Tabea Steiner «Balg», Shortlist #SchweizerBuchpreis 19/4

Es wäre alles da für ein perfektes Familienidyll; Chris arbeitet zuhause, Antonia bald schwanger, Timon ein hübsches, gesundes Kind. Aber Idyllen existieren nicht. Chris setzt sich ab, zuerst phasenweise, dann endgültig. Antonia fühlt sich allein gelassen, einsam, überfordert. Timon und Antonia, ein Doppelgestirn, ein Doppelplanet, durch Familienbande aneinander gekoppelt, durch wachsende Zentrifugalkraft auf Konfrontation mit all jenen Gestirnen, die sich auf ewig gleichen Bahnen befinden.

© Lea Frei

„Balg“ ist ein Schimpfwort. Abgezogenes Fell, ein freches Kind. Aber wer ist schon der, der er sein könnte. Timon ist genauso das Resultat von vielem, wie seine Mutter Antonia, wie seine Grossmutter Lydia. Da war ein kleines Kind, das durch Mark und Bein schrie. Ein kleiner Junge, der biss und schlug. Ein Schuljunge, mit dem keine Lehrkraft klarkommen wollte oder konnte. Timon, zuerst von seiner Mutter eingesperrt, damit diese Luft bekommt, dann ausgesperrt, weil die Mutter keine Luft mehr bekommt, wird zum Kometen, der sich auf unberechenbarer Bahn mit langem Schweif durch ein verkorkstes Leben bahnt.

Irgendwann lernt Antonia einen neuen Mann kennen, einen, der mit ihr zusammenleben will, aber nicht mit dem unberechenbaren Balg, mit Timon, der sich allen und allem entzieht. Aber statt ihren Sohn mitzunehmen, botet Antonio, der neue Mann, ihn aus, nimmt ihm das Wenige, das Timon von seinem Vater, den er manchmal am Wochenende sieht und auch längst in einer neuen Familie lebt, geschenkt bekommt. Antonia weiss oft nicht, wie ihr geschieht, ist genauso Opfer ihrer Reflexe und Reaktionen wie ihr ausser Rand und Band geratener Sohn.

Im gleichen Dorf lebt Valentin der Postbote. Vor Jahren war er der Dorflehrer, irgendwann suspendiert und im Dorf hängen geblieben, mit einem Makel. Antonia war als Schülerin die Freundin seiner einzigen Tochter, jener Tochter, die er nie mehr sah, von der er nichts weiss, seit sie ihn zusammen mit seiner Frau verliess. Antonia macht Valentin für eine Katastrophe in der Vergangenheit verantwortlich, die nicht nur ihn selbst, sondern auch sie aus der Bahn geworfen hatte, aus der Kindheit rausgerissen, entwurzelt. Und ausgerechnet mit ihm, mit Valentin, dem alt gewordenen Sonderling, den man im Dorf wie etwas Übriggebliebenes behandelt, freundet sich Timon an. Gegen den Willen seiner Mutter.

Timon entgleitet. Allen. Selbst Valentin, der ihn im Garten, bei seinen Tieren oder auch an seinem Tisch gewähren lässt, der ihm den einzigen Ort gibt, an dem er sich nicht in die Enge getrieben fühlt, ist von den verqueren Wahrnehmungen einer Dorfgemeinschaft nicht gefeit. Einmal ins schlechte Licht getaucht – immer empfänglich wie elektromagnetisch aufgeladenes Textil.
Alle sind sie einsam. Alle irgendwie verloren, eingeschlossen, ausgeschlossen.

© Lea Frei

Eine der vielen Qualitäten des Romans ist Tabea Steiners Zurückhaltung, bei aller Katastrophe das Maximum nicht ausgeschöpft zu haben. Es geht der Autorin weder um die Katastrophe, noch um ein Soziogramm eines vermeintlichen Dorfidylls. Tabea Steiner begleitet mit überzeugendem Feingefühl, erzählt die Geschichte aus mehrfacher Perspektive, stülpt das Innere ihrer Protagonisten nicht gegen Aussen. Sie alle sind Opfer ihrer Geschichte. Eine andere Qualität dieses Romans sind all die Halbschatten, die nicht ausgeleuchtet sind, das bloss Angedeutete, das dem Leser überlassen ist, das aber gleichsam mitschwingt und dem Buch, dem Erzählten Raum gibt. Und nicht zuletzt ist es die unaufgeregte, sorgfältige Art des Erzählens, einer Sprache, die sich nicht nur inhaltlich behutsam nähert, sondern in ihrem Ausdruck.

Ein Interview mit Tabea Steiner:

Du engagierst dich seit Jahren für die Literatur, sei es als Leiterin des Literaturfestivals in Thun, als Moderatorin in Bern, Thun und St. Gallen, als Literaturvermittlerin im wahrsten Sinne des Wortes. Und nun dein erster Roman, dein Debüt bei einem Verlag, der es in den letzten Jahren formidabel schaffte, sich mit CH-Spitzentiteln zu empfehlen. Ist es ein Ankommen, ein Beweis oder Resultat übermässiger Anstrengung?
Es fühlt sich für mich am ehesten nach Ankommen an. Auf jeden Fall ist es ja so, dass ich mich schon immer nicht „nur“ mit Texten anderer befasst habe, sondern auch selber geschrieben habe. Damit jetzt rauszugehen und der Öffentlichkeit diese andere Rolle gewissermassen zu präsentieren, heisst natürlich auch, dass ich mich nicht mehr hinter den Büchern anderer „verstecken“ kann, von denen ich weiss, dass sie gut sind. 

„Balg“ ist ein sehr intimer Roman, dessen Konstruktion sich scheinbar weit weg von deiner eigenen Biographie ansiedelt, ausser vielleicht, dass sich die Geschichte irgendwo in der Ostschweiz, in einem Dorf unweit des Bodensees verorten lässt. Was dir ausgezeichnet gelang, ist aber genau jene unmittelbare Intimität, die das Buch, dein Roman, dein Debüt so sehr überzeugen lässt. Eine Nähe, die nie entblössend wirkt. Wie sehr musstest du dich darum bemühen?
Ich habe eine lange Zeit mit diesen Figuren verbracht, sie, als sie da waren, genau studiert, nachgedacht, wie sie sind, was sie denken, sagen und wie sie handeln und warum. Sie sind mir auch sehr nahe gegangen, und es war mir gleichzeitig wichtig, selber auch immer ein wenig Verständnis für sie aufzubringen. Und das war zuweilen durchaus sehr anstrengend. 

Alle Protagonisten in deinem Roman sind Verlorene? Wie sehr liegt in einer Zeit der totalen Vernetzung genau in diesem Gefühl eine der Untiefen unserer Gesellschaft?
Sind sie Verlorene? Ich denke eher, dass sie aus unterschiedlichsten Gründen keinen oder nur einen unzulänglichen Zugang zu ihrer Sprache haben, und deswegen auch nicht imstand sind, die anderen zu verstehen.
Auf jeden Fall schaffen sie es nicht, eine gemeinsame Sprache für ein Problem zu finden, das sie alle betrifft. Sie sehen es zwar alle, wenn auch auf unterschiedliche Weise, sind aber nicht imstande, darüber auch nur einen sprachlichen Konsens zu finden. Und hier setzt etwas für mich sehr Wichtiges ein: dass nämlich die Sprache politisch ist, weil wir uns darüber einigen müssen, was sie bedeutet. Es ist schwierig, sich zu unterhalten, wenn man keine gemeinsame Sprache hat – und ich glaube, dass man die Folgen davon auf Social Media, aber mehr und mehr auch im Alltag, beobachten kann, wenn Sprache in einer zunehmend verletzenden Art und Weise verwendet wird, ohne sich darum zu kümmern, dass die Sprache eben allen gehört. Niemand hat sie für sich allein, und das wäre gut so, wenn.

Gegen Schluss deines Romans lässt du Lydia, die Mutter Antonias sagen, die vieles spürt, was sie sich nicht zu sagen traut: „Man muss eben mit den Leuten reden, nicht immer nur über sie.“ Dieser Satz ist eines der Themen, die sich durch dein Buch ziehen. Und trotzdem bleibt die Einsicht, dass nicht über alles geredet werden kann. Wo liegt die Grenze zwischen befreiendem Reden und zerfleischendem Zerreden?
Das ist eine sehr schwierige Frage, aber nicht nur literarisch. Jeder Mensch geht wieder ganz anders um mit Dingen, manche wollen darüber reden, andere wieder können nicht. Ich glaube nicht, dass ich diese Frage je wirklich werde beantworten können, wünsche mir aber, dass mehr darüber nachgedacht und gesprochen und geschrieben wird. 

In deinem Roman steckt ein ungeheures Potenzial an Katastrophen. Einige hast du geschehen lassen, vielem bist du mit Absicht ausgewichen, hast der Versuchung von allzu beabsichtigter Plottverdichtung widerstanden. So wie das Leben nur in Ausnahmefällen das Maximum an Katastrophe zulässt. Zum Glück. Wie sehr musstet du gegen Versuchung ankämpfen?
Ich musste, wie oben angedeutet, eher gegen die Versuchung kämpfen, den Figuren doch das eine und andere zu ersparen, sie freundlicher erscheinen zu lassen, sympathischer. Aber dann wäre es eine andere Geschichte geworden, und so bin ich streng mit mir und manchmal ein bisschen hart zu den Figuren gewesen. 

Ein beeindruckendes Debüt von einer Autorin, von der ich nichts anderes erwartet hätte!

© Lea Frei

Tabea Steiner, Jahrgang 1981, ist auf einem Bauernhof in der Nähe des Bodensees aufgewachsen und hat Germanistik und Geschichte studiert. Sie hat das Thuner Literaturfestival initiiert, ist Mitorganisatorin des Berner Lesefestes Aprillen und Mitglied der Jury der Schweizer Literaturpreise. 2011 hat sie an der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teilgenommen. Tabea Steiner lebt in Zürich.

Webseite der Autorin

Am 24. Oktober moderiere ich im Bodman-Literaturhaus in Gottlieben TG ein Lesung zusammen mit Tabea Steiner.

Florjan Lipuš «Schotter», Jung und Jung

«Schotter» ist keine Geschichte, aber erzählte Geschichte. «Schotter» ist lautes Denken darüber, was Vergessen und Verdrängung anrichten kann, wenn Leiden und Erinnerung zum Permaschmerz werden. «Schotter» verlangt von Leserinnen und Lesern genauso viel ab, wie es Florjan Lipuš Überlebensfrage ist, sich zu erinnern.

Florjan Lipuš musste als Kind mitansehen, wie seine Mutter wie eine Kriminelle verhaftet und abgeführt wurde, weil sie als Partisanen verkleidete Gestapomänner bewirtete, während Florjans Vater in der deutschen Wehrmacht Kriegsdienst leistete. Florjan Lipuš Urtrauma, über das er in allen seinen Büchern auf die eine oder andere Weise schreibt. Sein erster Identitätsverlust, aber längst nicht sein letzter, weil er dort geblieben ist, an der Grenze der Sprachen, der Sprachgrenze zwischen Deutsch und Slowenisch, an der Grenze zwischen Vergessen und Bewahren, an einer Grenze, an der sich noch immer unüberwindbare Gräben ziehen, Gräben in denen Hass und Verblendung mottet, Hass, der sich bis in die Gegenwart manifestiert und Lipuš befürchtet, dass die Zeit jene Wunden nicht heilt.

Überall finden Gedenkmärsche statt «gegen das Vergessen». So auch diesen Frühling in Klagenfurt, der Hauptstadt Kärntens, jenen zum Gedenken, die am 29. April 1943 wegen angeblichen Hochverrats nach einem Schnellgericht hingerichtet wurden, darunter Bewohner jenes Ortes, in dem Florjan Lipuš aufwuchs. Dabei sind die Motive jener, die daran teilnehmen ganz verschieden; von tiefem Verlustschmerz über Angehörige oder Freunde bis zur reinen Neugier. Was macht dieses Gedenken mit einem Dorf, in dem jeder jeden kennt? – Und Florjan Lipuš kennt sein Dorf, ein Dorf, das wie viele andere damals mitten in den Wirren des Krieges steckte, eines Krieges, der im Mai 1945 nicht einfach aufhörte wie ein lang andauerndes Unwetter.

Florjan Lipuš entlarvt das verräterische Grinsen jener, die mit dem Ausspruch «Alles wird gut» jede Woge glätten, jede Tiefe füllen, jede Untiefe verbergen. Aus «Schotter» schreit die Angst, dass nichts besser wird, dass die Geschichte keinen Anlass zur Hoffnung gibt, dass das Böse aus der Vergangenheit in der Gegenwart verschwinden würde. Es versickert in den Schottersteinen zwischen den Baracken, in denen Frauen wie seine Mutter gemartert und gequält wurden. Doch was versickert, ist nicht weg, nur verborgen, mottet und fault im Untergrund weiter.

Gibt es eine angemessene Form des Erinnerns? Genügt ein Augenblick, eine Denkpause, ein Gedenkmarsch, der sich nur wenig in das Leben des Einzelnen einmischt? Ich spüre in den Sätzen dieses Buches den ungestillten Schmerz, das ewig scheinende Wehklagen darüber, dass gewisse Verletzungen durch nichts getilgt werden können. Im Gegenteil. Die Angst vor versuchter Tilgung potenziert den Schmerz.

Florjan Lipuš schreibt mit spitzem Bleistift gegen das Vergessen, schreibt von Hand auf Papier, gegen das Flüchtige, das Ungefähre, gegen das Oberflächliche. Als würde sich die Spur seines Bleistiftes durch das Papier hindurch in die Seelen seiner Leserinnen und Leser graben, einer Sorte Mensch, denen Achtsamkeit mehr als nur Modewort ist, die Bücher wie Schätze mit sich herumtragen, auch wenn der Edelstein von dunkler, lichtschluckender Farbe ist. Er leidet mit den Frauen, die seine Mütter waren, den Frauen, denen man alles Grauen auferlegte, die keine Chance hatten, ihm zu entrinnen.

Ein kleines Interview mit Florjan Lipuš:

Es sind immer die gleichen oder ähnlichen Themen, um die sich ihr Schreiben bemüht. Fühlen Sie sich manchmal nicht als Gefangener?
Als Gefangener fühlt man sich als Kärntner Slowene in mancherlei Hinsicht, allein schon wegen der Sprache und der Reaktion der Öffentlichkeit auf sie, durch familiäre Verhältnisse, durch persönliche Entscheidungen, durch die man sich freiwillig in die Gefangenschaft begibt. Auch das Dorf nimmt einen gefangen.

Sie schreiben in „Schotter“ über „das Dorf“, mit Sicherheit über ihr Dorf, in dem Sie schon seit Jahrzehnten leben. Hat sich das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Dorf und umgekehrt in all den Jahren verändert?
Es hat sich stark zum Schlechten verändert. Mein Verhältnis zum Dorf hat sich sicher verschlechtert und umgekehrt auch.

Der Krieg, die Gewalt sitzt sitzt wie ein unsterblicher Virus in den Genen der Menschen. Ist die Hoffnung auf „Frieden“ Augenwischerei? Vor allem jetzt, wo sich eigentlich die ganze Kraft der Menschheit hin zum Klimaschutz bündeln müsste?
Hier sind Berufenere aufgerufen, für vernünftige und brauchbare Lösungen zu sorgen.

Sie waren einmal Lehrer. Stünden Sie vor einer Schar junger Lehrerinnen und Lehrer, was würden Sie ihnen ganz besonders ans Herz legen?
Als Lehrer fühlte ich mich ganz und gar und in jeder Hinsicht für die mir anvertrauten Kinder verantwortlich, aber ich würde nie Erwachsenen irgendwelche Ratschläge erteilen. Ich fände es anmassend, meinen Mitmenschen irgendetwas ans Herz zu legen.

Ich weiss, dass Sie mit Bleistift schreiben. Eine fast zärtliche Geste angesichts der Wucht, die in Ihrer Sprache liegt. Im Gegensatz zur Lebensspur lässt sich jene eines Bleistifts radieren. Liegt darin der Reiz solchen Schreibens?
Der Bleistift hat für mich nur einen Sinn, nämlich Bleistift zu sein, einfach und praktisch. Und radiert wird auf meinen Blättern überhaupt nicht, sondern durchgestrichen und neu formuliert. So kann es sein, dass ein Satz dann im Buch eine halbe Seite oder einige Millimeter Bleistift verbraucht hat.

Manuskriptseite, vom Autor zur Verfügung gestellt © Florjan Lipuš

«Schotter» ist Mahnmal. «Schotter» ist Denk-mal!

Florjan Lipuš, geboren 1937 in Kärnten, lebt in Sele/Sielach, Unterkärnten. Er veröffentlicht auf Slowenisch Romane, Prosa, Essays, szenische Texte. Mehrere seiner Bücher erschienen in deutscher Ubersetzung. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen: Petrarca-Preis 2011, Franz-Nabl-Preis 2013 und Grosser Österreichischer Staatspreis 2018.

Der Übersetzer Johann Strutz, geboren 1949, lebt als Literaturwissenschaftler und Übersetzer in Ruden/Ruda, Kärnten. 2011 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Literarische Übersetzer.

Rezension von Florjan Lipuš «Seelenruhig» auf literaturblatt.ch

«Ich schreibe, um mich selbst zu retten» literaturblatt.ch vom 17. 11. 2017

«Wenn sich Grösse in der Enge fast verliert» Florjan Lipuš erhält den Österreichischen Staatspreis 2018

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Die Shortlist ist da! #SchweizerBuchpreis19/3

5 Namen, 5 Bücher. 4 Frauen, 1 Mann. 2 Debütromane, 1 «Zweitling», 2 Werke in langer Reihe. Vom Kleinräumigen ins Grossräumige, von rissiger Idylle bis zur Endzeitstimmung. Die Shortlist des Schweizer Buchpreises 2019 hat es in sich und überrascht. Wie immer. Was sie auch tun soll.

© Lea Frei

Freuen sie sich! Der kleine Strauss an Büchern könnte unterschiedlicher und vielseitiger nicht sein. Wer sie alle liest, wird staunen, wie breit sich Literatur lesen lässt, dass sich sowohl Inhalte wie Erzählweisen diametral voneinander unterscheiden können. Lesen Sie nicht nur die Bücher, sondern nutzen sie die vielen Möglichkeiten, die Autorinnen und den Autor auf ihrer langen Lesereise zu begegnen (z. B. am 25. Oktober im Literaturhaus Zürich oder an der BuchBasel vom 8. – 10. November).

Für den Schweizer Buchpreis 2019 hat die Jury über 70 Titel aus 45 Verlagen geprüft. Der Jurysprecher Manfred Papst sagt zur Wahl: „Die Bandbreite an Themen und Herangehensweisen war gross, und es gab viele interessante junge Stimmen. Die Jury hat sich für fünf eigenwillige und überraschende Texte entschieden:

Jury: In ihrem Roman «GRM.Brainfuck» treibt Sibylle Berg den entfesselten Neoliberalismus auf die Spitze und attackiert eine moralisch verkommene Zwei-Klassen-Gesellschaft mit ihrer eigenen entfesselten Phantasie. Dieser Entwicklungsroman ist eine Mind Bomb von emotionaler Wucht.»

Sibylle Berg ist ein Eckpfeiler in der deutschsprachigen Literatur, Garantin dafür, dass Literatur Leserinnen und Leser an die Grenzen der Wohlfühlzone bringt – zuweilen auch darüber hinaus. Sibylle Berg schreibt keine Literatur fürs Nachttischchen. Wenn man dann doch vor dem Schlaf liest, kann sich das Gelesene durchaus störend in den Schlaf schleichen.

© Lea Frei

«GRM.Brainfuck»
Vier Kinder in einer heruntergekommenen Stadt in Grossbritannien, in einem kaputten Staat, der auf Überwachung setzt. Sibylle Berg (*1962) verlängert in «GRM.Brainfuck» (Kiepenheuer & Witsch, 2019) eine brutale Gegenwart in eine gnadenlose Zukunft.

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Jury: «Im vielschichtigen Roman «Der Sprung» zeigt die Autorin Simone Lappert in einem raffiniert konstruierten Geschichtenmosaik, wie ein einziger dramatischer Moment auf verschiedene Einzelschicksale einwirkt.»

Simone Lappert überzeugte schon 2014 mit ihrem Debütroman «Wurfschatten». Mit «Der Sprung» gelang ihr aber weit mehr Aufmerksamkeit – mit Recht! Und seit dem vergangenen Internationalen Lyrikfestival in Basel im Januar dieses Jahres freue ich mich auch auf Simone Lapperts ersten Lyrikband. Die junge, umtriebige Schriftstellerin ist ein grosses Versprechen für die Zukunft!

© Lea Frei

«Der Sprung»
Eine junge Frau steht auf dem Dach eines Mietshauses und weigert sich herunterzukommen. Das bringt den Alltag verschiedener Menschen aus dem Gleichgewicht. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt Simone Lappert (*1985) in «Der Sprung» (Diogenes, 2019) von Halt und Freiheit.

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Jury: «Der Traum vom Familienidyll auf dem Land erweist sich in Tabea Steiners Debütroman «Balg» als trügerisch. Der Alltag mit Kind ist für Antonia und Chris anstrengender als erwartet, zur Isolation und Überforderung gesellt sich eine zunehmende Entfremdung. Diese Entwicklung zeichnet Tabea Steiner in einer einfachen, lakonischen Sprache mit glasklaren Bildern nach.»

Tabea Steiner, schon lange tätig als Organisatorin verschiedener Literaturfestivals (Literaare in Thun oder Aprillen in Bern), als Moderatorin, Literaturvermittlerin lebt ganz in der Literatur. Dass ihr jetziger Verlag Edition Bücherlese zusammen mit ihr ins Rennen um den Schweizer Buchpreis geschickt wird, freut mich sehr.

© Lea Frei

«Balg»
Timon, ein «Problemkind», steht im Zentrum des Debütromans «Balg» (edition bücherlese, 2019) von Tabea Steiner (*1981). Aus wechselnden Perspektiven erzählt sie von Überforderung und Ausgrenzung in einem Dorf, das nicht zur Idylle taugt.

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Jury: «Alain Claude Sulzer erzählt in seinem Roman «Unhaltbare Zustände» die Geschichte eines gewissenhaften alternden Angestellten. Der Autor schildert in einer Sprache, die sich und uns Zeit lässt, eine so vielschichtige wie anrührende Figur.

Seit Alain Claude Sulzers Roman «Urmein», der vor mehr als 20 Jahren bei Klett-Cotta erschien, bin ich treuer Begleiter des Basler Schriftstellers. Ein Autor, der es versteht, aus der Normalität den Glanz des Speziellen herauszufiltern, der mir das Gefühl gibt, an etwas Besonderem teilzuhaben.

© Lea Frei

«Unhaltbare Zustände»
Die Schaufenster des Dekorateurs Stettler sind legendär, über viele Jahre pilgern die Leute zum Warenhaus, um sie zu sehen. Doch dann kommt Stettlers Leben ins Wanken. Alain Claude Sulzer (*1953) beleuchtet in «Unhaltbare Zustände» (Galiani, 2019) die gesellschaftlichen Umbrüche der 1968er Jahre auf ungewöhnliche Weise.

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Jury: «Ein Zug zwischen Paris und Zagreb, eine junge Frau zwischen den Ländern und Sprachen ihres Lebens: «Die Nachkommende» von Ivna Žic ist ein Debüt von grossem Sprachbewusstsein und sinnlicher Intensität.»

Ivna Žic, eine neue Stimme, «wie aus dem Nichts» schreibt der Tages Anzeiger, eine frische Art des Erzählens. Eine Lesereise, bei der ich als Leser oder Leserin mit einsteige, weg und hin – oder hin und weg. Ihr Erstling «Die Nachkommende», erschien beim renommierten Wallstein Verlag.

© Lea Frei

«Die Nachkommende»
Ivna Žic (*1986) verbindet in ihrem Debütroman «Die Nachkommende» (Matthes & Seitz, 2019) die Geschichte einer jungen Frau, die unterwegs zu ihrer Familie in Kroatien ist, mit einer Liebesgeschichte in Paris. Eine vielschichtige Spurensuche zwischen damals und heute.

Und seien sie weiterhin dabei, wenn litertaturblatt.ch seinen Senf dazu gibt!

Sämtliche Illustrationen © Lea Frei (lea.frei@gmx.ch)

15. Frauenfelder Lyriktage – 80 Jahre Beat Brechbühl

Auf dem Programm der 15. Frauenfelder Lyriktage standen Lesungen, Gespräche mit John Burnside, Zsuzsanna Gahse, Jürg Halter, Anja Kampmann, Sepp Mall, Marina Skalova und Christian Uetz und eine Performance von und mit Nicole Bachmann. Einer der Höhepunkte war eine Laudatio von Dichterfürst zu Dichterfürst: Christian Uetz über Beat Brechbühl:

«Warum finden die Frauenfelder Lyriktage statt? Elke Bergmann, wunderbare Mitinitiantin, du wirst es mir verzeihen, wenn ich hier sage: wegen Beat Brechbühl. Aber das ist nicht die Frage. Warum findet in Frauenfeld ein Lyrikfestival und das von internationalem Rang statt? Es gibt nur ganz wenig reine und gar mehrtägige Lyrikfestivals im Deutschsprachigen Raum, und in der Schweiz neben dem als Stadt zwar grösseren aber als Lyrikfestival kleineren Basel nur dieses hier. Warum also? Weil es den lyrischen Fels Beat Brechbühl von Oppligen im Kanton Bern mit 21 Jahren für drei Jahre nach Egnach in den Thurgau verschlagen hat. Und weil es ihm da so gut gefallen hat, dass dieser Riesen-Findling 1987 hierher zurückgekehrt ist und in Frauenfeld das Grossartige realisiert hat. Das Grossartige seines Schreibens und seines Verlags und seit 1991 der Frauenfelder Lyriktage.

Angesichts seiner jüngsten Veröffentlichung Flügel der Sehnsucht, mit Gedichten seit seinen Anfängen, stellt sich Beat die Frage, ob man die Gedichte 57 Jahre nach Entstehen noch lesen kann. O ja, man kann, und wie man kann, und man kommt nicht zu Ende in Begeisterung. Denn Beat ist von Anfang an ein Wahnsinniger gegen den Pragmatismus und die Abgeklärtheit und die Stumpfheit der Welt, gegen die es nur die Gegenwelt gibt und gegen diesen Menschen nur den Gegenmenschen und gegen dieses Leben nur das Gegenleben. So heisst es in Temperatursturz von 1984: Es gibt nur Gegenwelten, Gegenmenschen, Gegenleben. Brechbühl ist ein Querulant aus Prinzip, ein Rebell als Lebenshaltung, ein Aufständischer aus Instinkt, ein Berserker gegen Kleinlichkeit und Grosskotzigkeit, gegen Kleinkariertheit und Grossunternehmen, ein Fürsprecher für alles Schräge, Komische, Unangepasste, zugleich ein deftiger Grübler und Melancholiker. Und nicht zuletzt ein derber Erotiker. Seine Romane Kneuss und Nora und der Kümmerer sind regelrecht durchsetzt von Sexakten und Nacktfeiern der freien Liebe. Aber zuerst und zuletzt ist ein heftiger Verachter von allen, deren Geist Geld heisst statt Leidenschaft für das nutzlose Andere. Und Leidenschaft ist überhaupt das wichtigste Wort in einer Würdigung von Beat. Er ist ein Unikum der Leidenschaft für die Poesie sowohl im eigenen Schaffen als auch in der Veröffentlichung von anderen in seinem Waldgut Verlag und im Atelier Bodoni. Und wie seine Gedichte sind auch die Bodoni-Blätter einzelne, rare, handgefertigte, handgepresste Gewächse der Schönheit. Brechbühls ganzes Leben ist Liebe der Poesie, und seine Gedichte sind immer eine Art Liebesgedichte, zumindest die Liebe der Gedichte und deren innigster und äusserster Intensität. 

Brechbühl hat wohl schon tausend Gedichte geschrieben und es werden immer mehr. Schon die Titel seiner Gedichtbände schlagen ein:
Traumhämmer
Temperatursturz
Der geschlagene Hund pisst an die Säulen des Tempels
Gesunde Predigt eines Dorfbewohners
Auf der Suche nach den Enden des Regenbogens
Spiele um Pan

Und viele mehr!

Aber auch seine Romane und seine Kinderbücher sind grossartig. Schnüff ist Kult. Und Kneuss in Kneuss und Quassel in Nora und der Kümmerer sind Hammercharakter und gleichen verdammt Beat Brechbühl selbst. Was ist der Hammer Brechbühl? Eben sein mutiger, den Arbeiter und den Nichtstuer preisender, hochsozialer Charakter, als Mensch wie im Werk. Und narrtürlich auch sein Humor, sein aberwitziger Schalk, und zuerst und zuletzt seine wilde Wut gegen alles Herzlose und Aufgeblasene und Dünkelhafte und Falsche.

Ich rezitiere Beat selbst aus dem Temperatursturz Seite 27:

Wenn doch alles so endgültig ist:
Die tausendjährigen Reiche,
die vergoldeten Exkremente der Diktatoren,
die gefängnismauerdicken Philosophien der Multis,
die schussbereiten Gewehre der Präsidenten,
die Unkenntnis oder die Not der Soldaten,
wenn doch alles so endgültig ist:
warum sterben die Gefolterten nicht immer an gebrochenem Herz,
warum geben viele Gefangene nicht auf,
warum benutzen wir Worte wie Psychopharmaka und Waffen,
warum bedeutet ein kranker Baum Hoffnung,
da – muss doch etwas sein,
angeboren, vererbt, es wächst wilder,
höher als die ganze Physik,
man hört es im Blut, es sprengt den Kopf,
es zerbricht Lügen und Horror,
irgendwann,
mit irgendwem,
irgendwo,
keiner weiss genau, was es ist,
es ist etwas wie Leben, wie Explosion.
Es ist jung, es ist grün.

(Dies Gedicht erschien 1984, als es noch kaum hellsehende Köpfe gab nicht nur für die militärische und heute auch digitale, sondern auch für die ökologische Selbstauslöschung der Menschheit.)

Und noch einmal Temperatursturz Seite 39:

Immer noch mild liegen die paar Hügel zwischen den Suchfingern der Bäche. Immer noch lau und begehrenswert wild reissen die Sommernächte an meiner unbestimmten Sehnsucht.
Immer noch pumpt mir mein Herz das Blut durch den Körper,
und immer noch helfen die Sonne mit und der Nebel und all deine Gerüche.

Immer noch bin ich in dieser Ecke Welt so frei, dass ich mir die Arbeit (zum Teil) und den täglichen Wahnsinn (zum Teil) selber einbrocken kann;
und ich wählte die Arbeit und den Wahnsinn.

In Die Bilder und ich erkennt sich Brechbühl im grossen Selbstbildnis Rembrands selbst. Seite 72:

Wahrscheinlich hätte er sich am liebsten mit Erde geschrieben.
Mit schlechter Laune, Geldnöten, Frauen und Gläubigern.
Wahrscheinlich hätte er sich am liebsten als grosse Reise bezeichnet,
als Weltumsegler, ständigen Aufbegehrer und Handwerker.

Und in Spitzwegs Alchimist. Seite 71:

In seiner Glaskugel betete er zur Materie,
schlief er in Träumen ausserhalb aller Bereiche,
liebte die Neugierde bis zur Erschöpfung –
in seiner Glaskugel am Rande der Zeit.
Er wollte mehr wissen, als es zu wissen gibt.
Er wollte mehr leben, als es zu sterben gibt.
Er wollte mehr lieben, als es zu verlieren gibt –
Der Mann dessen Himmelreiche unsterblich sind.

Temperatursturz Seite 96:

Silence intim.
Ich höre eines deiner Haare
auf den Teppich fallen.

Wie Beats Liebe zum Wein und die herrliche Möglichkeit, mit ihm Nächte durchzutrinken, in trautem Gespräch, gibt es noch etwas anderes hochgradig Ausserordentliches, was Beat betrifft, etwas kolossal Monströses, welches hier selbstverständlich auch genannt werden muss: es ist sein unendlicher Redefluss! Jeder und jede, der und die mit Beat Brechbühl spricht und ihm zuhört, gerät irgendwann in Not und denkt: Wie kann ich diesen Redefluss unterbrechen? Wie steige ich aus Beats Sprachfluss wieder aus? Wie komme ich da wieder weg? Wann macht Beat plötzlich doch einen kleinen Punkt, ein Komma, eine Pause? Und jeder und jede weiss: Man muss sich irgendwann mit Gewalt losreissen, es lässt nicht von selbst enden, denn Brechbühls Redefluss ist buchstäblich unendlich!  Aber was sagt uns Beat damit? Die Sprache ist unendlich, und sie hat Vorrang für uns, wir leben mehr von der Sprache und vom Erzählen als von der Realität und sie ist uns realer als alle Realität. Im Sprechen sind wir Menschen Gott und es ist uns in der Sprache alles möglich. Darum können wir so selbstverständlich lügen das ganze Leben lang, und wir können uns in der Sprache Fantastischeres und Grässlicheres und Anderes vormachen, als das was ist, und in der Sprache ist dann auch alles fantastischer und grässlicher und anders, als es ist. Im Sprechen sind wir Gott, und weil ich Uetz bin, sage ich: und im Schweigen auch. Und ich sage es gleich noch einmal: Im Poetischen oft schönster Weise und im Politischen meist monströser Weise und im Alltäglichen unendlich quasselnder Weise sind wir im Sprechen Gott, in der Tat aber nicht, und würden wir über alles nur sprechen miteinander, wären wir zumindest in quatschender Hinsicht vielleicht im Paradies. Es heisst mit Recht Taten statt Worte, aber auch das ist vor allem ein Wort, und eines, welches meistens nur gesagt wird, und es ist sonderbarerweise umgekehrt genauso wahr: Worte statt Taten, denn wenn wir über all den Horror, den wir Menschen begehen, nur reden würden, statt ihn auch zu tun, würden er gar nicht geschehen. Hättet ihr doch über die entsetzlichen Taten nur gesprochen statt sie auch zu tun! So viel ist gewiss: dass wir miteinander und zueinander sprechen können und ein Gespräch sein können, ist noch immer das Unfassbarste an uns, dass wir über alles reden können das ganze Leben, von morgens bis abends, Tag und Nacht, das ist noch immer ein so selbstverständlich gewordenes Wunder, dass es permanent vergessen wird. Beat Brechbühl aber ist auch in seiner unerschöpflichen Erzählfülle ein Wunder der Poesie, welches das Leben ist, wenn es zu Wort kommt, im Grässlichen wie im Wunderbaren.

Wenn Beat erzählt, dann wird das Leben lebendiger und die Gegenwart leuchtender und die Vergangenheit gegenwärtiger und die Zukunft offener. Und wenn ich hier schon als Würdiger für Beat fungiere, möchte ich es zum Schluss auch an unserem persönlichen Anfang und an unserer ersten Begegnung aufzeigen. Denn du Beat bist ja auch mein Entdecker, und ganz egal, ob es an mir überhaupt etwas Entdeckungswürdiges zu entdecken gibt, habe ich dir masslos viel zu verdanken und es ist mir tausendmal eine Ehre, für dich eine Rede zu halten. Nach meiner eigenen Erinnerung betrat ich im Februar 1993 deinen Verlag hier im Eisenwerk und sagte zu dir: Ich möchte mir den Verlag anschauen, und wenn er mir gefällt, lasse ich mein Manuskript mit Gedichten hier. Drei Wochen später kam ich wieder, und da hattest du mich gleich begeistert empfangen und gesagt: die Gedichte seien toll oder so ähnlich. Du erzählst die Geschichte immer in etwa so: Da trat kurz vor Feierband einer in den Verlag und sagte: Ich bin gut, lies jetzt sofort meine Gedichte. Du habest diesen Aufdringling spöttisch darauf hingewiesen, dass du noch anderes zu tun habest, er könne die Gedichte ja dalassen. Eine Woche später sei der schon wiedergekommen und hätte gefragt, ob du es jetzt gelesen habest, denn er sei gut. Und nachdem du ihn wieder subito weggeschickt, hättest du zum damaligen Mitarbeiter Martin Stiefenhofer gesagt: ich muss da jetzt mal reinschauen, sonst steht dieser Verrückte alle paar Tage hier. Und da hättest du das Manuskript zu lesen begonnern und schon bald gerufen: Die sind ja wirklich gut, verdammt gut! Und das Tollste ist jetzt, dass meine Erinnerung heute auch vor mir selber gar keine Chance mehr hat, und ich sehe mich jetzt schon selber, wie ich in den Verlag trete und sage: Ich bin gut, und so wie du es erzählst, ist es nicht nur poetischer, sondern auch wahrer und erfüllt Novalis: Poesie ist das echt absolut Reelle: je poetischer, desto wahrer.

© Caroline Minjolle

Vielleicht aber hast du meine Luren damals auch nur verlegt, weil ich aus Egnach komme, wo du drei Jahre gelebt und gearbeitet hast zur Zeit meiner Geburt, in der Druckerei von Noldi Schwitter und als Redaktor für die Zeitschrift Clou, und wo du deinen ersten Gedichtband Spiele um Pan geschrieben und gedruckt hast und wo es dir so gut gefallen hat, dass du auch heute noch von der Zeit in Egnach schwärmst. Wir aber schwärmen hier von dir Beat, und wir danken dir für das poetische Glück, womit du uns beschenkst, hier, in Frauenfeld, im Eisenwerk, an den Frauenfelder Lyriktagen.»

Dragica Rajčić Holzner «Glück», Plattform Gegenzauber

Dies ist Auszug aus Dragica Rajčić Holzners Theatertext «Glück» in der Reihe Stückbox. Regie führte Ursina Greul, gespielt wurde es in Basel und Zürich.

Ana Jagoda, die Protagonistin, erzählt in Umgangsdeutsch die Geschichte ihrer Liebe. Es ist zugleich auch die Geschichte einer Suche nach Wahrhaftigkeit des Schmerzes und der Gewalt in einer durch und durch patriarchalischen Welt.

Glück 

Ganze Abend verflog wie im Halbtraum. Mein Mund trocken. Ich schmige meine Arme an Igor Arm weil es kälter wurde, ich bin übermutig und noch von einer unbestimmte einzige Absicht durchzogen.

Bin ich das Mädchen mit der tragischen und schönen Idee der Wel?. Sie ist in der Musik und unter dem Mantel des Rauchs versteckt erste, erste, letzte Liebe Jetzt.

Igors Hand um meine Schulter. – Gehen wir ausser Glück, Igor gab mir seiner Hand. Wir stolperten wie zwei von Ertrinken gerettete einander umklammert durch den steinigen Weg zur kleine Wiese mit dem Heuschober um sich dort auf Heu niederzulegen. Meine Zunge ist schwer, diese am Film gesehener filmischen Kuss verlor etwas an seine Filmigkeit weil wir nicht wussten wann hört man richtig auf, wo endet die Sehnsucht und beginnt Wirklichkeit. Heimlich wollte ich mich aus der Umarmung herausschleichen aber hatte Angst  das Igor womöglich diesen Wunsch sieht. Igor zu halten ohne das sich Zeit bewegt, das Glück stehen lassen in der Brust, in den Händen.

«Volim te» Wie weiss man das ?

Eingeboren ist es sagte Igor und hielt etwas länger seine Hand unter meinen Pulover am Rücken. Ist es gleich mit Vögeln, Katzen, Bearen, Schafen?

Sternwirklichkeit macht kein halt von Botanik und Zoologie, hast du nie gehört Ana das Gott Liebe ist?

Ja, von don Lilo, meinem Prister. Igor fragte nicht nach.

Schreib auf für später Ana so, gut so.

Alles was ich unter meiner Kopfhaut hatte, meinen Haaren, meinen Fingern, löste mich auf, dort wo es eine andere als mich geben könnte, mit diesen erträumten ersten Kuss kam ich schwindelfrei in die Glücke und entfernte die Unglücke von mir  wischte sie mit dem Atem, seinem, meinem, weg von mir, einender einatmen, wiederholend, dort wo wir miteinander oder jeder allein gehen könnte, ausgeholt, überholt von Herrlichkeit des nicht Sprechens, du aus allen Poren der Welt kriechendes Uhrzeiger des Schikals berührt meine Haare, drückte meine Schulter an sich herein, diese unbedingte Rettung vor der ganzen Welt, nein, vorübergehend war nichts, ewig ist es klang es im Kopf, ich untersuchte nichts, ein unerhörter Zustand, in welchem niemand sich befand außer uns, dort wo sich die Umstürze der Sterne ereigneten, waren wir.

Alfred Schlienger, NZZ Redaktor, schreibt: «Warum beglückt diese Inszenierung von Dragica Rajčić «Glück» in der Reihe Stückbox so sehr und so innig? Denn erzählt wird ja eigentlich der schmerzhafte Verlust von Glück. Aber da ist ein Text, der raffiniert mit Sprache spielt und gleichzeitig subtil unsere Emotionen entfacht und einfängt. Und da ist mit Monika Varga eine junge Hauptdarstellerin, die diesen Text und diese Figur mit jeder Faser trägt. Mit Charme und Trauer, Verletztheit und Wut, Sehnsucht und Verlorenheit. Das entwickelt im Spiel eine unglaubliche Präsenz und Wahrhaftigkeit, die einen von Anfang bis Schluss in Bann schlägt. Und da ist nicht zuletzt die souveräne Regie von Ursina Greuel, die all diese Mittel sehr gezielt und dosiert einsetzt. Kein falscher, rührseliger Ton, kein Zuviel und kein Zuwenig. Zauberhaft auch der intimäae Einbezug von Musik und Gesang. Keine Spur von Balkantümelei. Präzis verankert und dadurch universell. Ein rares, kleines, grosses Theater-Glück.»

Am 27. November 2019 ist Buchpremière im Literaturhaus Zürich.

Dragica Rajčić Holzner, geboren 1959 in Split (Kroatien), lebt seit 1978 in St. Gallen. Hier Gelegenheitsarbeiten als Putzfrau, Büglerin, Heimarbeiterin, Aushilfslehrerin. Verheiratet, drei Kinder. 1988-1991 Kroatien: Gründung der Zeitung «Glas Kasela»; journalistische Arbeit. Nach Kriegsausbruch Flucht mit den Kindern in die Schweiz; Öffentlichkeitsarbeit über den Krieg in Ex-Jugoslawien. Bücher: «Halbgedichte einer Gastfrau» 1986 und 1994; Lebendigkeit Ihre züruck, Gedichte 1992 (vergriffen); Nur Gute kommt ins Himmel, Kurzprosa 1994 (alle eco Verlag); Theaterstücke: Ein Stück Sauberkeit, 1993; Auf Liebe seen, 2000.

Daria Wilke «Die Hyazinthenstimme», Residenz

Ein Schloss auf einem Hügel, «Settecento», mitten im steirischen Wald, ziemlich weit von einer Stadt mit Namen Bad Bleibenberg. Ein Mann, der sich einen ganzen Hofstaat hält, junge Burschen mit schönen Stimmen sammelt, sie zu Kastraten macht und ihre Stimmen schult. Ein Mann, den alle den Zaren nennen, Herrscher über eine Welt, die dem Barock huldigt, mitten in fiktiver Gegenwart.

Man glaubt zu spüren, dass die Autorin in einem Theater ihre Kindheit verbrachte. Die Welt, die sie beschreibt, ist beseelt von rauschenden Stoffen, dick aufgetragener Schminke, opulenten Perücken, dunklen Bildern und raffinierter Kulisse. Ihre Figuren, die die Gegenwart nur zu berühren scheinen, sind aus dieser entführt, gekauft, mitgenommen, von der Strasse, armen Familien entrissen, voll der Hoffnung, dereinst mit ihrer Engelsstimme auf der Bühne die Menschen zu bezaubern. Ihrer Männlichkeit vom Hausarzt, dem «Fleischer», beraubt, geschult und gedrillt, geformt und abgerichtet, wachsen sie unter dem allwissenden Auge des Zaren zu Hyazinthenstimmen, um wie eine Blume aufzugehen, durchstrahlt von der Musik, dem Zauber der reinen Stimme. Verblüht welken sie langsam dahin, wählen selbst ihren Tod oder verschwinden in den Zwischenschichten einer Welt, die sich jener des «Zaren» entzieht.

«Das Leben und Sterben ausserhalb deiner Welt existiert für dich nicht, wenn du im Schloss lebst.»

Das Haus «Settecento» mit seinen 365 Fenstern, 52 Türen, 31 Räumen auf jedem Stockwerk, 24 Säulen in den Arkaden des Schlosses, 60 Bildern in der Galerie, 7 Wendeltreppen und 7 grossen Öfen, einem grossen Zimmer voller Singvögel, einer Bibliothek, in der das Kerzenlicht die Szenerie Venedigs im 17. Jahrhundert an die Wände malt, einem Tonstudio und vielen Schlafzimmern, in denen die Zöglinge morgens mit einem gemeinsamen Miserere den Tag beginnen – eine Welt aus der Zeit gefallen.

In jenem Kosmos, jenen Räumen, in denen die wirkliche Gegenwart ausgeschlossen ist, werden Matteo und seine Zwillingsschwester Nina gross, damals zwei Kinder, die die Mutter in der Nähe von Moskau nur zusammen aus ihrer Obhut weggeben wollte. Und als eines Tages der kleine Timo auf Settecento erscheint, gezeichnet von den Misshandlungen auf der Strasse, als Matteo auf der Bühne die Menschen zur musikalischen Verzückung bringt und die Damen um ihren Atem, als Timo sich für diesen einen Schnitt bereiterklärt und auf dem Kopfkissen Matteos eine tote Nachtigall liegt, wendet sich das Blatt.

«Jetzt weiss ich, wie es ist, wenn du auf einer Bühne stehst und das ganze Theater in deiner Macht hast. Wenn das Tier mit dir verschmilzt, dich aufnimmt und bis zum Ende nicht loslässt. Wie es ist, wenn der Zuschauerraum zuerst still wird, als würden dort alle auf der Stelle sterben, um dann, wenn du die letzte Note aushauchst, gewaltig zu explodieren.»

Dann stürzt sich einer der Jungen von der Mauer in den Schlossgraben. Matteos Zwillingsschwester Nina verschwindet mit Timo, Matteos Schützling. Und schlussendlich verschwindet das Tier in Matteo, seine Stimme, von einem Tag auf den anderen. Matteo macht sich auf den Weg, flieht, obwohl ihm der Schatten des Zaren folgt, auf die Suche nach seiner Schwester, nach sich selbst, dem Tier. Bis nach Wien, in eine Stadt, in der die Reste des Barocks von damals kleben, die aber so ganz anders pulst als Settecento.

Daria Wilke beschreibt Wien aus der Sicht eines fast Ausserirdischen. Auf der Suche durch das Wien von heute vexiert immer wieder das Wien des Barocks, erfüllt von Musik und den Stimmen der Kastratensänger, von denen man damals besessen schien.

Die Inspiration für das Haus Settecento lieferte das Schloss Gleichenberg in der Südoststeiermark (jetzt ist dort allerdings nur eine Ruine, das Schloss wurde 1983 durch Feuer zerstört).

Die barocke Kulisse dieses Romans spiegelt sich in der Klangfarbe der Sprache. Daria Wilke inszeniert gekonnt, malt mit satten Farben, ohne sich zu verlieren. Alles ist Kulisse, alles Fassade. Was die Kinder in diesem Schloss empfinden, hat dem grossen Zweck zu gehorchen. Was Daria Wilke beschreibt, kann durchaus als Metapher dafür verstanden werden, was sich in totalitären Staaten abspielt, in denen nach den Gesetzen der Monarchie, jener Staatsform, die mit Revolutionen und Reformen längst nur noch Staffage sein sollte, nach alten Mustern funktioniert, in denen das Individuum bloss zu funktionieren hat, zum Wohle des Staates, zum Wohle des Hauses.

«Wenn ich singe, bin ich da.»

«Die Hyazinthenstimme» ist eine Liebeserklärung an die Geheimnisse der Musik, an Wien und die Sehnsucht nach einem Ort der Geborgenheit, eine Liebeserklärung an die Freundschaft und all jene Figuren, die nicht der Norm entsprechen. Grosse Literatur, berauschend erzählt, von barocker Wucht und durchtränkter Leidenschaft für die grosse Bühne!

Beste Grüsse an die JurorInnen des Österreichischen Buchpreises 2019!!!

Interview mit Daria Wilke:

Bei der Lektüre ihres Romans würde ich immer wieder an Kafkas „Das Schloss» erinnert. Ging Ihnen das beim Schreiben ebenso?
Sosehr ich Kafka liebe, hatte ich eher andere Assoziationen – „Orlando“ von Virginia Woolf, „Herr der Fliegen“ von William Golding oder „Winterspiele“ von Jean-Claude Mourlevat. Aber vor allem inspirierte mich „Geschichte der Kastraten“ von Patrick Barbier, obwohl das eigentlich ein Sachbuch ist.

Sie lieben den Barock, das was Musik in jener Zeit zum Blühen brachte. Klingt in Ihrem Roman auch ein bisschen das Wehklagen darüber durch, dass wir in einer Zeit der Sachlichkeit, der Funktionalität, der Zweckoptimierung leben?
Ich liebe unsere Zeit – wegen der Funktionalität und der Zweckoptimierung auch, ich lebe wahnsinnig gerne Hier und Jetzt. Aber das Leben als Kunst, als Spiel und Genuss, als Karneval – ja, das fehlt mir, das konnte man so gut im Barock.   

„Die Hyazinthenstimme» ist die Geschichte von Matteo auf der Suche nach sich selbst, seiner Schwester, wahrer Freundschaft, nach dem vollkommenen Moment, der vollkommenen Musik. Von Moskau in den steirischen Wald, über Venedig bis nach Wien. Eine lange Reise! Sie scheinen im Schreiben angekommen zu sein!
Ich hätte mir gewünscht, dass diese Reise noch länger wäre.

Sie lieben Figuren, Rollen, lassen ein ganzes Sammelsurium von theatralisch auftretenden Gestalten agieren; den Zaren, den Windsammler, den Teufel, die polnischen Zwillinge, einen Arzt, den alle nur den Fleischer nennen. Ihre Fantasie scheint eine grosse Bühne zu sein. Sind das die Bilder aus Ihrer Kindheit?
Nein, eigentlich nicht. Die Welt von „Die Hyazinthenstimme“ ist erst während des Schreibens entstanden. Aber was das Ganze mit meiner Kindheit verbindet, ist die Vorstellung, dass ein literarischer Text eine Bühne, ein Theater ist. Und auf dieser Bühne sollte es möglichst wild zugehen.

Sie sind in Russland aufgewachsen. Die Schilderungen dieses Schlosses mitten im Wald erinnerten mich an den Hofstaat vieler „monotheistischer» Staatsmänner (immer Männer), sei es nun Putin in Russland oder Erdogan in der Türkei. Zufall oder bloss meine Interpretation?
Ich hatte keine konkreten Vorbilder. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesen Gedanken, die an und für sich nicht originell sind: wie geht es in einer geschlossenen Welt zu – sei es ein Internat, ein Unternehmen, ein Staat oder eine Jugendclique. Diese Eigendynamik, die sich da entwickelt und strenge Hierarchie, der sich jeder unterwirft – mein Buch ist ein Versuch, so eine in sich geschlossene Welt zu konstruieren. Nur halt eine Welt, die mit der Musik und Kunst des Barocks verbunden ist.

Hörten Sie während des Schreibens jene Musik, zumindest das, was von ihr heute nachempfunden werden kann?
Ja, ununterbrochen. Die barocke Musik, von Monteverdi und Porpora bis Rameau und Telemann, begleitete mich die ganze Zeit. Und die Arien, die für Kastraten geschrieben wurden, natürlich auch. Es gefiel mir, die Barockraritäten auszugraben – zum Beispiel, jene Musik, die Kaiser Leopold I. komponierte… Es gab vor einigen Jahren in Paris eine großartige Inszenierung von Cavallis „Eliogabalo“ mit Franco Fagioli in der Hauptrolle – diese Aufnahmen habe ich auch ständig gehört, für mich war das alles Inspiration pur.

© Aleksandra Pawloff

Daria Wilke geboren 1976 in Moskau in eine Schauspielerfamilie. Daria Wilke verbrachte ihre Kindheit in einem Puppentheater, in dem ihre Eltern gearbeitet haben. Nach dem Studium der Psychologie, Pädagogik und Geschichte arbeitete sie als Journalistin für verschiedene Tageszeitungen in Russland. 2000 übersiedelte sie nach Wien, wo sie auch heute lebt und an der Universität Wien arbeitet. Sie hat bisher mehrfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher auf Russisch veröffentlicht, „Die Hyazinthenstimme“ ist der erste Roman, den sie auf Deutsch geschrieben hat.

Eva Maria Leuenberger «dekarnation», Droschl

«Dekarnation» bedeutet «Entfleischung». Ein menschlicher oder tierischer Organismus «befreit» sich von allen Weichteilen, bis nur noch Knochen und Horn übrig bleiben. Eva Maria Leuenbergers Dichtung ist wahrlich Verdichtung, bis nur noch Konzentrat übrig bleibt. Aber kein Skelett, sondern das, was bei einer in Sprache Sehenden hängen bleibt.

Wie sehr mich beeindruckt, was sich las, ist daran zu messen, wie lange das Buch «Dekarnation» mich begleitete. Eva Maria Leuenbergers Lyrik ist wie eine leise Berührung. Nichts, das zerlegt. Nichts, das unter die Lupe nimmt. Nichts, das verkopft. Nichts, was einem unberührt lässt.
Ihre Gedichte sind der Nachhall dessen, was mit sanftem Berühren über Tal, Moor, Schlucht und Tal bleibt. Als würde die Dichterin mit ihrem Sprachatem die Formen, Farben, Düfte und Bilder umstreichen, wie ein Hauch, ganz zart, aber keineswegs ohne Gewicht.

hier ist ein tal
in vorhergesehener form
mit berg und bach und grüner wiese
am rande des baches
am ende der ersten äderung
wächst moos über die steine
zieht flaumig über die ränder hinweg
in diesem tal
lebt niemand mehr und niemand
kennt den weg:
ich wache auf
am rande des baches
und höre das wasser
der mund spricht ein wort
und ordnet es in die hügel ein

am bachufer, die decke aus moos
ich spüre den boden
wie er nachgibt unter mir
der bach, lang und laut,
beachtet mich nicht

hinter dem wasser
die anfänge von licht
splitternd, gehüllt ineinander
wie arme, schlingend
auf der haut perlt das wasser
in tropfen, licht /
darin der himmel ein boden

auf der anderen seite
des wassers
sitzt ein vogel, gefiedert,
blau mit gelb darum
und knickt den kopf:
es ist still
wir sind allein

(Ausschnitt aus «dekarnation» von Eva Maria Leuenberger, © Droschl, 2019, mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

Naturlyrik, die mich umschmeichelt und zuweilen aufschreckt, die nicht idealisiert, aber Bilder erzeugt, wie es nur die Sprache zu schaffen vermag. Sie tastet, schmeckt und riecht, fühlt, hört und empfindet für mich, ohne mich zu gängeln.

Ein schmucker Band durch und durch! Ein Genuss!

Der Lyrikband «dekarnation» erscheint mit Recht auf der Hotlist der besten Bücher unabhängiger Verlage. Wer die Hotlist unterstützen will, hier sind die Infos!

© Anja Fonseka

Eva Maria Leuenberger wurde 1991 in Bern geboren und lebt in Biel. Sie studierte an der Universität Bern sowie an der Hochschule der Künste Bern. Veröffentlichungen u.a. in manuskripte und in Literarischer Monat.
Sie ist zweifache Finalistin des open mike in Berlin (2014 und 2017) und erhielt 2016 das »Weiterschreiben«-Stipendium der Stadt Bern.

Von Frankreich bis nach Paris, eine Nachlese zu den 17. Sprachsalz Literaturtagen in Hall in Tirol

So sehr es für viele ein Traum bleibt, ein Künstlerleben zu führen, so sehr versteigt man sich in der Vorstellung darüber, was und wie ein solches sein kann in romantisierten Vorstellungen, die mit der Härte der Wirklichkeit nichts zu tun haben. So sehr Japan für viele ein Land der Kirschblüten und Traditionen voller Grazie ist, so sehr ist dieses Land eines der Tabus. Marie Modiano und Durian Sukegawa sind sprachmächtige Türöffner.

Eine junge Frau zieht mit einer Theatergruppe kreuz und quer durch Europa. Später als Musikerin, Sängerin von einem Ort zum nächsten. Was mit dem Theaterensemble noch den Hauch von Nobles hatte, waren es doch Häuser mit Tradition und Hotels mit Stil, wird als Musikerin von Kleinbühne zum nächsten Spielort eine Odyssee der Trostlosigkeit. Nicht nur in seiner Kulisse, sondern weil sich im Leben der Frau die Liebe auf immer verabschiedete.

Marie Modiano und Thomas Sarbacher © Yves Noir

Er sei vor Einbruch der Dunkelheit zurück, hatte er gesagt. Valentine wartet, wartet lange. Sie blättert nicht nur in den verwaisten Schreibheften, sondern über Jahre in den Erinnerungen, in der Zeit, als ihre grosse Liebe mit seinem ersten Manuskript auf seinen ersten Erfolg als Schriftsteller wartete. Valentines Warten, aus dem sie sich in ihrem eigenen Leben längst herausgenommen hat. Die kleine Rolle, die man ihr im Ensemble gegeben und die sie über Monate zu spielen hatte, beweist ihr wie Jahre später das Singen vor fast leeren Rängen und desinteressiertem Publikum mit keine Faser, dass sie richtig lebt. Und als sich der Erfolg ihrer grossen Liebe dann doch einstellt, ist dieser diesem nicht gewachsen, er versinkt im Schmerz. Je mehr er sich von ihr physisch entfernt, desto intensiver wird die Erinnerung und das Sehnen nach jener schmalen Zeit des Glücks, irgendwo in der Vergangenheit.

«Ende der Spielzeit» ist die Geschichte einer Künstlerin, die sich mit ihrem Sehnen nach künstlerischen Ausdruck auf eine endlos scheinende Reise begibt. Mit dem Theater auf Bühnen in Lausanne, Hamburg, Zürich, Bochum, Wien oder München. Als Musikerin auch in die Provinz. Meist allein, allein mit sich selbst, unter den Scheinwerfern, auf einer Bühne, weit weg vom Publikum, ihnen allen etwas vorspielend. Eine junge Frau, die, wenn es nicht mehr zu vermeiden ist, möglichst Fragen stellt, um nicht über sich selbst sprechen zu müssen. Eine junge Frau, die in ihrer einzigen grossen Liebe, in ihrer allernächsten Nähe verletzt wurde und sich trotz Theater und Musik in sich selbst zurückzieht. Eine junge Frau, der man alles Zuhause genommen hat und die sich nur dort geborgen fühlt, wo Ruhe ist, im Schminkraum, in der Garderobe, im Hotelzimmer.

«Gewisse Momente im Leben dienen nur dazu, sich fast sofort in Erinnerungen zu verwandeln. Würde man versuchen, sie auszudehnen, verlören sie ihren Wert.»

Valentine reist von Ort zu Ort, ohne vorwärts zu kommen, in Rückblenden, die in anderer Perspektive erzählt sind. Verharrend, obwohl sie örtlich dauernd unterwegs ist. Kaum einem Menschen begegnend, ausser sie öffnet unvermittelt eine Tür, um einem fremden Leben mit uferloser Intensität ausgesetzt zu sein.
Ein unspektakuläres Buch, eine Reisebuch durch ein Leben, das mit einer Trennung aus dem Tritt geriet. Ein autofiktionaler Roman über die Härten eines Künsterlebens, der Sehnsucht nach tiefer Liebe.

Der Blick Marie Modianis während der Lesung der deutschen Stimme Thomas Sarbachers in die Runde der ZuhörerInnen, etwas wie ein Kontrollblick, ob und wie man reagiert. Sie ist amüsiert, wenn der Schauspieler dramatisiert, was die hexenähnliche Apothekerin mit den Raubvogelaugen krächzt oder der Wirt raunzt, als die Protagonistin in der Saufhalle eintrifft, wo das alte Klavier steht, dem sie Melodien entlocken soll.

Durian Sukegawa © Yves Noir

Durian Sukegawa gehört in Japan zu den ganz grossen, ist Verfasser von über 40 Veröffentlichungen, darunter Romane, Übersetzungen, Essays, Sience Fictions. Er schreibt, ist Musiker, Schauspieler, war Clown und Radiomoderator. Während einer solchen Radiosendung stiess er auf das Schicksal japanischer Leprakranker, die, selbst als sie gesund waren, von der Gesellschaft stigmatisiert mundtot gemacht, durch ein Gesetz von 1931 bis in die Neuzeit weggesperrt wurden. Nicht bloss diskriminiert, sondern hinter Hecken und Mauern eingesperrt und vergessen. Ein Tabuthema, das durch den Roman «Kirschblüten und rote Bohnen» zaghaft in das Bewusstsein der japanischen Gesellschaft eindrang, so explosiv, dass sich der Stammverlag des Autors erst weigerte, den Roman zu veröffentlichen.

«Kirschblüten und rote Bohnen», 2015 äusserst erfolgreich von der japanischen Regisseurin Naomi Kawase verfilmt, erzählt die Geschichte einer zaghaften Freundschaft zwischen dem Pfannkuchenbäcker Sentaro, der alten Tokue, die bei ihm zu arbeiten beginnt und den dahinsiechenden Laden zu neuer Blüte bringt, aber ein Geheimnis mit sich trägt, und dem Mädchen Wakana, das mehr als nur die Türen zu diesem Geheimnis öffnet.

Ich traf den japanischen Autor etwas abseits in der Hotellobby, in der das Festival stattfindet in sein Mobiltelefon vertieft. Aber als ich in bat, die beiden mitgebrachten Romane zu signieren, gehörte die dezidiert konzentrierte Aufmerksamkeit ganz mir, dem Leser, der seine Geschichten mag, die Melancholie, den nicht zu brechenden Glauben an das Gute im Menschen und das Wissen, dass wahre Grösse in den kleinen Gesten steckt. Zwei Stunden später ist der Pullover und die Jeans in Jacket und Bügelfalte getauscht, ein akkurat gefaltetes Stofftaschentuch neben dem Mikrofon platziert und die mehr als hundert Anwesenden lauschen den Geschichten um Kirschblüten und rote Bohnen. Unbedingt lesen (Buch) und schauen (Film).

Trailer zu «Kirschblüten und rote Bohnen»

Ich danke Heinz D. Heisl, Max Hafele, Magdalena Kauz, Urs Heinz Aerni, Ulrike Wörner, den Machern von Sprachsalz.

Beitragsbild: Ernst Molden © Denis Moergenthaler (Ernst Molden mit einem poetischen und musikalischen Blick auf seinen Wiener Kosmos, dem er zahlreiche Liebeserklärungen widmete.)

17. Internationale Literaturtage Sprachsalz in Hall in Tirol: «Der letzte Mensch»

Im Foyer schob sich die Menge immer näher an die Tür des grossen Saals. So still und leise die einen, so aufwühlend die anderen Lesungen, manchmal schon bevor sie beginnen. Wie jene der Nobelpreisträgerin Herta Müller, die die Auswirkungen jener Ehrung in Stockholm wohl gerne ungeschehen machen würde, um etwas von dem zurückzugewinnen, was sie mit dem grossen Preis verlor.

So herausfordern und beglückend für den Veranstalter, so schwierig für die Erwartete. Namen wie Herta Müller mobilisieren BesucherInnen, die sonst kaum zu locken sind. Und ist die Lesung vorüber, zieht Ruhe und Beschaulichkeit ein. Dabei verbergen sich hinter den Namen jener, die ohne Spektakel die Bühne betreten, die grossen Namen von morgen.
So sollte man sich Philipp Weiss merken, der mit seinem fulminanten Debüt «Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» im vergangenen Jahr für einen aussergewöhnlichen literarischen Paukenschlag sorgte. Der Roman in 5 Bänden und 1064 Seiten, einer Enzyklopädie, einem Manga, einer Erzählung und einer Audiotranskription liegt wuchtig in Händen, entpuppt sich aber beim Blättern und Lesen als lustvolle Wort-, Satz und Geschichtenlandschaft, die auf keinen Fall von der ersten bis zur letzten Seite linear gelesen werden muss. «Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» ist ein ganzer Kosmos, in dem man fast überall ein- und wieder auftauchen kann, eine in Wort und Bild gezeichnete Welt zwischen Frankreich und Japan, zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, von der 17jährigen Paulette, die 1871 den Aufstand der Pariser Kommune erlebt, ausbrechen will, einen Japaner heiratet, ein Kind von ihm bekommt und nach einer Wanderung über 130 Jahre im „ewigen“ Eis eines französischen Gletschers eingeschlossen liegt. Von der Klimaforscherin Chantal, einer Urenkelin von Paulette, die ins aufgetaute Gesicht Paulettes schaut und sich auf Spurensuche  von Jona macht, dem von Chantal verlassenen Künstler, eine Reise nach Japan, in ein Land, das nicht nur von Tsunami und Erdbeben erschüttert wird.

Philipp Weiss © Sprachsalz / Denis Moergenthalter

Philipp Weiss schrieb sechs Jahre in aller Ruhe und Stille an seinem Monument. Am Festival in Hall las er auch aus seinem Theaterstück «Der letzte Mensch», das am 8. Oktober in Wien uraufgeführt wird. Ein Stück, das sich mit den grossen Fragen der Gegenwart auseinandersetzt; Wie kam es dazu, dass sich über die ganze Menschheit eine hochtechnische Membran legte, aus der sich nicht einmal das Denken befreien kann? Was wird mit den Menschen passieren, die 2019 zur Welt kommen, in eine Welt geboren werden, die sich den Konsequenzen ihres Tuns verschlossen hat, die jeden technischen Fortschritt als Glückseligkeit verkauft, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was dahinter folgt? Kann eine Zukunft auch anders gedacht werden als apokalyptisch? Reicht es, sich das Schlimmste vorzustellen, um für das gewappnet zu sein, was zu kommen droht? Gedanken darüber, warum der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, das etwas produziert, was es nicht braucht – Müll. Darüber, dass das, was der Mensch durch sein Tun unausweichlich verändert, nicht das Leben wirklich meint, sondern bloss verändert, wenn auch letztlich nicht zu seinem Vorteil.

Philipp Weiss denkt schreibend über das Leben nach, das Menschsein, das, was bleibt. Blosses Erzählen ist nicht das seine. Er schafft Welt, stellt Fragen, konstruiert filigrane Szenerien über das nachparasitäre Zeitalter. Sein Theater «Der letzte Mensch» ist keine weitere Dystopie in einer langen Reihe. «Der letzte Mensch» ist die Aufforderung mitzudenken, mitzugestalten, mitzuentscheiden.

Ganz anders, diametral verschieden ist der neue Roman «Jahr ohne Winter» von Lorenz Langenegger. Der in Wien und Zürich lebende Romancier und Theaterautor erzählt die Geschichte(n) von Jakob Walter, einem Mann, der sich auf der Suche verliert. Nicht nur in Australien auf der Suche nach seiner Exfrau, die zu ihrer totkranken Mutter in einem Berner Spital zurückkehren sollte, auf der Suche nach jemandem, der eigentlich nicht gefunden werden will. Über den wilden Tripp eines Mannes, der sein fein säuberlich eingerichtetes und geordnetes Leben verlassen muss, um jemanden zu finden, die von ihm getrennt sein will.

Lorenz Langenegger © Yves Noir

Lorenz Langenegger las in einem Raum, knapp unter dem Terrain draussen, unter dem grossen Fenster, an dem Menschen vorbeigehen, denen die leichte Verwunderung dessen ins Geschieht geschrieben steht, was all die Mensch treibt, die dichtgedrängt dem Mann hinter dem Mikrophon lauschen. Wie ein Aquarium!
In «Jahr ohne Winter» ist ein Mann unterwegs, wörtlich. Die Biederkeit himself in Down Under. Eine Suche im Outback, einer Welt, die maximal anders ist, als jene, aus der er kommt. Bis er in einem zerbeulten Truck mit einem Aborigines sitzt, unterwegs ins Nirgendwo. Jakobs Ex-Schiegermutter Ursula ist krank, braucht dringend eine Stammzellenspende. Und Edith, seine Ex, mit der er seit fünf Jahren kein Wort gewechselt hatte, ist in Australien, in einer mehrwöchiger Schweigemeditation in der Abgeschiedenheit, in maximaler Entfernung von dem, was sonst ihr Leben ausmacht.
Lorenz Langeneggers Spezialität ist das Kleinräumige, selbst dann, wenn der Schauplatz Australien ist. Die Seele eines Mannes, mit dem es gegen seinen Willen geschieht. Jakob Walter ist ein liebenswerter, patschiger Antiheld, «Jahr ohne Winter» aber durchaus ernstzunehmende Literatur über ein entwurzeltes Individuum.

Sprachsalz ist das Salz in der Suppe!

Beitragsbild: Ulrike Woerner © Sprachsalz / Denis Moergenthalter

20 Jahre Literaturhaus Zürich

Das Literaturhaus Zürich feiert sein 20jähriges Bestehen. Ich gratuliere. 1834 als Museums- und Lesegesellschaft gegründet, mit grossem Lesesaal und öffentlicher Bibliothek, wurde das ehrenwerte Haus am Limmatquai 1999 ein Literaturhaus, das in seinen 20 Jahren Dienst an der Literatur zu einem bedeutenden Dreh- und Angelpunkt nationaler und internationaler Wortkunst wurde.

Wem Literatur mehr als nur Unterhaltung ist, wenn Bücher zu Türen und Toren werden, wenn ich mich als Leser nicht mehr begnügen kann allein mit dem, was zwischen zwei Buchdeckeln gefangen ist, dann beginne ich mich für das zu interessieren, was dahinter steckt. Dann will ich wissen, wer sich hinter dem Namen auf dem Cover verbirgt, wer geschrieben hat und warum. Dann werden Lesungen zu Begegnungen mit einer anderen Welt, die verschlossen bleibt, wenn mich nur die Spur interessiert, die der Text im Buch zeichnet.

Lesungen sind Begegnungen, solche mit Autorinnen und Autoren, aber auch solche mit Leserinnen und Lesern. Das, was im Schreiben und Lesen meist zurückgezogen und in innerer Stille passiert, öffnet sich und wird zur Gemeinsamkeit, Lesungen das, was, was das Schreiben und Lesen selbst nicht bieten kann. Für den Schreibenden die Reaktion auf das, was er schreibt, für den Lesenden darauf, was andere fühlen, denken, auslösen.

Dabei sind mir etliche Lesungen, die ich in den vergangenen Jahren besuchte unauslöschlich in Erinnerung geblieben; jene mit Anne Weber, der ich zuvor schrieb und die mich überraschend in ein Gespräch verwickelte, jene mit José Eduardo Agualusa und seinem Übersetzer Michael Kegler, die sich beide freuten über ein von Hand geschriebenes und gezeichnetes Literaturblatt, jene mit Urs Faes, der mich mit Nähe adelte oder eine Gesprächsrunde im Oberschoss des Literaturhauses, bei der ich erlebte, wie viel Leidenschaft Ruth Schweikert entwickeln kann, wenn es um konstruktive Kritik an einem Text geht.

Auch wenn ich nicht in Zürich wohne und der Weg zum Literaturhaus ein weiter ist, bleibt dieses Haus auch in Zukunft ein wichtiges. Eines, das beispielhaft sein muss in einer Zeit, in der man merkt, dass digitaler Austausch kein Ersatz sein kann für das, was an Orten wie dem Literaturhaus Zürich geschieht. Ich danke dem Haus, dem Team, das es führt (und hoffe, dass sich das, was an anderen Orten zaghaft im Entstehen ist, an dem orientiert, was sich bewährt) und all den Institutionen, die ein solches Unternehmen möglich machen.

Urs Faes
Judith Keller

 

Christian Haller, Ruth Schweikert, Franz Hohler
Gesa Schneider

Alle Zeichnungen © Lea Frei (lea.frei@gmx.ch)