So viele Mitwirkende wie nie zuvor kommen am letzten Juniwochenende nach Leukerbad zur 25. Ausgabe des Internationalen Literaturfestivals.
Erstmals werden die besonderen Leseorte in Leukerbad um zwei Festivalzelte ergänzt, um flexibel auf Wetter und Hygieneauflagen reagieren zu können. 45 Autorinnen und Autoren, Publizistinnen, Philosophen, Wissenschaftlerinnen, Verleger und Übersetzerinnen reisen für das 25. Internationale Literaturfestival nach Leukerbad. Neben der Gesprächsreihe «Perspektiven» und der Literarischen Wanderung rundet eine Auftaktveranstaltung in Zürich die Jubiläumsausgabe ab.
Gesprächsreihe «Perspektiven»
In insgesamt acht Gesprächen geht die Reihe «Perspektiven» vielfältigen Fragen aus Literatur und Gesellschaft nach. Angefangen in der Schweiz: Wie steht es um den Röstigraben im Literaturbetrieb und welchen Stellenwert hat die Literatur der Romandie in der deutschsprachigen Schweiz? Weitere Gespräche widmen sich dem globalen Phänomen des erstarkenden Populismus und Nationalismus sowie dem Zusammenhang von «Kapital und Ressentiment». In hochkarätiger Besetzung wird ausserdem über die strukturellen Hintergründe von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen debattiert. Und schliesslich werden Ansätze untersucht, Lyrik neu zu denken.
Geschichte des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad
1996 lud der Leukerbadner Ricco Bilger zusammen mit René Grüninger zum 1. Internationalen Literaturfestival Leukerbad ein. Innerhalb von zehn Ausgaben avancierte das Festival zum Anziehungspunkt für Literaturinteressierte. Die heutige Festivalleitung, Hans Ruprecht (seit 2006) und Anna Kulp (seit 2007), baute das Festival in 15 Jahren zu einem Knotenpunkt der europäischen Literaturszene aus: Die Eintrittszahlen sind von 1200 gezählten Eintritten im Jahr 2006 auf zuletzt 3800 gestiegen. Statt 20 bis 25 Autorinnen und Autoren sind jetzt jedes Jahr 35 bis 40 in Leukerbad zu Gast. Das Festival hat sein Portfolio erweitert und sein Profil als innovatives und internationales Literaturfestival in der Schweiz geschärft. Mit dem Übersetzungskolloquium, der Literarischen Wanderung, den Schreibwerkstätten, mit Auftaktveranstaltungen im Wallis oder in Zürich und vor allem mit der Gesprächsreihe „Perspektiven“ hat es seine Bekanntheit auch über die Landesgrenzen hinaus erhöht. Das Literaturfestival Leukerbad möchte einen Beitrag dazu leisten, die Welt, in der wir leben, in ihrer heutigen Komplexität auszuhalten und Inseln des Verstehens zu schaffen. Leukerbad, hoch oben in den Walliser Bergen, ist der perfekte Ort, um die Welt für ein paar Tage aus der Ferne zu betrachten und mit gestärktem Geist und ausgeruhtem Körper in den Alltag zurückzukehren.
Ich weiss nicht, welches Gefühl ich schlimmer finde. Das Gefühl gleich nach dem Unfall? Oder das jetzt, wo es in meinem Bauch zieht und mein Herz sich anfühlt, als klaffe ein riesiges Loch darin?
Ich dachte immer, die Wahrheit wäre etwas Gutes, etwas, das man unbedingt wissen möchte. Doch vor einigen Minuten wurde mir das Gegenteil bewiesen. Die Wahrheit kann auch verdammt schmerzhaft und zerstörerisch sein. Denn durch eine grausame Wahrheit habe ich einen Freund verloren. Gerade eben. Und den einen Teil meines Herzens hat er gleich mitgenommen. Noah.
Ich drehe mich um und stürze aus seinem Zimmer. Ich renne aus dem Haus, über die Strasse und weiter über die Wiese. Es ist mir egal, dass Noah nach mir ruft, es ist mir egal, dass meine Schuhe vom Gras nass und schmutzig werden. Es ist mir egal, dass es im nächsten Moment wieder zu regnen beginnt und es ist mir auch egal, dass es schon Abend und somit dunkel wird. Mir ist alles egal und ich renne einfach immer weiter.
Meine Kleidung ist klitschnass und mein Gesicht dreckverschmiert, als ich mich keuchend an den dicken Stamm eines Baumes lehne. Nach kurzer Zeit komme ich wieder einigermassen zu Atem und klettere vorsichtig die Leiter zum Hochsitz empor. Schon unzählige Male bin ich hier hochgestiegen, die einzelnen Tritte könnte ich trotz des morschen Holzes im Schlaf erklimmen.
Auf der kleinen Plattform angekommen, lasse ich mich auf den Boden sinken und atme den Geruch von feuchtem Holz ein. Ich lehne mich an die Rückwand und diese gibt ein lautes Knarzen von sich. Durch die Schlitze der fehlenden Bretter auf der Vorderseite blicke ich auf die verregnete und trübe Landschaft. Schon immer mochte ich diesen alten Hochsitz, welchen Noah und ich auf einem unserer Streifzüge durch den Wald entdeckt hatten. Viele Stunden haben wir gemeinsam hier oben verbracht und geredet. Noah wird bestimmt wissen, dass ich hier bin. Doch ich glaube nicht, dass er mir bis hier hin folgt. Er kennt mich besser als jeder andere und weiss, dass ich jetzt einfach Zeit brauche.
Unwillkürlich muss ich an die vielen Dinge denken, welche ich ihm hier oben erzählt habe. Wie wir gemeinsam gelacht und manchmal auch geweint haben, an die sternenklaren Nächte, welche wir in einen Schlafsack gekuschelt auf dem Hochsitz verbracht haben, an die vielen Snickers, die wir hier oben geteilt haben, an die Tiere, welche wir von unserem Ausguck beobachten konnten, an die Geständnisse, welche wir vor dem anderen abgelegt haben und auch an die letzten Wochen, als Noah immer bei mir war und zugehört hat. Und nun das… Mir steigen Tränen in die Augen, und ich versuche gar nicht erst, sie wegzuwischen. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und weine. All die Wut, die sich in mir aufgestaut hat, verpufft und Tränen kullern über meine Wange. Meine Brust fühlt sich ganz eng an und bei der Stelle, wo früher noch ein Teil meines Herzens war, spüre ich einen drückenden Schmerz. „Scheiss Leben!“, brülle ich in den Wald hinaus. Ein lautes Schluchzen dringt aus meiner Kehle und schniefend kauere ich mich auf den Boden des Hochsitzes. Ich weine alle Tränen, die ich noch übrig habe. Ich glaubte, das können nach den letzten Wochen nur noch wenige sein, doch da habe ich mich gewaltig getäuscht.
Mittlerweile ist es dunkel und meine Augenlider werden immer schwerer. Wegen der nassen Kleidung zittere ich am ganzen Körper und schlinge meine Arme um die Knie. In Gedanken fühle ich Noahs Arm um meine Schulter, wie er mich an sich drückt und sachte über meinen Rücken streicht. Nach dem Unfall, bei welchem ich meine Eltern und meine Schwester verloren habe, gab er mir Halt und hat immer zugehört, ist mitten in der Nacht nach draussen gekommen und hat mit mir geweint. Ja, die Wochen nach dem Unfall waren schwer, doch da hatte ich einen Freund an meiner Seite. Aber jetzt, wo ich ihn verloren habe, bin ich ganz alleine. Den Kopf auf meine Knie gelegt, weine ich mich in einen unruhigen Schlaf.
Das laute Knacken eines Astes reisst mich unsanft aus dem Schlaf. Ich schrecke hoch und bleibe stocksteif sitzen. Ich höre ein Rascheln und dann beginnt jemand, vorsichtig die Leiter hochzusteigen. Das kann nur einer sein, denke ich. Die Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf und angespannt warte ich darauf, dass Noahs brauner Haarschopf vor mir auftaucht. Tränen treten mir wieder in die Augen, als er sich mit einem unruhigen Blick neben mich setzt. Ich starre stur geradeaus und versuche vergeblich, nicht zu heulen. Die Tränen kullern über meine Wange und Noah rückt etwas näher zu mir. „Mili, es tut mir so leid“, flüstert er mit erstickter Stimme. Als ich zu ihm blicke, merke ich, dass auch er weint. Ich beisse mir auf die Unterlippe und schüttle leicht den Kopf. „Ich habe lange überlegt, ob ich es dir sagen soll. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren. Aber du hast ein Recht darauf, die Wahrheit zu kennen. Und… ich hielt es nicht mehr aus.“ Noahs Stimme bricht. Wieder schüttle ich den Kopf. Wie kann das alles sein?
Ich erinnere mich daran, wie ich gleich zu Noah geflohen bin, als mich die schreckliche Nachricht erreicht hatte. Ich kann mich noch genau an sein geschocktes Gesicht erinnern, als ich ihm vom Unfall erzählte. Wie erstarrt stand er da, ehe er mich in den Arm nahm. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er in diesem Moment erfuhr, dass er die Eltern seiner besten Freundin umgebracht hatte. Noah sass nämlich am Steuer des Wagens, dem meine Eltern ausweichen mussten. Ihr Auto krachte frontal in den Baum neben der Strasse. Die Insassen überlebten nicht. Und Noah fuhr einfach weiter.„Geh Noah, bitte. Ich bin noch nicht bereit, mit dir zu reden. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es jemals sein werde.“ Ich schaue ihm direkt in die Augen und presse meine Lippen aufeinander. Ich weiss, dass ihn meine Worte hart getroffen haben. Aber ich muss mich schon zusammenreissen, ihn nicht anzuschreien. Noah wendet den Blick von mir ab und steht auf. „Ich weiss, Mili. Und ich erwarte das auch ich von dir“, stösst er hervor. „Aber ich möchte, dass du eins weisst: Du bleibst immer meine Freundin. Ich weiss, dass ich den Schaden, den ich angerichtet habe, um nichts in der Welt wieder gut machen kann. Es ist schlimm für mich zu wissen, dass du meinetwegen deine Familie verloren hast. Und nun auch deinen Freund.“ Noahs Stimme versagt, er dreht sich um und beginnt vorsichtig, die Leiter hinunter zu steigen. Er blickt mich ein letztes Mal an. „Ich gehe jetzt zur Polizei und zeige mich an. Mach‘s gut Mili, du bist der stärkste Mensch, den ich kenne“, flüstert er traurig und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Ich höre seine Schritte, die sich schnell entfernen. ‚Ja, geh!‘, schreie ich ihm in Gedanken nach. ‚Verschwinde! Ich möchte dich nie wieder sehen!’ Wie erstarrt sitze ich da und rühre mich nicht. ‚Wieso?‘, frage ich mich immer wieder. Und wieso genau ich?
Ich lehne mich wieder an die Wand und schliesse die Augen. Es klingt wahrscheinlich seltsam, aber jetzt, wo Noah fort ist, fühle ich mich auf einmal schrecklich einsam. Und erst jetzt wird mir richtig bewusst, wie viel Mut es Noah wahrscheinlich gekostet hat, noch einmal zu mir zu kommen. Und ich Idiot habe ihn eiskalt abgewiesen.
Einerseits bin ich wahnsinnig wütend auf ihn. Doch eigentlich weiss ich: Es ist nicht direkt Noahs Schuld. Am Unfalltag bekam er den lang ersehnten Führerschein. Er war auf dem Heimweg, als er nur ganz kurz eingenickt ist. Ein paar Sekunden, die unser beider Leben veränderten. In der Zeit danach war er für mich da, dabei hätte er Unterstützung benötigt. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, mit solchen Schuldgefühlen zu leben.
Ich beginne daran zu zweifeln, ob es richtig war, Noah so hart abzuweisen und ihm allein die Schuld zu geben. Doch dann sage ich mir: Jeder braucht Zeit, um so einen Schock zu verarbeiten. Und ich nehme mir ganz fest vor, Noah noch eine Chance zu geben. Denn er ist kein schlechter Mensch, im Gegenteil! Mit ihm kann man lachen bis zum Umfallen und er hält immer zu einem. Ich werde mir die Zeit nehmen, die ich brauche. Und dann werde ich es versuchen. Und ganz langsam kann ich mir auch vorstellen, dass ich soeben nicht zum letzten Mal mit Noah hier oben sass. Denn er ist mein bester Freund. Und wird es wahrscheinlich immer bleiben.
Laudatio zu „Ein paar Sekunden“ den Siegertext von Aline Popp in der Kategorie D
Aline Popp hat sich mit ihrem Text eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Sie erzählt darin von einem Dilemma, das die Heldin innerlich fast zerreisst: ihr bester Freund hat mit dem Auto ihre eigenen Eltern zu Tode gefahren. Es ist die Geschichte einer grossen Trauer – und eine Geschichte voller gefährlicher Klippen für die Autorin. Doch Aline Popp umschifft sie geschickt, beschreibt die Ambivalenzen genau und behutsam, spürt den emotionalen Umschwüngen akkurat nach und gelangt so zu einer Wahrhaftigkeit, die die Jury sehr beeindruckt hat. Jens Steiner, Schriftsteller, Jurymitglied 45
Die 20 besten Geschichten werden in einem Büchlein abgedruckt, dass ab Mitte Juni bei der Schulverwaltung Amriswil käuflich zu erwerben ist.
Jury für den Schreibwettbewerb 2020/2021 :
Katja Alves, 1961 in Coimbra, Portugal geboren. Verfasserin von Radiotexten und Hörspielen, Romanen, Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Daneben arbeitet Katja Alves arbeitet sie als leitende Lektorin für den NordSüd Verlag. katjaalves.ch
Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, schreibt seit zwölf Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder. Seit Kurzem lebt er an der deutschen Ostseeküste. jenssteiner.ch
Urs Bader, Lic. phil. I Universität Zürich. Von 1984 bis 2019 Redaktor beim St.Galler Tagblatt, lebt in Amriswil.
Gallus Frei-Tomic, 1962 in St. Gallen geboren, Primarlehrer in Amriswil, Literaturvermittler und seit 2020 Programmchef im Literaturhaus Thurgau. literaturblatt.ch
Längst nicht jede Geburt steht unter einem guten Stern, auch wenn man die eine jede Weihnachten feiert. André David Winter, der sich 2007 mit seinem Roman „Die Hansens“ schon einmal in die Abenteuer einer Familie hineinschrieb, überzeugt mit seinem neuesten Roman nicht nur durch den so gar nicht helvetisch grosszügigen Schwung des kräftigen Erzählens, sondern durch einen Sound, durch Bildfarbe, die an französische Filme erinnert, nicht nur wegen der frankophonen Namen.
Gaston wird 1929 in eine Pariser Artistenfamilie hineingeboren. Sein Vater ist artiste et céphalopode, Schlangenmensch, selten bis nie zuhause. Seine Mutter versucht sich selbst als Modistin über die Runden zu bringen, mehr schlecht als recht, zumal ihr Gemahl nur in den seltensten Fällen Geld von seinen Streifzügen zurück nach Hause bringt. Man deponiert den kleinen Gaston mal hier mal da, bis er im Unrat einer entfernten Verwandten liegen bleibt und zu einem sabbernden Stück Dreck zu werden droht, das die Tante bloss ihr „Tier“ nennt.
Glücklicherweise kehrt Gastons Vater doch noch einmal zurück, rettet seinen verkümmerten Sohn vor dem sicheren Tod, nimmt ihn mit und lässt ihn bei einer Bekannten, die ein Bordell unterhält, in dem Gaston zu einem eigentlichen Maskottchen heranwächst und all jene Liebe dankbar entgegennimmt, die man ihm in seinem bisherigen Leben verweigerte. Schnell zeigt sich, dass Gaston sich nicht nur wohl in den vielen Kissen fühlt, sondern schnell zu lernen weiss, all das, was ihm seine Ammen beibringen und das, was in den Büchern geschrieben steht, aus denen man ihm in den Pausen gerne vorliest.
André David Winter «Die Leben des Gaston Chevalier», edition bücherlese, 2021, 208 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-906907-43-7
Aber als Gaston in die Schule gehen sollte und klar wird, dass das Haus, in dem er lebt das Leben des kleinen Jungen zur permanenten Provokation im Ort werden lässt, nimmt der Vater Gaston mit, obwohl der kleine Junge die Frauen und allen voran Paulette nicht gerne zurücklässt. Aus Gaston soll auch ein Artist werden. Gaston ist mehr als lernwillig, saugt auf wie ein Schwamm. Was er von seinem Vater und dem Leben auf der Strasse nicht lernt, lernt er in den wenigen Tagen und Wochen, in denen er dann doch immer wieder einmal zu Schule geht. Und als es Gastons Vater im Schatten der Soldaten mit einer Truppe junger Mädchen finanziell immer besser geht, stellt man gar Privatlehrer an. Doch in den letzten Monaten des Krieges wendet sich das Blatt. Gastons Vater gerät in Gefangenschaft und Gaston selbst rettet sich in den sicheren Hafen eines Klosters.
Nach dem Krieg macht sich Gaston auf auf die Suche nach seinem Vater, nach Paulette, durch die Trümmer eines verwüsteten Landes. Gaston wird zu einem Phantom, einem Geist, der immer wieder sein Antlitz wechselt, fremdes Leben zu seinem eigenen macht, bis die letzte Rettung nur noch in der Fremdenlegion zu liegen scheint, jenem Ort, wo man ihm mit einer Nummer eine neue Identität zu geben verspricht. Aus dem Phantom wird eine Kampfmaschine, bis Gaston ein letztes Mal seine Fesseln hinter sich lassen kann und er zurück in den sicheren Schoss jenes Klosters findet, das ihn schon einmal rettete. Gaston wird zu einem bischöflichen Privatsekretär und ausgerüstet mit einer geheimen Mission mit einem Mal zu einem Mann mit dicker Brieftasche und geheimnisvoller Aura. Ein Mann, der das Herz einer jungen Bankierstochter erobert.
Schlussendlich wird Gaston der Gehilfe von Monsieur Petit, dem Inhaber der Librairie Jousseaume mitten in Paris. Dort hofft Gaston, dass dereinst Paulette den Laden betreten werde, weil Gaston weiss, wie sehr ihr an der Welt der Bücher gelegen ist.
„Die Leben des Gaston Chevalier“ ist ein völlig atypischer Roman in der Literaturlandschaft Schweiz, die nur ganz selten Geschichten hervorbringt, die mit dem grossen Pinsel gezeichnet sind, die cineastisch erzählen, ohne oberflächlich und platt zu bleiben. André David Winter zeichnet einen Mann, der durch ein Jahrhundert gepeitscht wird, der dann aber doch weiss, dass nur zwei Dinge bleiben; die Liebe und die Literatur. „Die Leben des Gaston Chevalier“ ist Resultat purer Erzählfreude. Ein Abenteuerroman!
André David Winter, geboren 1962 in der Schweiz, verbrachte die ersten acht Lebensjahre in Berlin. Nach Stationen auf Bauernhöfen in der Schweiz und in Italien folgten die Ausbildung in der Psychiatrie und die Arbeit in der Notschlafstelle sowie in einem rumänischen Kinderheim. Heute arbeitet Winter als Kursleiter und Erwachsenenbildner im Gesundheitswesen. Er lebt mit seiner Familie im Kanton Luzern.
Ich, Julia, liege in meinem Bett und weine. Meine allerbeste Freundin Hanna und ich haben uns zerstritten. So fest, dass wir meiner Meinung nach nie wieder Freundinnen sein können. Am liebsten würde ich meine ganzen Winterferien in meinem Zimmer verbringen. Aber das geht leider nicht, weil Mama und ich morgen nach Österreich fahren. Zum Glück gibt es dort Schnee, nicht so wie hier, nass und kalt. Die ganze Zeit muss ich an die schönen Erlebnisse mit Hanna denken. Ich hoffe, die Ferien mit Mama lenken mich ein in wenig von der Tatsache ab, dass ich ab jetzt ein freundinnenloses Leben führe, jedenfalls bis ich eine neue gefunden habe.
„Julia hast du schon gepackt?“, das war meine Mutter. „Nein habe ich noch nicht.“
Am nächsten Morgen, als alles eingepackt und im Kofferraum unseres Autos verstaut ist, fahren Mama und ich los. Wir besprechen unsere Ferienpläne. Ich erfahre, dass es dort ein Hallenbad gibt. Endlich kann ich ihr auch von meinem schlimmen Streit mit Hanna erzählen. Mama sagt: „Ach Julia, in deinem Alter kommen und gehen die Freundinnen wie Sandkörner am Meer, du findest bestimmt schon bald eine Neue.“ „Aber…“ So sehr ich Mama auch mag – in solchen Sachen versteht sie mich einfach nicht. An einer Raststätte kaufen wir ein Sandwich.
Als wir endlich im Hotel ankommen, bin ich de. Ich schaue mir das Zimmer an, in dem wir die nächsten vier Tage wohnen werden. Es ist schön hier. Ich lege mich in das bequeme Bett und schlafe eine Weile. Als ich aufwache, ist es schon bald Zeit fürs Abendessen. Ich ziehe mir frische Kleider an und gehe mit meiner Mutter ins Restaurant. Dort hole ich mir Spaghetti. Am Buffet treffe ich ein Mädchen. Sie scheint etwa in meinem Alter zu sein. Wir sprechen miteinander und es stellt sich heraus, dass das Mädchen Mira heisst und tatsächlich zwölf Jahre alt ist, wie ich. Wir verabreden uns für morgen zum Skifahren. Ich laufe wieder zum Tisch zurück und bin ziemlich glücklich – verglichen zu gestern.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück warte ich am verabredeten Ort auf Mira. Ich denke schon, dass sie mich vergessen hat, aber dann sehe ich sie kommen. „Hi Julia, sorry dass ich zu spät bin. Wir ziehen bald um und ich musste mit meinen Eltern noch etwas besprechen.“ „Kein Problem“, sage ich. „Wollen wir los?“, fragt Mira. Wir fahren den ganzen Vormittag Ski und haben viel Spass. Gegen Mittag gehen wir Pommes essen. Dann sagt Mira: „Ich muss wieder zurück ins Hotel, meine Eltern warten auf mich.“ Wir machen ab, dass wir uns um vier Uhr in der Lobby zu einem Brettspiel treffen.
Als ich zurück ins Hotelzimmer komme, sagt Mama mit einem Grinsen im Gesicht: „Na, was habe ich gesagt?“ „Was meinst du?“, frage ich. „Dass du bald eine neue Freundin finden wirst, oder wer war dieses Mädchen da unten?“ „Das war Mira, sie ist wirklich sehr nett!“, antworte ich schnell, um ihre nervige Fragerei zu beenden.
Ich komme pünktlich um Vier in die Lobby. Freudig stelle ich fest, dass Mira schon da ist. „Hi!“, begrüsse ich sie. „Was spielen wir?“, fragt Mira. Ich antworte: „Monopoly wäre toll!“ Wir spielen sehr lange. Mira erzählt, dass sie leider schon übermorgen heimfahren müssen. Darauf erwidere ich: „Wir müssen aber unbedingt nochmal zusammen Skifahren.“ „Ja, sicher, sollen wir noch zusammen ins Hotelschwimmbad gehen?“, fragt sie. Freudig stimme ich ihrem Vorschlag zu. Wir holen unsere Badesachen und gehen zum Schwimmbad. Es ist schön und gross hier! Wir schwimmen eine Weile. Mira ist erstaunlich schnell und gut. Ich frage sie, wo sie das gelernt hat. Sie erzählt, dass sie im Schwimmverein sei und diesen Sommer sogar einen Wettbewerb gewonnen hat. Ich wünschte, ich könnte auch so gut schwimmen.
Am nächsten Morgen treffen Mira und ich fast gleichzeitig am vereinbarten Treffpunkt ein. Als wir beim Skilift schon fast oben sind, weiss ich plötzlich, was ich sie schon lange fragen wollte. „Du Mira…“, beginne ich, aber in diesem Augenblick ruft sie: „Oh nein, Julia, ich habe meinen Skistock verloren!“ „Den holen wir uns wieder!“ Wir fahren bis am Nachmittag. Morgen reist Mira ab. Deshalb haben wir besprochen, dass wir heute gemeinsam Abendessen. Wir haben es lustig und die Er- wachsenen verstehen sich auch gut. Mira und ihre Eltern fahren morgen schon um acht Uhr los. Ich habe ihr versprochen, dass ich extra früh aufstehe, um mich noch von ihr zu verabschieden. Danach gehe ich ins Bett. Ich kann nicht schlafen und drehe mich in meinem Bett hin und her. Jetzt weiss ich auch wieder, dass ich Mira nach ihrer Adresse fragen will. Das mache ich morgen.
Am nächsten Tag stehen wir alle auf dem Vorplatz, verabschieden und umarmen uns. Mira und ich müssen weinen. „Ich vermisse dich jetzt schon!“, flüstert sie mir ins Ohr. Alle steigen ein, ihr Vater startet den Motor und sie fahren los. Ich winke dem Auto nach, bis es um die nächste Kurve verschwindet. Da fällt mir plötzlich siedend heiss ein, dass ich ihre Adresse nicht habe. Ich renne bis zur Kurve, aber das Auto ist ver- schwunden. Jetzt habe ich auch meine zweite, beste Freundin verloren. Ich kann es nicht fassen, am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen! Den Rest des Tages fahre ich mit Mama Ski, das macht wenig Spass. Nach dem Abendessen packen auch wir unsere Sachen.
Nach einer unruhigen Nacht fahren Mama und ich am nächsten Tag los. Niemand spricht ein Wort. Ich überlege wie es wohl wäre, wenn Mira neben mir wohnen würde, bestimmt wären wir unzertrennlich, vielleicht gingen wir zusammen in den Schwimmverein und in dieselbe Klasse! Ich vermisse sie. Auf die Schule morgen freue ich mich überhaupt nicht.
Am Tag danach in der Schule ignoriert mich Hanna, das stört mich eigentlich nicht. Es klingelt und alle stürmen ins Klassenzimmer. Plötzlich steht Frau Martin, unsere Klassenlehrerin in der Tür. Sie begrüsst uns mit „Hallo zusammen, ich möchte euch ein neues Klassenmitglied vorstellen.“ Hinter ihrem Rücken tritt ein Mädchen hervor. „Mira!“, rufe ich, renne nach vorn und umarme sie. Ich bin überglücklich!
Laudatio zu „Für immer verloren“ den Siegertext von Maëlle Schenk in der Kategorie C
Maëlle Schenk erzählt mit ausgesprochen viel Empathie von einem Mädchen im Strudel ihrer Gefühle. Eine Geschichte davon, dass das Leben oft nicht so verläuft, wie man sich das wünscht. Maëlle stopft ihre Geschichte aber nicht mit überschwänglichen Emotionen voll, sondern schreibt stimmungsvoll und authentisch. Sprachlich überzeugt ihr Text ebenfalls. Sie erzählt klar und nimmt begonnene Erzählstränge wieder auf, formuliert gekonnt und weiss, wie sie dramaturgisch bauen muss. Ich gratuliere! Gallus Frei, Literaturvermittler, Jurypräsident
Die 20 besten Geschichten werden in einem Büchlein abgedruckt, dass ab Mitte Juni bei der Schulverwaltung Amriswil käuflich zu erwerben ist.
Jury für den Schreibwettbewerb 2020/2021 :
Katja Alves, 1961 in Coimbra, Portugal geboren. Verfasserin von Radiotexten und Hörspielen, Romanen, Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Daneben arbeitet Katja Alves arbeitet sie als leitende Lektorin für den NordSüd Verlag. katjaalves.ch
Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, schreibt seit zwölf Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder. Seit Kurzem lebt er an der deutschen Ostseeküste. jenssteiner.ch
Urs Bader, Lic. phil. I Universität Zürich. Von 1984 bis 2019 Redaktor beim St.Galler Tagblatt, lebt in Amriswil.
Gallus Frei-Tomic, 1962 in St. Gallen geboren, Primarlehrer in Amriswil, Literaturvermittler und seit 2020 Programmchef im Literaturhaus Thurgau. literaturblatt.ch
Zuerst verliebte sich Joachim B. Schmidt in die Insel, später in Kristin Elva Rögnvaldsdóttir. Jetzt lebt der Schriftsteller seit mehr als einem Jahrzehnt mit seiner Familie auf Island und es scheint, als wäre er mit „Kalmann“, seinem vierten Roman, endlich auf dem Weg an den Ort, wo er hingehört.
Joachim B. Schmidt schreibt neben Romanen, Erzählungen, Filmrezensionen, Reiseberichten und Reportagen in den kommenden Monaten Postkarten von Island. Analoge Kleinkunstwerke für digitale Geniesser:innen! In einer Welt, in der man kaum mehr zum Stift greift, um Post- und Ansichtskarten aus allen Ecken der Welt zu senden, in der das Reisen einen schalen Beigeschmack bekommen kann und das Regal am Kiosk nur noch Karten zeigt, die vor Jahrzehnten produziert wurden, sind «Postkarten» auf literaturblatt.ch ein Zeichen dafür, dass die analoge Welt noch immer existiert.
Arnaldur Indriðason, 1961 geboren, graduierte 1996 in Geschichte an der University of Iceland und war Journalist sowie Filmkritiker bei Islands grösster Tageszeitung Morgunbladid.Heute lebt er als freier Autor mit seiner Familie in Reykjavik und veröffentlicht mit grossem Erfolg seine Romane. 1995 begann er mit Erlendurs erstem Fall, weil er herausfinden wollte, ob er überhaupt ein Buch schreiben könnte. Seine Krimis belegen allesamt seit Jahren die oberen Ränge der Bestsellerlisten. Seine Kriminalromane «Nordermoor» und «Todeshauch» wurden mit dem «Nordic Crime Novel’s Award» ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt der meistverkaufte isländische Autor für «Todeshauch» 2005 den begehrten Golden Dagger Award sowie für «Engelsstimme» den Martin-Beck-Award, für den besten ausländischen Kriminalroman in Schweden.
Arnaldur Indriðason ist heute der erfolgreichste Krimiautor Islands. Seine Romane werden in einer Vielzahl von Sprachen übersetzt. Mit ihm hat Island somit einen prominenten Platz auf der europäischen Krimilandkarte eingenommen.
Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden, aufgewachsen als Bauernsohn am Heinzenberg, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist und Reiseleiter auf der Vulkaninsel Island. Schmidts aktueller Roman «Kalmann» wurde mit einem Werkbeitrag der Pro Helvetia ausgezeichnet und erschien im Herbst 2020 bei Diogenes. Seine letzten drei Romane «In Küstennähe» (2013), «Am Tisch sitzt ein Soldat» (2014) und «Moosflüstern» (2017) sind im Landverlag erschienen. Schmidt lebt mit seiner isländischen Partnerin und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík.
Wenn man in den Westen fährt, hat man die Sonne jeden Morgen im Rücken. Sie treibt einen in den eigenen Schatten und brennt auf den Hinterkopf, bis die Reste des Vorangegangenen verdampfen und träge in der Luft stehen bleiben, während man selbst nur noch ein Motorengeräusch in der Ferne ist.
Jeder, der sagt, ein Land kann man nicht vom Highway aus entdecken, hat recht. Hier muss ja auch gar nichts mehr entdeckt werden. Wenn man aber schnell fährt, über eine gewaltige Landmasse auf einer geraden Umlaufbahn, stundenlang und ununterbrochen, bis auf ein paar Kaffeepausen in den Diner, die immer gleich sind von Ost nach West, dann bekommt man eine Ahnung von der Masse und Oberfläche der Welt. Auf der Umlaufbahn unterwegs zu sein, wird dann interessanter als alle Details im Inneren des Landes, denn man kann hier zusehen, wie sich die Erde in schnellen und groben Zügen umformt, unter einem Himmel, der sich ständig bewegt. Man sieht das Grundgerüst. Man sieht, wie sich die endlosen, flachen Maisfelder, durch deren Halme morsend die Abendsonne blitzt, irgendwann in Hügel verwandeln, und wenn man weiterfährt, sieht man durch die Windschutzscheibe, wie sich eine gezackte Wand aus dem Nichts materialisiert.
Eine Steinwand, die sich wie ein Scherenschnitt auf einen zuschiebt, bis man herunterschalten und hinauffahren muss ins Gebirge. Bis man die Fenster hochfahren muss, weil es immer kühler wird und der Wind schärfer und das Gestein immer grauer, splitternder und härter. Bis man auch die Baumgrenze passiert, dünne Luft, und am höchsten Punkt treibt der schnelle Wind Wolken auf Sichthöhe vorbei, denen man ungläubig hinterherglotzt.
Aber dann fährt man einfach wieder runter. Sieht die blauen Seen in die Täler gegossen, schlängelt sich halsbrecherisch an den Kanten der Abhänge entlang, und die Bäume vermehren sich wieder, stehen wieder dichter, werden zu Wald, Nationalwald, man fährt durch nationale Waldkathedralen, ein Baum nach dem anderen rast vorbei, und man kann die Fenster wieder öffnen, es riecht nach Harz, und man muss weniger und weniger bremsen, irgendwann muss man gar nicht mehr bremsen und rollt erleichtert wieder auf eine Ebene, auf der der Boden immer trockener wird.
Dann tauchen plötzlich diese bizarren Steinformationen auf. Erdrot vor dem jetzt wolkenfreien Himmel. Diese Bogen, die aussehen wie aus dem All gefallen, die der Wind aber eigentlich aus einem Urzeit-Meeresgrund herausgeweht hat, Staubkorn für Staubkorn, und die Canyons tauchen ebenso plötzlich auf, stürzen schockierend neben einem in die Tiefe, dieser viel zu steile Abgrund, an dem man sich ängstlich und mit offenem Mund vorbeistiehlt, weil er so erdzeitalt ist.
Aber selbst das verschwindet wieder, wenn man weiterfährt, und verliert seine Farben. Bleicht aus, bis man in den graugelben Staub kommt, der zu Hügeln zusammengepresst ist, abgerundete Hügel, die der seltene Regen schraffiert, durch die er Netze gezogen hat, die wieder erhärtet und stehen geblieben sind, als Sehnsucht nach dem Wasser, und man fährt die Fenster mit diesem elektrischen Surren wieder nach oben, dreht die Klimaanlage auf Anschlag, fährt einfach weiter, bis es anfängt, vor Hitze zu flimmern am fatamorganischen Horizont unter dem Meeresspiegel, dort, bei den Kakteen und den stacheligen Silberbüschen.
Da kommt man an den Punkt, an dem vor Hitze alles stillsteht. Auch der Wind. Aber wenn man sich nicht davon aufhalten lässt, sich nicht irritieren, einschläfern, umbringen lässt von der Hitze und dem kaum vorhandenen Herzschlag des Landes, wenn man doch weiterfährt, sich langsam hindurchquält, sozusagen über den Tod hinausfährt, ins Jenseitige, wenn man diese lang gezogene Durststrecke aushält, auf der man sich mit der mittlerweile keuchenden Klimaanlage und den fast leeren Wasserkanistern im Kofferraum bedroht, ausgetrocknet, zum Überleben gezwungen fühlt, dann kommen endlich die Palmen.
Man lässt die Fenster wieder herunter, und der Wind streicht einem die Haare aus dem Gesicht, riecht nach feuchtem Salz. Man schaltet das Radio an und singt wieder mit, denn man weiß ja, was kommt, wenn man jetzt weiterfährt, auf direktem Weg, wenn man jetzt noch den Rest schafft, brennend ungeduldig bis ans Ende des Landes, bis an seine Kante, sein Ufer, seine Auflösung im ewig wogenden Meerwasser, in das man sich nach all diesen Strapazen hineingleiten und in dem man sich sauber waschen lässt.
Und während man so fährt, stundenlang, tagelang, wochenlang, geht jeden Morgen die Sonne auf, erreicht ihren Zenit und geht abends wieder unter, und dazwischen – mal schwarz wie ein geschlossener Vorhang, mal so dicht gesprenkelt, dass die Sterne den dunklen Hintergrund des Universums überbieten – macht die Nacht immer wieder alles zunichte. Weil man es nicht schafft, die Sonne einzuholen, auch wenn man ihr ununterbrochen hinterherjagt.
(Prolog zum Roman «Lux»)
Olivia Kuderewski, 1989 geboren, lebt in Berlin. „Lux“ ist ihr erster Roman. Sie hat vergleichende Literatur und Schreiben studiert, volontiert, bisher in wenigen Anthologien veröffentlicht und noch keinen Preis gewonnen.
Bernadine Evaristos Roman „Mädchen, Frau etc.“ ist ein weit umspannendes Panorama jener Britinnen, deren Hautfarbe Sinnbild ist für eine Herkunft weit weg und deren Geschlecht sich längst nicht mehr in zwei konservativen Kategorien einteilen lässt, mit denen man Menschen über Jahrhunderte taxiert hatte. „Mädchen, Frau etc.“ ist mehr als ein Roman einer Orientierung, sondern für sich eine ganze Bibliothek!
Amma ist zu Fuss auf dem Weg zur Premiere ihres Stücks Die letzte Amazone von Dahomey im National Theatre in London. Sie hat es geschafft, obwohl sie sich auch vor dieser Premiere von Zweifeln zerfressen lässt. Geschafft, weil das National Theatre rein gar nichts mehr hat, von dem, was die Spielorte ihrer ersten Stücke ausmachte, als alles an ihrer Theaterarbeit ein Kampf gegen das Establishment, alles den Hauch des Anrüchigen, Rebellischen, Kaputten hatte. Ein Kampf gegen Ungerechtigkeiten aller Art, alle Formen der Unterdrückung, sei es wegen der Rasse, der Hautfarbe, der Herkunft, sei es jener gegen eine sexuelle Ausrichtung, einer aufgepfropften Identität, jeglicher Art des Konformismus und der Gedankenlosigkeit der Gesellschaft. Amma weiss, dass sie alle da sein werden, alle, die sie über die letzten Jahre in ihrem unablässigen Kampf begleiteten, auf welcher Bühne auch immer.
Bernardine Evaristo «Mädchen, Frau etc.», Tropen, übersetzt von Tanja Handels, 2021, 512 Seiten, CHF 37.90, ISBN 978-3-608-50484-2
Auch Yazz würde da sein, ihre mittlerweile neunzehnjährige Tochter, die in ihrer rebellisch unberechenbaren Art in nichts ihrer Mutter nachsteht. Auch Roland, der Vater von Yazz, ein schwuler Professor und Autor, der sich als Samenspender in genau jene Rolle einspannen liess, die Amma ihm in ihrer lesbischen Lebensart zugestehen wollte. Auch Dominique, mit der sie einst eine leidenschaftliche Liebe teilte, die aber dann für eine Liebe in die Staaten abtauchte, wo sie in den Fängen einer Schönen fast ihr Leben verlor. Amma, einst Rebellin und Kämpferin, ist längst Teil eines neuen Establishments geworden, einer Kulturoberschicht, die nach der Feier mit Prosecco anstösst und sich in den Lobgesängen der grossen Medien sonnt.
Alles in den Leben dieser Frauen ist Statement, sei es die sexuelle Ausrichtung, die dazugehörigen Spielformen, das Outfit, die Frisur, der Auftritt. Bernadine Evaristo erzählt, wie über Generationen der Kampf ums blosse Überleben einer Frau nicht weisser Herkunft in den Generationen der Gegenwart, ob weiss oder schwarz, zu einer elitären Arroganz führt, in der es nur Sieg oder Niederlage gibt. Sinnbild dafür ist Ammas Tochter Yazz, die mit ihren neunzehn Jahren genau weiss, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist, die alles in ihrer Umgebung nutzbringend taxieren kann und selbst ihre Taufpatinnen und -paten dahingegen taxiert, ob Geburtstagsgeldgeschenke genügend Nullen auf den Banknoten aufweisen. Eine lesbische Mutter zu haben, in wechselnden Konstellationen, ob mono- oder polygam, einen schwulen Vater, den man aus der Distanz zu schätzen weiss, ist als Familienaufstellung ebenso Statement wie das eigene Bewusstsein, sich mit nichts etwas Fixem zuschreiben zu lassen.
Bernadine Evaristo erzählt in ihrem Roman ganz viele Leben, zeichnet ungeschönt und ungesühnt all die Schicksale, denen Frauen in Vergangenheit und Gegenwart lebensbedrohlich ausgesetzt sind. Mag sein, dass man sich als männlicher Leser noch mehr als nichtmännliche einer neuen, noch viel intensiveren Sehensweise ausgesetzt fühlt als alles, was man bisher zu Lesen vorgesetzt bekam. Der Kampf der Geschlechter ist noch lange nicht ausgestanden. Genauso wie all die Ungerechtigkeiten, die durch die ethnische Herkunft Menschen klassifizieren. Man reibt sich immer wieder die Augen, nicht nur wegen all der Gewalt, all dem Leid, all der Verbohrtheit und Arroganz. Auch darüber, wie filigran und emphatisch die Autorin zu erzählen versteht. Der Titel „Mädchen, Frau etc.“ suggeriert, dass es vornehmlich ums weibliche Geschlecht geht. Aber eigentlich ist das etc. der Nabel des Titels. Zumindest für mich schaffte es Bernadine Evaristo wie keine andere Autorin das Thema Gender in 500 Seiten einzuflechten, ohne dass einem das stören würde.
Das unglaublich Verblüffende an diesem Roman ist die Sprache. Bernadine Evaristo gelingt es, jeder Protagonistin eine eigene Stimme zu geben, einen eigenen Sound. Sie erzählt klug, nie belehrend, mit einer Wärme, die mich bei der Lektüre einhüllt. Von den 500 Seiten ist keine einzige zu viel!
„Mädchen, Frau etc.“ ist ebenso eigenwillig wie grossartig!
Bernardine Evaristo wurde 1959 als viertes von acht Kindern in London geboren. Sie ist Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University London und stellvertretende Vorsitzende der Royal Society of Literature. Für ihren Roman «Mädchen, Frau etc.» wurde sie als erste schwarze Schriftstellerin 2019 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.
Tanja Handels, geboren 1971 in Aachen, lebt und arbeitet in München, übersetzt zeitgenössische britische und amerikanische Romane, neben Anna Quindlen Zadie Smith, Elizabeth Gilbert, Tim Glencross und Scarlett Thomas, und ist als Dozentin für Literarisches Übersetzen tätig. Ihre Übersetzungen wurden schon vielfach ausgezeichnet, u.a. 2018 mit dem Arbeitsstipendium des Freistaates Bayern.
Knackt man eine Walnuss, sieht das Innere einem Hirn sehr ähnlich; gespeicherte Zeit – gespeicherte Erinnerung. Karin Richner hat mit ihrem neuen Roman „Der Traum des Walnussbaums“ ein Buch über die Zeit geschrieben, über Erinnerungen, die mit ihr verblassen und entschwinden oder mit einem Mal wieder auftauchen. „Der Traum des Walnussbaums“ ist eine literarische Kostbarkeit, der ich jedes mögliche Podest wünsche!
Es hat acht Jahre gedauert, bis nun endlich ein neues Buch der Sprachkünstlerin meine Neugier stillt. Ein Buch, das trotz seiner Erzählspanne von fast 500 Jahren den Bogen in keiner Weise überspannt. Von 1874 bis 2351 erzählt Karin Richner von den Jahrringen einer um Dasein und Überleben kämpfenden Spezies. Ein Buch, das in sechs Kapiteln aus der Perspektive sechs verschiedener Menschen von dem erzählt, was wir in unserem Alltag viel zu leichtsinnig in Stein gemeisselt sehen; eine Welt, die wir zu kennen glauben, eine Welt, die immer so bleiben wird und muss, wie sie sich aktuell zeigt oder wie wir mit Bedacht einzublenden versuchen. Dabei ist nichts, wie es ist, weder die Gegenwart so, wie sie sich uns zeigt, noch die Zukunft, wie die Gegenwart verspricht. Alles ist im Fluss und nichts und niemand kann vorhersagen, ob dieser mäandernde Fluss nicht plötzlich das Ufer aufbricht und einen ganz anderen Lauf nimmt.
„Der Traum des Wahlnussbaums“ widerspiegelt etwas von dem, was passiert, wenn ich durch den nahen Wald meines Wohnorts spaziere, vorbei an all den knorrig alten Eichen, die schon so lange stehen und in ihren Jahrringen Dinge speichern, die längst jeder Erinnerung entglitten sind. Aber Karin Richner tut dies in keiner Weise in einer verklärten, übersinnlich entrückten Säuselei, sondern so wie in den drei Kapiteln vor der Gegenwart absolut sachlich und die Wirklichkeit respektierend, auch in den drei Kapiteln in der Zukunft. Einer Zukunft, die unseren Planeten im kommenden Jahrhundert in einen Krieg der Kontinente manövriert und „über die Erde fegt wie ein alles verschlingender Dämon“. Wie sich aus der verbrannten Erde erst mit den Jahrhunderten ganz langsam wieder scheues Leben hervorwagt und das, was von der Menschheit übrig geblieben ist, sich aus ihren unterirdischen Bunkern wieder hervortraut.
Karin Richner «Der Traum des Walnussbaums», bilgerverlag, 2021, 186 Seiten, CHF 28.00, ISBN 978-3-03762-092-2
Karin Richners Roman ist keine Dystopie im eigentlichen Sinn, viel mehr ein Entdecker:innenroman, ein Abenteuerroman. Ein Roman, in dem jene Sorte Mensch die Hauptrolle spielt, die nicht an Macht und Reichtum interessiert ist, sondern die in erster Linie verstehen will. Die sich auf die Suche macht, die sich nicht in ein dumpfes Dahinvegetieren ergeben hat, die aufbrechen will, die weiss, dass es hinter allem etwas Anderes, Neues zu entdecken gibt.
Immer wieder ranken die Geschichten um das Leben in einer Universität, an den Orten, an denen Wissen und Erfahrung gespeichert ist, an denen Menschen forschen, festhalten und kombinieren, die zum Humus werden für all die Bäume, die in den Himmel wachsen sollen. Selbst die apokalyptischen Kriege der Zukunft werden diese Speicher der Erinnerungen nie ganz auslöschen können. Beschädigen leider schon, aber niemals dem menschlichen Hunger nach Erkenntnis entziehen.
Was mich neben Karin Richners erzählerischem Wagnis aber noch viel mehr überzeugt, bewegt und fasziniert, ist eine ausgereifte, farbige Sprache. Die satten Bilder, die Räume, die sie mit wenigen Sätzen zu erschaffen versteht. Die Nähe zu den Personen, obwohl sie sich auf ein halbes Dutzend Protagonist:innen konzentriert – auf nicht einmal 200 Seiten. Man liest dieses Buch mit hochgezogenen Brauen, klappt es am Schluss nicht einfach zu, sondern schliesst es ganz langsam, um mit allen Sinnen noch lange im Nachhall dieses Kunstwerks zu bleiben.
Und dann ist da noch das Buch als haptisches Objekt selbst. Der Verleger Ricco Bilger schafft es immer wieder meisterlich, jedem seiner Bücher jenes Gewand zu geben, das ihm entspricht. Als hätte er wirklich einen Finger mehr in seinem verlegerischen «Händchen».
Hätte ich einen roten Teppich; ich würde ihn vor der Autorin ausrollen!
Interview
Dass jemand mit einem Roman so viel Mut zeigt, ist schon beachtlich genug, denn jedes Experiment birgt auch vielfältige Möglichkeiten des Scheiterns. Sie spannen den Bogen weit, ohne ihn in irgend einer Weise zu überspannen. Schrieben Sie mit einem Plan? War da von Anfang an eine Idee, die sich durchsetzte? Die Idee war anfangs, wie immer bei meinen Romanen, eher vage. Ich suchte nach einer Möglichkeit, verschiedene Lebensgeschichten – die zu verschiedenen Zeiten spielen – auf irgendeine Weise zu verknüpfen, mehr wusste ich nicht. Der Text hat sich aus dieser Grundidee allmählich entwickelt, und irgendwann wurde dann klar, wie die genaue Umsetzung sein sollte. Dass diese Form ein Experiment ist und ich damit scheitern kann, war mir ebenfalls bewusst… wenn ich aber überzeugt bin, dass ein Text die Form gefunden hat, die er natürlicherweise in sich trägt, spielen solche Überlegungen für mich keine Rolle.
Tapetenstücke aus dem Aarauer Altstadthaus, in dem die Autorin eine Weile wohnte.
Ein Walnussbaum lässt im Herbst seine Nüsse fallen, und legt sich jeden Winter einen weitern Jahrring zu. Jede Nuss, jeder Jahrring etwas gespeicherte Zeit. In Ihrem Roman geht es um Zeit, Erinnerung und das Vergessen. Leben wir zu wenig im Bewusstsein unserer eigenen Nichtigkeit? Ich glaube – ich empfinde das anders – das Leben eines Einzelnen kann vielleicht nichtig erscheinen, vor allem im grossen Zusammenhang der Menschheitsgeschichte, in Wirklichkeit ist aber die Existenz jedes Menschen von absoluter Bedeutsamkeit. Weil jedes Individuum diese Geschichte ja mitformt, und weil zudem jeder Mensch ein einzigartiges Wesen hat.
Über Jahrhunderte war es der Mensch, der die Welt in eine Form zu fassen versuchte. Er baute Gärten und Parks, um in menschlicher Ästhetik die Natur zu optimieren. In der Zukunft ihres Romans hat sich der Mensch mit seiner reduzierten Natur unter Kuppeln zurückgezogen, weil das, was von der Natur übrig geblieben ist, menschenfeindlich wurde, zumindest für einige Jahrhunderte. Ist nicht selbst dieses Szenario ein optimistisches? Dem würde ich zustimmen. Der optimistische Grundgedanke zieht sich durch den gesamten Roman, und er zeigt sich auch in diesem Szenario. Der Mensch adaptiert sich immer an veränderte Umstände, und er bleibt dabei menschlich: Beziehungen, Empfindungen, die Verbundenheit mit der Natur – all das ist in seinem Kern unveränderlich.
Büchern wird es in „Ihrer Zukunft“ fast keine mehr geben, dafür fleissige Archivare, die in endlos scheinender Kleinarbeit aus den Schutthalden zerbombter Bibliotheken nach dem Prinzip Zufall das Wenigste zu retten versuchen. Man hat den Tod des gedruckten Buches schon oft prophezeit. Aber wenn man auch in nächster Zukunft so rabiat mit den natürlichen Ressourcen umgeht, werden Bibliotheken mit Papier wohl zu Museen und Bücher zu Sonderanfertigungen für Sammler. Können Sie sich eine Wohnung ohne Bücher vorstellen? Eine Wohnung, in der Sie sich zuhause fühlen? Generell denke ich nicht gerne in absoluten Kategorien. Wird die Welt der Zukunft eine bücherlose sein, wird es dafür anderes geben – Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, bevor es sie gibt, und über welche die Menschen sagen werden: Wie hat man jemals ohne sie leben können? Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich bin mit Büchern aufgewachsen, und wenn ich gegenwärtig die Möglichkeit habe, fülle ich mein Zuhause damit, aber wer weiss, welche veränderten Umstände mit dem Verlust von Büchern Hand in Hand gehen würden… vielleicht würden sie mir dann gar nicht fehlen. Veränderung war von Anfang an Bestandteil der Menschheitsgeschichte.
Zwei Männer reiten durch die Landschaft, dorthin, wo sie den Niedergang eines Meteoriten vermuten. Sie suchen und finden ihn, einen faustgrossen Brocken, der auf seiner unendlich scheinenden Reise durchs All auf der Erde einschlug. Ein Stück Materie gewordene Ewigkeit. Dabei trägt doch jeder Stein diesen Code in sich. Selbst wir Menschen. Ist es die Gier des Entdeckers, die die Bergung dieses Steins zur Besonderheit werden lässt? Vielleicht empfindet man einen Meteoriten als etwas Besonderes, da er lange Zeit fern von der Erde existiert hat – er stellt eine Verbindung zur Unendlichkeit des Weltalls dar. Zudem sind Meteoriten rar, und das Seltene ist immer auch etwas Aussergewöhnliches. Im Fall des betreffenden Protagonisten kommt aber ganz bestimmt auch die Persönlicheit des Entdeckers hinzu.
Karin Richner, geboren 1980, lebt und arbeitet in Aarau. Sie studierte an der Universität Basel Deutsch, Englisch und Geschichte. 2007 erhielt sie ein Aufenthaltsstipendium von Pro Helvetia und einen Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums. Ihre Werke erscheinen im bilgerverlag.
Man verliebt sich, zieht zusammen und heiratet. Julia und Faizan tun genau das. Aber nichts scheint im Glück zu enden, viel mehr in Aussichtslosigkeit. Denn Faizan ist Asylbewerber aus Pakistan. Und Julia wollte genau das eine mit Sicherheit nie im Leben: Heiraten. Beide kommen in Deutschland nie an!
Was soll Literatur? Unterhalten? Provozieren? Streicheln? Sticheln? Aufbauen? Niederreissen? Weder das eine noch das andere allein. Im besten Fall mehreres zugleich. Selbst auf die Gefahr hin, das Leserinnen und Leser nicht alles in den Kram passt, was da geschrieben steht. Je mehr ein Buch aus der eigenen Innerlichkeit schöpft, je mehr es die Innenseite eines Autors offenbart, desto grösser das Risiko, mit dem Werk gleichgesetzt zu werden. Joachim Zelter schrieb aus tiefer Betroffenheit einen Roman, der zu tiefst betroffen macht. Einen Roman, den man nur schwer zuhause auf dem Liegestuhl, an der Sonne, am Strand, im Flugzeug lesen kann. Und doch ist sein neuer Roman literarische Auseinandersetzung. Aber die Geschichte für einmal nicht bloss der Träger der Sprache.
„Die Verabschiebung“ macht genau das, was im Titel des Romans passiert: Eigentlich verändert sich nur wenig, ein Buchstabe, und aus einem üblichen Vorgang wird eine Katastrophe. Wir wissen, dass es sie gibt, die Abschiebungen abgewiesener Flüchtlinge, die begleiteten Flüge, diskret, von fremden Augen abgeschottet, die Dramen, die Fesselungen, die Tränen, die Katastrophen. Manchmal dringen sie an die Oberfläche des öffentlichen Interesses, kurzzeitig, wie Strohfeuer. Eigentlich verändert sich nur wenig; meine Perspektive als Leser. Hätte ich Joachim Zelters Buch weggelegt, käme es einer Verweigerung gleich, einem Nicht-hinschauen-wollen.
Joachim Zelter «Die Verabschiebung», Kröner, 2021, 160 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-520-75201-7
2018 wurden aus Deutschland fast 24000 Menschen abgeschoben, in der Schweiz etwas über 3000. Joachim Zelter erzählt ein Stück Geschichte eines Mannes namens Faizan Muhammad Amir. Fiktiv, wie der Autor in einer Vorbemerkung betont: „Dieser Roman ist eine fiktive Geschichte. Darin liegt seine Wahrheit. Es handelt sich um eine literarische, menschliche und gesellschaftliche Wahrheit, nicht um die faktengetreue Wiedergabe tatsächlicher Ereignisse.“ Faizan floh auf dem Landweg von Pakistan nach Deutschland. Eine Flucht, die beinahe ewig dauerte und mit der Ankunft in Deutschland nie zu Ende war. Aus Pakistan, einem Land mit einer Militärregierung. Aber eben nicht Afghanistan oder Syrien. Faizan lernt Julia Kaiser kennen, auf der Treppe vor einem Tanzlokal; Faizan, der in einer Containersiedlung mit anderen Flüchtlingen auf engstem Raum zusammenlebt, Julia, die ihr Studium abgebrochen hatte und mit einem Job in einer Bücherei ihr enges Leben in den Griff zu bekommen versucht. Sie mögen sich, und weil ein Anwalt meint, es verbessere Faizans Aussichten in Deutschland bleiben zu können, würden sie heiraten, tun sie es. Durchaus aus Liebe, aber eigentlich nur, weil sie die Bürokratie, der Apparat zu diesem Schritt zwingt. Ausgerechnet Julia, die eine Magisterarbeit schrieb über die Zwänge der Institution Ehe, über die Unhaltbarkeit der Ehe, in philosophischer, literarischer, ästhetischer und jeder anderer Hinsicht. Sie heiraten schnell und still. Aber eben dieser Apparat schlägt gnadenlos zurück, denn nun ist staatlich zu prüfen, ob die Ehe zwischen den beiden eine vorgetäuschte Lebensgemeinschaft sei und damit Grund genug, um einer Aufnahme als Flüchtling unabwendbar einen Riegel zu schieben.
Was nach einem Plan aussah, was ein bisschen Hoffnung schenkte, erweist sich als Spiessrutenlauf. Ein Beamter erscheint fast täglich und bohrt. Faizans Panikattaken wachsen. Julia rennt von Amt zu Amt. Ihr Konto rutscht für Anwälte ins tiefrote Minus. Bis dann doch das Kommando auftaucht und Faizan drei Minuten Zeit gibt, das Wichtigste zu packen und einen letzten Anruf zu tätigen.
Erzählt werden die Monate von Johannes, Julias Bruder, der auf den ersten Seiten des Romans eine PIA besteigt, eine Boeing 474 der Pakistan International Airlines. Johannes, der wie alle andern im Umfeld von Julia und Faizan nie ganz begreifen konnte, was die Situation derart entgleiten liess, macht sich nach Pakistan auf, weil es sonst sein 83jähriger Vater getan hätte. Auf die Suche nach der Liebe.
Interview
Ich las dein Buch auf meinem Sofa in meiner Bibliothek. Andere lesen es vielleicht im Liegestuhl, im Flugzeug oder auf El Hierro am Strand. Eigentlich fast unerträglich. Unweigerlich stellt sich ein Gefühl der Scham ein. Muss und soll das passieren? Oder geht es dir gar nicht darum. Niemand soll sich schämen. Schon gar nicht meine wenigen Leserinnen und Leser. Ich halte es da mit Nietzsche: „Was ist dir das Menschlichste? – Jemandem Scham ersparen.“
„Bitte verlassen Sie die Bundesrepublik Deutschland (könnte auch heissen „Bitte verlassen Sie die Schweiz.“)“ Hinter diesem «Bitte» steckt wenig Bitten, höchstens Schönfärberei. Für die einen logische Konsequenz einer propagierten Flüchtlingspolitik, für die anderen ebenso logische Konsequenz von Unmenschlichkeit und Angst. Ein ewiges Dilemma? Als Autor interessiert mich weniger dieses Dilemma als vielmehr die euphemistische Sprache, die sich darin entfaltet. Je unmenschlicher die Sätze in ihrer tiefsten Substanz, desto mehr Anästhetikum im Vorgang einer alles benebelnden Sprache. Die ganze Asylverfahrenssprache, die ich in meinem Roman zitiere, sie ist sogar gendergerecht und politisch korrekt bis in die letzte Verästelung verfasst. Dazu noch auf Umweltpapier gedruckt. In jedem Universitätsseminar würde eine solche (sich nach allen Seiten immunisierende) Sprache eine Eins mit Sternchen bekommen. Doch am Ende scheut sie nicht davor zurück, Menschen gegen ihren Willen in ein Flugzeug zu setzen und sie ausser Landes zu schaffen.
Weder Julia noch Faizan entsprechen den Normen. Wer den Normen entspricht, wird vom Apparat in Ruhe gelassen. Sei dies in Deutschland, der Schweiz oder Pakistan. Was du mit deinem Roman tust, entspricht wohl für viele auch schon nicht mehr einer Norm, denn es lässt sich mehr als deutlich eine politische und gesellschaftlich Haltung ablesen. Julia und Faizan bezahlen dafür. Sollten sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht viel mehr „ausserhalb der Literatur“ zu aktuellen Themen äussern? Selbst auf die Gefahr hin, sich damit die Finger zu verbrennen? Ich selbst tue mich schwer mit punktgenauen Äusserungen zur Politik, gerade ausserhalb der Literatur. Vielmehr neige ich dazu, das Politische direkt (oder indirekt) in die Literatur zu nehmen. Ich denke da an meine Romane SCHULE DER ARBEITSLOSEN, DER MINISTERPRÄSIDENT, UNTERTAN oder IM FELD. Innerhalb der deutschsprachigen Literatur sehe ich mich da in einer Tradition mit Heinrich Mann oder auch Friedrich Dürrenmatt, den ich in der VERABSCHIEBUNG einige Male erwähne. In der englischsprachigen Welt sind es Autoren wie Jonathan Swift, George Orwell oder Aldous Huxley, alles eminent politische Autoren. Für mich bilden Literatur und Politik keine Gegensätze. Jeder literarische Text ist politisch, selbst dann, wenn er sich unpolitisch gibt. Das Unpolitische ist am Ende noch politischer als das Politische: in seiner völligen Anpassung und Hinnahme bestehender Verhältnisse. Die Frage ist, ob der Autor oder die Autorin davon weiss – oder nicht.
Wäre Faizan Informatiker, Wissenschaftler, Arzt oder Fussballer bei Bayern München, würde man ihn niemals unfreiwillig mit Begleitschutz in einen Flieger setzen. Man behandelt Menschen nach ihrem möglichst messbaren Wert. Von Menschenmaterial kann man sich sehr effektiv trennen. Davon zeugt die Geschichte. Materialismus bis ins Menschenbild? Leider stimmt das. Menschen werden sehr stark auf ihre (überwiegend ökonomisch gedachte) Nützlichkeit reduziert, entgegen aller Ethik und auch entgegen des ersten Artikels des deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Doch diese Ökonomisierung geht weit über ein Asylverfahren hinaus. Wir sprechen ja auch von unserer Jugend oder von der Bildung als unserem grössten Kapital. Oder von einem Buch als einem hervorragenden Buch, wenn es sich gut verkauft. Das Gegenstück dazu ist der wunderbare Satz von Oscar Wilde: „All Art is quite useless.“ Dieser Satz begründet eine ganze Ethik.
Julia Kaiser riskiert alles. Das weibliche Urbild der sich Aufopfernden? Hätte die Geschichte auch mit vertauschten Rollen funktioniert? Eine gute Frage. Doch ich glaube, dass die Geschichte auch mit vertauschten Rollen funktionieren würde. Julia opfert sich zu einem gewissen Grad auf, das stimmt, doch das Wort Aufopferung greift zu kurz. Julia gewinnt auch sehr viel – an Nähe, Wärme, Kraft, Verbundenheit und Zuneigung. So wie umgekehrt die Menschen, die so sehr darauf bedacht sind, alles Fremde von sich zu halten, damit auch viel verlieren. Der Bildende Künstler Jo Winter brachte es einmal auf den Punkt: Wer die Welt ausschliesst, schliesst sich selbst immer mehr ein. Denmark is a prison.
Joachim Zelter, 1962 in Freiburg geboren, studierte und lehrte Literatur in Tübingen und Yale. Seit 1997 freier Schriftsteller. Bei Klöpfer & Meyer erschienen u. a. «Der Ministerpräsident» (2010), nominiert für den Deutschen Buchpreis, sowie «Im Feld» (2018). Zuletzt erschien «Imperia» (2020). Joachim Zelter erhielt zahlreiche Auszeichnungen: u. a. den begehrten Preis der ›LiteraTourNord‹. Er ist Mitglied im Deutschen PEN.
grabstill aber und überfüllt mit zuhörern der saal dass man den druck des bleistifts auf dem papier hört leicht wie eine vorbeistreichende feder bist du geworden mein herz wie eine feder die ein vogel im flug verloren hat wo ist deine stimme geblieben rau von verzweiflung und versengt von der glut deiner fürchterlichen liebe du musst unter menschen gehen du mußt ihnen deinen atem lassen dich ihnen überlassen dich einlassen auf ihren atem aber du hast ja die sprache verloren sie sehen dich nicht wenn du da bist du bist da nicht wo du bist sondern der wannsee ist unruhig heute die leinen klirren im wind das wasser schlägt gegeneinander im streit obwohl der himmel leicht gefaltet liegt überm anderen ufer aber das wasser schlägt so unruhig gegen die boote es klatscht an die steinernen brüstungen unter dem saal wo du menschen einsaugst ich sauge mich voll mit menschen wie ein schwamm ich sauge die stimme ein der frau mit der bleichen haut trauerhaut unterm schwarzen haar diese leise fast schleppende stimme frau mit den großen füssen in männerschuhen und grabstill der saal und dieser nackte scheitel im schwarzen haarnest der wie eine naht liegt auf dem wirbel im zentrum der schwerkraft die ihr den kopf herabzieht über die großen schuhe witwenschuhe unter dem tisch und auf dem tisch das weiße viereck das mit schriftzeichen bedeckt ist und darüber dieser weiße scheitel der die berührung mit dem kissen mitgenommen hat in den saal über dem see die berührung eines fremden kopfkissens oder der sessellehne im ICE oder was sonst seine müdigkeit zurückgelassen haben mag die nistet im nackten scheitel im schwarzen haar diese weiße unbeschriftete zeile dieses mysterium der wörter dieser wundriss im schwarzen rahmen über der trauerhaut ich atme ihn ein
Beatrix Langner, 1950 geboren, ist promovierte Germanistin, Autorin und Literaturkritikerin und lebt in Berlin. Seit 1990 zahlreiche Rundfunk-Features und Kulturreportagen für DeutschlandRadio Berlin sowie Feuilletons und Kritiken für Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Deutschlandfunk Köln u.a. Sie veröffentlichte eine Biografie über Jean Paul (C. H. Beck), für die sie 2013 den Gleim-Literaturpreis erhielt, und ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.