Der Veranstaltungssaal unter dem Dache des Literaturhauses war bis auf den letzten Platz besetzt. Gewiss, das Thema, die Kulisse, die Geschichte seines neuen Romans «Die Jagd» ist intensiv mit den Geschehnissen des Krieges in der Ukraine verwoben. Aber der Roman macht auch schmerzhaft deutlich, wie sehr Gegenwehr im Abgrund enden kann.
Als ich in der Vorschau des Diogenes-Verlags Ende 2019 den Namen Sasha Filipenko las und die Vorankündigung seines ersten auf deutsch erscheinenden Romans „Rote Kreuze“, war meine Neugier gross: Ein Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Fernsehmoderator schreibt einen Roman, der die russische Geschichte eines ganzen Jahrhunderts zum Thema macht. 2020 musste Sasha Filipenko seinen damaligen Wohnort St. Petersburg mit seiner Familie verlassen, Russland verlassen.
Mit seinem zweiten Roman „Der ehemalige Sohn“ traf ich den Schriftsteller mit seiner Familie im Sommer 2021 in den Walliser Bergen am Literaturfestival Leukerbad, als er im idyllischen Garten eines Hotels aus der Geschichte eines jungen Mannes las, der nach 10 Jahren Koma in einer Stadt, einem Land, in Minsk, in Weissrussland aufwacht, das nach immer weiteren Verhärtungen einer undemokratischen Ein-Mann-Regierung immer mehr in die Isolation rutscht. So gar keine Idylle in der Sonne der Walliser Berge.
Dass Sascha Filipenko zusammen mit Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen und Anya Schutzbach Kuratorin des Literaturhauses Wyborada St. Gallen, Gäste auf der Bühne in Gottlieben waren, freut mich ganz besonders. Und dass diese Veranstaltung auf so viel Interesse stiess und das zahlreiche Publikum trotz des literarischen Überangebots an diesem Wochenende im Kanton Thurgaus den Weg ins Literaturhaus fand, freut den Veranstalter gleichermassen wie den Autor, der nicht müde wird im Kampf darum, dass seine Bücher nicht einfach als spannende Geschichten gelesen werden.
So erzählte Sasha Filipenko nicht nur aus seinem Buch, sondern aus seinem wirklichen Leben, das sich in vielem kaum von dem unterscheidet, was das Buch in erschreckender Manier erzählt. Zum Beispiel von seiner Frau, deren Mutter in Russland nicht glauben wollte, das ein Plakat mit der Aufschrift «No war» in einer russischen Stadt zu einer Verhaftung reicht. Also reiste Sasha Filipenkos Frau Masha nach St. Petersburg und stand mit einem Plakat mit der Aufschrift «Meine Mutter hat behauptet, dass man mit einem Plakat mit der Aufschrift NEIN ZUM KRIEG nicht verhaftet wird» – um postwendend von Polizisten abgeführt zu werden.
Ganz besonders bedanken möchte ich mich für die unkomplizierte Kooperation zwischen den Literaturhäusern Wyborada St. Gallen und Thurgau. Anya Schutzbach stürzte sich mit Begeisterung in die Organisation und las an diesem Abend die deutschen Passagen aus dem Roman „Die Jagd“. Grosser Dank gebührt Ulrich Schmid, der sich mit Sicherheit und grosser Kompetenz in die Doppelaufgabe eines Moderators und Übersetzers gab.
Zwei Männer treffen sich nach Jahren wieder. Sam als Patient mit einer Rückenverletzung vor seiner Operation. Florian als sein Anästhesist. Die Operation ist „erfolgreich“, auch wenn Sam keine Zukunft als Gehender haben wird. Sam und Florian umkreisen sich, bis sich ihr Gravitationsfeld wieder zu jenem Doppelplaneten macht, der sie einmal waren.
Sie haben sich beide verloren, nicht nur gegenseitig, sondern jeder für sich. Sam galt einst als vielversprechender Künstler, Frauen lagen ihm zu Füssen. Nun liegt er im Krankenbett und hat keine Lust als Paraplegiker den Kampf gegen die Resignation aufzunehmen. Florian wurde Mediziner, auch wenn sein Beruf mehr Rüstung war als Tat gewordene Leidenschaft. Ein Beruf, in dem er seinen Schmerz über die Trennung von Yvonne verbergen konnte, der einzigen Frau, die ihm ein Stück Himmel geben konnte. Ein Beruf, der ihn einlullte und zudeckte, der ihm zusammen mit all den Instrumenten jene Sicherheit gab, die er sonst in seinem Leben nicht finden konnte. Sam will nicht mehr, trotz vielseitiger Bemühungen. Ein Leben durch Begrenzung eingeschränkt, will er sich nicht einmal vorstellen. Der fast zwei Meter grosse Hühne, der sich ein Leben lang durch Eigenwilligkeit von nichts zurückhalten liess, wird zu einem renitent verbitterten Koloss, dem der aufrechte Gang verwehrt bleibt. Ein in seinem Stolz gleich mehrfach geknickter Riese.
Martin R. Dean «Ein Stück Himmel», Atlantis, 2022, 240 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-7152-5001-4
Florian versucht zu helfen, zuzureden, das, was Ärzte tun, wenn sie in ihren weissen Kitteln ans Bett eines Patienten treten. Aber Sam verweigert sich seinen Aufmunterungen und Florian schafft es nicht, seinem Freund, den er verloren glaubte, die Geschichten zu glauben, hinter denen Sam sein Leben erklärt. Durch die zwei Jahre, in denen sie nichts voneinander mitbekamen, ist nicht nur die Freundschaft verwundet, sondern jeder auf sich selbst zurückgeworfen, unfähig auf den andern zuzugehen. Florian ahnt, dass es nicht einfach ein Sturz von einem Apfelbaum sein konnte, weil man Sam vor einem Fussballstadion gefunden hatte. Und Sam weiss, dass hinter der weiss bemantelten Souveränität seines Gegenübers, seines einstigen Freundes, ein Trümmerhaufen steht, ein Leben, das nur schwer zusammengehalten werden kann.
Sam und Florian sind beide Verwundete, in ihren Beschränkungen Gefangene, Eingesperrte. Jeder wartet auf den Schritt des Anderen, auf das die Krusten aufbrechen und sich die morastige Vergangenheit offenbare. „Ein Stück Himmel“ ist jene Ehrlichkeit, die es brauchen würde, nicht nur das kleine Stück Himmel über dem Bett von Sam, in dem er Wolken sieht, die ungehindert weiterziehen. Sam und Florian sind zwei kalt gewordene Planeten, die so lange umeinander kreisen, bis die Kraft der Gravitation die Schichten aufbricht und endlich an die Oberfläche tritt, was sichtbar werden muss, um in neue Bahnen zu geraten.
Klar ist das Buch auch ein Roman über einen Mann, der den Kampf gegen seine Einschränkung zu einem für Einschränkung wandeln muss. Aber „Ein Stück Himmel“ ist alles andere als eine Geschichte des Kampfes. Eingeschränkt sind wir alle. „Ein Stück Himmel“ stellt Fragen: Lebt man das Leben, das man leben will? Sieht man sich agierend oder bloss reagierend? Wann schaffe ich es, dem schweren Mantel eines Opfers zu entsteigen? Martin R. Deans Roman ist Auseinandersetzung. Auch eine um Fragen des Schmerzes, des physischen und psychischen Schmerzes. Martin R. Dean scheut sich nicht, sprachlich und inhaltlich klare Schnitte zu ziehen, so wenig, wie er offene Wunden scheut. „Ein Stück Himmel“ ist eine Reise zweier Freunde, eine Reise in die Tiefen der Geschichten, eine Reise in eine unbekannte Zukunft. Und letztlich ist der Roman ein ernstes Spiel mit den Gegensätzen in jedem von uns. Ein Kampf zwischen einem nach Sicherheiten Ringendem und einem nach Freiheit Suchenden!
Martin R. Dean wurde 1955 in Menziken, Aargau, als Sohn eines aus Trinidad stammenden Vaters und einer Schweizer Mutter geboren, studierte Germanistik, Ethnologie und Philosophie an der Universität Basel, unterrichtete an der Schule für Gestaltung in Basel und am Gymnasium in Muttenz. Dean ist vielfach ausgezeichneter Buchautor. Zu seinen jüngsten Werken gehören «Warum wir zusammen sind» (2019), «Verbeugung vor Spiegeln – über das Eigene und das Fremde» (2015) und «Falsches Quartett» (2014). Martin R. Dean lebt mit seiner Familie in Basel.
Sieben Raben hausen im Glasberg am Ende der Welt. Einst waren die Raben Knaben, doch ein Fluch verwandelte sie in Vögel. Ihre Schwester macht sich auf den Weg, sie zu erlösen. So beginnt das Märchen Die sieben Raben der Brüder Grimm. Die Erlösung hat einen Preis: Das Mädchen muss sich am Eingang des Glasbergs einen Finger abschneiden, denn nur mit einem «Beinchen» lässt er sich öffnen. Erst der Verlust macht die Rückkehr möglich.
«ohne furcht» macht sich ein Ich in Nadja Küchenmeisters jüngstem Band zum titelgebenden Glasberg auf, «raukt» sich alsbald an den Ort der Herkunft heran, den nordöstlichen Stadtrand Berlins:
ich rauke durch die stadt, entlang des strangs, die bahn bleibt in der bahn, ich rauke mich heran, ans wuhletal zwanzig winter weit verdammt, und ich bin wieder da.
Das Gedicht endet mit den verheißungsvollen Worten: «fangen wir an».
Fangen wir an: Es ist mir eine große Freude und Ehre, heute über die Dichtung von Nadja Küchenmeister zu sprechen. 1981 in Berlin geboren, wächst sie in der damals neu entstandenen Großsiedlung Hellersdorf im Wuhletal auf. Während sich in den 1990er-Jahren in der Innenstadt die Kulturen mischen, bleibt Hellersdorf ein vorwiegend ostdeutscher Bezirk, der zum Inbegriff Berliner Plattenbauarmut wird. «Aus dem einstmals angesehenen Wohngebiet war ein Problembezirk geworden. Wer es sich leisten konnte, zog weg», schreibt Nadja Küchenmeister 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den Ort ihres Aufwachsens. Der soziale Abstieg des Bezirks geht mit Brüchen in ihrer Biografie einher, die für ihr Schreiben prägend werden. Aus den Schichten ihrer Vergangenheit holt sie Bild- und Tonmaterial in die Gegenwart und verwebt dieses zu Gedichten. Lyrisches Erzählen wird zu ihrem poetologischen Verfahren.
Nach dem Gymnasium in Hellersdorf studiert Nadja Küchenmeister Germanistik und Soziologie an der Technischen Universität Berlin sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Heute lebt sie in einem anderen Stadtteil Berlins, schreibt Hörspiele für den Rundfunk und lehrt an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Drei Lyrikbände sind von ihr erschienen, Alle Lichter (2010), Unter dem Wacholder (2014) und Im Glasberg (2020). In allen drei vergewissert sich ein Ich seines Daseins, indem es sich erinnert: an die Kindheit, an vertraute Orte oder an eine Liebe. Nadja Küchenmeister entwickelt einen einzigartig narrativen Sog. Wir folgen ihren detailgetreuen, luziden Zeilen, und diese Verfolgung fällt leicht, weil die Gedichte, ähnlich dem Märchen, das Geheimnis evozieren, ohne es unnötig zu verrätseln. Und so begleiten wir das Ich auf seinen Gängen durchs Wuhletal oder nach Zinnowitz, den kleinen Ort an der Ostsee, wo die Dichterin als Kind die Sommer verbrachte. Wir kehren mit ihr zurück im Wissen um die Unausweichlichkeit eines Verlustes in Gestalt eines «Beinchens», «rauken» uns heran ans Viertel oder an «das haus im ortsausgang», gehen durch den Hof, vorbei an der Laterne, der Tischtennisplatte oder Hollywoodschaukel.
«es beginnt mit einem schlüssel, und es endet ohne tür», lautet ein Vers aus dem Gedicht es beginnt, wo es endet. Wir drehen den Schlüssel zu Nadja Küchenmeisters lyrischem Schaffen und betreten ihre Gedichte wie die Räume eines verwunschenen Sprachhauses. In ihnen stoßen wir auf Landschaften, Gehörtes und Gesprochenes, auf Geschichte, Ahnen und Gesang, auf W.G. Sebald, die Bright Eyes oder Jürgen Becker, auf ein Nebeneinander aus Erinnertem und Sichtbarem. Wir gehen in diese Gedichte hinein, gehen einen dunklen «flur entlang» und fragen uns: «was kommt dann?» Wir glauben dem «flur sein flursein nicht ganz», lassen uns von «halbschuhen beruhigen, höflich / in reihe, abgetragen» und ahnen schon, dass in der klangvollen Abzweigung, die der Vers gleich nehmen wird, eine streng komponierte Idylle ins Gegenteil kippen kann. Wir schreiten durch einen gegenwärtig-vergangenen Echoraum, tasten uns entlang Terzetten, denen die Dichterin vertraut, und hören Schritte, die zu unseren werden. Wir gehen in ihren Stillleben aus Drehsätzen, Klang- und Sprachspielen eigene Wege, treffen auf Assonanzen, stolpern über verstreute Reime, folgen Enjambements oder einem traditionellen Versmaß, das in einen freien Rhythmus übergeht, um uns in einem weiteren Zimmer wiederzufinden, das in weitere historische, philosophische und poetische Hall- und Denkräume führt.
Es ist Nadja Küchenmeisters Methode, in diesen Räumen von ganz konkreten und alltäglichen Dingen zu erzählen: von Wäscheständern und Kommoden, von überbackenen Nudeln, Resopal und Unterhosen, von Fliesen, Herztabletten, Eduscho Kaffee und Blockschokolade. Von der Zuverlässigkeit der Dinge ist in der abendländischen Tradition des Denkens immer wieder die Rede. Denn in den Dingen lässt sich die Geschichte sehen. Im Gedicht rauperich heißt es: «wer aufräumt, der begegnet sich, wie ungünstig». Das Ich und das Du spiegeln sich in vielen von Nadja Küchenmeisters Gedichten nur noch in den Dingen. Oder, wie die Dichterin selbst es einmal beschrieb: «Ich bin in allem, was mich umgibt, enthalten, sofern ich es in mich aufgenommen habe, und manchmal will es mir sogar scheinen, als erinnerten sich die Dinge auch an mich, als bedeuteten sie mir in ihrer unverrückbaren Existenz, dass sie bleiben, wie sie waren, damit auch ich ein wenig so bleiben darf, wie ich war.»
Doch nicht nur das Ich konstituiert sich in den Dingen. Sie erzählen auch von einem fehlenden Du, von der Anwesenheit in Abwesenheit, etwa beim Betreten eines plötzlich verlassenen Elternhauses:
[…] an der garderobe hängt dein schwacher abdruck, mantel, ärmel ohne muskeln, ohne geschichte kann ich nicht
nach hause gehen: ich zähle deine hemden, socken unterhosen, entwirre die kabel unter dem tisch, schwarze wurzeln, die keinen anfang und kein ende haben.
Der Versuch, die Herkunft zu ergründen, führt ins Uferlose. Oder in die Dunkelheit der Geschichte. Die Dichterin weiß, dass man dem Erinnern nicht immer trauen kann. «ich erinnere mich ans erinnern, noch mehr erinnere ich mich an nichts», heißt es unsentimental in einem ihrer Liebesgedichte. Nadja Küchenmeisters Poesie des Erinnerns ist gleichzeitig immer eine Reflexion darüber. Sie macht deutlich, dass die Frage, was war, und die, wie es war, keine rein persönliche ist. In einem Gedicht des Zyklus der tod im traum liegt das Ich im Gras, es ist ein Du geworden. Die Hunde jaulen wie Wölfe, und die längst vergessene Schlagerzeile «heißer sand und ein verlorenes land» klingt zaghaft aus dem Radio:
dann trittst du noch einmal über die schwelle … und deine ahnen heckenschützen unterm lampenbogen, reichen schüsseln und servietten. ein hauch von lippenstift am glas. sie sprechen heiser, sprechen durchs papier: verschweigen manches und erinnern nichts, das war ja klar.
Die Bruchlinien, auf die wir in diesen Chroniken des gewöhnlichen Augenblicks stoßen, zeigen, wie sich ein Ich in der Wirklichkeit, in einer historischen Begebenheit, einer sozialen Lage oder einem Schmerz verliert. Das macht diese Lyrik so eindringlich, zeitlos und gegenwärtig.
Wir übergeben diesen Preis an Nadja Küchenmeister für ihre virtuose sprachliche Beobachtungsgabe, für ihr großes und ebenso kritisches Vertrauen in literarische Traditionen, für ihr Gespür für Musikalität, mit dem sie die vertraute Welt der Dinge in den Vordergrund rückt. Im scheinbar Nebensächlichen und Bekannten lauert immer auch das Fremde und Abgründige, dem die Dichterin durch meisterhafte Konkretion begegnet. Wir fühlen den Schlüssel zu ihrem Sprachhaus in unseren Taschen und danken ihr dafür.
Neun Lyrikbände und unzählige Übersetzungen und Herausgeberschaften. Daneben verstreute Vertonungen und Hörspiele und ein immenses Engagement als Literaturvermittler – das im Groben ist das Werk von Hans Thill, der 1954 im badischen Baden-Baden geboren wurde und im benachbarten Bühl aufgewachsen ist. Hans Thill hat in Heidelberg Sprachen, Jura, Germanistik und Geschichte studiert, war dort im Jahr 1978 Mitbegründer des Wunderhorn-Verlags und ist heute neben seiner literarischen Arbeit künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Edenkoben und der jährlichen Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn“.
In diesem Künstlerhaus Edenkoben in der Pfalz bin ich als Stipendiatin Hans Thill im Jahr 2014 zum ersten Mal persönlich begegnet. Dort ist er der künstlerische Kopf, der konzipiert, kuratiert, moderiert – und Menschen, Kulturen, Sprachen und Institutionen auf versierte, verbindliche, gelassene, man möchte sagen: beglückende Weise zusammenführt. Und dort begegnet man seinem Denken – ein blitzgescheites, kultur-, geschichts-, sprach- und sprechorientiertes Denken, dem bereits eine poetische Kraft innewohnt und das vermutlich gar nicht anders kann, als sich mit dem Dichten zusammen zu tun. Das Ergebnis dieser Fusion ist eine kühn kombinierende, konventionslose, überraschende Lyrik, die mit ihren gescheiten und oft verblüffenden Collagierungen und Kontextzuweisungen Gegebenes, Gedachtes und Erdachtes auf ihre poetische Relevanz, ihre Plausibilität und heil- oder unheilbringende Wirkung hin untersucht.
Weil der untersuchte Gegenstand nicht immer Grund zu Wohlgefallen gibt, stellt Hans Thill in seinen Gedichten die Unlogik oder Logik hinter dem Gegenstand gern heraus oder auf den Kopf. Hier beginnt das Werk eines Spielers, der in heiter-assoziativer, in provozierend fragender und augenzwinkernd in die Irre führender Manier mit allem spielt, das mit ihm in Berührung kommt. Dort lässt er die Zeilen in ihrer Rätselhaftigkeit und in ihrer Schönheit funkeln, manchmal stülpt er ihnen eine Mütze über, manchmal zieht er ihnen den Boden unter den Gänsefüßen weg. Und dann streift der Autor weiter zum nächsten Gedicht, „ein Weiterstolpern“, so Hans Thill über seinen Schreibprozess, „das keine günstigen Winde kennt“ – und also Raum für Abgründe, Bosheiten, aber auch für heilenden Witz und tröstende Leichtigkeit aufmacht.
1985 erschien Hans Thills erster Gedichtband Gelächter Sirenen, der deutlich die Handschrift der Surrealisten trägt, die beiden Weltkriege und ihre Verwundungen klingen nach, werden ad absurdum geführt, ein linker Geist blitzt auf, der aufkommende Bio-Ernährungstrend ist ebenso Thema wie die Not der so genannten Dritten Welt, wie etwa im Gedicht Silvester: „Heute besichtigen die afrikanischen Gäste / eine Müllerzeugungsanlage für bedrohte Völker. / Der Hungerstreik der Kriegerdenkmäler dauert an.“
Das Surreale macht sich hier auf seinen Weg durchs Gesamtwerk des Dichters und auch ein gewisser Till Eulenspiegel ist in diesem Band bereits Teil des Thill‘schen Personals und treibt seinen – manchmal clownesken, manchmal durchaus derben, bitteren – Schabernack. Mit seiner vorgetäuschten Dummheit hat Eulenspiegel die Menschen seiner Zeit demaskiert, seine Rolle in den frühen Gedichten von Hans Thill verweist in diesen Tagen frappierend aufs Heute: „Hochspannungsleitungen sind zwischen die Städte gespannt. / Bürger balancieren mit Hut und Gepäck, / überqueren harte Länder, / wo Eulenspiegel die Gefallenen das Weinen lehrt.“
Hans Thill «Der heisere Anarchimedes» poetenladen, 2020
Die vorgegebene Naivität; das vermeintlich ahnungslose Fragen; die Rhetorik des Simplen, die auch eine Anti-Rhetorik ist; die Einfachheit von Sprache und Syntax; die archaischen, mythologischen, historischen Themen und Motive, die hier gleichzeitig zeitlos und heutig verortet sind; das Mittelalter und der Barock als immer wiederkehrende Motiv- und Sprachreferenzen; ihr schillernder Clash mit Alltagsthemen und -sprache – mit diesen Mitteln arbeiten die Gedichte von Hans Thill. Diese Einfachheiten und ihre Verquickungen sind aber niemals kokett um die Klugheit des Autors dekoriert, sie sind keine Staffage, sondern wiederum Ausfluss der Thill’schen Spielerei – die nicht mit einstudierten Tricks arbeitet, sondern vielmehr launig, verspielt, dadaistisch, spitzbübisch daherkommt und ganz beiläufig ihre beinah uferlosen kulturellen, sprachlichen, historischen, literarischen Referenzen mit sich führt.
Dass und wie diese die Thill‘sche Lyrik flankieren, kann durchaus als Idee einer bildungsbürgerlichen Poetologie gedeutet werden. Doch ihre Verortung im Gedicht ist es nicht, denn auch ohne ihre kontextuelle Zuordnung sind diese Gedichte les- und goutierbar. Und auch wer ihre Bezüge kennt, ist vor der Feststellung von Vagheiten nicht gefeit, sucht vergeblich nach plausibler Metaphorik, findet Bodenloses und bedenkenlose Berührungen mit dem Banalen. Es ist eine leichtfüßige, manchmal verstörende Rebellion gegen die dichterische Konvention, die die Gedichte von Hans Thill vorlegen. Und sie ist es auch, die ihnen die Treue ihres Verfassers garantiert, der von sich selbst sagt: „Was beim ersten Lesen verstanden wird, interessiert mich nicht.“
Und noch eine weitere Eigenheit des umherstreifenden Witzbolds Eulenspiegel ist bedeutend im literarischen Vorgehen von Hans Thill: die vermeintliche Blödelei nämlich, Redewendungen wörtlich zu nehmen und ihnen innewohnende Irrtümer aufzuspüren. Ein Verfahren, das Thill mit offensichtlichem Vergnügen anwendet und das bei ihm von immensem Sprachwitz begleitet ist, einer generellen Freude am Etymologischen, am Dialektalen, an Wort- und Sprachfehlerfindungen, am Sound und der Phonetik und an der Adaption von literarischen und anderen Fremdtexten (wie etwa im von Urs Engeler 2016 herausgegebenen Bändchen Dunlop, in dem Thill Gedichte von Hölderlin, Trakl, Petrarca und anderen fortschreibt) und das auch seinen aktuellen Gedichtband Der heisere Anarchimedes, erschienen 2020 im Leipziger Verlag Poetenladen, kennzeichnet. Nimmt man die 2014 bei Matthes & Seitz erschienene Kurzprosasammlung Das Buch der Dörfer, die auch als Lyrikband gelesen werden kann, in die Liste auf, ist Der heisere Anarchimedes bereits der neunte Lyriktitel von Hans Thill – und auch er trägt wieder einen programmatischen Titel.
Doch benennt dieser nicht nur das Programm eines einzelnen Bands, sondern das eines gesamten Werks: Der „Anarchimedes“, dieses rebellische Mischwesen, das seit rund vierzig Jahren etablierte Bedeutungssysteme zerlegt, scheint wie sein Autor und Titelgeber bald tonlos und vermittelt rau und dennoch entschieden die ebenso poetischen wie ohnmachtsvollen Gedanken um die Endlichkeit der menschlichen Existenz in einer verkommenen Welt, die hinter den vermeintlich simplen Szenarien dieser Gedichte steht. Im ersten dieses Bands schreibt Thill: „Der Simplon sagt / die Vögel frieren nicht / sie haben Beine, dünn / wie Streichhölzer. / Die Streichhölzer frieren nicht / sie setzen ein Ölfass / in Brand. / Das Ölfass friert nicht / es ist der verstorbene Faun / aus verstorbenen Meeren.“
Greift man zum Hörer und ruft Hans Thill an, stellt man schnell fest, dass auch in seiner Stimme eine gewisse Heiserkeit steckt. Doch wer glaubt, diese Stimme sei die Stimme von einem, der die Sprache bereits abgetragen hat und irgendwann ein weißes Blatt Papier vorlegt, der erkennt seinen Irrtum spätestens, wenn der Dichter erklärt, dass er dichte, „um seine Ungeduld loszuwerden“, wenn also spätestens klar wird, dass wir es hier, bei aller Heiserkeit, mit einem Ruhelosen zu tun haben, einem Ungestümen, einem immer Denkenden, einem immerzu Dichtenden, der um weitere dichterische Ideen, um weitere Rebellionen, Spielereien und Schönheiten so ganz und gar nicht verlegen ist.
Für diese Ideen, Schönheiten und Rebellionen, für diese Ungeduld und ihre Blüten, und auch für diese Heiserkeit, möchten wir dir, lieber Hans Thill, den Basler Lyrikpreis 2021 verleihen – der dir aus, wie man jetzt gern sagt, „pandemischen Gründen“ um ein Jahr verspätet zugeht. Herzlichen Glückwunsch!
Ein junger Mann verliert seinen Vater durch einen Unfall. Er zieht weg, verlässt das Land. Doch irgendwann stellen sich Fragen, die nicht länger aufgeschoben werden können und es beginnt eine Suche. Die Suche nach einem verlorenen Vater. Johannes Laubmeiers Debüt ist ein zärtlicher Roman eines Findenden.
In Österreich und Bayern stehen sie überall, die Marterl. In Österreich sagt man Bildstöckerl. Manchmal ein Stein gewordener Segen, manchmal Erinnerung und Ermahnung an ein Unglück. Johannes Laubmeier erzählt von einem solchen Unglück, auch wenn an selbiger Kreuzung kein Marterl steht. Damals kollidierten ein Motorrad und ein Auto. Der Mann auf dem Motorrad verletzte sich schwer und starb kurz danach im Spital an den Folgen des schweren Unfalls. Der Mann auf dem Motorrad war der Vater jenes Mannes, der in Johannes Laubmeiers Debüt seine Geschichte erzählt. Die Geschichte eines Unglücks, das viel mehr zu einer Mater wurde, als dem Erzähler zu Beginn seiner Reise in die Vergangenheit bewusst war. Ein „autofiktionaler“ Roman in einem südbayrischen Ort, von einem Sohn, der nach dem Tod seines Vaters für ein Jahrzehnt nach England ausreiste und in seine alte Heimat zurückkehrt, weil er die Mutter in die Ferien geschickt und ihr versprochen hat, in der Zeit das Haus zu hüten. Das Haus der Familie, auch wenn der Vater nach der Scheidung ausgezogen war. Das Haus mit dem Zimmer seines Vaters, das in den Jahren nach seinem Tod zur Abstellkammer wurde. Das Haus mit dem Schopf im Garten, in den der Erzähler irgendwann seine Isomatte und seinen Schlafsack legt, weil er die Geister im Haus nicht mehr aushält. Und weil er sich im Liegengelassenen, dass sich im Schopf türmt, seinem Vater näher fühlt als in dem mit Sinnsprüchen vollgehängten Haus.
Dass man irgendwann seine Mutter oder seinen Vater an den Tod verliert, ist der Lauf der Dinge. Dass man jene Momente aber nicht so einfach schlucken, geschehen lassen kann, wird spätestens dann klar, wenn man selbst als Tochter oder Sohn die Eltern verliert. Was die Besonderheit dieses Romans ausmacht, ist die Art und Weise, wie Johannes Laubmeier erzählt, wie er den Dingen, den Bildern, den Menschen nachgeht und nachfühlt. Wie er ohne aufbauschende Dramaturgie jenen Ungewissheiten nachspürt, die ein ganzes Leben, ohne dass man sich dessen bewusst ist, im Griff halten, manchmal gar im Würgegriff. Johannes Laubmeier hat seinen Vater verloren. Einen Vater, der ihm ein guter Vater war, auch wenn es Umstände und Zustände gab, die zu kritisieren waren. Aber jener Vater im Roman „Das Marterl“ ist genau in jenen Jahren gestorben, als alles im jungen Leben des Sohnes, im Roman heisst er nur „der Junge“, nach Unabhängigkeit und Loslösung schrie. Das letzte Telefonat zwischen Vater und Sohn war eines voll Gehässigkeiten des Sohnes, Grobheiten, die masslos über Ursachen hinausschossen.
Johannes Laubmeier erzählt in zwei ineinander verschlungener Erzählspuren. Von den Erkundungen seines Protagonisten am Ort seiner Kindheit und Jugend, den archäologischen Abtragungen im Haus seiner Mutter, in den Stauräumen der Vergangenheit und von den Bildern aus einer entfernten Vergangenheit. Und in Bildern der Vergangenheit selbst, aus einem Dorf, in der er als Nichtfussballer nicht zur Elite gehört, von einem Vater, der sich lieber in der Werkstatt vergräbt und nur unwillig an all dem teilnimmt, was als Dorfleben zählt und von einer Mutter, die in seltsamer Distanz lebt, bis sie sich tatsächlich vom Vater trennt, der bis zu seinem Tod in einer winzigen Wohnung im gleichen Ort wohnen bleibt. Johannes Laubmeier erzählt eben nicht von einem Drama. Er folgt den Spuren eines Vaters, nicht in Mutmassungen. Der Autor und Erzähler will Ordnung, Klarheit, all den Konjunktiv aus der Gegenwart nehmen, den es zur wirklichen Freiheit braucht. „Das Marterl“ erzählt stellvertretend für all die Geschichten von Vätern und Müttern, die mit einem Mal nicht mehr sind, uns aber trotzdem begleiten, mit unter hartnäckig und bremsend.
Johannes Laubmeier ist ebensowenig wie der Erzähler in seinem Roman ein Geschädigter. Aber eben einer jener Sorte Mensch, die sich Fragen stellen und nach Antworten suchen! Und eines ist «Das Marterl» ganz gewiss; eine Liebeserklärung!
Wahrscheinlich fesselt dein Roman auch deshalb, weil du etwas beschreibst, was in unterschiedlichster Weise jede und jeder erlebt: der Verlust von Vater oder Mutter. Ich verlor meinen Vater vor 21 Jahren. Ein Herzinfarkt zuviel. Schon allein das Verb verlieren beschreibt, was passiert. Man verliert aber viel mehr als nur einen Menschen, die Eltern, die einem das Leben schenkten. Es ist Geschichte, die man verliert. Zukunft. Möglichkeiten. Es bleibt so viel Ungesagtes, Versäumtes, Vorgenommenes. Mit einem Mal bricht vieles weg. Da dein Roman sehr nahe an deiner eigenen Geschichte ist: Ist dir dein Vater beim Schreiben ein anderer geworden? Ein anderer nicht. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ich viel von dem, was mir, als er noch am Leben war, unverständlich vorkam, jetzt besser verstehe. Und ich kann zwar nicht wissen, ob das, was ich zu verstehen glaube, wirklich stimmt. Aber das ist in Ordnung und das war es für mich auch vor dem Schreiben schon eine Zeit lang. Was ich aber weiss, und das ist der schönste Nebeneffekt: Ich erkenne, seit ich das Buch geschrieben habe, sehr viel von ihm in mir selbst.
Dass du vom Vater schreibst, ihm keinen Namen gibst, verstehe ich. Dass du dann doch nicht in der Ich-Form erzählst, der dritten Person, keinen Namen gibst und ihn nur „der Junge“ nennst – war das notwendig, um die nötige Erzähldistanz zu bekommen? Als ich für dasBuch zum ersten Mal seit Jahren für mehrere Wochen in meine Heimatstadt zurückfuhr, bemerkte ich, dass da eine Art Kluft existierte zwischen der Person, die zurückkam und der, die Jahre zuvor weggegangen war. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches, man wird ja kontinuierlich ein anderer, aber es war mehr als nur einfach eine Entfernung. Die Verbindung schien zu fehlen, es fühlte sich eher an wie eine Entkopplung. Und das hat mich interessiert: Dass Erinnerungen, die ja beweisbar die eigenen sind, sich anfühlen wie eine Geschichte, die einem jemand über jemanden erzählt. Seltsamerweise hatte ich dann beim Schreiben irgendwann das Gefühl, dass der Junge mir auf eine Weise näher ist als der Ich-Erzähler. Es ist ja nicht so, dass jemand, nur weil er «ich” sagt, eine geringe Distanz hat zu dem, was er erzählt – oder zu der Person, der er es erzählt. Im Gegenteil. Oft sind einem die Geschichten, die man – warum auch immer – nicht erzählt oder erzählen kann, näher, als die, die man erzählt. Und diese Geschichten, und wie sie es an die Oberfläche schaffen, das hat mich interessiert.
Der Erzähler lässt nach einem Umzug aus England Leo, seine Lebenspartnerin, für diese eine Reise in Berlin zurück, weil es eine Reise ist, die man alleine tun muss. Aber in seinem Gepäck sind die mehrbändigen Gedichte des us-amerikanischen Dichters Charles Olson, der mir erst durch die Lektüre deines Romans ins Bewusstsein trat. Ein Dichter, der in die Stadt Gloucester in Massachusetts zog und sich in jenen Ort in einem mehrbändigen Werk aus 600 Einzelgedichten hineinschrieb. Wie kam es zur Einbindung dieses Dichters? Charles Olson beschäftigt mich seit fast zehn Jahren, ich bin damals an der Uni auf ihn gestossen, habe eine Abschlussarbeit über ihn geschrieben. Wäre ich damals nicht nach Berlin gezogen, wär irgendwann wohl eine Doktorarbeit daraus geworden. Olson ist, da bin ich überzeugt, einer der wichtigsten amerikanischen Poeten des 20. Jahrhunderts, weil er an der Schwelle zur Postmoderne auftaucht und viele der Dichter, die nach ihm kamen und heute weitaus bekannter sind als er, stark beeinflusst hat. Und natürlich spielt die Erinnerung eine grosse Rolle in den Maximus Poems, aber dass er im Buch auftaucht, ist nicht wirklich Teil eines grossen Plans, den ich mir vor dem Schreiben zurechtgelegt hatte. Er war im Schreibprozess irgendwann einfach da, als jemand, der dem Erzähler diese Reise einfacher, vielleicht sogar erst möglich machte. Olson, der ja in jeder Hinsicht ein Riese war, ist für ihn so etwas wie ein Ratgeber, an den er sich wenden kann, in einer Situation, in der er das Gefühl hat, dass da niemand anderes mehr ist.
Obwohl man in A. bierselige Volksfeste in Lederhosen und Dirndl feiert, jeder alles über jeden zu wissen glaubt, jeder seine Rolle zu spielen hat, ist dein Roman keine Abrechnung, weder mit dem Kleinbürgertum noch mit Traditionen und zementierten Strukturen. Dein Roman ist eine Odyssee nach innen. Ist dieses Buch eine Befreiung? Eine Loslösung? Nein, das glaube ich nicht. Das würde ja implizieren, dass es einer Loslösung bedarf. Und genau das versucht der Erzähler zu Beginn des Romans, er will die Angelegenheiten klären, um dann die Verbindungen zu kappen – bis er realisiert, dass das nicht geht. Gleichzeitig ist es auch keine Geschichte einer Heimkehr im emotionalen Sinn, die ja ebenfalls unmöglich ist. Schliesslich existiert der Ort, von dem er wegging, so ja nicht mehr. Am Ende ist es, glaube ich, vielleicht einfach nur eine Beschreibung der Dinge. Und am Ende die Erkenntnis, dass es nicht darum geht, die Ambiguität gegenüber diesem Ort, aus dem er kommt, dessen Produkt er ja auch ist, aufzulösen, sondern darum, sie auszuhalten.
Seine eigene Geschichtsschreibung ist wie die „grosse“ Geschichtsschreibung keine, die sich an Fakten hält. Wir füllen unsere Erinnerung mit geschönten Bildern und gefilterten Tatsachen, auch jene unserer Kindheit. Hat dich deine Arbeit als Journalist anders sehen gelernt? Das kann ich nicht beantworten. Ich weiss ja nicht, wie ich sehen würde, wenn ich etwas anderes getan hätte. Aber ich weiss, dass ich das Buch nicht als Journalist geschrieben habe. Also war es vielleicht etwas anderes. Was genau, weiss ich nicht. Ist aber auch egal.
Hängen in deinem Schrank Lederhosen? Nein. Ich hab tatsächlich keine bekommen, als ich eine wollte. Und später war es mir dann nicht mehr wichtig.
Johannes Laubmeier, geboren 1987 in Regensburg, studierte Journalistik in Eichstätt, Kritische Theorie in Cardiff und Sozialanthropologie in Cambridge. Er schreibt Reportagen und Porträts, war Finalist bei den British Journalism Awards 2017 in der Kategorie «New Journalist of the Year». Johannes Laubmeier lebt und arbeitet als Autor und Reporter in Berlin.
In ihrem Debütroman «Ist hier das Jenseits, fragt Schwein» erfindet Noemi Somalvico einen Gott, der im Wohnzimmer eine Erde erschafft. Schwein und seine Freunde ringen dort mit tristen Alltäglichkeiten.
Gastbeitrag von Caterina John Caterina John studiert Deutsch und Kulturanthropologie an der Universität Basel. Sie ist in verschiedenen Projekten zu kreativem Schreiben mit Jugendlichen involviert, besonders im SpokenWord-Bereich, und tritt selbst als Slam-Poetin auf.
In Schweins Wohnung ist es still, als hätte es geschneit. Ernüchternd beginnt die junge Schweizer Autorin ihren Roman, dessen Titel augenblicklich an eine Geschichte aus dem Hundert-Morgen-Wald denken lässt und wie eines der schönen Fernweh-getränkten Zitate Ferkels klingt. Somalvicos Roman ist keine Kindergeschichte, obwohl die Figuren darin fast ausschliesslich Tiere sind.
Und obwohl zu Beginn drollige Bilder von einem Schwein mit Lippenstift und Lidschatten, Dachs mit Hornbrille und Reh im Badeanzug entstehen, so werden sie schnell durch die sehr realen und ernsten Gedanken und Probleme der Figuren verdrängt, sodass ihre tierische Bezeichnung beinahe als Eigenname durchgehen kann: Schwein wurde von Biber verlassen und ist wieder allein, gewinnt im Radio eine Wüsten-Reise, Reh kann Schwein nicht begleiten, denn sein Job, die kranke Mutter und eine scheinbar romantische Beziehung mit Hirsch halten es zurück. In einer heruntergekommenen Baracke in derselben Stadt tüftelt Dachs in seiner Werkstatt und erfindet (per Zufall?) einen Apparat, der ihn «hin» und «zurück» -bringen kann. Und so trifft Dachs im «Hin» plötzlich auf Gott, der mit seinem Fahrrad gerade auswandern wollte.
Somalvico schreibt einen Roman, der lyrischer nicht sein könnte. Jeder Satz sitzt, klingt und hallt nach – trotz der absurden Bilder oder gerade deswegen. Tiere werden vermenschlicht, fahren Bus und lehnen Bettelnde peinlich berührt ab. Auch die Ortschaften, die im Roman genannt werden, kommen bekannt vor, doch wie die Tiermenschen stimmen auch sie mit unserer Realität nicht ganz überein: Schwein gewinnt eine Reise in die Halakari-Wüste, ginge jedoch lieber nach Las Gevas. Wortspiele und Witz bleiben trotz Poesie nicht aus oder entstehen gerade durch die tierische Zuschreibung. So erinnert sich Schwein an folgende Aussage Bibers: «Du bist zu nah am Wasser gebaut.»
Mit seinem Apparat ist Dachs in Gottes Welt geraten, in der Gott ein depressiver, trainerhosentragender Hipster oder Nerd ist, der in seinem Wohnzimmer die Erde erfunden hat und seine Tage mit erdsehen verbringt. Seine Schwester bemitleidet ihn, will ihn dauernd zum Joggen motivieren und belächelt sein Flair für Kreise, die in seinem System auffällig oft vorkommen. Dass nun seine Erfindung bei ihm auftaucht und ihn siezt, schmeichelt und irritiert ihn zugleich. Dachs und Gott freunden sich an. Beim zweiten Besuch bringt Dachs Schwein mit, das viele Fragen an Gott stellt. Die drei verbringen mehr und mehr Zeit zusammen, bis Gott den Wunsch äussert, die Erde zu besuchen – ein Versuch, der scheitert, denn wohl kann er nicht Zurück, wenn er nie Hin gegangen ist.
Also beschliessen die drei Freunde, ins Jenseits zu gehen, das sich zuerst als endlose Wüste offenbart – bis sie in ein All-Inclusive-Hotel gelangen und dort verweilen, Tanzkurse besuchen, den Bananen beim Wachsen zusehen und sich in der Sonne bräunen. Schwein verliebt sich, Gott sieht zum ersten Mal das Meer und Dachs ist besorgt, denn sein Apparat wurde auf der Reise beschädigt.
Es entfaltet sich eine Geschichte, die aus einem Fiebertraum oder Drogen-Trip zu kommen scheint. Absurd, wunderbar und erschreckend vertraut sind die Gefühle von Freundschaft und Verbundenheit, die per SMS-Kontakt bis hin zu Reh auf der Erde führen. In seinen kurzen Episoden erinnert der Roman an die 2020 erstmals ausgestrahlte Animationsserie von Pendelton Ward und Duncan Trussel «The Midnight Gospel». Ähnlich wie die Serie verrückt der Roman unser Bild der Erde, Schöpfungsvorstellungen und -geschichten und unsere Befremdung inmitten eines unendlichen Universums. Schwein, Dachs, Reh und Gott finden zueinander und zu sich selbst.
Noemi Somalvico ist ein Roman gelungen, bei dessen Ende eine Stille einkehrt, so als hätte es geschneit. Und diese Stille hallt noch lange nach.
(Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2022 an der Uni Basel, Seminarleitung: Daniel Graf, Literaturkritiker beim Republik Magazin.)
Noemi Somalvico, 1994 in Solothurn geboren, studierte Literarisches Schreiben in Biel, contemporary arts practice in Bern und ging dazwischen allerlei Beschäftigungen nach. Sie arbeitete für den Film, in Schulen, an Empfängen. Ihre Erzählungen und Lyrik wurden in Zeitschriften und Anthologien abgedruckt, im Dunkeln performt und im Radio vorgelesen. «Ist hier das Jenseits, fragt Schwein» ist Somalvicos Debütroman.
Was willst du werden, wenn du mal gross bist? Und was soll nachher aus dir werden Was willst du werden, wenn du mal tot bist Weisst du, wir müssen alle sterben
Zum Glück gibt es die Buddhisten Dank denen sind wir bald wieder hier Man kann so ein Menschendasein schon mal fristen Lieber wär ich ein anderes Tier
Schwimmen, tauchen, fliegen und ein Haus am See Ich möchte eine Ente sein Entenfrauen lieben, bis ich untergeh Ich möchte eine Ente sein
Hast du schon mal einem Stockentenweibchen so richtig tief in ihre Augen geschaut Kannst du mir sagen, du hättest da deinen Gefühlen und Augen zu glauben getraut Bei Entenschnäbeln und Entenbrüsten ist es im Nu um mich gescheh’n Sowas Erotisches habe ich im ganzen Menschen und Tierreich noch nicht geseh’n
Schwimmen, tauchen, fliegen und ein Haus am See Ich möchte eine Ente sein Entenfrauen lieben bis ich untergeh Ich möchte eine Ente sein
Hey Mond
Hey Mond – Hey Mond
Hey Mond, mach doch nicht so ein Gesicht Da heulen ja die Wölfe, wenn sie dich sehen Die Kinder geh’n ins Bett Wo sie schreien oder sich schlafend stell’n
Langeweile ist manchmal sicher ein Grund Dass Mensch sich schwertut
Als Mond ist man mal Sichel, mal rund Kein Grund für Schwermu Denk mal an die USA, Kriege, Aids, Malaria
Auf dem Mond gibt’s sowas nicht Auf dem Mond gibt’s sowas nicht Auf dem Mond gibt’s sowas nicht Auf dem Mond gibt’s sowas nicht
Ich säh dich gern bei Tag, doch du tanzt in der Nacht Du hast deine ganz eigene Anziehungskraft Warum du dein Licht unter den Scheffel stellst, weiss ich nicht Wer von innen strahlt, glänzt im besten Licht Wer von innen strahlt, glänzt im besten Licht
Kommende Auftritte:
Samstag, 21. Mai, Hekto Super Schaufenster-Session II, Esperanto Store, Tiefenaustrasse 2, Rapperswil SG
Freitag, 2. September, Lottis Festival, Villa Grünfels und ZAK Jona SG
leafrei.com / Literaturhaus Thurgau
Frédéric Zwicker, geb. 1983 in Lausanne, aufgewachsen in Rapperswil-Jona am Zürichsee, wo er heute wieder lebt. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. 2006 gründete er die Band ‹Knuts Koffer›. Aktuell tourt er neben seinem Schreiben als Leadsänger von ‹Hekto Super›. Seit 2008 ist er Kolumnist bei der ‹Linthzeitung› und der ‹Südostschweiz Glarus›. Er arbeitete u.a. als Werbetexter, Journalist, Reisejournalist in Ostafrika, Musiklehrer, Slam-Poet, Pointenschreiber für die Satiresendung Giacobbo/Müller, Drehbuchautor. Sein Romandebüt «Hier können Sie im Kreis gehen» erschien 2016 bei Nagel & Kimche, sein aktueller «Radost» 2020 bei Zytglogge.
Ein Dorf im Irgendwo; ein paar Häuser, eine Selbstbedienungstankstelle, ein Laden, eine Schule, ein Wirtshaus, eine Metzgerei, eine leere Kirche. Ein Roman von einem, der heimlich schreibt, einem pensionierten Polizisten, einem Etablissement, vielen toten Käfern und Geheimnissen, die wohlweisslich unter dem Teppich der Normalität bleiben sollen, auch wenn man sie dorthin prügeln muss. „Die Dinge beim Namen“ redet mit viel Liebe Tacheles. Das Romandebüt von Rebekka Salm ist eine Perle!
Es gibt Bücher, die unterhalten. Es gibt aber auch Bücher, die offenbaren. Es gibt Bücher, die mir gefallen. Es gibt aber auch Bücher, die mir mehr als nur gefallen, die mich beeindrucken, die bei mir eine Welle der Bewunderung auslösen, mich rauschig machen, mir die Kraft der Literatur beweisen, jene schöpferische Kraft, die vom Kunstwerk, dem Buch, auf mich, den Leser, herüberschwappen. Das sind jene Bücher, die man nach der Lektüre nicht so einfach ins Bücherregal schieben will, denen man für eine Weile ein samtig rotes Kissen und einen Scheinwerfer gönnt.
«Gewohnheit macht Liebe. Und Liebe macht Gewohnheit.»
„Die Dinge beim Namen“ von Rebekka Salm ist so ein Buch. Ein Dorfroman, von denen in den letzten Jahren inflationär viele erschienen sind. Aber einer, der es in sich hat. Der das Dorf und all seine Mechanismen vorführt und entlarvt, dieses scheinbar feine Geflecht, das sich wie ein klebriges Gespinn um die Füsse der Bewohner wickelt und unausweichlich stolpern lässt. Kein prosperierendes Dorf, auch wenn es eine Neubausiedlung gibt. Aber dort wohnen bloss Leute, die morgens in ihren klimatisierten Autos aus der geheizten Tiefgarage an ihre klimatisierten Arbeitsplätze fahren. „Die Dinge beim Namen“ ist ein Roman über die Alteingesessenen, die schon immer da waren, in der Dorfschule als MitschülerInnen, später als Jugendliche hinter der Turnhalle, dann hineingerutscht in Ehe und Familie und drin geblieben, bis Bitterkeit, Ernüchterung und Frustration Ventile suchen, bei denen es ganz ordentlich zur Sache geht. Ausbrüche, die dazugehören, von denen man weiss, über die man schweigt, die man toleriert, weil sie erst möglich machen, dass die dampfende Kacke keinen Krater reisst.
«Ich glaube, Träume sind aus Geschichten. Und wir alle sind aus Geschichten gemacht.»
Rebekka Salm «Die Dinge beim Namen», Knapp, 2022, 182 Seiten, CHF 27.00, ISBN 978-3-907334-00-3
Wann alles begonnen hat, weiss niemand. Vielleicht an jenem Sommerabend vor ein paar Jahrzehnten. Beim Unterhaltungsabend des Musikvereins. Im Halbdunkel beim Eingang zum Gerätespeicher der Turnhalle. Ein junger Mann küsst eine Frau. Sie liebt ihn nicht und er liebt sie nicht. Aber wenn er will, soll sie wollen. Vielleicht beginnt die Geschichte aber erst viel später, als Vollenweider, der damals zusah und den Mut nicht fand einzuschreiten, die Geschichte aufschreibt. Alles aufschreibt, in ein grosses Kuvert packt und die Seiten an einen Verlag schickt, in der Hoffnung, daraus werde mehr als bloss eine Geschichte. Aber wahrscheinlich begann die Geschichte schon viel früher, ist jener Moment bei der Turnhalle nur das Kippen einer der vielen Dominosteine, die in diesem Dorf dauernd fallen, wie in Zeitlupe und doch unaufhaltsam, wie ein Naturgesetz. Vollenweider schreibt schon immer, seit er schreiben kann. Über den Selbstmord seines Bruders, die unglückliche Liebe zu Sandra, den frühen Tod seiner Mutter und die Schläge seines Vaters. Auch dann noch, als man ihm im Dunkeln mitten auf der Dorfstrasse zusammenschlägt. Denn jenes Mädchen, jene junge Frau, war Sandra, seine Liebe.
«Die grössten Reichtümer aber, die der Mensch besitzen kann, sind Geld und Geschichten. Beides bedeutet Macht.»
Aber „Die Dinge beim Namen“ ist mehr als die Geschichte von Vollenweider und seiner Geschichte. Da ist Freddy, der nach dem Tod seiner Eltern allein in seinem Haus lebt. Er sammelt Käfer. Weiss alles über Käfer. Kauft sich zwischendurch auch einmal ein seltenes Exemplar, spiesst sie nach seinen Ausflügen auf Nadeln und lässt sie sterben. Bis sie beschriftet und in Ordnung gebracht Teil seiner Sammlung sind. Niemand nimmt Freddy ernst. Oder Chantal, die am Dorfrand, in der Rosenegg, wo weit und breit keine Rosen blühen, zwischen Sägerei und Selbstbedienungstankstelle, den Männern von nah und fern das bietet, was ihnen in den Schlafzimmern zuhause verwehrt bleibt. Nicht nur Sex, eine unkomplizierte Nummer. Sex ist meist nur das schnelle Vorspiel dessen, was Chantals Kunden viel wichtiger zu sein scheint; Mann will reden, Mann will ein Stück Illusion, ein Stück heile Welt.
«Das war er wieder, der Schmerz, der sich seit Jahrzehnten durch Beats Brust frass wie der Holzwurm durchs Gebälk seines Schlafzimmers.»
In Rebekka Salms packendem und faszinierenden Romandebüt blickt man durch zwölf Augenpaare auf das, was unter der Dorfoberfläche brodelt, seit Jahrzehnten, einmal mehr, einmal weniger. Rebekka Salms klug erzählter Roman, dieses feinmaschige Netz aus Geschichten und Charakteren, verblüfft durch seinen Witz, seine kraftvolle Sprache und den gleichwohl grossen Respekt vor dem Personal. So sehr sie alle gefangen sind von den ehernen Gesetzen einer trügerischen Dorfidylle, so sehr sind sie Opfer ihrer selbst, der Unfähigkeit auszubrechen, sich dem scheinbar Unausweichlichen entgegenzustellen. Rebekka Salm erzählt, als würde eine Billardkugel eine nächste in Bewegung bringen, die Ordnung in diesem Wimmelbild auf den Kopf stellen. Und nicht zuletzt sind die Farben ihres Erzählens derart intensiv, das ich kaum glauben kann, dass dies ein Debüt sein soll. Und dann sind da noch diese Sätze. Extrahiert man sie aus ihrem Kontext, werden sie zu Perlen, die man bei zu unachtsamen, zu schnellem Lesen allzu leicht übersieht. Sätze, die funkeln, die das Licht brechen, vielfarbig werden!
Ich spüre deine Lust, deine Freude, deinen Witz, deinen Schalk. Natürlich weiss ich, wie viel Knochenarbeit, wie viel Energie und Zeit es braucht, bis ein Buch zur Lektüre bereitliegt. Wie schaffst du es, derart viel Esprit in ein Buch zu packen, mich glauben zu lassen, das Schreiben ginge so flockig leicht wie die Lektüre deines Romans? Was bin ich froh, dass die Lektüre des Romans nicht ein ähnlicher «Chnorz» ist, wie es der Schreibprozess zeitweise war. Am Anfang fällt mir das Schreiben meist leicht. Ich habe Bilder im Kopf. Figuren gehen, humpeln oder schlurfen durch meine Gedanken. Die Sonntagshosen der Männer haben Bügelfalten. Einer raucht Pfeife. Kannst du den Tabak riechen? Ich bringe zu Papier, was ich vor meinem inneren Auge sehe. Das geht ganz leicht. Dann lege ich den Stift beiseite und lese durch, was da steht auf dem Papier. Jetzt scheinen mir die Bilder, die ich in Worte gefasst habe, unpräzise, platt und wenig originell. Ich formuliere also um, ersetze Verben durch treffendere Verben, streiche Adjektive. Das ist die Phase, in der ich zweifle, an mir und am Text. Wenn ich aber durchhalte, nur lange genug schreibe, umformuliere und streiche, erreiche ich mit etwas Glück irgendwann den Punkt, an dem mir das Geschriebene gefällt. Der «Chnorz» löst sich auf. Die Bilder auf dem Papier stimmen nun mit den Bildern in meinem Kopf überein.
Neben all der Fabulierkunst, die Vielfarbigkeit, den Abgründen und Wahrheiten erzählt dein Roman von den Fallgruben des Lebens, den Fesseln, denen man scheinbar nicht entkommen kann, den ehernen Gesetzen, die Leben dominieren. Ist dein Schreiben dein Messer gegen Fesseln? Nein, das Schreiben ist mir kein Messer. Das Schreiben ist mir eher ein Reissbrett, auf dem ich die Fesseln und Fallgruben des Lebens präzise aufzeichnen und vermessen kann. Das bringt sie nicht zum Verschwinden, leider. Aber dadurch, dass ich nun ihre genaue Lage, Grösse und Beschaffenheit kenne, verlieren sie ihre diffuse Bedrohlichkeit. Und damit lässt es sich leben.
Ich bin sicher, dass du bei 99% aller LeserInnen mit einer deiner Figuren etwas anklingen lässt, was betroffen macht, das mir als Leser Wiedererkennung schenkt. Du erzählst, was alle kennen und doch scheint es entlarvend. Spiegelst du? Meine Figuren sind keine Helden. Im Gegenteil. Allesamt sind es Menschen, die gegen alltägliche Widrigkeiten kämpfen, die ihr Glück suchen, die sich irren und die fehlen, die mutlos und beschämt sind. Und ich vermute, all das steckt in jedem von uns drin. In mir auf jeden Fall.
Das Modell Ehe wird ebenso in Frage gestellt wie „Liebe“, „Dorfgemeinschaft“ oder sogar „Freundschaft“. Du demontierst mit Lust und Wonne. Ich weiss sehr gut, dass man Idyllen nachjagt. Bücher, Filme, Musik und Bilder sind voll davon. Warum halten wir uns dermassen fest an ihnen? Warum halten wir uns dermassen fest an Idyllen? Vermutlich weil sie genau das sind: idyllisch. Perfekte, sorgen- und schmerzfreie Zustände. Wir sitzen mit einem kühlen Glas Weisswein auf dem Balkon, das Raclette brutzelt im Pfännchen, die oder der Liebste ist bei uns, wir streiten uns nicht und im Abendlicht sehen wir die Schönheit des anderen, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen haben. Das Telefon schweigt. Die Steuern sind bezahlt. Der Hosenbund kneift nicht. Die Liste ist beliebig erweiterbar. In diesen Momenten scheint das Leben schwerelos. Wer würde diesen Momenten nicht nachjagen wollen? Dass das Leben kein Ponyhof ist, wissen wir alle. Vielleicht halten wir Idyllen in Bücher, Filmen und Musik fest, um uns stets vergewissern zu können, dass es sie tatsächlich gibt, dass sie wiederkommen, irgendwann.
Du liebst dein Personal, das spüre ich. Ich liebe es auch, alle irgendwie. Meistens werden nicht unsere Ecken und Kanten geliebt, sondern die mit Bedacht gepflegten glatten Flächen. Anpassung ist alles. Und doch ist da doch der Wunsch nach Originalität, auch in den Leben deiner ProtagonistInnen. Meine Figuren möchten dazugehören. Zu einer Dorfgemeinschaft. Ausserhalb dieser Dorfgemeinschaft sind sie einsam und alleine. Und wer sind sie denn überhaupt, wenn niemand da ist, der sie sieht, der mit ihnen redet? Um dazuzugehören sind sie bereit, ihre Ecken und Kanten zu verbergen. Sind sie dann aber drin, in der Dorfgemeinschaft, kann es passieren, dass keiner sie wahrnimmt, weil sie ohne Ecken und Kanten niemand sind, den es wahrzunehmen lohnt. Dann, vielleicht, zeigen sie sich. Und wenn sie Pech haben, dann ist das, was da zum Vorschein kommt, zu viel fürs Dorf. So versuchen sie stets die Balance zu halten zwischen ihrem Wunsch nach einem «Wir» und ihrem eckigen und kantigen «Ich». Ich vermute Mal, damit unterscheiden sich meine Figuren gar nicht so sehr von dir und mir, oder?
Rufen jetzt deine ehemaligen Nachbarn an? Bis jetzt zum Glück nicht. Wenn ich aber die Wahl habe, zwischen ehemaligen Nachbarn, die anrufen, um mir zu sagen, dass sie enttäuscht darüber sind, wie ich das Dorf dargestellt habe und den anderen, die so beleidigt sind, dass sie nicht mehr mit mir reden – dann sind mir die Ersteren tausend Mal lieber.
Rebekka Salm, geboren 1979, wohnhaft in Olten, studierte Islamwissenschaften und Geschichte in Basel und Bern, arbeitet als Texterin, Moderatorin und Erwachsenenbildnerin. Publikationen in verschiedenen Literaturformaten, 2019 gewann sie den Schreibwettbewerb des Schweizer Schriftstellerwegs. Ihre Siegergeschichte ist im Buch «Das Schaukelpferd in Bichsels Garten» (2021) erschienen.
Nino Haratischwili ist eine grosse Erzählerin. Sie zeichnet mit satten Farben, komponiert mit ebenso sattem Sound. Und doch ist nichts dick aufgetragen. In Zeiten wie diesen, in denen sich die Gewalt wie ein Schwarm Heuschrecken über ein ganzes Land legt und alles Leben frisst, ist ein Roman wie „Das mangelnde Licht“ die einzig wahre Medizin, die Hoffnung nicht zu verlieren!
Als meine Frau und mich 2014 Nino Haratischwilis 1300 Seiten dicker Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ in die Ferien auf eine Insel in der Nordsee begleitete, rissen wir uns den Schmöker zur Lektüre beinahe aus der Hand. Immer wenn meine Frau eine Lesepause einlegte, schnappte ich mir das Buch – und umgekehrt. Wir waren zwar auf dieser Insel, aber auch auf einer georgischen Reise durch das 20. Jahrhundert, fasziniert, bezaubert, in Leben eingetaucht. Nach „Die Katze und der General“ erschien nun Nino Haratischwilis dritter monumentaler Roman „Das mangelnde Licht“. Nino Haratischwilis Werk darf aber bei weitem nicht nur an diesen drei dicken Büchern gemessen werden, erschienen doch zuvor schon preisgekrönte Romane und Theaterstücke. Aber so wie die drei dicken Bücher im Regal den Blick auf sich ziehen, so bündeln sie auch die Aufmerksamkeit auf eine Autorin, die zwar in den drei Romanen immer wieder von Georgien erzählt, aber immer wieder aus anderer Perspektive. Georgien und seine Geschichte ist viel mehr als Horizont und Geschichte in allen drei Romanen, die keine Fortsetzungsromane sind und ganz eigene Geschichten erzählen. Georgien ist einer der Protagonisten. Ein Land, das immer wieder von der Geschichte zerrieben wurde.
„Das mangelnde Licht“ erzählt die Geschichte von vier Freundinnen, die jung und voller Pläne waren, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Georgien in einem Vakuum zu versinken drohte, Unabhängigkeitsbestrebungen, kriegerische Auseinandersetzungen, grassierende Korruption das Land in ein Trümmerfeld verwandelten, das zur Spielwiese von Clans mit mafiösen Strukturen wurde. Dina, Nene, Ira – und Keto, die die eigentliche Erzählerin der Geschichte ist, eine Geschichte, die ganz langsam aufbricht, denn Nene, Ira und Keto sind zwei Jahrzehnte nach den Geschehnissen in Tbilissi (Tiflis) nach Brüssel an eine pompöse Ausstellung mit den Fotografien von Dina eingeladen. Schwarzweissfotografien, die das Leben jener Tage abbilden, ihre Freundschaft, ihre Familien, die Gewalt in den Strassen, den Krieg an den Grenzen, ihre Heimat, eine Zeit, die nicht mehr ist und die Frauen an der Eröffnung dieser grossen Ausstellungen zu Objekten macht, denn Dina ist nicht mehr. Dina, die zu einer Ikone der Geschichte wurde, als Fotografin ebenso wie als Kämpferin, überlebte ihren Schmerz nicht. Ihr Tod war damals ein Grund, der die drei anderen Frauen auseinandertrieb und erst an dieser Ausstellung wieder zusammenführt. Eine Ausstellung mit Fotos für die Gäste, Fenster in Abgründe für die drei Frauen, vor allem für Keto, die mich als Leser mit ihren Rückblenden immer tiefer in Geschehnisse mitnimmt, die mir die Geschichten hinter den Hochglanzfotografien erzählen.
So wie der Film „Once Upon a Time in Amerika“ in Hollywoodmanier ein „männliches“ Gangsterepos erzählt, ist „Das mangelnde Licht“ die Geschichte einer Frauenfreundschaft, die an eben solchen Gangsterstrukturen zerbricht. „Once Upon a Time in Georgia“ erzählt aus weiblicher Perspektive die Geschichte von vier Frauen, denen die Freiheit von allen Seiten permanent genommen wird. Sei es vom Staat, von familiären Strukturen und Traditionen, sei es von der Geschichte und unabwendbaren Umständen und Zwängen. Dina, die Fotografin, ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, eine Frau, die letztlich an mangelndem Licht zugrunde geht.
Klar fasziniert die Geschichte, die Dichte all der Binnengeschichten, die Konstruktion des Romans, die Rahmenhandlung ebenso wie all die weitschweifenden Geschichten hinter den Fotografien. Nino Haratischwili schafft es aber auch, dass Georgien, das Land und seine Geschichte, nicht einfach Kulisse ist, Staffage für ein Melodrama à la Hollywood. „Das mangelnde Licht“ bringt Licht in eine Zeit, in Zeiten wie diese, wo durch brutale Angriffskriege Staaten in Schutt und Asche gelegt werden, nicht nur Häuser und Strassen, sondern Strukturen, Kultur, Ordnung und letztlich auch Gesetz. Wo Kriege Leben unwillkürlich auslöschen, Familien auseinandergerissen werden und brutale Gewalt Menschen in ein Leben zwingt, das sie eigentlich verabscheuen.
Nino Haritischwilis literarischer Epos ist ein monumentales Sittengemälde. Ihr Roman wie „Bilder einer Ausstellung“ ein literarischer Gang durch eine Fotoausstellung der besonderen Art. Nino Haratischwili zieht mich mit in unsägliche Tiefen, überzeugt mich mit einem satten Sound, einer Vielstimmigkeit, die mich bei der Lektüre manchmal schwindlig macht. Ich freue mich auf den Besuch der Autorin an den diesjährigen Solothurner Literaturtagen!
Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tbilissi/Georgien, ist preisgekrönte Theaterautorin, –regisseurin und Romanautorin. Ihr grosses Familienepos «Das achte Leben (Für Brilka)», in 25 Sprachen übersetzt, avancierte zum weltweiten Bestseller, eine grosse internationale Verfilmung ist in Vorbereitung. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Anna-Seghers-Literaturpreis, dem Bertolt-Brecht-Preis und dem Schiller-Gedächtnispreis, ihr Roman «Die Katze und der General» stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Heute lebt die Autorin in Berlin.
Katerina Poladjans hochaktueller Roman «Zukunftsmusik» erzählt vom 11. März 1985, einem kalten Tag im fernen Osten Russlands – doch ein neuer Frühling steht kurz bevor.
Gastbeitrag von Sarah-Sophie Engel Sarah-Sophie Engel studiert Deutsche Philologie und Kulturanthropologie an der Universität Basel. Ihr Interesse an Menschen und gesellschaftlichen Themen führt sie oft zur Literatur.
Die Zukunft ertönt im Viervierteltakt. Chopins Trauermarsch schallt durch das Radio der Kommunalka an jenem Morgen, an dem Matwej schon früh in der Küche sitzt. Diese Küche befindet sich irgendwo tausende Kilometer östlich von Moskau, in Sibirien – mit etwa drei Stunden Zeitunterschied. Die Töne verbreiten eine finale Stimmung, mit der niemand wirklich etwas anzufangen vermag, denn noch weiss keiner, wer ging und was kommt.
Mit dem Tod des Generalsekretärs wird Gorbatschow das Amt ergreifen und den Zerfall der Sowjetunion einläuten – aber noch gilt weiter, jedes Tun der Bürger und Bürgerinnen ist dem grossen Plan gewidmet. In dem steht auch: jeder Bürger der Sowjetunion hat Anspruch auf neun Quadratmeter. Maria teilt sich mit Mutter, Tochter und Enkelin ein Zimmer. Ihr heimlicher Verehrer, Matwej, wohnt gegenüber und gleich nebenan der alte Professor, der später durch die Zimmerdecke flieht. Die Bewohner:innen der Zimmer am Ende des Ganges spielen auf der häuslichen Bühne kaum eine Rolle, abgesehen von ihrem guten Essen auf dem Herd, von dem sich immer mal wieder jemand heimlich ein Schälchen füllt.
Auf dem engen Raum der Wohnung bekommt man voneinander einiges mit – vieles auch nicht. Die eigenen Träume werden bewacht und Erinnerungen in kleine Kästchen verstaut, wo sie niemand findet, ausser man selbst. Poladjan erzählt von der Angst bestimmte Dinge laut auszusprechen, von vergangenen und neu beginnenden Leidenschaften und der Sehnsucht nach Schokolade, einer neuen Gitarre oder einfach nur Freiheit. Sie erinnert an Zeiten, in denen die Politik den Menschen nicht gehört – so wie sonst eigentlich auch nichts – und skizziert angesichts der systemischen Enge den Spielraum des Alltäglichen und den Platz in den eigenen Gedanken.
Katerina Poladjan «Zukunftsmusik», S. Fischer, 2022, 192 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-10-397102-6
Maria gesteht Matwej, ein ganzes Lexikon der Angst könnte ich schreiben. Und doch bewahrt sie, trotz ihrer Sorgen, einen sanften Humor und eine Leichtigkeit, die sie träumen lässt von Tango unter Palmen und Ferien in Abchasien. Ihre Mutter ist erstaunt über die Naivität ihrer Tochter und stellt fest: Es gab keine Freiheit, dass das immer noch niemand begriffen hatte. Maria aber kann sie schmecken, die Freiheit. Nach langem Anstehen am Lebensmittelgeschäft, ohne erst zu wissen wofür, ergattert sie Krakauer Würste und auf dem Museumsboden entdeckt sie eine Paillette, ein Überbleibsel einer anderen Welt: Maria legte sich die Paillette auf die Zunge und hatte Gold im Mund. Ob die neue gelbe Bluse, Importware, ihr stehe, will sie wissen – jedenfalls hatte sie so eine noch nie.
Poladjan zeigt, wie unterschiedlich Menschen in ihrem alltäglichen Leben auf ein starres politisches System reagieren, das ihnen nichts schenkt und alles von ihnen verlangt. So ist Matwej stets bemüht, ein «guter Kommunist» zu sein. Und während Maria befürchtet, ihr Leben zu vergeuden und das Glück nie zu finden, schenkt Matwej ihr weiter Cognac ein, mit den Worten: Dass die Menschen immer noch nicht verstanden haben, dass persönliches Glück ohne Allgemeinwohl nicht möglich ist.
Was Poladjans Roman zugrunde liegt, ist die einfühlsame Beschreibung eines historischen Tages auf der Bühne der «kleinen Leute». Sie lässt die Leser:innen die Präsenz einer Politik spüren, die so weit weg scheint und doch eine Enge schafft, in der sich die eigenen Wünsche und Pläne nur schwer entfalten. Zwischen fein skizzierten Figuren finden sich starke Worte. Die zwanzigjährige Tochter, Janka, möchte keinen Mann, sie betet zu Gott noch viele Münder küssen zu dürfen und dafür, dass ihre Lieder gehört werden: Ich erinnere mich an ein Leben, das ich nie gelebt habe und von dem ich hoffe, dass es noch vor mir liegt.
Gegen Ende des Romans lässt Poladjan surreale Nuancen entstehen, die sich ganz ungezwungen einschleichen, was erstmal überrascht, da die Erzählung sonst so solide in der Geschichte verankert zu sein scheint. Allerdings inszeniert Poladjan damit genau diese unsichere Aufbruchsstimmung voller Möglichkeiten, die jener Frühlingstag bei den Bewohner:innen der Kommunalka auslöst.
Poladjan lässt die Leser:innen eintauchen in eine Welt, die zwar vergangen ist, sich aber auf 187 Seiten erneut für sie öffnet. Man ist umgeben von russischer Musik, einer Eiseskälte, liebevoll-witzigen und ernsthaften Dialogen, dem Duft von Schaschlik über dem Feuer. Und zwischen den Zeilen leuchtet die grosse russische Literatur hervor. «Zukunftsmusik» erinnert an die Vielschichtigkeit einer Gesellschaft, die, fernab ihrer Regierung, beim Lesen aufrichtiges Interesse weckt.
(Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2022 an der Uni Basel, Seminarleitung: Daniel Graf, Literaturkritiker beim Republik Magazin.)
Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt «In einer Nacht, woanders» folgte «Vielleicht Marseille» und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht «Hinter Sibirien». Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für «Hier sind Löwen» erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. «Zukunftsmusik» stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022.