Christian Kracht „Eurotrash“, Kiwi #SchweizerBuchpreis 21/4

Christian Kracht hat seinen Roman «Eurotrash» aus dem Rennen des Schweizer Buchpreises genommen. Aber auch wenn sich der Autor aus dem Wettbewerb ausklinkte, melde ich mich als Buchpreisbegleiter. Ich melde mich, weil ich sein Buch gelesen habe und es vielleicht nicht getan hätte, wäre sein Name nicht auf der Shortlist gestanden.

So wie es andere Bücher nie auf die Oberfläche des allgemeinen Interesses schaffen, so tun es andere auf jeden Fall. Und es gibt Bücher, an denen die Medien, Jurys und der Buchmarkt schlicht nicht in der Lage zu sein scheinen, an ihnen vorbeizugehen, weil sich allein die Beschäftigung mit ihnen lohnt, in Sachen Publicity oder in der Brieftasche selbst.

Ich möchte vorausschicken, dass ich zwei Bücher von Christian Kracht über die Massen schätzte und gerne gelesen habe: «Imperium» und «Die Toten» mit dem er 2016 den Schweizer Buchpreis in Empfang nehmen durfte (auch wenn man Dankbarkeit damals nicht aus seiner Reaktion lesen konnte). Beide Romane sind hohe Sprachkunst, genial konstruiert und wie immer bei Christian Kracht genial inszeniert.

Christian Kracht kann zwei Dinge unbestreitbar: Schreiben und Verunsichern. Das beweist er mit seinem Roman «Eurotrash», der es nun, als wäre es perfekt inszeniert, auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Ein Roman, der mich als Leser gleichermassen faszinierte wie befremdete. Das tut dem Roman keinen Abbruch, denn ich unterstelle dem Autor, dass er genau das will. So wie er mich mit seinem Roman verunsichert, so verunsichert er mich als Person. Ich unterstelle dem Autor, dass er sich als Person und Schriftsteller perfekt vermarktet. «Christian Kracht» ist eine Marke, bei dem alles aufhorcht, wenn er sich ankündigt. Ein lebendiges Pulverfass, ein Funkelstein, der schwindlig macht, wenn man ihn lange genug fixiert.

Christian Kracht «Eurotrash», Kiepenheuer & Witsch, 2021, 224 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-462-05083-7

Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt. Eine von Familie und Geschichte beschädigte alte Frau fährt mit ihrem von Familie und Geschichte beschädigten Sohn mit einem Taxi und einer prallvollen Plastiktüte Geld kreuz und quer durchs Land. Eigentlich tun sich beide gegenseitig nicht gut, bezichtigen sich aller erdenklichen Versäumnisse und Quälereien. Eine Tour durch ein Land durch Städte, die sie beide nicht mögen, manchmal sogar hassen, eine Tour durch Erinnerungen, die sie beide nicht mögen, manchmal sogar hassen. Eine Mutter und ein Sohn. Eine Bindung, die sich nur schwer mit Begriffen wie «Liebe», «Geborgenheit» uns «Wärme» verbinden lässt. Eine Bindung zwischen maximaler Abneigung und untrennbarer Nähe. Jeder, der liest, hat eine Mutter. Wir wissen, wie fragil eine solche Beziehung sein und werden kann. Darum schmerzt die Lektüre dieses Buches zuweilen körperlich. Nicht weil ich denke, dass der Autor die Wirklichkeit abbilden will – keinesfalls. Zuletzt bei Christian Kracht. Aber weil das Hickhack zwischen Mutter und Sohn so meisterhaft und klug inszeniert ist, dass es zumindest bei mir einen Nerz trifft, der bei der Lektüre empfindlich reagiert. Genau das, was ein Autor doch will. Einen Nerv treffen. Lesende konfrontieren, sie zur Auseinandersetzung zwingen.

Man liest «Eurotrash» nicht zur Erbauung. Und meiner Mutter würde ich das Buch zuletzt schenken. Eben perfekt inszeniert. Ein Spiel. Eine Inszenierung. So wie die Figur Christian Kracht auch. Was kann sich ein Autor mehr wünschen, dass sich eine ganze Szene Händeringen fragt, was denn der Autor eigentlich beabsichtigt. Aber möchte ich als Leser bespielt werden? Zu oft nicht. Für einen Kracht reicht es -allemal.

Fazit: Wenn sie sich trauen, dann lesen sie ihn. Wenn er ihnen nicht gefällt, ist das kein Indiz, dass der Roman nicht gut ist.

Webseite des Autors

Beitragsbilder © leafrei.com

Hansjörg Schertenleib «Offene Fenster, offene Türen», Kampa

Hansjörg Schertenleib wagt einiges: Ein Lehrer, der sich zu Sex mit einer Schülerin hinreissen lässt. Ein Video, der den heftigen Akt dorthin trägt, wo der Mob nur lüstern darauf wartet und eine junge Frau, die sich ihrer Macht mit jeder Faser ihres Körpers bewusst ist. Ein Roman, der nicht in die Gegenwart zu passen scheint – und deshalb genau richtig ist!

Was muss passieren, bis man das Leben führt, das man eigentlich in sich trägt? Ist man dann erst reif und erwachsen genug? Caspar Arbenz ist Schlagzeuger, fünfundfünfzig und Lehrer an einer Musikschule, verheiratet, leidlich glücklich und Vater eines Sohnes, der als Arzt all das erreichte, was der Vater bislang nicht schaffte; Konstanz und Souveränität. Juliette ist neunzehn, studiert Gesang und ist für wenige Lektionen Rhythmik sogar die Schülerin von Arbenz. Nicht dass sie verliebt gewesen wären, weder Juliette noch Arbenz. Aber an jenem Abend an der Jazzschule, nach einem Konzert, zuerst an der Bar, dann in den Gängen, am Schluss in einem vollgestellten Proberaum, in dem sie sich alleine glaubten, setzte sich fort, was wie ein Spiel begonnen hatte; ein Spiel von Macht, Rausch und Fatalismus.

Aber als am nächsten Tag in den Sozialen Medien ein zweiunddreissig Sekunden lange Film auftaucht, der unmissverständlich zeigt, was im Halbdunkel geschah, mehr als deutliche Bilder der jungen Frau und ihres Lehrers zeigen, kippen zwei Welten. Beide heisst man vorerst von der Schule fernzubleiben, Arbenz Frau verlässt Wohnung und Ehe, es droht Suspendierung und Kündigung. Juliette spürt das Beben zuerst in ihrer WG und dann mit voller Kraft dort, wo sich bislang ein ganzes grosses Stück ihres Lebens abspielte; im Netz. Der sensationsgeile Mob stürzt sich auf die beiden, macht sie gleichermassen zu Opfern und Tätern. Man urteilt und richtet, als hätte der reisserische Mob nur darauf gewartet, sich aus der Coronaerstarrung auf jene zwei Leiber zu stürzen, die taten, was in einer heuchlerischen Gesellschaft gut getarnt schon längstens plattgemachte Tatsache ist.

Hansjörg Schertenleib «Offene Fenster, offene Türen», Kampa, 2021, 256 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-311-10064-5

Man mag sie beide nicht. Aber muss man Protagonist:innen mögen? Die junge Frau, die selbstverliebt genau weiss, wie sie mit ihrer Macht spielen kann, wie sie jedes Spiel zu gewinnen glaubt? Den alternden Lehrer mit Lederjacke und ausgetragenen Jeans, der ebenso an seine Unwiderstehlichkeit glaubt, sowohl musikalisch wie als Mann? Beide weigern sich, sich der Konsequenzen ihres Tuns bewusst zu sein. Juliette ist bas erstaunt, dass man sie zur Schlampe erklärt, Arbenz, dass die eine Affäre mehr genügt, dem Arrangement seiner Ehe die Luft abzudrehen. Und doch mag ich sie, weil Hansjörg Schertenleib die Menschen in seinem Roman zeigt, wie Menschen wirklich sind. Wie naiv zu glauben, man müsse ausgerechnet in der Literatur, in der Kunst, den Lesern schmeicheln. Manchmal sehne ich mich nach Autoren wie Thomas Bernhard, die sich am Höhepunkt ihrer Popularität nicht scheuten, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, schamlos zu zeigen, was wirklich ist. Arbenz muss das Leben mit allem ins Gesicht schlagen, um ihm sein verkorkstes Leben vorzuführen. Und Juliette gerät gnadenlos in einen Cyberstrudel, der sie zu Gedanken zwingt, die sie sich nie gemacht hätte, hätten jene zweiunddreissig Sekunden nicht zurückgeschlagen. Beide flüchten, Arbenz in die alte Werkstatt seines Vaters am Rande eines Dorfes und Juliette ins Burgund, wo ihr Vater ein kleines Hotel trotz Corona am Laufen zu halten versucht.

Dienstag, 26. Oktober, 20 Uhr, im Kultbau St. Gallen, Konkordiastrasse 27: Hansjörg Schertenleib liest aus seinem Roman «Offene Türen, offene Fenster». Kollekte, Anmeldung unter kultbau.org
© Milena Schlösser

Aber was den Roman zu einer Perle macht, ist seine Sprache, die ungeheure Intensität seiner Beschreibungen, die Nähe zu seinen Protagonist:innen. Alle die filigranen Kleinigkeiten, die nicht zufällig in den Roman eingestreut sind, so wie immer wieder einmal ein toter Vogel oder eine alte Obdachlose mit sybillischem Dialog. Und all die Fragen, die der Text ganz leise stellt, die mich als Leser nicht loslassen. Ob man jene kennt, die einem am nächsten sind. Ob wir den richtigen Fährten folgen. Hansjörg Schertenleibs Roman ist ein starkes Stück Literatur, eingetaucht in den Sound der Gegenwart. Ehrlich und direkt!   

Und so ganz nebenbei: Ist doch gut, dass es bei Kampa neben den vielen Krimis auch noch Platz für Feinkost hat!

Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller «Das Zimmer der Signora» und «Das Regenorchester» wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 bei Autun im Burgund. Im Kampa Verlag sind auch «Die Fliegengöttin«, «Palast der Stille» und die Maine-Krimis «Die Hummerzange» und «Im Schatten der Flügel» erschienen.

«Der Stich» Kurzgeschichte von Hansjörg Schertenleib auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © DavidClough

«Tūmūhaimana!» Feuer mit Michael Hugentobler #SchweizerBuchpreis 21/3

«Allein für die Stuckaturen im Bodmanhaus würde ich lieber heute als morgen zurückkommen. Und für den knarrenden Boden. Und für die Treppe, deren Tritte alle eine unterschiedliche Höhe haben. Und für die Menschen, die so spannende Fragen gestellt haben und so freundlich und aufgeschlossen waren. Und ganz allgemein für die Zwiebeltürme an der Drachenburg und den Schiffsteg von Gottlieben.» Michael Hugentobler

Michael Hugentobler, einer der Nominierten des diesjährigen Schweizer Buchpreises, war mit seinem Roman «Feuerland» Gast im Literaturhaus Thurgau, mit einem Roman um den drohenden Verlust von Geschichte, über Besessenheit und Leidenschaft und die Magie der Sprache!

Für sein Schreiben zu recherchieren, ist das eine. Nichts über gute und gewissenhafte Recherche! Wenn das Geschriebene danach, die eigentliche Geschichte aber vom leicht abgestandenen Geschmack der Recherche durchzogen ist oder gar der Eindruck entsteht, der oder die Schreibende müsste mit jeder Formulierung den Gehalt oder die Tiefe der Recherche beweisen, dann kann Recherche aufstossen, dann wird das Geschriebene zum Machwerk. Dass Michael Hugentobler die Recherche zu seinem Roman über ein Buch, ein Wörterbuch über die Sprache der mittlerweile ausgestorbenen Yamana-Indianer, das er durch ein ganzes Jahrhundert begleitet, von Patagonien bis ins British Museum in London, zu einem wichtigen Instrument des Erschaffens machte ist klar und nachvollziehbar. Michael Hugentobler ist Reporter! Und wenn etwas den Reporter auszeichnet, dann ist es eine solide Recherche. Aber Michael Hugentobler drängt alles, was nach Wissen und Recherche riecht bei seinem schriftstellerischen Schreiben in unmerklichen Hintergrund. Sie trieft und schwitzt nicht! Er verbirgt sie gekonnt hinter Erlebtem, Aufgeschnapptem, hängt sie hintergründig an seine Fantasie und Fabulierkunst.

© leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Ein Wörterbuch, verfasst von einem britischen Missionar im dünn besiedelten Patagonien des 19. Jahrhunderts wird zum letzten Rest einer ganzen Kultur, die durch Kolonialisierung, eingeschleppte Krankheiten, Goldrausch und Christianisierungsversuche vernichtet wurde. Ein Wörterbuch, dass windige Polarforscher und schrullige Völkerkundler wie einen Schatz, einen Gral durch die Zeit tragen.

Eigentlich Wunder genug, dass es ein Roman über verschrobene Wissenschaftler und eifrige Missionare, ein Buch über ein Buch, ein Roman, in dem Frauen nur am Rande vorkommen und dann auch noch ziemlich schnell sterben, auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises schafft. Selbst das Thema eines vernichteten Volkes scheint in einer Zeit, in der man sich schamlos des Begriffes «Genozid» bedient, nicht unproblematische und schon gar nicht verkaufsfördernd zu sein.

Aber «Feuerland» ist ein Roman, der funkelt, der Türen aufreisst. Wenn es ein Buch schafft, Reiseführer in verborgene Innen- und Aussenwelten zu sein, wenn es mich mitnimmt zu Wanyamwezi-Gesängen oder Nongkrem-Fabeln, wenn man im Lesen Napfschnecken und Mähnenrobben isst und erfährt, dass man mit Schwefelkies und einem Pilz namens Gunda Feuer machen kann, dann werde ich als Leser glücklich, weil Michael Hugentobler den Szenerien jenes Leben einhaucht, dass nur der Gereiste erzeugen kann.

Ein wunderbarer Abend mit einem wunderbaren Buch und einem wunderbaren Schriftsteller!

Liebe Manu, lieber Gallus #SchweizerBuchpreis 21/2

Manuela Hofstätter (lesefieber.ch) und Gallus Frei (literaturblatt.ch) sind mit ihren Webseiten die offiziellen Buchpreisbegleiter des Schweizer Buchpreises 2021.

Ein Mailwechsel zum Thema:

Liebe Manu,
dass die Zeiten hart und wirr sind, brauche ich nicht zu erläutern. Auch dass es für Kulturschaffende und all jene, die an diesem Geschehen mitgestalten schwierig ist, muss nicht nacherzählen werden. Die Medien sind voll davon. Wir beide als Literaturvermittler (ich verzichte für einmal auf ein Genderzeichen, weil es in diesem Fall einfach doof ist) hatten auch Abstriche zu machen. Auch solche, die weh taten. Aber eines blieb: Das Buch und das Lesen. Was gab und gibt dir das Lesen in diesen Zeiten? Hat sich der Akt des Lesens verändert?
Gallus

Lieber Gallus,
du hast ja so recht und es ist in aller Munde, die Welt steht kopf zurzeit. Ich versuche mich richtig zu verhalten und leide aber unter der Unmenschlichkeit, die zunehmend überhandnimmt. Ja, was bleibt, ist das Buch und das Lesen, ich bin sicher, die Menschen lesen mehr denn je zuvor und ich meine dabei nicht die Berichterstattung der Medien, ich merke tatsächlich, es wird zum Buch gegriffen. Mein Leseverhalten hat sich tatsächlich verändert, ich habe einen neuen Lesesessel, der ist so bequem, ist das Buch nicht gut, schlafe ich ein. Mein Sessel unterstützt mich also bei meiner Wahl, was es zu lesen gilt. Auch was die Genres betrifft, bemerke ich eine Veränderung, ich habe mich nach erheiternder Literatur umgesehen und merke, Humor ist sehr kostbar und wichtig für mich, aber auch dem Krimi habe ich mehr Raum gegeben, der lenkt mich von allem ab und ich hänge plötzlich an dicken Büchern, gerne historischen Romanen, in eine vergangene Zeit einzutauchen, das finde ich momentan das Herrlichste. Die Belle époque etwa hat mich überaus gefesselt. Was meinst du, lese ich mich aus unserer problematischen Zeit hinaus? Ich werde mich nun mit den nominierten Büchern befassen, ich bin gespannt, wie du diese lesen wirst. Warst du auch überrascht von dieser Auswahl? Welches Werk wirst du nun zuerst lesen? Fragen über Fragen, ich bin eine neugierige Kollegin und ich freue mich auf diesen Austausch mit dir. Sei herzlich gegrüsst
Manu

Liebe Manu,
ich glaube, dass das Aus-der-Zeit-lesen zu jeder Zeit legitim ist, selbst dann, wenn es eine Flucht vor den aktuellen Problemen der Zeit ist. Lesen ist doch immer zu einem gewissen Teil Unterhaltung. Man will weggetragen werden, versinken, sich von Sprache verzaubern lassen. Schön, wenn sich beides verbinden lässt; das Hineintauchen in eine neue Welt und die Selbstreflexion während der Lektüre. Ich liebe Bücher, die das alles verbinden. Bücher, die Räume gegen innen und gegen aussen öffnen. Bücher, die mich nicht nur mit einer Geschichte locken, sondern die Sprache zu einem Instrument werden lassen, das zuweilen virtuos gespielt wird.
Klar überrascht mich die Liste der Nominierten des Schweizer Buchpreises jedes Jahr, aus ganz verschiedenen Gründen. In jedem Fall reibe ich mir die Augen. Da sind die einen Bücher, die ohne die Nomination völlig an meinem Blick vorbeigegangen wären, bei denen ich froh bin, dass mich die Liste laut auffordert. Zum andern sind es jedes Jahr Namen, die ich vermisse. Wie sollte es auch anders sein, bei 5 Nominierten. Wäre ich in der Jury des Schweizer Buchpreises, dann … es lebe der Konjunktiv. 
Fazit meiner ersten Gedanken zu den 5 Namen: Wie immer versucht sich die Jury in Ausgewogenheit, was eigentlich unmöglich ist. Nach der letztjährigen Buchpreisträgerin Anna Stern sind es drei Männer und zwei Frauen. Nett, dass man auch zwei Debüts mit ins Rennen schickt, auch wenn es noch nie ein Erstling aufs Podest schaffte. Aber schlussendlich schafft die Jury die Überraschung ja dann doch. Warum kein Debüt, wird doch das eine Buch hervorgehoben und nicht das Werk. Warum nicht, der eine, der den Preis schon einmal entgegennehmen durfte, auch wenn es das meines Wissens auch in unserer Nachbarschaft ich nie gab. Warum nach zwei Preisträgerinnen nicht noch einmal ein Frau, ist das Buch doch sächlich.
Ich lese gerade eben „Eurotrash“ von Christian Kracht. Sprachlich ganz eigen und bestechend.
Liebe Manu, wenn man dich in die Jury setzen würde, welche Linsen würdest du bei der Auswahl deiner Favoriten aufsetzen? Was wäre dir wichtig?
„Lesen hilft immer.“
Gallus

Lieber Gallus, 
verzeih, es sind ein paar Tage verstrichen, es hat «gekracht», ich bin mir sicher, die Lektüre von «Eurotrash» wird Dich dennoch beschäftigen. Gewinnt Kracht gar den Deutschen Buchpreis? Zu deiner Frage, ich habe tatsächlich Erfahrungen sammeln dürfen, was Juryarbeit betrifft, ich kann daraus nur eine Erfahrung ziehen, die Entscheide sind immer Wundertüten, hinter denen dennoch intensive Arbeit steckt. Ich gestehe, ich sässe gerne einmal in der Jury beim Schweizer Buchpreis, ich bin ja Buchhändlerin und somit beantworte ich deine Frage recht lapidar, ich würde mein Augenmerk beim Wählen der Favoriten ganz und gar auf meine Intuition setzen. Dies heisst: Welches Werk berührt mich, aus welchen Gründen auch immer, welches Werk vermag viele Lesende zu bewegen? Schliesslich geht es immer um eine Beziehung, die da eingegangen wird zwischen einem Werk und seiner Leserschaft. Mich würde es auch erfreuen, wenn die Jury nicht alleiniges Entscheidungsorgan sein würde, ich weiss aber, wie heikel das ist, ein Publikumsvoting dazuzunehmen. Wir sind ja schliesslich nicht bei irgendeinem kuriosen Wettbewerb, nicht wahr, wir sind hier beim Schweizer Buchpreis. Wobei, lieber Gallus, so ein «fresh up» würde dem Schweizer Buchpreis doch ganz guttun, oder nicht? Bin ich da zu forsch, was meinst Du, kannst Du Dir vorstellen, diesen Preis ganz anders auszurichten? Auf zu neuen Ufern, das gefällt mir immer, doch oft befinde ich dennoch, Schuster bleib bei deinen Leisten …
Ganz anregende und herzliche Grüsse an Dich 
Manu
 

Valentin Moritz «Versatzstücke», Plattform Gegenzauber

Erste Tage

Wohne auf drei Etagen. Ausblick: Weinhang, Altstadt, Burg. Und unten ein Garten – es Gärtli. Anfangs verregnet, aber die Gesichter offen, der Empfang sehr herzlich. Ich: leicht überfordert, dankbar.
Und dann?
Wie psychedelisch die Muster der Fensterläden!
Wie elegant durchdacht die Velowege!
Und wie gsund sie alle sind, die Lütt.
Der Rhy hat Zug, man fragt sich, wieso es das Wasser so eilig hat davonzukommen. Welle um Welle brandet gegen die Kaimauer unterm Kloster Sankt Georgen, dann schnell weiter, ab Richtung Meer. Alles also im Fluss. Die Grenzen: fließend (sprachlich, kulturell). Der Besucherstrom: nicht abreißen wollend. Und das Schreiben? Eh.
Hinterm Ponti sind die schönsten Badestellen.
Auf Tinder ein Match, juhu.
Und abends, bei der Arte-Doku über den chinesischen Kingpin Xi Jinping, wird es mir ganz anders. Das kann ja noch heiter werden!
Und dann wird es heiter.
Und dann fährt ein Herr mit graumeliertem Haar vorbei, im babyblauen Cabrio, und sorgenfaltenfrei die Stirn. Und Horden. Horden von E-Biker:innen! Generalmobilmachung der Generation Gold! Schwarz-Rot-Gold vor allem, aber auch aus aller andern Damen und Herren Länder. Tagsüber. Abends dann dominieren hiesige Männergruppen das Bild. Epiphanie: Tausche Schweizerdeutsch gegen Arabisch, den ungeschwefelten Wein gegen gezuckerten Tee, und bist wie zurückversetzt in deinen Neuköllner Kiez … Einer ruft mir hinterher: Du bisch ä Spezielle! Und ich fühl mich willkommen, irgendwie. Er mag mein Haar, so rot. Ich lasse es von meinem Turm herab. Aber niemand kommt, daran hinaufzuklettern.
Bist du nicht einsam, fragt meine Mutter am Telefon.
I wo! Vor mir haben schon ganz andere Leute – berühmte – hinter diesen Mauern gehaust! Waren die etwa einsam?
Und wenn schon. Muss!
Und überhaupt: Wer hat nicht alles allein einen Turm bewohnt! Rapunzel, C. G. Jung und Donald Trump. Der Hölderlin und Otto Waalkes, Quasimodo und Petrosilius Zwackelmann. Haben die es nicht alle halbwegs weit gebracht?
Ebend.
Erschießt mich, sollte ich mir je aus Einsamkeit einen Hund zulegen!
Lieber bestelle ich ein aufblasbares Kajak.


Wenn der Wels

Jüngste Erkenntnisse zeigen: Kajak ist ein Palindrom. Packsack ein Reim in sich. Und Doppelhubhandpumpe ein schönes Wort, das reizt.
Doppelhubhandpumpe!
Odr?
Und weiter:
Doppelhubhandpumpe.
Doppelhubhandpumpenproduktion.
Doppelhubhandpumpenproduktionsleitung.
Doppelhubhandpumpenproduktionsleitungsausbildung.
Doppelhubhandpumpenproduktionsleitungsausbildungsabbrecher.
Doppelhubhandpumpenproduktionsleitungsausbildungsabbrecherin.
Odr!
Am Wasser dann bin ich kurz ganz klein: Der Rhein meiner Kindheit, der zog dich hinab in die Tiefe oder das Treibgut dir über den Schädel, der riss dich mit sich, strudelte dich kreisend und stromabwärts bis Rheinfelden, bis zum Wasserkraftwerk, bis zu dem großen Rechen dort – wo du dich dann verfingst mit den andern Toten, aufgedunsen und bleich vor Schreck … Habe jedenfalls einen Heidenrespekt vor diesem Fluss und seiner Wucht – und dem Wels, dem Riesenwels, der in ihm wohnt und Kinder frisst. Aber ich bin kein Kind mehr.
Odr.
Also Augen zu und durch.
Aber nur mal hypothetisch: Was, wenn der Wels mich doch erwischt (o.ä.), woran wird man sich erinnern?
Was bleibt?
Was blieb etwa von meinen Vorgänger:innen? Woran erinnern sich die Gemäuer des Chretzeturms ganz konkret (auch ohne Wels im Spiel)? Namentlich verewigt hat sich einzig Najem Wali: Dort steht er geschrieben, offenbar mit einem Geldstück eingeritzt ins Dachgebälk – so frech! Ansonsten nur anonyme Überreste: zwei fast leere Tabakpackungen (Marke «Pueblo» deutschen Ursprungs), das Spielzeugauto unterm Schrank (ein «Rough Terrain Truck» made in Britain) sowie eine weiß-blau-graue Socke (Gr. 41/42, mutmaßlich die einer Frau, letztlich aber ungewiss), das war‘s. Was bleibt, sind bloß Versatzstücke, aber immerhin, doch, doch! Den Rest erzählt das Internet.
Für alle, die es handfester mögen – für die Findigen unter meinen Nachfolger:innen hier –, entdecke ich einen Stein, ja, am Rhein, und verstecke ihn im Turm, ja, im Turm.

(Die beiden Texte sein während eines Stipenidat des «Chretzeturms» in Stein am Rhein als Blogbeiträge entstanden)

Valentin Moritz, geboren 1987 und aufgewachsen in Südbaden, studierte Literaturwissenschaft an der FU Berlin. Er veröffentlichte Prosa in Zeitschriften, Anthologien und kleinen Einzelpublikationen, zuletzt «Bahía Salvador» (Sukultur, Berlin). Sein erstes Buch erschien im Mai 2020 unter dem Titel «Kein Held» (Badischer Landwirtschafts-Verlag, Freiburg).

Nur weg, egal wohin! Hauptsache raus aus dem Dorf. Wie so viele junge Leute zieht es Valentin Moritz aus der Enge seiner südbadischen Heimat in die Ferne. Nach Stationen rund um den Globus landet er in Berlin. Neukölln und Niederdossenbach – dazwischen liegen Welten. Der Kontakt zur Heimat – eher sporadisch.
Das ändert sich mit dem 90. Geburtstag von Valentins Großvater Josef Mutter schlagartig: Der Alte möchte die eigene Lebensgeschichte aufschreiben und bittet seinen Enkel um Unterstützung. Und so wird der gemeinsame Blick in die Vergangenheit des Landwirts, der bäuerlichen Großfamilie und des Dorfes auch für den Enkel zum Anlass, sich wieder seiner Herkunft zuzuwenden. Wie sein Großvater begibt sich auch Valentin Moritz auf Spurensuche und zeichnet in eindrücklichen Bildern und authentischer Sprache nach, was seine Kindheit und Jugend auf dem Land ausmachte.
«Kein Held» ist bewegendes Generationenbuch über das, was uns alle prägt – von Anfang an, ob wir wollen oder nicht. Darüber hinaus ist KEIN HELD ein engagiertes Zeitzeugnis gegen Krieg und Faschismus – und für das Erinnern.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sarah Wohler

Katharina Michel-Nüssli «Später vielleicht»

«Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiss es nicht.» Nino kratzt sich am Kopf. Was diese Lehrer sich ausgedacht haben. Neunzig Minuten für einen Aufsatz. Der Anfang ist gegeben. Weltliteratur. Da kann das Eigene nur schlechter werden. Ich bin nicht Camus. Wenn der wüsste, dass sein genialer Anfang für eine Prüfungsnote missbraucht wird. Und nicht einmal in der Originalsprache. «Aujoud’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas.» Das tönt viel tiefgründiger, das hat Atmosphäre, lässt Tragik erahnen. Moll mit Disharmonien. Nebelschwaden. Ach, man wirft Perlen vor die Säue. Wer kennt schon die Grossartigkeit dieser Erzählung. Meine Kollegen haben auf den Hundertstel genau ausgerechnet, welche Note sie brauchen, um nicht provisorisch promoviert zu werden. Sie wissen genau, dass man nur wenige Adjektive verwenden soll. Helvetismen und monotone Satzanfänge sind zu vermeiden. Selbstverständlich soll man keine Rechtschreibfehler machen, die Kommas am richtigen Ort setzen und mindestens zwei Seiten füllen. So hat man die genügende Note auf sicher. Wie hat wohl Camus schreiben gelernt? Einmal im Monat zwei Seiten in neunzig Minuten? Was für ein Witz.

Draussen schwanken die vom Herbststurm geschüttelten Äste des Ahorns vor dramatischen Wolkengebilden. Der Himmel ist so wild und unbezähmbar wie vor Jahrhunderten, am Boden hingegen, der von hier aus nicht zu sehen ist, findet sich kein Stoff für grossartige Geschichten. Mit forschendem Blick versucht Nino, sich die Wirklichkeit der Welt in das Vakuum der wohlaufbereiteten Bildungspläne zu holen. Wäre er ein Waisenkind, dann wüsste er, wie sich Tod und Verlassenheit anfühlen. Er müsste nicht lange überlegen. Insgeheim schämt er sich für seine wohlbehütete Kindheit.

Er beginnt zu schreiben: «Dieser Satz ist wie ein Fremdkörper hier. Fast nie stirbt jemandes Mutter in dieser Schule. Die Gesundheitsversorgung ist hervorragend und teuer. Wir können es uns leisten. Und man wüsste die Todeszeit auf die Minute genau, so wie man das Horoskop dank der exakten Geburtszeit entschlüsseln kann. Ob darin bereits die Sterbestunde festgelegt ist? Das bleibt hoffentlich ein Geheimnis. Es gibt noch die unverhofften Tode. Wer als Kind so etwas erlebt, dessen Chance, an diese Schule aufgenommen zu werden, sinkt gegen Null. Das hat verschiedene Gründe. Zuallererst schafft es kaum jemand, ohne zu pauken die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Das braucht gebildete Eltern, Zeit und Geld. Ausser man ist ein Genie. Obendrein ist hier alles so trocken, herzlos und verkopft, dass ein normal fühlender Jugendlicher nur überleben kann, wenn er zu Hause so etwas wie Geborgenheit erlebt. Wenn ich in der Klasse rumschaue, stelle ich fest, dass alle in einem Eigenheim leben, mit Ausnahme unseres Quotenausländers aus Portugal, dessen Sippe einen halben Wohnblock bevölkert – Nestwärme inklusive. Und die Lehrpersonen halten es nur aus, wenn sie eine Schutzschicht aus Staub ansetzen. Was wird aus uns, wenn wir die heiligen Hallen des Wissens verlassen? Wir sind die Elite, wir werden die Welt weiterbringen, das wird uns eingetrichtert. Ihr seid die künftigen Leader. Wir werden Firmenchef, Bundesrat oder Managerin. Heute tragen wir zerlöcherte Jeans, morgen Nadelstreifen und Deux-Pièces. Wir werden etwas erreicht haben in unserem Leben. Wenn wir sterben, wird eine ganze Zeitungsseite mit unseren Todesanzeigen gefüllt, weil wir bedeutende Persönlichkeiten gewesen sein werden. Unsere Biografien jedoch wären seichte Literatur, keine Dramen, nicht wert, aufgeschrieben zu werden. Ich wünsche uns keine Katastrophe, nein, denn sie ist schon da, in Form eines vorgespurten, genormten Lebens. Ich hoffe, diese Schulzeit möglichst unbeschadet zu überstehen, um später – vielleicht – das wahre Leben kennenzulernen.»

Der Sturm hat sich gelegt, leichter Schneeregen hat eingesetzt. Nino überfliegt den Text. In fünf Minuten muss er ihn abgeben, da bleibt keine Zeit mehr, etwas zu ändern. Nach dem Ertönen des Pausensignals rappeln sich die Jugendlichen von ihren Sitzen hoch und schlendern auf die verregnete Terrasse, die durch das Zimmer im vierten Stock zugänglich ist. Niemand scheint den Ausblick über die Dächer der Altstadt zu beachten. Man hofft auf eine gnädige Notengebung, Aufsätze sind Ermessenssache. Und morgen ist Physiktest, da gibt es nur richtig und falsch. Zum Glück darf man das Formelheft brauchen. Noch eine Lektion heute. Es dunkelt schon ein.

Nach Schulschluss zerstreuen sich die jungen Menschen in alle Richtungen. Nino beeilt sich, um den früheren Zug zu erreichen. Er möchte vor dem Handballtraining noch Zeit haben, um etwas zu essen. Beim Bahnhof steht wie immer der Rosenverkäufer. Seine Blumen leuchten wie ein Anachronismus im grauen Novemberabend. «Dieser Mann hatte wohl ein bewegtes Leben», blitzt es Nino durch den Kopf. «Ich sollte ihn nach seiner Geschichte fragen. Später vielleicht. Der Zug fährt gleich.»

In der darauffolgenden Woche wird Nino zum Rektor zitiert. Noch nie ist er dieser Autorität so nah gegenübergetreten. «Nehmen Sie Platz», gebietet dieser. Die Fältchen um die Augen des Schulvorstehers sind dem Schüler bisher nicht aufgefallen. Er ist eindeutig älter als Ninos Vater. Der Rektor räuspert sich. «Junger Mann, entweder sind Sie ein Revoluzzer oder dann einfach nur naiv. Was wollten Sie mit Ihrem Geschreibsel ausdrücken? Mit einer solchen Einstellung sind Sie dieser renommierten Schule nicht würdig.» Die Möbel in diesem Büro haben ihre beste Zeit hinter sich. Sie waren einmal erlesen und teuer gewesen. Nino richtet sich auf seinem Holzstuhl auf. «Ich lebe in einem Land, wo man seine Meinung frei äussern darf. Davon habe ich Gebrauch gemacht. Es ist mir schlicht nichts anderes in den Sinn gekommen, und nach neunzig Minuten musste ich den Aufsatz abgeben.» «Freie Meinungsäusserung in Ehren, mein Lieber, aber Beleidigungen gehen gar nicht. Merken Sie sich das. Sie beleidigen unsere Schule und das Personal. Seien Sie dankbar für diese hochstehende Ausbildung, die Ihnen hier zuteilwird. Ich gehe davon aus, dass dies ein einmaliger Ausrutscher war. Im jugendlichen Leichtsinn kann so etwas passieren.» Nino schluckt leer. Der ältere Herr erhebt sich und weist ihn unmissverständlich zur Tür.

An eine Rückkehr in die Klasse ist im Augenblick nicht zu denken. Nino starrt auf seine abgewetzten Schuhspitzen, die ihn wie von selbst zum Bahnhof hinunter führen. Sinnierend lässt er sich auf einer Wartebank nieder. An der Ecke steht der Blumenverkäufer. Nino zögert. Schliesslich nähert er sich dem Mann und kauft ihm eine Rose ab. Mutter wird sich wundern.

Katharina Michel «Sommersprossen und Kondensstreifen», BoD, illustriert von Lea Frei, 2021, 144 Seiten, Euro 24.99, ISBN 978-3-754-32791-3
Hier direkt zu beziehen!

Katharina Michel-Nüssli geboren 1964 im Tösstal lebt im Oberthurgau. Primarlehrerin, Lerntherapeutin, Jobcoach.
«Schreiben war immer etwas Lustvolles, ausser vielleicht bei Diplomarbeiten. Mich inspirieren Natur, Menschen, das Abweichende, die Liebe zum Leben. Schreibkurse bei Ruth Rechsteiner und Michèle Minelli haben mich ermutigt, regelmässig zu schreiben. Biografisches und Kurzgeschichten, Portraits und Poetisches, was eben zeitlich Platz findet. Oft sind es berührende Begegnungen, Stimmungen am See oder im Wald, unvermutete menschliche Abgründe, die Schönheit eines vom Leben gezeichneten Gesichts, Absurditäten des Normalen. Meinen Schreibstil bezeichne ich als verdichtet, manchmal poetisch, oft dazu anregend, zwischen den Zeilen zu lesen.»

Literatur berührt Musik, Musik das Wort – Usama Al Shahmani und Christian Berger berühren sich!

«… Es hat mich berührt, wie die Leute sehr begeistert waren … Wie schön war alles … Die Musik von Christian Berger war ein Geschenk, wie Christian gespielt, gesprochen und mitgewirkt hat, war eine grosse Bereicherung, die die Atmosphäre der Veranstaltung grossartig gemacht hat.» Usama Al Shahmani

Usama Al Shamani hat sich mit «Im Fallen lernt die Feder fliegen» erneut in die Herzen vieler geschrieben. Das wird deutlich am ungebrochenen Interesse, den Autor live zu erleben. Zusammen mit dem Musiker Christian Berger wurde eine Lesung in Steckborn zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Usama Al Shahmani schreibt und liest Deutsch, erzählt aber in arabischer Tradition. Christian Berger spielt den Oud, ein arabisches Saiteninstrument, das man im Orient als den «Fürsten der Musikinstrumente» bezeichnet, in seiner Sprache, aber in Klängen, die sehr an arabische Klangwelten erinnern. Zusammen rissen Dichter und Musiker Fenster und Türen auf, so weit, das Zuhörer:innen nach der Veranstaltung in den Mauern des Turmhofs zu Steckborn meinten, sie seien weggetragen worden, so sehr, dass der Applaus, den man den beiden Agitatoren schenkte, beinahe störte.

Usama Al Shahmani erzählt in seinem Roman vom Verlust von Heimat, von der Unmöglichkeit einer Rückkehr. Christian Berger erzählt mit seinem Spiel Geschichten, die die Geschichten in Usama Al Shahmanis Roman spiegeln, die genauso wie im Roman von einer grossen, langen Reise erzählen, von der es eigentlich keine Rückkehr geben kann. Gespielt auf einem Saiteninstrument, das für den Musiker wie kein anderes Saiteninstrument die Verkörperung von beseeltem Erzählen ist. Genauso wie es der Dichter Usama Al Shahmani schafft, mit seinem Schreiben die Seelen seiner Leser:innen in Schwingung zu bringen.

Der Nachmittag im Turmhof ist lebendiger Beweis dafür, was Literatur und Musik zusammen bewirken können. Im Arabischen glaubt man an die heilende Wirkung von Musik und Literatur. Wer Zeuge war an diesem Nachmittag weiss, dass Literatur und Musik, beides Ausdrucksformen von Sprache, viel mehr als bloss unterhalten. Wer den Klang von Musik und Wort mit nach Hause in den Sonntag und die kommenden Woche tragen kann, weiss, dass das, was an diesem Nachmittag in den Zuhörer:innen Resonanz fand, sein Wirkung weitertragen wird.

«Ein Buch das mich in seiner menschlichen Tiefe im Herz berührt hat. Es war mir eine grosse Freude mit meinem Oud in einem musikalischen Dialog zutreten. Die dichten Sprachbilder von Usama haben eine Weite in meinem Spiel ausgelöst. Wunderbar!» Christian Berger 

Eine erquickende Zusammenarbeit zwischen Judit Villiger, der Initiantin und Kuratorin des Hauses zur Glocke in Steckborn, Trägerin des Kulturpreises des Kanton Thurgaus 2018 und vielfach ausgezeichneter Künstlerin und dem Literaturhaus Thurgau. Eine Zusammenarbeit, die hoffentlich ihre Fortsetzung findet.

Rezension zu «Im Fallen lernt die Feder fliegen» auf literaturblatt.ch

Webseite von Christian Berger, Musiker

Beitragsbilder © Gallus Frei / Literaturhaus Thurgau 

Joachim Sartorius «Eidechsen», Naturkunden, Matthes & Seitz

Was entstehen kann, wenn sich Buchkunst, Poesie, Wissenschaft und Leidenschaft treffen, das beweisen die Herausgeberin Judith Schalansky in ihrer Reihe „Naturkunden“, der Verlag Matthes & Seitz in Berlin und der Dichter Joachim Sartorius, der seit Jahrzehnten zu den Eminenzen der deutschen Dichtkunst zählt.

Vor nicht langer Zeit war ich im Tessin in den Ferien, in einem kleinen Steinhaus über dem Tal, umgeben von Steinmauern, die über Generationen angelegt wurden, um die Hänge der Täler nutzbar zu machen. Dort, wo ich sass, lag und las, sonnten sich auch Eidechsen. Und manchmal auch die grosse Schwester der häufig anzutreffenden Zauneidechse, die grün schimmernde, um einiges grössere Smaragdeidechse. Die Tiere faszinieren. Nicht nur wegen ihrer Eleganz, der Schnelligkeit ihrer Bewegungen und der Verwandtschaft mit den faszinierendsten Tieren der Gegenwart und Vergangenheit wegen, sondern weil die kleinen überaus wendigen Echsen Bindeglied zu einer Welt sind, die in Geschichte, Mythen und Märchen Echsen zu symbolreichen Tieren machen. Sei es die Faszination, die Dinosaurier auslösen, die Mythen und Legenden um feuerspeiende Drachen, die Geheimnisse um ihre Nähe zur Unterwelt. Sei es die Kühle ihrer Haut, die Fähigkeiten, sich Extremen anzupassen, selbst einen Körperteil abzuwerfen – Eidechsen sind Geschöpfe, die mit anderen Ebenen verbinden, Zeugen einer dies- und jenseitigen Existenz.

Joachim Sartorius, Judith Schalansky (Hg.) «Eidechsen
Ein Portrait», Naturkunden, Matthes & Seitz, 2019, 136 Seiten, CHF 26.90, ISBN 978-3-95757-791-7

Und wenn sich für einmal kein Wissenschaftler an das Wesen eines Tieres annähert, auch kein Journalist, kein Lehrbuchautor, wenn sich ein Dichter, ein Künstler an dieses filigrane Wesen heranwagt und es mit ebenso filigraner Sprache zu zeichnen vermag, dann entsteht ein Kunstwerk, ein Kleinod, das seinesgleichen sucht, dass die Lektüre zum multiplen Genuss macht. So sehr man in der Vergangenheit Echsen mit Schlangen ud Kröten in einen Topf warf und ihnen einen Platz auf der Arche Noah absprach, sie in den Dienst des Bösen und Üblen schob, so sehr gibt Joachim Sartorius den Eidechsen jenen Platz zurück, der ihnen gebührt.

Joachim Sartorius malt mit grosser Geste bis ins kleinste Detail, ohne je nur ansatzweise zu langweilen. Weil ich als Leser in jeder Seite die Leidenschaft des Autors und die Akribie der Herausgeberin spüre, wird die Lektüre dieses Buches zum Hochgenuss. Inhaltlich sowieso – aber in Vollendung auch haptisch: ein geprägter Einband, ein farblich passender Schnitt, schwarze Fadenheftung, sorgfältig vielfarbig illustriert und ediert!

Wer in seinem Bücherregal noch keine kleine Bibliothek der „Naturkunden“ begonnen hat, der sei gewarnt: Wie kaum eine andere Reihe birgt diese Reihe den Zwang zu Vollständigkeit – durchaus Suchtcharakter!

Joachim Sartorius, geboren 1946 in Fürth, wuchs in Tunis auf und lebt heute, nach langen Aufenthalten in New York, Istanbul und Nicosia, in Berlin und Syrakus. Er veröffentlichte acht Gedichtbände, die sich immer wieder mit der Levante und ihren Kulturen befassen. Joachim Sartorius ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2019 erhielt Sartorius den August Graf von Platen Literaturpreis.

Judith Schalansky, die Herausgeberin der Buchreihe «Naturkunden», 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign und lebt als freie Schriftstellerin und Buchgestalterin in Berlin. Sowohl ihr «Atlas der abgelegenen Inseln» als auch ihr Bildungsroman «Der Hals der Giraffe» wurden von der Stiftung Buchkunst zum »Schönsten deutschen Buch« gekürt. Für ihr «Verzeichnis einiger Verluste» erhielt sie 2018 den Wilhelm-Raabe-Preis. Seit dem Frühjahr 2013 gibt sie die Reihe «Naturkunden» heraus.

Falk Nordmann, Zeichner und Illustrator, lebt und arbeitet in Berlin. Ab 2007 Umschlaggestaltungen und Autorenportraits, seit 2013 Tierillustrationen der Reihe Naturkunden für Matthes & Seitz Berlin.

Beitragsbild: Joachim Sartorius am Literaturfestival Leukerbad 2015 im Gespräch mit Christine Lötscher © Literaturfestival Leukerbad

Nadine Schneider «Wohin ich immer gehe», Jung und Jung

Der Schatten bleibt! Man kann sich noch so verzweifelt, entschlossen oder verbissen von ihm zu trennen versuchen; er bleibt. So auch der Schatten in der Geschichte, in der eigenen Geschichte. Nadine Schneider beschreibt einen solchen Versuch, alles hinter sich zu lassen, auch den Schatten.

Johannes ist über die Donau geschwommen, im Dunkeln, weg aus dem Ceaușescu-Rumänien. Endlich, nachdem er sich Monate darauf vorbereitet hatte. Er schafft es, klettert nach ausgestandener Todesangst aus den Fluten und klettert ans Ufer, in ein neues Land, ein neues Leben. Aber schon die Flucht wollte nicht sein, wie sie erdacht war, denn Johannes wollte die Flucht nicht alleine antreten. David hätte ihn begleiten sollen. Sein Freund David, mit dem er so lange das Schwimmen trainiert hatte, mit dem er hätte neu beginnen wollen.

Johannes schafft es im neuen Land, beginnt ein neues Leben, findet Freunde, findet Giulia, die ihm Familie gibt, findet eine Arbeit und Einkommen und irgendwann sogar einen Ausbildungsplatz als Hörhilfeakustiker, nachdem er seine als Tischler begonnene Lehre in Rumänien nicht abgeschlossen hatte. 

Es ist ein neues Leben, auch wenn er dort genauso wenig den Tritt findet, eine Heimat, jene Geborgenheit, nach der er sich sehnt, wie an dem Ort, den er damals verlassen hatte.

Nadine Scheider «Wohin ich immer gehe», Jung und Jung, 2021, 234 Seiten, CHF 31.90, ISBN 978-3-99027-256-5

Als ihn nach Jahren, nach der Wende in Rumänien, die Nachricht erreicht, dass sein Vater gestorben sei, dass man ihn zur Beerdigung erwarte, fährt Johannes mit Giulias Auto zurück in das alte Land. Ein Land, das nicht auf ihn wartet, zurück in ein Land, das sich äusserlich kaum veränderte und sich doch unsäglich von ihm entfremdete. Zurück in das Land, das seinen grossen Schmerz verursachte und eine offene Wunde nie schliessen liess, denn Johannes hat nie erfahren, was aus seinem Freund David geworden ist. Warum er damals nicht mit über den Fluss geschwommen war. Warum er ihn verloren hatte. Dieses Geheimnis, das er wie einen unverdauten Kloss mit sich herumschleppt, eine Mischung aus Schmerz, Enttäuschung, Schuld und Trauer.

Was er in Rumänien antrifft, ist jenes Leben, das er hinter sich lassen wollte. All die Ur- und Vorurteile, all die Gewissheiten, die keine sind, seine alte Rolle, die wie eine Kette um seinen Hals hing. Seine Mutter ist noch da, aber auch die Verletzung einer Verlassenen. Verlassen von Johannes und verlassen vom toten Ehemann. Damals war die Flucht auch eine Flucht vor der Familie, weil sie ahnte, dass Johannes ein Geheimnis mit sich herumtrug, das in der Gesellschaft und schon gar nicht im Dorf Platz hatte. David wohnte im gleichen Dorf, im Haus mit dem abgestorbenen Baum davor. David war Johannes Freund. Sie waren sich nah, sehr nah, so nah, dass daraus eine Liebe wurde, die unmöglich war und nur Platz bekommen konnte, wenn sie auf der anderen Seite des Flusses ein neues Leben begonnen hätten.

Als Johannes zurück an den Ort seiner Kindheit und Jugend kommt, hat sich vordergründig kaum etwas verändert. Auch in seiner Familie. Nur dahinter, hinter den Fassaden, ist alles anders geworden – und eben auch sein Blick auf diese Welt, denn David ist weg, wie ausgelöscht.

Kein Wunder fallen mit dem Namen Nadine Schneider auch jene ihrer grossen Schreibschwestern; Herta Müller und Iris Wolff. Nadine Schneider schreibt mit einem grossen Gefühl für die richtige Nähe zu ihrem Personal und der Deutlichkeit ihres Erzählens. Nadine Schneider ist keine Chronistin. Sie mäandert in den Innenansichten ihrer Protagonist:innen, leuchtet nur so viel aus, dass das Geschehen in diesigem Licht bleibt, geheimnisverwoben und -verklebt wie die die Welt der Protagonist:innen selbst.

Nach ihrem vielgelobten Debüt „Drei Kilometer“ ist „Wohin ich immer gehe“ ein grosses Versprechen in die Zukunft!

Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnberg, lebt in Berlin. Ihr erster Roman «Drei Kilometer» (2019) wurde unter anderem mit dem Hermann Hesse Förderpreis und dem Literaturpreis der Stadt Fulda ausgezeichnet. 2021 las sie auf beim Ingeborg-Bachmann-Preis. «Wohin ich immer gehe» ist ihr zweiter Roman.
Nadine Schneider studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Berufliche Stationen führten sie unter anderem an die Komische Oper und an die Vaganten Bühne Berlin. Derzeit arbeitet sie für den Bundeswettbewerb Gesang.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Laurin Gutwin

Ayelet Gundar-Goshen «Wo der Wolf lauert», Kein & Aber

Kennen wir jene, die uns am nächsten sind? Unsere Kinder? Was wird aus ihnen, wenn sie Türen schlagen und in ihrem Zimmer verschwinden, wenn das grosse Schweigen ausbricht, wenn man als Eltern spürt, dass man zu Statisten wird? Ayelet Gunnar-Goshen spürt einer Entfremdung nach, der Eltern zu gerne mit Verbissenheit begegnen, kleine und grosse Katastrophen dabei nur noch unausweichlicher machen.

Man herzt sie, wenn sie klein sind. Sie sind einem das Nächste, das Wichtigste, eigen Fleisch und Blut. Man nimmt sie an der Hand, bekommt Küsschen, feiert die Liebe und die Familie. Um dann mit einem Mal festzustellen, dass in der vermeintlichen Symbiose Risse entstehen, dass sich in die Nähe Schranken hineinschieben, dass anderes und andere mit einem Mal wichtiger werden. Und wenn dann mit der Pubertät Emotion und Psyche nicht nur beim Kind in Wallung geraten, zeigt es sich, dass die Entfernung, die Entfremdung, die mit der Geburt begonnen hat, mit einmal Mal schmerzlich bewusst wird.

Ayelet Gundar-Goshen «Wo der Wolf lauert», Kein & Aber, 2021, 352 Seiten, CHF 33.00, ISBN 978-3-0369-5849-1

Lilach und Michael leben mit ihrem Sohn Adam in Kalifornien, im Silicon Valley. Sie haben es geschafft. Nicht nur durch vielversprechende Jobs, auch als Familie, auch als Loslösung von den Traumas in ihren Familien, die in Israel zurückgeblieben sind. Angekommen aber sind sie nicht. Sie fühlen sich fremd, nicht zuletzt, weil Ihnen die Sprache der Heimat noch immer näher ist und sie genau spüren, dass Adam, ihr einziger Sohn, sich immer mehr aktiv von seiner Herkunft, seiner Sprache entfernt. Dass sich Adam nach und nach in sein Zimmer zurückzieht und nur noch einsilbig auf die Kommunikationsversuche seiner Eltern reagiert, scheint jener Phase geschuldet, durch die es alle Familien schaffen müssen. Aber als bei einer Party unter Jugendlichen ein Junge aus Adams Klasse tot zusammensackt, als sich die eilige Diagnose Herzstillstand nicht bewahrheitet und Drogen im Spiel zu sein scheinen, als die Polizei zu ermitteln beginnt und sich Adam einem Selbstverteidigungskurs unter der Leitung eines ehemaligen Soldaten der israelischen Armee anschliesst, als rassistische Parolen an die Wände der Schule geschmiert werden und klar wird, dass der liebe Junge, der seinen Hund vor einem qualvollen Tod bewahrte und seinen Liebreiz von unzähligen Fotos ausströmen lässt, langst nicht mehr der ist, den Lilach in ihrem Herzen trägt.

Ist dieses Gesicht, dass sie doch so gut kennt, vielleicht besser als sich selbst, in das sie alle Hoffnungen setzt, das sie bedingungslos und aufopfern zu lieben weiss, jenes, das sie liebt? Adam liebt Keller, seinen gezeichneten Hund. Und Adam liebt Uri, seinen Trainer, der ihm all das beibringt, was Mutter und Vater sich nie trauen würden. Die Gruppe robbt durch den Schlamm, übt die Gegenwehr mit roher Gewalt, gebärdet sich wie eine Kampftruppe. Lilach versteht nicht mehr. Sie versteht ihren Sohn nicht mehr, ihren Mann, dem die Arbeit wichtiger erscheint als das Leiden ihres Sohnes. Alles droht ihr wegzurutschen, auch ihre Arbeit, in die sie sich zuvor so leidenschaftlich hineingab. Während die Zeichen des Sturms um sie herum immer unmissverständlicher werden, Steine fliegen und Blut fliesst, wird aus der liebenden Mutter eine entschlossene Kämpferin. Doch der Kampf wird wie ein Feuer, das man mit heftigem und entschlossenen Blasen zu löschen versucht. Die Flammen schlagen ihr ins Gesicht. Warum ist ihr Mann immer dann weg, wenn er gebraucht wird? Warum ist Adams Trainer Uri immer dann da, wenn Not am Mann ist? Warum gelingt es ihr als Mutter nicht, ihrem Sohn das Herz zu öffnen? Was passiert?

Lilach ist nirgends mehr zuhause. Auch nicht mehr in ihrer Familie. Nicht einmal mehr bei ihrem Mann. Ayelet Gundar-Goshen ist eine grosse Beobachterin mit einem Sensorium, das sich ganz tief in die Seelenzustände ihrer Protagonist:innen hineinschraubt. „Wo der Wolf lauert“ ist kein Kulissenspektakel, aber ein Seelensturm. Der Roman erzählt subtil und mit kleinen Schritten, überrascht durch seine Kraft und durch die Nähe zum inneren Kampf, den die leidende und mitleidende Mutter aussteht. Ich fühle mich als Leser in eine Geschichte hineingezogen, die mich auch auf der letzten Seite nicht erlöst, die mir zeigt, wie das wirkliche Leben ist; unergründlich.

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, studierte Psychologie in Tel Aviv, später Film und Drehbuch in Jerusalem. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihrem ersten Roman «Eine Nacht, Markowitz» (2013) wurde der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt zugesprochen, 2015 folgte mit «Löwen wecken» ihr zweiter Roman, der für NBC als TV-Serie verfilmt wurde, und 2017 ihr Roman «Lügnerin«. Sie lebt in Tel Aviv.

Beitragsbild © Tal Shahar