Je mehr Bücher in den Regalen unserer Wohnung stehen, desto seltener bekomme ich ein Buchgeschenk. Kein zugesandtes Rezensionsexemplar eines Verlags, das immer mit Erwartungen behaftet ist, sondern ein Geschenk. Ein Geschenk mit einer Widmung. Ein Schlüssel in eine Welt, in der man auf mich wartet.
So mache ich mir meine Buchgeschenke manchmal selbst. Etwas verschämt, weil es mehr als bloss ein Buch mit einer Geschichte ist. Ich machte mir ein Kunstbuch zum Geschenk; Buch gewordene Kunst – Kunst das Buch, Kunst die Hülle, Kunst im Buch, Kunst mit dem Buch – Kunst von Aljoscha Ségard!
Ich war im Netz unterwegs, verfolgte einen Hinweis zu Büchern einer Fotografin und blieb hängen an der Webseite der Till Schaap Edition. Dort wurde ein Kunstbuch angeboten, in das ich mich regelrecht verfing: «Eine leicht dahingespielte Tonfolge verdichtet sich zu einer Melodie».
1940, im Todesjahr von Paul Klee, kam sein Enkel Alexander Klee zur Welt. 1948 kam er in die Schweiz. Alexander Klee machte eine Lehre als Fotograf. Seit 1976 ist er als Aljoscha Ségard freischaffender Künstler. Zwei Werkgruppen beschäftigen ihn seit einigen Jahren. In Material-Kästen lässt der Künstler kleine Dinge zusammenkommen, die ihm im Alltag auf- und zugefallen sind. So entstehen poetische Reliquienkästchen voller offener Assoziationen. Geheimnisvolles prägt auch die Kohlenzeichnungen. Zu sehen sind rhythmisch gesetzte Linien, die sich zu Figurationen verdichten, teils zu tief schwarzen Flächen, teils zu schriftähnlichen Erzählungen. So fallen Ségard die Dinge zu – als Bilder, deren Kern das Hintersinnige, das Witzig- Poetische und die Freude am Zusammenspiel von Bild und Wort ist.
Auf die Frage an Till Schaap, wie er auf den Künstler gestossen sei, schrieb dieser: «Mit Aljoscha Ségard (Alexander Klee) bin ich seit sehr langer Zeit freundschaftlich verbunden. Über seinen Grossvater Paul Klee habe ich, damals noch beim Benteli Verlag, zahlreiche Publikationen herausgegeben u.a. den «Catalogue raisonné Paul Klee» in 9 Bänden. Im Oktober dieses Jahres ist Aljoscha Ségard 80 Jahre alt geworden. Gleichzeitig feiert das Paul Klee Museum ZPK sein 15-jähriges Bestehen. Geplant war auch eine Ausstellung im ZPK, die jedoch Corona zum Opfer gefallen ist und auf Juni nächstes Jahres verschoben wurde. Im Vorfeld haben wir deshalb beschlossen, zu diesem Datum eine Werkübersicht über sein Schaffen herauszugeben. Konrad Tobler hat dazu einen wunderbaren Essay verfasst. Der Künstler ist sehr mit Japan verbunden. Dort lässt er auch die Boxen herstellen, die er bespielt. Da noch eine Reihe der kleinen Boxen übrig war, entstand die Idee einer Vorzugsausgabe. Sie sollte zusammen mit dem Buch einen ganz speziellen Objektcharakter erhalten.»
Nr. 5
Nun gehört Nr. 5 von 21 Unikaten mir. Ein schwarzes Kästchen, 15 mal 15 cm gross, das man aufhängen könnte. Aber dieses rätselhafte Kästchen fügt sich derart perfekt und ausgewogen in seinen roten Schuber, der sich handwerklich exakt um das kleine Kunstwerk schmiegt, dass ich Nr. 5 lassen muss, wo es ist. Diesen kleinen aufgebrochenen Brief in einer Sprache, die sich dem schnellen Blick entzieht. Diese Botschaft, die erst entschlüsselt werden muss, mir alle Freiheiten lässt, sie zu lesen oder zu lassen. Diese Zeichen, die wie aus einer andern Welt stammen, die mir bei jedem neuen Blick darauf neue Zeichen senden.
Aljoscha Ségard Kunstband «Eine leicht dahingespielte Tonfolge verdichtet sich zu einer Melodie» ist voller solcher Botschaften, sie sich auch wie kleine Partituren lesen lassen, verschriftlichte Musik. Mag sein, dass es genau das ist, was mich den Bildband immer wieder mit Verzückung und Begeisterung durchblättern lässt. Da hat jemand seine Sprache gefunden, seine Schrift, seine Musik und versendet Botschaften, die alles beinhalten können und viel freier sind als die strammen Buchstaben unseres Alphabets.
Im Sommer 2021 findet im Zentrum Paul Klee eine Präsentation von Werken Aljoscha Ségards statt.
Siebzehn Jahre ist es jetzt her. Ich verbrachte meine ersten Island-Weihnachten im tiefen Fjord Hvalfjörður, eine knappe Autostunde von Reykjavik entfernt. Der Winter war bisher kalt und windig gewesen, bissig, aber verglichen mit Graubünden schneearm. Der Bauernhof lag seit Wochen im Schatten des Bergmassivs Esja. Manchmal tunkten die tiefen Wolken den ganzen Fjord in ein aprikosengoldenes Licht. An der Küste gefror selbst das salzige Meerwasser, doch die seltsam poröse Eisschicht zerbrach durch das Spiel der Gezeiten in tellergrosse Schollen, der Fjord gefror nie ganz zu. Gab es Schnee, verwehte ihn der Wind und häufte ihn hinterm Stall zu einem enormen Haufen an. Einmal öffnete ich die hintere Stalltür von innen – und stand jäh vor einer Wand aus Schnee. Das war nicht so schlimm: Die Kühe wollten sowieso nicht raus. Sie wiederkäuten gelassen ob den pfeifenden Winterstürmen. Der Bauer erzählte mir, dass sich Kühe in Island am 13. Weihnachtstag miteinander in Menschensprache unterhielten, aber sofort verstummten, sobald sie einen bemerkten. Wie gerne hätte ich mich mit ihnen unterhalten!
Die Weihnachten fern der Heimat zu verbringen, war ein seltsamer Gefühlskoktail aus Melancholie und Entspanntheit, Neugier und Heimweh. Zwar genoss ich die Ruhe, ich las Bücher, schaute Filme, hörte Musik, schrieb Briefe, aber ich schleppte ein schweres Herz mit mir rum. Ich wartete sehnsüchtig auf Briefpost oder Telefonanrufe aus der Heimat, und war zugleich fasziniert über die Isländer und ihre Bräuche. Einsamkeit macht zudem kreativ. Ich spürte den Drang zu schreiben, zu musizieren, zu singen. In der kleinen Holzkirche der Gemeinde, weiter hinten im Tal hatte ich eine Orgel entdeckt. Oft sass ich mutterseelenallein in dieser Kirche und machte Lärm, griff völlig enthemmt in die Tasten, keine Menschenseele weit und breit. Herrlich. Hätte jemand die Kirchtür aufgestossen, wäre ich so plötzlich verstummt, wie die Kühe am 13. Weihnachtstag. Der Priester lud mich einmal in seine Stube ein, tischte Tee auf und verwickelte mich in ein Gespräch über Gott und die Welt. Er konnte gut Deutsch, war an mir interessiert. Dieser Besuch war wie Balsam auf meine vereinsamte Seele. An Weihnachten lud mich der Bauer ein, ihn in die Messe zu begleiten, doch ich zog es vor, meine freien Stunden in der vereisten Winterlandschaft zu verbringen, hinauszuwandern, vorbei an erstarrten Wasserfällen und baumlose Berghängen. Ich erklomm einen alten Vulkankegel, der während der letzten Eiszeit entstanden war. Die Lava hatte sich einen Weg nach oben durch den Eiszeitgletscher gefressen und dabei Unmassen an Gletschereis weggeschmolzen, möglicherweise eine Gletscherflut ausgelöst. In den Flanken waren bizarre Steinformationen zu finden, schockerstarrte Lava, fremde Welt. Der Wind auf dem Vulkan war so schneidend, dass es mir den Atem verschlug. Meine klammen Finger schmerzten. Beim Abstieg trat ich unüberlegt auf eine Schneefläche, worunter sich blankes Eis verbarg. Meine Füsse schnellten in die Höhe, ich klatschte hart auf die Eisfläche und rutschte sofort die Vulkanflanke hinunter, gewann augenblicklich an Tempo. Mit Händen und Füssen versuchte ich, die Talfahrt zu verlangsamen. Vergebens. Erst der schneefreie, nackte Erdboden weiter unten stoppte mich. Ich schlitterte übers Geröll, die Steine prügelten mich, aber schliesslich kam ich zum Stillstand. Ich blieb dann eine Weile sitzen. Nichts gebrochen.
Meine ersten Weihnachten in Island lehrten mich, dass ein einziger, fataler Fehltritt genügt, um den Kurs des Lebens zu ändern. Als ich zurück auf dem Bauernhof war, erzählte mir der Bauer, dass der Priester nach mir gefragt habe, verwundert darüber, mich nicht an der Weihnachtsandacht gesehen zu haben. Er habe ihm daraufhin mitgeteilt, dass Joachim seinen Gott draussen in der Natur suchen gegangen sei, und darüber war ich ihm dankbar. Am Abend machte ich die Stallarbeit, fütterte und molk die Kühe. Seltsam. An jenem Abend fühlte ich mich, als wäre ich in Island angekommen, mit Leib und Seele, zufrieden, lebendig, aber müde. Ich freute mich auf meine Bücher, mein Bett und meine weiteren Jahre in Island. «Nur mal ganz sachte, Junge. Rupf nicht so!», sagte eine tiefe Stimme. Ich schaute mich um. Der Bauer war in der Milchkammer. «Wer ist da?», rief ich. Keine Antwort. Niemand war da. Nur die Kuh, der ich soeben das Melkzeug etwas unsanft abgenommen hatte, ich muss in Gedanken versunken gewesen sein, drehte ihren Kopf zu mir, schaute mich an, wiederkäute, steckte sich die Zunge nacheinander in beide Nasenlöcher, schnaubte – und schaute wieder nach vorn.
«Gleðileg jól og farsælt komandi ár!»
Joachim B. Schmidt «Kalmann», Diogenes, 2020, 352 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-257-07138-2
Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden, ist Journalist und Schriftsteller. Seine ersten drei Romane erschienen in einem kleinen Verlag aus dem bernischen Emmental (Landverlag). 2020 war «Kalmann» aus dem Hause Diogenes dann der lang ersehnte Durchbruch zu einem grösseren Publikum. Seit 2007 lebt Joachim B. Schmidt in Island, wo er mit seiner Familie in Reykjavik lebt und Touristen über die Insel führt.
Katharina J. Ferners Roman „Der Anbeginn“ ist ein starkes Stück über keimendes Leben und den Tod, über archetypische Figuren und fiebrige Innenwelten, über vermeintliche Realitäten und flirrende Zwischenwelten. Wer sich gerne von Literatur bezaubern lässt, ist mit diesem Roman reich beschenkt!
Ein Mädchen wächst auf in einem Dorf, das aus der Zeit gefallen ist. Die Szenerie des Romans erinnert an einen langen Traum, eine Zwischenwirklichkeit, an eine Welt, die immer gleich durch die Jahrhunderte getragen wird, in der Tote nicht verschwinden, Lebende umso mehr, wo der Fährmann der Grenzer ist, in der das Matriarchat zur Selbstverständlichkeit wird. Katharina J. Ferner zeichnet eine Welt, die keiner Zeit unterworfen ist, die aber in jedem von uns lebt, weil sie weit über den Traum hinaus in unsere Wirklichkeit hineinspielt. Eine archaische Welt, die sich der Logik, der Ratio lächelnd entzieht. Wer „Der Anbeginn“ liest, lässt sich ein in eine Welt, die in ihrer Gültigkeit in jedem von uns steckt, von der wir uns aber immer schneller und immer weiter entfernen. „Der Anbeginn“ ist märchenhaft aber kein Märchen. Der Roman erzählt von den Urkräften des Lebens, von Geburt und Tod, von Liebe und Leidenschaft, von der Suche und vom Finden.
„Nur weil ich tot bin, heisst das noch lange nicht, dass ich auch so aussehen muss.“
Katharina J. Ferner «Der Anbeginn», Limbus, 2020, 192 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-9903918-4-6
Ein Dorf an einem Fluss, nicht weit vom Meer. Während eine Tochter geboren wird, stirbt die Grossmutter. Der Vater ist Maler. Das Kind wächst mit Farbe und Pinsel auf, weiss, dass jene Wirklichkeiten, die gemalt sind, ebenso wirklich sein können, wie jene ausserhalb des Ateliers ihres Vaters. So wie die Grossmutter Wirklichkeit bleibt, obwohl sie der Fährmann geholt hatte. Das Mädchen wächst auf mit Mutter und Vater, mit den zwei Schwestern der Mutter, Ida und Ada, in einem Dorf mit der Bäckerin Svenja, mit anderen Kindern unter denen sie schon bald eine Sonderstellung einnimmt. Man begegnet ihr mit Respekt, so wie sie selbst allem und jedem mit Respekt begegnet. So wie sie den Tieren, selbst den Spinnen in ihrem Zimmer mit Respekt begegnet, sie an ihrem Leben teilnehmen lässt. Die Wiese, der Wald, der Fluss ist genauso ihr Zuhause, wie das Zimmer im Haus ihrer Künstlereltern, das Dorf, die Menschen genauso ihr Körper wie der ihrige.
Das Leben im Dorf ist eines in den Traditionen, in Regeln, die das Zusammenleben geschaffen hat. Eine Welt, die in immer grösserem Kontrast zur Welt in der wir leben gesehen werden muss. Katharina J. Ferner malt auf grosse dreidimensionale Leinwände, schafft eine Tiefenwirkung, die mich einsaugt, die mich fasziniert. Sie schafft, was sonst nur Träume vermögen und tut dies mit traumwandlerischer Sicherheit, mit faszinierender Selbstverständlichkeit.
„Vater malte mir eine Sonnenblumeum den Nabel herum, die Blätter waren so gross, dass sie mir bis zu den Rippen hinauf reichten.“
Dieses Dorf ist eine Zwischenwelt. Ein Dorf, das mit der Natur eins ist. Menschen, die sich als Teil dieser Welt sehen und sie nicht unterwerfen. Hier manifestiert sich die Natur nicht als Gegenüber des Menschen. In „Der Anbeginn“ nistet sich die Natur bis in die Haare der Protagonistin ein. „Der Anbeginn“ ist so rätselhaft wie das Leben selbst, wie die Geburt und der Tod, das Leben und das Sterben. Wer diesen Roman liest, die Geschichte dieser jungen Frau, die Geschichte dieses Dorfes jenseits des grossen Flusses, der begibt sich in eine Art Tagtraum, eine von Farben und Gerüchen satte Welt.
Interview mit Katharina J. Ferner:
Was hat dich bewogen, deinen Roman in einer Art Zwischenwelt anzusiedeln Die Zwischenwelt hat mehrere Beweggründe. Einerseits bin ich selbst grosser Fan von Erzählkulturen, die eine Tradition des Mystischen, der Märchen und des Surrealismus in der Literatur pflegen. Im deutschsprachigen Raum wird oftmals nicht über vermeintliche Grenzen hinauserzählt, was ich persönlich schade finde. Die Fülle der Geschichten, die so gesponnen werden können und das Eintauchen ins Fantastische eröffnen mir so zusätzlich zur Handlung auch eine poetischere Sprache. Auf der anderen Seite hängt die Entscheidung mit der Figurenkonstellation zusammen. Ohne eine Zwischenwelt kann die klassisch angelegte Figur des Fährmanns nicht mit dieser Selbstverständlichkeit existieren. Und somit verlören auch die Figuren, die auf ihm aufbauen, an Glaubwürdigkeit und blieben bloss als Hirngespinste der Ich-Erzählerin vorhanden.
Ist es, als würden sich in deinem Roman die Frauen dem Leben zuwenden und die Männer dem Leben eher abwenden? Weder noch. Die Frauen halten die Fäden in der Hand. Sie begrüssen das Leben zur selben Zeit, wie sie einen Tod beklagen, insofern würde ich nicht sagen, dass sie sich dem Leben konkret zuwenden. Die Männer sind bei den Todesritualen nicht dabei, weder bei der Verabschiedung der Verstorbenen noch bei der alljährlichen Schlachtung. Sie weichen dem Tod eher aus. Er ist kein Thema, das sie ständig beschäftigt und begleitet, während er bei den Frauen andauernd präsent ist.
Dein Roman ist von einer tiefen Weiblichkeit durchsetzt. Nicht dass sie mich stört! Ganz im Gegenteil! Es ist nur, als ob so einen Roman in dieser Art nur eine Frau schreiben könnte. Ich bin von dieser Weiblichkeit ebenso fasziniert wie verunsichert. Faszination und Verunsicherung, die gepaart beinah Schwindel erzeugen. Schreibst du dich von der Realität weg? Ich nehme das durchaus als Kompliment und denke es ist mir gelungen, viele Themen anzusprechen, die natürlich mit dem Frausein unmittelbar zusammenhängen, wie beispielsweise der Zyklus. Es gibt zwar keine Aufklärung in diesem Dorf, dennoch gibt es ein strenges Gefüge zwischen Männern und Frauen, das auch mit der körperlichen Wandlung und dem Alter zu tun hat. Die Konsequenzen die daraus entstehen, funktionieren im Roman anders, vielleicht gewagter.
Dein Vater malt. Du malst auch, dichtend und erzählend. Das Mädchen, die junge Frau in deinem Roman, wächst auch in einem Künstlerhaus auf. Was hat der Duft von Terpentin mit dir gemacht? Der Terpentingeruch hat tatsächlich keinen Ursprung in meinem Elternhaus, sondern in meiner Schulzeit. Bevor ich zu Literatur wechselte, belegte ich dort Bildnerische Gestaltung als Hauptfach. Im Roman fällt der Künstlervater ziemlich aus der Reihe, in einem Dorf, das auf Selbstversorgung angewiesen ist. Aber er gibt seiner Tochter seine Farben mit auf den Weg, damit sie sich die Welt ausmalen kann – genau so, wie ich es ja vielleicht auch mache. Früher habe ich viel fotografiert auf Reisen, nun notiere ich, sammle und (ver-)dichte.
Ich lernte dich an einer Lesung von Michael Stavarič kennen. Auch ein Schriftsteller, der es eindrücklich versteht, auf grossen Leinwänden kolossale Bilder zu erzeugen. Was bedeutet es dir, mit anderen AutorInnen zusammen schöpferisch zu sein, wo doch viele deiner ArtgenossInnen als EinzelgängerInnen gelten? Da hast du mich natürlich bei einer Lesung kennengelernt, von dem Menschen, der mich textlich schon am längsten und intensivsten begleitet. Mittlerweile verfolge ich vermehrt Kooperationen sowohl mit AutorInnen, als auch mit KünstlerInnen anderer Genres. Für mich bringen sie Inspiration, Wertschätzung, stärken das Vertrauen in die eigene Arbeit, fundierte Kritik. Manchmal hart erarbeitete, manchmal beflügelnde Geschenke. Und in diesem Jahr speziell sichern sie mir das eigene psychische Überleben. Grundsätzlich pflege und schätze ich aber Alleingänge ebenso. Gerade deswegen liebe ich das Konzept von Aufenthaltsstipendien.
Katharina J. Ferner, 1991 geboren, lebt als Poetin und Performerin in Salzburg. Sie ist Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift &Radieschen sowie der österreichischen Dialektzeitschrift Morgenschtean. 2016–2019 Mitbetreuung der Lesereihe ADIDO (Anno-Dialekt-Donnerstag) in Wien. 2017 Stadtschreiberin in Hausach (D), 2019 Lyrikstipendium am Schriftstellerhaus Stuttgart. Bei Limbus erschien ihr vielbeachtetes Lyrikdebüt «nur einmal fliegenpilz zum frühstück» (2019).
Manchmal macht Lesen richtig glücklich. Man legt sich nach der letzten gelesenen Seite das Buch auf die Brust, schliesst die Augen und lässt diesen einen magischen Moment noch eine Weile nachklingen, den Nachglanz, das wohlige Gefühl, dass die Lektüre eines solchen Buches hervorruft. Mit «Lied der Weite» von Kent Haruf passierte es! Und wie!
Letzthin besuchte ich zum allerersten Mal einen Freund in dessen Wohnung. Einen Leser! Was für ein Vergnügen, vor dessen Bücherregalen zu stehen. Viele meiner Lieblinge, Favoriten und Geheimtipps waren da, spiegelten sich im Regal meines Freundes. Aber es gab auch Namen, die ich gar nicht oder nur vage kannte. Einer von ihnen war Kent Haruf, ein amerikanischer Schriftsteller, der 2014 mit 71 Jahren starb.
Kent Haruf schrieb sechs Romane. Mittlerweile sind vier von ihnen bei Diogenes erhältlich. Ich fragte meinen Freund, mit welchem Buch ich in die Haruf’sche Welt eintauchen sollte. „Lied der Weite“, meinte er. Was ich dann auch tat und mit grösstem Lesevergnügen belohnt wurde. Ein Lesevergnügen, dass förmlich nach Vertiefung ruft und mich zwang, schon einmal auf Vorrat die anderen drei Romane anzuschaffen.
Kent Harufs Romane spielen alle in einer fiktiven nordamerikanischen Kleinstadt namens Holt, ein paar Autostunden entfernt von Denver. Ein Kaff. Haruf generiert Bilder, zumindest bei mir, die mich an solche des Malers Edward Hopper erinnern. Bilder, die sich nicht zu bewegen scheinen, Bilder, die nichts verklären, ganz im Gegenteil. Standbilder, die sich in die Erinnerung eingraben.
Victoria ist 17. Sie ist schwanger. Und als die Übelkeit und das Verlangen, das Geheimnis mit jemandem zu teilen, die junge Frau zwingen, es der Mutter erzählen, stellt die Mutter die Tochter vor die Tür. Ihr ging es damals genauso. Eigentlich hätte es ihre Tochter besser machen sollen. Der Ausschluss ist endgültig, die Tür bleibt zu. Auch jene zu dem nicht viel älteren Jungen, den sie beim Tanzen kennenlernte und sie irgendwann wie eine leergetrunkene Dose stehen liess.
Kent Haruf «Lied der Weite», Diogenes Taschenbuch, 2019, 384 Seiten CHF 17.90, ISBN 978-3-257-24503-5
Tom Guthrie ist Lehrer in Holt. Eigentlich ein guter, wohlgesonnener Lehrer, wenn da nur der eine Junge nicht wäre und seine renitenten Eltern. Eine Familie, die ihn aus der Reserve lockt, die ihn seine Ruhe vergessen lassen. Der eigentlich genug an den Sorgen um seine Familie hat, mit einer Frau, die in ihren Depressionen erstickt und den beiden Jungs Ike und Bobby, die nicht wissen wie ihnen geschieht, denen man keine Fragen mehr beantwortet, viel zu oft sich selbst überlassen werden. Tom Guthrie versucht alles, um seine Mitte nicht zu verlieren, etwas, was ihm genommen wird, als ihm vor seinem Schulzimmer einer seiner Schüler die Faust ins Gesicht schlägt.
Und die alten Brüder McPherons, die weit draussen seit Jahrzehnten eine Farm betreiben, mehr schlecht als recht, sich längst in ihrem Alleinsein eingerichtet haben, jeden Tag nehmen, wie er kommt. Es ist kalt in Holt. Im Haus der McPherons ist es auch kalt. Man spricht nicht viel, die Zeit ist liegen geblieben, wie alles andere auch, ausser das Vieh und die Kühe, die trächtig sein sollen, damit es einen Frühling geben kann. Eines Tages steht eine junge Schwangere vor der Tür, Victoria. Die beiden nehmen sie auf, richten ihr das Zimmer, in dem einst die Eltern schliefen. Victoria bleibt, auch wenn die McPherons nur zögerlich lernen, mit der jungen Frau umzugehen.
Das Leseglück, das sich einstellt, passiert nicht, weil die Geschichte wie Honig fliesst. In Kent Harufs Geschichte sitzen Stacheln! Er schmeichelt nicht. Keine Sonnenuntergänge, kein Kitsch, keine Romantik, dafür ganz viel Liebenswürdigkeit neben Abgründen. Kent Haruf lässt sein Personal nicht grundsätzlich scheitern. Es sind nicht die Katastrophen, die Kent Haruf zu einem Buch macht, sondern die Stimmungen, die er mit seinem Erzählen evoziert. Haruf schreibt seismographisch.
Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, «Unsere Seelen bei Nacht», wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.
Rudolf Hermstein, geb. 1940, studierte Sprachen in Germersheim und ist der Übersetzer von u.a. William Faulkner, Allan Gurganus, Doris Lessing, Robert M. Pirsig und Gore Vidal. Er wurde mit dem Literaturstipendium der Stadt München sowie mehrfach mit Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds ausgezeichnet.
Es ist eisig kalt. Drei Wehrmachtssoldaten machen sich noch vor der Tagwache auf, um in der Umgebung nach versteckten Juden zu suchen. Der einzige Weg, um weg von den täglichen Erschiessungen zu kommen, weg vom alltäglichen Gräuel, der sie fest im Griff hat. Der im Januar 2020 verstorbene Hubert Mingarelli schrieb mit „Un repas en hiver“ ein Kammerstück über drei Männer, die der Geschichte nicht entrinnen können.
Obwohl Hubert Mingarelli in Frankreich zu den bekannten Autoren gehört, ist „Ein Wintermahl“ der erste in Deutsch erschienene Roman Mingarellis. Eine Entdeckung, denn der Roman fokussiert in die geschundenen Seelen deutscher Soldaten, denen während des Krieges, während des tödlichen Gehorsams in der Wärme eines Feuers, einer Mahlzeit Menschlichkeit aufbricht, die angesichts eines einzelnen Schicksals zum Rettungsanker werden soll. Hubert Mingarelli stösst mich als Leser in den Zwiespalt, Mitgefühl mit den Vollstreckern zu bekommen. Er zeigt mir, wie nah die Norm dem Bösen ist, wie elitär der Glaube ist, vor den Abgründen der Unmenschlichkeit gefeit zu sein.
Hubert Mingarelli «Ein Wintermahl», ars vivendi, 2020, 142 Seiten, CHF 26.90, ISBN 978-3-7472-0178-7
Wären sie im Lager zurückgeblieben, hätte sie Leutnant Graaf früh morgens aus der Turnhalle in der Kälte antreten lassen, um sie zu den täglichen Erschiessungen polnischer Juden einzuteilen. Eine Maschinerie, der man nur ausweichen konnte, wenn man sich bereiterklärte, in der Umgebung, in den Wäldern nach flüchtigen Juden zu suchen. Sie machen sich auf, irgendwann immer hungriger werdend, bis sie durch Zufall in einer Erdhöhle versteckt einen jungen Juden aufspüren, den sie durch klirrende Kälte vor sich her treiben. Bis zu einer verlassenen Hütte am Strassenrand, in der sie den Ofen einheizen, in einem schmutzigen Topf Schnee ins Haus tragen mit der Absicht, aus einer Zwiebel, einer Wurst und Maisgriess eine Suppe zu kochen. Bis ein Pole mit seinem Hund auftaucht und sich nicht aus der Hütte vertreiben lässt. Bis dieser eine Flasche Kartoffelschnaps auspackt und sich zum Wintermahl einkauft.
Eine fast traute Situation am warmen Ofen, wenn da der Jude in der Kammer nebenan nicht wäre. Irgendwann fällt auch die Tür zwischen ihnen und dem Juden dem Ofen zum Opfer. Der Pole teilt seine Suppe mit dem Juden und zwischen den drei Soldaten entbrennt ein stiller Streit darüber, was mit dem Gefangenen anzufangen ist.
Hubert Mingarelli koppelt den Suppendampf mit dem Rest von Menschlichkeit, der in den drei Soldaten in der aufkommenden Wärme der Hütte aus dem zugeschütteten Gewissen der Soldaten dampft. Ein Dampf, der nur so lange dauert, bis der Hunger gestillt ist, bis sie die Kälte des polnischen Winters wieder in den Klauen hat und sie wissen, dass sie zurückkehren müssen zu Leutnant Graaf. Hubert Mingarelli schildert aus der Sicht einer der drei Wehrmachtssoldaten, die Gespräche zwischen ihnen und zwischendurch gar den Blick in den kommenden Frühling, zu diesem einen Moment unter einer Brücke im Regen, als eine Kugel das Leben aus einem seiner Kumpanen reisst. Mingarelli konfrontiert mich mit dem verkümmerten Versuch, sich einen letzten Rest Menschlichkeit, Würde zu greifen, weil jeder der drei ganz genau weiss, dass ihr Tun sie nie mehr loslassen wird, dass es keine Gnade geben wird. Mingarelli kocht die Suppe in 142 Seiten ein, diesen Spagat zwischen eisiger Kälte und dem kurzen Moment der Sättigung, wenn die warme Suppe im Magen ist.
Ein Meisterstück.
Hubert Mingarelli() war Schriftsteller und Drehbuchautor, Gewinner des Prix Médicis 2003. Mit 17 Jahren verliess Hubert Mingarelli die Schule, um sich der Marine anzuschließen, die er drei Jahre später verliess. Er zog nach Grenoble, wo er in vielen Berufen arbeitete und in den späten 1980er Jahren zu veröffentlichen begann. Er gewann er den Prix Médicisfür seinen Roman «Quatre Soldats». Er liess sich in einem Weilerin den französischen Alpen nieder, wo er bis zu seinem Tod etwa vierzig Jahre lang lebte.
Der Übersetzer Elmar Tannert, geboren 1964 in München, lebt in Nürnberg. Kaufmännische Ausbildung, Studium der Musikwissenschaft und Romanistik. 1991 bis 2003 tätig in verschiedenen Berufen, u. a. Datentypist, Zeitungsverkäufer, Lagerist, Tankwart, Paketzusteller. Erste Veröffentlichungen in Zeitungen ab 1994. Freier Schriftsteller seit 2003.
Dem aus Süddeutschland stammenden Autor P. B.W. Klemann gelang ein lesenswertes Debüt aus der Perspektive eines Pfarrersohns im 17. Jahrhundert, mit dem er die Lesenden in die Welt des Dreißigjährigen Krieges in einem gewinnenden Erzählton zu verführen vermochte. Zu diesem Buch mit Kulissen von Süddeutschland, dem Bodensee und der Schweiz gibt der Autor Auskunft.
Urs Heinz Aerni: Es ist Ihr erster großer Roman, obwohl Sie schon länger am Schreiben sind. Wie viel Mut braucht es, das Vollbrachte der Welt zu übergeben?
P.B.W. Klemann: Ich habe mit 25 Jahren angefangen regelmäßig zu schreiben. Vier Bücher habe ich angefangen und keines zu Ende gebracht oder mich getraut eines zur Veröffentlichung anzubieten. Ich glaube, wenn einem ständig Geschichten im Kopf herum spuken, man von Abenteuern und Charakteren träumt, seine eigenen Welten erschafft und darin Zeit verbringt, beginnt man notwendigerweise mit dem Schreiben, und somit notwendigerweise mit dem Verfassen eines Romans, ohne dass dazu Mut erforderlich wäre.
Aerni: Aber Mut…
Klemann: Mut braucht es dann, wenn es darum geht, sein Geschaffenes auch zu präsentieren. Für mich lag darin die eigentliche Hürde.
Wie würden Sie die Ursuppe bezeichnen, aus der Ihr Buch entstanden ist?
Vor allem die Lektüre des Schriftstellers Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und seiner „Simplizissimus-Trilogie“ hat mich inspiriert. Ich fand alle Bücher großartig, und die Vorstellung, dass ich einen Menschen lese, der tatsächlich den Krieg miterlebt und sogar darin gekämpft hat, fand ich insbesondere faszinierend. Bemerkenswert fand ich zudem, dass, obwohl selbst Trossjunge und Soldat, und er zweifellos bei manchem Kampf dabei gewesen sein muss, Grimmelshausen nur sehr indirekt über Kämpfe und Schlachten schreibt. Überhaupt wird der ganze Schrecken – und dieser muss ungeheuer gewesen sein – mit Ironie und Witz stets auf Distanz gehalten und selten, wenn überhaupt, wird ein Einblick in die wirklichen Empfindungen der Charaktere gewährt. Und eben dies war es auch, was ich in meinem Buch anders haben wollte, ein möglicher Blick in die Empfindungswelt während so harten und extremen Zeiten.
Wir kennen und lieben die Romane wie «Name der Rose» von Umberto Eco oder «Der blaue Stein» von Gilbert Ginoué oder «Das Parfum» von Patrick Süskind. Sie erzählen uns eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg. Warum?
Auch durch die Lektüre der Bücher von Grimmelshausens brachten mich in diese Zeit. Nachdem ich ihn gelesen hatte, recherchierte ich ein wenig über den Dreißigjährigen Krieg, und war ganz erstaunt, wie wenig ich darüber wusste, obwohl er so verheerend für Deutschland – oder was man damals die «Teutschen Lande» nannte – war, so riesigen Einfluss auf unsere Geschichte hatte und so sehr in Kultur und Sprachgebrauch eingegangen ist. Noch heute finden sich seine Spuren überall.
Die uns gar nicht bewusst zu sein scheinen.
Richtig. Dennoch gibt es erstaunlich wenig Unterhaltungs-Bücher oder Filme über das, was man heute «die Frühe Neuzeit» nennt. Über das Mittelalter, die Wikingerzeit, die Antike, oder über spätere Epochen, das viktorianische England, den ersten und zweiten Weltkrieg, darüber gibt es unzählige wunderbare Geschichten, doch über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, so zumindest mein Empfinden, recht wenig. Auch deshalb wollte ich mich dieser Zeit widmen.
Das Recherchieren ist das Eine. Das Andere ist das Schreiben. Wie lange saßen Sie denn an diesem Projekt?
Ich habe dreieinhalb Jahre lang an «Rosenegg» geschrieben. Im ersten Jahr gerade einmal 80 Seiten, da ich hauptsächlich Recherche betrieb.
Wie nahe bewegen Sie beim Erzählen bei tatsächlich gelebten Menschen?
Die Hauptpersonen Kaspar Geißler und der Graf von Rosenegg sind fiktive Gestalten, ebenso alle Räuber und die Soldaten der späteren «Compania». Auch David von Schellenberg ist erdacht. Die meisten übrigen Gestalten sind wirkliche historische Personen, beziehungsweise Interpretationen von ihnen meinerseits. Besonders am Herzen lag mir die Darstellung von René Descartes – wohl auch, weil ich Philosophie studiert habe – , der bei dem Feldzug von 1620 zwar dabei war, über dessen Erlebnisse es jedoch keinerlei Zeugnisse gibt.
P.B.W. Klemann wurde 1981 in Singen unter der Festung Hohentwiel geboren. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Bohlingen. Der Autor hat an der Universität Konstanz Philosophie und Mathematik studiert. Seine erste Veröffentlichung war seine Abschlussarbeit zu Marc Aurel und der Stoa, die einen Universitätspreis erhielt. Es folgten Bücher im Bereich der Reiseliteratur sowie journalistische Arbeiten rund um Geschichte und Philosophie. Heute arbeitet er als Verlagsleitung und ist freier Drehbuchautor und Schriftsteller. Rosenegg ist somit nicht ganz ein Debüt aber Klemanns erster historischer Roman.
In der denkbar schwierigsten Zeit gründen Unerschrockene in der Ostschweiz einen Verlag für Prosa, Lyrik und Wort-Art, der Schreibenden aus dem Bodenseeraum eine neue Heimat bieten soll. Der Caracol Verlag mit Sitz im thurgauischen Warth. Das spanische Caracol bedeutet „Häuschenschnecke“. Caracol nannten die Spanier ein Observatorium in der Maya-Stadt Chichén Itzá (Yucatán/Mexiko), wegen der gewundenen Treppe, die im Innern in die Tiefe führt.
Schreiben ist ein Prozess, der in die Tiefe führt. Und die Hoffnung aller Schreibender, dass die Lektüre dies genauso schafft, nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Erica Engeler, die seit Jahrzehnten schreibt und sich dabei vieler Ausdrucksformen kunstvoll bedienen kann, präsentiert mit der Erzählung „Wie ein Bisam läuft“ genau das, was der junge Verlag will; diesen gewundenen Weg nach Innen, das Suchen nach Tiefe. Erica Engeler, eine Autorin der leisen Töne, in ihrem Auftreten zurückhaltend und scheu, überrascht in ihrer Erzählung durch Direktheit, Witz, Schalk und einer Dramaturgie, die sich an inneren Bildern orientiert und alles andere als protokollieren will.
Wandas Leben verheddert sich. Nicht nur weil sich ihre Gegenwart in scheinbaren Zufälligkeiten verliert, sondern weil sich ihre Vergangenheit immer fester um sie windet, ihr den Atem und Orientierung raubt, sie einengt und lähmt. Wandas Mutter stirbt an Krebs. Sie, eine gefragte Pianistin, sie, die sich mit ihrer Krankheit einmal mehr von ihrer Tochter entfernt. Wanda leidet seit ihrer Kindheit an der Distanz zu ihrer Mutter, an einer Familie, die sich schon in ihren Kindertagen von Streitereien zerreissen liess. Bis der Vater die Familie verlässt und die Tochter mit einer Mutter zurücklässt, die dieser fremd bleibt.
Erica Engeler «Wie ein Bisam läuft», Caracol, 2020, 96 Seiten, CHF 20.00, ISBN 978-3-907296-01-1
Mit dem Krebs kommt Olivia ins Haus der Mutter, eine omnipräsente Hilfe, die der Mutter viel näher zu kommen scheint als Wanda. Und Wanda lernt in einem Café einen Mann kennen, tauscht Blicke aus und verliert ihn wieder. Einen Mann, der an ihr haften bleibt, sein Geruch, als er an ihr vorbeigeht und sich in der Stadt verliert. Wanda verliert sich an ihn, verliert sich in ihren Gedanken an die Mutter, an der lauten, zerstrittenen Vergangenheit der Familie. Da sind Menschen, an deren Nähe sie sich verbrannte, Menschen, deren Nähe sie nie erreichte. „Wie ein Bisam läuft“ spürt genau diesen Gegensätzen nach, den traumatischen Bildern aus einer Kindheit, der Distanz zu ihren Eltern, den Schwestern Agnes und Verena, dem fehlenden Vater, den die Mutter vor die Tür setzte und der Krankheit, die Wanda mehr als nur die Mutter nimmt, sondern all das, das an Geheimnissen verschlossen bleibt.
„Wie ein Bisam läuft“ ist aber alles andere als Selbstzerfleischung, Selbstreflexion. Erica Engeler spickt ihre Erzählung mit würzigen Dialogen, kurzen, bissigen Sätzen, die in ihrer Prägnanz zum Schmunzeln zwingen. Die Geschichte ist das eine, ihre Sprache das andere. Erica Engeler spielt mit Nuancen, kippt zwischen Vorder- und Hintergründen. So wie das Leben unerklärbar bleibt, so bleibt Wanda vieles unerklärbar. So wie Wanda sich verheddert, so verheddere auch ich mich zuweilen bei der Lektüre – aber mit grösstem Vergnügen.
Ein Interview mit Erica Engeler
„Wie ein Bisam läuft“ ist eine Annäherung zwischen Tochter und Mutter. Ausgerechnet die Mutter-Kind-Beziehung, die so leicht idealisiert und verklärt wird, beschreibst du in deinem Buch als einen lebenslangen Kampf. Nicht so sehr von der Tochter gegen die Mutter, als von der Tochter mit sich selbst, gegen das, was dieses Verhältnis bei ihr anrichtet und auslöst. Wird der Blick einer älter werdenden Schriftstellerin milder? Deine Überlegungen stellen die Mutter-Tochter-Beziehung mehr in den Vordergrund als bei mir gedacht. Für mich ist es eher eine Nichtbeziehung, oder eine erwünschte, die aber nicht zustande kam. Diese Mutter ist eine anwesend abwesende. Mehr Künstlerin als Mutter. Trotzdem lege ich ihr Tagores Verse in den Mund, die auch im wirklichen Leben meiner Mutter präsent waren und sich in mir festsetzten, wie eine Erbschaft oder eine verhaltene Aufforderung zum Schreiben (was auch sie gern getan hätte).
Was mir auffiel und besonderes Vergnügen bereitete, das waren die kurzen, witzigen und prägnanten Dialoge, die in deinem Text eingefügt sind und mehr entlarven, als andere Schriftsteller in ganzen Seiten versuchen. Steckt da in der Lyrikerin und Erzählerin auch noch eine verborgene Theaterautorin? Das höre ich natürlich gern, aber ein Theaterstück würde ich mir nicht zutrauen. Mich fasziniert einfach die Redehemmung, die Zurückhaltung.
„Wie ein Bisam läuft“, der Titel deiner Erzählung irritiert und macht neugierig. Kannst du etwas erzählen, wie dein Titel seinen Weg auf den Buchumschlag fand? Der Titel kam ins Buch als (versteckte) Hommage an meine Mutter. Er hat sich von selbst ergeben, war von Anfang an da.
Ein neuer Verlag, der Caracol Verlag. Was ist dir als Schriftstellerin bei einem Verlag wichtig, der dein Buch, deine zukünftigen Bücher herausgibt? Muss ein Verlag ein Stück Zuhause sein? Ja, im besten Fall ist ein Verlag ein Zuhause. Nachdem mein Manuskript sehr lange unbeachtet (vielleicht auch ungelesen) bei einem anderen Verlag lag, habe ich mich sehr gefreut über die rasche und gut betreute Aufnahme meines Manuskripts im neuen Verlag mit dem schönen Namen Caracol – der für mich direkt aus meiner argentinischen Kindheit kommt.
Vieles in deiner Erzählung ist nur angedeutet, erschliesst sich mir erst bei genauem, vielleicht sogar erneutem Lesen. Auch ein Qualitätsmerkmal deines Textes, denn er macht genau das, was im Zusammenleben mit unseren Nächsten auch passiert; man kombiniert, interpretiert, man verheddert sich, tappt im Dunkeln. Lebt der Mensch mit dem permanenten Irrtum, Beziehungen wären wie Räume, die man mit Scheinwerfern ausleuchten kann? Im Rahmen einer wortkargen Familie ist der natürliche Wortfluss eingedämmt. Man spricht zwar über Unwesentliches, das ist aber keine Kommunikation.
In einer Szene beschreibst du, wie die Mutter mit einem einzigen Satz alles in der Beziehung zu ihrer Tochter verändert: „Ich habe Krebs.“ Drei Worte, aber es verschieben sich Kontinentalplatten! Ein Satz, der alles verschiebt. Ist uns zu wenig bewusst, was Worte anrichten können? Das ist schwer zu beantworten. Aber ich glaube, dass man in einer solchen Situation nicht überlegt vorgehen kann. Die Diagnose ist ein Schock, lässt sich weder klein- noch schönreden. Dass dieser Brocken so abrupt kommt, entspricht der Situation. Auch verschwiegene und berühmte Mütter sind nur Menschen – und dürfen es auch sein.
Erica Engeler ist 1949 in Ruiz de Montoya (Provinz Misiones) in Argentinien geboren. Seit 1974 wohnt und schreibt sie in St.Gallen. Seit 1985 veröffentlichte Erica Engeler Romane, Erzählungen und Gedichte. Zudem war sie als Übersetzerin aus dem Spanischen tätig: Sie hat Werke von Alfonsina Storni, Ernesto Sabato und Roberto Arlt ins Deutsche übertragen.
Eine junge Fremdsprachensekretärin im sowjetrussischen Aussenministerium gerät 1941 in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen. Einem jungen Mann wird im Minsk der Gegenwart durch einen tödlichen Tumor die Frau genommen, die Frau, die sein Kind in ihrem Bauch trägt. Sasha Filipenko hat in seinem Romandebüt viel gewagt und viel gewonnen. Mit Sicherheit viele begeisterte LeserInnen!
Alexander ist noch jung. Er versucht in Minsk, der Hauptstadt Weissrusslands, einen neuen Lebensabschnitt, vielleicht sogar ein neues Leben zu beginnen. Noch ist seine kleine Tochter bei seinen Eltern, die Wohnung leer und hohl, das Neue nicht begonnen, das Alte noch viel zu nahe. In der Wohnung gegenüber wohnt eine alte Frau, allein, wie die Maklerin erzählt, mit Alzheimer, wohl nicht mehr lange. So wie Alexander, nachdem ihm eine heimtückische Krankheit die Frau weggerissen hatte, ein neues Leben zu finden versucht, neuen Tritt, so versucht sich die neunzigjährige Tatjana Alexejewnaauf der anderen Seite des Treppenhauses gegen das Verschwinden ihrer Erinnerungen zu stemmen. Alexander will sich von der Vergangenheit befreien. Tatjana Alexejewna will retten, was angesichts der sich einschleichenden Krankheit noch zu retten ist.
Sie treffen sich im Treppenhaus. Alexander will eigentlich seine Ruhe. Aber Tatjana setzt alles daran, den neuen Nachbar in ihre Geschichte hineinzuziehen. Sie will erzählen, „weil Gott Angst hat vor mir. Zu viele unbequeme Fragen kommen da auf ihn zu.“ Aber wenn ihre Erinnerungen so einfach ausgelöscht werden, dann scheint Gott sie ein letztes Mal von der Klippe zu stossen. Deshalb lässt Tatjana wenig Widerspruch zu, als Alexander ihr den Rücken zeigen will.
Unwillig folgt Alexander ihr in ihre übervolle Wohnung, die mehr einem Atelier gleicht. Überall stehen Bilder herum, für ihn nicht ersichtlich ob fertig oder nicht. Tatjana erzählt; von ihren Eltern, die sich in Paris kennenlernten, wie sie in London 1910 zur Welt kam, wie ihr Vater nach der russischen Revolution in diesem neuen Land, an diesem neuen Aufbruch teilhaben wollte, wie sie mit neunzehn im Tessin war und im kleinen Porlezza auf der anderen Seite der Grenze einen jungen Mann kennenlernte, wie sie nach Moskau zurückkam, ihren Vater begrub und eine Stelle beim NKID, beim Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, dem heutigen Aussenministerium bekam.
Alexander hört zu, ein Leben wie jedes andere. Bis Tatjana davon erzählt, dass ihr Mann während des 2. Krieges in Gefangenschaft geriet und sie seinen Namen auf einer Liste des Roten Kreuzes fand. Alexander hört weiter zu und wird Zeuge eines Schicksals, einer Familie, einer Frau, die in den Mühlen der Geschichte beinahe zerrieben wurde und nur unter absoluter Kraftaufwendung aufrecht bleiben konnte. Tatjana gerät als Frau eines „Landesverräters“ in Lagerhaft, wird von ihrer Tochter getrennt, verliert alles – nur ihren Kampfeswillen nicht. Das, das spürt sie, was ihr der Alzheimer nehmen kann.
Alexander kann sich der Ehrlichkeit, der offensiven Nähe seiner Nachbarin nicht entziehen. So sehr nicht, dass Tatjana es schafft, dass auch Alexander zu erzählen beginnt. Seinem Leben als Schiedsrichter, dem einen Abend, als er seine zukünftige Frau kennenlernt, ihrem gemeinsamen, unschuldigen Glück und dem Moment, als man ihnen im Krankenhaus eröffnete, dass Alexanders Frau noch vor Ende ihrer ersten Schwangerschaft an den Folgen eines Hirntumors sterben wird. Der Mann, der auf dem Fussballfeld über richtig und falsch entscheidet, dem wird jede Entscheidung aus der Hand genommen. Bis es an ihm liegt, ob man nach dem langsamen Sterben und dem klinischen Tod seiner Frau alles daran setzen soll, das neue Leben im Leib seiner Frau mit allen medizinischen Mitteln zu ermöglichen. Ein Zustand, der kaum auszuhalten ist. Während seine Frau für tot erklärt wird, liegt ihr noch immer künstlich warm gehaltener Leib auf einer Liege im Spital, für niemanden mehr erreichbar.
Aber Lisa kommt zur Welt.
Tatjana wurde durch die Geschichte Mann und Tochter genommen. Alexander rettete wenigstens seine Tochter. Und doch sind sie beide Verlassene, jeder auf seine Art mit dem Vergessen konfrontiert.
Sasha Filipenko ist ein ausserordentlicher Roman gelungen. Geschichte spielt mit uns. Tatjana ist in ihrem fast hundertjährigen Leben selbst als Sekretärin im NKID mitten im Krieg. Sie bearbeitet Anträge der verschiedensten Kriegsparteien, die sich um Kriegsgefangene bemühen – und in den Mühlen der UdSSR abgeblockt werden. Bis auch der Name ihres Mannes auftaucht. Alexander ist Opfer eines anderen Krieges, eines scheinbar kleinen Krieges, dem Töten, das eine Krankheit anrichtet. Zwei Geschichten prallen aufeinander und aus der anfänglich einseitigen Anhänglichkeit der alten Frau wird eine Freundschaft über den Tod hinaus. Sasha Filipenko wählt dabei eine ganz spezielle Erzählstrategie, denn immer wenn Tatjana oder Alexander zu erzählen beginnen, kippt während zwei Sätzen die Perspektive. Ich tauche in einem einzigen Satz weg vom Erzähler direkt ins Geschehen. Eine Strategie mit ungeheurer Wirkung. Sasha Filipenko erzeugt einen Strudel, dem man sich nicht entziehen kann.
Sasha Filipenko, geboren 1984 in Minsk, ist weissrussischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt. Nach einer abgebrochenen klassischen Musikausbildung studierte er Literatur in St. Petersburg und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber für eine Satire-Show und Fernsehmoderator. «Rote Kreuze» ist der erste seiner fünf Romane, der auf Deutsch erscheint. Sasha Filipenko ist leidenschaftlicher Fussballfan und lebt in St. Petersburg.
Ruth Altenhofer, geboren 1979, studierte Slawistik in Wien sowie in Rostow am Don und Odessa. wurde 2012 und 2015 für Übersetzungen von Marina Zwetajewa/Boris Pasternak und von Wjatscheslaw Pjezuch mit dem Übersetzerpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.
Ein letztes Mal im Jahr 2020 lud das Literaturhaus Thurgau Literaturinteressierte zu einer Lesung im Bodmanhaus in Gottlieben ein. Joachim Zelter war Gast mit seinem aktuellen Roman «Imperia», mit dem der Schriftsteller lesend und performend das Publikum zu begeistern wusste – ein Publikum, das nach Kultur hungert!
Joachim Zelters zentrale Figuren in seinem Roman sind absolut gegensätzlich. Gregor Schamoni, ein mässig erfolgreicher Schauspieler mit einigen Geldsorgen und Iphigenie de la Tour, eine raumgreifende Frau und Professorin, deren Visitenkarte sich wie eine Speisekarte liest. Eine Frau, die sich als absolutes Zentrum ihres Sonnensystems sieht, ein Mann, der es wie ein kleiner Planet nie mehr schafft, aus der ihm zugewiesenen Umlaufbahn auszubrechen. Jeder kennt solche Archetypen wie die Professorin; Menschen, denen das Leben immer wieder Recht zu geben scheint, auch ihr Erfolg, ihr Geld, ihre Macht. Und weil Gregor Schamonis Verdienstmöglichkeiten begrenzt sind, gibt er ein Inserat auf: Schauspieler bietet Dichter- und Salonlesungen. Wenig später meldet sich am Telefon eine Frau Professor Iphigenie de la Tour. Man kommt ins Gespräch und trifft sich kurz danach in einem Café unweit des Münsters. Was mit diesem Treffen beginnt, wird für Gregor zu einem Strudel, der ihn immer mehr vereinnahmt. Auf der einen Seite seine immer wieder auftauchenden Panikattacken, die ihn um seine Existenz bangen lassen, auf der anderen Seite eine Frau, aus deren intrigierenden Fängen er sich nicht mehr befreien kann.
Was für den Schauspieler Gregor Schamoni Wirklichkeit ist, ist Wirklichkeit für viele Kunstschaffende: Wie weit soll, darf und kann man sich in Abhängigkeiten begeben, um nicht in Existenznöten unterzugehen. Es liegt einiges an Zündstoff in den Schilderungen, im Roman selbst, in der Dramaturgie des Geschehens, aber auch darüber hinaus, sind doch die Diskussionen über „Entmännlichung“ und Rollenverständnis nicht nur in vollem Gange, sondern Flächenbrand geworden.
Joachim Zelter inszenierte seinen Text auf der kleinen Bühne des Literaturhauses gekonnt und mit viel Leidenschaft, einer Leidenschaft, die sein ganzes Tun und Schaffen bezeugt, eine Leidenschaft, die im Publikum ganz selbstverständlich seine Resonanz findet.
«Ganz Europa befindet sich in einem Corona bedingten Lockdown. Ganz Europa? Nein, ein kleiner Ort am Bodensee lässt sich von keinem Virus der Welt einschüchtern oder unterkriegen und hält fest an der Unverzichtbarkeit lebendiger Autor*innen und lebendiger Zuhörer*innen in den Hallen des Literaturhauses Thurgau, die dort – Corona zum Trotz – sehnsüchtig aufeinandertreffen. Es ist eine Insel des gesprochenen/gehörten Wortes in einem verstummten Ozean, und es war mir eine Freude, gestern Abend auf dieser Insel weilen zu dürfen.» Joachim Zelter
Ein fast volles Haus, mit aller Vorsicht geführt! Das Literaturhaus Thurgau dankt dem Autor für den spannenden Abend
Es gibt Autorinnen und Autoren, da wartet man als fleissiger Leser mit stetig steigender Ungeduld, bis endlich etwas Neues erscheint. Manche verschwinden für immer von der Bildfläche, andere tummeln sich auf anderen Bühnen. Nachdem es mit «Spaziergänger Zbinden» kaum ein Buch gab, dass ich öfter gekauft und verschenkt hatte, liegt nun endlich ein neuer «Christoph Simon» bereit, auch wenn dieser den Hunger nicht stillen kann.
Als vor fast 20 Jahren beim Bilger Verlag Christoph Simons erster Roman „Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen“ erschien, war der Autor genauso unbekannt und neu wie sein Verlag. Beide haben sich etabliert; Christoph Simon als wortgewandter Beobachter und Künstler, der Bilger Verlag mit seinem Gründer und Verlagsleiter Ricco Bilger als Säule in der Schweizer Verlagslandschaft.
Schon der erste Roman versprach vieles. Ich erinnere mich gut, dass ich bei einer Buchvorstellung in einer winzigen Buchhandlung in der Ostschweizer Provinz den BesucherInnen diesen Roman ans Herz zu legen versuchte und prognostizierte, es werde künftig viel von dem Mann zu hören sein. Das traf zu, wenn auch nicht ganz so, wie ich es in meiner Prophezeiung vorhersagte. Christoph Simon schreibt noch immer. Aber nach Romanen, einem Kinderbuch und einem Lyrikband konzentriert sich Christoph Simon fast ganz auf sein Bühnenprogramm, mit dem er 2018 in den Olymp der Kabarettisten erhoben wurde und den Salzburger Stier gewann.
Christoph Simon «Swiss Miniatur» Edition Baes, 2020, 72 Seiten, CHF 19.90, ISBN 978-3-9504833-7-6
Christoph Simons sicheres Gespür für den Kern der Sache, seinen Witz in Sätzen und Geschichten lässt sich nun aber endlich auch wieder lesend geniessen, obwohl die Sammlung von Geschichten „Swiss Miniatur“ ein schmales Bändchen geworden ist und ganz offensichtlich Autor und LeserInnen sich gedulden müssen, bis dereinst wieder ein Simon erscheinen wird, der die Nachbarn im Bücherregal zur Seite schiebt. Zumindest sind es Kostproben seines Könnens, manchmal sogar Bezeugungen, dass er durchaus immer wieder einmal den neuen Roman in Angriff nimmt, derzeit aber anderem den Vortritt lassen muss. So gibt es zwei kleine Kapitel mit nicht ganz ernst zu nehmenden Romananfängen und -schlüssen: Erste und letzte Sätze der verworfenen Great Swiss Novel. Zum Beispiel: Zellweger war vierzig und Kreditberater in einer Bankfiliale – was nicht weiter ungewöhnlich ist, verbringen doch viele Kreditberater ihre Arbeitszeit in einer Bankfiliale. Man hört, wie der Motor absäuft – und der letzte Satz: „Gut“, sagte Zellweger, „dass man den Behörden in unserem Land noch trauen kann.“
Schlicht köstlich sind die Geschichten, von denen im Anschluss zwei präsentiert werden. Geschichten, Momentaufnahmen aus dem, was sich hinter den Fassaden abspielt:
Romeo und Julia älter
„Warum guckst‘n du so?“ „Ich guck halt.“ „Irgendwas denkst du dir doch dabei.“ „Ich guck nur so.“ „Ich merk doch, dass du dir was denkst.“ „Tu ich aber nicht.“ „Doch.“ „Verdammt nochmal, Julia!“ „Siehst du.“ „Was seh ich?“ „Sonst würdest du es ja nicht so energisch abstreiten.“ „Du machst mich nervös.“ „Dabei hab ich dir gar nichts getan.“ „Hör bitte auf.“ „Hab ich etwa damit angefangen?“ „Du hast dich doch darüber aufgeregt, dass ich gucke.“ „Jetzt bin ich also schuld daran, wenn dich etwas stört?“ „Mich stört ja gar nichts!“ „Und deshalb guckst du so.“ „Ich guck dich halt gerne an! Ich guck, weil du so schön bist!“ „Aha. Und ich dachte, der Romeo guckt ‚nur so‘?!“ „In Zukunft werde ich woanders hingucken, wenn dir das lieber ist. Siehst du, ich guck jetzt woanders hin.“ „Na toll. Schau ruhig weg, wenn ich mit dir rede.“
Lokalereignis
Eine ganz unpassende Veränderung war mit Olivier Horn, Immobilien, vorgegangen. Wenn einer ein unbeirrbarer Mann gewesen war, dann er. Das meiste von allem, was das Leben mit ihm unternahm, hatte er selbst ausgeheckt, und er hatte nie gezaudert, wenn eine Leitplanke seiner Bahn versetzt werden musste. Nichts war ihm unmöglich gewesen, und er hatte auch das Glück auf seiner Seite gehabt. Er konnte darauf bauen, dass gut ausging, was immer er sich vornahm. Unvergessen der millionenschwere Verpackungsmaschineningenieur, dem er – ohne Tricks und ohne die Steuer zu hintergehen – die halbe Industriezone K.s verschachert hatte! Aber jetzt? War mit ihm nicht mehr viel los. Horn zeigte nicht die geringste Lust, etwas anzureissen. Er verkroch sich in die düstereBlockhütte bei der Forellenzucht, hörte zu, wie die Fische im Wasser sprangen und die Stechmücken gegen das Fliegengitter surrten. Den traurigen Vorfall mit dem Anglerhaken, der erst im Schilf hängengeblieben, dann plötzlich, nachdem er kräftig an der Angel gezogen hatte, durch die Luft geschnellt war und ihm ein Auge ausgerissen hatte, verwand er einfach nicht. Es schien beinahe so, als geriete Horn dieses, aufs Augenlicht beschränkte Unglück regelrecht zur existenziellen Krise.
Am Schluss der Sammlung «Swiss Miniatur» die längere Geschichte «Bundesrat Liechti». Sie kennen die Geschichten vom Papst, der eingesperrt in seiner Welt einer ganz speziellen Eingebung folgt und unerkannt seinen Palast verlässt. Bundesrat Liechti tut es zwischen zwei Sitzung genauso. Er haut ab. Zwar mit Bügelfalte und Jacket, aber in der Schweiz wäre das möglich (ausser vielleicht für Bundesrat Berset!). Ein freier Tag für einen Bundesrat, ein Tag, der ihn glücklich macht.
«Swiss Miniatur» macht glücklich – und lässt hoffen.
gezeichnet von Christoph Simon, ausgemalt von seinem Sohn
Ein Interview mit dem Autor:
Als du 2018 den Salzburger Stier gewonnen hast, dachte ich: „Aha, jetzt werde ich wohl mit dem Warten auf einen neuen Roman von Christoph Simon aufhören können.» Ist „Swiss Miniatur» auch ein bisschen Trost für all die, die wie ich warten? Vielen Dank für die schmeichelnden Worte! Ja, ich möcht eh schon länger mal wieder was Längeres in Angriff nehmen. Mein Hauptverleger Ricco Bilger erwartet noch immer meinen Moby Dick, den ich ihm im Grössenwahn einmal versprochen habe. Die Bühne steht diesem Vorhaben eigentlich nicht im Weg, denn ich kann ja morgens einen Roman schreiben und abends auftreten. Im Weg steh ich mir selber, faul und ängstlich wie ich bin. Ein Roman ist ein Riesenberg an Arbeit, davor scheu ich seit Jahren zurück.
gezeichnet von Christoph Simon, ausgemalt von seinem Sohn
Du tourst als Kabarettist von Bühne zu Bühne, wirst gelobt für deinen Tiefgang und schwarzen Humor. Durchaus zwei Eigenschaften, die der Literatur gut tun würden, vor allem der „schwarze Humor». Aber warum scheint es so schwierig, schwarzen Humor zu einem Roman werden zu lassen? Es scheint schwierig, weil es tatsächlich schwierig ist. Aber wahrscheinlich ist oberflächlich und ernsthaft Schreiben genauso schwierig. Schreiben an und für sich ist schwierig, herrje. Die Qualen eines Poeten auf der Suche nach dem treffenden Wort – ich glaube, nur eine gebärende Frau kann meine Qualen annähernd nachempfinden.
Deine längste Geschichte in „Swiss Miniatur» ist jene von Bundesrat Liechti. Durchaus ein Feld, das man literarisch beackern könnte, da mir kein Bundesratsroman bekannt ist und es in und um dieses Gremium Spielfelder genug geben müsste, um daraus eine gute Geschichte zu machen. Oder sind Bundesräte, nachdem man sie gerne in den Medien zu Helden macht zu heikel? Ich habe mir den Liechti jetzt mal in den Kopf gesetzt als Bundesrats-Antihelden, und ich denke, es steckt tatsächlich noch mehr Schmerz und Sehnsucht in dieser Figur. Ein Bundesrat ist ein impotenter Künstler, jemand, der in der Regel nichts erreicht. Oder etwas andres erreicht, als beabsichtigt. Oder was er erreicht, ist die Arbeit anderer. Sie verlieren dauernd in Abstimmungen, sind umgeben von Schlangen und Ratten und Lärm und Unglauben. Ein harter Job. Stressig und repetitiv und rückenleidenfördernd wie Kleinkindhüten im Sandkasten.
gezeichnet von Christoph Simon
Bundesrat Liechti büxt aus, wie der Papst im Film «Habemus Papam», der vor nicht langer Zeit in den Kinos lief. Hast du dir die Filmrechte schon gesichert? Da erwischst du mich an einer wunden Stelle. Die Filmrechte an meinem ersten Roman wurden verkauft, es wurde am Drehbuch geschrieben, es gab Sitzungen und Treatments und Eingaben. Dann wurde die Drehbuchautorin und Regisseurin schwanger, und seither liegt das Projekt auf Eis. Eine Verfilmung von einem meiner Stoffe würde mir wahnsinnig gefallen.
„Der Suboptimist» ist schon dein viertes Soloprogramm als Kabarettkünstler. „Simon ein begnadeter Figurenzeichner. Sein Personal besteht aus liebenswerten Antihelden, die meistens weniger als mehr auf die Reihe bekommen, das Herz aber auf dem rechten Fleck tragen», sagt eine Kritikerin. Worin unterscheidet sich das Schreiben eines Bühnenprogramms vom Schreiben eines Romans? Ein Roman ist umfangreicher, ihn zu schreiben dauert exponentiell länger. Ansonsten seh ich keine grossen Unterschiede. Ich versuche meinen Figuren gegenüber wahrhaftig zu sein, ich folge ihren Wünschen und Ängsten, ich sehe ihnen zu, wie sie ihre Probleme zu lösen versuchen und sich weiter drin verheddern. Wenn am Ende des Schreibtages etwas herauskommt, das vor einem Kleintheaterpublikum an Lebendigkeit gewinnt, dann geh ich mit der Geschichte auf die Bühne. Kommt etwas heraus, das mich als Vermittler nicht erfordert, etwas, das eine Leserin im Licht der Nachttischlampe lesen kann, dann landet es gedruckt in einem Buch. Oder Miniatur-Büchlein wie hier.
(Beide Texte sind hier mit Genehmigung des Verlags und des Autors abgedruckt.)
Christoph Simon lebt in Bern. Mit seinen Romanen «Warum Antilopen nebeneinander laufen» oder «Planet Obrist» oder wie zu letzt wie seinem wunderbaren Buch «Spaziergänger Zbinden» (Bilger Verlag) hat sich eine neue grosse Stimme im deutschsprachigen Raum etabliert. Christoph Simon tourt aber auch seit Jahren erfolgreich mit Solo-Bühnenprogrammen, momentan mit «Der Suboptimist».