Sprachsalz: Vladimir Sorokin » Manaraga Tagebuch eines Meisterkochs», Kiepenheuer & Witsch

2037: Das Weltgefüge hat sich nach globalen Kriegen verändert, der Kampf für Gottesstaaten ohne Ende, die Lust nach Zerstreuung ohne Ende und Bücher bloss noch Brennmaterial für ausgefallene Gastronomie der Superreichen und ewig Gelangweilten. Vladimir Sorokin schrieb eine Mischung aus Dystopie und Satire, einen Roman, der vor Witz und Seitenhieben sprüht, das Tagebuch eines von sich selbst Gefangenen.

Vladimir Sorokin erschien nicht – krank. Aber weil ich mich als Leser seiner Bücher lesend auf den Abend an den Sprachsalz Literaturtagen in Hall vorbereitete, veröffentliche ich meine Leseeindrücke als Referenz an den Abwesenden, nur schon als Respektbezeugung davor, dass da einer im Sprachenkampf gegen einen totalitär-autoritären Herrscher respektlos ehrlich bleibt.

Chefkoch Géza hetzt mit seinem Koffer von kulinarischem Hotspot zu Hotspot. Schaschlik vom Stör auf dem Idioten, Hammelschulter auf Don Quichotte oder Thunfischsteak auf Moby Dick. Géza ist Meisterkoch für Book ’n’ Grill, jettet von Kontinent zu Kontinent, kassiert für ein Kunststück, eine „Lesung“ auf einem Grill gerne 10000 Pfund. Wirklich gelesen wird schon lange nicht mehr. Ist auch gar nicht notwendig, denn wer die nötigen flüssigen Mittel zur Verfügung hat, leistet sich elektronische Flöhe, die in den Ohren eingelassen flüstern, was wissenswert ist, selbstredend auch das, was in Büchern steckt. Mit der weltweiten Cloud vernetzt scannen die kleinen Dinger im Kopf alles ab, antworten auf Gedanken, kommunizieren gar. Géza braucht daher auch keine Freunde mehr, allerhöchstens die eine oder andere weibliche Haut, wenn nicht real, so doch zumindest per Order als Traum in seinen Kopf. 

Bücher werden keine mehr gedruckt, höchstens Banknoten. Und weil man dem illegalen Genuss der Reichen einen Riegel schieben will, weil die Bibliotheken auf der ganzen Welt gerupft werden, steigen die Preise für Nachtigallen auf Puschkin, Pferdenüsse auf Majakowski oder Kalbsnüstern auf Pasternak ins Unermessliche, nicht zuletzt für die Kosten derer, die auch nicht vor Blut zurückschrecken, um an die Erstausgaben zu kommen. Géza ist stolz und selbstbewusst, schimpft jene Naiven, die glauben für seine Kunst brauche es keine besonderen Fähigkeiten, „jeder halbwegs versierte Koch könne ein Steak auf den Nackten und den Toten braten“.

Aber seine Welt wankt, als er durch einen verschlüsselten Code zu einer Sondersitzung der obersten Gilde der Edelköche gerufen wird, an irgend einen verborgenen Ort der Welt, geschützt von bis an die Zähne bewaffneten Securityleuten. Die Gilde ist bedroht, den kopierte Massenware bedroht das millionenschwere Geschäft, den sicheren Platz in der Welt der Uperclass. Am Berg Manaraga baut ein Abtrünniger eine gigantische Maschine, mit der sich hunderte absolut identische Einzelstücke unbegrenzt vervielfältigen lassen. Und weil der Gilde alle erdenklichen Mittel zur Verfügung stehen, soll Géza als Auserwählter zusammen mit einem Sonderkommando zum grossen Schlag ausholen.

Vladimir Sorokin spielt mit Sprache, Geschichte, Zukunftsängsten und all dem, was schon in der Gegenwart schräge Züge entwickelt. Genuss ist alles, das Leben ein Spielplatz. Kunst ist Spektakel, die Literatur nur noch die Glut für Fleischeslust. Da taucht im Roman auch mehrfach Tolstoi auf, der dem Original zum Verwechseln ähnlich sieht, einmal riesengross mit einem kleinen Mammut in seinem Gepäck oder in Originalgrösse auf einem Schloss mit Frau, Tochter und einem eben erst fertig geschriebenen Manuskript, das für Möhrenfrikadellen herhalten muss. Überhaupt ist der Roman ein Schaulaufen verquerer Figuren und Szenerien, voller Anspielungen, Metaphern und Seitenhieben, nicht zuletzt gegen die postsowjetische Literatur.

Ein grossartiges Literaturspektakel über Literaturspektakel der besonderen Art. Aber kein Buch für „Geschichtenverliebte“- eben ein Tagebuch.

© Maria Sorokina

Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie «Die Schlange», «Marinas dreißigste Liebe», «Der himmelblaue Speck» und zuletzt «Der Tag des Opritschniks», «Der Zuckerkreml» und «Der Schneesturm». Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman «Telluria». Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Saskia Luka «Tag für Tag», Kein & Aber

Es bricht über Maria herein! Es stirbt ihr Mann Georg, urplötzlich, wie aus dem Nichts. Dann holt sie ihre alt und müde gewordene Mutter Lucia aus einem kleinen kroatischen Bergdorf, das sich immer mehr und mehr entvölkert. Und zuschlechterletzt bricht ihre noch nicht volljährige Tochter Anna die Schule ab und vergräbt sich in ihrem Zimmer.

Ein Frauenroman? Mitnichten, wenn es diese überhaupt gibt. Ein Generationen-, Familienroman, ein Heimatroman der ganz besonderen Art, ein Abschiedsroman, ein Entwicklungsroman, ein Roman einer noch jungen Autorin, der hellhörig macht, weil da jemand schreibt, der es versteht, ganz verschiedene Lesarten einer Geschichte anklingen zu lassen. Ein Roman, der durch seine behutsame Sprache besticht, die Art, wie die Autorin mit grösster Zärtlichkeit Personen, Gegenstände, Landschaften und Situationen beschreiben, als würde sie mit der Hand sanft über das Beschriebene schreiche(l)n.

Maria, die als Kind Marija hiess und in dem kleinen Dorf in Dalmatien aufwuchs, lebt als Künstlerin schon lange in Deutschland, nabelte sich einst ab von einer Kindheit am Rande eines Krieges, eines Krieges, der den Tod bis in ihre Familie brachte. Zusammen mit ihrem Mann Georg kaufte sie sich in Bayern ein Haus, renovierte es gemeinsam mit ihm, um dieses Zuhause in dem Moment wieder zu verlieren, als das Herz ihres Mannes völlig unerwartet aufhört zu schlagen. Wieder bricht der Tod in ihre Familie ein. Was sich wie Heimat anfühlte, droht zu entgleiten. Noch mehr, als sie sich gezwungen fühlt, ihre Mutter aus dem leer gewordenen Dorf in Kroatien zu sich zu holen, eine alte Frau mit Kopftuch, klobigen Schuhen und mehreren Röcken übereinander, eine Frau, die kein Deutsch versteht und sich zu Beginn ihres Exils im Haus ihrer Tochter weigert, das Wasser aus dem Hahn zu brauchen. Was sie ein Leben lang für das einzig Richtige hielt, tut sie weiterhin. Sie holt das Wasser im Garten.

„Ich habe damals gedacht, das alles hat nichts mit mir zu tun. Es hat alles mit uns zu tun.“

So sehr sich Marias Mutter von ihrem Zuhause entfernte, so sehr entfernt sich ihre Tochter Anna. Beide schweigen sie zeitweise und lassen Maria alleine. Alle drei sind sie entwurzelt; Lucia von ihrem Dorf in den Bergen, Anna von ihrer Herkunft und den Schienen in die Zukunft, Maria von ihrem Mann, der ihr ihr Zuhause war. Manchmal zieht sie sich ins Zimmer ihres verstorbenen Mannes zurück und schreibt Briefe an ihn, die sie an die Adresse jenes Hauses in Kroatien schickt, in ein leeres Haus.

„Manchmal ändert sich alles an einem einzigen Tag.“

Saskia Luka schildert mit grossem Einfühlungsvermögen, starken Sätzen und dem sicheren Gefühl für Komposition das Leben dreier Generationen unter einem Dach. Die Tochter Anna sucht nach Antworten, einem guten Weg aus dem Dämmerzustand von Trauer und betonierter Rolle in der Familie. Maria sucht den Stand, nachdem ihr der Tod ihres Mannes den Boden unter den Füssen weggerissen hatte, den Ort, an dem sie Wurzeln schlagen kann, Ordnung in einem Leben, dass sich im Chaos eines Dreigenerationenhaushalts aufzulösen droht. Und Lucia, die Mutter und Grossmutter einen Weg, mit Würde das zur Last gewordene Leben zu verlassen. Ein Abschiedsroman, weil Anna weg will, Maria das Leiden satt hat und Lucia sterben will. Im Haus der drei Frauen entwickelt sich eine ganz eigene Dramatik. Maria steht zwischen Tochter und Mutter, zwischen einer jungen Frau, die ausbrechen will, die autonom werden will, frei von Erwartungen und einer alten Frau, die sich immer mehr einer Welt verweigert, die sie nicht mehr interessiert.

„Das Trauerwetter hatte Verwüstungen hinterlassen, aber sie lebte noch.“

Es ist, als ob die Schriftstellerin Saskia Luka in viel kräftigeren Farben sehen würde als ich. Ohne es der Leserin und dem Leser auf die Nase zu binden, erzeugt sie mit ihrer Sprache genau das: Farben, Farben!

Ein Interview mit Saskia Luka:

Ein fast verlassenes Dorf in Dalmatien, ein Dorf in Bayern. Während das eine zerfällt oder durch EU-Zuschüsse entstellt wird, scheint das andere tief in der Zeit verankert, Häuser wie Festungen, in denen Dramen kaum nach aussen dringen. Die Tochter Anna will ausbrechen, sich Normen entgegenstellen, die Mutter Lucia sich dem Tod stellen. Lieben sie Gegensätze? 

Ich liebe die Frauen des Buchs, weil sie so menschlich sind. Sie tragen viele Seiten in sich, sie verändern sich, sie sind widersprüchlich, sie tun, was sie können, sie nehmen sich Raum für ihren Schmerz, sie sind verletzlich. Sie kommen gerade nicht sehr gut miteinander zurecht, sie sind unterschiedlich, aber sie halten das auch aus. Sie begleiten sich, trotz allem, trotz aller Unterschiedlichkeit. 

Maria ist nach dem Tod ihres Mannes herausgerissen, heimatlos. Ihre Tochter distanziert sich, genauso wie ihre Mutter, nur in gegensätzlicher Richtung, obwohl sie diese doch zu sich nach Bayern genommen hatte. Ihr Roman beschreibt die Suche nach Heimat, die Sehnsucht nach einer Ordnung, mit der man leben kann. Sie leben in Berlin und auf der dalmatinischen Insel Brač. Hat ihren das Schreiben Antworten gegeben? 

Ich denke, es hat Auswirkungen gehabt, dass ich Tag für Tag hauptsächlich auf einem Friedhof geschrieben habe – eigentlich war ich auf der Suche nach einem ruhigen Ort – ich war glücklich in der Naturvielfalt mitten in der Stadt, ich habe die Jahreszeiten bewusster erlebt und zwischen den Grabsteinen plötzlich ganz andere Fragen gestellt. Das Schreiben ist mein Weg, mich mit mir und der Welt zu verbinden und natürlich gibt es Antworten.

Maria kehrt zurück ins Dorf ihrer Familie, zurück zum Friedhof, wo ausser Georg ihre Toten liegen. Wenn sie in Deutschland auf dem Friedhof sitzt, meist nicht einmal dort, wo ihr Mann Georg begraben liegt, ist das ein ganz anderer Friedhof. In Dalmatien spiegelt sich das Leben in den Namen auf den Grabsteinen und Kreuzen. In Deutschland in den Begegnungen, vor allem in der Begegnung mit Adam, der im Roman die Rolle des wahren Freundes übernimmt. Sie berühren in ihrem Roman den Krieg immer wieder, schildern den Tod als immerwährenden Begleiter. Lehrt Sie die Geschichte, den Tod mitzunehmen? 

Ich war selbst überrascht, als Lucia – die Grossmutter in meinem Buch – starb und ich erinnere mich, dass ich geweint habe, als ich die Zeilen in den Computer tippte, Lucia den letzten Atemzug tat und tot war. Dann bin ich spazieren gegangen und habe meine Kinder vom Kindergarten abgeholt – und während ich dies hier schreibe, frage ich mich, ob ich erzählen sollte, dass ich um meine Romanfigur geweint habe. In solchen Momenten weint man um alles, einen geliebten Menschen, einen vergangenen Tag. Berührt zu werden ist, was uns lebendig macht und der Tod ist keine Drohung, er ruft uns zu: Lebe!

Maria baut zusammen mit ihrem Mann ein Haus um, macht es zu ihrem Nest, zum Nest einer Familie. Am Schluss ihres Buches reist Maria ins Dorf ihrer Mutter und baut auch dort das Haus um, rettet es vor dem Zerfall. Muss man Häuser bauen oder Familien gründen, um zuhause zu sein? 

Nein, natürlich nicht. In beiden Fällen baut Maria kein Haus – sie erhält sie, bewahrt sie. Das Haus ihrer Familie in den dalmatinischen Bergen würde ohne sie zerfallen und letztlich in Bäumen verschwinden. Es ist ein Ort voller Erinnerungen, den sie nun doch bewahren möchte, vielleicht für ihre Tochter Anna. Der Versuch, ein „Nest“ für ihre Familie zu bauen, scheitert: ihr Mann stirbt, ihre Tochter geht, und vielleicht ist sie am ehesten in ihrer Arbeit zuhause.

So zart die Art ihres Beschreibens, so klar ihre Sprache, so offen bleiben die Geschichten ihrer Protagonisten. Sie malen nicht aus, geben längst nicht alles preis, verknappen das Preisgegebene bis zu einem Konzentrat. Exemplarisch dafür der im Krieg gefallene Bruder Marias. Es ist, als hätten sie mich als Leser eben erst mit dem Personal eines ganzen Kosmos vorgestellt. Absicht? 

Jeder hat seine Geschichte – und wir kennen sie nicht. Wir sollten behutsamer miteinander umgehen. Gerade bin ich in ein Dorf gezogen, wo es quasi gar nicht den einzelnen Menschen gibt, er ist immer Teil seiner Familie(ngeschichte), von Generationen… Viele Leute hier wissen nicht, wie sie uns greifen und einordnen sollen, weil unsere Familien hier nicht verwurzelt sind. Wir sind fremd. Und niemand hier besitzt seine Geschichte. Andere machen sie sich zu eigen, schmücken sie aus, erzählen sie weiter. Ich lerne viele neue Menschen kennen und oft bin ich überrascht – ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich ihre Geschichte nicht kenne. 

Vielen Dank!

Saskia Luka wurde 1980 in Köln geboren. Nach ihrem Studium der Germanistik in Bonn arbeitete sie in Berlin im Bereich Presseund Öffentlichkeitsarbeit und als freie Texterin. Saskia Luka ist verheiratet und hat zwei Kinder. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Berlin und auf der dalmatinischen Insel Brač.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Linus Reichlin «Keiths Probleme im Jenseits», Galiani

Ein Versprechen aus der Vergangenheit zwingt Fred, alles stehen und liegen zu lassen, um seinem Freund Ben, der mittlerweile Promiarzt in Kalifornien ist, in Not beizustehen. Fred tut es wirklich, obwohl sein Leben nicht das eines Kompromisslosen ist. Ben fährt ihn auf eine Insel mitten im Meer. Auf eine Insel, auf der die Musikgeschichte neu geschrieben werden soll.

Fred ist Lehrer, Buchautor und bald sechzig. Einem seiner Bücher über Quantenphysik schenkte der Zufall hohe Verkaufszahlen und sogar eine Übersetzung ins Amerikanische. Fred ist Single und braucht Bildschirm und Decknamen, um mit dem weiblichen Geschlecht in Kontakt zu kommen. Seine Arbeit als Lehrer von gelangweilten Teenagern, die nicht akzeptieren können, dass sich das Universum nicht um sie dreht, ödet ihn an. Das einzige, was ihn wirklich am Leben hält, ist seine Liebe zur Musik. So lässt er sich mit seiner Coverband an Hochzeiten, Geburtstagen und Scheidungsfeten engagieren. Sein grosses Idol ist Keith Richards, Leadgitarrist und Songwriter der Rolling Stones, der Mann mit Stirnband, exzessivem Leben und einem Gesicht, in dem jede Falte ein Leben erzählt.

Ausgerechnet bei einem Date mit einer Internetbekanntschaft erfährt Fred, dass Keith Richards gestorben sein soll. Etwas, was nicht sein soll, denn Fixsterne gehen nicht unter. Aber als sich die Befürchtung bestätigt, ist Fred der Ruf seines alten Freundes von der anderen Seite des grossen Wassers gerade recht, auch wenn ihn sein Musikfreund aus seiner Coverband mit dem Ende seiner Freundschaft droht, sollte er nicht rechtzeitig zum Engagement an einer Scheidungsparty sein.
Fred fliegt und wird von Ben, dem Arzt und Lynn seiner Begleitung empfangen. Aber statt helfen, statt irgend einer Not die Stirn bieten zu können, zwingt ihn Ben, eine 5-Millionen-Schweigeverpflichtung zu unterschreiben im Hinblick auf all das, womit er konfrontiert werden wird. Auf der Insel, die nur mit Taxibooten erreicht werden kann, stehen zwei Häuser. Ein grosses und ein kleines. Und während in den Medien die Beerdigung Keith Richards in allen Einzelheiten verfolgt wird, behaupten die beiden Ärzte Lynn und Ben, dass sich im Obergeschoss des Haupthauses Keith Richard von seinem Sterben erhole.

Fred, der sich mit Fragen der Wahrscheinlichkeit auseinandersetzt, scheint es nicht verwunderlich, dass eben jene Wahrscheinlichkeit ausgerechnet sein Idol aussuchte, um ihn vor der Sterblichkeit zu retten. Aber was für eine Rettung, wenn man zu einem Leben in einer Parallelwelt verbannt ist, wenn man seiner Bedeutung als Meilenstein in der Musikgeschichte nicht ins Fundament krachen will und dieses zerbröseln könnte, wenn man der bleiben will, der man über Jahrzehnte geworden ist, nicht dieser eine, der von den Toten auferstanden ist. Was für eine Rettung, wenn man als Toter nicht einmal mehr an die Millionen auf Bankkonten herankommt, wenn man Erinnerung bleiben will, eine gute Erinnerung und kein Untoter.

«Es gibt nur eine einzige Säule, auf der das Leben ruht, und diese Säule heisst Wahrscheinlichkeit.»

Fred soll helfen Probleme zu lösen, weil Fred an die Wahrscheinlichkeit glaubt. Und Fred ist mit auf der Insel, wie sein Leben eine leere Schublade ist und sie nun endlich mit Bedeutung gefüllt werden soll. Erst recht, als Fred den Gang ins verbotene Obergeschoss wagt und sieht, dass da wirklich Keith Richards sitzt, mit den Füssen in einer Plastikwanne. Fred und Keith freunden sich an, weil irgendwann beide gleichzeitig eine Gitarre in Händen halten, für Keith genauso wie für Fred das Tor zu einer neuen Welt, einer Welt mit unbegrenzten Möglichkeiten. Beide soll die Musik retten, Fred aus seiner Bedeutungslosigkeit, Keith aus seinem Dasein auf einer Insel im Nirgendwo.

Linus Reichlin erfindet sich mit jedem seiner Romane neu. «Keiths Probleme im Jenseits» sprudelt vor Ideen und Skurrilitäten. Zugegeben, ich war mir bei der Lektüre nicht immer sicher, ob Linus Reichlin den Bogen nicht überspannt. Aber vielleicht ist das meine helvetische Lesart eines helvetischen Schriftstellers, der so gar nicht tut, womit ich gerechnet hätte. Linus Reichlin nimmt mich mit an den Pool von Jonny Depp, an den Tisch mit Don Was, dem Musikproduzenten von Bob Dylan, Joe Cocker oder Elton John, weit, weit weg von den Kleinbürgersorgen um Termine, in eine Welt zwischen Schein und Sein, zwischen Traum und Trauma.
Es braucht für die Lektüre jenen Funken Wahrscheinlichkeit, den man jeder möglichen Wendung des Lebens geben muss!

Ein Interview mit Linus Reichlin:

Sie schreiben einen Roman über die Wahrscheinlichkeit. Eine Geschichte, in der ausgerechnet jener, der an sie mehr als nur glaubt, scheitert. Sie ziehen Schubladen, die sonst tunlichst verschlossen bleiben, um ein Leben, das eine leere Schublade ist, mit Leben zu füllen. Ihr Schreiben muss ein ziemliches Abenteuer gewesen sein!

Es gab zwei Phasen: In der einen schrieb ich ein Jahr lang eine erste Fassung, die absoluter Mist war, völlig misslungen. Danach schrieb ich in drei Monaten fast in einem einzigen Atemzug die zweite Fassung, an der dann keinerlei Korrekturen mehr notwendig waren. Der Stoff war schwierig, weil er mit dem dramaturgischen Maximum beginnt. Der Produzent Samuel Goldwyn sagte mal, das Rezept für eine gute Geschichte sei: «Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern». Das war hier genau das Problem, aber es ist gelöst!

Fred ist ein Einsamer. Ausgerechnet zu seinem Idol, das fast ein ganzes Leben unerreichbar schien, dass wegzusterben drohte, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Geben und Nehmen. Aber auch sie scheitert. Träume scheitern, die Liebe scheitert. Was scheitert nicht?

© Susanne Schleyer

Wir werden geboren, und unweigerlich sterben wir. Man kann also von einem grundsätzlichen Scheitern sprechen. Aber zwischen all dem Scheitern gibt es ja auch immer Momente des Glücks, des Gelingens, der Zuneigung. Fred und Keith erleben wunderschöne Momente, in denen ihnen grossartige Songs gelingen, und Fred selbst ist ein Mensch, der selbst mit prekären Situationen gut zurecht kommt. Dass der Held am Ende scheitert, liegt vielleicht auch an David Bowies Geist, wer weiss …

Sie überraschen mit jedem ihrer Romane. Es gibt kein Reichlin’sches Thema, die immer gleichen Fragen, die sie kreisen lassen. Sie scheinen sich als Schriftsteller stets neu zu erfinden. Birgt das nicht auch eine Gefahr, nämlich jene, die treue Leserin, den treuen Leser zu erschrecken?

Doch, die Gefahr gibt es durchaus. Aber man verändert sich mit der Zeit, wieso also sollte man stets über die gleichen Themen schreiben? Ich bin jetzt in einer Phase, in der es mich interessiert, originelle Stoffe mit philosophischem Hintergrund auf witzige Weise zu beschreiben. Ich bin auf der Suche nach einem Humor, der aus der Tiefe kommt, so zu sagen einem nachdenklichen Lachen. «Keith» ist das erste Buch aus dieser Serie. 

Nichts ist unmöglich, schon gar nicht das Scheitern. Aber nur aus Angst dort zu verweilen, wo man sich eine sicher geglaubte Existenz eingerichtet hat, das scheint nicht ihr Plan zu sein. Wo lag die Uridee, der Urgedanke ihres Romans?

Die Idee kam auf unübliche Weise. Ich erwachte morgens und hatte fast die ganze Geschichte schon im Kopf. Normerweise dauert es Wochen, bis eine Geschichte konzipiert ist, hier nicht. Sobald Keith Richards und der Tod so zu sagen zusammenkamen, entwickelte sich die Geschichte ganz von selbst. Das Schreiben war anfangs schwierig, kein Wunder bei einem solchen Thema, aber die Ideenfindung nicht.

Sie lieben Musik und kennen sich aus. Man begegnet vielen Namen und noch viel mehr Musiktiteln. Wenn man sich beim Schreiben so sehr in der Welt der Musik bewegt, hört man dann auch die entsprechende Musik?

Natürlich! Es sind fast ausschließlich Lieblingssongs von mir, die erwähnt werden. Ich bin zur Musik der 70er aufgewachsen, das war ein großes Glück, denn die Musik jener Zeit war außergewöhnlich gut, und es gab eine Menge hervorragender Musiker; David Bowie, die Stones, Hendrix, Joplin, Lou Reed, Led Zeppelin – lauter Ausnahmetalente. Und für mich eine der zentralen Figuren war und ist Keith Richards. Er verkörpert diese Zeit wie kein anderer.

Vielen Dank!

Linus Reichlin, geboren 1957, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für seinen in mehrere Sprachen übersetzten Debütroman «Die Sehnsucht der Atome» erhielt er den Deutschen Krimi-Preis 2009. Sein Roman «Der Assistent der Sterne» wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2010 (Kategorie Unterhaltung) gewählt. Über seinen Eifersuchtsroman «Er» schrieb der Stern: »Spannend bis zur letzten Minute«. 2014 erschien «Das Leuchten in der Ferne», ein Roman über einen Kriegsreporter in Afghanistan. 2015 folgte der Roman «In einem anderen Leben», 2016 «Manitoba».

Rezension von Linus Reichlins «Manitoba» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Kottonau

St. Gallen am 30. August: Margret Kreidl und das Jazzduo STORIES

Als Gast und Stipendiatin der Bodman-Stiftung und der Kulturstiftung Thurgau weilt Margret Kreidl einen weiteren Sommermonat lang im Bodman-Haus in Gottlieben. Zusammen mit den Musikern Christian Berger (Saiteninstrumente) und Dominic Doppler (Schlagzeug), eingeführt von Gallus Frei-Tomic, performte Margret Kreidl ihre Poesie mit Musik.

Margret Kreidl, 1964 in Salzburg geboren und zusammen mit ihrem Lebenspartner Lucas Cejpek aus Wien angereist, ist genau das, was eine von ihrer Leidenschaft durchdrungene Sprach- und Wortkünstlerin ausmacht. Eine, die sich mit unerschöpflicher Kreativität und Virtuosität in vielen Sparten bewegt, sei es als klassische Dichterin, als Theater- oder Hörspielautorin oder als Performerin, die mit ihren Kunststücken die Wirkkraft von Sprache ausschöpfen kann.

Margret Kreidl bringt Ordnung in die Sprache und zerpflückt sie. Sie kostet genüsslich aus und beweist, dass sie in der textlichen Kurzform, im Kontrast zu all der Geschwätzigkeit – auch in der Literatur – in aller Dichte und Kürze episch Leben erzählen kann.

«Der Abend klingt im wahrsten Sinne des Wortes noch in mir nach. Die Performance von Margret Kreidl zusammen mit den beiden Musikern öffneten in mir ganz neue Räume was Sprache, Rhythmus und Musik betrifft. Der Abend hat mich unglaublich inspiriert.» Jacqueline Forster-Zigerli

Margret Kreidl, man wurde im Kultbau St. Gallen Zeuge davon, ist frech, bringts auf den Punkt, fabuliert und kontrastiert, schimpft und schmeichelt. Witz und Schalk in ihren Texten fegen jede Patina, alles, was Staub ansetzen könnte, weg und verleihen der Sprache eine Frische und Unmittelbarkeit, die angesichts aller Instrumentalisierung, der sie ausgesetzt ist, das zurückgibt, was ihr als Stimmmusik ganz eigen ist; Melodie, Klang, Mehrdeutigkeit, die Stimme aller Sinne. In Margret Kreidls Sprachkunst pulst überschäumendes Leben.

An diesem Abend wurde man hineingerissen in ein musikalisches Abenteuer. Margret Kreidl agierte mit dem Gitarristen Christian Berger und dem Schlagzeuger Dominic Doppler so schlaftrunken sicher, dass man hätte meinen können, die Darbietung wäre bis ins kleinste Detail choreografiert. Aber genau dort zeigte sich, dass drei VollblutkünstlerInnen am Werk sind. Musik und Poesie kongenial vereint und verwoben.

«Wer Freude an experimenteller Sprachkunst und ihrer Darbietung hat, wer die Kombination von Poesie und spontaner Musik liebt und am 30. August 2019 sich nicht bei Noisma im Kult-Bau eingefunden hat, der hat definitiv etwas verpasst: Auf höchstem Niveau haben Dominic Doppler (Percussion) und Christian Berger (Gitarren) den roten Teppich für die unverwechselbare Wortkunst von Margret Kreidl ausgebreitet und die österreichische Dichterin hat diesen in vollendeter Selbstvergessenheit und geradezu ekstatischer Performance-Lust betreten: voller Witz, Chuzpe und Charme.»
Florian Vetsch

Aus der Reihe «Literaturzeitschriften stellen sich vor»: literaturblatt.ch – SEIEN SIE DA!

Nach den Literaturzeitschriften orte und und Mütze stellt der Schriftsteller Peter K. Wehrli in der Röslischür des Vereins Quartierkultur Kreis 6 die Literatur»zeitschrift» literaturblatt.ch vor. Zusammen mit der Schriftstellerin Bettina Spoerri und dem Schriftsteller Andreas Neeser und unterstützt vom Jazzduo Stories zeigt sich, was Literatur alles zu bewegen vermag:

AM 19. SEPTEMBER SIND SIE HERZLICH EINGELADEN!
Webseite des Veranstalters

© Ayşe Yavaş

Bettina Spoerri ist in Basel aufgewachsen, studierte in Zürich, Berlin und Paris Literaturwissenschaft, Philosophie und Musikwissenschaft, arbeitete nach einem längeren Aufenthalt in Israel als wissenschaftliche Assistentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich und promovierte zum Thema literarische Todesdarstellungen. In u.a. einer Post-Doc-Arbeit beschäftigte sie sich mit transnationaler und kosmopolitischer Literatur. Sie ist Mitherausgeberin des Buches «Diskurse in die Weite». Bettina Spoerri arbeitet heute als freie Autorin, Filmkritikerin, Kulturvermittlerin und leitet das Aargauer Literaturhaus. Ihr letzter Roman «Herzvirus» erschien bei Braumüller.

© Ayşe Yavaş

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Seit 2012 lebt er als Schriftsteller in Suhr. Für sein formal und inhaltlich vielfältiges Werk wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen bedacht.
Mitglied von Autor/innen der Schweiz (AdS), Deutschschweizerisches PEN-Zentrum und VAA. Mitglied der Jury für den Franz-Tumler-Preis. Letzte Veröffentlichungen sind im Haymon Verlag der Roman «Zwischen den Wassern» und im Zytologge Verlag «Nüüt und anders Züüg». 2020 wird sowohl ein neuer Roman wie auch neue Mundartprosa erscheinen.

Jazzduo STORIES sind Christian Berger (Saiteninstrumente) & Dominic Doppler (Drums). Christian Berger und Dominic Doppler erzählen musikalische Geschichten in vielfarbigen Klangräumen. Eine Musik, die verführt und die Seele in verborgene Klangwelten entführt. So entstehen Stücke die sich im Spannungsfeld von Komposition und Improvisation entwickeln.

Kommen Sie in die Röslischür an der Röslistrasse 9, Zürich.
Im Anschluss sind alle bei Musik zu einem Apéro eingeladen.

Quartierkultur Kreis 6
Stories
Webseite Bettina Spoerri
Webseite Andreas Neeser
Webseite Peter K. Wehrli

Janko Ferk «Am Tod eines Menschen», Plattform Gegenzauber

I Am Tod eines Menschen

Ich habe nie gesagt, dass ein Mann kein Mensch ist.

II Sein letzter Wille

Eines Abends war T., von den meisten verlassen, gestorben. Er hatte sich plötzlich dem Tod gegeben. Von Augenblick zu Augenblick. Sein Gesicht schien vom Unerwarteten mit einem Mal getroffen.
T. wurde in einen dieser billigen Särge geschleudert. In der leblosen Bewegung, die der Körper in den Holzkasten machte, kam er anders als er selbst es wollte, ausgestreckt auf dem Rücken nämlich, zum Liegen.
Kurz nach seinem Über-Tritt suchte man sein Testament. Hastig und neugierig. Ein Mensch, der wie zufällig zum allgemeinen Wühlen stieß, griff irgendwohin und erfühlte einen größeren Papierfetzen, den er kurz, aber eingehend betrachtete.
Er las das Wort Testament, das mit ungelenker Schrift hingesetzt worden war. Und darunter noch: „Mein letzter und unbedingter Wille ist, auf dem Bauch liegend begraben zu werden. Im Sarg, wie im Grab.“ Die im Raum umherstehenden Verwandten entrissen dem Lesenden das Papier und zerfetzten es dabei zu kleinsten Stücken. Nun war nichts mehr zu lesen. Man musste sich auf die zimperliche Aussage des dabeistehenden Letztlesers verlassen und nach seinem Hinweis wurde der Tote urplötzlich gepackt, in die Höhe gewirbelt und auf dem Bauch zum Liegen gebracht.
Vor dem Sterben hatte T. noch etwas zu sich genommen. Natürlich passierte auch damit etwas. Mir blieb die Spucke weg. (Und dann noch immer der grausige Gedanke, man könnte eines Tages die Innenwände des eigenen Sargs sehen.)
T. wurde später auf eine unansehnliche Bahre gelegt. Aufgeputscht mit ein paar Mittelchen, die seine Farbe erhalten sollten. So lag er steif und leichenschuppig vor den Menschen, die kamen und gingen.
Irgendein aufgeplusterter Oberbeauftragter irgendeines Vereins, beileibe kein Wortkünstler, sprach ihm eine sogenannte Ehrentotenwache, „bestehend aus zwei Männer oder Frauen“, zu. Später nahm er Ausschau und überprüfte, wer sich schon und wer sich noch nicht gezeigt hatte.
Auch mir wurde eine halbstündige Wache aufgetragen.
Ich ging, um dort zu stehen.
Ich stellte mich an seine rechte Seite. Begann zu denken. Überlegte das Leben des abgestorbenen Körpers, vor dem ich stand wie ein aufgerichteter Besen.
Dieser schutzlose Elende, der von der Welt verfolgt wurde, wurde vom Leben verlassen.
Ich stand da. Wurde angestarrt. Von tränenden Augen und vorgeschützter Traurigkeit. Immer stärker fühlte ich eine Beschämtheit über die Würdelosigkeit der schamlosen Hinterbliebenen in ihrer Prunkwäsche.
Wie ein unsichtbares und tückisches Gespenst hatte sich der Tod in seinen Körper geschlichen. Viele hatten nur Abscheu und Entsetzen für ihn über. Nicht für den Tod, sondern den Toten. Einige andere traten nach dem ersten Bekanntwerden seines Ablebens zu einer Trauersitzung zusammen. Blech und heiße Luft sind die richtigen Bezeichnungen für sie. Der eine und andere beschwor in seiner nutzlosen Rede gar sein Aufleben.
In den eigenen Reihen, der sogenannten Familie, wünschte sich niemand ein nochmaliges Erstarken oder ein In-die-Luft-Strecken-Können des rechten Zeigefingers. Niemand aus diesen Kreisen würde ihn aus seinem ersten süßen Schlummer wecken. Keiner würde den Klöppel der Auferstehungsglocke rühren. Alle würden ein Aufflackern seines Lichts verhindern.
Ich war schon eine Viertelstunde gestanden.
Da kam seine lebendige Frau. Schrittverkrüppelt ging sie durch den Saal, in dem der Tote auf dem Nabel lag. Sie war gelöst, als wäre sie die Frau eines anderen. Keine Träne. Nicht der leiseste Anflug einer kleinen Traurigkeit. Beim allgemeinen Beten dieser Speichellecker, Vater unser, der Du bist, machte sie nicht einmal zum Schein mit. Sie war völlig gelöst. Beileid wurde ihr gewunschen.
Als sie mit sich allein war, kramte sie in ihrer vergammelten Handtasche und zog einen dieser Verehrungsgebrauchsgegenstände heraus. Eine Kette. Mit Kreuz. Und dem Gekreuzigten. Sie nahm das Kleinod zwischen die Finger und sprach dazu, tonlos, aber wie beim Gedichtaufsagen, im Himmel. Alles war auf einmal so schrecklich abschreckend bühnenhaft. Wahrscheinlich betete sie. Geheiligt werde Dein Name.
Wie konnte sie jetzt bloß beten. Dachte sie nicht daran, dass sie auch andere erkannt hatte. Auch die dürftigsten, hinterlistigsten und langsamsten Männer. Dachte sie nicht gerade an das andere Glück, das sie listig ausgekundschaftet hatte. Nicht mit ihrem Ehemann, der nun gärend hier lag, auf dem Nabel, in seinem zu kurzen Totenhemd.
Mir wurde kalt.
Ich stand da.
Ruhig. Steif. Unzufrieden.
Menschen kamen angelaufen.
Sie gingen schnell.
Sie hatten kaum Zeit, sich ein bisschen zu sammeln.
Sogar der älteste seiner missratenen Söhne nahm sich nur ein paar Augenblicke. Sobald er da war, verschwand er wieder. Er musste sich die Haare schneiden lassen. Sich aufmöbeln.
Dann war meine Zeit des An-der-Bahre-Stehens abgelaufen. Ich wurde von einer dicken, ausdruckslosen Gestalt abgelöst. Ich trat vor, verblieb kurze Zeit gedankenlos, spritzte Wasser über das Holz, das ihn barg, trat zu seinen Angehörigen, drückte ihnen die Hände und sprach wie beiläufig die Beileidsredensarten. Sie bestätigten dabei nur meinen Eindruck vom Nichtberührtsein.
Jeder Äußerlichkeit ledig, entfloh ich diesem herzlosen Raum und verschwand aufgekratzt in der Dunkelheit. Ich sollte ohnehin noch zu seinem Begräbnis.

III Die Ankunft und der Abgang

Der nächste Nachmittag war gekommen. Es war ein dunkler Tag. Der Regen schlug wie irr zu Boden.
Die Totengräber brachten den Sarg. Acht dicke Eingraber kamen, die sich am Weg von der Aufbahrung zur Beerdigung Lustiges und Schlagfertigkeiten erzählten, um ihre trostlose Tätigkeit besser ertragen zu können.
In der Kirche wurde der Holzkasten auf ein lachhaftes Gestell geschoben und dort belassen bis alle Spiele um den Tod abgewickelt waren.
Da war ein Beten und Gaffen und Sagen, ein kaum zu überbietendes. Die Eitleren trugen neue Kleider und freuten sich über jeden Tod. Und die Menschen, die vom Land in die Stadt kamen, meinten, Die Hälfte wäre genug gewesen.
Ein Vertreter irgendeines Vereins sprach ein paar große Worte, jedenfalls war er selbst überzeugt, solche abzusondern. Schlecht ist die Welt. Der Mensch sucht die Ewigkeit und Lust. Er ließ die Wirkung ein bisschen eindringen und trug weiter seine Merksätze vor. Nur Ewigkeit und Lust. Danach schnitt er unvermittelt das Leben „des Verblichenen“ an. Genauso gefühllos wie er sich sein Stück Brot vom Laib säbelte. Leider hat unser Freund nie die Frau gefunden, von der …
Einer der Leichensöhne wusste sofort, worauf der Redenschwinger hinauswollte. Er war es auch, der aus seinem Polstersessel sprang, den Quatschenden lässig, aber bestimmt, ohrfeigte und ihn mit entschlossenen Handbewegungen der Kirche verwies. Du Hund, Du dreckiger!
Nebenbei erwähnt, mehrere derartige Beispiele bestimmten den Ablauf.
Und schließlich war das Loch für den Sarg zu klein. Mit den heftigsten Anstrengungen wollte man es vergrößern. Aber jede Mühe war vergebens. Niemandem gelang es, weitere Erde aus der Grube zu schaufeln. Die Wut der Totengräber wuchs. Als sie den Höhepunkt erreicht hatte, packten sie den Sarg hart an und stießen ihn, ohne viel Rücksicht auf die Friedhofsmäßigkeiten, in den zu kleinen viereckigen Graben. Mit dem Stoßen drehte sich der Leichenkasten und passte ohne Schwierigkeiten in das ausgescharrte Loch.
Mit einem Mal lag die Leiche richtig im Grab. Entgegen dem aufrichtigen Wunsch des Testamentverfassers.
Eine Schande, auch der letzte Wunsch wurde ihm abgeschlagen. Auch dieser wurde einfach verdreht.

IV Zu guter Letzt

Letztlich wurde das Grab mit dem Sand der Uhren weich verschüttet.

(aus «Zwischenergebnis. Gesammelte Prosa», Leykam Verlag, Graz – Wien, 2018)

Janko Ferk (1958) ist Richter des Landesgerichts Klagenfurt, Honorarprofessor und Schriftsteller. Bisher hat er mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht, zuletzt die Monographie «Recht ist ein «Prozeß». Über Kafkas Rechtsphilosophie», sowie die Essaysammlungen «Kafka und andere verdammt gute Schriftsteller» und «Wie wird man Franz Kafka?» Seine neueste literarische Veröffentlichung ist die «Forensische Trilogie» (Edition Atelier, Wien 2010). Für seine literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis des P.E.N.-Clubs Liechtenstein.

Interview mit Rolf Lappert, dem ersten Schweizer Buchpreisträger #SchweizerBuchpreis19/2

Der erste Jahrgang bei den Nominierten zum Schweizer Buchpreis 2008 war ein aussergewöhnlich starker Jahrgang mit klingenden Namen, faszinierenden Büchern und einer frischen Stimme mit einem Erstling: Anja Jardine mit «Als der Mond vom Himmel fiel», Adolf Muschg «Kinderhochzeit», Peter Stamm «Wir fliegen», Lukas Bärfuss «Hundert Tage» und Rolf Lappert mit «Nach Hause schwimmen».

© Lea Frei

Damals hiess der erste Gewinner Rolf Lappert. Sein preisgekrönter Roman erzählt die Geschichte von Wilbur. «Wilbur ist kein Glückskind. Ohne Eltern bei der Grossmutter aufgewachsen, die verstirbt und mit einem besten Freund, der in einer Erziehungsanstalt lebt, bleibt Wilbur ein Verlierer. Erst die charmante Aimee bringt ihm etwas anderes bei. Wilbur muss endlich lernen zu leben – ob er will oder nicht.»

Seit sich der Preisträger 2016 mit seinem Roman «Über den Winter» für eine Wohnzimmerlesung in Amriswil gewinnen liess, verbindet uns mehr als Literatur.

Ein Interview:

Rolf Lappert, sie waren mit dem Roman »Nach Hause schwimmen« der erste Träger des Schweizer Buchpreises. Was hat dieser Preis mit Ihnen und Ihrem Schreiben gemacht? Wäre Rolf Lappert heute an einem anderen »Ort«, wenn er den Preis damals nicht erhalten hätte?

Preise dieser Art sind, abgesehen von der Wertschätzung, die Autorin/Autor und Buch erfahren, vor allem eines: Werbung. Und zwar sehr effektive Werbung. »Nach Hause schwimmen« stand kurz nach der Preisvergabe auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste; das hätte das Buch vermutlich ohne den Preis nicht geschafft. Neben der Anerkennung und dem Preisgeld ist es also vor allem die öffentliche Wahrnehmung, die der Preis mit sich bringt. 

Mich als Autor hat der Preis nicht verändert. Er hat mir Selbstbewusstsein beschert, das natürlich, aber er hatte nicht den Effekt, dass ich mich ab sofort auf das Schreiben von Romanen spezialisierte, die möglichst ähnlich wie »Nach Hause schwimmen« sind. Der Roman »Auf den Inseln des letzten Lichts« war dann auch etwas ganz anderes, nämlich eine Art Mischung aus Familien- und Abenteuerroman mit Schauplätzen in Irland und auf den Philippinen. Dann kam das Jugendbuch »Pampa Blues« und 2015 der Roman »Über den Winter«, der erneut die Erwartungshaltungen der Leserschaft unterlief. Am ehesten in die sprachlich-stilistische Nähe von »Nach Hause schwimmen« kommt wahrscheinlich mein in Arbeit befindlicher Roman, in dem ich wieder mit vielen Figuren, Schauplätzen und Handlungssträngen jongliere und eine fast schon epische Geschichte erzähle. Auf jeden Fall wird dieser Roman mein bisher umfangreichster.

Damals wie heute erhält der Preisträger neben Blumen, netten Worten, Komplimenten, viel Aufmerksamkeit in den Medien, zumindest für eine gewisse Zeit, 30000 Franken. Das ist für die einen sehr viel Geld, für andere ein nettes Zubrot. Was ermöglicht ein solcher Preis, eine solche Summe im Leben eines Schriftstellers?

Dreissigtausend Franken sind natürlich mehr als ein nettes Zubrot, jedenfalls für mich. Man muss aber auch die Tatsache erwähnen, dass davon ca. zehntausend Franken an Steuern entfallen. Ein halbes Jahr lässt sich mit der Summe jedoch schon leben, im Sparmodus auch etwas länger.

Die Verlage reichen die Bücher oder Manuskripte an die Jury des Buchpreises ein. Ganz bestimmt in Rücksprache mit Autorin oder Autor. Wenn man aber wie Sie dann eines Tages die Mitteilung erhält, dass man in der Runde der fünf letzten ist, in der ominösen Shortlist, was geschieht dann mit einem Auserwählten?

Man freut sich selbstverständlich. Mehr löste die Nachricht bei mir nicht aus. Man überlegt sich natürlich, ob man Chancen auf den Gewinn des Preises hat, aber das ist reine Zeitverschwendung, denn in die Köpfe der Jurys zu blicken, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich hatte mit Lukas Bärfuss und seinem Roman »Hundert Tage« veritable Konkurrenz und bin ohne allzu grosse Erwartungen nach Basel zur Preisverleihungsfeier gefahren.

Kein anderer Literaturpreis in der Schweiz geniesst derart viel mediale Aufmerksamkeit. Das war und ist Absicht. Aus genau diesem Grund wurde der Preis initiiert. Eigentlich genau das Gegenteil davon, was das Leben eines Schriftstellers sonst dominiert. Klar gab es in der Vergangenheit Schreibende, die mit ihrer Unnahbarkeit kokettierten. Aber heute scheint es immer wichtiger zu sein, sich auf das Spiel mit den Medien einzulassen, zumal der Berufsstand in vieler Augen noch immer moralische Instanz ist. Tun Sie sich schwer damit?

Ich engagiere mich privat politisch, in meinen Büchern jedoch kaum. Es gibt viele politisch schreibende Autorinnen und Autoren, die können das besser als ich. Ich sehe mich als Geschichtenerzähler – wenn in einem meiner Bücher eine politische Komponente auftaucht: gut, aber Botschaften sucht man darin vergeblich, Haltungen vielleicht schon eher.

Dass man mit den Medien umgehen und ich ein Stück weit mitspielen muss, ist eine Begleiterscheinung in unserem Beruf, und solange man die richtige Balance zwischen Selbstvermarktung und Privatsphärenwahrung findet, ist das alles gut auszuhalten.    

Traditionell sitzen alle Nominierten bei der alljährlichen Preisverleihung im Theater Basel anlässlich der BuchBasel in der ersten Reihe nebeneinander. Liest man die Bücher seiner KontrahentInnen? Gibt es eine »Gruppendynamik«, die mit der Verkündung des Preises augenblicklich verpufft?

Ich lese einiges an zeitgenössischer Literatur, natürlich auch an deutschsprachiger. Einige der Bücher meiner jeweiligen Mitnominierten lese ich, aber nicht alle. Sollte ich mit einem Roman nochmals auf eine Shortlist kommen, werde ich den Veranstaltern vorschlagen, dass alle Endrundenteilnehmerinnen und -teilnehmer die Bücher ihrer Kolleginnen und Kollegen erhalten, damit sie wissen, was die »Konkurrenz« geschrieben hat.

Eine gewisse Gruppendynamik entsteht durchaus, aber die Zeit, die man gemeinsam verbringt, ist so beschränkt, dass zwischenmenschlich kaum mehr passiert als z. B. während eines Literaturfestivals, bei dem man sich trifft und austauscht. Die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich kenne, sind dem Wesen nach Einzelgängerinnen und Einzelgänger – enge Freundschaften und regelmässige Kontakte sind da eher selten. Diese Frage kann ich aber nur für mich beantworten; vielleicht ist meine Einschätzung auch unzutreffend. Bei mir ist es so, dass ich mit etwa mit einem halben Dutzend Kolleginnen und Kollegen in stetigem Kontakt stehe, wobei unter »stetigem Kontakt« gelegentliche Treffen, Telefonate und E-Mail-Austausch zu verstehen ist. Letztendlich ist es ein einsamer Job, denn am Schreibtisch ist man auf sich alleine gestellt.

Einst lernten Sie Grafiker, in einer Zeit, in der man für diese Arbeit noch Stifte in die Hand nahm und Papier brauchte. Mischt sich der Grafiker heute noch in Ihre Arbeit ein, ist das Buch doch für viele ein Relikt längst vergangener Zeit?

Ein schön gemachtes Buch in den Händen zu halten, ist für mich immer ein wunderbar sinnliches Erlebnis, das durch nichts zu ersetzen ist, ganz bestimmt nicht durch einen e-reader. Zugegeben, diese elektronischen Geräte sind praktisch und in manchen Situationen einem Buch oder Papierstapel vorzuziehen, aber es geht nichts über das Gefühl, ein gebundenes Buch vor sich zu haben, darin zu blättern und es nach der Lektüre in seiner Bibliothek zu wissen.

2018 erhielt Peter Stamm den Schweizer Buchpreis für seinen Roman »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt«. Für viele war es schlicht Zeit, Peter Stamm den Preis zu geben. Ich fand seinen Roman absolut preiswürdig. Auch wenn die Frage eigentlich gar nicht zum Preis passt, und man ihn ja schliesslich für »ein herausragendes Werk« bekommt und nicht für ein Lebenswerk – wen würden Sie krönen?

Für ein Lebenswerk? Vladimir Nabokov. Philip Roth. Anne Tyler. Urs Widmer. Paul Auster. Wenn ich noch länger nachdenken würde, kämen noch etliche Namen dazu. 

Ganz ehrlich: Was geschah mit der ausgestellten Urkunde?

Einige davon habe ich eingerahmt und in meinem Arbeitszimmer an die Wand gehängt. Das geschah einerseits aus Eitelkeit und Stolz und andererseits aus dem Bedürfnis, die Preisstifter und Jurys zu würdigen, die Geld und Zeit in die Vergabe der Preise investiert haben. Und: Die Urkunden sind recht schön anzusehen und sind ein steter Ansporn, gute Bücher zu schreiben.

Rolf Lappert wurde 1958 in Zürich geboren und lebt in der Schweiz. Er absolvierte eine Ausbildung zum Grafiker, war später Mitbegründer eines Jazz-Clubs und arbeitete zwischen 1996 und 2004 als Drehbuchautor. Bei Hanser erschien zuletzt «Pampa Blues» 2012, mit dem er den Jugendbuchpreis Goldene Leslie gewann und «Über den Winter» 2015, der im gleichen Jahr in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand.

Willy Vlautin «Ein feiner Typ», Berlin Verlag

Horace, ein «Halbblut», dessen Mutter nichts von ihm wissen wollte, lebt zusammen mit dem alt gewordenen Schafzüchterpaar Reese in den Bergen von Nevada. Obwohl die Reeses nichts lieber täten, als dem fleissigen jungen Mann ihre Farm zu übergeben, obwohl alles auf dem stillen Fleck nach der starken Hand des Jungen Mannes ruft, zieht es diesen in die Stadt. Er will Champion werden.

Willy Vlautin erzählt ganz im Stile der Grossen. Wie John Steinbeck, der in seinen Romanen immer wieder Geschichten um die kleinen Farmer erzählte. Willy Vlautin tut dies unaufgeregt, ohne Geschwätzigkeit, keine Geschichten, sondern einmal mehr jenen des grossen American Dream. Horace will Boxer werden, glaubt fest an seine Bestimmung, die nur daran scheitern kann, es nicht getan zu haben, den Moment versäumt zu haben, auch wenn er weiss, dass er kein Kind des Glücks war, denn weder Vater noch Mutter haben sich um ihn gekümmert.

Mr. und Mrs. Reese züchten seit Jahrzehnten in der kargen Landschaft Nevadas Schafe. Und weil weder die beiden Töchter noch der Sohn das kleinste Interesse zeigten, dereinst die Farm zu übernehmen, der wie vielen anderen in der Gegend wegen fehlender Nachfolge der unweigerliche Niedergang droht, setzt das alternde Ehepaar ganz auf den Ziehsohn. Horace hat nicht nur gute Hände für die Arbeit und die Tiere, sondern ist auch sonst die Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit in Person. Er lebt in einem Trailer, den er peinlich sauber hält und ist mit Tieren genauso fürsorglich wie mit Menschen, selbst dann, wenn sie nichts von dem Respekt zurückgeben.

Aber Horace hat einen Traum. Er will beweisen, dass mehr in ihm steckt, als ein Schafhirt in den Bergen Nevadas, dass er nicht bloss das Resultat einer Katastrophe ist, dass er mit Einsatz und Entschlossenheit ein Champion werden kann, ein Boxchampion. Er steigt in einen Bus und fährt los, obwohl er weiss, dass die Gesundheit von Mr. und Mrs. Reese nicht zum besten steht. Obwohl er weiss, dass es für die beiden zu spät sein könnte, wenn er erfolgreich zurückkehren wird.

Aber die Reise in die Stadt wird trotz Talent, Gutmütigkeit, Entschlossenheit und ganzem Einsatz zu einem Desaster, an dem Horace zu zerbrechen droht. Die Welt draussen, die Menschen in der Stadt funktionieren nicht so, wie sie es tun sollten, dass Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht auf der Strecke bleibt. Horace scheitert an der Verlogenheit und Verkommenheit derer, die in ihm eine Geldquelle sehen. «Ein feiner Typ» genügt nicht in den Stadt- und Menschenwüsten der amerikanischen Gegenwart. Wer den American Dream realisieren will, muss nach den Spielregeln der Zeit kämpfen. Und diese sind innerhalb des Ringes genau die gleichen wie ausserhalb; nur der Stärkere gewinnt. Horace zerbricht. Er zerbricht an der Welt, aber auch an der eigenen Schwäche, der eigenen Lüge, der Unfähigkeit, das zu tun, wonach der Moment ruft, im Bus der Schwangeren mit ihrem Kind zu helfen, die nicht auftaucht, als der Bus mitten im Nirgendwo nach einem Stop weiterfahren soll, dem Mädchen, das ihn liebt, aber in ihrer Not ihrer Liebe nicht folgen kann.

Und auf der anderen Seite Mr. Reese, für den Horace wie ein Sohn ist, der alle Hoffnungen auf den jungen Mann setzt, der weiss, dass seine Tage als Schafzüchter gezählt sind, der keinen mehr findet, der die harte Arbeit in den Bergen mit ihm teilt. «Ein feiner Typ» ist die Geschichte von Freundschaft, von tiefer Verbundenheit, die sich mit dem Traum der Selbstverwirklichung streitet. Man ahnt vom ersten Kapitel weg, dass ein Drama droht. Man sieht tief in die Seele eines geschundenen Landes, einer Gesellschaft von Verlierern, sei es auf dem Land, aber noch viel mehr in den Städten, hinter glitzernden Fassaden, hohlen Versprechungen und den Verlockungen des grossen Geldes. «Ein feiner Typ» ist meisterhaft erzählt, liest sich mit ungeheurem Zug und lässt einem tief blicken.

© Lee Posey

Willy Vlautin (geboren 1967) ist ein amerikanischer Autor, Musiker und Songschreiber. Von 1994 bis 2016 war er Leadsänger, Gitarrist und Songschreiber der Rockband Richmond Fontaine aus Portland, Oregon. Zurzeit ist er Mitglied der Band The Delines. In Reno, Nevada geboren und aufgewachsen hat er seit Mitte der Neunziger Jahre elf Alben mit Richmond Fontaine und seit 2014 drei Alben mit The Delines aufgenommen. Vlautin hat fünf Romane geschrieben: «Motel Life», «Northline», «Lean on Pete», «Die Freien» und «Ein feiner Typ».

Der Übersetzer Nikolaus Hansen (1951), geboren in Hamburg, war Verleger u. a. von Rohner & Bernhard, Rowohlt, marebuchverlag und Arche/Atrium. Er ist Autor, Mitveranstalter des Harbour Front Literaturfestival in Hamburg und Übersetzer, u. a. von Joseph Conrad, Robert Stone, William Kotzwinkle, Deborah Eisenberg, Wallace Shawn, James Salter, Kamila Shamsie und Edward St Aubyn.

Webseite des Musikers und Schriftstellers

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Matthias Brandt «Blackbird», Kiepenheuer & Witsch

Motte ist 15 und irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsenwerden hängen geblieben. Die Welt eines 15jährigen 1976 und Gleichaltriger heute unterscheidet sich wesentlich, wenn auch dieses Gefühl des Nirgends-Hingehören damals wie heute dasselbe ist. Matthias Brandt versteht es wie kein zweiter, ins Lebensgefühl einer «längst» vergangenen Zeit zurückzuschwimmen.

Blackbird singing in the dead of night
Take these broken wings and learn to fly
All your life
You were only waiting for this moment to arise
(Paul McCartney, Beatles, 1968)

Schule ist Nebensache, viel wichtiger das, was zwischen Schulzeit und Familienzeit passiert, erst recht, wenn fast nichts passiert. Morten, den sein Freund Bogi nur Motte nennt, weil seine Eltern sich trennen, sein Vater arbeitslos und mit der Neuen in die Pampas zieht und seine Mutter ihre Traurigkeit wie einen übergrossen Spiegel mit sich herumträgt. Und weil das, was zuhause passiert, ihn einfach nicht in Ruhe lassen will, ist zum einen da die Freundschaft zu Bogi und die Blicke des Mädchens, die ihn nicht mehr loslassen.

Bis das Telefon klingelt und Bogis Eltern ihm mitteilen, dass sein Freund im Spital sei, krank und wohl eine Weile nicht zur Schule kommen werde. Non-Hodgkin-Lymphom heisst das Ding, dass Bogi am Spitalbett festkrallt und unsägliches Schuldgefühl bei Motte, der sich nicht traut, Bogi wie einen Freund im Spital zu besuchen. Und wenn er es dann doch schafft, dann ist die Umarmung hölzern und nichts flammt auf, was zuvor Selbstverständlichkeit war. Wie gar nichts mehr selbstverständlich zu sein scheint, alles aus den gewohnten Bahnen zu kippen scheint. Noch mehr, als ihn das Mädchen versetzt, für das er Stunden des Wartens investiert hatte, die genau die Richtige schien. Noch mehr, weil er auch in der Schule zu verstehen beginnt, dass ihn das Leben um die Wirklichkeit betrügt, «alte Säcke» ihn und seine Schulkameraden schikanieren.

Aber Bogi kommt zurück, wenn auch nicht in die Schule. Sie treffen sich wieder, bei ihm zuhause, in Bogis Zimmer, hören Musik und quatschen. Morten wohnt mittlerweile in einem andern Stadtteil, von seiner Mutter «verschleppt», von Vater hängen gelassen. Aber es kommt noch viel dicker. Nachdem Motte und seine Kumpane Bogi noch einmal für ein Fussballspiel überreden, rufen ihn Bogis Eltern wieder an. Bogi ist erneut im Spital. Und als er ihn besucht, wird er Zeuge eines letzten Kampfes. Bogi stirbt.

Solch belastende Lektüre? Selten habe ich mich bei der Lektüre eines Buches derart amüsiert wie bei Matthias Brandts Roman. Mag die eigentliche Geschichte eine traurige sein, Matthias Brandt erzählt sie mit derart lockerem Witz und einer überragenden Empathie, dass man regelrecht eintaucht in ein Panoptikum schräger Figuren und Geschichten. Kein Wunder, wenn man sich irgendwann nachts betrunken auf einem Zehnmeterbrett zusammen mit Elvis wiederfindet und der einzige Weg hinunter der unmögliche Richtung Wasser sein kann, auch wenn da keine Flügel wachsen. «Blackbird» erzählt davon, wie wenig die Welt eines 15jährigen mit der von Erwachsenen zu tun hat, erst recht dann, wenn ihnen Haare aus den Ohren wachsen.

Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Für seine Leistungen ist er vielfach ausgezeichnet worden. Als Autor debütierte Matthias Brandt 2016 mit seinem hochgelobten Erzählband «Raumpatrouille».

Rezension zu «Raumpatrouille» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Arne Lesmann

literaturblatt.ch Partnerblog #SchweizerBuchpreis19/1

Obwohl ich mich mit der Partnerschaft mit Schweizer Buchpreis, Buchhändler- und Verlegerverein nicht ewig binde, las ich vor meiner Zusage, als Stimme aus dem Off die Wahl zur Preisträgerin oder Preisträger 2019 zu begleiten, noch einmal das Reglement des Schweizer Buchpreises.
Als Einleitung steht dort: „Mit dem Schweizer Buchpreis SBP zeichnen der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV und der Verein LiteraturBasel jährlich das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autorinnen und Autoren aus.
Ziel des SBPs ist es, jährlich fünf herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen und sie in der Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus einem breiten Lesepublikum wie auch der internationalen Buchbranche bekannt zu machen.“

© Lea Frei

Zum einen wird in den jetzigen Debatten um „Me Too“, Genderfragen und noch immer grassierender Ungleichberechtigung schwierig sein, nach acht Männern und drei Frauen und drei männlichen Preisträgern in Folge einen weiteren Mann aufs ominöse Podesten zu hieven, und nicht all jenen Stimmen recht zu geben, die mit Vehemenz erklären, wie verkrustet Machtstrukturen im Literaturbetrieb seien. Und zum andern ist es der Preis selbst, der mit seiner Geschichte und seinem Gewicht polarisiert, die einen selig macht und die andern nur ein weiteres Mal bis aufs Mark ärgert.

Der Deutsche Buchpreis hat es vielleicht schon zahlenmässig leichter. In einem Land, das zehnmal mehr EinwohnerInnen zählt, werden knapp doppelt so viele erzählende Werke ins Rennen geschickt. Er kann es sich zudem leisten, neben einer Shortlist auch eine 20plätzige Longlist zu präsentieren. Somit verteilt sich die Aufmerksamkeit auf ein viel grösseres und breiteres Feld. Die Landschaft der Schweizer Literatur ist klein, viel kleiner als die unseres grossen Nachbarn. Undenkbar auch, dass es in Deutschland ein jährlich stattfindendes Literaturfest wie die Solothurner Literaturtage geben könnte, die sich als Werkschau des aktuellen Literaturschaffens bezeichnen könnte. Was aber in der fast überschaubaren CH-Literatur auch nicht wirklich funktioniert, denn die Diskussionen darüber, wer zu einer solchen Nabelschau eingeladen werden soll, wird nicht weniger emotional.

Die ernstzunehmenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich mit Recht Chancen auf den Schweizer Buchpreis ausrechnen könnten, sind nicht viele. Umso mehr wächst die Versuchung, sich bei der Vergabe durchaus grosse Chancen auszurechnen, erst recht, wenn man mit einem erfolgreichen Titel die Schaufenster zieren könnte und einem die Presse hofiert. Die Jury kann es nur falsch machen, die Vergangenheit beweist es. Erstaunlich genug, dass es Frauen und Männer gibt, die sich dem aussetzen und einen alten Hasen in diesem Gremium, der ein weiteres Mal dort amtet und als langgedienter NZZ-Kulturredaktor zum Urgestein des Schweizer Literaturbetriebs gehört.

Unter fünf herausragenden Büchern soll eines den Preis erhalten. Ohne das Prozedere eines solchen Preises zu kritisieren; Sollte man vielleicht gänzlich auf einen einzelnen Titel verzichten und die 42000 Fr. gleichmässig unter den Nominierten verteilen? Nicht zuletzt wären die 8400 Fr. eine Summe, mit der eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller etwas anfangen könnte, zwei bis drei Monate sorglos schreiben. Aber alle Welt giert nach einem Gewinner oder einer Gewinnerin. Genauso wie nach dem Skandal oder Eklat. Dem Buch tut es gut. Ob es der Szene gut tut, die in den Augen vieler auf ein kleines Spielfeld reduziert wird, bezweifle ich, ohne für die Abschaffung eines solchen Preises plädieren zu wollen. Solange die meisten Autorinnen und Autoren ein Leben lang um ihre Existenz kämpfen müssen, solange man Kunst noch immer allzu oft bloss als Sahnehäubchen respektiert, das geschriebene Wort nicht nur in der Literatur an Wert verliert und alt bewährte Strukturen wie das traditionelle Verlagswesen immer aufopfernder um ihr Überleben kämpfen müssen, braucht es Preise, auch einen solchen wie den Schweizer Buchpreis!

Nur ein Wort zu meiner ganz nebensächlichen Rolle: Ich bin weder Literaturkritiker noch Träger eines Amtes, das mich irgendwie in die Nähe des Literaturbetriebs bringen würde. Ich bin weder grosser Player noch Lobbyist. Ich bin nur eines; ein Leser, der schreibend seine Leseeindrücke präsentiert, ein Leser, der seiner Leidenschaft eine Spur gibt, ein Leser, der nicht wie andere auf der Suche nach dem heiligen Literaturgral nur jenen Büchern eine Daseinsberechtigung einräumt, die den elitären Ansprüchen einer verkopften Kulturoberschicht genügen. Ich bin ein Leser, ganz einfach.