drei solche Jungs. Sie leben auf einer Insel, einem Zwischenreich, mitten auf einem Fluss, und doch mitten in einer Stadt. Immer wieder besucht sie Krakazil, der von den drei Jungs seinen Anteil einfordert von den täglichen Gaunereien als Taschendiebe, ihren Streifzügen durch die Stadt. Ein Mann, der die drei Knaben mit Versprechungen in der Hand hat, von jedem der dreien ein Pfand mit sich trägt, das sie an ihn bindet. Ein Mann, der die drei Jungs mit ihrer Angst im Griff behält und auch nicht davor zurückschreckt, handgreiflich zu werden.

«Manchmal träume ich. Meine Träume haben einen ausgefransten Rand.»

Cornelia Travnicek «Feenstaub», Picus, 2020, 278 Seiten, CHF 31.90, ISBN: 978-3-7117-2090-0

Eines Tages lernt Petru ein Mädchen kennen. Marja. Ein Mädchen mit einem Zuhause, einer Familie, einem Vater, einer Mutter, einem grossen Hund. Ein Mädchen, dass zur Schule geht, während Petru nicht einmal lesen kann. Sie beide ziehen sich an, weil beide das Gegenüber zu nichts zwingen, weil sie vorsichtig, fast ängstlich bleiben. Marja nimmt Petru mit in ihre Familie und Petru lernt zum ersten Mal kennen, was Familie, Zusammengehörigkeit und ein Zuhause bedeuten könnte. Marja lernt Petru sogar das Lesen. Aber während an einem Ort die Nähe wächst, beginnt auf der Insel das Gefüge zu bröckeln.

«Die Bäume sind aus Kristall. Am Himmel hängen drei erstarrte Sonnen, eine grosse und zwei kleinere, Abglanz aus weissem Licht.»

Einziges Mittel des Trosts auf der Insel ist Feenstaub, ein Pulver, das einem wegträgt, das einem unsichtbar macht, das einem fliegen lässt. Ohne ihn würden sie die Farben nicht mehr erkennen, wäre alles nur noch im Grau. Sie tragen ihn in kleinen Beuteln auf ihrem Laib, Beuteln, die dem grossen Krakazil verborgen bleiben, im Gegensatz zu den Handys, von denen der Meister nichts wissen will, die er ihnen unter Drohungen verbietet. Aber eines Tages erscheint Krakazil wieder auf der Insel, zusammen mit einem kleinen Jungen, mit Luca, den er bei ihnen zurücklässt mit der Aufgabe, auch aus ihm einen Dieb zu machen. Luca taugt aber nicht, wimmert und bettelt nach seiner Familie, die man ihm genommen hat. Und als Cheta Petru verrät, dass er eine Pistole versteckt hält und eigentlich nur auf das grosse eine Ding hofft, dass sie frei machen wird, weiss Petru, dass das Gefüge zu zerbrechen droht.

«Zu Hause, das ist, wo man dich haben will … Aber das verstehen sie nicht.»

Cornelia Travnicek erzählt eine Geschichte aus einer Zwischenwelt, nicht nur in seiner Handlung, sondern auch sprachlich. Eine Variante der Peter-Pan-Geschichte, von den verlorenen Jungs, die nie erwachsen werden ,von jenem Feenstaub, mit dem man fliegen kann. Cornelia Travniceks Sprache bleibt schwebend, orientiert sich nicht an einer stringenten Handlung, erzählt nicht nach, sondern zeichnet Bilder, die an Lyrik erinnern. Die Handlung erschliesst sich erst nach und nach und die Bilder, die Cornelia Travnicek malt, erklären nicht, sondern vermitteln Zustände, Wahrnehmungen und Stimmungen. Mag sein, dass es LeserInnen gibt, denen dieser sprachliche Feenstaub zu zauberhaft ist. Wer sich aber auf dieses Leseabenteuer einlässt, wird reich belohnt, belohnt durch Sätze, die ganze Geschichten erzählen, Sprachmelodie, die im wahrsten Sinne des Wortes bezaubert und den Mutigen etwas schenkt, was in der Literatur so nur ganz selten gelingt; Prickeln!

© Paul Feuersänger

Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Studium der Sinologie und Informatik, arbeitet als Researcher in einem Zentrum für ­Virtual Reality und Visualisierung. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. 2012 erschien mit grossem Erfolg ihr Debütroman «Chucks», der 2015 verfilmt wurde. Nach dem Roman «Junge Hunde» (2015) und dem Gedichtband «Parablüh«» erschien 2019 ihr erstes Kinderbuch «Zwei dabei» (illustriert von Birgitta Heiskel). 

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Bogenberger Autorenfotos

Alexandra von Arx «Ein Hauch Pink», Knapp

Bei den einen geschieht es mit vierzig, bei andern mit fünfzig. Den einen reicht ein Auslöser, die andern schubst das Schicksal an den Rand. Dann sind es Fragen: War es das? Hätte es anders werden können? Will ich weitermachen wie bisher? Was zwingt mich? War es das? War es das? War es das?

Markus ist 54, hat sich in seiner Familie, seiner Arbeit eingerichtet, auch mit seinen zwei Kindern. Bis ihn eine neue Angestellte im Betrieb an Olivia erinnert. Jenes Mädchen, das er mit 15 zu lieben begann, das ihn gleichermassen faszinierte wie erschreckte, das sich in der Zeit, als sie zaghafte Küsse tauschten, eher von ihm weg bewegte, als auf ihn zu. Schwarze Fingernägel, zerrissene und mit Sicherheitsnadeln zusammengehaltene Kleider, farbiges, gestärktes und wild geschnittenes Haar und laute Musik, wenn sich Markus zu ausgemachten Zeiten aber nie, wenn die Eltern zuhause waren, sich zu ihr ins Zimmer wagen durfte, zu den krassen Fratzen auf den Langspielplatten und der ebenso krassen Musik, die zur Geistervertreibung gereicht hätte – Punk.

Es war auf dem Heimweg, seine Frau hatte ihn gebeten, noch etwas einzukaufen, mit einem Mal weg von seinen immer gleichen Trampelpfaden, als er vor dem Laden stand. Lipstick, dem Laden, den es schon damals gab, mit allem im Schaufenster, was einem die Eltern verboten hätten, mit Ramones, Sex Pistols und The Clash. Dort inszenierte Markus sein erstes Treffen mit der Neuen in der Klasse, dem Mädchen, das nicht nur anders aussah als alle andern. Olivia wohnte in einem Mehrfamilienhaus am Stadtrand. Neben dem Klingelschild, ein Blümchen, das sie gezeichnet hatte, ein Blümchen, das sich wie alles immer weiter von Olivia entfernte.

Olivia wurde im Ort, in der Schule, in Markus Leben die Verkörperung von Rebellion. Und nicht weniger, als sie, nachdem sie immer wieder einmal nicht zum Unterricht erschienen war, ganz von der Bildfläche verschwand. Kommentarlos. Endgültig. Nie mehr wiederkam. Markus zögerte zu lange, auch deshalb, weil Olivias Verschwinden mit Erleichterung quittiert wurde. Er begann zu studieren, lernte Lisa kennen, fuhr mit ihr auf Weltreise und kehrte mit einer schwangeren Verlobten nach Hause.

Alexandra von Arx «Ein Hauch Pink», Knapp Verlag, 2020, 152 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-906311-67-8

Und jetzt, fast vier Jahrzehnte später, die Kinder in die Ferne ausgeflogen und nur noch am Bildschirm mit von der Partie, im Geschäft dort, wo es wahrscheinlich nicht weitergehen würde, so wie in der Ehe mit Lisa, dem fixen Wochenplan, den immer gleichen Ferien in der Toscana bei Freunden, die keine sind, taucht mit der Neuen in der Firma Olivia wieder auf. Und mit ihr all die Fragen. Die Frage, warum sie damals verschwunden war. Die Frage, warum sein Leben verschwunden war. Der Hauch Pink in Olivias Haaren war auch mit dem Hauch Pink in ihrer Wohnung nicht zu kompensieren.

Es sind die Fragen, die nicht in Ruhe lassen, die sich ungefragt und immer wieder in den Vordergrund drängen, für andere nur in leeren Blicken sichtbar. Markus taumelt, erfindet Antworten und verweigert Fragen. An einem Klassentreffen aber schiebt ihm eine ehemalige Klassenkameradin, nachdem er sich möglichst beiläufig nach Informationen zu Olivia durchgefragt hatte, eine Visitenkarte zu mit dem Versprechen, mehr zu wissen.

Alexandra von Arx versteht es erstaunlich gut, in die Rolle des Verlorenen zu schlüpfen. Ihre Erzählweise orientiert sich nicht am Spektakel, nicht einmal an den Rätseln der erzählten Geschichte, sondern an den inneren Konflikten eines Gestrauchelten. Den Konflikten, die Markus nicht aus der Bahn werfen, aber sein Inneres erschüttern. Wie kann es geschehen, dass man der ist, der man ist? So weit weg von dem, was er einst in der Verkörperung Olivias zum Massstab machte? Warum hat er die Suche aufgegeben? In der Jugend im Innern ein Punk, jetzt durch und durch Versicherer?

Manchmal sind es profane Wiederholungen. Fragen, die wie ein Stakkato hämmern. Auslassungen, die mehr erzählen als das Geschilderte. Alexandra von Arx ist ein eindringlicher Roman gelungen, dem ich es gegönnt hätte, wenn sein Kleid, sein Outfit dem Buch die Ehre erwiesen hätte.

Interview mit Alexandra von Arx

Markus ist im Stillstand angekommen, im genauen Gegenteil dessen, was man mit 15 anstrebt, als Punk oder nicht. Aber selbst die Krise bleibt verhalten, schlägt keine grossen Wellen, zumindest kaum solche, die aussen sichtbar werden. Was hielt sie zurück, ihren Protagonisten nicht noch viel mehr entgleiten zu lassen?
Mich interessieren die Anfänge von Krisen, die kleinen Risse, die sich plötzlich auftun und die sich genauso rasch wieder schliessen können. Ich betone: können. Aus den Rissen können natürlich auch Brüche werden, aber darauf wollte ich den Fokus nicht setzen. Ob und wie stark Markus weiter entgleitet, lasse ich deshalb bewusst offen.

Sie wählten einen männlichen Protagonisten, zehn Jahre älter als sie. Gab das die nötige Distanz, um beim Erzählen die Souveränität zu behalten?
Diese Überlegung hat bei der Wahl des Protagonisten keine Rolle gespielt. Aber es ist sicher so, dass ich ein anderes Leben führe als Markus, insofern war zu viel Nähe nie ein Thema. Ob ich die Geschichte dadurch besser erzählen konnte, weiss ich nicht.

Markus weiss wenig über die Vergangenheit seiner Frau Lisa und Lisa hat er nie etwas erzählt von Olivia. Wahrscheinlich blieb noch viel, viel mehr unerzählt. Und trotzdem sind sie seit drei Jahrzehnten ein Paar, leben noch immer zusammen, wahrscheinlich auch weiterhin, sind Familie, gehören irgendwie zusammen, auch wenn der Urlaub zum ersten Mal getrennt stattfindet. Warum deckt die Gegenwart die Vergangenheit einfach zu, obwohl Markus die Kraft des Vergangenen drängend spürt?
Ich glaube, das hat mit dem Blick zu tun, der sich bei Markus verändert. Als er und Lisa ein Paar wurden, machten sie Zukunftspläne und gründeten eine Familie. Ihr Blick war nach vorne gerichtet, die Vergangenheit unwichtig. Jetzt sind die Kinder ausgezogen und er schaut auf sein Leben zurück. «War es das?», ist eine Frage, die ihn umtreibt. In dieser Phase nistet sich die Erinnerung an Olivia hartnäckig ein. Dass die Vergangenheit sich so aufdrängt, ist neu für Markus und führt zum Anfang einer Krise oder ist Ausdruck dieser Krise.

Was war die Uridee zu ihrem Roman? Die Initialzündung?
Da war einmal ein Mittfünfziger, der eine pinkfarbene Jacke trug und vor einer Immobilienagentur stand… Ich habe ihn im Rahmen einer Schreibübung ein paar Minuten lang beobachtet und in der Folge als Romanfigur im Kopf weiterentwickelt.

Sie sind Wahlbeobachterin, eine Frau mit grossem politischen Bewusstsein. Und doch spielt sich ihr Roman fast nur im Innenleben eines in die Jahre gekommenen Mannes ab. Das scheinen Gegensätze zu sein. Oder nicht?
Nicht unbedingt. Als Wahlbeobachterin habe ich viel mit Menschen zu tun. Bei Gesprächen achte ich auf Details, auch auf non-verbale Kommunikation. Das Innenleben meiner Gegenüber interessiert mich eigentlich immer, egal, ob ich mit einer jungen Aktivistin über die bevorstehenden Wahlen rede oder auf der Strasse einen Mittfünfziger beobachte.

Alexandra von Arx ist 1972 in Olten geboren und aufgewachsen. Nach Abschluss ihres Studiums der Rechtswissenschaften spezialisierte sie sich auf Menschenrechtsfragen und wurde 2011 in den Schweizerischen Expertenpool für zivile Friedensförderung aufgenommen. Seither ist sie als internationale Wahlbeobachterin tätig. Seit sie 2016 einen Schreibwettbewerb der LiteraTour Stadt Olten gewonnen hat und mit dem Text «OlteNetlO» auf dem Schweizer Schriftstellerweg vertreten ist, widmet sie sich intensiv dem Schreiben. Der Kanton Solothurn hat sie 2018 mit dem Förderpreis für Literatur ausgezeichnet.

Helwig Brunner «Flimmern», ein Romananfang


 

 

0 die Weite vor mir

»Würden Sie mich bitte in Ruhe lassen. Das Fenster, bleiben Sie vom Fenster weg, ich will die Weite vor mir haben, die Wüste und die Windräder. Nach dem Rechten wollen Sie sehen? Hören Sie, es ist mir egal, wie Ihre Direktiven lauten, ich werde an der Erfüllung der meinen gemessen. Man muss, um die Zukunft freizulegen, Tonnen von Schutt beiseiteräumen, den die zerbröselnde Geschichte hinterlassen hat. Man muss tausend Sätze schreiben, um sich dem einen zu nähern, der ungeschrieben bleibt. Man muss Beharrlichkeit an den Tag legen, Durchhaltevermögen wider jede Vernunft. Man muss, und das ist vielleicht das Schwierigste, Sätze ertragen, die mit man muss beginnen; tatsächlich, wissen Sie, trägt unsere Zeit einen kategorischen Imperativ in sich, der längst überwunden schien. Ich schreibe ja nicht etwa über mein Leben – wie langweilig wäre das! –, sondern um mein Leben, ganz so, wie draußen in der Wüste ein Flüchtling um sein Leben läuft, auf den sie die Jagddrohne loslassen. Der sich, wie im Grunde jeder und jede von uns, verloren weiß im toten Nichts einer toten Landschaft und dennoch rennt, solange er noch kann. Er rennt, ich schreibe. Was ich schreibe, ist bloß ein Beispiel, doch dieses Beispiel muss treffend sein, zutreffend über sich selbst hinaus. So lautet die Vorgabe! Aber suchen wir nicht überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge? Kennen Sie Novalis? Aber was rede ich. Sie verstehen mich ja doch nicht, Sie hören mir nicht einmal zu … Nun gehen Sie schon!«

1 Symptome des Fiebers

Vor meinem Fenster liegt Mitteleuropa, die gehäutete Echse. Am Horizont ragt der Alpenbogen kahl und grau aus der Ebene, entlang des Grates bilden zweihundert Windräder den Rückenkamm des Reptils. Das Grün, von dem Aufzeichnungen und Bilddokumente früherer Jahrhunderte zeugen, haben Hitze, Trockenheit und Einstrahlung längst von den Hängen geschält. Die Wissenschaft hat penibel beschrieben, wie zuerst die feuchtkühlen Buchenwälder, dann die sonnendurchfluteten Eichen- und Föhrenbestände und zuletzt die zähen und hartlaubigen Gebüsche, die dem Wald nachfolgten, verdorrten und durch immer niedrigere, immer kargere, immer widerstandsfähigere Formationen des Bewuchses ersetzt wurden. Bäume und Sträucher sind längst aus dem Landschaftsbild verschwunden, aus den Gedanken und beinahe schon aus dem Wortschatz; ihre letzten natürlichen Vorkommen, hört man, sind wie eine aussterbende Eskimosprache auf winzige Reliktgebiete in den Polarregionen beschränkt. Bei uns, in der einst gemäßigten Zone, haben sich sandig-steinige Wüsten breitgemacht. Nur in den günstigsten Schattenlagen überdauern noch wenige Arten kaum knöchelhoher, unansehnlicher Polsterpflanzen, die sich mit silbrigem Haarflaum vor der Strahlung schützen, einzelne kleinwüchsige, aus den einst eng begrenzten Trockenzonen der Erde stammende Sukkulente und jene grauen, gelben oder rötlichen Krustenflechten, die dem Gestein wie eine vernarbte Haut anliegen und selbst unter experimentellen Laborbedingungen kaum umzubringen sind – alles in allem ein armseliges Häuflein Überlebender ohne jede Ähnlichkeit mit den reichhaltigen Pflanzengesellschaften, die noch vor wenigen Jahrhunderten unsere Breiten bedeckten.

Die Veränderung des Klimas und der Landschaft ist zuletzt in einer Geschwindigkeit vonstattengegangen, mit der die meisten Organismen nicht Schritt halten können. Das Leben wird vor unseren Augen in einer Weise vom Planeten gefegt, vor der die großen Sechs, die bisherigen Aussterbewellen der Erdgeschichte, zu harmlosen Begebenheiten verblassen. Man kann stundenlang auf die Ebene hinausstarren, ohne ein einziges Tier zu sehen. Einmal nur, kurz vor Carinas Tod, flog ein Wüstenrabe vorbei, ankämpfend gegen den böigen Wind; eine fast schon unglaubliche Ausnahmeerscheinung, wie mir Luis versichert hat, der es wissen muss, ist er doch täglich dort draußen unterwegs. Der Wind, der immerzu in Sturmstärke weht, trägt den entblößten Boden in tanzenden Staubwolken ab, bis das Grundgestein zutage tritt. Man kann nicht erkennen, wo das Hitzeflimmern endet und die Schwaden des Feinmaterials beginnen, die überall in der Luft treiben; beides verbindet sich vor dem Auge zu einem Schleier, hinter dem der ferne Alpenkamm zeitweise ganz verschwindet. Die Echse macht sich dem Auge rar. Die Windräder drehen sich dort oben tagein, tagaus unter Volllast.

Auch auf der Sonne, so meldet es der meteorologische Datenspiegel, stürmt es heute vermehrt, begleitet von Zusammenballungen magnetischer Feldlinien strömen Sonnenwinde in den Weltraum und setzen dem Erdmagnetfeld zu. Am Rand der Sonne hat sich, von einer Solarsonde genauestens dokumentiert, zuletzt eine Säule aus heißem Plasma gebildet, die mehr als sieben Erddurchmesser weit ins All ragt. Während Hitze und Strahlung wie unsichtbare Geschoße gegen mein vollisoliertes Fenster prallen, sitze ich hier bei erträglicher Raumtemperatur in meiner Wohnzelle und habe, egal wie, endlich zu schreiben begonnen. Ein wenig stickig ist es allerdings, seit einiger Zeit schon riecht es nach verschmortem Kunststoff; Gerüchte gehen um, die Innenklimatisierung des Humanareals gerate allmählich an ihre Leistungsgrenzen. Immer wieder läuft Personal ein und aus, möglicherweise stehen Arbeiten an der Klimaanlage bevor, oder die Aktivitäten werden nur vorgeschützt und man überwacht mich, versucht mich gezielt zu stören. Vielleicht soll meine Entschlossenheit auf die Probe gestellt werden. Man steht hier ständig unter Leistungskontrolle oder soll es zumindest glauben oder glaubt es von sich aus. Es ist eine paranoide Welt; man zweifelt an seinem Verstand und weiß nicht, wer einen ans Messer liefert, wer wem worüber Bericht erstattet, was inhaltliche Anforderung ist, was Kontrollinstrument und was Ausgeburt der eigenen Neurosen. Man wird irre oder ist es schon – nichts, so heißt es, ist schwerer zu erkennen als der eigene Wahnsinn. Doch gebe ich mich unbeirrt, bleibe, abgesehen von gelegentlichen Wutausbrüchen, auf das Wesentliche konzentriert und lasse meine Aufgabe in ersten Beschreibungen Gestalt annehmen, um sie dann vielleicht zu lösen oder aber, was wahrscheinlicher ist, gerade so sang- und klanglos an ihr zu scheitern, wie wir alle, die wir noch hier sind, an der Überlebensfrage zu scheitern im Begriff sind.

Ich gebe mir Zeit. Ohne einen klaren Gedanken zu fassen, schaue ich hinaus auf die leicht gewellte Ebene des Alpenvorlandes, hinter der die Echse schemenhaft aufragt. Von der einstigen Kulturlandschaft mit ihren Mais- und Getreidefeldern, Blühstreifen, Wäldchen und gehölzgesäumten Bachläufen ist nichts mehr zu sehen, seit die ausufernde Sonne dieses trockenheiße Klima mit sommerlichen Temperaturen von fünfzig bis fünfundfünfzig Grad befeuert. Der Zyklus der Jahreszeiten ist weitgehend zusammengebrochen, die Hitze lässt neuerdings auch im Winterhalbjahr nur noch wenig nach. In der staubigen Weite verfallen die unbewohnten Dörfer, niemand will sich an ihre Namen erinnern. Eines von ihnen kann ich mit freiem Auge, zwei mit dem Fernglas deutlich ausmachen, ein weiteres in der flirrenden Ferne erahnen. In alten Landkarten eingetragene Flurnamen wie Haslau, Grünanger oder Eichkögl haben, abgesehen von ihren Lagekoordinaten in einem abstrakt über die Erdoberfläche gespannten Gitternetz, jeden Wirklichkeitsbezug verloren. Während also draußen alles verglüht und versandet, vegetieren wir in der Enge des Humanareals dahin. Wir sind nur noch wenige, aber wir sind zu viele, um hier ein menschenwürdiges Lebens zu führen. Das ist, so witzelt man, der späte Sinn unseres in Jahrmillionen erworbenen aufrechten Gangs: dass wir wenig Platz brauchen und senkrecht eingeschlichtet werden können in enge Räume. Über Nacht braucht dann alles nur um neunzig Grad geschwenkt zu werden, damit jeder bequem zu liegen kommt.

Die Straßen, die das Humanareal durch doppelte Thermoschleusen verlassen, laufen sternförmig zu den Agrarhallen hinaus. Die riesigen halbtransparenten Gewächshäuser sprenkeln wie Flecken blassgrünen Scharlachs die Landschaft, Symptom des Fiebers, von dem der Planet befallen ist – dabei sind sie noch die vitalsten Orte, an denen es, wenn auch nur unter hohem technischen Aufwand, immerhin wächst und gedeiht. Aus der verstrahlten Landschaft weggesperrt, produzieren hier krumme, niedrigwüchsige Obstbäumchen und dichte Reihen von Gemüsepflanzen streng rationierte Genussmittel, die unsere synthetische, weitgehend geschmacks- und geruchlose Grundnahrung ergänzen. Die Farbe Grün ist, indem sie die spärlichen Reste des Lebens koloriert, zum Symbol der Vergangenheit, der Vergänglichkeit, aber auch des unbeugsamen Überdauerns, ja des Aufbegehrens geworden. Sogar kleine Singvögel, robuste Arten wie Feldsperlinge und Kohlmeisen, werden unter dem Folienhimmel der Agrarhallen durch Schutzprogramme am Leben erhalten, brüten in den dort ausgebrachten Nistkästen und dezimieren die winzigen Pflanzenschädlinge, die Schildläuse, Spinnmilben und Thripse, deren Vermehrung unter den feuchtwarmen Bedingungen, die in den Hallen herrschen, nie ganz auszuschließen, sondern nur einzudämmen ist; die Kunst, sagt Luis, bestehe darin, gerade genügend Pestizide einzusetzen, um eine Massenvermehrung der winzigen Tiere zu unterbinden, und gleichzeitig so wenig, dass die Vögel keinen Schaden nehmen. Ein Fehler und das labile System bricht zusammen – mehr als einmal schon, sagt Luis, habe er hunderte Vogelkadaver aus einer Halle räumen müssen, nachdem man eine aufkommende Schädlingskalamität mit allzu reichlichem Gifteinsatz bekämpft habe.

In den klimatisierten Agrarhallen, vor allem in neu angelegten Hallen nach der ersten Durchfeuchtung des Bodens, kommen mitunter Pflanzen auf, deren Samen schon lange in der Erde geruht haben; sie gelten hier freilich als Unkräuter und werden, je nach dem Ausmaß ihres Auftretens, entweder chemisch bekämpft oder in den Boden zurückgepflügt, aus dem sie gekommen sind. Zuvor aber machen die Botaniker ihre Arbeit, gehen langsam, gesenkten Hauptes über die Flächen und bücken sich hier und da, um die Nachzügler einstigen Lebens zu untersuchen und Proben zu entnehmen, die in unserer Zukunft, falls es eine solche gibt, noch von Nutzen sein könnten; denn Ackerwildkräuter, heißt es, sind in Wahrheit keine Unkräuter, sondern genetische Ressourcen, die keine abwertende Vorsilbe verdient haben. Grün ist die Farbe der Hoffnung und schon heute der Werkstoff der Botaniker, wenn sie durch Gentransfers aus den zählebigsten Wildformen immer genügsamere und gleichzeitig ertragreichere Kulturpflanzen entwickeln, die in den Agrarhallen unter geringstem Wasserverbrauch möglichst rasch zur Erntereife gelangen. Wasser, das liegt bei kaum noch vierzig Millimetern Jahresniederschlag auf der Hand, ist der Schlüsselfaktor der neuen Landwirtschaft, es muss aufwändig hergestellt und sparsam zugeteilt werden. Neben jeder Agrarhalle steht ein Solarfeld mit einem blauen Prozesskubus aus massivem Stahlbeton, in dem Wasserstoff unter Zuführung großer Energiemengen zu Wasser verbrannt wird. Energiemangel ist immerhin nicht unser Problem – die Sonne liefert sie uns im Übermaß. Gelegentlich höre ich aus der Ferne einen dumpfen Knall, wenn bei der Wartung einer Anlage die Regulation der Knallgasflamme vorübergehend entgleist.

[…]

Helwig Brunner, geboren 1967 in Istanbul, lebt in Graz. Nach seinem Studium der Musik und Biologie arbeitet er in einem ökologischen Planungsbüro und ist zudem für die Literaturzeit- schrift Lichtungen sowie für eine Lyrikreihe editorisch tätig. Bisher liegen zwölf Gedichtbände sowie mehrere Prosatitel vor, ausserdem regelmäßige Beiträge in Anthologien, Zeitschriften und im Rundfunk.
Bei Droschl erschienen bisher sein mit Stefan Schmitzer geführter poetologischer Disput «gemacht | gedicht | gefunden» (2011) und das «Journal der Bilder und Einbildungen» (2017).

Rezension von Helwig Brunners «Gummibärchenkampagne» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Anett Keszthelyi-Brunner

Rainer Jund «Tage in Weiss», Piper

«Das Leben muss weitergehen … vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht muss das Leben gar nicht weitergehen, vielleicht muss es einfach gar nichts. Nichts. Nur eines müssen wir: ein Wunder sein. Verletzlich sein. Sterben.»

Rainer Junds Buch ist kein Roman, eher eine Art reflexive Sammlung von Spitalgeschichten. Aber selbst diese Klassifikation wird dem überaus literarischen Schreiben des Arztes und Schriftstellers nicht gerecht. Wäre es ein Roman, wäre ein Protagonist im Zentrum. So sind es sie alle: Sie, die dort arbeiten, weiss gekleidet oder nicht. Sie, die dort hineingehen und etwas erhoffen, als Begleitung oder direkt betroffen. Sie, die dort in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen, die in extremis über Leben oder Tod entscheiden. Sie, die bewegungslos daliegen, weggetreten. Sie, die schon beim Eintritt alles besser wissen. Sie, denen alles oder fast alles genommen wird oder werden muss.

„Tage in Weiss“ erzählt von Liebe, Leben und Tod, von Verzweiflung, Ergebenheit und Hingabe. Rainer Jund erzählt in allem von allem: zarte Liebesgeschichten, schmerzhafte Trennunsgeschichten, solche von Macht und Ohnmacht, manchmal actiongeladen, manchmal ganz nach Innen gerichtet, genauso wie der Arzt im Spital zwischen seinen selbstvergessenen Einsätzen einen Moment der Rück- und Einkehr braucht.

Rainer Jund nimmt mich als Leser an der Hand, nicht weil er eine Sammlung Spitalanektoten zum Besten geben will, um mir zu beweisen, wie sehr im Kosmos Spital die Post abgeht. Er nimmt mich bei der Hand und führt mich zu den Menschen, denen in jenen Mauern das Schicksal durch Fremdbestimmung aufgezwungen wird, wo sich in Extremsituationen das zeigt, was sonst hinter Fassaden, Coolness und Selbstbeherrschung verborgen bleibt. Er nimmt mich an der Hand und zeigt mir das wahre Antlitz des Menschen, sei es in der Liebesgeschichte eines alten Ehepaars, wo der greise Ehemann am Bett seiner Frau sitzt und die durchscheinende Haut auf der Hand in seiner Hand streichelt oder wenn Naivität, Nicht- und Halbwissen auf Wissen und Wissenschaft prallt. Zuweilen reisst er mich an der Hand in einen Kampf um Leben und Tod, ob gewonnen oder verloren, dorthin, wo alles vorbei ist, die Nähe, das Glück, das Leiden, das Leben.

Rainer Jund «Tage in Weiss», Piper, 2020, 240 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-492-05878-0

Rainer Jund schildert die Arbeit jener Menschen in Weiss, die sich in diese Farbe gewandet manchmal fast in Maschinen verwandeln, unter Stress zu reinem Funktionieren und Reagieren gezwungen werden. Zum Glück der Betroffenen, denn nähmen die Helfenden in allem Stress ihre Emotionen wahr, fände der Kampf gleich an mehreren Fronten statt, ganz zum Nachteil jener, deren Leben an einem Faden hängt.
Da ist auch kein Funke Heroismus, denn Rainer Jund zeigt in den Schwächen und Fehlern die Menschlichkeit.

Wer im Spital liegt, liegt unter einer Decke. Wer geht, geht im Spitalhemd oder im Morgenmantel. Aber eigentlich sind sie alle nackt, ihrer Schalen, Krusten, Schichten und Fassaden beraubt. Noch in diese Nacktheit hinein schneidet das Skalpell, öffnet noch einmal, noch tiefer. So wie Rainer Jund mit seinem Schreiben. 

Und manchmal sind es einfach und immer wieder Sätze, die mich als Leser berühren. „Es gibt Menschen, deren Leid wie Schimmel auf dem feuchten Boden drängender Erwartungen aufkeimt.“ „Die Leere in mir war wie ein kahler Block.“

Noch während meiner Ausbildungszeit leistete ich Zivildienst in einem grossen Spital, zuerst einen Monat auf der septischen Abteilung, später auf der Orthopädie. Als ich mich am ersten Tag zum ersten Mal weiss eingekleidet hatte, nahm mich eine Pflegefachfrau an ihre Seite und mit zu einer Wundreinigung am Oberschenkel eines jungen Mannes. Der Mann sass aufrecht in seinem Bett. Die Schwester packte den Schenkel aus und begann mit ihren Gerätschaften die handlange Wunde zu reinigen. Mir wurde übel. Die Schwester schickte mich, nachdem sie mein bleiches Gesicht mit einem kurzen Seitenblick diagnostiziert hatte, weg, zurück ins Stationszimmer, wo mich Minuten später, nachdem man mich höflich gefragt hatte, ob ich wieder zum Einsatz bereit sei, eine andere Schwester bat, ihr zu folgen. In einem anderen Zimmer musste bei einer jungen Frau eine Magensonde gelegt werden. Aber nachdem sich die Patientin immer wieder mit Würgereizen gegen den langen Fremdkörper in ihrem Innern zu wehren schien, begannen meine Beine erneut zu wackeln. Ich zog mich kommentarlos zurück und schaffte es gerade noch auf das Personalklo auf der Etage. Dort sass ich dann ziemlich lange auf dem heruntergelassenen Klodeckel. Würde ich das schaffen, nachdem meine Standhaftigkeit schon mit den ersten beiden Einsätzen in Frage gestellt wurde? Oder war das alles Strategie, um dem jungen Gockel zu zeigen, wo «Bartli den Most holt»?

In „Tage in Weiss“ ist kein Funke Selbstinszenierung. Rainer Jund geht es um die Geschichten hinter den Gesichtern, hinter den Augen, hinter geschlossenen Lidern.

Unbedingt lesen, wer sich traut!

© Rainer Jund

Rainer Jund, geboren 1965, studierte Medizin und Wissenschaftsmarketing. Nach seiner Ausbildung an der Universitätsklinik München praktiziert er heute als HNO-Arzt. In den letzten Jahren näherte er sich seinem Beruf zunehmend auch erzählerisch. Er lebt mit seiner Frau, ebenfalls Ärztin, und ihren drei gemeinsamen Kindern in München. „Tage in Weiß“ ist seine erste literarische Veröffentlichung.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Kerstin Hensel «Regenbeins Farben», Luchterhand

Drei Frauen und ein Mann, alle im Herbst ihres Lebens, alle von der Geschichte und ihrer Geschichte an einen Ort gedrängt, der nicht jener sein soll, an dem es enden darf. Kerstin Hensels neue Novelle „Regenscheins Farben“ erzählt von der Kunst; der Kunst der Malerei, der Kunst der Selbstbefreiung, der Kunst, das Glück nicht bloss zu suchen, sondern es notfalls beidhändig zu greifen.

„Regenbein Hühnerklein! Regenbein, was soll das sein!“, ruft man der kleinen Karline schon im Mädchenalter in der Schule hinterher, weil sie anders ist, als alle andern. Vielleicht, weil sie schon anders riecht, weil Hanne Regenbein, Karolines Mutter in der Post arbeitet und dort Mehlkleister, Büroleim und Knochenleim herumsteht. Weil Vater Karl Walzenfahrer im Strassenbau ist und Karline neben Mutters Ingredienzien auch jene des Vaters dem Mädchen zum Malen und Zeichnen zur Verfügung stehen: Teer, Bitumen und Flüssigbeton. Karline beginnt bei der Post zu arbeiten, liebt aber nur die Malerei, malt im Verborgenen, erliegt ihrer unbändigen Lust, den Pinsel zu führen, auch wenn man ihr zu verstehen gibt, dass ihre Art des Malens nicht den Sehgewohnheiten der Gegenwart entspricht. 

Sie haust in einer Mansarde, weit oben, auf das Mindeste reduziert. Bis fünf Jahre nach der Wende der Fotograf Rüdiger Habich zur ihr hinaufsteigt mit Fotoapparat und Stativ und in einem letzten, überschäumenden Energieanfall von der unbekannten Künstlerin eine Porträtreihe schiesst, die in der angesagten Galerie Wettengel gefeiert wird. Seine letzte Arbeit, denn abgehängt und frustriert von der digitalen Revolution in der Fotografie packt Habich seine Apparate in den Keller, um sich künftig ganz im Schatten Karlines auszuruhen.

Karline malt weiter, auch wenn ihr Mann Rüdiger immer mehr nur noch ein Schatten seiner selbst, zum Klotz wird, zum eifersüchtigen Hüter ihres kleinen Lebens. Und weil Rüdiger sich selbst noch einmal ins Lebenszentrum seiner malenden Frau rücken will, soll vor seinem absehbaren Ableben noch einmal eine Porträtreihe entstehen, diesmal aber mit seinem Konterfei. Rüdiger stirbt. Karline trägt die Bilder in den Keller, den Mann auf den Friedhof. Es hat fast fünfzig Jahre gedauert, bis Karline ihre ersten Schritte in echte Freiheit unternimmt, wenn auch zaghaft und nicht ohne Hilfe und der stillen Drohung, selbst aus dem Grab: „Ich weiss, wo du bist.“

Aber Karlines Leben ist mit dem Tod ihres tyrannischen Gatten alles andere als vorbei. Auf dem Friedhof, dessen Grabesruhe immer wieder vom lauten Dröhnen startender Flugzeuge zerrissen wird, lernt sie Lore Müller-Killian, eine gestelzte Industriellenwitwe mit Hang zum Theatralischen, kennen und die 80jährige Kunstprofessorin Zita Schlott. Sie alle hegen und pflegen die Gräber ihrer verstorbenen Ehemänner, jede auf ihre Art, die einen mit Hacke und Erde, die andere mit Kühltasche, Kristallkelch und Piccolo.
Und alle drei schauen sie auf den grossen alten Mann mit Hakennase und tadellosem Auftritt. Auf den Galeristen Wettengel, selbst Witwer geworden, seit Jahrzehnten verzahnt mit den Biographien der drei Frauen.

Kerstin Hensel «Regenbeins Farben», Luchterhand, 2020, 256 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-630-87601-6

Kerstin Hensel erzählt die Geschichten des illustren Quartetts, wie die drei Frauen um die Gunst von Eduard Wettengel buhlen: Karline in der Hoffnung, endlich jenen Förderer ihrer Kunst zu finden, der sie an der Hand nimmt, raus aus ihrer Isolation, Zita in der Hoffnung, ihren einstigen Musterstudenten zurückzugewinnen und Lore jenen feurigen Verehrer, den sie sich in der leer und öde gewordenen Villa am See wünscht. Kerstin Hensel tut dies, ohne je in Oberflächlichkeiten abzurutschen, stets mit dem Auge der exzellenten Beobachterin und witzigen Erzählerin. Kerstin Hensel beschreibt Beziehungen, enttarnt das feine Geflecht, das sich je nach Wetterlage zu drehen vermag oder gar kippen kann.
Grossartig und gekonnt, ohne je mit einem Satz dem Palaver zu verfallen, überraschend konstruiert und mit einer Leichtigkeit erzählt, die ihresgleichen sucht. Viel mehr als bloss Unterhaltung!

Interview mit Kerstin Hensel:

Wenn Sie beschreiben, wie Karline, die Malerin, den Pinsel führt, dann ist es, als nähmen Sie mich bei der Hand, und liessen mich malen. Ich rieche die Farbe, spüre den Zug. Malen Sie selbst oder ist es tatsächlich möglich, sich durch Imagination so sehr in ein „fremdes Tun“ hineinzuversetzen?
Ich male selbst nicht, habe auch nicht die geringste Begabung dafür. Ich denke, ein Schriftsteller muss in der Lage sein, sich in eine andere (auch ihm fremde) Welt hineinzuversetzen, so dass diese für den Leser sinnlich nachvollziehbar ist. Dazu gehört: Neugierde, Lust, Begeisterung, Erfahrung und natürlich die Beherrschung des Schreib-Handwerkes. Der Rest ist Geheimnis. 

Karline Regenbein ist eine ganz eigenwillige Malerin, die sich nicht um den Mainstream kümmert. Gab es eine Künstlerin, einen Künstler, die oder der ihnen als Inspiration diente?
Das ganze Leben dient mir als «Inspiration». Alle meine Figuren sind gleichermassen erfunden, wie auch der Realität verhaftet. D.h. keine Figur ist «authentisch» oder gar entschlüsselbar, dennoch – hoffe ich – sind sie dem Leser bekannt.

Eigentlich ist ihre Novelle auch ein Wendenovelle, in der zwar Deutschlands Wende nur an den veränderten Lebensumständen der Protagonisten abzulesen ist, die aber grosse Wenden schildert, Wendungen, die überraschen und nie ins Klischierte abrutschen. Das gibt der Novelle seine erstaunliche Leichtigkeit. War da nie die Versuchung, ins Epische abzutauchen?
Auch eine Novelle gehört zur Epik, d.h. es wird erzählt, nur nicht so allumfassend bzw. kleinteilig wie es Romanen vorbehalten ist. Jeder Satz ist bei mir harte Arbeit. Der Leser darf dem Text diese harte Arbeit nur nicht anmerken. (Sie sagen es: Leichtigkeit!) 😉

In einem Gespräch zwischen dem Galeristen Wettengel und der Malerin Karline Regenbein verabschiedet sich dieser mit dem Satz „Bleiben Sie bei sich.“. Ein Satz, den die Malerin nicht verstehen kann. Ein Satz, der doch eigentlich genau das Gegenteil von dem ist, was der Malerin fast die ganze Novelle lang nicht gelingt; der Ausbruch. Ist das eigene Selbst nicht das grösste Gefängnis?
Gute Frage. Das eigene ICH kann sehr wohl ein Gefängnis sein, wenn es sich nur aus sich selbst nährt. Das gilt nicht nur für Künstler. Wenn das ICH an Erfahrungen, Gefühlen, Wissen u.s.w. reich ist, kann es strahlen und viel von sich hermachen. Ist das jedoch nicht der Fall, gerät es zur billigen/tragischen/narzistischen Ego-Show, aus der man schwer herausfindet. Andererseits: wer nicht «bei sich bleiben» kann, Angst vor dem ICH, den eigenen Abgründen und Fähigkeiten hat; wer sich nur dem Zeitgeist und dem Erfolg andient, endet ebenfalls im Leeren (in der Eitelkeit). Die Figur Regenbein reflektiert allerdings nicht auf dieser Ebene, sondern stellt ihre Lebensfragen in ihrer Kunst.

Jede der Geschichten der vier Protagonistinnen wäre Stoff für einen Roman gewesen. Vieles deuten Sie nur an, zeichnen durchscheinend und trotzdem scheint sich das Bild in Cinemascope vor mir zu entfalten. Gibt es Maximen, Regeln, Eigenheiten Ihres Schreibens, denen sie sich strickt unterwerfen?
Der «dichte» Text, d.h. die durch blosse Andeutung entstehenden Bilder (wie im guten Kino, ja!) muss Raum lassen für Fantasie und Assoziation, die jeder Leser mit eigener Erfahrung füllen kann. Allerdings ist auch dieses Mittel eine Frage des Masses, also der Fähigkeit, die Spannung genau auszutarieren.

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte am Institut für Literatur in Leipzig und unterrichtet heute an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: die Liebesnovellen «Federspiel» der Band «Das verspielte Papier – über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte» sowie der Lyrikband «Schleuderfigur». Kerstin Hensel lebt in Berlin.

Beitragsbild © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Christian Uetz «Nur dieses Leben», Plattform Gegenzauber

… und das Jenseits in der Sprache

Die Pandemie zeigt um eine Dimension deutlicher, dass Glauben im gesellschaftlichen Diskurs und im politischen Handeln keine Relevanz hat. Das verneint hier nicht, dass Gott die Sprache der Seele sein kann, die es nicht gibt. Es sagt, dass der Tod allein das Leben bestimmt, aber nicht im erregenden Sinn, sondern so, dass aus ganz sachlichen Gründen die zwischenmenschliche Distanz und der Tod der Natürlichkeit dem Tod vorgezogen wird. Das mag und wird in einer säkularen Gesellschaft das Beste sein, aber es geht hier radikal um die Feststellung, dass das Nichtglaubenkönnen der Grund ist, dass es so ist. Wohl heisst es, für Christen sei jedes Leben heilig. Aber ebenso auch das Sterben. Denn wer von der ein jenseits-von-allem innewohnenden Sprache lebt, hält sich an die Gegenwart einer in Gedanken anderen Welt, die das Denken selber ist. Dieses relativiert das reale Leben und erfährt es als verlierbar ohne Verlust. Oder sogar mit Gewinn: Christus ist mein Leben, sterben mein Gewinn (Paulus). Da dieser Horizont politisch ausgeschlossen ist, muss das Überleben mehr zählen als die sinnliche Nähe und das gemeinsam atmende Gespräch. Das lässt sich daran sehen, dass sehr viele Menschen in Alters- und Pflegeheimen jahraus- und jahrein so bitterseelenalleingelassen werden und so freudlos die Tage verbringen müssen, dass sie am liebsten sterben wollen. Durch Corona aber wurden auch die Hundertjährigen zwangsisoliert, damit auf keinen Fall jemand stirbt oder auch noch andere ansteckt. Dass das Überleben ganz sachlich auch mehr zählen muss als die Würde, zeigt sich in der Art und Weise, wie mit Covid-19 Menschen auf der Intensivstation sterben, ohne Kontakt zu den Liebsten, zu Tode isoliert schon vor dem Tode, so dass die unantastbare Würde nur noch darin bestehen kann, unantastbar zu sein. Aber das Monströseste ist die wachsende Depression und die in ihr wiederum brütende Destruktion. Auch Depression kann als ein das Leben lähmender, todähnlicher Zustand bezeichnet werden. Dieser psychische Todeszustand muss so unweigerlich in Kauf genommen werden, dass die grosse Depression die noch viel grössere Destruktion an Gewalt schürt. Umgekehrt kann Glauben als Vertrauen die Angst nehmen und bei manchen die Abwehr- und Heilkräfte stärken, wenn es nicht die Angst nur verdrängende Realitätsflucht ist. Angst auf jeden Fall macht auch krank. Die Umkehr des Johannesprologs zu  Das Wort ist Gott aber heisst für die darin sich erhellende Inexistenz, das Leben von der Begeisterung ob der Unsterblichkeit der Sprache her zu verstehen, von der Verzückung ob der jede Sekunde Unglaublichkeit des Lebens her, von der Ekstase der Liebe her, vom Lachen, vom Übermut her, von dem durch die herzzerreissende Traurigkeit des Todes hindurch zu noch herzzerreissenderer Freude Erwachen her, Pathos hin oder her. Die nur als peinlich aussprechbare Haltung der Glaubenden bleibt, sich auch auf das Sterben zu freuen, darin nichts ihnen die elende Heiterkeit und die übermütige Schwermut nehmen kann, komme da an Angst und Bedrohung, an Pandemie und Panik, was da wolle. Das mag ein Glaubensheldentum sein, hat aber nichts mit faschistischem, volksgesundheitlichem, vaterländischem Heroismus zu tun, denn es schliesst alle Fremden und Minderheiten und Schwachen nicht aus, sondern herzlich ins Jenseitsverlies der Sprache mit ein. Ist umgekehrt Sterben nicht nur das Allerletzte, sondern auch das Allerletzte, und ist es in der Sprache nicht auch ein anderes Leben, zählt nur das eigene Leben und das der Anderen vielleicht schnell nichts mehr. Aber auch ohne das Sterben zu verklären ist auch nur eine Sekunde gelebt zu haben ein Wunder, und wenn von der völligen Unwahrscheinlichkeit ausgegangen wird, überhaupt zu leben, hängt ein erfülltes Leben weniger von der Länge des Lebens als von der Art der Gegenwart ab, so dass auch mit sechzig oder vierzig oder zwanzig zu sterben die Unglaublichkeit, gelebt zu haben, nicht widerlegt. Die durch die Säkularisierung unvermeidliche Verabsolutierung des Lebens bestätigt sich auch darin, dass das immer längere Leben der klarste Sinn und das erklärteste Ziel ist, so dass hundert Jahre alt zu werden schon fast als ein allen zustehendes und zu ermöglichendes Grundrecht angesehen werden kann. Zumindest macht die Coronakrise die so unfassbar hoch gestiegene Lebenserwartung in ebenso unfassbar grosser Selbstverständlichkeit deutlich, dass vielleicht auch ein Hundertjähriger bald nicht mehr sterben kann, ohne elend vor der Zeit gestorben zu sein. Jünger sterben, überhaupt sterben ist ein Skandal. Es ist nicht nur seit Camus der Skandal schlechthin, daran wiederum nur Gott schuldig sein könnte, wenn er wäre. Und dass gestorben und gelitten wird, genügt auch zum Gegenbeweis. Und spräche auch das Nichtsein nicht gegen den zusehends weiblichen Engel, und wäre das nichtseiende Licht auch eine Sie, die Herrin Sprache, und wäre diese Herrin auch alle Sprechenden selber, so wäre sie doch der Kapitalgrund, die Gottillusion als völlig jenseits zu erledigen. Aber achtzig Jahre alt zu werden ist nicht nur historisch, sondern in Hinsicht auf manche Weltregionen auch heute noch ein grosses Glück. Es als selbstverständlich zu erwarten, bleibt unserer Vergänglichkeit gegenüber auch in noch so hochmedizinischer Wohlstandswelt verblendet. Und doch können auch viele betagte Patienten von Covid-19 geheilt werden, bei der die Sterberate immer noch um ein Vielfaches geringer ist als die an Herzversagen oder Krebs. Hoffentlich wird hier erwidert: Wenn das Sterben an Krebs durch einen Lockdown verhindert werden könnte, würde man es auch tun. Und tatsächlich zeigt sich ja nun, dass durch die viel geringeren Feinstaubwerte in den grossen Städten weniger Menschen sterben. Warum also nicht ab sofort weltweit überhaupt das Fliegen und Autofahren für immer einstellen, weil die dadurch bessere Luft viele Todesfälle verhindert und zugleich die von Klimaschäden bedrohte Erde schützt? Aber es geht hier und erst recht beim aus Lebensliebe auch Sterbenwollen darum, dass eine solche Haltung im öffentlich ernstzunehmenden Diskurs nicht haltbar ist. Auch wenn das alltägliche Leben vielleicht über Jahre ausgehebelt bleibt, kann lebensschutzvernünftig nicht berücksichtigt werden, was Corona an psychischer Not bringt: den massenhaften Spontanitätstod, Umarmungstod, Nähetod, was sich für vom leibhaft Begegnen Lebende nicht digital ersetzen lässt, auch wenn es die Lösung der Zukunft ist. Es ist denkbar, dass die vorwiegend digitale Begegnung und das Physical Distancing für die biologische Sicherheit nicht nur vorübergehend, sondern in alle Zukunft zur vorgeschriebenen Lebensweise wird. Dass sich aber auch die Kinder nicht mehr unbekümmert nahekommen und nicht mehr übermütig miteinander spielen dürfen, ist als Gedanke fast nicht zu ertragen, nicht nur, weil Kinder das kaum einhalten können, sondern weil sie es auch nicht einhalten sollen um ihrer spontansten Nähe Willen. Habermass beunruhigt, dass auch Juristen den Lebensschutz zugunsten der Selbstbestimmung relativieren. Das Leben als Lebendigkeit ist anderseits nicht nur für die vom Wort Inbrünstigen auch ekstatische Leidenschaft, dazu auch Selbstverausgabung, sich Verschwenden, sich-aufs-Spiel-Setzen, lieber-Gefahr-als-Sicherheit und Lust des Wahnsinns gehören, welchen im Diskurs der Vernunft der vernünftige Grund fehlt. Allerdings hat auch das vernünftige Sterbenkönnenpathos nur das Jenseits in der Sprache, um verstehbar zu machen, dass es nicht sozialdarwinistisch und nicht volksheroisch und nicht lebensleichtsinnig gemeint ist, sondern ganz persönlich transzendent.

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach in der Schweiz, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk. Seine Performanceauftritte sind legendär! Nach «Nur Du, und nur Ich» (2011) und «Sunderwarumbe – Ein Schweizer Requiem» (2012) erschien 2018 mit «Es passierte» sein dritter Roman.

Beitragsbild © Mathias Bothor