Meine ganz persönlichen Highlights des 25. Internationalen Literaturfestivals Leukerbad

Es schien, als hätte die Leitung der Jubiläumsausgabe des Internationalen Literaturfestivals in Leukerbad sämtliche unbeeinflussbaren Einwirkungen doch irgendwie besänftigen können: Das Festival stand unter einem guten Stern, in allen Belangen.

Wie würde das Festival sein? Ohne die Abende in den wasserentleerten Becken des Thermalbads? Mit Zelten? Was wäre, wenn sintflutartige Regengüsse auf die Zelte trommeln würden? Wenn sich die Wiesen in Festivalmatsch verwandeln? Nichts davon geschah. Es fügte sich alles harmonisch ineinander. Alles passierte so, wie man es sich erhofft hatte und es breitete sich erleichterte Zufriedenheit aus. Nicht zuletzt darum, weil es ein Experiment sein sollte, die beste Gelegenheit, mit Traditionen zu brechen, deren Alternativen sich viel genussfördernder erwiesen.
Als ich am Sonntag mit dem Bus die Kurven aus dem Tal hinunterfuhr, war ich mehr als zufrieden. Beglückt! Verführt und beseelt! Das Festival in Leukerbad hat mich einmal mehr gewonnen. Auch weil man dort besondere Namen trifft, weil man sie wirklich trifft, weil man die Gelegenheit geboten bekommt, ihnen wirklich zu begegnen, nicht nur aus der Ferne. Aber weil dieses Festival Überraschungen birgt, mit denen man nicht rechnet, selbst dann, wenn man wie ich, ihre Lesungen versäumt.

Es gab sie grossen Themen am diesjährigen Festival, grosse Namen und spektakuläre Diskussionen mit langanhaltendem Applaus. Aber es gab auch die leisen Töne, das Spektakel der Sprache, die Bezauberung. «Kapital und Ressentiment», «Nationalismus», «Brücken über den Röstigraben», «Populismus» oder «Gewalt gegen Frauen» hiessen die Themen der Diskussionen – auch wenn ich nicht verstand, dass bei den einen Themen nur Frauen, bei anderen Themen nur Männer auf der Bühne sassen, waren viele Themen doch auch ein Statement dafür, dass die offenen Gräben zwischen den Geschlechtern noch immer klaffen.
Aber es war auch ein Fest der Sprache, sei es in Lyrik oder Prosa.

Schmerzlich für mich war die Feststellung, dass ich einen der literarischen Höhepunkte versäumt hatte. Nachdem ich andere Festivalbesucher:innen immer wieder nach ihrem absoluten Highlight fragte, wurde immer wieder der eine Name genannt: Jakub Małecki! Der 1982 in Polen geborene Schriftsteller ist in seinem Heimatland ein gefeierter Autor, veröffentlichte fast ein Dutzend Romane. «Rost», sein erster auf Deutsch erschienener Roman ist die Geschichte des siebenjährigen Szymek, dessen Eltern bei einem Autounfall sterben, den man zu seiner Grossmutter Tosia bringt, raus in die Provinz, in ein Leben, dass so ganz anders tickt als das alte. Jakub Małecki erzählt aber auch die Geschichte der Grossmutter, die Auswirkungen jener Brüche, die der Krieg hinterliess, was mit den Menschen im kleinen Ort Cholny passierte. Dass «Rost» nun im Buchhandel liegt, sei einem reinen Zufall zu verdanken. Der Verleger sah den auf Polnisch ebenfalls „Rost“ betitelten Roman aufliegen, nahm ihn zur Hand und liess danach nicht mehr los. Jakub Małecki hat mit «Rost» ein im Licht der dörflichen Besonderheit erstrahlendes Lebenspanorama erschaffen, das aus Cholny heraus tief in unsere Welt zu leuchten vermag.
Als ich mir in der Festivalbuchhandlung den Roman von Jakub Małecki kaufen wollte, war dieser schon am zweiten Festivaltag ausverkauft.

Jakub Małecki im Gespräch mit Thorsten Dönges

Ein grosses Versprechen ist auch der neue Roman von Eva Menasse, von dem sie exklusiv zum ersten Mal einige Abschnitte vor Publikum las. Der Roman «Dunkelblum», der im kommenden August erscheinen wird, leuchtet in einen fiktiven Ort, eine Kleinstadt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Während man 1989 Zeuge wird einer Massenflucht aus der sich auflösenden DDR, taucht ein rätselhafter Besucher im Städtchen auf, findet man ein Skelett in einer Wiese am Stadtrand und verschwindet eine junge Frau. Alles an dem Ort beginnt sich zu verschieben. Mit einem Mal tritt hervor, was man über Jahrzehnte totzuschweigen versuchte; all die Massaker, die in den Wirren des letzten Krieges geschahen. «Dunkelblum» ist ein schaurig-komisches Epos über die Wunden in der Landschaft und den Seelen der Menschen, die, anders als die Erinnerung, nicht vergehen. Eva Menasses Sprache ist gestochen scharf, ihr Erzählen gekonnt konstruiert und alles durchsetzt mit einer bissigen Prise Humor.

Jan Filipenko mit seinem Roman «Der ehemalige Sohn»

Aber nebst all den tiefschürfenden und aufwühlenden Gesprächen und Diskussionen gab es auch Momente, in denen ich herzhaft lachen konnte. Christoph Simon, der gleich mit mehreren Publikationen nach Leukerbad fuhr und die Zeiten des Ein- und Ausgesperrtseins äusserst produktiv und kreativ zu nutzen wusste, hätte am Freitag um Mitternacht oben auf der Gemmi gelesen. Man musste sich durch die Nacht mit einer Seilbahn hinauf auf den Felssporn tragen lassen und wäre nicht nur mit dem Blick auf die Lichter Leukerbads (die einzigen Stunden des Tages, an denen der Ort selbst strahlt!), sondern mit dem hintergründigen, skurrilen Witz des Schriftstellers und Kabarettisten belohnt worden. Aber nach einem langen Festivaltag wollte ich mich vor der Bergfahrt nur ganz kurz auf meinem Bett im Hotel niederlegen, nur einen Augenblick. Als ich irgendwann in meinen Kleidern aufwachte, pfiffen bereits die Vögel. Glücklicherweise las Christoph Simon aber auch noch am Samstag. Neben literarischen Kostbarkeiten aus verschiedenen Büchern auch aus seinem neuen mit dem sinnigen Titel «und das nach vier milliarden jahren evolution», dem bislang einzigen Buch aus der edition merkwürdig. Wer bewiesen haben will, dass Lyrik alles andere als kopflastig, verschroben oder verunsichernd sein muss, lese in den Gedichten Christoph Simons. Da geht des Herz gleich mehrfach auf! Simons Gedichte sind als lyrische Stories angelegt. Sie haben alle einen Inhalt, der sich sogar nacherzählen lässt. Aber das lyrisch Unsagbare lauert zwischen den Zeilen und in jenen Zeilenabbrüchen, die immer dann auftauchen, wenn man glaubt, etwas linear kapiert zu haben

Das sind nur drei Namen. Nur ein ganz kleines Stück von dem Spektakel, das einem mitten in der felsigen Arena geboten wurde. Mit alle den Veränderung, die die Zeit dem Festival aufzwang, freue ich mich auf das kommende Jahr noch etwas mehr!

Weitere Bücher mit ihren Autorinnen, die in Leukerbad lasen:
Lukas Maisel «Das Buch der geträumten Inseln»
Anna Prizkau «Fast ein neues Leben»
Michelle Steinbeck «Eingesperrte Vögel singen mehr»
Rolf Hermann «Eine Kuh namens Manhattan»
Patrícia Melo «Gestapelte Frauen»

Beitragsbilder © Literaturfestival Leukerbad

Christoph Simon «Dorfplatz Leukerbad – ein Gespräch während dem Literaturfestival»

Hey!
Hey! Alles klar?
Alles klar.
Wo warst du?
Auf der Alpina Terrasse.
Wer war da?
Der Maisel. Lukas Maisel. Erstlingswerk.
Wie war’s?
Sackstark. Mega sackstarkes Buch. Über einen Entdecker und über deutsche Flachspültoiletten und ferngesteuerte Kakerlaken. Ein Hit. Wo warst du?
Dala-Wanderung.
Wie war’s?
Super. Die Römer und so. Es gibt Leute im Wallis, die wollen dieses Tal fluten und eine Staumauer und wie die Grande Dixence.
Echt?
Vielleicht hab ich den Guide nicht richtig verstanden.
Wer hat gelesen?
Auf der Wanderung? Die Dana.
Ah, der Frankenstein-Roman.
Der Dracula-Roman.
Gut gewesen?
Fantastisch. «Echte Liebe braucht Überzeugung.» Sie hat von Bergunfällen erzählt und alle haben sich an der Hängebrücke festgehalten, als gäb’s kein Morgen.
Wohin gehst du jetzt?
Zu Yvonne Adhiambo Owuor.
Oh, da war ich gestern!
Wie war’s?
Bombastic. Sie ist impressive! Pures Gold!
Worum geht’s?
Ein Kind, ein Kätzchen, das Kind hat Asthma. Die Mutter hilft mit
Nelkenöl, Schwarzkümmelsamen, Dorschlebertran.
Das hilft?
Klar. Und das Kind wählt sich aus den Männern vom Schiff einen Vater, der will aber nicht sein Vater sein, aber «the more he runs the closer he gets». Wohin gehst du als nächstes?
Eben. Zu Yvonne Adhiambo Owuor.
Ah, ja.
Esther ist auch da.
Welche Esther?
Und der Gallus auch.
Die Esther vom Literaturhaus?
Der Gallus ist Literaturhaus. Die Esther weiss ich nicht.
Ich bin mit einer Esther im Shuttlebus gefahren. Sonst kenn ich keine Esther.
Weshalb warst du nicht auf der Gemmi gestern?
Ich war auf der Gemmi.
Ich hab dich nicht gesehen.
Wir haben in der Gondel gesprochen miteinander.

Echt? In welchem Hotel bist du?
Air B’n’B. Am Hang drüben.
Ah, Morgensonne.
Abendsonne.
Im Chalet Frieden?
Nein, Chalet Frohsinn.
Beim Schorsch?
Nein, beim Julius.
Der Julius von der Karin?
Nein, der Julius von der Monika.
Die Monika, die vom Karren gefallen ist?
Nein, die Monika, die auf den Karren gefallen ist. Beim Gleitschirmfliegen.
Schlimme Geschichte. Die Monika vom Schorsch.
Vom Julius.
Dort wohnst du.
Und du?
Hotel.
Nein, ich meine, wohin gehst du als nächstes?
Weiss nicht. Im Baldwin-Zelt ist Rolf Hermann, aber den versteh ich nicht.
Und im Bristol ist Peter Weber.
Der Regenmacherpeterweber? Cool. «Bei Gemütsverdunkelung: Lustbaden, lichtbaden, lachbaden.» Wer ist das dort drüben?
Die im Blauen?
Die im Weissen.
Die ist Pro Helvetia, glaub. der daneben ist Solothurn und die hinten dran könnte die Autorin aus Österreich sein.
Ist das nicht die von der Übersetzerwerkstatt?
Die ist dieses Jahr nicht da, die Übersetzerwerkstatt.
Dann ist es wahrscheinlich die Autorin aus Österreich.
oder ist es Monika?
Morgen dann noch Franziska Schutzbach.
Die kenn ich von Facebook.
Und Lukas.
Maisel? Die deutschen Flachspültoiletten?
Bärfuss. Der globale Nationalismus.
Ah ja, mit dem Lüscher.
Dem Lüscher seine Partnerin ist die deutsche Vorlesestimme von Yvonne Owuor.
Was du nicht sagst.
Da wolltest du doch hin.
Stimmt. Oder wollen wir uns setzen und was trinken?
Wir sitzen und trinken doch schon.

Beitragsbild © Literaturfestival Leukerbad

Lucify – Netzwerk von Schriftstellerinnen mit Migrationshintergrund in der Schweiz

Der Web Magazin www.lucify.ch wurde von hochausgebildeten Frauen mit Migrationshintergrund gegründet, die sich ihren Platz in den Schweizer Medien seit 3 Jahren erfolgreich erkämpft haben und einnehmen. Neben ihrem journalistischen Engagement haben Zaher Al Jamous (Syrien), Maya Taneva (Nordmazedonien), Anna Butan (Russland), und Faten Al Soud (Irak) ihren Beruf als Schriftstellerinnen weiterverfolgt und so wurde ein Teil des Lucify Kollektivs in eine Gesellschaft der Schriftstellerinnen umgewandelt. Die Lucify Schriftstellerinnen sind an Zuwachs interessiert und kreieren ein wichtiges Netzwerk der Schriftstellerinnen mit Migrationshintergrund in der Schweiz.

Zaher Al Jamous wurde 1978 in Syrien geboren. Sie studierte englische Literatur an der Universität Damaskus. Sie ist Journalistin, arbeitete für das syrische Fernsehen und unterrichtete Englisch an syrischen Schulen. Al Jamous flüchtete mit ihren drei Kindern in die Schweiz, um in Bern eine zweite Heimat zu finden.

Im ihren Autobiografischen Roman «Die Liebe im Militärrat» erzählt sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in einem ganz besonderen sozial-politischen Kontext ihres Heimatlandes Syrien. Al Jamous webt eine Geschichte innerhalb einer anderen Geschichte, die sich immer weiter entfaltet. Die Magie der traditionellen Gewebe, die Frauen miteinander knüpfen, spiegelt sich in Al Jamous Erzählstil wider.

Maya Taneva (1980) kommt aus Nord Mazedonien, wo sie in den 90en Jahren in einer Nachkriegsatmosphäre aufgewachsen ist. Seit 2012 wohnt Taneva in der Schweiz, wo sie an der Universität Bern den Master in Weltliteratur absolvierte. 

Im Moment arbeitet sie intensiv an ihrem ersten Roman «Der verlorene Spiegel der Seele». Es ist ein historischer Roman, den die Geschichte einer erleuchteten Frau aus dem Mittelalter, die Gründerin einer europaweiten Volksbewegung, erzählt.

Anna Butan, wurde 1982 in Russland geboren. Sie hat Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Literatur an der Universität Bern studiert. Ihr Debütroman «Helen the Man» wurde als E-Buch auf lucify.ch veröffentlicht. 

In ihren letzten Roman «Noras kleines Corona-Alphabet» erzählt sie intime Geschichte einer Frau, die an Demenz leidet und versucht, durch die Linse der von Corona beherrschten Gegenwart, einen Sinn für ihr Leben zu finden. 

Faten Al Soud wurde in Baghdad, Irak geboren. Sie hat für das nationale irakische Fernsehen und Radio gearbeitet. Sie wurde mit Preisen für ihre Drehbücher ausgezeichnet. Im 2015 wurde sie wie mit dem Golden Award for Creative Arab Women, sowie mit dem Golden Award for the Best Written Script für die Fernsehserie «Awan Al Hob», im Rahmen dem TV und Radio Festival Tunis, gezeichnet. 

Al Soud musste vom Irak, aus politischen Gründen, fliehen. Seit 2016 wohnt sie in Bern. Al Soud hat in der Schweiz an verschiedenen Theaterproduktionen und Filmprojekten als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Technikerin mitgewirkt. Im Moment schreibt sie ihren ersten Roman.

lucify.ch

literaturblatt.ch veröffentlicht in der Folge entsprechende Texte.

Patrícia Melo «Gestapelte Frauen», Unionsverlag, eine Gartenlesung in Leukerbad

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war die Einsicht: Es herrscht Krieg. Überall. Sei es gegen die Natur und den Planeten, auf dem wir leben, zwischen Arm und Reich, zwischen von Ideologien aufgepumpten Nationen – und zwischen Mann und Frau. Patrícia Melo erzählt zwar von Brasilien, aber was dort geschieht, geschieht überall. Und es muss nicht immer Blut fliessen.

„Gestapelte Frauen“ einen Kriminalroman zu nennen, damit wird man dem neuen Roman der Brasilianerin nicht gerecht. Es geht der Autorin nicht darum, eine spannende, schockierende, gut erzählte Geschichte zu verkaufen. Patrícia Melo öffnet mit dem Brecheisen verschlossene Türen, stemmt sich gegen Ignoranz und Blindheit und legt offen, dass die Gewalt, die sich zwischen den Geschlechtern abspielt, kein Phänomen der Gegenwart ist. Was sich dort abspielt, wo es passiert, ist Reaktion und Folge einer Entwicklung, die sich mit dem Willen zur Eroberung und Unterwerfung in die Genetik des Menschen einfrass.

„Gestapelte Frauen“ erzählt von einer jungen Anwältin, die sich all jener Frauen annimmt, die Opfer männlicher Gewalt werden, sie nicht einfach in einer Statistik vergessen lassen will oder der Willkür eines korrupten Justizapparats. Getötet nicht in irgendwelchen dunklen Gassen, von Fremden und Unbekannten, sondern von ihren eigenen Männern, von Vätern, angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft. Die mit dem Leben bezahlen, weil sie im falschen Moment am falschen Ort zu sein schienen – oder einfach mit ihrem Leben für all den latent vorhandenen Frust des männlichen Geschlechts zu bezahlen hatten, weil sie den Schlüssel ihrem Ex zurückgeben wollten, weil der Mann die Nerven verlor, vor den Augen von Söhnen und Töchtern, weil der Ton des Fernsehers zu laut war, weil die Frauen die Befehle ihrer Männer missachteten.

Patrícia Melo «Gestapelte Frauen», Unionsverlag, 2021, 256 Seiten, CHF 30.00, ISBN 978-3-293-00568-6

Die Anwältin sammelt nicht aus blosser Pedanterie, sondern weil sie selbst davon betroffen ist und es nicht schafft, aus den langen Schatten dieser Ereignisse herauszutreten. Als Mädchen musste sie erleben, wie ihr Vater die tote Mutter in Tücher wickelte, sie in ein Auto steckte und dem Wagen an einer Klippe einen Stoss versetzte, um den Mord als Unfall aussehen zu lassen. Die Mutter umgebracht, der Vater im Gefängnis. Eine Kindheit bei den Grosseltern, denen das Trauma genauso im Nacken sitzt. Als Frau und Anwältin von Amir begehrt und umschwärmt, um dann wie aus dem Nichts während einer Party als Schlampe beschimpft und ins Gesicht geschlagen zu werden, um dann später festzustellen, dass der einstmals Geliebte Szenen ihres Liebeslebens ins Internet stellte, als wäre der Schlag ins Gesicht nicht genug.

Und weil sie sich als Anwältin mit anderen Frauen den Opfern ihren Platz zu geben versucht, weil sie für Recht und Wahrheit kämpft, manövriert auch sie sich ins Kreuzfeuer konzentrierter Hetze und offener Gewalt. Es sterben Kolleginnen, Freundinnen, Mitstreiterinnen. Eine tödliche Schlinge zieht sich zu.

Warum soll ich dieses Buch lesen? Weil Patrícia Melo von den Opfern und den Tätern erzählt. Von Tätern, die sich in die Rolle der Opfer zu verteidigen versuchen, von Opfern, die zu Kollateralschaden werden. Von Frauen, die übereinandergestapelt turmhoch ein Mahnmal dessen sind, was vor hunderten von Jahren mit der gewaltsamen Eroberung und Kolonialisierung begonnen hat. Von Frauen, die bezahlen, was elitäre Macht, ein korrupter Staatsapparat und die Willkür des Geldes anrichten. 

Patrícia Melo (1962 in São Paulo) zählt zu den wichtigsten Stimmen der brasilianischen Gegenwartsliteratur. Nach ihrem Studium in São Paulo arbeitete sie beim Fernsehen. In ihrem sozialkritischen Werk, bestehend aus Kriminalromanen, Hörspielen, Theaterstücken und Drehbüchern, beschäftigt sie sich mit der Gewalt und Kriminalität in Brasiliens Grossstädten. Melo wurde u. a. mit dem Deutschen Krimipreis und dem LiBeraturpreis ausgezeichnet, die Times kürte sie zur »führenden Schriftstellerin des Millenniums« in Lateinamerika. Sie lebt in Lugano.

Barbara Mesquita, geboren in Bremen, arbeitet u. a. als Literaturübersetzerin für Portugiesisch und Spanisch mit Schwerpunkt auf den lusofonen Ländern Afrikas. Sie hat Patrícia Melo, Luís Fernando Veríssimo, Pepetela, Luandino Vieira, Arménio Vieira, Ricardo Adolfo, Pedro Rosa Mendes, João Tordo und Juan Manuel de Prada übersetzt. Barbara Mesquita lebt in Hamburg und zeitweilig in Lissabon.

«Meine Wut passt nicht zwischen zwei Buchdeckel.» Interview mit Partícia Melo

«Literatur ist ein Risiko, ein Tauchgang, ein Abenteuer.» Gespräch mit der Patrícia Melo

Beitragsbild © Literaturfestival Leukerbad

Ein literarischer Gang zwischen der Provence und Spanien, direkt neben der wilden Rhone

Wie immer beim Literaturfestival Leukerbad beginnt das vielseitige Programm mit einer «Literarischen Wanderung», einer Veranstaltung, die ihre Anfänge länge vor der erfolgreichen Lancierung von «Literarischen Spaziergängen» hatte. Dieses Jahr ging es durch den Pfynwald, einem einzigartigen Naturschutzgebiet, zusammen mit den Schriftstellern Rolf Hermann und Peter Weber.

Dass Literatur in entsprechender Kulisse eine ganz besondere Wirkung erzielt, ist leicht nachvollziehbar. Aber wenn Literatur dort tönt, wo Geräusche, Geschmäcker, das Pfeifen der Vögel, das Rauschen des Rotten, der Rhone mitschwingt, dann wird Literatur, dann wird Sprache zu einem orchestralen Erlebnis, einer eigentlichen Symphonie.

Unter fachkundiger Führung von Armin Christen, einem Guide und Mitarbeiter des Naturparks Pfyn-Finges, wurden 40  Literatur- und Naturbegeisterte durch ein Naturparadies geführt, dass seinesgleichen sucht. Peter Weber und Rolf Hermann, zwei Schriftsteller, die in ihrem Schaffen mit ganz eigenem Instrumentarium arbeiten, lasen in Pausen aus ihren Werken.

Beide Schriftsteller erlaubten literaturblatt.ch Auszüge aus den vorgetragenen Texten wiederzugeben.

Rolf Hermann

aus «Flüchtige Zuhause» (Rotpunkt):

Klingendes Geröll 

In meiner Studienzeit wohnte ich in Bern, in einem Quartier unweit der Aare, die, aus südöstlicher Richtung vom Thunersee kommend, ein auf einem Geländesporn errichteten Teil der Altstadt in einer engen Schliefe umfliesst. Wenn sich sommers die Gelegenheit bot, und der Fluss mindestens eine Temperatur von 18 Grad hatte, ging ich in ihm schwimmen. Oft allein.

In Badehosen und T-Shirt, das Badetuch unter den Arm geklemmt, zog ich los. Die Holztür meiner Dachwohnung fiel ins Schloss, und ich stieg die vier Stockwerke hinab, spazierte durch den seltsam echolosen Lärm der Berner Strassen, ging einen mit wildem Gestrüpp bewachsenen Abhang hinunter, querte die Talsohle – an einem ehemaligen Gaswerkareal entlang, den Weg über den löchrigen Asphalt suchend, der von ockergelben Pfützen durchzogen war – und erreichte den Fluss.

Ich erinnere mich, wie ich manchmal minutenlang am Rand eines Fahrradwegs auf die blaugrüne, in Ufernähe vermeintlich träge, in der Flussmitte aber rasant dahingleitende Wasseroberfläche blickend mich plötzlich an das Ufer eines anderen Flusses versetzt sah – an den Fluss meiner Kindheit und Jugend: die Rhone. Sie, die nur ein paar Kilometer Luftlinie von der Quelle der Aare entfernt entspringt und zunächst als Rotten durch den deutschsprachigen Teil des Wallis fliesst. In dem Ort, wo der Rotten zum ersten Mal gestaut und ihm ein Teil seines Wassers entnommen und über einen Kanal einem Aluminiumkonzern zur Stromgewinnung zugeführt wird, wuchs ich auf.

Ich muss zehn Jahre alt gewesen sein, als ich auf dem Nachhauseweg mit meinem Vater die Brücke über dem Staubecken passierte und auf einmal, wie aus den Nichts, ein Helikopter vor der Sommersonne stand und mit dumpfen Schlägen die Luft zerteilte. Aus dem Seitenfenster unseres Subaru sah ich, wie der im tiefen Licht glitzernde Flugkörper einen riesigen, an Metallseilen befestigen Kessel ins Wasser senkte, kurz darauf wieder abhob und einen unseren Blicken verborgenen Zielort anflog.

Zuhause angekommen, erkannten Vater und ich den Grund für die Löscharbeiten: Ein paar Kilometer flussaufwärts stand links eine ganze Bergflanke in Flammen. Wir stiegen rasch aus dem Auto und eilten ins Haus, wo Mutter und meine zwei Brüder bereits auf dem Balkon standen und erstaunt und erschrocken zugleich das unheimliche Spektakel beobachteten. Vater, der durch einen Feldstecher auf die fast bis zum Himmel emporragende, gewaltige Woge aus Feuer spähte, begann das Treiben zu kommentieren, liess uns wissen, wie viele Helikopter am Himmel kreisten, wo genau sich die Feuerwehrkräfte der umliegenden Gemeinden aufhielten und in welchem Gebiet sich die Flammen am unerbittlichsten ausbreiteten. Einmal meinte er sogar, er könne die in alle Richtungen davonstiebenden Tiere erkennen: Füchse, Gämsen, Steinböcke,  Hirsche und Rehe. Ein Rehe renne etwa gerade Hals über Kopf hangabwärts, überschlage sich öfters, richte sich aber immer wieder auf und hetze weiter, der Talebene, dem Rotten zu, der ihm, wegen des vom vielen Schmelzwasser bedingten Hochstands, wohl kaum Rettung bieten könne.

Wie lange wir an dem Abend auf dem Balkon standen, weiss ich nicht mehr. Umgehend wurde aber das über mehrere Wochen dahinziehende Beobachten der Löscharbeiten, die im steilen Gelände nur zögerlich zu bewerkstelligen waren, zu einem täglichen Ritual. Während die stets von Neuem auflodernde Glut bis zu zwei Meter tief in den Waldboden hineinkroch, grub sich jene Szene, die Vater durchs Fernglas erblickt hatte, in mich hinein, bis sie des Nachts in meinen Träumen wiederkehrte. Ich stehe am linken Rottenufer und sehe das bellende Reh. Völlig ausser sich galoppiert es am gegenüberliegenden Ufer auf und ab, setzt einen Huf ins Wasser, zieht ihn zurück, fängt erneut zu bellen an. Und hinter ihm brennt es lichterloh. Zwischen uns reisst der Rotten immer ungestümer alles mit, was sich ihm entgegenstellt: Baumstämme, Felsblöcke, Brückenpfeiler. Als die Lage immer aussichtsloser wird, es Feuerfunken zu regnen beginnt und ganze Schilfgürtel in Flammen aufgehen, nimmt das Reh weiten Anlauf, bellt ein letztes, grelles Mal und springt hinaus in die sich türmenden Wogen. Verzweifelt strecke ich beide Arme aus. Doch ein sanddurchsetzter, schlammiger Wall hat das Tier bereits erfasst, zerrt es hinweg und hinab.

Es war das Gekläff eines Hundes, der einem Plastikball nachjagte, das mich jäh aus meinem Tagtraum riss. Einige Sekunden vergingen, bis ich die Aareschwimmer, die in meinem Blickfeld auftauchten und verschwanden, nicht mehr als Schwemmholz oder sonstiges Treibgut wahrnahm. Noch immer leicht entrückt legte ich meine Sachen ab, ging flussaufwärts, wo ich, nur noch in Badehosen, in der Nähe des Tierparks, auf das Geländer einer niedrigen Brücke stieg und mich in die Aare fallen liess.

Ich tauchte ein in das Klirren und Knistern, das Rieseln und Sirren, das Scheppern und Surren und leise Dröhnen, das die von der Fliesskraft des Flusses mittransportierten Steine und Kiesel erzeugten. Mir war, als ob in der Tiefe ein tausendstimmiger, elektrisierender Chor erklänge, der alles, was an Unwägbarem geschah in hellsten Tönen von unmittelbarer Klarheit erlebbar machte.

Seither sind über zwei Jahrzehnte vergangen. Allmählich komme ich mir selber vor wie einer, der klingendes Geröll vor sich herschiebt. Und wenn der Zufall der Beharrlichkeit in die Hand spielt, kommt es auch hier zu Verwerfungen und Aufschichtungen und dazu, dass vielleicht einige Steine aus der Wasseroberfläche ragen und einen imaginären, temporären Fluchtweg bilden, der dem bellenden Reh die Rettung vor dem Inferno ermöglichen könnte.

Peter Weber

aus «Tafelrunde. Schriftsteller kochen für ihre Freunde» (Luchterhand )

1

Im Nachbarort wirkte eine Wunderköchin. Eine schlanke, kleine Frau, altledig, ihre Hände waren immer dampffeucht. Wenn Gäste das Restaurant betraten, grüsste sie aus der Tiefe der Küche, sie konnte ihre heissen Pfannen nicht verlassen. Man hatte länger auf das Essen zu warten, die Gäste nahmen dies in Kauf, sie kochte alles frisch und in der Reihenfolge der Bestellungen. Immer war zu riechen, was sie gerade zubereitete – in Schwellen gingen die Gerüche durchs Lokal und boten über die Tische hinweg Gesprächsstoff. Die Köchin stammte aus dem Kanton Schaffhausen, war just neben jenem Ort aufgewachsen, wo die Schweizer Streuwürze hergestellt wird. Der Geruch von Aromat liegt in jener Gegend in der Luft. Die Köchin aber hatte streuwürzlos kochen gelernt, in einem weltbekannten Fischrestaurant am Rhein, wo die hohe Butterkunst zelebriert worden war – bei Fisch, Kartoffeln und Süssspeisen. Basis für diese Kunst war frische Süssbutter gewesen, fürs Braten zu Bratbutter eingekocht, für bestimmte Gerichte aber wieder mit frischer Butter verfeinert, so hatten sich unzählige Buttermischungen ergeben, jede mit eigenem Namen. Endlich wurde der Salat in einer grossen Schüssel aufgetischt. Die Gäste liebten diesen Salat seiner Sauce wegen – deren Geheimnis war der Essig aus Ostschweizer Landweinen, hiess es, Landweine, die nie besonders süss sein konnten. Essig aus Ostschweizer Landweinen erhielt eine besondere herbe Note, Säureschlucht, adstringierend, den Magen öffnend, hinunterzeigend. Im Keller, hiess es, unterhielt die Köchin in einem grossen Glas eine Essigmutter. –
Den Kopf auf der Höhe der offenen Durchreiche sah ich eines Mittags, was Erwachsene nicht sehen konnten: dass die Wunderköchin nebst Salz auch Aromat auf die Salatblätter streute, nur sehr wenig und fast reflexartig, eine Prise Heimat, gelbe Streue, Kristalle und Flocken, sie lösten sich auf, verschmolzen auf den Blättern zu unsichtbaren Geschmackströpfchen. Über die Säureschluchten ihres Essigs spannte die Köchin aromatbrave Brücken der Normalität. Das Geheimnis ihrer Kochkunst war, dass sie Tiefe und Mitte kombinierte. Bei der Verabschiedung gab sie mir die Hand. Ich hielt es geheim.

2

Aromat enthält Geschmacksverstärker, Speisesalz, Sellerie, Pilzextrakte. Parmesan enthält natürliche Glutamate, ist somit den Geschmacksverstärkern zuzurechnen. Die Streuwürze der Römer, die sie allen Legionären mitgaben und die sie auf geschmacksarme Speisen in der Fremde gaben, war eine Art Sardellenersatz und enthielt natürliche Glutamate. Sind Geschmacksverstärker im Spiel, sagt mein Nachbar, er ist Hirnforscher, isst man mehr und schneller. Gieriger. Es wird weniger gekaut und schneller geschluckt. Geschlungen. Die Bissen sind grösser und die Pausen zwischen den Bissen kleiner. Botenstoffe im synaptischen Spalt am Ende der elektrischen Übertragung: Bei Glutamat handelt es sich neurologisch betrachtet um ein Rauschgift, sagt der Nachbar, um eine suchterzeugende Aminosäurenverbindung, die über die Schleimhäute ins Blut und von dort direkt in unser Hirn gelangt. Glutamat erzeugt künstlichen Appetit. Knorrli, der lachend rote Suppenteufel mit den dicken Waden, der die Kelle schwingend über die Aromatdose rennt, ist Transmissionar. Er wohnt unter Pilzen.

3

Totentrompeten: Meine Mutter fand diese Gewürzpilze in hoher Zahl, sie konnte sie erahnen, erriechen. Mitglieder des Pilzverreins suchten im Ungefähren oder auf der falschen Talseite. Man erkennt die Totentrompeten auf dem Waldboden kaum – kleine, schwarzbraune Körperchen mit Trompetenöffnungen, wo die Hüte wären. Sie strecken zwischen dunklem Laub, den Erdtürmchen, wie sie die Waldwürmer aufwerfen, allzu ähnlich. Ich wurde ausgeschickt, sie aufzusammeln, der Hund begleitete mich, ich agierte auf Schnauzenhöhe. Feuchte Hänge eines Bachtobels, Äste und Wurzeln, an denen man sich festhalten konnte. Bald roch es nach Erdreich, Schlaf und Mohn. Wenn man eine einzige Totentrompete entdeckt hat, finden sich daneben unzählige andere. Sie stehen geschart, in Heeren. Auf dem Rückweg sammelte ich die zuschauenden Milchlinge ein, Publikumsreizker. Wir brachten leuchtorange und grauschwarze Pilze im selben Korb nach Hause – die Reizker bereitete meine Mutter sofort zu, die Hüte in Eigelb und Mehl gewendet und kurz gebraten. Die Totentrompeten jedoch sind frisch gekocht zu faserig, ihr Geschmacksprinzip verdichtet sich erst, wenn sie austrocknen, sich zusammenziehen. Wir legten sie auf Dörrsiebe, Pilzgeist breitete sich aus. Die kleinen Stücke kamen in grosse Gläser. Ich öffnete diese immer wieder kurz, um meine Nase in den Wald zu stecken. In einer Wildrahmsuace entfalten die wieder eingeweichten Pilze ihr dunkles Aroma. Totentrompeten und Rahm: Angelicum. Das Lied der guten Welt.

Rolf Hermann, geboren 1973 in Leuk, studierte Anglistik und Germanistik. Sein Studium verdiente er sich als Schafhirt im Simplongebiet. Rolf Hermann ist Mitglied der Mundart-Combo «Die Gebirgspoeten». Seine Texte wurden ins Arabische, Englische, Französische, Litauische, Polnische, Spanische und Ungarische übersetzt. Heute lebt Rolf Hermann mit seiner Familie in Biel. Er schreibt vor allem Lyrik, Prosa, Hörspiele, Spoken-Word und Theatertexte, oft auch in Mundart.

Der Schriftsteller Peter Weber ist 1968 in Wattwil geboren und dort aufgewachsen, heute lebt er im Toggenburg, in Zürich und zeitweise in Istanbul. Er sucht, wie kaum ein anderer Autor seiner Generation, nach der Musik in der Sprache, nach dem Klang der Wörter und Sätze.
Sein Erstling «Der Wettermacher» wurde 1993 als origineller Wurf gefeiert und trug dem Autor mehrere renommierte Literaturpreise ein. Seither gilt Peter Weber als markant eigenständige Stimme in der Schweizer Literatur. Seine Romane ragen durch ihre musikalische und originelle Sprache aus dem Einerlei der Gegenwartsliteratur heraus, wie die FAZ festhält.

Beitragsbilder © literaturblattt.ch

Der 1. Schreibwettbewerb «Amriswil schreibt» ist Geschichte

Die Stadt Amriswil schreibt viele Geschichten: Schulkinder entdecken ihr literarisches Talent. Am ersten Schreibwettbewerb der Volksschulgemeinde Amriswil-Hefenhofen-Sommeri haben 355 Schülerinnen und Schüler mitgemacht. Die vier Besten sind jetzt ausgezeichnet worden.

von Barbara Hettich

«Ein paar Sekunden» – so lautet der Titel einer Geschichte, die Aline Popp, Schülerin der 3. Sekundarstufe, eingereicht hat. Sie erzählt von einem Dilemma, das ihre Heldin innerlich fast zerreisst: Ihr Freund hat mit dem Auto ihre Eltern zu Tode gefahren. In seiner Laudatio würdigte Jens Steiner, Schriftsteller und Jurymitglied, die Geschichte von Aline Popp:
Aline Popp beschreibt Ambivalenzen behutsam, spürt den emotionalen Umschwüngen akkurat nach und gelangt zu einer Wahrhaftigkeit, die die Jury sehr beeindruckt hat.

An der Preisverleihung im Kulturforum Amriswil am Mittwochnachmittag durfte Aline Popp als Gewinnerin der Kategorie D (Oberstufe) ihren Preis – Urkunde, Büchlein, gravierter Stift und Büchergutschein – entgegennehmen.

Das Thema «Freundin verloren/Freund verloren» war bei der Wettbewerbsausschreibung klar vorgegeben. Und dieses Thema hat insbesondere Mädchen sowie die Fünft- und Sechstklässler (Kategorie C) angesprochen. Jedenfalls wurden in dieser Kategorie die meisten Arbeiten eingereicht.

Maëlle Emma Schenk hat sich durchgesetzt und mit ihrem Text «Für immer verloren …» die Jury überzeugt. Mit klarer Stimme liest sie dem Publikum ihre Geschichte vor. Sie erzählt von einem Mädchen, das seine beste Freundin durch einen Streit verloren hat, eine neue findet, diese verliert und zu guter Letzt wieder findet. Jurypräsident Gallus Frei würdigte die Arbeit der Fünftklässlerin mit folgenden Worten: Maëlle Emma Schenk erzählt mit viel Empathie, ohne die Geschichte mit überschwänglichen Emotionen vollzustopfen.

Mit einer Kriminalgeschichte hat sich Tim Ayan Schnyder auf den vordersten Platz in der Kategorie B (Dritt- und Viertklässler) geschrieben. In der Geschichte «Der Mann mit dem braunen Kittel» erzählt er von zwei Freunden, die von einer Verbrecherbande entführt wurden. Katja Alves, Schriftstellerin und Jurymitglied, fand für die Arbeit anerkennende Worte: Tim wählt für seine Geschichte Motive und Szenarien, die man aus Filmen und Games zwar kennen mag, schafft es jedoch, eine eigenständige spannende Geschichte zu erzählen.

Warum sollen die Bäume im Wald nicht miteinander reden können? Anna Keller hat sich in der Kategorie A (Erst- und Zweitklässler) mit einer kurzen und fantasievollen Geschichte mit dem Titel «Der Wind» in die Herzen der Juroren geschrieben. Journalist und Jurymitglied Urs Bader lobte diesen Beitrag so: Einfühlsam berichtet sie vom Schicksal zweier Blätter, die ausgerechnet nach einem Streit auseinandergerissen werden. Was aus ihnen wird, bleibt offen. Auch deshalb ist die Geschichte anrührend.

«Schreiben soll nicht nur Pflicht sein, Geschichten sollen für ein Publikum geschrieben werden», sagt Gallus Frei, Lehrer und Literaturvermittler. «Es gibt Kunstwettbewerbe, Musikwettbewerbe, Sportwettbewerbe, ja sogar Mathematikwettbewerbe – warum sollte es in unserer Schulgemeinde also nicht auch einen Schreibwettbewerb geben?» Mit dieser Frage hat sich Gallus Frei seit längerer Zeit auseinandergesetzt und vergangenes Jahr den ersten Schreibwettbewerb der Volksschulgemeinde Amriswil-Hefenhofen-Sommeri initiiert. Gallus Frei sass gemeinsam mit dem Journalisten Urs Bader, mit der Schriftstellerin Katja Alves und dem Schriftsteller Jens Steiner in der Jury. Von den rund 1700 Schülerinnen und Schülern von der 1. Primar- bis zur 3. Sekundarklasse haben 355 Kinder und Jugendliche eine Geschichte eingereicht. 50 Geschichten kamen in die engere Auswahl, wurden von den Juroren nochmals gelesen und 20 davon ausgesucht, die nun im Büchlein «Amriswil schreibt 2020/2021» veröffentlicht wurden. Das Büchlein, ausgeschmückt mit Illustrationen von Lea Frei, kann man für 10 Franken im Schulbüro kaufen. «Ich bin sehr stolz auf euch», würdigte Schulpräsident Christoph Kohler an der Preisverleihung das Engagement aller Beteiligten. Einander verstehen sei wichtig, eine gute Sprachbildung sei schon deshalb von zentraler Bedeutung.

Beitragsbild © Barbara Hettich (Die vier Preisträger vlnr Aline Popp, Anna Keller, Tim Ayan Schnyder und Maëlle Emma Schenk)

Für einmal Abenteuer im Kopf in der Turnhalle – Eva Roth liest.

Eva Roth las viermal hintereinander den Kindern aus dem Amriswiler Schulhaus Kirchstrasse aus ihrem aktuellen Roman „Lila Perk“, die Geschichte eines mutigen Mädchens. Wer das Buch liest, hört den Fluss, riecht den Wald und das Feuer und spürt von der verzweifelten Liebe eines verunsicherten Mädchens!

„Setz dich ans Steuer“ ist eigentlich keine Aufforderung, die einem verunsichern könnte, von der man glauben könnte, sie entspringe ein Verrücktheit. Ausser man ist nicht einmal zwölf und der, der die Aufforderung ausspricht, der Vater. Lila staunt über ihren Vater, weil er so plötzlich in die Ferien fahren will, weil er seit ein paar Tagen ein Auto besitzt, weil er nach dem Tod seiner Frau, von Mama, wieder zu sprechen beginnt, nachdem er über Monate mit grau gewordenem Gesicht dahinvegetierte. “Du musst fahren können, wenn mir etwas passiert.“ Und so sitzt Lila hinterm Steuer , übt zu sammeln mit ihrem Vater und fährt, meist nur nachts. Aber was passiert, wenn man sie sehen würde? Wenn jemand dahinter käme, dass ein Vater seine Tochter auffordert, Auto zu fahren?

„Überlebt in der Wildnis – alle wichtigen Tipps“ heisst das Buch, das der Vater über den Tisch schiebt, als er Lila erklärt, dass es an der Zeit wäre, gemeinsam Ferien zu machen. Ein Buch, dass eigentlich so gar nicht zu ihrem Vater passt, der sich bisher kaum für die Natur zu interessieren schien. Eine verrückte Idee. Nicht die gemeinsamen Ferien, aber die Absicht, daraus einen Tripp in die Wildnis zu machen, denn eigentlich wäre Lila viel lieber wie die Jahre zuvor mit ein oder zwei Freundinnen mit Oma und Opa Perk nach Kroatien gefahren. Schwimmen am Meer, Badeferien am Strand.

Aber Lilas Vater hat einen Plan und Oma und Opa Perk müssen verzichten. Was sie stirnrunzelnd tun, denn selbst die Grosseltern spüren, dass es gut sein würde, wenn Vater und Tochter für ein paar Wochen in die Ferien fahren, wenn sie ganz füreinander dasein würden. Und dann gehts tatsächlich los. Mit Zelt, Schlafsack, Vorräten und all dem, was Papas Buch „Überlebt in der Wildnis – alle wichtigen Tipps“ auflistet. Weit weg, in ein Tal hinter dem letzten Dorf, an einen Fluss, über dem der Schotterweg gerade genug Platz fürs Auto lässt. Eine Reise ins Ungewisse, Vater und Tochter ganz alleine. Eine abenteuerliche Reise weit weg, während sich Tochter und Vater ganz nahe kommen.

Eva Roth, die neben Kinderbüchern auch Romane für Erwachsene und Theaterstücke schreibt und als Lektorin in einem Verlag arbeitet, weiss als ehemalige Lehrerin sehr genau, wie sie mehrere Klassen gleichzeitig in einer Turnhalle mit ihrer Geschichte fesseln kann. Jungs und Mädchen von der ersten bis zur sechsten Klasse lauschen gebannt, Kinder, denen es im Unterricht oft schon schwer fällt, zehn Minuten an der gleichen Arbeit zu bleiben, klebten an ihren Lippen, erliegen den Bildern, die die Schriftstellerin zu kreieren weiss.
Das ist Sprachförderung, ein Bad in Geschichten und Sprache, Kopfkino für ein Publikum, dass hungrig ist auf Geschichten mit Tiefenschärfe!

«Eine Turnhalle. Ein rotes Feld und ein blaues Feld, Sitzkissen. Ein Stapel Bücher und ungefähr 160 freundliche, aufmerksame, neugierige und top vorbereitete Kinder: Die Lesungen im Schulhaus Kirchstrasse sind unvergesslich. Wie schön festzustellen, dass der Funke springt – hin und her!» Eva Roth

Rezension «Lila Perk» auf literaturblatt.ch

Pascale Osterwalder «Daily Soap», Graphic Novel, Luftschlacht

Eigentlich ist er ein armer Kerl. Ein halbes Leben wartete er auf seine Bestimmung, seinen Platz, den man ihm versprochen hatte, um dann in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, ein Leben unter Druck auszuhalten, nur geben zu müssen. „Daily Soap“ ist eine ganz besondere Soap, eine Seifenoper der besonderen Art.

Der Held dieser Soap wartet. Zuerst ewig lange, bis sich jemand seiner erbarmt, ihn mitnimmt und bezahlt, bis er seinen Platz gefunden hat in einer der Nasszellen in der Wohnung. Er hatte Monate ausgeharrt, zuerst ganz hinten im Regal, dann vorne, unberührt, bis man ihm eine farbige Etikette verpasste, eine Art Auszeichnung, eine Ermunterung, ihn zu nehmen, ein Entgegenkommen.

Dann steht er dort, am immer gleichen Ort, meist unbeachtet, um dann mit einem Mal hergeben zu müssen, was man hütet, sein ganzes Inneres. Für ganz kurze Momente gehört die Zuwendung ihm, wenn auch nur unter Druck, um sich nachher leer zu fühlen und wieder zu warten. Zischen all den anderen Dingen mit exakter Bestimmung.

Er ist ein Spender, ein Wohltäter, eine Institution für die öffentliche Hand. Jetzt erst recht in Zeiten von Pandemie und grosser Verunsicherung. Auch wenn am Schluss das unweigerliche Ende droht. Das Ende, dem er zuschauen kann, wenn der grosse schwarze Sack erscheint, wenn andere verschwinden, Neues dasteht.

Pascale Osterwalder haucht einem Seifenspender Leben ein, gibt dem Ding für einmal Individualität, ein empfindliches Gefühlskostüm. Die Illustratorin zeichnet mit Bleistift eine Seifenoper der ganz besonderen Art. Und weil beim Luftschlacht Verlag in Wien neben Belletristik, Kinder- und Kunstbücher auch Graphit Novels zum festen Bestandteil des Verlagsprogramms gehören und man sich nicht scheut, der gezeichneten Ästhetik auch die entsprechende Hülle, das haptische Kleid zu geben, ist „Daily Soap“ ein eigentliches Geschenk an all jene geworden, die tatsächlich mit den Augen lesen!

Interview

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Falter?
Ich habe letzten März, während des ersten Lockdowns unter anderem den Falter angeschrieben und mein Seifenspender-Projekt vorgestellt. Der Seifenspender ist durch die Pandemie plötzlich zu einem omnipräsenten Objekt geworden und mein langjähriges Projekt hatte schlagartig an Aktualität gewonnen. Ich hatte mich direkt an Klaus Nüchtern vom Falter gewandt, der gleich begeistert war und es an die ganze Redaktion weitergeleitet hatte. Ich dachte dann, dass sie die Serie vielleicht 5-6 Ausgaben lang behalten würden, aber nun dauert sie bereits ein Jahr lang an – die Pandemie bekanntlich leider auch.

Was war zuerst; der Seifenspender oder Corona?
Das Seifenspender-Projekt habe ich vor gut zehn Jahren begonnen und über die Jahre sind immer wieder Zeichnungen, Animationen, Texte, kleine Skulpturen dazugekommen; mit kleinen Ausstellungen und Filmscreenings. Vor ca. drei Jahren habe ich begonnen an der Buchidee zu arbeiten. Die Verlagssuche gestaltete sich aber eher schwierig, weil depressive Seifenspender lange doch eher ein Randthema waren. Da hat die Pandemie dem Projekt einen ordentlichen Schub beschert.

Sie hauchen Dingen Leben ein. Sieht jemand, der so genau schaut wie Sie, anders?
Während meiner Zeit als Artist in Residency in New York habe ich meinen verspielteren Blick auf die Welt zurückgewonnen, (Das war vielleicht das beste an dem Preis) und wieder begonnen, meine eigenen Geschichten aufzuschreiben, zu zeichnen und zu animieren. Während der Ausbildung war das oft nicht so gefragt oder kam einfach zu kurz. In meiner kleinen Wohnung in New York habe ich auch zum ersten Mal den Seifenspender als Charakter wahrgenommen. Da habe ich mich sehr frei gefühlt, ich musste nichts abliefern, kein Produkt, ich musste nichts definieren. Plötzlich war alles möglich – ich glaube, das macht auch diese Stadt mit einem – und die Dinge haben angefangen zu leben. Diese Stop-Motion-Filme sind damals entstanden: https://www.elaxa.ch/portfolio/fox-bear/ und auch dieses Projekt mit meiner erfundenen Gans: https://www.elaxa.ch/portfolio/meandmygoose/ 
Jetzt helfen mir auch meine Kinder, diesen verspielten Blick zu bewahren.
Ich weiss nicht, ob ich anders sehe. Es macht mir einfach Spass, mir vorzustellen, wie es einem Gegenstand ginge, wäre er ein Lebewesen oder hätte er Gedanken. Und so sehe ich manchmal in Anordnungen von ein paar Flaschen oder Putzmittel ganze Beziehungsdramen. Manchmal reicht eine gewisse Perspektive und das Ding wird zum Charakter.

Aus ihren Zeichnungen, aus dem ganzen Buch spricht viel Respekt, Liebe zu den Dingen. Aber nicht die Liebe eines Messis, eines Konsumsüchtigen, sondern die Liebe und der Respekt eines Menschen, der hinter die Dinge zu schauen weiss. Steckt hinter dem Buch auch eine Mission?
Es ging mir nie um eine Mission, aber ich bekomme viele Rückmeldungen, dass Leute ihre Seifenspender jetzt mit anderen Augen sehen. Und wenn das Buch dazu beiträgt, dass man Skrupel bekommt, seinen leeren Seifenspender wegzuwerfen und ihn stattdessen wieder auffüllt, dann macht mich das froh. 

Sie sind Illustratorin. Ein steiniger Weg?
Steinig würde ich nicht sagen. Ich habe es über die Jahre geschafft, neben Grafikaufträgen, immer mehr mit Illustrationen zu verdienen. (Aber ab und zu tut ein unkreativer Auftrag auch ganz gut, das kann man einfach abarbeiten.) 
In den letzten Jahren habe ich immer mehr versucht, meine eigenen Projekte voranzutreiben, was aber neben den Auftragsarbeiten, die das Geld einbringen (und Kindern), nicht so einfach ist. Der neuerliche Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung im Dezember 2019 hat mir dabei geholfen. 
Es ist jetzt gerade noch ein anderes Buch im Druck, das der Zürcher Verlag everyedition.ch herausbringt. Es heisst „All I ever had, went down the drain.“, ist auf English und mit einem ziemlich dicken schwarzen Pinsel-Filzstift gezeichnet und geschrieben. Es ist inhaltlich roher und direkter. Ein gezeichneter Monolog des Seifenspenders, der den Besitzer direkt anspricht. 

(Wiedergabe der Illustrationen mit freundlicher Genehmigung des luftschlacht Verlags)

Auf der Webseite der Autorin findet man sogar animierte Kurzfilme, die nicht nur den Seifenspender bewegten!

Pascale Osterwalder «Daily Soap» Aus dem Leben eines Seifenspenders, Luftschlacht, 2021, 134 Seiten, CHF 26.90, ISBN 978-3-903081-88-8

Pascale Osterwalder, geb. 1979 in der Ostschweiz, ist selbständige Illustratorin, Grafikerin und Animationskünstlerin. Sie studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich und landete nach einer Artist in Residency in New York schliesslich in Wien. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich hauptsächlich mit dem Eigenleben von Alltagsgegenständen. Ihre Seifenspenderzeichnungen erscheinen derzeit wöchentlich im «Falter».

Webseite der Illustratorin

Beitragsbild © Albert Waaijenberg

Vier wirklich gute Bücher?

Nummer 55 ist in Arbeit! Jedes Mal ein Abenteuer für mich. Jedes Mal ein Wagnis. Jedes Mal vier Bücher, für die ich meine Hand ins Feuer lege, die wohl auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu überzeugen verstehen, ganz bestimmt mit Qualitäten, die es sich lohnt zu erlesen!

Wer Lust hat, ein 10minütiges Interview über die Entstehung der Literaturblätter zu hören, dann klicken sie hier:

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«Sehr schön, besonders, nicht einfach ein Flyer, sondern ein kleines Kunstwerk über die Literatur hinaus.» Karl Rühmann

«ich bin etwas schmähstad, kann nur sagen: das blatt macht mich platt. ich freu mich sehr, lieber herr frei, und sage: herrlich, tandaradei! große freude! d a n k e . in heller vorfreude auf alles weitere und mit lieben grüßen» Christian F.

«Mit Farben zwischen Worten und Namen, schillernd, strahlend, in Steine gefasst, opalin, so kommt das 54. Literaturblatt ungemein leuchtend daher: eine Freude. Und die Worte und die Farben weisen, als strahlender Navigator, auf das hin, was Texte immer sein möchten: mit Sprache zu benennen auf Hoffnung hin, wie Bobrowski sagte: die Hoffnung auf Lesende, auf eine andere Welt, auf andere Zeiten, hinaus aus den Virenwolken, hinein in einen Frühling von Knospen und knospenden Silben, die Wege öffnen in die Welt der Bücher, das Wunder des Literarischen. Höre also Leser, Leserin, «udirai nuovo ludo, den neuen Gesang».» Urs Faes

«Erst neulich noch mit Sandra Gugic durch den Viktoriapark gelaufen und jetzt finde ich uns beide im neuen Literaturblatt, wie schön! Mit Urs Faes vor Jahren einmal korrespondiert und immer wieder gedacht, hoffentlich lernen wir uns mal kennen; und jetzt auch mit ihm in der neuen, so schön blau-grünen Ausgabe. Nur Christian Futscher ist mir noch unvertraut, aber nicht mehr lange. Werde ihn lesen, das Vaterthema interessiert mich, die Vaterlose sehr. Tolle Gruppe. Danke Gallus für deine liebevolle Arbeit.» Zora del Buono

Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag

Vielleicht ist es die Sehnsucht des Menschen nach der perfekten Maschine, der perfekten Hilfskraft, des perfekten, bedürnislosen Dienens. Ganz sicher ist er der Reiz des Machbaren, Erschaffer:in zu werden. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Ein Roman, der den menschlichen Code zu knacken versucht, jenes Geheimnis, das uns zu Menschen macht.

Schon in ihrem letzten Roman „Knochenlieder“ spielte Martina Clavadetscher derart gekonnt und verblüffend mit ihrer Sprache, ihrem Sound, ihrer Konstruktion, ihrem ganz eigenen Instrumentarium, dass sie für mehr als „nur“ den Schweizer Buchpreis nominiert wurde. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die grosse Schwester ihres letzten Romans. Formal ähnlich gestaltet (im Flatter- nicht im Blocksatz), manchmal fast an Lyrik erinnernd, über weite Strecken geschrieben, als wäre die Autorin monologisierend auf einer schwarzen Bühne im Scheinwerferlicht, das Szenario in den Köpfen der Zuhörer:innen aufsteigen lassend. „Die Erfindung des Ungehorsams“ geht aber noch einen Schritt weiter, steht „Knochenlieder“ in nichts nach, überflügelt ihn.

„Ihr Leben verläuft nach Plan.“

Martina Clavadetscher will nicht einfach eine spannende Geschichte erzählen. Sie erzeugt während des Lesens das Bewusstsein, wie schmal der Grat zwischen Realität und Künstlichkeit ist, wie nah wir uns in unserer Gegenwart einer bedrohlich werdenden Zukunft nähern, wohin uns unsere Fantasielosigkeit gepaart mit Profitdenken führen kann, wie klein der Unterschied ist zwischen Menschlichkeit und Automatismus. Dabei rankt sich ihre Sprache in Sphären, die in der deutschsprachigen Literatur nur selten anzutreffen sind. Ihre Sprache, ihr Erzählen ist alles andere als künstlich und schafft einen erstaunlichen Kontrast zum fast blutleeren Geschehen in der Geschichte.

„Gesetzmässigkeiten tarnen sich bloss mit Willkür, damit das Logische nach aussen unlogisch wirkt.“

Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag, 2021, 288 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-293-00565-5

Iris lebt irgendwo in Manhattan in einem Penthouse. Sie erwartet Gäste, wartet mit Ungeduld. Es wird eine kleine Party sein, wie immer und jedes Mal, mit Godwin und Wollstone, zwei älteren Damen. Iris hat den Part der Erzählenden, während die Gäste lauschen. Iris erzählt aus dem Leben von Ada, Ada Lovelace, die es wirklich gab, die vor mehr als 200 Jahren in England lebte und die Tochter jenes berühmt, berüchtigten englische Dichters Lord Byron (1788–1824) war, den sie aber nie kennen lernte. Von ihrer gestrengen Mutter (im Buch Übermutter) erbte sie das überdurchschnittliche Geschick mit Zahlen, das sie schon in jungen Jahren mit dem Mathematiker Charles Babbage zusammen brachte, der eine Differenzmaschine entwickelte, etwas, das sich als Vorläufer der heutigen Computer entpuppte. Ada, einst ein kränkliches Kind, von der Mutter überbehütet, um es aus dem langen Schatten ihres unseligen Vaters zu zerren, entwickelte mit Charles Babbage die Idee einer Maschine, die weit mehr kann, als jene Spielmaschinen, mit denen man damals ein Publikum zu faszinieren vermochte.

In „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die Geschichte eingebetet in jene der „Halbschwester“ Ling, die an einem andern Irgendwo irgendwann Arbeiterin in einer Produktionsstätte für Sexpuppen ist, alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, einer Fanny Lee, die die Hauptdarstellerin eines Film ist, den Ling längst zu ihrem Lebensbegleiter gemacht hat, den sie immer wieder in ihren dämmrigen Feierabenden sieht, nach Tagen, die zwischen Fabrik und Wohnsilo immer gleich aussehen. Lings Arbeit in der Fabrik ist es, die Körper nach dem Guss nach Silikonresten zu untersuchen, bevor sie noch ohne Kopf an einen Haken gehängt werden, um in einer nächsten Halle mit dem Haupt versehen zu werden, einem Modul, das interaktiv auf einen zukünftigen Besitzer regieren soll.

„Ling, das Programm hat gelernt zu lügen.“

Ling ist einsam. Bis sie einen der kopflosen Körper mit nach Hause nimmt, bis sie Jon B., einen der Wachmänner der Sexpuppenfabrik bei sich zuhause einlässt, bis der Wunsch nach Gemeinschaft aus den Treffen in Lings Wohnung Konspiration werden lassen und ein Wagnis daraus entstehen soll.

Martina Clavadetscher verwebt die verschachtelten Erzählstränge aber so, dass ich als Leser nie den Überblick verliere, gewisse Details und Feinheiten aber doch nur bei ganz genauer Lektüre zum Vorschein kommen. So wie etwa das Detail, dass hinter den Namen Godwin und Wollstone die Mutter der Schriftstellerin Mary Shelley, der Schöpferin Frankensteins, Mary Wollstonecraft-Godwin verbirgt. Frankenstein, ein Diener, ein Geschöpf aus der Hand eines Menschen, abgekoppelt von einer natürlichen Ordnung.

„Das Unzähmbare lebt. Es keimt. Und bringt etwas ganz Eigenständiges hervor.“

Martina Clavadetscher gelang mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ Erstaunliches und Verblüffendes! Der Roman bietet genau das, was sich Leser:innen wünschen, die mehr als nur unterhalten werden wollen. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist vielschichtig, vieldeutig und poetisch zugleich!

© Ingo Höhn

Martina Clavadetscher, geboren 1979, studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie. Seit 2009 arbeitet sie als Autorin, Dramatikerin und Radio-Kolumnistin. Ihr Prosadebüt «Sammler» erschien 2014. Für die Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin am Luzerner Theater. Mit ihrem Theaterstück «Umständliche Rettung» gewann sie 2016 den Essener Autorenpreis und war im selben Jahr für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für «Knochenlieder» erhielt sie 2016 den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung und wurde 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert.
Martina Clavadetscher lebt in der Schweiz.

Rezension und Interview zu «Knochenlieder» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Ingo Höhn