David Vann «Momentum», Hanser Berlin

Schon eines seiner ersten Bücher „Legend of a Suicide“ (Im Schatten des Vaters, Suhrkamp, 2011) drehte sich thematisch um die Selbsttötung seines Vaters. Sein neuster Roman „Momentum“ (engl. Halibut on the moon) ist ein schmerzhafter Roadtripp zweier Brüder. Der eine gelähmt durch seine Hilflosigkeit, der andere zerfressen von einem Schmerz, der ihn von allem wegreisst und unaufhörlich auf ein selbstzerstörerisches Ende zutreibt.

Ich fragte einen Freund, ob er in diesen Zeiten ein aussergewöhnliches Buch gelesen habe. Er zögerte keinen Augenblick und nannte „Momentum“ von David Vann. Er musste den Namen buchstabieren, hatte ihn noch nie gehört, obwohl ich im Nachhinein feststellen musste, dass Suhrkamp ein halbes Dutzend Bücher dieses Autors preist, die alle an meiner Wahrnehmung vorbeigingen. Ein Versäumnis!

Jim wird an einem Flughafen in San Francisco von seinem jüngeren Bruder Gary abgeholt. Gary, dessen Bruder für ihn lange sein grosser Bruder, sein Vorbild war, wird vom kleinen Bruder zum Beschützer, zum Behüter seines Bruders. Jim ist Ende dreissig und schwer depressiv. In der halbvollen Ledertasche, die er von Alaska mitgebracht hat, liegt ganz unten eine 44er Ruger Magnum und in seinem Koffer die dazugehörige Munition. Dr. Brown, der Jim Medikamente verschreibt, warnt, dass diese erst nach zwei Wochen zu wirken beginnen und man Jim auf keinen Fall alleine lassen dürfe, weder am Tag noch in der Nacht.

„Du bist wie ein Kompass neben einem Magneten.“

So fährt Gary am Steuer seines Pick-ups, neben ihm sein Bruder. Gary will seinen Bruder zurück und Jim steuert entschlossen auf den von ihm bestimmten Endpunkt seines Lebens entgegen. Für ihn gibt es nichts zu retten, schon gar nicht sein beschissenes Leben, ein Leben, das ausser Kontrolle geraten ist, das ihn hin- und herschlägt von überbordender Euphorie in abgrundtiefe Depression. Das einzige, was ihm Sicherheit gibt, ist die Knarre in seinem Gepäck und die Gewissheit, dass sie ihn in einem einzigen kontrollierten Moment aus dem permanenten Schmerz wegreissen kann, für immer befreien.

David Vann «Momentum», Hanser Berlin, 2020, 304 Seiten, 35.90 CHF, ISBN 978-3-446-26594-3

Jim, der in der Schule zu den Besten gehörte, wie sein Vater Zahnarzt wurde und einen Haufen Geld verdiente, zweimal verheiratet war, zwei Kinder hat und nichts lieber tat, als mit seinem Bruder zu jagen, hat allen Halt verloren, alle Sicherheit, jede Hoffnung. Er stellt alles in Frage, stellt dauernd Fragen, die jene, die ganz in der Gegenwart zu leben versuchen, gar nie stellen, sich gar nie zu stellen trauen. Jim reisst alle Fassaden, alle Kulissen nieder. Selbst als er seine Ex noch einmal besucht und einen Ausflug mit seinen beiden Kindern zu machen versucht, endet alles im Fiasko von Fragen, überbordender Reaktionen und der Hilflosigkeit aller Beteiligten. Unversöhnliche Gegensätze zerschmettern das wenige, das geblieben ist, da der fatalistische Frontalangriff auf alles, dort die immer gleichen religiösen und konformistischen Litaneien. Jim kann nicht mehr. Das Theater seines Lebens formiert sich zu einem finalen Ende.

„Wir kommen nirgends hin und entkommen auch nicht meiner Zukunft.“

Gary und Jim fahren zu ihren Eltern, beide alt geworden, müde vom Leben. Irgendwann sitzen sich Jim und sein Vater im Halbdunkeln gegenüber. Beide verstehen nicht. Bis der Vater sagt: „Alles ist ein Haufen Scheisse. Das ganze Leben. Nichts ist so, wie es sein sollte.“ Jim kann nicht fassen, dass sein Vater für einen kurzen Moment sein Versteck verlässt. Und doch ist Jim unrettbar verloren, die Fahrt mit seinem Bruder eine Fahrt auf den Abgrund zu.

Zugegeben, es tut weh. Erst recht, wenn einem bewusst wird, dass der Autor Jims Sohn den Namen David gegeben hat, etwas von seinem eigenen Leben erzählt, der Depression, dem Suizid seines Vaters. Wenn David die Szenen mit Jims Kindern schildert, die Ausweglosigkeit, die Verzweiflung des Bruders, die Ratlosigkeit einer ganzen Familie, dann wird deutlich, wie tief das Leiden, wie gross die Verzweiflung war.
Und doch braucht es solche Bücher, die an Fassaden und Kulissen reissen, die Fragen stellen, die sonst nicht gestellt werden, existenzielle Fragen über Sinn und Erlösung, über Wahrheiten und Liebe. David Vann tut es mit seinem Buch unmittelbar. Wer während der Lektüre nur ein Fünkchen Selbstreflexion zulässt, wird das Buch nicht atemlos lesen können, wird es weglegen müssen, weil sich Eigenes aufdrängt. Was will Literatur mehr!

© Mathieu Bourgois Agency

David Vann wurde 1966 auf Adak Island/Alaska geboren. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und erscheinen in 22 Ländern. David Vann lebt in Neuseeland und ist derzeit Professor an der University of Warwick in England.

Der Übersetzer Cornelius Reiber, 1963, studierte Germanistik, Geschichte und Kulturwissenschaften in Köln, Berlin und Princeton und lebt in Berlin. Daneben lehrt er gelegentlich an der Universität Basel. Zuletzt übersetzte er Bücher von Forrest Leo, Paul Theroux sowie einen Gesprächsband mit David Bowie.

Webseite des Autors

Vom gesellschaftskritischen Kommentator zum altersweisen Zeitengänger

Taiwans lyrische Welt ist vielfältig, Lyrik hat einen höheren Stellenwert, wird mehr gelesen, auch von Jüngeren, als hierzulande. Und fällt der Name Yang Mu, nickt man dazu: Die Anerkennung ist einhellig. Er gilt als erster Dichter von Rang, der seine taiwanische Herkunft und Identität in seinen Gedichten anklingen lässt, aber auch die damit einhergehende Zerrissenheit wie beispielsweise in dem Gedicht «Jemand fragt mich nach Gerechtigkeit».

von Alice Grünfelder

Neben Gedichten, für die er nicht nur in Taiwan bekannt ist, schrieb Yang Mu auch Essays (beispielsweise in «Die Spinne, das Silberfischchen und ich), ebenfalls übersetzt von Susanne Hornfeck und Wang Jue.
Im März veröffentlichte die Taipei Times einen Nachruf auf Yang Mu, nachdem er im Alter von 79 Jahren nach Herz- und Lungenbeschwerden im Krankenhaus starb. Eine seiner Lebensfragen hängt seither über meinem Schreibtisch: «How to get involved without being swallowed?»

Seit 1995 setzt Ihr Euch mit dem Werk Yang Mus auseinander – weil er als bedeutendster Lyriker Taiwans gilt?

Ja, wir beschäftigen uns schon lange mit dem Autor, haben sowohl Lyrik (Patt beim Go 2002) als auch Essays („Norden“, in Neue Sirene 1995, und «Die Spinne, das Silberfischchen und ich» 2013) von ihm übersetzt und finden ihn auch deshalb so spannend, weil in seinem Werk so vieles zusammenkommt: die Tradition der chinesischen Poesie, die westliche klassische Moderne und die Einflüsse seiner taiwanischen Heimat. Tilman Spengler hat in seinem Nachruf geschrieben, wir sollten ihn in Erinnerung behalten «als einen Bewahrer der Kunst des Gesangs, von ihren Ursprüngen in China und Griechenland, seinen chinesischen Vorläufern so nahe wie den Griechen, den amerikanischen Zeitgenossen – oder dem jungen Hölderlin».
Besonders froh sind wir, dass er die Nachricht von der deutschen Veröffentlichung seines letzten Gedichtbands – die erste vollständige Übersetzung in eine westliche Sprache – noch freudig zur Kenntnis nehmen konnte. Das fertige Produkt hielt er leider nicht mehr in Händen, aber am 5. September 2020 findet in der Nationalbibliothek Taipeh eine Gedenkveranstaltung statt, bei der Wissenschaftler und Weggefährten an ihn erinnern. Da wird unser Band dann auch aufliegen.


Die lyrische Welt im früheren Band «Patt beim Go» ist zugänglicher als die «Balladen», andererseits finde ich die neun Variationen über die Zittermelodie «Baldige Heimkehr» von Han Yu äussert reizvoll und gelungene Übersetzungen. Wie seid Ihr bei der Auswahl der Gedichte vorgegangen, die Ihr übersetzt habt?

«Patt beim» Go war eine Auswahl, wir haben dabei aus zahlreichen Gedichtsammlungen der Jahre 1969 bis 2000 geschöpft. Wir haben versucht, möglichst repräsentative Texte auszuwählen, aber natürlich springen einen jene an, die einem besonders nahe gehen, in die man sich gut hineindenken kann. Das ist sicher ein Grund, warum die Texte in dieser Auswahl «zugänglicher» wirken. Den Band «Lange und kurze Balladen» haben wir komplett übersetzt. Das heisst, wir mussten uns auch den Gedichten stellen, die für uns schwierig und zunächst unverständlich waren. Die «Variationen» mit ihrem wunderbaren Motto von Han Yu (768–824) sind sicher eines der leichter zugänglichen Kapitel, sie sind von der Länge her überschaubar und beschäftigen sich meist mit konkreten sinnlichen Erfahrungen.

Hat die zunehmende Verschlossenheit seiner Gedichte vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun? Einmal erscheint Yang Mu alterweise und wie die griechischen Götter aus der Ferne auf eine Vergangenheit zu schauen, dann wieder zur Verzweiflung getrieben wegen der «Wirkung der endlos sich dehnenden Zeit». Denke ich z.B. an das Gedicht «Vor den Panzern», das Yang Mu dem Tankmann auf dem Platz des Himmlischen Friedens gewidmet ist, so muten die Gedichte in «Balladen» fast schon ätherisch an. Vom kritischen Kommentator zum feingeistigen metaphysischen Denker?

Ja, das Alterswerk, das dieser Band versammelt, ist sicher abgeklärter. Nicht umsonst taucht immer wieder das Bild der im Olymp thronenden griechischen Götter auf, aber die sind sich ja keineswegs einig, sie streiten und hadern und stiften Chaos. Und im vierten Kapitel, das Taiwan gewidmet ist, wird deutlich, dass die Insel nicht nur geologisch, sondern auch historisch/politisch in einer prekären Lage ist.

 

 



Wie übersetzt ihr? Fertigt Wang Jue zuerst eine Interlinear-Übersetzung an, die Susanne Hornfeck dann überarbeitet, oder wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Ich würde mich allein nie an diese Texte heranwagen. Die Sprache changiert zwischen klassischem Chinesisch und naturwissenschaftlichen oder philosophisch abstrakten Begriffen, überall lauern Bezüge zu klassischer Lyrik. Erst in der bewährten Zusammenarbeit mit Wang Jue fühle ich mich da einigermassen sicher. Sie macht eine Interlinearversion, meist mündlich, die sie mir als mp3-Datei schickt, zusammen mit ihren erläuternden Kommentaren. Ich nehme mir dann den chinesischen Text vor und erstelle mit Hilfe ihrer Vorarbeit eine deutsche Fassung, die dann noch mehrmals hin- und hergeht. Oder wir telefonieren zu einzelnen Stellen. Leider wohnt sie nicht um die Ecke, sondern in Seattle.
Zu diesem Punkt meldet sich auch Wang Jue zu Wort und verweist auf die drei Zielvorstellungen beim Übersetzen: 信 Verstehen und Treue zum Original, 達 die Gewandtheit des Ausdrucks und 雅 stilistische Eleganz. Für das erste fühlt sie sich zuständig, für die beiden letzten sieht sie mich in der Pflicht.

Was ist das Herausfordernde an Yang Mus Lyrik, was ist besonders schwierig? Wie entscheidet Ihr Euch, denn gerade bei Lyrik-Übersetzungen aus dem Chinesischen ist die Bandbreite möglicher Interpretationen enorm, das kann man auch in dem Band «19 Arten Wang Wei zu betrachten» von Eliot Weinberger nachlesen.

Wie schon gesagt, sein Vokabular ist komplex, die Zusammenhänge der oft sehr langen Perioden nicht immer leicht zu durchschauen. Da müssen erst mal die Bezüge geklärt werden. Im Deutschen muss man ja leider vieles «vereindeutigen», was im Chinesischen wunderbar vage bleiben kann. Gelegentlich habe ich Wang Jue mit Fragen wie «Wer spricht hier?» oder «Wo ist das Subjekt?» zur Verzweiflung getrieben.
Und – du erwähnst das Bändchen von Eliot Weinberger – aus der Bandbreite des Interpretationsspektrums muss man sich für eine Lesart entscheiden. Wir versuchen dabei relativ eng am Text zu bleiben. Englische Übersetzungen lesen sich da oft flotter, tun sich – auch von der Sprachstruktur her – mit ihren praktischen Partizipialkonstruktionen leichter. Aber im Deutschen kann man nicht «schummeln», da muss man grammatikalisch «Farbe bekennen». Andererseits gibt es im Deutschen – darauf hat mich Wang Jue hingewiesen – die zusammengesetzten Hauptwörter, eine wunderbar kreative Form der Verknappung.

Yang Mu «Lange und kurze Balladen», Gedichte chinesisch – deutsch, iudicium, 2020, 143 Seiten, CHF 25.90, ISBN 978-3-86205-530-2

Ihr bittet im Nachwort von «Lange und kurze Balladen» um Nachsicht bei der Beurteilung Eurer Übersetzung und verweist auf die Schwierigkeiten beim Übersetzen chinesischer Lyrik, denn: «Was sich im Chinesischen elegant aneinanderreiht, muss im Deutschen in kausale und temporale Zusammenhänge gebracht werden. Wo das Chinesische auf ein Agens verzichten kann, braucht der deutsche Satz ein Subjekt.» Beide Bände, die Ihr übersetzt habt, sind zweisprachig erschienen. Scheut Ihr nicht die Reaktionen kritischer sinologischer Übersetzerkollegen oder jener, die des Chinesisch mächtig sind, die akribisch Original mit der Übersetzung vergleichen?

Natürlich macht man sich angreifbar, wenn der chinesische Text danebensteht. Und natürlich gibt es immer kritische Leser, die es besser zu wissen meinen, aber die müssen, wenn sie das Original anschauen, auch eingestehen, welch hohen Schwierigkeitsgrad diese Texte haben. Das Gedicht überhaupt zu verstehen, ist schon eine Herausforderung. Und wie gesagt, wir präsentieren hier unsere Lesart. Zweifellos gibt es andere. Weinberger spricht ja in seinem Buchtitel nicht umsonst vom «betrachten»; schon die Betrachtung kann sehr unterschiedlich sein, um wie viel mehr dann erst die Übersetzung.
In jedem Fall ist es für den Leser eine Bereicherung, die chinesischen Zeichen im Blick zu haben. Wie knapp und elegant sie sind im Vergleich zu dem verbalen Aufwand, den wir betreiben müssen.

Werdet ihr weiter Gedichte von Yang Mu übersetzen, oder Euch vielleicht einem anderen Lyriker, einer Lyrikerin zuwenden?

Ja, nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Aber momentan sind wir erst mal glücklich erschöpft, das geschafft zu haben.

Die Fragen beantwortete Susanne Hornfeck in Absprache mit Wang Jue, die Fragen stellte Alice Grünfelder.

Alice Grünfelder, lebt in Zürich, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und China. 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Von 2001–2010 eigene Literaturagentur für Literaturen aus Asien. Unterrichtet Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Sie leitet diverse Workshops rund ums Thema Schreiben und seit fünf Jahren den Kinderschreibworkshop „Wortschatz“ im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg. Als Herausgeberin und Übersetzerin aus dem Chinesischen und Englischen publizierte sie Bücher über Asien, zuletzt Sri Lanka. Geschichten und Berichte(2014) und Flügelschlag des Schmetterlings. Tibeter erzählen (2009). (Unionsverlag) 2018 erschien ihr erster Roman Die Wüstengängerin (Verlag edition 8).

Susanne Hornfeck ist Germanistin und Sinologin. Sie lehrte fünf Jahre als Dozentin an der Universität Taipeh/Taiwan und arbeitet heute als Autorin und literarische Übersetzerin. Seit vielen Jahren leitet sie im Übersetzerhaus Looren bei Zürich englisch-deutsche Übersetzerwerkstätten für Jugendliche.
Wang Jue stammt aus Shanghai, studierte in Taiwan klassische chinesische Literatur und war später in der Ostasiatischen Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek in München tätig. Heute lebt sie in Seatle und arbeitet als freiberufliche Beraterin für Museen und als literarische Übersetzerin.

Bibliografische Nachweise
Yang Mu: «Patt beim Go». Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue, zweisprachig, 216 Seiten, A1-Verlag, 2002
Yang Mu: «Lange und kurze Balladen». Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue, zweisprachig, 142 Seiten, iudicium-Verlag, 2020

Christian Baron «Ein Mann seiner Klasse», Claassen, Gastbeitrag von Frank Keil

Christian Baron erzählt in seinem Debütroman „Ein Mann seiner Klasse“ von Armut, von seinem prügelnden Vater, seiner depressiven Mutter – und wie ihm der Aus- wie Aufstieg gelang.

Frank Keil

Von dort, was man ‚unten‘ nennt
von Frank Keil

Doch, es gibt Lichtblicke. Es gibt Momente, in denen der Vater noch nicht so heillos betrunken ist, dass er hemmungslos um sich schlägt und seine Gewaltausbrüche keine Grenzen kennen. Helle Momente, in denen er vielleicht angetrunken ist, daher gut gelaunt, lustig gestimmt bald, zu Scherzen aufgelegt; wo er aus heiterem Himmel den einen oder anderen Geldschein springen lässt und dann können sich seine Kinder was kaufen, was sie grad wollen; dann umgarnt er seine Frau, auf charmante Art. Oder Momente, wo er seinem ältesten Sohn plötzlich sagt, der könne sein, wie er will, seinetwegen auch schwul – Hauptsache er sei auf das, was er sei, stolz. Richtig stolz. So wie auch sein Vater stolz auf sich sei, egal was die Nachbarn sagten oder die Polizei oder das Jugendamt. Es sind – wie gesagt – Lichtblicke. Meistens aber ist es dunkel. Sehr dunkel. Bis rabenschwarz.

Christian Baron kommt von dort, dass man „unten“ nennt, wenn man nicht von dort kommt; sondern von „oben“ oder – noch beliebter, weil unverfänglicher: „so aus der Mitte“. Er hat einen anderen Weg erst einschlagen können, nachdem das Jugendamt zugriff und dem Vater nach dem Tod seiner Frau die Kinder entzog. Er hat nicht nur die Schule abgeschlossen, er hat studiert und er ist Journalist geworden, Redakteur. Aktuell ist er beim Berliner „Der Freitag“ beschäftigt. Und als die Wochenzeitung eine Kulturbeilage zum Weltfrauentag produzierte, schreibt er für diese einen Essay: „Ganz egal, ob geprügelt und ob das Geld versoffen wurde: Ich wollte immer genau so werden wie mein Vater“, der Untertitel (www.freitag.de/autoren/cbaron/ein-mann-seiner-klasse). Die Literaturagentin Franziska Günther bekommt ihn in ihre Hände, und sie kontaktet Baron und schlägt ihm vor, genau darüber ein Buch zu schreiben. Und er setzt sich hin und schreibt seine Lebensgeschichte auf, und er hat sie vor allem literarisch geformt. 

Die Kapitel heissen ZORN, GLÜCK, SCHMERZ und ÜBERRASCHUNG. Sie heissen SCHAM, STOLZ, ANGST, LIEBE, dann HASS und HOFFNUNG. Und das letzte Kapitel heisst ZWEIFEL. Jeweils in Grossbuchstaben.

Christian Baron «Ein Mann seiner Klasse», Claassen, 2020, 288 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-546-10000-7

„Vom Laster gefallen“ murmelnd der Vater, wenn er von der Arbeit kommt und irgendetwas mit nach Hause bringt, was er sich sonst nicht leisten könnte, manchmal Spielzeug für die Kinder. Er ist kräftig und stark, der Vater, er arbeitet als Möbelpacker, der alles tragen kann, im doppelten Sinne des Wortes. Und er fürchtet sich nicht – und das hat seine guten, aber vor allem hat es seine schlechten Seiten. Von denen er durchaus weiß, die ihm nicht unbekannt sind. Dass er, der so stolz auf seine körperliche Arbeit ist, die er jeden Tag stemmt, genau davon nicht leben kann, macht die Wut aus, die ihn immer wieder packt. Hätte es einen Ausweg gegeben? Gibt es einen für einen wie ihn?

Baron, 1985 in Kaiserslautern geboren, erzählt die Geschichte seiner Kindheit einerseits gradlinig und direkt; andererseits wechselt er hin und wieder in sachte Rückblenden. Schaut sich zu wie er schaut, auf sich und seine Geschwister und die Eltern, damals. Ist aber auch unterwegs in der erzählerischen Gegenwart, sitzt dann mit seinem entsprechend erwachsenem Bruder zusammen und sie reden über das, was damals war; an das sie sich durchaus unterschiedlich erinnern, wie das so ist. Und im nächsten Moment geht es wieder zurück ins damalige Geschehen, mit einer Unmittelbarkeit, die einen packt, als sei man dabei. Im Schlechten wie im manchmal im Guten.

Und so ist sein Buch entsprechend auch keine blanke Abrechnung mit seinem Vater. Es ist kein hasserfülltes Buch, das ist es so gar nicht. Baron schreibt von dem, was damals war; schlüpft als erwachsener und als entsprechend distanzierungsfähiger Autor in die Sicht eines Kindes, dass sich seine Welt, in der es nun mal lebt, so erklären muss, dass das Leben in ihr aushaltbar bleibt. Und am besten mehr als das. Und er erzählt auch davon, dass es helfen kann, das Lebens (s)eines Vaters zu verstehen, was nichts damit zu tun hat, es zu entschuldigen oder zu billigen. Sondern: verstehen, um wichtiges für sich selbst zu erfahren. Etwa: Warum man seinen Vater, der einen schlägt, trotzdem liebt. Das es kein entweder/oder ist, als Kind. Und später dann auch nicht mehr.

Wobei wir bei alledem nicht im luftleeren Raum bleiben, sozusagen. Es gibt schliesslich auch Nachbarn, die wegschauen oder die mal gegen die Wand hauen, wenn es drüben in der kleinen Wohnung drunter und drüber geht und sie der Lärm stört. Es gibt Mitschüler, die dem Erzähler immer wieder klar machen, dass er unter ihnen nichts zu suchen hat; dass er wieder dort hingehen soll, wo er herkommt. Und dass er dort zu bleiben hat. Auch davon erzählt Baron.

Und es gibt starke Frauenfiguren, offenbar im Leben wie erst recht im Buch. Die Mutter etwa, die in ihren Jugendjahren Gedichte schrieb – und es gibt eine Szene, in denen ein Lehrer diese Gedichte vor der versammelten Klasse verhöhnt und die nun sichtbare Brutalität steht in nichts dem nach, was ihr Mann später mit ihr anrichtet, wenn er ihren Kopf greift und zuschlägt. Gewalt – auch davon erzählt Baron – sind nicht nur Schläge. Man kann auch einen Menschen niederschlagen, ohne ihn zu berühren.

Und es gibt die Tante, die zu retten versucht, was noch zu retten ist: ihre Schwester, die immer wieder in tagelange Depressionen versinkt und dann das Bett nicht verlässt; die Kinder, die in dem Wechselspiel von unerwarteter Zuneigung und plötzlich ausbrechender Gewalttätigkeit unterzugehen drohen. Wie soll man das auch verstehen, dass mit einem Mal wieder alles ganz anders wird?

Es sind denn auch immer wieder die hoffnungsvoll aufscheinenden Momente, die einen durch die Lektüre leiten und die davon erzählen, dass Menschen auch in Momenten großer Bedrängnis versuchen sich ihre Freiräume zu sichern und seien es noch so weniger: Die Mutter tanzt hingebungsvoll zur Musik der Kelly Family. Mit dem Vater spielen die beiden Jungs eine Runde Super Mario auf der Konsole, die rein zufällig vorher vom Laster gefallen ist. Und gelegentlich taucht auch ein ganz feiner Humor auf; der Humor der vordergründig Unterlegenen, die nicht daran denken, dass sie klein beigeben; die darauf bestehen, dass auch ihr Leben eine eigene Würde und immer auch Geschichte hat.

Ja, es gab Momente, in denen sass man gerne mit dem Erzähler, seinen drei Geschwistern und der Mutter in der kleinen Küche und schaute zu, was sich ergab; hörte zu, was gesprochen wurde, was gescherzt. Und wenn der Vater hinzukam, dann war das zuweilen auch okay. Eher selten, eigentlich fast nie. Aber manchmal eben doch. Und genau diese Momente versucht der Autor zu bewahren. Auch um sich zu retten, vielleicht bis heute.

© Hans Scherhaufer

Christian Baron wurde 1985 in Kaiserslautern geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier. Nach Stationen bei der Lokalzeitung Die Rheinpfalz und Neues Deutschlandsowie Veröffentlichungen bei nachtkritik, Neue Zürcher Zeitung und Theater der Zeit arbeitet er seit 2018 als Redakteur bei der Wochenzeitung der Freitag.

Das Harbour Front Literaturfestival vergibt den Klaus-Michael Kühne-Preis zum elften Mal an das beste Romandebüt des Jahres. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis soll junge Literatur fördern und deren Bedeutung unterstreichen.

Die Mitglieder der Hauptjury – Felix Bayer (Spiegel), Stephanie Krawehl (Buchhandlung Lesesaal), Stephan Lohr (NDR Kultur a.D.), Maximilian Probst (Zeit) und Meike Schnitzler (Brigitte) – begründen ihre Entscheidung für Christian Baron und seinen Roman „Ein Mann seiner Klasse“ (Claassen) wie folgt:

„In seinem autobiografisch angelegten literarischen Debüt «Ein Mann seiner Klasse» beschreibt Christian Baron auf sehr eindrückliche Art das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie in Armut. Die Jury hat besonders überzeugt, dass die Leserinnen und Leser in ein Milieu geführt werden, das oft nur als statistische Grösse auftaucht. Hier bekommt diese Welt eine Stimme und das in einer literarisch klug gestalteten Weise. Christian Baron verzichtet auf Klischees und ideologische Zuordnungen. Vielmehr entlarvt er die Muster gesellschaftlicher Kategorisierungen und überzeugt durch die Bestandsaufnahme eines Lebens mit einem stets betrunkenen und prügelnden Vater und einer depressiven und früh an Krebs gestorbenen Mutter – Mit allem Schrecken, mit allem Schmerz, aber auch mit den Momenten von Stolz und Glück.

Beitragsbilder © Hans Scherhaufer

«Werden sollst du nichts, aber tun musst du etwas.» Hansjörg Schertenleib las im Literaturhaus Thurgau

Hansjörg Schertenleib war Gast im Literaturhaus Thurgau. Ein überaus inspirierender Abend im Licht eines Autors, an dem alles pure Leidenschaft ist.

Sein Onkel Leopold riet ihm einst: „Werden sollst du nichts, aber tun musst du etwas! Etwas das dir Freude bereitet und ein Feuer in dir entfacht.“ Das Feuer brennt noch immer, fürs Schreiben und die Literatur lichterloh. Ich mag seine Leidenschaft, in der eine Prise Zorn mitmischt. Seine Ehrlichkeit, die kombiniert mit seiner Leidenschaft Stürme entfachen kann. Das Quantum Eitelkeit, das ihn nicht zum Übermenschen macht. Die noch immer jugendliche Kraft, die seinen Blick beseelt und ihn zu einem stolzen Ritter der Literatur macht.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Sein Buch «Palast der Stille», das im vergangenen Frühling bei Kampa herauskam, ist weder Roman noch Erzählung, auch keine Novelle. Wohl am ehesten ein erzählerisches Essay. Erstaunlich, wo doch Verlage fast alles daran setzen, unter den Titel des Buches das Begleitwort „Roman“ zu setzen, in der Überzeugung, das Buch verkaufe sich dann besser.

Schon im ersten Kapitel nimmt Hansjörg Schertenleib Bezug auf den amerikanischen Dichter Henry David Thoreau (1817 – 1862) und seinen Selbstversuch „Einsamkeit“ und das daraus entstandene Buch „Walden“.  Der Besuch am Ort an dem «Walden» geschrieben wurde, war Initialzündung für Sätze wie „Er will nicht länger effizient sein, strebsam, zwanghaft optimistisch und erfolgsorientiert…“
Ein Mann sehnt sich und wählt die Einsamkeit. Die Frau merkt das und sagt: „Ich weiss, dass du wegmusst.“
So wird ein Cottage, ein kleines Haus am Meer auf Spruce Head Island in Maine, das er in der gleichen Sehnsucht kaufte, wie er vor Jahren einst den Ort besuchte, wo Henry David Thoreau seine Blockhütte baute, sein Sehnsuchtsort. Schertenleib ist ein Suchender. Und das kleine Haus in Maine mit Blick aufs Meer sein ganz eigener, real gewordener Sehnsuchtsort. 

57 m2. Wohnküche, Schlafzimmer, Bad. Seine Katze, der Mann und ein bisschen Auslauf rundherum. Einzelne Gegenstände werden so wichtig, dass Hansjörg Schertenleib in seinem Buch regelrechte Dingreisen unternimmt, um zB. die Geschichte eines, des Tisches zu erzählen. Oder die Geschichte seiner Kindheit, keiner leichten Kindheit, seiner Familie, seines Vaters, seiner ersten Liebe, seines Suchens und Findens. 

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Hansjörg Schertenleib bleibt in seinem Schreiben, seinem Erzählen, seinem Erinnern nicht nur bei sich selbst. Er springt förmlich aus sich heraus und wechselt die Perspektive, nicht nur zwischen er und ich, sondern auch in der Zeit, im Ort, in der Person. So wie in der Erinnerung an Aura Kadric, den 4. März 1993, während der brutalen Belagerung von Sarajevo oder zur Fluchtgeschichte eines Afrikaners und später Betrachtungen über seine erste Hermes 2000. Sein Haus des Erzählers hat einen gläsernen Boden!

Dabei hat sein Buch nichts Exhibitionistisches, strömt Stille aus, fast Beschaulichkeit. Und wenn sich die Dramaturgie des Buches am Schluss dann doch noch aufbäumt und der 4. September 1980 im Leben des Schriftstellers mehr als einen Bruch zugefügt wird, schliesst sich der Kreis und die müssige Frage, warum es Maine sein musste.

Hansjörg Schertenleib und der Stipendiat der Kulturstiftung Thurgau, der Schriftsteller Jens Steiner © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Lana Lux «Jägerin und Sammlerin», Aufbau

Tanya hat ihre Heimat, die Ukraine, verlassen. Sie will vergessen. Ihre Herkunft, ihre Vergangenheit. Alisa, ihre Tochter, hat nicht nur im Leben ihrer Mutter keinen Platz. Sie versucht zu korrigieren, zu kompensieren, den Tritt zu fassen in einem Leben, das keinen Halt findet. „Jägerin und Sammlerin“ ist der Lebenskampf zweier Frauen, von Mutter und Tochter, der unterschiedlicher nicht sein könnte.

Suchen wir uns unsere Probleme aus oder werden wir von ihnen aus- oder heimgesucht? Alisa wird in kein einfaches Leben hineingeboren. Ihre Mutter Tanya und ihr viel älterer Vater suchen ein neues Leben in Deutschland, als jüdische Kontingentflüchtlinge und lassen die Ukraine hinter sich. Die Tochter Alisa wächst in Deutschland auf, wenig geliebt und umsorgt von einer arbeitenden, „jagenden“ Mutter und einem enttäuschten, immer griesgrämiger werdenden Vater. Ein Zuhause, das in lauten und unnachgiebig geführten Streitereien zu ersticken droht, das weit weg ist von Nestwärme und Geborgenheit.

Obwohl Alisa alles tun möchte, um ihrer Mutter zu gefallen, ein Lächeln der Zufriedenheit zu provozieren, genügt sie nie; zu hässlich, zu ungeschickt, zu lasch, zu faul. Obwohl Alisa in der Schule beste Noten zeigt, orientiert sich die Mutter ganz an den aus ihrer Sicht offensichtlichen Mängel der Tochter; keine Freunde, und wenn, dann die falschen, kein Talent fürs Ballet, obwohl die hübsche und zierliche Mascha aus der Nachbarschaft, ebenfalls aus der Ukraine, vormacht, was durch Selbstdisziplin zu erreichen wäre.

Lana Lux «Jägerin und Sammlerin», Aufbau, 2020, 304 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-351-03798-7

Tanya ist nicht nur mit ihrer Tochter Alisa nicht zufrieden. Sie ist mit ihrem ganzen Leben, der Welt und den Brosamen, die man ihr lässt nicht zufrieden. Von Familie und Pflichten daran gehindert, das zu werden und zu sein, was eigentlich in ihr steckt, sich dauernd mit den falschen Männern herumschlagend, von allen missverstanden und nie belohnt für das, was sie tut, wird Tanya nicht nur für ihre Tochter zur Tretmine. So sehr Tanya die Schlechtigkeit der Welt für ihr Unglück verantwortlich macht, so sehr leidet ihre Tochter Alisa darunter, dass sie sich das Glück schlicht nicht zutraut.

Was man ihr einimpft, bewahrheitet sich. Obwohl Alisa ein halbes Leben lang zeichnet, stempelt ihre Mutter dies bloss Unsinn. Obwohl Alisa über Jahre nach der Schule einkauft, putzt und kocht, obwohl sie der Mutter in ihrer Ausbildung hilft, Bewerbungen für die Arbeitsämter schreibt, genügt sie nie. Tanya kritisiert gnadenlos die Mängel ihrer Tochter. Alles, was Alisa tut, wird nach Nützlichkeit taxiert. Und so werden aus den Zeichen der Tochter, eines pubertierenden Körpers, den zunehmenden Schwierigkeiten mit Essen, der Figur, dem Gewicht, den Pickeln im Gesicht keine Zeichen, die einer Mutter sagen würden, dass sie helfen müsste, sondern das infernale Schlachtfeld der Tochter ganz allein.

„Ich bin die geborene Jägerin“, sagt Mutter Tanya ganz am Schluss des zweiten Romans der Schriftstellerin Lana Lux und meint damit eigentlich ihre Tochter Alisa, von der sie im gleichen Atemzug sagt: „Sie hat keinen Biss. Sie hat keinen Jagdtrieb.“ Ohne dass Tanya ihre Tochter klassifiziert, ist sie doch die, die die Probleme sammelt, eben eine Sammlerin. Niemand, der die Probleme beim Namen nennt, der die Probleme anpackt, sie besiegt.
Dabei ist das Leben der Mutter alles andere als eine Siegerstrasse. 

Man kann „Jägerin und Sammlerin“ auf den Lebenskampf zweier Frauen reduzieren. Auf den Kampf einer jungen Frau, der Tochter, einen unsäglichen Kampf gegen den eigenen Körper, das eigene Ungenügen, die Angst vor dem Verlust letzter Selbstkontrolle. Den Kampf einer noch immer jungen Frau gegen die Angst an den Versprechungen des Lebens nicht teilhaben zu können, vom Unglück und allgegenwärtigen Missverständnis verfolgt zu sein. Manchmal sind beide Lebenskämpfe bei der Lektüre kaum auszuhalten. Jener der Tochter in dem ihr selbst zugeführten Schmerz, jener der Mutter in der offensichtlichen Empathielosigkeit. Aber es sind zwei Schlachtfelder der Gegenwart, Schlachtfelder von Ursache und Resultat.

In „Jägerin und Sammlerin“ erzählen Mutter und Tochter. Und es wird deutlich, wie unvereinbar Wahrheiten sein können, die auf die Schnelle betrachtet fast deckungsgleich sein könnten. Der Roman zeigt, wie sehr Empfindung und Wahrnehmung, Ursache und Wirkung auseinanderdriften können, selbst in allergrösster „Nähe“, zwischen Mutter und Tochter, Tochter und Mutter. Der Roman ist eine Schlacht, eine der vielen Schlachten der Gegenwart. Der Roman spiegelt die Welt zwischen Konsum, Rausch, Sehnsucht und Erwartungen.

© Joachim Gern

Lana Lux, geboren 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine, wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin. 2017 erschien ihr vielbeachtetes Debüt «Kukolka», das in mehrere Sprachen übersetzt wurde, 2020 ihr neuer Roman «Jägerin und Sammlerin».

Beitragsbild © Lea Frei

Sepp Mall «Holz und Haut», Plattform Gegenzauber

Liebeslied morgens

Wenn die Nacht dann / fällt
sind es gleich Millionen km
im Quadrat
Wie sollen zwei Zeilen / dies alles
durchmessen
mit ihren Zollstöckchen und Vers-
mäßchen
Wer Glück hat / hält
sich an den Rand der Dateien
(in den Dämmerschleifn der Ufer)
hofft dort deine Lippen zu
finden (um 5 Uhr morgens)
: die Landmassen des Tags
Wo sonst / lässt sich auf-
tauchen
im ersten Licht sich schütteln
wie ein Hund
: allem Unheil entronnen

 

Weiter nichts

Ein (Jänner) Tag / der hinausläuft
ins Grau
Wir trinken aus Leichtsinns-
Tassen / ver-
steckn uns hinter Kosenamen
Warum nicht (alles) aufzählen
die vertanen Jahre
all die entglittnen / Möglichkeiten
: und plötzlich alles hergeben wollen

Auf deinen Wangen Granatapfel-
farbn
und im Hecheln der Sekunden
(Liebesschwüre)
: wieder warten auf Schnee

 

Rien

Wir aßen zu Mittag
aßen zu Abend
Nichts als ein Hinhalten der Stunden

Dann irgendwann / das Zu-
nachten buchstabiern
lentement (Silbe für Silbe)
Und dein Kopf in meinem Schoß
: Nichts / nichts
über die Städte zieht Rauch
Flüchtig / wie alles

 

In die Nacht

Das Versprechen / sich nicht
aus den Augen zu verliern
Die Sträucher / die sich ducken im Wind
Und Schnee / der auf Felder fällt
(in glänzende Ackerfurchen)
Weit draußen die Häuser zusammen-
gedrängt

Schritt für Schritt verliern die Bilder
an Farbigkeit
verblassen im milchigen Licht
im Flockengestöber / das übers Hirn
zieht
: doch noch / ist es nicht

 

Sepp Mall «Schläft ein Lied», Haymon, 2014, 80 Seiten, CHF 24.90, ISBN 978-3-7099-7142-0

Sepp Mall, geboren am 1955 in Graun/Südtirol, lebt und arbeitet in Meran. Autor, Lehrer und Herausgeber. Schreibt vor allem Lyrik und Romane, ist aber auch als Übersetzer sowie mit Hörspielen und Theaterstücken an die Öffentlichkeit getreten. Diverse Preise und Stipendien, u.a. Meraner Lyrikpreis 1996. Für die Arbeit an dem Gedichtband „Holz und Haut“ (2020) erhielt Sepp Mall das Grosse Literaturstipendium 2017/18 des Landes Tirol.

Im kommenden Herbst erscheint bei Haymon neu: «Holz und Haut» Gedichte.

Beitragsbild © Claudia Pircher

literaturblatt.ch fragt Ariela Sarbacher zu ihrem Debüt «Der Sommer im Garten meiner Mutter»

Ariela Sarbacher, kürzlich Gast im Literaturhaus Thurgau, beantwortet Fragen, die ich ihr gerne gestellt hätte.

Dein Buch beginnt mit einer Frage und einer Antwort:
„Mamma, was passiert, wenn man tot ist?“ „Dann wird plötzlich alles dunkel.“ Dein Buch endet mit dem selbstbestimmten Tod der Mutter. Dazwischen liegt alles. Vom Licht, das ausgelöscht wird, bis zum Drang, das Licht selber auslöschen zu wollen. Hat sich dein Verhältnis zu Sterben und Tod durchs Schreiben verändert?
In der Auseinandersetzung um den Entschluss der Mutter lernt Francesca diesen zu respektieren und sie aus der Verantwortung der Mutterrolle zu entlassen. Dadurch ändert sich Francescas Verhältnis zu ihrem Leben. Ihr wird bewusst was es heisst, ganz auf eigenen Füssen zu stehen und für sich selbst weiter zu gehen. Ich selbst habe noch kein Verhältnis zum Tod, ausser, dass ich noch lange hier bleiben möchte.

Du hast in der Ich-Perspektive geschrieben und dabei viel Nähe zugelassen. Warum nicht eine Perspektive aus der dritten Person?
Ich wollte eine eindringliche Erzählperspektive einnehmen, in der sich die Figur der Tochter durch verschiedene Lebensalter hindurch in unterschiedlicher Tonalität mit der der Mutter konfrontiert. Die Unmittelbarkeit war mir wichtig, durch die die Leser sich der Perspektive der Tochter nicht entziehen können und an ihr reiben müssen. Die dritte Person hätte Distanz zwischen den Lesern und dem Text geschaffen.

© Lea Frei/ Literaturhaus Thurgau

Dein Buch erzählt nicht chronologisch, sondern springt in der Zeit, fügt Stücke zusammen. Es gibt ganz lange Einstellungen und ganz kurze. Eigentlich so, wie wirkliches Erzählen passiert. Als sässe man vor einer ungeordneten Schachtel mit Fotografien. Kannst du etwas über die Entstehung deines Buches erzählen, wie sich die Geschichten zusammenfügten?
… ja, so wie wirkliches Erzählen passiert und so wie man auch lebt: mal bin ich ganz gegenwärtig, dann lasse ich mich von der Vergangenheit einholen und vielleicht auch bestimmen, dann träume ich mich vorwärts in eine unbekannte Zukunft, bin wieder hier … Die Stimme der «Kleinen» brachte den Stein ins Rollen. Die Zeitsprünge entstehen jedoch innerhalb einer Chronologie und einer genauen Dramaturgie.

Dein Roman ist durchsetzt mit Gedichten. Du bist Schauspielerin. Die Protagonistin Francesca auch, aufgewachsen in Sprache, in verschiedenen Sprachen. Was bedeutet Sprache im Leben von Ariela Sarbacher?
Knappe Sätze, die in ihrer Aussage verdichtet sind, liegen mir mehr, als das Weitschweifige. In den Gedichten finde ich Ausgleich und Freiheit, komplizierte Sachverhalte in Rhythmus und Klang zu verwandeln, ohne sie ihrer Komplexität zu berauben. Das Gedicht lässt keine Erklärung zu, es spricht für sich. Sprache bedeutet für mich persönlicher Ausdruck – sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben – und, wenn es gelingt, Kommunikation mit anderen. Ich könnte mir nie für mich vorstellen ein Schweigeseminar zu besuchen, das wäre die Hölle! Rückzug ist mir wichtig, aber immer mit der Möglichkeit nach aussen zu kommunizieren. Sprache bedeutet auch Identität.

Keine Angst, dass das in einer zukünftigen Welt immer mehr schwindet oder sich bis zur Unkenntlichkeit verändert?
Ich frage mich manchmal, was die verkürzte schnelle Art der schriftlichen Kommunikation mit uns macht. Kommunikation findet auch auf der nonverbalen Ebene statt. Sprache geht durch den Körper. Deswegen ist es wichtig, den ganzen Menschen gegenüber zu haben. Darin sehe ich eine Gefahr, in dieser zunehmend digitalisierten Welt. Ich fürchte mich vor einer körperlosen Welt, in der man vor allem schaut, tippt und auf dem Bildschirm nur noch den Ausschnitt von sich wahrnimmt, den man wahrhaben will.

© Lea Frei / Literaturhaus Thurgau

Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter in deinem Roman ist ein schwieriges, weit entfernt von der stets stark idealisierten Kind-Mutter-Bindung. Schon früh macht die Mutter der Tochter klar, dass sie nicht zur Mutter taugt, dass es besser gewesen wäre, es wäre gar nicht soweit gekommen. Schon alleine das wäre Stoff genug für ein Trauma. Aber die Mutter ist ehrlich. Hat Ehrlichkeit Schmerzgrenzen?
Die Mutter ist authentisch und handelt aus Überzeugung, ohne sich darum zu kümmern, wie die anderen damit zurechtkommen. Es ist nicht so, dass sie zur Rolle der Mutter nicht taugt, sie geht in der Rolle nicht auf.

Gibt es eine Beziehung, der man mehr Nähe zutraut, als einer Mutter-Tochter-Beziehung? Warum habe ich den Eindruck, dass die Nähe zu einem Vater nie von dieser Nähe sein kann?
Die Tatsache, dass ein Wesen im Körper einer anderen Person entsteht und neun Monate lang darin heranreift, ist nicht zu unterschätzen.

© Lea Frei / Literaturhaus Thurgau

Francesca wird schon als kleines Kind klar, dass ihre Mamma anders ist, nicht nur in ihrer Art zu gehen, die von einer langen Krankheit in der Jugend der Mutter begründet liegt. Aber Francesca liebt ihre Mutter. Sie verteidigt ihre Mutter, so wie das alle Kinder bis zu einem gewissen Alter tun. So wie alle Kinder ihre Mütter lieben. Aber diese Liebe bleibt ambivalent. Wann wird eine solche Ambivalenz schwierig?
Nicht die Liebe ist ambivalent, sondern das Verhältnis zwischen den beiden.

Irgendwo in der Mitte des Buches steht: „Seit ich zurückdenken kann, bin ich traurig. Die Trauer ist flach. Ich werde sie nicht los.“ Das sind Sätze, die sich eingraben. Und trotzdem ist dein Roman nicht selbstzerfleischend. War das alles Plan oder war das Schreiben intuitiv? Wie erreicht man es, dass der Ton nicht weinerlich wird?
Es freut mich, dass Du diesen Satz erwähnst. Es war der Versuch, der Geschichte auf den Grund zu gehen, da hätte Weinen keinen Platz gehabt, ich wollte die Geschichte ja begreifen, so habe ich sie Stück für Stück fortgeschrieben.

Beitragsbild © Lea Frei / Literaturhaus Thurgau, 

Von Nähe und unsäglicher Distanz; Andreas Neeser im Literaturhaus Thurgau

Nachdem ich im Frühsommer 2014 Andreas Neesers Roman „Zwischen zwei Wassern“ unmittelbar nach einem Buch von Haruki Murakami gelesen hatte, musste ich den Autor unbedingt kennenlernen. So sehr mich der Erzählband Murakamis enttäuschte, so sehr faszinierte mich der Roman des 1964 geborenen Aargauers. Ich reiste von Amriswil nach Rothrist, an eine Lesung in der Bibliothek des Ortes. Eine denkwürdige Begegnung, denn seither begleitet mich das Schreiben und Wirken des Autors in seiner ganzen Vielfalt.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Andreas Neeser ist Erzähler, Romancier, Lyriker, Performer und vieles mehr in einem. Vor allem ist er ein Schriftsteller, der sich unglaublich nahe an seine Personen schreibt. Ein Autor, der die Musik in der Sprache liebt, ihren Klang, ihren Sound. Vielleicht ist dies eine Erklärung, dass Andreas Neeser sich in den letzten Jahren auch immer wieder der Mundart widmete. Und dabei nehme ich das Wort Mund-Art ganz wörtlich.

Ausgerechnet in diesem Frühjahr erschienen nun gleich zwei Romane; bei Haymon das Buch „Wie wir gehen“ und beim Zytglogge-Verlag der Mundart-Roman „Alpefisch“. Ausgerechnet in einer Zeit, in der keine Lesungen stattfanden, keine Festivals. In einer Zeit, in der die Buchverkäufe in den Keller rutschten und SchriftstellerInnen und Verlage in Existenznöte gerieten, Nöte, die noch längst nicht ausgestanden sind.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

«Wie wir gehen», Haymon Verlag Innsbruck: Was geschieht, wenn man es versäumt, eine gemeinsame Sprache zu finden? Wenn man sich trotz aller Liebe fremd bleibt? Monas Vater hat Krebs. Die Nähe zu ihrem Vater, die ihr ein Leben lang verwehrt blieb, gelingt ihr auch jetzt nicht herzustellen. Die Nähe zu all jenen, die ihr nahe stehen sollten; zu ihrer bald erwachsenen Tochter Noëlle, ihrem verloren gegangenen Mann, ihrer Aufgabe in ihrem Beruf. Was zwischen Mona und ihrem Vater steht, sind all die Geschichten davor, das Gift in den Generationen und die Unfähigkeit, Worte dafür zu finden. 

Mona drückt ihrem Vater ein Diktiergerät in die Hand und fordert ihn auf zu erzählen. All das, was über die Jahrzehnte ins Schweigen fiel, was vielleicht verständlich gemacht hätte. So wie jedem Konjunktiv ein scheinbares Versäumnis vorangeht. So wird ein Diktiergerät die Tür zu einem verschütteten Leben, zu mehreren verschütteten Leben, jenem des Vaters, der Tochter, des einstigen Mannes und der Geschichte von Mona selbst.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

«Alpefisch», ein Mundart-Roman, Zytglogge Basel: Eine junge Frau, Jus-Studentin, ein junger Mann, Heilpädagoge. Sie lieben sich. Sie brauchen sich. Aber weil Liebe Nähe ist, bricht in dieser Nähe bei beiden das auf, wovor sie sich lieber verschliessen würden, beginnt aus Liebe Kampf zu werden, an dem beide zu zerbrechen drohen. Andreas Neeser lotet aus, was sonst nur Schatten wirft.

Beide schleppen den Tod mit sich, Brunner jenen seines Bruders, der vor seinen Augen von einem Lastwagen weggerissen wurde, Kathrin den partiellen Tod ihrer selbst, das Wegsterben ihrer Leichtigkeit, ihrer Hoffnung, den Würgegriff eines nicht enden wollenden Alps. Brunner kämpft gegen seine Machtlosigkeit genauso wie Kathrin.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Tim Krohn «Die heilige Henni der Hinterhöfe», Kampa

Das Reich unter Kaiser Wilhelm II ist zerschunden, der Krieg verloren, ein Land, Berlin im Ausnahmezustand. Tim Krohn erzählt in seinem neuen Roman „Die heilige Henni der Hinterhöfe“ die Geschichte einer jungen Wilden in einer wilden Zeit. Und Tim Krohn erzählt die Geschichte Berlins inmitten politischer Tumulte und wirtschaftlicher Miseren. Ein grosses Panorama der Kleinen!

Henni kommt am 29. November 1902 in Berlin zur Welt. Im Kaiserdeutschland. Als der erste Weltkrieg zu Ende ist, der Krieg, der doch eigentlich eine klare Sache war und nur ein paar Wochen hätte dauern sollen, ein Krieg, den man hätte gewinnen sollen, ist Henni ein Mädchen in einer Stadt, die von den Wirren des Krieges ins Chaos der Nachkriegszeit hinübertorkelt, in der die Hurrarufe verstummten und die wenigen Männer mit Arm- und Beinstümpfen dem Leben hinterherhumpeln. Henni, von der man schon in jungen Jahren sagte, „sie is zu Höherem jeborn, aus der wir wat, da wernse noch staunen“ schafft es wirklich hoch hinaus, nur nicht dorthin, wo sie sich in ihren Träumen gerne hingehoben hätte.

Hennis Vater, Arthur Binneweis, arbeitet bei der Post, eine Staatsstelle. Aber weil das staatliche Zerbröckeln mit dem verlorenen Krieg nicht zu Ende ist und die Jahre danach durch Wirtschafts- und Währungskrisen ebenso beschleunigt werden wie durch die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, ist alles, was einst sicher war, auf Sand gebaut. Von Umzug zu Umzug werden die Wohnungen der Familie Binneweis am Prenzlauer Berg mit jedem Mal enger, bis Henni gezwungen ist, unter der Treppe im Stiegenhaus zu schlafen, bis klar ist, dass sie ihr junges Leben selbst in die Hand nehmen muss.

Henni will tanzen. So wie es im Berlin der Nachkriegszeit viele wollen. Henni ist hübsch, Henni ziert sich nicht. Und in der Stadt kocht das Leben und die Sehnsucht nach Zerstreuung. Was im Vorkriegsdeutschland Sitte und Anstand war, Tradition und Ehre, danach scheint im Berlin der Nachkriegszeit niemand mehr zu rufen. Dafür ruft jeder und jede nach seiner Fasson, die einen nach einer neuen kommunistischen Weltordnung, die andern nach einem judenfreien, sauberen Nationalstaat oder nach Freikörperkultur, sei es in entsprechenden Etablissements oder in Ringeltänzen unter Gleichgesinnten auf freiem Feld.

Tim Krohn «Die heilige Henni der Hinterhöfe», Kampa, 2020, 256 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-311-10026-3

Tim Krohn breitet ein Nachkriegspanorama der kleinen Leute aus, taucht mit mir an seiner Seite in eine Stadt ab, die in einem Vakuum zu sein scheint. Tim Krohns Henni kämpft sich durch den Grossstadtdschungel, hangelt sich von Misere zu Misere. Tim Krohn schafft es, dass das Berlin der Nachkriegsjahre vor mir zu leben beginnt. Die Lektüre benebelt meine Sinne, berauscht mich sprachlich, steigt mir durch die Nase tief ins Hirn. Was Tim Krohn schafft, schaffen nur ganz wenige. Sein Berlin ist nicht einfach Kulisse einer wilden, verrückten Geschichte. Sein Berlin ist durchdrungen von seiner Imaginationskraft. Ich begleite Henni durch einen wilden Strauss von Ereignissen, tauche mit ihr ein in den Strudel dieser Stadt, eine Zeit, in der die Weltordnung auseinandergebrochen ist. Es sind die kleinen Leute und kleinen Geschichten, die sich zu einem feinmaschigen Teppich verweben, einem Flickenteppich mit Löchern und Maschen, über die man stolpert, mit Rissen und Verwerfungen, die nicht verbergen, was darunter liegt. Tim Krohn lässt mich ein- und abtauchen, ganz unmittelbar, auf eine eigentliche Zeitreise, eine Historienreise in ein Innen, das man sich hundert Jahre später gar nicht mehr vorstellen kann. Aber Tim Krohn kann es, spinnt ein Netz, das verblüfft, taucht in Tiefen ein, die einem verwirren. Und wenn der gebürtige Nordrhein-Westfale, der im Kanton Glarus aufgewachsen ist und heute im Val Müstair, am äussersten Zipfel der Schweiz ein Leben führt, das sich in maximaler Distanz zu einer urbanen Stadtexistenz zu verorten scheint, mit berliner Schnauze sein Personal im Roman sprechen lässt, dann ist perfekt, was sonst nur ganz wenigen gelingt; absolute Authentizität!

„Die heilige Henni der Hinterhöfe“ ist ein Familien- und Gesellschaftsroman, ein Sittengemälde der Sonderklasse. Die Geschichte einer jungen Frau, die sich durch Sodom und Gomorrah kämpft, auf der Suche nach sich selbst, ihrem Glück und dem Glück ihrer Familie, die zu zerbrechen droht. In einer Stadt, in der Hakenkreuzfahnen zu flattern beginnen und „Jude“ mehr als ein Schimpfwort wird. In einer Gesellschaft, die sich zu finden hofft, die sich im Schmerz zudröhnt, die torkelt und fällt. In einem Land, in dem ein Machtvakuum von allen möglichen und unmöglichen Strömungen eingenommen werden will, in der der Zerfall von der Institution bis in die Familien wirkt.

„Sie is zu Höherem jeborn, aus der wir wat, da wernse noch staunen“, sagt ganz zu Beginn des Romans ein Feuerwehrmann zu Hennis Vater Arthur Binneweis. Der Feuermann bekommt Recht, in mehrfacher Hinsicht!

© Nina Mann

Tim Krohn ist 1965 in Nordrhein-Westfalen geboren, wuchs ab seinem zweiten Lebensjahr in der Schweiz im Glarnerland auf und wohnte danach gut zwanzig Jahre lang in Zürich, in einer sehr liebenswerten Genossenschaft. Inzwischen lebt er mit Frau und Kindern in Santa Maria Val Müstair. Er ist freier Schriftsteller. Er schrieb unter anderem die Romane»Quatemberkinder» (1998), «Irinas Buch der leichtfertigen Liebe» (2000), «Vrenelis Gärtli» (2007) und «Ans Meer» (2009), die Erzählbände «Aus dem Leben einer Matratze bester Machart» (2014) und «Nachts in Vals» (2015) sowie zahlreiche Theaterstücke, so auch die Vorlage zum «Einsiedler Welttheater 2013». Seine Romane «Herr Brechbühl sucht eine Katze» und «Erich Wyss übt den freien Fall» erschienen beide 2017. 2018 erschien «Julia Sommer sät aus». Er gewann unter anderem das Berliner Open Mike, den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und den Kulturpreis des Kantons Glarus.

Tim Krohn «Und was erzählt Ihr Parfüm?», eine Versuchsanordnung 

Rezension von «Der See der Seelen» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Georg M. Oswald «Vorleben», Piper

Lockte schon einmal die Versuchung, das Mobilphone ihrer Partnerin oder ihres Partners zu durchsuchen, die Briefe in der Schachtel ganz unten im Kleiderschrank, die Tagebücher aus der Zeit vorher? Wieviel wissen sie von der Geschichte derer, die sie lieben? Passierte es ihnen schon einmal, dass sie sich in Spekulationen darüber verloren, was Vorstellungskraft, offene Fragen und nagende Neugier in ihr Denken frassen?

Sophias vielversprechender Beginn einer Journalistinnenkarriere ist ins Straucheln geraten. Nicht weil sie die Fähigkeiten dazu verloren hätte, sondern weil man sie irgendwie zu übersehen scheint, obwohl alles an ihr am rechten Fleck ist. Sie hadert. Bis eine Freundin ihr zu einem Job verhilft, von dem sie sich mehr als nur ein Stück Sicherheit verspricht. Sie soll das Staatliche Symphonieorchester München und ihre MusikerInnen bei ihren Proben und Konzertreisen begleiten und dabei das Programmheft der kommenden Saison mit ihren Texten bestücken. Texte, die den Blick von Aussen auf Musik, Interpretation und KünstlerInnen richten, die nicht fachsimpeln, sondern literarischen Kontrapunkt zu den Klängen auf der Bühne liefern sollen. Schreiben, von dem sich Sophia viel verspricht, zumal sich der Cellist Daniel fast von Beginn weg nicht nur für ihre Aufgabe zu interessieren scheint.

Die Ereignisse überstürzen sich. Eben noch voller Zweifel ebnet sich alles. Sophia mag den charmanten Cellisten, der sie von Anfang an auf Händen trägt, der sie dazu verleitet, ihr Zimmer in einer WG aufzugeben und in seine grosse, mondäne Dachwohnung in der Münchner Innenstadt zu ziehen. Während Daniel ausserhalb probt, soll die Wohnung, an der alles Souveränität und Stabilität ausstrahlt, ihr neues Zuhause, ihr Arbeits- und Musseort werden. 

Georg M. Oswald «Vorleben», Piper, 2020, 224 Seiten, 32.90 CHF, IBAN 978-3-492-05567-3

Aber nachdem das Programmheft gedruckt ist und nichts mehr darüber hinwegtäuscht, dass ihr Beitrag darin trotz fürstlicher Bezahlung nicht mehr als Text ist, macht sich erneut jene Leere breit, die Sophia zweifeln lässt, ob das Schreiben wirklich ihr Weg ist. Daniel macht ihr zwar Mut und drängt sie zu nichts. Aber jeder Tag in der grossen Wohnung wird zu einer immer verzweifelteren Suche nach ihrer Bestimmung. Er, der seine Bestimmung gefunden hat, sie, die in Selbstzweifeln und Verunsicherung den dünnen Boden unter den Füssen zu verlieren droht. Bis Sophia aus lauter Neugier in einem weissen Fotoalbum ganz hinten ein paar lose Polaroidfotos findet; eine junge Frau darauf mit farbigen Haaren und wilder Kleidung. Fast gleichzeitig stösst sie in der Buchhandlung ums Eck auf einen „Reiseführer für Eingeborene“ und darin auf einen Artikel mit der Überschrift „Die Schlange beim Tanze – das schöne und schreckliche Leben der Nadja Perlmann“.

Was sie wie ein Blitz trifft und sich zu wilden Spekulationen auftürmt, bietet ihr mit einem Mal das, wonach sie hoffte; Stoff. Eine Geschichte, die sich ihr auftut, in die sie sich schreibend verlieren kann. Gleichzeitig droht der Verrat an dem Mann, der ihr alles entgegenbringt, was sich wie wirkliche Liebe anfühlt. Und als Sophia in ihrer Witterung nach der grossen Geschichte, der Wahrheit und einer finsteren Vergangenheit nicht mehr zu halten ist und in Daniels Kellerabteil einen Sack mit weiteren schriftlichen Indizien findet, die offenbaren, dass das propere Leben, die Fassade ihre Mutmassungen zu bestätigen scheinen, kommt es zum „Showdown“.

Georg M. Oswalds Roman ist die Suche nach Bestimmung, ein Roman über die Macht der Leidenschaft, der Spekulation, den Kampf gegen die Vergangenheit. Georg M. Oswalds Romane sind kluge Unterhaltung, flirrende Arrangements von Figuren, die ganz nahe an der Wirklichkeit sind.

© Peter von Felbert

Georg M. Oswald, geboren 1963, arbeitet seit 1994 als Rechtsanwalt in München. Seine Romane und Erzählungen zeigen ihn als gesellschaftskritischen Schriftsteller, sein erfolgreichster Roman „Alles was zählt“, ist mit dem International Prize ausgezeichnet und in zehn Sprachen übersetzt worden. Zuletzt erschienen von ihm der Roman „Vom Geist der Gesetze“ und der Band „Wie war dein Tag, Schatz?“.

Rezension von Georg M. Oswalds Roman «Alle, die du liebst» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau