Eva Schmidt «Die untalentierte Lügnerin», Jung und Jung

Eva Schmidt erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ständig das Gefühl des Ausgeschlossenseins mit sich herumträgt. Maren ist kaum zwanzig, als sie nach einem gescheiterten Schauspielstudium zurück in ihr Elternhaus kommt und doch nicht in ein altes Leben zurückkehren will, nicht in die Lügen in der Familie, nicht ins feine Netz ihrer eigenen Lügen. 

Als Eva Schmidt mit ihrem letzten Roman «Ein langes Jahr» 2016 nach zwei Jahrzehnten zurück auf der Literaturbühne erschien und sogleich für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, war auch ich begeistert von ihrem neuen Auftritt. Wer von einem Roman beeindruckt war und mit viel Erwartung einen neuen liest, kann leicht enttäuscht oder auf dem falschen Fuss erwischt werden. Nicht so bei Eva Schmidt. Die Vorarlbergerin, die sich als 67jährige auf eindrücklichste in das Leben einer 20jährigen in der Gegenwart versetzen kann, beschreibt fein und ziseliert, verliert sich nicht in psychologischen Deutungen und lässt Leben ganz nah passieren.

Die einen haben mit zwanzig einen Plan. Andere sind ganz offen oder suchen noch. Maren musste ihren Plan aufgeben. Nicht so sehr weil sie als Schauspielerin nicht getaugt hätte, sondern weil sich Probleme einschlichen, die sich auf ihre Gesundheit auswirkten; Essstörungen. «Die untalentierte Lügnerin» ist aber kein Roman über Essstörungen. Maren kommt zurück zu einer Familie, die sich schon seit Jahren im Zustand des Zerfalls befindet; Vater und Mutter zerstritten und trennten sich, der Vater lebt weit weg, die Mutter heiratet wieder, mehr die Sicherheit und das Geld als den Mann, Marens Stiefvater lebt ein Doppelleben, ihr älterer Bruder hat sich nach Finnland abgesetzt und ihr jüngerer Halbbruder studiert in der Ferne den Waldrapp. Obwohl Eva Schmidt das Familiengeflecht bis in Kleinigkeiten schildert, obwohl sie deutlich macht, wie vielschichtig und verknotet dieses Gefüge ist, ist «Die untalentierte Lügnerin» auch kein Familienroman, kein Soziogramm. Einzelne Figuren, wie der Vater und Jazzmusiker in der Hauptstadt, bleiben skizzenhaft. Eva Schmidt bemüht sich viel mehr um die Wirkung dieser Personen in Marens Leben.

Maren ist weder für alles offen noch auf der Suche nach neuen Türen. Marens Leben geschieht. Sie knüpft zum einen an das Leben zuvor, an den DJ Max, der sie einmal hängen liess, der sie aber spüren lässt, etwas zu sein, auch ohne Absicht, ohne Plan. Sie lernt Alex kennen, einen unglücklichen und kranken Schauspieler und Lisa, die in der Bar serviert. Sie geht Vera, ihrer Mutter aus dem Weg, die der ganzen Welt zu verstehen gibt, dass nichts so funktioniert, wie es sein müsste und erfährt in der Wohnung ihres reichen Stiefvaters Robert, dass auch dessen Leben nicht das ist, wonach es aussieht. Maren prallt am Leben ab, findet keinen Tritt, spürt keine Wirkung. Bis sie einen neuen Mann kennenlernt. Bis sie merkt, nichts mehr darstellen zu müssen. Bis sie sich auf einer Reise in die Hauptstadt ihren eigenen Lügen stellt.

Eva Schmidts Bücher sind kein Spektakel. Sie sind ruhig erzählt, von fast unterkühlter Skepsis. Eva Schmidts Erzählton ist der einer Beobachtenden, unaufdringlich und dezent. Hinter dem Geschriebenen weiss ich viel mehr, nämlich das, was sich erschliesst, wenn man über die verschiedenen Lesarten dieses Buches zu diskutieren beginnt.

© Lisa Mathis

Eva Schmidt, geboren 1952, lebt in Bregenz, Österreich, hat neben Erzählungen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften drei Bücher veröffentlicht, zuletzt »Zwischen der Zeit« (1997). Diverse Stipendien und Literaturpreise, u.a. Nachwuchspreis zum Bremer Literaturpreis (1986), Rauriser Literaturpreis (1986), Hermann-Hesse-Förderpreis (1988), Nicolas-Born-Preis (1989). »Ein langes Jahr« 82016) war ihr erstes Buch seit fast 20 Jahren.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Daniel de Roulet «Wenn die Nacht in Stücke fällt», Limmat

Ferdinand Hodlers Todestag jährte sich vergangenes Jahr zum 100. Mal. Der Genfer Schriftsteller Daniel de Roulet, ein leidenschaftlicher Verehrer Hodlers Spätschaffen, schrieb zu diesem Anlass einen langen, leidenschaftlichen Brief. Ein Brief eines Bewunderers, keines ‚exaltierten Patrioten, der die grösste Sammlung besitzt‘ und diese auch gerne für seine vaterländischen Reden ‚zitiert‘.

Neben Alberto Giacometti hat sich wohl kein anderer Maler so tief in das Bewusstsein der Schweiz hineingebrannt wie Ferdinand Holder, der mit seiner Deutschschweizer Herkunft fast während seines ganzen Schaffens in der Westschweiz lebte und in den Wirren des 1. Weltkriegs zwischen die Fronten von Deutsch- oder Frankreichgesinnung fiel.

1908, Ferdinand Hodler war 55, traf der mittlerweile berühmte und reich gewordene Maler die zwanzig Jahre jüngere Pariserin Valentine Godé-Darel, die frisch geschieden zuerst Modell, dann Geliebte wurde. Eine leidenschaftliche Liebe neben der zur Zweckehe gewordenen Beziehung zu seiner Frau Berthe. Eine Liebe, aus der ein Kind entstand, Pauline, während die Ehe mit Berthe kinderlos blieb. Eine Liebe, die mit Valentines Krebserkrankung schon wenige Jahre später tiefe Schatten bekam. Eine Liebe, die Leidenschaft transformierte, von obsessiver Körperlichkeit zu innigstem Nebeneinander am Kranken- und Sterbebett. Eine Liebe, die auch den Blick und das Schaffen des Künstlers transformierte. Mit einem Mal war es nicht mehr Symbolismus und Verklärung, sondern ganz direkter Realismus. Die Liebe zu Valentine und das Sterben dieser Frau erschütterten nicht nur sein Dasein, sondern auch seinen Blick auf die Welt, seine Malerei, jene Malerei, die der Schriftsteller Daniel de Roulet so sehr erschüttert und zu verstehen versucht.

«Wenn die Nacht in Stücke fällt» ist ein Brief an einen Mann, der in seinen Bildern die Antworten auf die Fragen des Schriftstellers gibt. «Wenn die Nacht in Stücke fällt» ist aber auch eine Verteidigungsschrift für alle Vereinnahmungsversuche verschiedenster Seiten, sei es jene des einen grossen Sammlers, der sich mit dem Besitz der Bilder seine Gesinnung illustriert oder jene der schreierischen Kunst- und FrauenversteherInnen, die Ferdinand Oder vorwerfen, er habe das Sterben seiner Geliebten mit seinen vielen Zeichnungen und Bildern zur Obsession gemacht und damit Valentine Godé-Darel instrumentalisiert.

So leidenschaftlich jene Liebe zwischen Valentine Godé-Darel und Ferdinand Holder ist, so leidenschaftlich die Verehrung des Schriftstellers Daniel de Roulet. So sehr der Maler im von der Krankheit gezeichneten Gesicht seiner Geliebten den Zeichen der Vergänglichkeit nachging, so kritisch bleibt der Schriftsteller Daniel de Roulet bei den Widersprüchen des grossen Malers. Genau das macht den Wert dieses schmalen Büchleins aus. Kein verklärter Blick, aber ein überaus gelungenes Denkmal für Valentine Godé-Darel, Ferdinand Hodler, seine Malerei und die Liebe.

Für sein Lebenswerk erhielt Daniel de Roulet anlässlich der Solothurner Literaturtage den Grand Prix de Littérature 2019 der Kantone Bern und Jura.

© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Genf.

Webseite des Autors

Rezension von «Zehn unbekümmerte Anarchistinnen», Limmat Verlag 2017

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Highlights aus den 41. Solothurner Literaturtagen

Fast gleich viele wie im letzten Jahr, als es einen neuen Besucherrekord zu verzeichnen gab! Die Solothurner Literaturtage leben, glänzen und tun genau das, was die Besuchenden an diesem Festival zu schätzen wissen.

Aber Solothurn ist auch „Familientreffen“ der kleinen Schweizer Literaturszene. Die Schriftsteller-Nationalmannschaft spielt die sich ewig wiederholende Revanche gegen Rakete Solothurn (1:1!), im Park auf der anderen Aareseite performen die alten Hasen Bänz Friedli, Patrick Tschan, Wolfgang Bortlik, Maurizio Pinarello und Franco Supino ihre Texte unter dem ausladenden Geäst der Uferplatanen, in denen sich ebenso lautstarkes schwarzes Gefieder eingenistet hat. An langen Tischen zwischen der Geburtsstädte der Solothurner Literaturtage, dem Restaurant Kreuz, in dem 1978 Autoren wie Peter Bichsel und Otto F. Walter das Festival gründeten und dem Landhaus branden engagierte Gespräche zwischen den „wilden Jungen“, den „Literaturaktivistinnen“, die sich mit Recht gegen Verkrustungen, betonierte Hierarchien und die ewig Gestrigen auflehnen und aufregen. Und zwischen allen sitzt, plaudert und pafft der ungekrönte König von Solothurn, der mittlerweile 84jährige Peter Bichsel.

Ferdinand von Schirach, Foto © Sabrina Christ und Samuel Mühleisen

Es gab sie, die grossen Namen, auch wenn die aktuelle Deutsche Buchpreisträgerin Inger-Maria Malke mit ihrem preisgekrönten Roman „Archipel“ fehlte. Ferdinand von Schirach, Judith Schalansky, Thomas Hürlimann oder der in Paris lebende Türke Nedim Gürsel oder alt gediente Säulen der Schweizer Literaturszene; Lukas Hartmann, Milena Moser, Ruth Schweikert, Klaus Merz oder die nimmer müden Ernst Halter und Beat Brechbühl.

Aber was muss unbedingt gelesen werden:
„Kaffee und Zigaretten“ von Ferdinand von Schirach. Kein Nahrungsratgeber, obwohl die beiden momentan meistverkauften Bücher im deutschsprachigen Raum solche sind. Ferdinand von Schirach verkauft seine Süchte auch nicht als Eingangstore in die grossen Erkenntnisse der Welt. Es geht in seinem Buch um die grossen Fragen des Lebens. Gibt es eine Grenze zwischen Gut und Böse? Wann gilt ein Leben als erfolgreich oder gescheitert? Ferdinand von Schirach ist verstörend ehrlich, direkt und auf seine Weise authentisch. Nach Bestsellern mit den Titeln „Tabu“ oder „Strafe“, in denen er von seinen zwanzig Jahren Erfahrung als Strafverteidiger erzählt, ist „Kaffee und Zigaretten“ sein persönlichstes Buch über eine Jugend voller Traumatisierungen. Ferdinand von Schirachs Auftritt, etwas zischen welt- und staatsmännisch und empfindsamer Scheu beschreibt exakt, was im Buch geschieht. Er breitet aus, sich und die Welt, macht kein Geheimnis aus seinen Depressionen und dem Leiden an der Welt und fordert mehr als deutlich, dass ihm ein Leben mit Respekt und deutlich gelebter Ethik überlebenswichtig erscheint.

Wild wie die Wellen des Meeres“ von Anna Stern und „Balg“ von Tabea Steiner. Wie gut, waren sie da! Zwei engagierte junge Autorinnen in so gänzlich verschiedener Lebens- und Schreibsituation. Anna Stern, eine Akademikerin, die sich in ihrem Brotberuf wissenschaftlich mit Umweltfragen beschäftigt, Tabea Steiner eine „junge Wilde“, die sich auf ganz vielen Bühnen und Wirkungsfeldern innerhalb des Literaturbetriebs bewegt. Anna Stern erzählt vom Fluchtversuch einer jungen Frau, eine Geschichte, die sich geographisch aus der Heimat entfernt und Tabea Steiner jene eines Ausgegrenzten, das eingezwängte Dasein in dörflicher Enge. Beide Bücher sind auf literaturblatt.ch besprochen. Ich würde mich nicht wundern, wenn die beiden Titel im September auf der ominösen Shortlist des Schweizer Buchpreises erscheinen würden.

Franco Supino, Foto © Sabrina Christ und Samuel Mühleisen

Auch wenn Simonetta Somaruga ihrem Mann bei seiner Lesung am Sonntag einen Besuch abstattete und ich mich einmal mehr wunderte, dass eine Ministerin in der Schweiz wie jede andere als Privatperson durch die Solothurner Innenstadt spazieren kann, ohne dass an jeder Ecke ein bis auf die Zähne bewaffneter Soldat jeden Anwesenden mit durchdringendem Blick nach seinem Gewaltpotenzial scannt und mir der neue Roman ihres Mannes ausgesprochen gut gefällt (Eine Rezension und Interview mit Lukas Hartmann folgt!), war es der Rückkehrer Thomas Hürlimann, der mit seiner ersten Lesung aus seinem vor einem Jahr erschienen Roman „Heimkehr“ den Solothurner Literaturtagen einen grossartigen Abschluss bescherte.
Thomas Hürlimann ist unbestritten einer der Grossen, nicht nur in der Schweiz, sondern in der ganzen deutschsprachigen Literatur. „Das Gartenhaus“, eine Novelle, die die Geburtsstunde des vielvermissten Ammann-Verlags bedeutete, ist genauso Eckpfeiler, wie fast alle folgenden Publikationen, Prosa oder Theater. Und jetzt, nach Krankheit, langer Abwesenheit, las Thomas Hürlimann zum ersten Mal vor grossem Publikum aus seinem Roman „Heimkehr“. Heinrich Übel, Fabrikantensohn, hat ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. „Heimkehr“ beschreibt die Rückkehrversuche eines Sohnes in die verlassene Welt der Familie. Ein Autounfall katapultierte ihn aus seinem Leben, seiner Identität. „Heimkehr“ ist ein vielschichtiger Roman mit einem grossen Bruder, Max Frischs „Stiller“. Dem Tod von der Schippe gesprungen, sei alles neu gewesen, erzählte Thomas Hürlimann. Auch das Schreiben. Ein zu der Zeit fast fertiger Roman musste noch einmal neu erzählt werden. Die Frage „Bin ich oder bin ich nicht mehr?“ war in der Fassung vor der Krankheit und dem drohenden Tod nicht vorhanden. Thomas Hürlimanns Roman sprudelt vor Fabulierlust, Witz bis hin zur „Klamotte“. Ein grosses Buch!

Beitragsbild zeigt Viola Rohner © Sabrina Christ und Samuel Mühleisen

Michael Kumpfmüller «Tage mit Ora», Kiepenheuer & Witsch

«As I walked along the beach and drank with her / I thought about my true love, the one I really need» (Bright Eyes, «June On The West Coast»)

Zwei lernen sich kennen. Er hat die 50 schon überschritten, sie ist zehn Jahre jünger. Er wurde verlassen, sie muss sich irgendwann entscheiden. Er ist erstaunt darüber, dass dieses Wunderwesen sich für ihn interessiert, sie bleibt ein Rätsel, auch nach einer gemeinsamen Reise durch den Süden der USA.

Michael Kumpfmüller liebt das Spielfeld menschlicher Beziehungsdramatik, jenen Zustand, der in ebenso viel Sehnsucht wie Leidenschaft (wörtlich!) eingebettet ist. Man lebt mit jemandem zusammen, den man kennenlernt, kennenlernen will, letztlich auch muss, lebt in einem Zustand, einem Gefüge, das maximale Nähe und manchmal sogar maximale Distanz bedeuten kann.

Beide sind leidgeprüft, „Versehrte“. Wie auch anders, wenn man den Sturm und Drang hinter sich hat. Lynn, die Ex von ihm, hat sich stufenweise aus seinem Leben verabschiedet. Am Schluss blieb gar nichts, alles aus der gemeinsamen Wohnung abtransportiert, was hätte erinnern können. Die Ex trat aus der Bezeichnung aus, ohne Erklärungen, letztlich unerklärlich. So unerklärlich wie seine Verbindung zu Ora, die mit einer gemeinsamen Reise zu eine Bindung werden soll, wie das Entstehen von Zweisamkeit.

Er lernt Ora bei einer Hochzeit kennen. Und obwohl sich Flüchtigkeit nicht aus dem neuen Gefüge vertreiben lässt, entschliessen sie sich, eine gemeinsame Reise zu tun. Sie will und er fühlt sich durch ihre Entschlossenheit geschmeichelt. Eine gemeinsame Reise als Chance sich kennenzulernen? Zum einen ist man als Schicksalsgemeinschaft aneinander gebunden. Man fliegt im gleichen Flieger, fährt im selben Auto, sitzt am gleichen Tisch und teilt (vielleicht, warum nicht) das gleiche Zimmer und Bett. 13 Tage durch den Süden der USA, an der Hand genommen von einem Song der Indie-Band Bright Eyes und ihrem Song „June On The West Coast“. Eine Reise nicht als Touristen auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten, sondern eine Reise zum andern. Die langen Fahrten durch die Wüsten und wüsten Orte als Kontrast zu dem, was in den beiden passiert; Landschaft, Städte, Koffer und Hotels als Kulisse für ein Abenteuer, das sich eigentlich nur zwischen den beiden abspielt.

„Tage mit Ora“ ist eine Reisegeschichte, beschreibt den Weg einer Liebe aus der Sicht eines Mannes, dessen Desillusion ihn schwanken lässt, hinein in Zustände, Situationen und fremd gewordene Emotionen, die sich dem Erzählenden nur bis zu einem gewissen Grad erschliessen. Michael Kumpfmüller schreibt über die Liebe, eigentlich über das Abenteuer, das zwei eingehen, mit all den möglichen Konsequenzen, entschlossen, sich zu ent-schliessen, bis zur absoluten Verletzlichkeit aufzutun.

Ora will das Abenteuer des Reisens, den Entschluss wider der Vernunft. Wer reist schon mit jemandem, den er erst durch die Reise kennenlernen will? Es gibt keine erklärbaren Gründe, warum man ein solches Abenteuer starten sollte – ausser um seiner selbst willen.

Von Seattle an der Westküste entlang, durch Niemandsland und Wüsten bis nach San Diego und von Los Angeles wieder zurück in eine Zukunft, die alles offen lässt. In einem Gespräch verriet Michael Kumpfmüller, er sei für den Roman gar nie in jenem Teil der USA gewesen. Was er an Kulisse brauchte, nahm er sich. Es war die Reise der beiden und der Song von Bright Eyes, eine Rundreise, wie es eine Reise immer ist, hin und zurück.

„Ich verstehe so vieles nicht, sage ich. Dich am allerwenigsten. Ich versuch es. Manchmal verstehe ich etwas. Ora: Ich verstehe mich selbst überhaupt nicht.“

Interview:

Kennt man sich je oder ist Liebe der permanente Versuch in die Nähe eines Gegenübers zu gelangen, über jene magische Grenze hinaus, die aus Nebeneinander Miteinander macht? Oder ist „Tage mit Ora“ die Umschreibung einer grossen Illusion?
Das, was wir Liebe nennen, ist als Phänomen flüchtig, aber keine Illusion. Am Liebesthema interessiert mich, was mich auch bei anderen Themen interessiert: Inwieweit können wir Handelnde sein oder zu solchen werden, obwohl existenziell so vieles vorbestimmt und festgelegt ist, und im Laufe eines Leben immer mehr. Ich glaube an das, was wir Freiheit nennen, so klein sie auch immer sei; wir müssen sie nutzen und schätzen, nur so sind wir aus eigenem Antrieb am Leben, was das mögliche Scheitern einschliesst. Das Schlimmste wäre, nicht gelebt, weil nichts riskiert zu haben, und also kann uns als lebendig Lebende eigentlich nichts Schlimmes passieren.

Beide, der Mann und die Frau sind „Versehrte“, was in der zweiten Hälfte des Lebens alle sind. Und doch reisst Ora den Erzähler aus der Desillusion heraus. Alles scheint möglich. In 13 Tagen bricht vieles auf. Aber weil eine Reise eben nur eine Reise ist und man bei einer solchen in fast allen Fällen an den Ausgangsort zurückkehrt, bleibt doch wenig Hoffnung, wenn man zurück auf dem Boden der Realität ist.
Alles ist möglich, und am Ende vielleicht doch nicht. Wer weiss. Ich weiss es selbst nicht. Manche Leser sind ganz sicher, dass da ein Liebespaar mit Perspektive nach Hause kommt, andere bezweifeln das, wieder andere sind ganz sicher, dass nicht. Liebesgeschichten sind immer offen, nur wollen wir das üblicherweise nicht wahrhaben. Würde diese nur die 13 Tage dauern, die die Reise dauert – was wäre so schlimm daran? Eine Liebesgeschichte bleibt es. Und ich mag sie sehr.

Was Sie so heiter beschreiben, was im Roman so flockig erscheint, ist Resultat vieler kleiner und grosser Katastrophen. Sie verraten wenig von jenen des Erzählers, gar nichts von jenen in Oras Leben. Aber beide haben in ihrem Reisegepäck Pillen gegen das Unglück. Gibt es eine Hoffnung gegen die Kränkungen der Liebe?
Es gibt die Arbeit an der eigenen Erfahrung und die Erkenntnis, dass das Leben episodisch ist. Dinge fangen an und enden, aber indem sie enden, entsteht die Möglichkeit, sich auf eine neue Episode einzulassen und ein Stück weiter neu zu entdecken. Das finde ich gar nicht so übel.

Sie erzählen, dieses eine Lied der Indie-Band Bright Eyes habe die Kulisse, die Reiseroute zu ihrem Roman geliefert, eine Route, die nur Staffage ist, die Sie nicht einmal physisch zu recherchieren brauchten. Versetzt Sie Musik derart in eine andere Landschaft? Hören Sie Musik bei Schreiben und wenn ja, misstrauen Sie ihrer Wirkung nie?
Musik ist ein Begleiter und Türöffner für die innere Imaginationsarbeit, aber manchmal stört sie auch, so wie in intensiven Schreibphasen (vor allem am Anfang) fast jede literarische Lektüre stört und ich mich nur mit ganz Fremdem und Abgelegenem beschäftigen mag; ist der Schreibprozess stabil, werde ich schnell wieder offener.

Bei der Lesung erzählten Sie, wie sehr sie der Umstand befreit, dass Sie nach Beendigung eines Romans nicht mehr in ein grosses Loch fallen, weil wieder ein Neubeginn gestartet werden muss, dass Sie an mehreren Stoffen gleichzeitig arbeiten, Stoffe, die sich in verschiedenen Stadien des Gedeihens befinden. Das klingt logisch. Aber ist es leicht, so viele Welten nebeneinander mit sich zu tragen?
Das ist ja alles ganz neu für mich, und ja, zu meiner Überraschung kein Problem. Wahrscheinlich deshalb, weil die Welten, die ich da in mir trage, alle in einem völlig anderen Aggregatszustand sind. Man kann aus einem publizierten Buch öffentlich lesen und zugleich (wieder zu Hause) am nachfolgenden schreiben und (allerdings nur in der Endphase) darüber nachdenken, welche Verrücktheit man sich als Nächstes vornehmen möchte. Dieses dreifache «Aufgeregtsein» (denn darum geht es beim Schreiben immer) geniesse ich gerade sehr; er macht mich heiter.

PS Und wem es vergönnt ist, dem Autor bei einer Lesung zu lauschen; seine Stimme lohnt es!

© Joachim Gern

Michael Kumpfmüller, geboren 1961 in München, lebt als freier Autor in Berlin. Im Jahr 2000 erschien mit dem gefeierten Roman «Hampels Fluchten» seine erste literarische Veröffentlichung, 2003 sein zweiter Roman «Durst» und 2008 «Nachricht an alle», für den er vor dem Erscheinen mit dem Döblin-Preis ausgezeichnet wurde. Bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2011 wurde der Roman «Die Herrlichkeit des Lebens» zum Bestseller und von der literarischen Kritik hochgelobt. Mittlerweile ist «Die Herrlichkeit des Lebens» in 25 Sprachen übersetzt worden. 2016 erschien der Roman «Die Erziehung des Mannes» (Rezension auf literaturblatt.ch).

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Margrit Schriber «Heute + gestern + morgen, Gedanken zum 80sten

Margrit Schriber feiert heute ihren 80. Geburtstag! 1976 veröffentlichte sie ihren ersten Roman «Aussicht gerahmt», seither zwei Dutzend Romane, Erzählbände, Stücke und Hörspiele. Wer Margrit Schribers Werke kennt, weiss wie sehr sie den Spirit des Erzählens zu leben weiss. Ich wünsche ihr zusammen mit vielen treuen Leserinnen und Lesern, dass dieser Geist noch lange wirkt!

«Ihre grosse  Leistung sehe ich darin, dass Sie das Schweigen zum Reden bringt. Das Wort ist ihre Achillessehne. Ich füge hinzu: zum Glück, denn damit sind ihre Leser dazu eingeladen, die grosse, unglaubliche Wirkung der Sprache ernst zu nehmen.» Prof. Hans Ester

HEUTE mache ich mir Gedanken zu meinem Achzigsten. Eine unglaubliche Zahl. Doch ich fühle mich heute so jung, so frisch, so vital wie immer. Ich habe im Februar einen Roman beendet, mein neunzehntes Buch. Doch in meinem Verlag wechselt die Leitung. Und so liegt das Manus jetzt dort in der Schublade UNGEWISSHEITEN. Das ist ein Wermutstropfen am heutigen Tag.

RÜCKBLICKEND ist für mich «Schreiben» der abenteuerlichste Akt in meinem Leben. Jedes Buch ist das Schnüren meines Rucksacks zum Aufbruch in eine neue Welt. Ich holze linksrechts eine Schneise durch den Dschungel. Das belebt mich! Das ist das Elixier, das ich brauche. Das erhält mich jung.

Das Leben steckt Grenzen, bietet aber Möglichkeiten. Das ist ein Thema.

Ich schreibe über Menschen, ihre Wege, Wünsche, Möglichkeiten und Widerwärtigkeiten. Das was sie wollen ist nicht immer das, was sie erreichen. Aber ich bewundere aus tiefstem Inneren die fantastischen Höheflüge, zu denen ein Mensch sich aufraffen kann. Ob er scheitert, ob er seine Möglichkeit falsch einschätzt, das ist nicht von Bedeutung. Aber dass er all seine Kraft und Fähigkeit aufbringt, um für einen Traum zu kämpfen, das ringt mir Achtung ab. Ich glaube, dass es dieser ungebrochene Mut und Trotz ist, der aus einem Individuum erst einen Menschen macht.

Ich schöpfe aus meinem Alltag und meiner Umgebung. Manchmal drehe ich das Zeitrad zurück, doch immer nehme ich mir Leute zum Vorbild, die ich kenne oder die es gegeben hat. Ich stelle sie mir mit all ihren Widersprüchlichkeiten vor. Bilder erstehen, Gespräche, Handlungen, Konflikte. Schliesslich lebe ich mit meinen Figuren. Ich baue Szene um Szene den Roman oder die Geschichte.
Trotzdem: Wir wissen so wenig voneinander. Es ist immer nur ein Bruchteil, der aufschimmert, den wir wahrnehmen. Also baue ich aus diesem Bruchteil meine neue, eine andere Welt. Das ist mir klar. Meine Figur ist mein Geschöpf und dreht sich in der Spieluhr meines geschaffenen Turms zum Stundenschlag im Kreis.

ZUKUNFT ist immer ein Zauberwort. In meinem Alter reizt dieses Wort zum Lachanfall. Ich machte mir immer eine Idealvorstellung. Zum Beispiel wollte ich ein wertvoller Mensch sein, andere ermutigen, dass sie ihre Träume verwirklichen. Gute Literatur machen und ganz darin aufgehen. Daneben wollte ich jemand sein, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Aber im Lauf der Jahrzehnte schrumpfte die Idealvorstellung von meinem Wert oder von der Bedeutung meines Werks. Ich habe begriffen, dass mein Aufleuchten in der Schöpfung bedeutungslos ist. Aber ich lebe: Das ist grandios. Ich zähle zum unermesslichen Grossen Ganzen. Und jetzt zum Achtzigsten kann ich sagen, dass ich die Schönheit anbete, die mich hier umgibt. Dass ich vor dieser Pracht in die Knie gehe. Wie andere vor mir und andere nach mir. Das Aufblinken meines Staubkorns im All ist nicht Nichts gewesen.

Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Rezension des Romans «Glänzende Aussichten» auf literaturblatt.ch

«Die Verrücktheiten in meinem Leben» von Margrit Schriber auf der Plattform Gegenzauber

«Schweiget, wenn andere pochen auf ihr heiliges Recht.» Ein Rückblick auf die 41. Soloturner Literaturtage

Auch wenn ich als Blogger schreibe, besuche ich die Solothurner Literaturtage in erster Linie als Leser, als Büchermensch, als Perlensucher und ewig Erwartender. Solothurn tat genau das, was ich mir erhoffte; es schenkte mir Lesestoff und Begegnungen, die nur in Solothurn stattfinden können, Garanten aus der Vergangenheit und Versprechen in die Zukunft.

Gut, wenn der Erfolg nicht Garantie dafür ist, an den Solothurner Literaturtagen eingeladen zu werden. Dafür gibt es Bühnen genug in den Zentren kulturellen Lebens. Dort schweben sie in unsäglicher Entfernung vom Publikum über Leserinnen und Lesern und pflegen ihr Image als Ikonen der zeitgenössischen Literatur. Hier in Solothurn setzen sie sich an den gleichen Tisch, auf die gleiche Bank; Lukas Hartmann, Ruth Schweikert, Klaus Merz oder Nelly Zink, die auf Lesereise in Europa in Solothurn und Leukerbad Station macht.

Eine der Grossen, die alles versprechen und alles halten, ist Judith Schalansky, mit der ich im letzten Sommer ein Interview in Leukerbad führte und die damals noch in den letzten Arbeiten steckte vor der finalen Fertigung ihres Buches «Verzeichnis einiger Verluste». Judith Schalansky reiste vor Jahren anlässlich eines Stipendiums in die Walliser Alpen, um in der Abgeschiedenheit einen «Naturführer der Monster» zu schreiben, angelehnt an ihren international erfolgreichen Bestseller «Atlas der abgelegenen Inseln», eine aus Fiktion und Fakten gemischte Sammlung fünfzig entlegenster Inseln. Allerdings scheiterte das Schreiben eines «Naturführers der Monster» angesichts der begrenzten Vielfalt menschlicher Vorstellungskraft. Aber es war der Beginn eines viel grösseren Wagnisses, dass schon jetzt seinen sicheren Platz im Kanon zeitgenössischer Literatur gefunden hat. Bestechend allerdings ist nicht nur der Inhalt, die Sprache, der Plan, der dem Buch zugrunde liegt, sondern das Buch als Objekt selbst. Judith Schalansky ist viel mehr als Schriftstellerin. Sie ist Buchgestalterin, Buchkünstlerin, macht aus einem Buch ein Gesamtkunstwerk, durchkomponiert bis zur Art und Weise, wie sie ihre Bücher signiert. Was Judith Schalansky tut ist Offenbarung! (Rezension auf literaturblatt.ch)

Neben Lesungen aller Art von Literatur vielfältigster Couleur ist das Format «Skriptor», bei dem Autorinnen und Autoren zur Textarbeit zusammen über unveröffentlichte Texte diskutieren, ein ganz besonderes Setting. So sassen neben dem Moderator und Schriftsteller Donat Blum, die Schreibenden Viola Rohner, Ruth Schweikert, Micha Friesel, Ralph Tharayil und Rolf Hermann einer zukünftigen Literaturdebütantin gegenüber, die vier Kapitel ihres Romanmanuskripts dem Sextett und dem Publikum zur Diskussion vorlegte. Ein Romanentwurf, der viel verspricht, von Mariann Bühler, die für einmal nicht den gerne kritisierten Schreibschulen der Schweiz entsprang. Ohne viel verraten zu dürfen; auf diesen Namen darf man gespannt sein. Da entsteht ein Roman (Arbeitstitel: Camoghè), der begeistern wird, da wächst eine Schreibe, die viel Talent verspricht. Spannend, wenn man als Leser und Besucher der Literaturtage nicht nur mit fertigen Büchern konfrontiert wird, sondern ungefiltert in Entstehungsprozesse hineinblicken kann, in Auseinandersetzung, in die sonst geschlossenen Räume dessen, was mir Leser verborgen bleiben.

Ebenso vielversprechend, spannend und einmalig war das von Tim Krohn vorgestellte Projekt DuftBar. In Zusammenarbeit mit dem SNF-Projekt «Smelling more, smelling differently» der Berner Fachhochschule schrieb Tim Krohn während der Literaturtage zwei Dutzend Texte zu Düften in kleinen Flakons, die von Duftkünstlern und Meisterparfümeurs zusammengestellt wurden. Immer nach der gleichen Vorgehensweise: Tim Krohn nahm sich einen Duft, schnupperte nach einer Stunde noch einmal an dem Duftstreifen, nach drei Stunden ein weiters und nach acht Stunden ein letztes Mal, weil sich komplexe Düfte mit der Zeit verändern. Aus den Notizen, Assoziationen und aufgestiegenen Bildern schuf Tim Krohn Texte, Kurzgeschichten, Sprachskizzen, die einen ganzen Saal bestens zu unterhalten wussten. Zu wünschen ist nur, dass diese kunstvollen Miniaturen irgendwann einem breiten Publikum zugänglich werden, denn sie beweisen auf eindrückliche Weise, wie einmalig Tim Krohns Fähigkeit ist, aus Bildern Sprache und Geschichten werden zu lassen. So freue ich mich vorerst einmal auf die beiden bei Kampa im kommenden Herbstprogramm erscheinenden Bücher! («Der See der Seelen» und unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder «Endstation Engadin»)

Weitere Empfehlungen folgen!

Zeichnungen © Lea Frei (lea.frei@gmx.ch)

Das Zitat im Titel des Artikel entstammt dem neuen Gedichtband «Zwiegesicht» von Ernst Halter

41. Solothurner Literaturtage «Warum wir zusammen sind»

Wie fast jedes Jahr wird scharf geschossen, sobald die Teilnehmenden und das Programm feststehen. So wie dieses Jahr; es wird eifrig polemisiert, geschimpft, gewarnt und Gift gestreut. Mit Sicherheit gibt es Kritikpunkte genug, Erwartungen, die sich im Vorfeld schon nicht erfüllen. Aber die Solothurner Literaturtage sind nicht nur Nabel- und Werkschau der Schreibenden, sondern Literaturtage der Lesenden. Und die freut’s.

Erster grosser Programmpunkt des ersten Tages war der neue Roman «Warum wir zusammen sind» von Martin R. Dean, dem schon kurz nach dem Erscheinen in den Medien viel Platz eingeräumt wurde, denn Martin R. Dean trifft mit seinem Buch den Nerv der Zeit. Der Roman erzählt nicht nur von Beziehungen und Lieben, es sind gesellschaftliche und sehr intime Betrachtungen dessen, was Paare verbindet, genau das, was jene betroffen macht und gleichermassen fasziniert, die morgens in Scharen den Landhaussaal an der Aare füllen.

Solothurn war, ist und wird während dreier Tage Nabel und Mekka der Schweizer Buchwelt, das Epizentrum aller tektonischer Literaturverschiebungen, die dieser Anlass jedes Jahr auslöst. Seien es die Diskussionen in den Medien darüber, was an jenem oder diesem zu kritisieren sei, an den Eingeladenen, der Programmierung, dem Frust der einen, nicht oder schon wieder nicht eingeladen zu sein, den Ärger, den einen oder anderen Fixstern im Programm zu vermissen.

Vielleicht liegen die Gründe für all die immer wiederkehrende Kritik darin, dass dieses Buchfest mit jedem Jahr um eine Stufe mehr ins Unermessliche und Unerfüllbare aufsteigt. In der Schweiz gibt es kein zweites derartiges, in der Tradition verwobenes Festival, das ein so breites und zahlreiches Publikum zu mobilisieren vermag, wo das Dabeisein darüber entscheiden kann, ob ein Buch zu einem «finanziellen Erfolg» wird, ob sich ein Titel, ein Name überhaupt erst an die Oberfläche schält, wo die Leserschaft ihre Fühler ausstreckt.

«Die Ehe ist der Repräsentant des Lebens, mit dem du dich auseinandersetzen sollst.» Franz Kafka 

Martin R. Dean eröffnete mit seiner Lesung den Reigen vor grossem Publikum mit einer Liebesgeschichte, einer Geschichte um Lieben, Verhältnisse, Tabubrüche, Bedrängnisse und das Elend des Getriebenseins. Eine Liebesgeschichte für die einen, das blanke Elend für die andern, genauso wie das ambivalente Verhältnis vieler zu den Solothurner Literaturtagen. Solothurn ist die alljährlich wiederkehrende, institutionelle Flitterwoche der Vermählung zwischen Literaturbetrieb und Leserschaft. Vielleicht müssten die vorhersehbaren Diskussionen über das Gute und Schlechte dieser Literaturtage einmal mit jenen geführt werden, die vom Bodensee und vom Genfersee, vom Tessin oder vom Glarnerland an die Aare reisen, sei es für einen Tag oder für die ganze Festivalzeit. Sie kommen aus Liebe zum Buch, zur Literatur. Liebe reibt sich am Widerspruch. Solothurn ist eine Langzeitbeziehung mit Höhen und Tiefen, durchdringendem Glücksgefühl dann, wenn man erhört wird, wenn einem gehuldigt wird. Enttäuschung und Frustration dann, wenn man sich missverstanden oder übergangen fühlt.

Die 41. Solothurner Literaturtage sind ins Alter gekommen. Gut, wenn da immer wieder frisches Blut durch die Arterien des Festivals gepumpt wird, durch neue, junge Namen bei Eingeladenen und Organisation. Gut, dass sich die Solothurner Literaturtage der Kritik aussetzen, sich stets zu erneuern versuchen. Nichts an dem Festival ist vergeistigt, verknöchert oder in einer Hülle von Tradition eingeschweisst. Solange die Besucherzahlen beweisen, dass es die Solothurner Literaturtage geben muss, solange Leserinnen und Leser strömen und bei alledem das Wetter derart freundlich mitspielt, wird die in die Jahre gekommene Liebe überleben.

Über Höhepunkte, Highlights und Überraschungen berichte ich später!

Illustration © Lea Frei (lea.frei@gmx.ch)

Patrick Tschan mit «Der kubanische Käser» in Amriswil

Ein grosser Tisch, darauf Leckereien und Wein, rundum Gäste, dazwischen Bücher. «Literatur am Tisch» hat Tradition; Angelika Waldis, Jens Steiner, Hansjörg Schertenleib u. a. waren schon Gäste am Tisch in Amriswil. Patrick Tschan brachte seinen neuen Roman «Der kubanische Käser» und einen «Kuba Mutschli» der Käserei Stoffel aus Unterwasser im Toggenburg, dem Ausgangspunkt Tschan Romane «Polarrot» und «Der kubanische Käser».

Traditionelle Lesungen sind das eine. Aber wenn sich interessierte Menschen, die das Buch bereits gelesen haben, an einem gedeckten Tisch mit dem Schriftsteller treffen, dann schlägt Literatur ganz andere Wellen. Dann wird fassbar, was Schreiben bedeutet, deutlich, was Leidenschaft erschafft, durchscheinend, wie Literatur entsteht.

«Irgendwann im April 2019 tat der Säntis einen Schritt zu Seite und rief derart verheissend nach Noldi, dass sich der Chäserrugg aus Erbarmen duckte, damit der Gallus seine Einladung über den Walensee, die Bündner Alpen, das ligurische Hochgebirge und den Anfang des Apennins bis aufs offene Meer rufen konnte, diese weiter klang, am hohen Atlas-Gebirge nach Westen abbog, sich über den Atlantik bis in die Karibik kämpfte, wo gerade jetzt der Noldi vor seine Mine trat, ganz weit weg ein ungewohntes, aber doch vertrautes Geräusch hörte, auf den Karstkegel stieg um es besser zu hören, jetzt sicher war, dass der Gallus aus Amriswil zu «Literatur am Tisch» lud, worauf der Noldi sogleich ein Mutschli und einen Grind einpackte, die Beine unter die Arme nahm, dieses Tal, indem das Glück kubanisch sprach, verliess, einschiffte, über den Atlantik segelte, in Genua anlegte, noch einen Gang höher schaltete um ja rechtzeitig am Tisch mit Käse, Brot und Wein, an der St. Gallerstrasse 21, bei Irmgard und Gallus Frei-Tomic einzutreffen.
Es war ein wunderbarer Abend mit wunderbaren Menschen und wunderbaren Gastgebern, und der Duende, dieser Geist, der dem Mark des Lebens die Bühne bereitet, legte sich auf die Runde und befeuerte die Energie des Erzählens, der Geschichten und des Redens über Geschichten, die den Menschen die Seele reinigen.
So war es, in Amriswil, am 29. Mai 2019, bei Irmgard und Gallus Frei-Tomic, deren Herzenskraft der Literatur den Rücken stärkt.» Herzlich Patrick

«Ein Tisch. Ein Buch. Ein Autor. Sechs Leserinnen. Zwei Leser. Das sind in diesem Fall die Zutaten fürs Zusammensein am Familientisch. Angerichtet haben die Schose Irmgard und Gallus Frei-Tomic in Amriswil. Gestern stand Patrick Tschan mit seinem Buch «Der kubanische Käser» im Zentrum zwischen Chüeboden, Brot, Murmeli, Weingläsern, Käsesorten, Noldi Abderhalden aus Alt St. Johann im Jahr 1620 und ziemlich lauten Fürzen. ‚Es war ein hueren Puff zu dieser Zeit in dieser Ecke der Welt‘, steht im Buch. Ein sauschöner Abend. Herzlichen Dank an Patrick, Irmgard, Gallus, die andern und an den ‚Kugelfang-Noldi‘!» Gregor Meili.

«Der kubanische Käser» ist aber noch mehr als ein Roman: In szenischen Lesungen zusammen mit Schauspielerinnen und Jodlerinnen soll «der Käser» in Zukunft die Kleinbühnen beleben. Die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gange (Informationen).

 

«Was ist Gerechtigkeit?», Sommer-ERNST #10

Weil es der zehnte ERNST-Magazin ist. Und weil es eben manchmal auch gross sein soll, stellen wir sie endlich, die monumentale Frage, die Frage nach der Gerechtigkeit.

Aus der Ferne lassen sich ihre scharfen Kanten noch klar erkennen, steh‘ ich aber vor ihr, ist die Frage überwältigend.
Trennscharfe Begriffe wie «Schuld“ und „Täter“ verlieren aus der Nähe betrachtet an Konturen. Wie Frank Keil zeigt, der sich knapp neun Jahre nach der Loveparade-Katastrophe in Duisburg umgeschaut hat. Noch immer ist niemand für dieses voraussehbare Unglück zur Verantwortung gezogen worden. Ist das gerecht?

Soziologe Martin Schoch ist für ERNST durch Kambodscha, aber auch durch seine Kindheit gereist und fragt: „Ist Ungerechtigkeit ein Gefühl, Gerechtigkeit eine Idee?“
Und Philosophin Svenja Flaßpöhler findet im Interview mit Anna Pieger, dass wir Ungerechtigkeiten zwar anprangern, aber dabei eben auch unsere eigene Position nicht unbetrachtet lassen sollten. Für sie sind Selbsterkenntnis und Verzeihen wesentliche Schlüssel im Umgang mit der grossen Frage.
Bei Jens Eber setzen sich eine junge, ungeduldige Klimaaktivistin und ein älterer, abgeklärter Berufspolitiker an den Tisch und ringen um das richtige Mass an Gerechtigkeit. In unserer Sparte „Politik und Bewegung“ beschäftigen sich zwei grosse Strecken mit Geschlechtergerechtigkeit. Sie zeigen, dass der Graben nicht entlang des Geschlechts verläuft, eher zwischen denjenigen, die Emanzipation als Recht – und denjenigen, die Emanzipation als Pflicht verstehen. Und auch wohltuend zu lesen ist das Plädoyer für einen gelasseneren Umgang mit Trennung.

„Sinn und Sinne“ bietet die gewohnt gute Mischung aus Musik- und Literatur, ERNST kocht ein Kichererbsen-Gericht und wir lernen „Kamerun-Ernst“ kennen. Und es fehlt nicht der Slam von Fabienne Krähenbühl, es fehlt nicht „Das Innerste“ von Ivo Knill, flankiert von einem tollen Foto, es fehlt nicht das Dreamscape-Abschlussbild von Luca Bricciotti und eine eindringliche Buchempfehlung von Gallus Frei-Tomic!

Also: Ein prall gefülltes Heft, nicht nur weil es die Nummer #10 ist.
Zehn schon, wir sind ein wenig – stolz!

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