Hansjörg Schertenleib «Die Hummerzange», Kampa

Eigentlich war der Plan, zusammen in Maine den Lebensabend zu verbringen, sie die ehemalige Polizistin Corinna Holder und ihr Mann Michael. Aber nach einem schrecklichen Polizeieinsatz, einem Ausraster und dem plötzlichen Unfalltod ihres Mann ist nichts mehr so, wie es sein sollte.

Eigentlich lese ich keine Krimis. Krimis müssen mir förmlich ans Herz gelegt werden, damit ich zu lesen beginne. Geschichten, bei denen es bloss um ein rätselhaftes Verbrechen geht, in dem genüsslich geschändet und gemordet wird und ich als Leser zum Voyeur werde, interessieren mich nicht. Ebenso wenig die schrulligen Kommissare, die sich nach der Pensionierung in polizeiliche Ermittlungen einmischen und mit markigen Sprüchen den Plot weichklopfen.

Obwohl auch Hansjörg Schertenleibs Krimi Klischees bedient, zolle ich ihm grossen Respekt, denn der Krimi spielt sich viel mehr in und um die Figur der Ermittlerin Corinna Holder ab, als um ein brutales, rätselhaftes Verbrechen.

Corinna Holder ist nach einem traumatischen Polizeieinsatz von der Aargauer Polizei freigestellt. Erst recht, als sie sich in aller Öffentlichkeit von einer Männergruppe provozieren lässt und handgreiflich wird. Seither hat sich etwas in ihr verschoben, noch mehr, weil ihr Mann Michael im Streit um ihre Alkoholprobleme von ihr wegfuhr und im Auto auf der Autobahn den Tod fand. Das Haus in Maine, in das sie sich zusammen mit ihrem Mann einst verliebte, das sie kauften und ausbauen liessen, in dem sie ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen wollten, wird zum Fluchtpunkt, zusammen mit Xanax, Psychopharmaka mit grossem Suchtpotenzial, das sie hinter Albert Camus‘ «Die Pest» im Bücherregal versteckt. Sie ist sich selbst ausgesetzt, ihren Träumen, ihren Ängsten, ihrer Trauer.

Bis sie in einer stillen Bucht beim Schwimmen auf die Leiche eines Ermordeten stösst, der im Wasser treibt, die Griffe einer Hummerzange durch die Augen bis tief ins Hirn gestossen. Sie kennt den Mann. Jeder auf er Insel kennt den Mann; Norman Dunbar, ein Investor und Radikalsanierer in Schieflage gekommener Unternehmen, ein ominöser Geschäftsmann und Frauenverbraucher, einer, dessen Tod auf vielen Wunschlisten ganz oben gestanden hätte. Corinne Holder macht sich an die Ermittlungen, nicht zuletzt darum, weil sie ihrem Leben wieder Richtung geben.

«Die Hummerzange» liest sich bis zur letzten Seite spannend, wie es ein Krimi sein soll. Aber die Geschichte lebt ebenso von der Person, einer Frau, die den Halt, den sicheren Stand verloren hat, die dem Leben nicht mehr traut und schon gar nicht sich selbst. Er lebt vom Lokalkolorit, der nicht aufgesetzt und recherchiert ist. Hansjörg Schertenleib erzählt vom Ort, an dem er mehrere Monate im Jahr lebt, von den Menschen, den Gerüchen, den Dörfern und Felsen dort. Vom Meer, dem Licht und den zwei Seiten einer Insel, die man gerne fotografiert. Handwerklich perfekte Unterhaltung, ein gelungener Versöhnungsversuch für ein von mit sonst so verschmähtes Genre.

Während ich schreibe, sitzt Hansjörg Schertenleib auf Spruce Head Island ebenfalls hinter seiner Tastatur, an seinem neuen, zweiten «Maine-Krimi». Ich freue mich!

Hansjörg Schertenleib, geboren am 4. November 1957 in Zürich, machte die Ausbildung zum Schriftsetzer/Typographen; Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich. 1981 zog er ins Künstlerhaus Boswil, arbeitete dort halbtags in der Küche und schrieb sein erstes Buch «Grip». Seit 1982 ist er freier Schriftsteller, 1980 bis 1984 und seit 2016 erneut Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift «orte», von 1984 bis 1989 Mitglied im Vorstand im Schweizerischen Schriftstellerverband. Seit 1985 journalistische Tätigkeit für verschiedene Zeitungen und Magazine, in der Spielzeit 1992/1993 Hausautor am Theater Basel unter Frank Baumbauer. Zwischen 1996 und 2016 lebte er in einem ehemaligen Schulhaus aus dem Jahr 1891 im County Donegal in der Republik Irland, seit 2011 zeitweise in Suhr im Kanton Aargau und seit 2016 auf Spruce Head Island in Maine, USA.

Rezension von «Die Fliegengöttin» auf literaturblatt.ch

Kurzgeschichte «Der Stich» auf der Plattform Gegenzauber

Webseite des Autors

Beitragsbilder © Hansjörg Schertenleib

Lukas Hartmann «Der Sänger», Diogenes

Einer der grossen Namen an den 41. Solothurner Literaturtagen; Lukas Hartmann. Nach bald drei Dutzend Romanen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene brilliert der Altmeister des historischen Romans mit seinem Buch über den einst berühmten Sänger Joseph Schmidt, der sich 1933 mit «Ein Lied geht um die Welt» in die Herzen einer Generation sang und 1942 krank und vergessen in der Schweiz starb.

1942 flüchtete der einstmals gefeierte jüdische Sänger Joseph Schmidt in die Schweiz, den Ort seiner letzten Hoffnung, weil er in Zürich einen Bekannten wusste, der ihm helfen würde. Gelandet ist er in einem Auffanglager, schwer erkrankt, entkräftet, mutlos und mit schwindender Hoffnung. Im einzigen Land in Europa, das ihm Rettung versprach, eine Rettung, die ihm hinter Pflichterfüllung und latentem Antisemitismus nicht zum Überleben die Hand reichte, die ihn sterben liess, obwohl der Schritt zur Rettung und die Menschen, die es dazu gebraucht hätte, so nah waren.

Der 1904 im damals österreichischen Czernowitz (heute Ukraine) geborene und deutsch aufgewachsene Sänger, der auf Bühne und im Film berühmt und gefeiert wurde, erlebte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen steilen Niedergang. Der Mann, der in überbordendem Luxus von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort reiste, von den Frauen verehrt und angeschmachtet und von Musikkennern auf Händen getragen wurde, war unaufhaltsam gefallen, mit Berufsverbot stumm gemacht, wenn auch nicht aus der Erinnerung so doch aus der Zeit getilgt. Und als ob die Flucht und die Sorge um seine Familie nicht genug gewesen wären, plagen ihn eine aggressive Kehlkopfentzündung und Herzprobleme. Die wenigen Menschen, die ihm an der Seite bleiben, selber Juden sind, schaffen es nicht, gegen eidgenössische Pflichterfüllung und unverhohlenen Antisemitismus anzukämpfen. Joseph Schmidt stirbt, alleine gelassen, obwohl er nichts lieber getan hätte, als seinem Gastland seine Kraft als Gegenleistung anzubieten. Aber amtliches Misstrauen und Vorhaltungen, alle Krankheitssymptome seien blosses Simulieren, brachten den Mann schliesslich um sein Leben.

Lukas Hartmann beschränkt sich in seinem Roman auf die letzten Monate im Leben des gebrochenen Sängers. Auf Erinnerungsfetzen an seine Mutter, an Otto, den Sohn aus einer Liebschaft, den Sohn, den er gerne gehabt hätte, aber nie akzeptiert hatte. Lukas Hartmann schlüpft in gequälte Seele und Körper eines Mannes, der es gewohnt war, seine Umgebung mit seiner Stimme zu betören, dem mit dem Klang seines Singens fast alles gelang. Aber auf der Flucht vor den Nazis, krank, kraftlos, wird ausgerechnet der Hals, der Kehlkopf zum Epizentrum seines körperlichen Zerfalls.

Es wäre für den Autor ein leichtes gewesen, die Geschichte dieses Mannes episch auszubreiten. Aber Lukas Hartmann ging es ganz offensichtlich nicht in erster Linie um die Biographie eines Gestrandeten. Als die Schweiz im August 1942 ihre Grenzen für die flüchtenden Juden schloss, begründete man dies mit der Angst vor «Überfremdung», obwohl mehr als deutlich bekannt war, was mit abgewiesenen Juden passiert. Man knickte ein im vorauseilenden Gehorsam, weil man es auf keinen Fall mit dem mächtigen Grossdeutschland verspielen wollte. Heute sind «Überfremdungsängste» so aktuell wie damals. Lukas Hartmanns Buch ist die Stimme eines Mannes, der nicht ankommen kann und dabei zu Grunde geht. Keine anklagende Stimme, eine Stimme, die sich dem Schicksal ergibt. Darum ist dieses Buch ein besonderes Buch. Die Stimme eines Mannes, die abstirbt. Nicht nur weil eine Krankheit seinen Hals im Würgegriff hat, sondern weil Demütigung, Hass und «fatale Binnensicht» Tausende Existenzen vernichten.

Ein kleines Interview mit Lukas Hartmann:

Wo lag die erste Motivation, über Joseph Schmidt  zu schreiben? Wie geschieht ein solcher Findungsprozess bei all den historischen Personen, über die sie schon Romane schrieben?

Ich kann mich nicht genau erinnern. Der Name begleitete mich schon lange, aber ich wusste bloss, dass er ein berühmter Sänger gewesen war und in einem Schweizer Internierungslager starb. Aber als mir ein Musiker, mit dem ich befreundet bin, mehr über ihn erzählte, war meine Neugier oder mein literarischer Instinkt geweckt, und ich machte mich auf meinen Rechercheweg, in dessen Verlauf – er kann sehr steinig sein – ich ja auch immer etwas über mich erfahre.

Zuhörer an der Lesung von Lukas Hartmann © Lea Frei

„Der Sänger“ ist keine Lebensgeschichte, sondern eine Leidensgeschichte, ein Passionsweg. Die Geschichte eines Mannes dem nicht nur die Stimme, sondern sein Leben geraubt wird. Sie beschränken sich beim Erzählen auf ganz ausgewählte Rückblenden, wenige Motivtafeln in dieser Passionsgeschichte. Mussten sie sich strategisch beschränken angesichts der aufregenden Biographie dieses Mannes?

Ja, Passion trifft es nicht schlecht, das war mir gar nicht bewusst. Es ist eine von unzähligen jüdischen Leidensgeschichten während der finsteren Zeit zwischen 1933 und 45. Ich wollte mich in der Tat auf die letzte Etappe von Schmidts Leben beschränken und mit atmosphärisch dichten Rückblenden arbeiten. Darum reiste ich zum Beispiel in die Gegend, in der er aufwuchs, in die Bukowina, nach Czernowitz, wo auch Paul Celan und Rose Ausländer in ihren frühen Jahren lebten.

„Überfremdungsängste“ waren es 1942, „Überfremdungsängste“ sind es heute, wo der Ruf „Das Boot ist voll!“ wieder deutlich zu hören ist. In ihrem Roman sind es die kleinen Gesten, die einem, wenn sie denn möglich sind, versöhnlich stimmen. Vielfach sind es Frauen; eine treue Freundin, eine Krankenschwester, eine Wirtin. Menschlichkeit nur noch als Form des Guerillawiderstands?

Zuhörerin an der Lesung von Lukas Hartmann © Lea Frei

Es gehört wohl zu den grausamen Epochen der Menschheitsgeschichte, dass gerade die kleinen Gesten den Glauben an die Möglichkeit des Mitmenschlichen nicht ganz erlöschen lassen. Darin zeigt sich eine Gegenkraft, die es mir ermöglicht hat, das Buch zu schreiben. Es ist nicht einfach ein billiger Trost, sondern die Überzeugung, zu der ich mich hinschrieb, dass in solchen Schicksalen die kleinen liebevollen Gesten ebenso viel zählen wie die grossen Taten. 

An der Hauswand des ehemaligen Gasthauses Waldegg in Girenbad im Kanton Zürich hängt eine Gedenktafel auf der steht: „In diesem Haus starb am 16. November 1942, achtunddreissig Jahre alt, einer der berühmtesten und beglückendsten Sänger der Welt – Joseph Schmidt – als Flüchtling und Opfer einer gnadenlosen Zeit. Dankbare Freunde“. Ihr Buch; Denk- und Mahnmal?

Sie können es so lesen, auch als Appell, den Mut zu haben, in unserer Vergangenheit die Schattenseiten der Gegenwart zu entdecken und zugleich zu erkennen, wo es damals und heute Leuchtpunkte gab und gibt.

© Bernard van Dierendonck

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen, zuletzt «Ein Bild von Lydia», regelmässig auf der Bestsellerliste.

Rezension zu «Ein passender Mieter» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung des Joseph-Schmidt-Archivs In Dürnten im Kanton Zürich

Sun Wei, Gast im Bodman Haus in Gottlieben TG

Sun Wei, eine der originellsten und führenden Stimmen Chinas, ist für zwei Sommermonate Gast und Stipendiatin der Kulturstiftung Thurgau und der Bodman Stiftung im Bodman-Haus in Gottlieben am Bodensee. Zusammen mit der seit zwei Jahrzehnten in der Schweiz lebenden chinesischen Schriftstellerin Wei Zhang, stellte Sun Wei sich ein erstes Mal dem Publikum und gab Kostproben ihres vielfältigen Schaffens.

Sun Wei, 1973 während den Zeiten der Kulturrevolution in China geboren, war vor ihrer Profession als Schriftstellerin Journalistin, Dokumentarfilmerin und Geschäftsführerin eines Betriebs. In «the confession of a baer» erzählt Sun Wei Geschichten über das zeitgenössische Shanghai, gibt Einblicke in die moderne chinesische Gesellschaft. Das geschäftige Treiben im Shanghai des 21. Jahrhunderts dient als Hintergrund für eine Geschichte voller Intrigen.

Ein tief verunsicherter Mann hat die Aufgabe, eine gespendete Satellitentelefonausrüstung in ein abgelegenes Dorf zu liefern, in dem die Menschen ihren Traditionen folgen und ein Leben führen, das dem Gegenteil in der Stadt entspricht. In diesem abgelegenen Dorf lernt der Mann die wilden Bären kennen, Symbol für längst verlorene Tugenden. Seine Anwesenheit verändert das Dorf, während ihn seine Abwesenheit von der Arbeit zu einem unwissenden Spieler in einem Spiel macht, das sein Leben zwischen Guten und Schlechten pendeln lässt.

Sun Wei veröffentlichte bereits 23 Bücher, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. Ihr Roman «The Map of Time» wurde 2017 in China ein Verkaufsschlager. Ihre Novellen «Farewell», «Ignition» und «Second Son» wurden ins Englische, Französische, Spanische, Bulgarische übersetzt. Sun Wei sticht in die vielen psychologischen und sozialen Probleme der chinesischen Stadtbewohner. Ihre Arbeiten spiegeln Einsamkeit, Stolz und das Gefühl der Entfremdung wider.

Sun Wei bedankte sich nach Lesung und Gespräch innig bei all jenen, die ihr diesen Aufenthalt an diesem magischen Ort ermöglichen. Allen voran bei den beiden Stiftungen und beim Schriftsteller und Stiftungsratsmitglied der Kulturstiftung Thurgau Peter Höner, der Schriftstellerinnen und Publikum im Bodman-Haus begrüsste.
Sun Wei meinte, sie werde sich bemühen, die deutsche Sprache zu erlernen, von der sie schon jetzt die Melodie liebe, um endlich all jene grossen Autorinnen und Autoren zu lesen, die ihr sonst verschlossen blieben.

Sun Wei, Stipendiatin und Wei Zhang            ©Martin Geier

 

If I Were a Girl in Fairytales

By Sun Wei

If I were Sleeping Beauty,
An alarm clock could have worked
Much better than a kiss from an unpunctual princess.

If I were Snow White,
I would have never married a man who
Merely fell in love with my body in coffin.

If I were Cinderella,
No fairy godmother could have convinced me to
Dress up for a dance,
Smile sweetly for attention,
Display in the corner as a candidate,
Disguise as someone else.
Why should I be running like hell at every midnight,
Only for running away from
Who I really am?

If I were Little Mermaid,
Why should I give up my voice to trade for
Whatever between human legs,
Whatever makes me the same as others,
Whatever is said to be the
Most necessary to please a king-to-be in order to
Get a marriage,
Certificated by human world,
Go through all these humiliations,
Give up my own soul,
In order to
Achieve a so-called human soul,
A soul belonging to a mass,
A common sense leading to the immortality of the soul,
A reward for ignorance,
A prison for eternity.
I don’t want a soul like this,
I’d rather become bubbles on the sea to
Smell the free life,
Swim with whales,
Slide into my own dreams,
Disappear with pride.

10,7,2019, Bodmanhaus, Gottlieben

 

The Dusk

By Sun Wei

Hallo Dusk,
I’ve come to visit you again
For our private date.
No third can share the secret land of us,
No sage can provide maneuver,
No spectator can define us.

People always said,
Let’s go to see sunset together.
They never mean it.
You never show up.

You never show up if I am not alone,
You prefer a quiet observer,
A patient admirer,
A non-instrumental soul,
One of your kind.
Wind down over a drink after a long day,
You look tipsy and rosy,
You can’t hide yourself
Before my gaze,
You are luminescent when I stare
Into your eyes,
You are waiting patiently for me
To approach and have a word with you.
But I’d rather stay silent with you,
For the last hours we have,
Staying away from the human world,
Staying away from our terrene lives,
Staying away from aging and death,
Staying away from past and future,
Staying together for now,
For the last and the first glance.

Look into my eyes,
I am reading you at the moment,
I am listening to you at the moment.

22,6,2019, Bodmanhaus, Gottlieben

Webseite des Bodman Literaturhauses in Gottlieben

Webseite der Autorin

Gabrielle Alioth «The Poet’s Coat», Waldgut

Nach fast dreissig Jahren Prosa veröffentlicht Gabrielle Alioth im Waldgut Verlag ihre Gedichte unter dem übersetzten Titel «Der Mantel der Dichterin». Eine ganz besondere Sammlung, denn die Schriftstellerin, die ihre Prosa nur deutsch schreibt, dichtet in der Sprache ihrer Wahlheimat, in der grossen Tradition nordirländischer Dichtung, einem Land, in dem Dichtung bis heute einen ganz anderen Stellenwert besitzt.

„Als ich die Schweiz vor 35 Jahren verliess, fand ich eine Insel, ein Leben und eine Sprache. In Irland stiess ich auf eine lebendige poetische Kultur, die den Alltag der Menschen betraf; und die Gedichte, die in den 1980er-Jahren häufig von Frauen geschrieben und zitiert wurden, berührten mich, wie es kein deutsches Gedicht je vermocht hatte…“

Time

Once I lost a future
On a warm summer evening,
And my past
In a sentence of a stranger.
Now the wind ist blowing in my hair
And the sea is in my heart.

Zeit

Einst, an einem warmen Sommerabend,
verlor ich eine Zukunft
und, im Satz einer Fremden,
meine Vergangenheit.
Jetzt bläst der Wind durch mein Haar
und das Meer ist in meinem Herzen.

„Muttersprache“ ist die Sprache des Herzens, eine Sprache, in der unweigerlich Bilder mitschwingen, die sich in einem ganzen Leben ansammeln. Eine gelernte Sprache, eine Sprache, in die man aktiv hineinwächst, ist viel weniger verschlüsselt. Gabrielle Alioth erklärte bei einer Lesung im Kultbau St. Gallen, sie sei im Schreiben von Gedichten, in der englischen Sprache eine „andere Frau“, könne viel freier agieren. Das sei auch ein Grund, warum man in einer fremden Sprache viel freier fluche als in der Muttersprache. So „distanziert“ sie in ihrem schriftstellerischen Wirken in ihrer Arbeitssprache Deutsch wirkt, in den historischen Themen wie in ihrem Ausdruck, so persönlich, so nah, so ganz anders wirken die Gedichte. So sehr die Schriftstellerin ihre Prosa einem Ziel unterwirft, so sehr ergibt sich ihre Lyrik dem Moment, auch den Momenten einer Erinnerung.

Leaving Rosemount

Snow on the hills
No winter has been so cold
And empty roads.
Could I Have died?

It will get easier
In time to come
I will get used
To leaving
Till it leaves me.

Rosemount verlassen

Schnee auf den Hügeln.
Kein Winter war je so kalt.
Und die Strassen leer.
Hätte ich sterben können?

Es wird leichter werden in Zukunft.
Ich werde mich gewöhnen
ans Verlassen.
Bis es mich verlässt.

Gabrielle Alioth schreibt seit 20 Jahren Gedichte in Englisch, von denen einige in irischen Zeitungen erschienen, in denen Gedichte noch immer nicht bloss Lückenbüsser sind. In ihren Gedichten spiegeln sich ihre Vergangenheit, Begegnungen, ihre zweite Heimat, das, was Orte mir einem tun und anstellen, was sie in uns und wir an ihnen zurücklassen. Ihre Gedichte sind Ausdruck dessen, dass sie nicht zerrissen, sondern an vielen Orten zuhause ist, dass Heimat nicht an Nationen und ihre Grenzen, nicht einmal an die Sprache gebunden sein muss. Gedichte darüber, wie wenig Orte sich an uns selbst erinnern, wenn man mit dem Bewusstsein lebt, dass man sich an die einen oder andern Orte „für immer“ erinnert.
Dichten ist Alchemie, eine Dichterin, ein Dichter ein Alchemist. Gedichte eine Form „Unerklärliches“ erklären zu wollen. Dichten sei „Altes im Feuer verbrennen, zusammen mit gesammeltem Treibholz“.

Ein besonderes Vergnügen bereitet die Gegenüberstellung der englischen Originalgedichte und die deutschen Übersetzungen von Fred Kurer. Die beiden Seiten zeigen offensichtlich und eindrücklich, was Übersetzung kann und muss, dass literarische Übersetzung viel mehr ist als das, was ein Google-Übersetzer kann, wie unterschiedlich Klang und Tiefenschärfe ist, wie viel Auseinandersetzung es braucht, bis sich Dichterin, Übersetzer (und in diesem Fall die Herausgeberin Irène Bourquin) finden.

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg und war anschliessend als Konjunkturforscherin tätig. 1984 wechselte sie ihren Wohnsitz nach Irland. 1990 erschien der Roman «Der Narr», der durch das Literaturhaus Hamburg ausgezeichnet wurde. Es folgten zahlreiche weitere Romane – jüngst «Gallus, der Fremde», 2018 im Lenos Verlag – Kurzgeschichten, Essays sowie Kinder-, Reise- und Sachbücher. Gabrielle Alioth ist Dozentin an der Hochschule Luzern Design & Kunst, journalistisch tätig und hält Schreibkurse am Literaturhaus Basel.

Der Übersetzer Fred Kurer, 1936 in St. Gallen geboren, studierte nach einer Lehrerausbildung Germanistik, Anglistik, Publizistik und Theaterwissenschaften in Zürich, Wien und London. Er ist Autor eines Romans, zahlreicher Gedichtbände, Bühnencollagen, Theaterstücke und verschiedener Programme für Kleinbühnen, Kabarett, Radio und Fernsehen. Er übersetzt aus dem Englischen und Amerikanischen.

Rezension «Gallus, der Fremde» auf literaturblatt.ch

«But you don’t really care for music, do you? – Szenen zu Leonard Cohen» von Gabrielle Alioth auf der Plattform Gegenzauber

Kultbau St. Gallen

Webseite der Autorin

Illustrationen aus dem Buch © Isabelle Looser

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Yoko Ogawa «Augenblicke in Bernstein», Liebeskind

Eine Mutter verliert eines ihrer Kinder. Es stirbt. Sie ortet die Schuld und versucht nun mit allen Mitteln ihre anderen Kinder vor Gefahren zu schützen, um fast jeden Preis. Was wie Mutterliebe aussieht, wird zur Besessenheit, zum Gefängnis. Yoko Ogawa, eine Grosse der japanischen Literatur, hat einen feinsinnigen, fast märchenhaften Roman über drei Geschwister im geschlossenen Garten geschrieben.

Bei einem Besuch in einem Park wird das jüngste Kind von einem grossen Hund im Gesicht abgeleckt. In der Folge stirb das Kind und für die Mutter ist klar, dass der böse Hund die Schuld am Tod ihrer kleinen Tochter trägt. Um die drei älteren Geschwister des toten Mädchens vor ähnlichem Schicksal zu schützen, zieht sich die Mutter mit ihnen in eine Villa am Rand einer Stadt zurück, ein Haus mit grossem Garten, umfangen von einer mannshohen Mauer. Die Villa gehörte dem von ihr getrennten Ehemann, einem pleite gegangenen Verleger von Enzyklopädien. Während die Mutter ihrer Arbeit als Pflegerin im Ort nachgeht, überlässt sie die Kinder im Haus sich selbst und einem ganz bestimmten Stundenplan. Sie warnt sie vor den Gefahren der Aussenwelt und befiehlt ihnen gar, ihre Namen aus dem alten Leben, ja ihre Vergangenheit zu vergessen. Zukünftig heisst die grosse Schwester Opal, die jüngeren Brüder Achat und Bernstein.

Romane aus Japan oder von AutorInnen, die mit Japan stark verbunden sind und sich mit dem Thema des „Sich Einschliessens“ beschäftigen, haben Tradition. Wohl auch deshalb, weil viele Auswirkungen gesellschaftlicher Missstände in Japan anders wahrgenommen werden, denke man nur an das Phänomen der Hikikomori (Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschliessen und den Kontakt zur Gesellschaft verweigern oder auf ein Minimum reduzieren).

Das Phänomen des sich Entziehens, Kinder um jeden Preis vor allem schützen zu wollen, ist aber beileibe kein japanisches. Medienberichte von Eltern, die ihre Kinder unter Verschluss halten, von mehr oder weniger misshandeln oder verwahrlosenKindern gibt es zuhauf. Yoko Ogawa geht es aber weder um ein Verbrechen, noch um die verstiegene Mutterliebe einer vom Wahn Getriebenen. „Augenblicke in Bernstein“ konzentriert sich auf die Geschwister im begrenzten Kosmos eines grossen Hauses mit umschlossenem Garten. Die drei Kinder sind nicht unglücklich, arrangieren sich mit ihrem Sein, nehmen Teil an der Welt im Kleinen, lernen aus den Enzyklopädien ihres Vaters und lieben sogar ihre Mutter, von der sie glauben, sie würde sie schützen.

Das jüngste der Kinder mit Namen Bernstein bekommt irgendwann eine Augenkrankheit. Über das eine Auge zieht sich ein bernsteinfarbener Schleier. Und weil der Junge in eben dieser Zeit damit beginnt, auf den Seitenrändern der Enzyklopädien, die er eifrig studiert zu zeichnen und aus diesen Zeichnungen „Daumenkinos“ entstehen, in denen die Mutter die Anwesenheit ihrer verstorbenen Tochter sieht, wird aus der Augenkrankheit eine besondere Fähigkeit, eine Art des Sehens, eine Verbindung zu einer Welt, die nicht nur ausserhalb der Mauern liegt, sondern ausserhalb der Zeit.

Yoko Ogawa beschriebt ohne psychologische Deutung, bezaubert dieses eingeschlossene Leben der drei Geschwister, die sich in grosser Liebe tragen. Ins Erzählen eingefügt sind die Vorbereitungen einer Ausstellung von Bernsteins Zeichnungen. Bernstein ist alt geworden, lebt in einer Altersresidenz. Losgelassen hat ihn diese eingeschlossene Kindheit nie, auch die tiefe Verbundenheit zu seinen drei Geschwistern.

„Augenblicke in Bernstein“ ist ein zauberhafter Roman, ganz wörtlich. Ein Roman, wie ihn nur Yoko Ogawa schreiben kann. Ein Roman mit Bildern, die bleiben, Geschichten, die auf unspektakuläre Weise bezaubern. Yoko Ogawa erzählt im Kleinen das Grosse.

Yoko Ogawa (1962) gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tanizaki-Jun’ichiro-Preis. Für ihren Roman »Das Geheimnis der Eulerschen Formel« erhielt sie den begehrten Yomiuri-Preis. Yoko Ogawa lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo.
Die Übersetzerin Sabine Mangold (1957) studierte Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete als Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Niigata in Japan und wirkt auch als Yogalehrerin und Fotografin. Sie übersetzte Werke von Haruki Marukami, Akira Yoshimura, Hitomi Kanehara u. a.

Rezension von «Zärtliche Klagen» (2017) auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Schreibmaschinen haben keine Korrekturtaste – wie das Leben! Der Literaturdienst

Neben 15 eingeladenen Autorinnen und Autoren zum «Lauschig – Minifestival» in der Stadtgärtnerei Büel in Winterthur sass auch eine Handvoll Autorinnen und Autoren an einem Festtisch hinter Schreibmaschinen und hämmerte auf Wunsch der BesucherInnen Texte in die antiken Maschinen, mit Kohlepapier durchgeschlagen, eins zum Mitnehmen, eins fürs Literaturdienst-Archiv, in dem schon mehr als 1000 Texte widerspiegeln, was Menschen beschäftigt.

Wenn getippt wird, sei es auf einer Olivetti oder Hermes Baby, werden Erinnerungen wach, als wären die Tastenschläge Codes aus einer längst vergangenen Zeit. Jeder Buchstabe gräbt sich ins Papier. Schrift ist eine Spur von links nach rechts, aufgetragene Farbe, mit Kohlepapier verdoppelt. Getaktete Sprache.

Ich bat Julia Weber um einen Brief an ihr zweites Kind, mit dem sie hochschwanger hinter der Schreibmaschine sitzt:

Wer seinen Text abholt, legt einen Geldschein in einen Topf. «Für die Flüchtlingsarbeit», verrät Julia Weber. Seit Julia Weber, Autorin des Romans «Immer ist alles schön» (2017 nominiert für den Schweizer Buchpreis) und Gianna Molinari Autorin des Romans «Hier ist alles möglich» (2018 ebenfalls nominiert für den Schweizer Buchpreis) die Idee zum Projekt machten, haben eine ganze Reihe anderer für den «Literaturdienst» mitgeschrieben: am «Lauschig – Minfestival» in Winterthur neben Julia Weber auch Nathalie Schmid, Michael Hugentobler und die umtriebige Lyrikerin Ruth Loosli, einen Tag nach dem landesweiten Frauenstreik, einen Tag vor ihre sechzigsten Geburtstag.

Von Ruth Loosli wollte ich ein «Dystopie», einen Text über einen Männerstreik in 100 Jahren. Anmerkung: Schreibmaschinen haben keine Korrekturtaste, so wie das richtige Leben!

Zum Text gehört folgendes Gedicht von Ruth Loosli:

An die Herren mit den
Millionengehältern

Bedenkt
Wenn es sich zerreißen wird
ist die Zerreißprobe erfüllt.

Wir lösen euch ab
Krawatten von Hand gewaschene
Hemden, all das ist vorbei. Ich sah ihre
vom Waschen geröteten Hände
ihre aufgerauhte Haut.
Es ist genug gewaschen worden. Over.

Julia Weber: «Ich mache Literatur jeden Anlass. Ich schreibe Porträts, Dokumentationen, Geschichten. Sofort und vor Ort und auf der Schreibmaschine und schön. Ich komme mit meiner Schreibmaschine …, setze mich in eine Ecke und schreibe. Ich schreibe Texte für Sie, es sind Unikate und Kunstobjekte, wunderbare Erinnerungen. Ich komme an  Vernissagen, Familienfeiern, an Festivals, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Firmenfeiern, Plattentaufen und so weiter. Ich schreibe literarische Porträts der Gäste, mache eine literarische Dokumentation der Ausstellung, verfasse Gedichte, Briefe und Geschichten für alle. Man kann mir zuschauen und mit mir reden. Ich bin auch nett.»

zum Webauftritt des Literaturdiensts

Webseite Ruth Loosli

Ruth Erat «Im Meer treibt die Welt», Waldgut Verlag

Menton, eine Stadt an der Côte d’Azur im Spätherbst. Moritz Wandeler, selbstständiger Anlageberater, alleinstehend, nimmt sich auf unbestimmte Zeit ein Zimmer in der heruntergekommenen Pension „Vue Sur la mer“. Ein kleines Zimmer mit Meerblick; ein Bett, ein Stuhl, ein Schrank. Er ist ausgestiegen. Ausgestiegen aus dem Zug, ausgestiegen aus seiner Welt, ausgestiegen aus seinem Trott.

Ein Mann standet. Er nimmt sich fast ohne Gepäck ein Zimmer, schaut aufs Meer und die Menschen in der Stadt, spaziert und lässt in seinem Bewusstsein Erinnerungen, Gedanken, Geschichten, Legenden branden. Gedanken eines Menschen, der sich nicht vom Fremden ablenken lässt. Das Smartphone ohne Akku, den Laptop im Zimmerschrank weggesperrt. Was ihn wegträgt, ist das Eigene, das was aufkommt, wenn man sich mit einem Mal Zeit und Raum gibt und lässt.

„Es war nicht zu bestreiten, Wandeler fühlt sich zunehmend wie an den Rand gespült.“

Und wer sich an den Rand gespült fühlt, von den stetigen Brandungswellen des Alltags, wenn ihn das Wasser nicht mehr erreicht und er auf der Mole, dem Fels liegenbleibt, dann sieht man das Branden mit einem Mal aus der Distanz, ist nicht mehr Teil davon.
Ruth Erat lässt offen, warum sich ihr Protagonist in jene Situation brachte. So wie es im Leben oft offen bleibt, warum ist, wie es ist. Ruth Erat will nicht erklären, nicht ergründen. Sie geht mit Moritz Wandeler mit.
Je mehr sich Wandeler seinen Gedanken, seinen Erinnerungen hingibt, desto mehr verliert er sich, setzt sich von seiner Umgebung ab, wird zum Sonderling.

Die einzige Person im Leben Wandelers, die er an den Stand, an den Ort am Meer mitnimmt, ist seine Mutter. Schon lange gestorben. Eine Malerin, von der er die Namen und Gerüche der Farben noch immer in Ohren und Nase hat, von der er gelernt hat, die Dinge auch anders zu sehen. Wie sie sang, französisch. Er kauft sich ein Heft und beginnt zu schreiben, im Zimmer oder auf der Bank mit Blick aufs Meer, manchmal Gedanken, manchmal auch nur die Farben, die Gerüche.

Und dazwischen immer wieder das Wort „Assez“, als wolle sich Wandeler vor der Auflösung schützen, dass ihn einer der Brecher zerschlägt, dass ihn Erinnerungen und Gedanken zurückholen, dorthin, von wo er sich mit seinem Aussteigen abgekoppelt hatte. Er macht Ordnung, Inventur in seinem Leben, legt aus. „Assez!“

Ruth Erat malt, wenn sie schreibt. Ihre Prosa wirkt wie Standbilder, ein gemaltes Bild nach dem andern. Es ist nicht die Geschichte, die vorantreibt, ein sich aufbauender Plott. So sehr Moritz Wandeler sinniert, reflektiert und seine Gedanken treiben lässt, so sehr malt Ruth Erat literarisch dichte Bilder, mischt Klangfarben, hebt mit Formulierungen Gedankengänge hervor, koloriert innere wie äussere Bilder eines Menschen, der aus seinem Rahmen hinausgetreten ist. Was wenig erstaunt, wenn man das Schaffen der Künstlerin kennt. Ruth Erat malt seit Jahrzehnten, verfasst Gedichte, zeichnet.
Ganz offensichtlich geht es der Autorin nicht darum, eine Geschichte zu erzählen. Der Text um Moritz Wandeler sind ihre Leinwände, eine lange Serie von Bildern, die sowohl von Nahem wie aus der Ferne zu betrachten sind. Wer die Erzählung „Im Meer treibt die Welt“ lesen und geniessen will, muss auf anderes neugierig sein als auf eine Story. Selbst die Figur Wandeler bleibt während des Lesens in seltsamer Distanz, erschliesst sich nie ganz, bleibt ein Rätsel. Wer sich von ihrem Erzählen mitnehmen lassen will, muss sich wie bei den Bildern der Malerin Ruth Erat hineinlesen, einlassen in eine Komposition, in ihre kunstvolle, zarte Sprache, den zuweilen mäandernden Erzählfluss.
Man bleibt allein mit Moritz Wandeler, geht mit ihm zwischen Meer und Land herum, sieht andere Menschen, ohne je wirklich mit ihnen in Kontakt zu kommen. „Im Meer treibt die Welt“ ist der Roman eines Gestrandeten, dessen Gedanken wie Brandung über sein Innerstes schwappen.

Eigen ist auch die Erzählperspektive, denn Ruth Erat wechselt von einer Erzählstimme, aus der Er-Perspektive immer wieder zum Selbstgespräch. Und dann spricht Wandeler zu sich selbst in der Du-Form, treibt sich an, kommentiert, gibt sich eine sprachliche Spur, sucht nach Sinn und Muster, nach Antworten und Klarheit.

„Kein Wunder, stellte Wandeler fest, dass der Mensch am Ende derart ermüdet.“

Und dass „Im Meer treibt die Welt“ im Waldgut Verlag von der Dichterin Irène Bourquin herausgegeben wurde, verbindet drei Sprachwelten, jene des Verlags, der Herausgeberin und jene Ruth Erats; die Welten, die sprachlich verschwistert sind, die sich nur der Sprache verpflichtet fühlen.

Ruth Erat wuchs in Bern und Arbon auf, wurde Lehrerin, studierte an der Universität Zürich und promovierte mit einer Arbeit über Mechthild von Magdeburg. Sie engagierte sie sich politisch und wurde 2015 ins Stadtparlament von Arbon gewählt. Daneben war und ist sie als Malerin, Zeichnerin und Schriftstellerin tätig. 1999 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Im gleichen Jahr erschien bei Suhrkamp ihre Erzählung «Moosbrand». Ruth Erat ist Verfasserin von erzählenden, lyrischen und dramatischen Werken, zeichnet, malt und gestaltet Installationen.

Rezension zu «Zum Trocknen aufgehängte Flügel» (Waldgut Verlag) auf literaturblatt.ch

Webseite der Malerin und Autorin

Beitragsbild © Ruth Erat «Zum Rand hin», Gouache und Kohle

Lea Frei zeichnet an den Solothurner Literaturtagen

Lyrikerin «Auch Götter haben Gärten»
Schriftsteller, Lyriker «Mund und Amselfloh»
Moderator und Autor
Ruth Schweikert, Schriftstellerin «Tage wie Hunde»

Viola Rohner, Schriftstellerin «42 Grad»
Rolf Hermann, Schriftsteller «Flüchtiges Zuhause»
Tim Krohn, Schriftsteller «Julia Sommer sät aus», «Engadiner Abgründe» (unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder)
Katja Alves, Moderatorin und Schriftstellerin

Auf dem Beitragsbild von links nach rechts: Donat Blum (Moderator, Schriftsteller «Opoe», Micha Friemel (Schriftstellerin und Preisträgerin des OpenNet Schreibwettbewerbs 2019), Ruth Schweikert (Schriftstellerin «Tage wie Hunde» 2016 Trägerin des Solothurner Literaturpreises), Ralph Tharayil (Schriftsteller, arbeitet an seinem Debütroman) und Rolf Hermann (Schriftsteller, Lyriker «Flüchtiges Zuhause»)

Alle Zeichnungen © Lea Frei (lea.frei@gmx.ch)

Elisabeth Wandeler-Deck «Visby, Coda, aus Teil a»

Wo, von hier aus

gesehen, liegt Gotska Sandön, die Gasse, leer, ohne Mensch nicht wahr, menschenleer, da hin, die Aussicht, sommerweise ein Kunst zu fliehen, so das Licht, jetzt, ein kalter Wind geht, mitten im April, so etwas von klarer Luft, murmelt sie und zieht den Mantel über die dicke Jacke, ich denke mir das so aus, dazu vorbeihüpfende Dohle, das Gras liegt vor. Schnappe mir den Satz, so hingekritzelt, kaum hör ich‘s, reihenweise, die reihenweisen Wetterbezeichnungen, die Zimmer, exzerpiere aus dem Merkheft, den Rosinenkönig liegen lassen, eine Kunst, zu fliehen, was gilt, bleibt offen, wie denn, ich studiere die Fensterverschlüsse, während der Morgen noch anhält, besser ein Foto nehmen, davon, mich überliste, ein Huhn schlachte, um den Affen einzuschüchtern, zu betören mich, ich erinnere nicht, woher ich dies habe, keine Gelegenheit greifbar, leider nicht Ort nicht Zeitpunkt, leider nicht Umstände, ohne Traum schlafloses Erwachen im Traumdrin Rot, eine Ordnung Frau in rotem Kleid, dann so, und konnte nichts dran anknüpfen, döste vorwärts zurück, treffe Anstalten. Bin Gast. Sage lampisteries wie oft ich diese Nacht das Signal der Barriere etc. meines Bruders gedacht, wie er in seinem haitianischen Bad, auf dem WC hockend, in Atemnot, grässlicher Hinfall in den Tod hinein als ob ich ein Foto gesehen hätte davon und die liebe Lovely von ihrem haitianischen Ort her am Telefon mon Christian weinend soll das so stehen bleiben mache erneut Anstalten schaue vielleicht nordwärts möglicherweise in Richtung Gotska Sandön kompasslose Situation eines Flurnamens die Uhr geht gegen Mittag wiederhole lampisteries, j’ai perdu le nord füge mich ein. Auch Angstintarsien. Das helle Blau von Sternhyazinthen, einmal auch Leberblümchen erhascht, kaum war ich an der Sommerwohnung vorbei und wieder in der grösseren Strasse. Auch von hier aus, ein Meer, schwarzblau, sammle Blautöne von Blaumeisen möglicherweise Blåtitt Reminiszenz isländischer Blaumeisenerkundung etc. entspräche im Schwedischen dem Ausdruck Blåmes, so Mirjam später, muss nachsehen, lüfte mein Torkelbett führe meine Errundungen weiter einer Grammatik zu etc. um acht dann das Glockenspiel, das ich heut nicht verpassen etc. und geteilter Satz.

Das reine Vergnügen

liege im „und“; es werde vom „um zu“ bedroht. Da will eine eine Volontärstelle bei der kühnsten amerikanische Feuilletonredaktion. Wie hatte ich das gemacht. Singe dir mein Schleiflied. Sturmdurchtrieben, kann das gesagt werden, eine Sturmdurchtriebenheit erinnern, Regen, ich und ich rasteten im Donners Brunn und sagten es. Mischte kurzfristiger meinen Himmel. Da kommt Herr Östborn, aber nicht doch. Setze Wetter ein, den Wetterschutz also Regenhut etc. „strahlend blauer Himmel“ wir rufen einander zu in „Wiesen blühen“ weisse Sternhyazinthen, von nahem am Weg besehen sind mancherorts manche doch eher Anemonen, ich bin verblüfft zu zweien je ich und ich eine Jahreszeit erstmals und im Rund gesetzte Steine zur Gasse hin halten das Erdreich. Wir sehen Scilla einzeln in grossen Gruppen, Felder beinah bildend, ein Gedränge von Blau, das blaue Blau. Es war eine Frage an Sten, sage ich zu T. oder M. oder L., die blauen Blumen im Gras, die Rosenstöcke überall an den Häusern, im abgetreppten Garten oberhalb der Kathedrale Domkyrkan Santa Maria erinnere die lateinischen Worte den Gesang das Nachhergehen. Gehe spazieren, gehe Kaffee besorgen etc. Kann den Schatten deines Liederschädels an den Hausmauern nicht verkennen Spatzenschwatzen Dohlengeschrei auch Möwen sehr still ist es hier so, dass ein einzelnes Geräusch interessant etc. Um zwei vor dem Kunsthaus, wo die gelbe Bank steht. Vor Wind schützt die Stadtmauer, die Gartenmauer, hoher Bretterzaun, nichts schützt vor Wind, was das Meer herträgt, trennt Land von Stadt die Mauer trennt ist Rand und wiederum Rand die Mauer dem Land zugehörig, Strand und Land, die weissen Sternhyazinthen habe sich dem geübteren Blick als Anemonen bewiesen, picken Dohlen, keine Korrektur, oben neben oben seitlich das „und“ der Wiederholung, schon jetzt, wieder, Elfengalopp über Grün, genauer anzuschauen, was da aufgeblüht etc. will die Stadtmauer, die Adelsgatan, der Südplatz, die Viertelstunde, die Viertelstunde, das Südtor, die Südmauer, das mittlere Tor, die Ostmauer, die Ringeltaube, die rote Bank, die rote Bank, das Cursorspringen, der Zwischenhalt am Schreibplatz, das Reihen am Bildschirm, ähnlich unsern Buschwindröschen, Foto gemacht, wie geht das vor sich, man empfiehlt als Regenhut einen Sonnenhut, keiner benützt hier Regenhüte, lausche dem Carillon lausche, wie das Spielbrett die Glocken zu Klingen, entzückter Stillstand im Frühwind, grüne Brandung, dann Reihen schwarzblau. Aufgeschäumter Wellengang. Reihe das „und“ um. Ziehe den roten Pullover über. Memoriere den Namen der finnischen Schriftstellerin, suche den Wohnort des estnischen Dichters, dessen Namen ich mir aufschrieb, suche das Haus der gotländischen Klavierlehrerin auf, lese Bäckers-, Musikhandelsbezeichnungen, errate den Sinn von Hinweisen, bitte um einen doppelten Espresso, weise auf ein Kardamomgebäck etc.

Die Adelsgatan geht

vom Wallérplats zum Söderport und weiter hinaus geht sie, sie geht in angenehmer Weise lange. Das Musikaliengeschäft öffnet um zwölf, es geht gegen elf, ich sehe die Instrumente, da sind sie, die Gitarren. Was ist nun mit Roubaud, Jacques. Sommers, so Sommer, den Insekten lauschen, oder M. auch Luftiges, auch in Gold das Abbild eines Insekts, dies zu Sjöberg, zu Frederik Sjöberg. Einer liebte Schwebfliegen. Er kennt die Arten. Er lässt die Sätze schweifen. Als ob ein Ich ein Ich repräsentierte. Auch Fragen Grammatik eines Entdeckens. Was tun nun mit Roubauds Tokyo hier im Visby, wenn sein Buch in Affoltern liegt. Eine liebte die Grammatik, in ihrem Fall war es die der finnischen Sprache, eine wunderte sich den schwedischen Namen entlang und sprach sie hübsch englisch nach. Was ist ein Satz hier in Visby. Die wichtigsten Einkaufsstrassen sind die Adelsgatan vom Söderport bis zum Wallérplats und die St. Hansgatan, beide jeweils mit überwiegend kleinen Läden, so ca. erinnere ich mich gelesen zu haben, Kleidung, Kunst, Souvenirs, mit Sportartikeln, mit Cafés, Restaurants, Imbissstuben. Weitere Geschäfte finden sich am Österväg ausserhalb der Stadtmauer. Da gehe ich gleich wieder hin, da gehe ich heute gewiss nicht hin, da muss ich diesen Morgen noch hin, bevor der Regen einsetzt, vermutlich der starke Wind etc. da gehe ich dieser Tage wieder hin, gleich muss ich hinaus und hin, eventuell erlausche sie das Glockenspiel, wenn Mittag ist. Morgens um acht Uhr erlausche sie die Klänge des Glockenspiels. Genau lausche sie auf die Klangreihungen abends zur genau täglichen Abendzeit. Mit den Füssen stimmt etwas. So Farhad Showghi. Ich umgehe die Baustelle, wundre mich über das Treiben der Grammatik, nehme den Weg, der innerhalb der Umfassungsmauer so leicht dahinhinkt. Der kleine Mann mit den freundlichen grünen etc. Augen grüsst heute gern Ich gehe niemandem entgegen, was mir dabei entgeht. Hier geht kaum eine vornübergeneigt. Starker Wind geht jeweils. Was ist mit Nennen. Einer Art Strandläufer den Weg abgeschnitten bzw. mit ihm geschritten unten beim Meer, ich auf den Kieseln, er in der Wiese unter den laublosen Bäumen. Nein, keine Elster, könnte sagen elsterfarbener Strandgänger, so Namen gebildet im Namenlosen meines Unwissens, möglicherweise weiterhin etc. Foto eines ebensolchen Strandläufers gefunden ein Bewohner der Galapagosinseln wie das wie wer wohin etc. Nichts von Scharen und kein Gedränge, vielleicht in eine andere Wagnis eintreten, so sie etc. einer Zeitverfugung mag sein ein Angebot um zu. Man sehe gerne zu, wie sich der Abend ins Meer also das Spektakel des Sonnenuntergangs geniessen, wir genossen, sommers, die Schau des Sonnenuntergangs, von der langen Bank aus, gleich erheben sich alle wieder, und wenden sich vom sonnenleeren Horizont weg, gehen, gehen, sie gehen stadteinwärts. Man denkt sich halt so manches aus für „und“ tiens ferme mon parapluie und ich lege meine Kleider jemandem auf den Esstisch im Ziegen-, also Zeitenflug Herzenserschöpfungen eines Bruders. Die Schafe hier zu Lande zeichnen sich durch ebenmässig graue Wolle aus.

Setze Wettermethoden

ein, bei versagendem „um zu“, täglich eine Alltäglichkeit, wir üben. Uns ein? Quatsch. Täglich eine Stunde üben, so geht die Regel, so geht gehen in passenden Schuhen. In zu den Belägen, den Strassenbelägen passenden, für die gesetzten Steine, die breiten und anstehende, für die kleinen Pflastersteine, für die steilen Treppen passenden Schuhen, weicher Auftritt, federnder Schritt des kleinen freundlichen Manns vom Rand einer Welt, ich muss jetzt, muss gleich weg, schlüpfe in die schweren, leichten Winterschuhe, gerade wieder passen sie, mag ein Kirchgang anstehen auf dieser Insel, finde aufspringende beinah schon Kirschblütenknospen, gelingender Wirrwindversuch, aprilisch, stecke mein Notizbuch weg, sie erkunde die Grammatik, so Kersti Juva in ihrem Falle ist es diejenige eines britischen Sprechens im finnischen und woher denn und was der deutschen Sprache die Vorsilben sind der finnischen etc., heute leicht bedeckter Himmel, kaum Wind treibt triftigen Grund. Sie liebe in Grammatiken, so Kersti Juva wiederum, englischen, britischen, finnischen, nachts, und nachts in jedem Fenster ein Nachtlicht scheint und über die Gasse in die gegenüberliegende Wohnung leuchtet. Das Gewürz eines Ortes entstehe im „und“. Einem Lichtstreifen hinterher, wie Flüstern, „das war einmal“. Vor dem Haus weiden zwei Elstern. Ihr Bau aus harten Zweigen zuoberst eher auf als in der Baumkrone schwingt weit aus im steifen Frühlingswind, während beinah unbewegt die kahlen Äste mit ihren kahlen Zweigen etc.

Setze Wetter

um in Methode, wie kann das gehen, wollte in den Morgen hinein schlafen. Car, n’est-ce pas, il pleut. Singe mir deinen Schlingsang, kann deinen Fliederschädel vor den Mauerflächen zwischen den hellen Fenstern nicht erkennen.

Kaum

etwas. Kaum noch Helle. Verbliebener Schutzraum flüstern, nicht wahr, nichts, beinah nichts, das Flügelschlagen eines Nachtvogels als ein kleines Rauschen vielleicht Lustgärtlein. Kaum Windstille. Die Luft muss, sagt sie, hier sehr rein sein, von Partikeln entblösst. Luft. Ein Flüstern, kaum noch. Früher Morgen, Sonnenaufgang. Morgenanbruch, kaum, vier Uhr noch kaum. Morgenstille, kaum Stille, nichts beinah, ein Nichts von Stille, wie das sagen, so sie dann gegen Mittag am Hafen. Wetter, sagt sie, was hier Wetter ist, „Wetter“ = „väder“, also hier ausgesprochenes Wetter, Inselwetter in Inselsprache, erschreckt sie (oder M. oder Tommy) dieser Nordwind, kalter Frühling, bodennah bloss, dieser Frühling hier, jetzt, blåsippor ruft sie, überzieht die ganzen Böden, wäre es Waldboden, wären es Leberblümchen, eine Ähnlichkeit postuliert zu Leberblümchen, hüpfender Cursor, Kaninchenkot also die Kügelchen, eine militärische Zone zu betreten fotografisch also vor dem Übertreten eines Verbots etc. dann wieder Scharbockskraut, im Gras, unter ähnlichen, behaupte Ahorn, provisorische Baumbenennung, Cursorblödheiten bewirken aleatorisches Buchstabengewimmel, dagegen die Pflanzennamen zu finden versuchen, mannigfaches Fragen, Erraten, Scilla, warum nicht, Primelgemenge, auch die pelzige Anemone, man hätte ein Feuer entfachen können, wäre hier jemand gegangen, sie postuliert alte Zeiten, in alten Zeiten, ein Mittelalter, eine Vorzeit, Vorfelder im Nachhinein, damaliges, ja, jetziges Jetzt, „und“ „um zu“, wir treten die Kiesel in die Brandung, einen, mehrere, in kleinem Rudel sind wir da und da und da, zwecklos, das Wörterbuch jetzt noch zu öffnen, ruft Wikipedia. Denn gewiss ist nur, dass färöische Wort veður von altnordisch veðr „Wetter, Witterung“ stammt. Die weitere Etymologie ist germ. *wedra-, *wedram „Wind, Wetter“; idg. *uedhro- „Witterung, Wetter“. Demnach ist es mit deutsch „Wetter“ urverwandt. So wanderten wir zu viert in Tarkowskijs Steppengelände beim Leuchtturm herum und sahen Fischer im seichten Wasser stillestehen. Einer erwähnte presque rien eine wusste nichts davon wir lauschten. Versuchten uns in Gegenwarten. Einmal fragtest du mich nach dem Sinn von Wetterworten in meinen Schriften, woraus ich eben vortrage die aufblühenden singenden Nordwinde, flatterte mich, also flatternde Stimmbänder mir gaukelte Gegenwart baumelst mich in Ungewissheiten. Doch diesmal habe ich dir neue Orte gefunden, sage ich zu T. oder M. oder L.,  und es ist anderer Frühling, weisst du, d.h. eher wie bei dir in den Bergen, was meinst du, Zeit. Diese hüpfende seufzende Zeit aus Raum geradeaus Fuss um Fuss gesetzt über asphaltierte Steppenhaftigkeit klirrte meinen Schlüsselbund man stellt hier kleine Lampen auf die Simse und Kommödchen hinter die Fenster zur Gasse und lässt sie die ganzen Nächte an.

tiens ferme

apropos sonniges Visby. Habe grad gesehen, wie mein springender Cursor wieder einiges anrichtet. So selbstverständlich ist es nicht, in dieser Jahreszeit ein Kaffeelokal geöffnet zu finden, denn vieles ist jetzt geschlossen, auch manche Restaurants sind zu, auch manche Läden, oder sie öffnen nur am Nachmittag, es ist sehr still, die Menschen sprechen leiser als im Sommer. Die Fähre wird jetzt, sieben Uhr 34, abgelegt haben. Die seufzenden Rahen wie sie sich paarten auf dem Wiesengrund die erregten und nachlässigen Strandläufer und dann piepsten horchte der Vogelsprache zu, lange Horchplauderei, stand im Plauderlauschen, freute mich komparatistisch der aufgeblühten Traubenhyazinthen im Schatten schlief etc. Warum nicht das Heulen der Kettensäge, ich erinnere mich dran, wie es aus dem Wald klang, während wir unsre Instrumente im Haus oberhalb Vira. Die andern verschriftlichten Vokalisen? Vögel? Vielleicht 1 Dohle? Bergdohle? Hier in Visby sind viele, jedoch nicht Berg-, Dohlen. Nein, laut nur vor dem Ohr, schreibst du, das muss eine Stechmücke sein. Die andern Buchstabenfolgen falls Vögel, weiss ich sie nicht zu benennen, sage ich zu meinen kaum erwachten Füssen. Hier gibt es Blaumeisen, Amseln, verschiedene Möwen, Elstern, Ringeltauben und auch kleinere Tauben, unseren Stadttauben ähnlich, ein Vogel, fast eine Bachstelze, ein elsternfarbiger Strandläufer dieser Name aus einer Namensversuchung im Unbekannten, ist von mir, sage ich rascher, möchte dich anfassen. Sah die die Waldböden schimmern lilablau von Blåsippar oder ins Rötliche gehende je nach Lichteinfall Leberblümchen, sah auf den Wiesen Flächen mit Scilla, andere mit Blausternen (M.), einer Art Anemonen, die unsern Buschwindröschen ähneln, so T. vet. Tommy möglicherweise in der Stadt erste Bäume mit dicken Knospen. Die Rosen an den Hausmauern sind schon weit mit der Entwicklung ihrer Blätter. Das zum Frühling hier mitten in der Baltischen See erstaunliche Beschreibungslust diesmal, Wollsocken, das ist ein Wettlauf gegen die Zeit Nebensatzablagerungen. Dir vom Grünen zu kosten etc. Wunschtraumhaftigkeiten des Buchstabenspringens was kann ich da Weisssternerblickerin betrachtete Abbildungen also antworte dir rasch als momentane Schwebefliegenbetrachterin die Klangrätsel sind schwierig zuerst dachte ich an eine Hummel, schrieb T. gestern. Stehe an füge mich dir in die Schlange der Wörter.

Elisabeth Wandeler-Deck  (1939) studierte zunächst Architektur. Von 1972 bis 1976 studierte sie Soziologie und Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Nach einer Ausbildung in Gestaltanalyse begann sie mit dem Aufbau einer psychologischen Beratungsstelle für Frauen sowie einer Praxis in Zürich. Als Schriftstellerin pflegte sie nach ersten lyrischen Versuchen Ende der 1960er Jahre die Verbindung von Text und Musik. Sie arbeitete mit Komponisten und improvisierenden Musikern zusammen und realisierte bei Lesungen und Auftritten eigene Konzepte als improvisierende Musikerin (Vorlesestimme, Klavier, Gitarre). Sie war Mitglied der Gruppe Interco, gehört dem Improvisationsquartett bunte hörschlaufen an und beschäftigt sich auf verschiedene Weise mit Instant composing. Ab 1998 arbeitete sie im DamenDramenLabor (DDL) mit und entwickelte diverse Theatertexte. In Zusammenarbeit mit Urs Graf und Alfred Zimmerlin entstand 1993 der Film Die Farbe des Klangs des Bildes der Stadt. Für ihre schriftstellerischen, insbesondere ihre lyrischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Stipendien und wurde mehrfach ausgezeichnet.

NZZ Bücher am Sonntag:
Zwei Monate verbrachte die Zürcher Autorin Elisabeth Wandeler-Deck gegen Ende des Jahres 2007 In Kairo. Jeden Tag ihres Aufenthaltes dokumentierte sie akribisch mit einem Text und einer Fotografie. Bild und Text stehen daher in einem lebendigen Dialog. Die tapfere kleine Edition Howeg hat es nun gewagt, das Projekt, das ursprünglich nur für das Internet gedacht war, in eine Buchform zu bringen – und sogar in eine überaus anmutige: kleine Auflage, Klappenbroschur, Fadenhaftung, alle Exemplare signiert. Der bibliophile Band erscheint rechtzeitig zu 80. Geburtstag der Autorin, die uns auch als improvisierende Musikerin vertraut ist. Wolfgang Malte Fues, der von 1994 bis 2011 als Extraordinarius für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft sowie Medienwissenschaften an der Universität Basel wirkte, hat ein erhellendes Nachwort zu dem schönen Band beigesteuert.
Gundula Ludwig

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