Literaturfest mit Christoph Keller and friends

„Drachenschuppen, Wolfsgebeiss, Hexengift und Vollgeschiss aus dem Bauch des Salzmeerhais, Schierlingswurzel dunkelweiss, von dem Lästerjud die Leber; Ziegengalle; Blütengeber, die man von den Bäumen riss, als der Mond in Finsternis, Türkennas, Tartarengrind und den Finger von dem Kind, das erwürgt wird bei Geburt von ner Frau, die strassenhurt – all das macht den Kessel fein, und mit Tiger-Innerein wird die Suppe bald fertig sein.“

Christoph Keller, zuhause in New York und St. Gallen
Christoph Keller, zuhause in New York und St. Gallen

Zwar war nicht Mitternacht und man traf sich auch nicht im Pilzkreis im Hätterenwald. Aber was am späten Nachmittag in der Militärkantine St. Gallen rund um den Schriftsteller Christoph Keller und seinen neuen Roman „Das Steinauge & Galapagos“  (Sammlung Isele) über die Bühne ging, war derart gestopft mit künstlerischen Leckerbissen von unterschiedlichem Giftgehalt, dass das Gemisch durchaus an einen wilden Tanz um die Kunst erinnerte. Christoph Kellers Gäste waren die Musiker Zelda Umur und Daniel Schnyder, die Schriftsteller Jan Heller Levi, Rebecca C. Schnyder, Heinrich Kuhn, Florian Vetsch und Peter Weber, der Verleger Parantrap Chakraborty und die Künstler Marlies Pekarek und Roman Signer.

Alle abgebildeten Fotografien sind Arbeiten Christoph Kellers "Mugwumps are what they seem."
Alle abgebildeten Fotografien sind Arbeiten Christoph Kellers „Mugwumps are what they seem.“

In Christoph Kellers Roman kämpft Philip Gundolf mit der latenten Mitschuld am frühen Tod seines Schulfreundes Stieglitz. Gundolf, der erfolglose Schauspieler, quartiert sich einen Sommer lang im Elternhaus seines Freundes ein, um der Frage nachzugehen, ob er am Ende gar nicht sein eigens Leben, sondern das seines verstorbenen Freundes gelebt hat.
Die Tatsache, dass der Roman aus dem Erinnerungsbuch „Der beste Tänzer“ nicht mehr bei S. Fischer Platz fand, mag darin begründet sein, dass Christoph Keller nicht daran interessiert ist, einfache Bücher zu schreiben. Wem Christoph Kellers Roman gefallen soll, muss sich einlassen, muss bereit sein, von der wilden Suppe zu kosten!

Rebecca C. Schnyder mit "Alles ist besser in der Nacht" (Dörlemann)
Rebecca C. Schnyder mit „Alles ist besser in der Nacht“ (Dörlemann)

Ein herrlicher Vorabend. Während draussen der Regen trommelte, der Wind die Fenster quietschen liess, führte Eva Bachmann gekonnt und überaus freundschaftlich durch den Kulturmix: Rebecca C. Schnyder, junge St. Galler Schriftstellerin las aus ihrem ersten Roman „Alles ist besser in der Nacht“ (Dörlemann), böse Stücke, Texte wie schwere Motorräder mit Auspuffen, die knallen, Stücke aus ihrem Roman über eine junge Frau, die mit allem Tun schmerzen will, selbst mit ihren verkorksten Liebeserklärungen.

Heinrich Kuhn "Alles Übrige ergibt sich von selbst" (VGS Verlagsgenossenschaft)
Heinrich Kuhn „Alles Übrige ergibt sich von selbst“ (VGS Verlagsgenossenschaft)

Heinrich Kuhn, ein St. Galler Literatur-Urgestein, der zusammen mit Christoph Keller etliche Romane schrieb, las Geschichten aus seinem wieder mit Christoph Keller veröffentlichten Erzählband „Alles Übrige ergibt sich von selbst“ um die beiden Stadtflanierer Maag und Minetti. Witzige, hintersinnige Texte, die mit Sprache und Möglichkeiten spielen; über den Arzt Dr. Guillotine, ein Taubenexperiment und die Möglichkeit, dass Dr. Röntgen auch Dr. Wolgensinger hätte heissen können.

Florian Vetsch "Steinwürfe ins Lichtaug" (Moloko Print)
Florian Vetsch „Steinwürfe ins Lichtaug“ (Moloko Print)

Florian Vetsch, Lyriker, Herausgeber und Übersetzer rezitierte messerscharfe Gedichte, Lyrik, die weh tun kann, weil sie trifft und betroffen macht, die Weltgeschehen spiegelt, Zeuge ist für Literatur, die sich einmischt, unbequem, mit der scharf geschossen wird, weit weg vom lieblichen Schmeicheln.

Peter Weber "Gotthardfantasien" Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur von Boris Previšic (Verlag Hier und Jetzt)
Peter Weber „Gotthardfantasien“ Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur von Boris Previšic (Verlag Hier und Jetzt)

Und Peter Weber, nicht vergessen, auch wenn schon lange nichts mehr auf der grossen Bühne erschien, bewies mit seinen Texten, warum es sich weiterhin lohnt, geduldig auf ein neues Buch von ihm zu warten, auf Sprache, die sich mit Peter Webers Wucht hoffentlich nicht in allzu ferner Zukunft auf mich Neugierigen wartet. Peter Weber ist nicht nur Textschöpfer, sondern Wortbildner. Da wabbert Hochliteratur! Und dabei waren seine Kostproben in Maultrommelkunst wie Telegramme, Signalreihen aus jener fernen, fremden Welt, in der Weber zum Medium wird.

Man möge mir verzeihen, wenn ich nicht allen in Aktion Getretenen gerecht werde. Aber ich war Zeuge eines Kunst-Sommerfests der Superlative.

Molly Brodak „Als ich 13 war, überfiel mein Vater seine erste Bank“, Nagel & Kimche

Molly Brodaks Buch ist kein Roman, aber ein gut geschriebener Bericht über eine junge Frau, die die Tochter eines Bankräubers ist, darüber, was Eltern mit ihrem Leben bei ihren Kindern anrichten. Lesbar macht das Buch die Distanz, mit der die junge Amerikanerin schreibt und sich dabei weit mehr als nur Gedanken über ihr schwieriges Band zu einem fremden Vater macht.

„Ich weiss nicht, ob er ein Soziopath ist. Ich weiss nur, dass er in allem betrogen hat. Er log jeden an, hielt uns immer fern und widersetzte sich jeder normalen zivilisatorischen Struktur: Arbeit, Familie, Unterhaltung, Ökonomie, Liebe. Wenn er wirklich dachte, er käme mit seinen ganzen Betrügereien, seinem lebenslangen Lügen durch – und anfangs sah es ja durchaus danach aus – , dann ja, dann hat sein Denken etwas beharrlich Verrücktes. Aber wenn er alles im Wissen um die Konsequenzen tat und sich bewusst war, wen und was er alles verlieren würde, und dennoch weitermachte – dann sieht das nach etwas anderem aus – nach echtem Unheil.“Brodak_MeinVater_125x205_HCSU_P10def.indd
Ein Stück „american history“, von Menschen, die nie ankommen, dauernd getrieben sind, der amerikanischen Seele, die trotz Therapeuten im Wohnzimmer und dem Gefühl, am Nabel der Welt zu leben, kein Zuhause finden. Molly Brodak schildert den Schrei, ihren langen Schrei aus ihrem Innern: „Nichts kann mir etwas anhaben, weder die Ignoranz des Vaters noch die tiefen Stürze der Mutter.“
Warum soll man dieses Buch lesen? Weil es der Autorin gelingt mit ungewohnter Distanz auf das zu sehen, was ihr in ihrer Familie, ihrer Einsamkeit widerfuhr. Wenn ein Vater nicht nur das Geld aus der Sparbüchse seiner Kinder klaut, sondern damit auch das Urvertrauen in eine Welt, die auf gegenseitigem Respekt ruhen sollte. Eine Tochter, die sich an einen verlorenen Vater herantastet.

brodak_molly_hf_iMolly Brodak, wurde 1980 in Michigan geboren und lebt heute in Georgia, wo sie an der Augusta University Englische Literatur unterrichtet. Bislang veröffentliche sie Gedichte in literarischen Periodika und in der Presse. 2009 erhielt sie für ihren Lyrikband A Little Middle of the Night den Iowa Poetry Price.

Literatur am Tisch mit Bettina Spoerri

„Literatur am Tisch“ soll Leser*innen und Autor*innen an einen Tisch bringen, die Möglichkeit bieten, sich in ein echtes Gespräch, einen für beide Seiten zum Gewinn werdenden Austausch einzulassen. Traditionelle Lesungen oder Gespräche lassen Leser*innen auf Distanz, bieten kaum die Gelegenheit, eigene Lesarten, Gedanken miteinzubringen.

IMG_0966Am vergangenen Mittwoch beehrten uns die Schriftstellerin und Leiterin des Aargauer Literaturhauses Bettina Spoerri mit  ihrem neusten Roman „Herzvirus“ (Braumüller Verlag) und ihr Mann, der Filmregisseur, Produzent und Drehbuchautor Matthias von Gunten. Zuerst draussen im Garten bei einem Glas Weisswein und später in der Stube am grossen, reichlich gedeckten Tisch entwickelte sich schnell ein sehr angeregtes, offenes Gespräch, bei dem die Schriftstellerin Bettina Spoerri sehr schnell spürte, wie sehr undIMG_0962 unterschiedlich ihre literarische „Liebeserklärung“ und Spurensuche an eine verlorene Mutter die Gäste rundum bewegte. So nah man im Gespräch der Autorin und ihrem Buch kam, so sehr schien es Bettina Spoerrri zu gefallen, ihr Buch, ihr Schreiben und ihre Sprache zum Gegenstand einer wirklichen Auseinandersetzung werden zu lassen. Vielen Dank an Bettina Spoerri!

IMG_0964„Wenn ein Buch einen anspricht, beim Lesen unzählige Bilder entstehen, die sich unauslöschlich im Kopf festsetzen, und die Sprache immer wieder die Seele berührt, sind das Glücksmomente. Bei „Herzvirus“ und der Begegnung mit Bettina Spoerri ist noch eine Dimension dazugekommen: Das ungezwungene Gespräch an der Verwöhntafel bei Irmgard und Gallus hat aufgezeigt, welch ein vielschichtiger und begabter Mensch mit viel literarischem Können hinter diesen Zeilen steckt. Das hat mich beeindruckt und bereichert. Vielen herzlichen Dank für diesen wunderbaren kulinarisch-kulturellen Abend!“ Friedericke Züllig

„Die Begegnungen mit allen in dieser Runde war ein sehr schöner Abend. So richtig losdiskutieren, auch über einige schwere Themen, sich wohlfühlen mit Menschen, die gerne auch mal den Kopf über Wasser halten und den weiten Horizont sehen, den es noch gibt, hat gut getan. Bettina und Matthias waren unkompliziert und doch so interessiert. Gallus und Irmgard die liebenswürdigen Gastgeber und Organisatoren. Vielen Dank für diese einmaligen, lebendigen Erlebnisse, die man in keiner Buchhandlung kaufen kann und die Autorin viel näher brachte.“ Werner

Und Bettina Spoerri selbst schreibt: „So eine Literatur am Tisch sollte es überall geben. Meiner Meinung nach schreiben viele Autor/innen genau für sie: Menschen, die sich vertieft und intensiv, mit viel Liebe und Neugier, mit Literatur auseinandersetzen. Der Runde am 17. August war die bei vielen vorhandene jahrelange Erfahrung mit Diskussionen und Reflexion über Texte anzumerken. Mit Sorgfalt bitten die Gastgeber Gallus und Irmgard zu Tisch, und schon ganz bald ist man mitten in publizistischen und literarischen Fragen: Wer bestimmt das Cover eines Buches? Warum trägt es genau den Titel? Wie viel hatte die Autorin dazu zu sagen? Wie ist die Idee zum Text entstanden, wie erlebte ich die Schreibarbeit an einem Thema, das einem wohl nicht anders als unter die Haut gehen muss. Warum diese Erzählperspektive? Und wie spiegeln sich die Leser/innen im Text, den sie lesen? Diese und viele andere Fragen haben wir diskutiert. Dabei war es für mich immer wieder auch spannend, einfach zuzuhören, zu erfahren, wie unterschiedliche Menschen einen Text lesen und darauf reagieren. Ich bin reich beschenkt nach Hause gefahren. Danke!

Ganz herzlich,
Bettina“

Vielen Dank.

 

Delphine de Vigan „Nach einer wahren Geschichte“, Dumont

„Schreiben ist eine Waffe, Delphine, eine verdammte Massenvernichtungswaffe. Das Schreiben ist sogar viel stärker als alles, was du dir vorstellen kannst. Das Schreiben ist eine Verteidigungs-, eine Schuss-, eine Schreckschusswaffe, das Schreibens eine Granate, eine Rakete, ein Flammenwerfer, eine Kriegswaffe. Es kann alles zerstören, aber es kann genauso gut alles wieder aufbauen.“

Bis buchstäblich zum allerletzten Wort versetzt mich die Autorin in ihrem neuen Roman in ein überaus gekonnt konstruiertes Verwirrspiel zwischen Realität, oder zumindest als solche empfundene Realität und Fiktion. Wo wird Fiktion zur Realität und wo kippt eingebildete Realität in Fiktion. Kein Wunder setzt die Autorin den Kapiteln Zitate aus Büchern von Stephan King voraus. Mag sein, dass die Autorin von vielerlei immergleichen Diskussionen genug hat, darüber, was sie darf und was nicht, ob das Geschriebene autobiographisch, erlebt, wahr sein muss. Ausgerechnet in einer Zeit, in der man ohne weiteres die Realität ausblenden kann, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion für gewisse Menschen selbst in der „realen“ Welt fliessend geworden sind, denke man nur an „Reality-TV“ und „Cyberworld“.
Delphine de Vigan erzählt in „Nach einer wahren Geschichte“ von sich selbst, von Delphine de Vigan, die in einer Lebens- und Schreibkrise steckt, konstruiert ein literarisches Kippbild, das mich weniger an der Nase herumführt als bewusst macht, wie und was mit scheinbarer Wahrnehmung zu manipulieren ist. Delphin de Vigan schildert Delphine de Vigan, die nach der Veröffentlichung ihres letzten Romans „Das Lächeln meiner Mutter“ (tatsächlich 2013 bei Kroemer Knaur erschienen), in dem sie über den Suizid ihrer Mutter schreibt, der sie nicht loslässt, eine Frau kennenlernt. Eine Frau, die von der nicht sicher zufälligen Begegnung zur omnipräsenten Begleitung wird, die sich unerwartet schnell und heftig in das müde Leben der Autorin einschleicht und einnistet. Fasziniert von einer Freundin, die wirklich versteht, alles erspürt, beginnt sich die Autorin, die Protagonistin immer mehr zu verlieren, nicht nur als Person und Individuum, sondern auch als Schriftstellerin. So sehr, dass es ihr irgendwann unmöglich ist, mehr als drei Worte zu einem Satz zusammenzufügen oder eine Datei in ihrem Computer zu öffnen, ohne den Beistand ihrer Freundin. Delphine de Vigan verliert sich. csm_9783832198305_9eda36fc13Und ich als Leser bin mit gebundenen Händen Zeuge eines Zerfalls, eines Abfalls in die Tiefen von Persönlichkeitsverlust, Wahnvorstellung, Paranoia. Was zu Beginn des Buches wie der Bericht über eine „einfache“, für die Betroffene aber katastrophale Schreibkrise beginnt, entpuppt sich immer deutlicher als Psychothriller im Kopf des Lesers, den genau jener Zwiespalt zwischen Realität und Fiktion in die Tiefe zieht, der dem Buch das Thema gibt. Schon erstaunlich, welcher Sog sich da entwickelt und wie meisterhaft die Autorin mit mir als Leser spielt, ohne das ich mich „verschaukelt“ fühle. Eine raffinierte Berg- und Talfahrt durch die Psyche des Menschen!

vigan_cop_delphine_jouandeauDelphine de Vegan (1966) lebt mit ihren beiden Kindern in Paris. Während sie tagsüber in einem Meinungsforschungsinstitut arbeitete und ihre Mutterrolle erfüllte, schrieb sie spät abends und nachts an ihren ersten Romanen. Seit 2007, nach dem großen Erfolg ihres Romans „No & ich“, lebt sie vom Schreiben. In „No & ich“ schildert sie das Leben einer jungen Obdachlosen aus Sicht eines hochbegabten dreizehnjährigen Mädchens. Der Roman wurde vielfach ausgezeichnet, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und verfilmt.

Delphine de Vigan auf Lesereise:
12.9. internationales literaturfestival berlin
13.9. Hartliebs Bücher Wien
14.9. Literaturhaus Köln
15.9. Harbour Front Literaturfestival Hamburg

literaturblatt.ch fragt, Teil 4, Beat Brechbühl antwortet.

beat_brechbuehl_Foto_Amanda-GaechterBeat Brechbühl ist Schriftsteller, Dichter und Verleger, unermüdlicher Kämpfer für die Poesie und seit seiner Erstveröffentlichung „Kneuss“ 1970 bis zu seiner neusten Veröffentlichung „Farben, Farben“ 2015 ein ganzes Leben in Sachen Literatur unterwegs. 1939 in Oppligen, Kanton Bern, geboren, lernte er zuerst Schriftsetzer, wurde dann Redakteur und Verlagsmitarbeiter. Heute lebt Beat Brechbühl als Schriftsteller von Lyrik und Prosa, als Gestalter und Verleger (Waldgut Verlag) in Frauenfeld im Thurgau, Schweiz. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Bodensee-Literaturpreis, dem Kulturpreis des Kantons Thurgau und dem Buchpreis der Stadt Bern. Zuletzt erhielt er den Anerkennungspreis der Stadt Frauenfeld (2009).

Es gibt Schreibende, die Geschichten erzählen wollen, mit Spannung fesseln. Andere, die politische und gesellschaftskritische Inhalte und Meinungen in literarisches Schreiben verpacken. Was willst du mit deinem Schreiben? Ganz ehrlich!
Für mich ist das Leben: Geschichten. Einige davon finde ich so interessant oder komisch oder ekelhaft, dass ich sie andern erzählen will.

Wo und wann liegen in deinem Schreibprozess der schönste, der schwierigste Moment? Gibt es gar Momente vor denen du dich fürchtest?
Schreiben ist für mich immer schwierig. Ich habe nie leicht geschrieben (Was ist das?). Wie bei anderer Arbeit: Manchmal machts (skeptische) Freude, manchmal machts Ärger (einem selbst und andern), manchmal will ich es einfach machen.
Höhepunkt ist vielleicht, wenn ich die Schreibe gelungen finde. Tiefpunkte: Wenn ich im Thema stecken bleibe, wenn ich die Sprache nicht finde, wenn es mir verleidet. Wer sich vor seinem Schreiben fürchtet, soll es bleiben lassen und etwas anderes tun.

Lässt du dich während des Schreibens beeinflussen, verleiten, verführen? Spielen andere Autorinnen und Autoren, Bücher (nicht jene, die es zur Recherche braucht), Musik, besondere Aktivitäten eine entscheidende Rolle?
Ich lasse mich von Vielem ver- und entführen, denke herum, schwärme, ärgere mich, rege mich auf – doch irgendwann muss die Arbeit die Form und Straffheit bekommen, die ich mir vorgestellt und vorgenommen habe. Und am Schluss wird gekürzt. Das tut oft weh, aber viel weher machts mir, wenn für mich Unnötiges in einem Gedicht, in einer Geschichte drinbleibt.

Hat Literatur im Gegensatz zu allen anderen Künsten eine spezielle Verantwortung? Oder werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegenüber andern Künsten anders gemessen? Warum sind es vielfach die Schreibenden, von denen man in Krisen eine Stimme fordert?
Was mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist: die Gesellschaft. Das gesellschaftliche Zusammenleben. Das friedliche, kreative, selbstverständliche Zusammenleben mit uns Menschen, mit den Tieren, der Erde, der Zukunft. Das ist für mich die / unsere Chance; nicht die einzige, aber die wichtigste. Diesen Sätzen brauche ich nicht anzufügen, dass ich mich dafür in voller Verantwortung denke und fühle; und oft nicht nur für meinen Teil.

Inwiefern schärft dein Schreiben Sichtweisen, Bewusstsein und Einstellung?
Klar schau (höre, spüre, fühle) ich besser hin, wenn ich etwas wieder- oder/und weitergeben will.

Es gibt die viel zitierte Einsamkeit des Schreibens, jenen Ort, wo man ganz alleine ist mit sich und dem entstehenden Text. Muss man diese Einsamkeit als Schreibender mögen oder tust du aktiv etwas dafür/dagegen?
Wenn ich schreibe, versuche ich mich zu isolieren; ich schalte alle möglichen Stör- und Ablenkungsfaktoren aus und ab. Ich will möglichst intensiv in der Geschichte, im Gedicht drin sein, leben, Musik soll mich nicht beeinflussen oder ablenken; die muss in der Geschichte, im Gedicht drin sein. Ich trinke zB keinen Wein zum Schreiben, nur selbst angesetzten Tee.

Gibt es für dich Grenzen des Schreibens? Grenzen in Inhalten, Sprache, Textformen, ohne damit von Selbstzensur sprechen zu wollen?
Ich kenne auch beim Schreiben viele Grenzen. Meist sind es die selbstgesetzten, die einen fördern, fordern, oder hemmen. Grenzenlos ist für mich ein Begriff, in dem ich die Grenzen nicht sehe, spüre, merke. Grenzen nehme ich oft positiv; ich arbeite mit ihnen, selten abweisend. Die bequemsten Grenzen sind die, die ich nicht merke, oder nicht merken will.

Erzähl kurz von einem literarischen Geheimtipp, den es zu entdecken lohnt und den du vor noch nicht allzu langer Zeit gelesen hast?
Was soll ich Geheimtipps verbreiten? Wen es interessiert, soll unser Verlagsprogramm lesen. Wenn ich davon Namen nennen würde, wäre das ungerecht und anmaßend. Also: www.waldgut.ch

Zähl doch 3 Bücher auf, die dich prägten, die du vielleicht mehr als einmal gelesen hast und in deinen Regalen einen besonderen Platz haben?
Robert Walser „Der Gehilfe“ (Selbstverständlich habe ich damals die etwa 11bändige Ausgabe im Kossodo Verlag Genf gelesen. Und alles andere auch.)
Arno Schmidt „Zettels Traum“ (Auch da: alles alles gelesen. Nur nicht mehr die Suhrkamp Ausgabe; ich kannte das ja alles….)
Orhan Veli Kanık „Fremdartig“

Frisch hätte wohl auch als Architekt sein Auskommen gefunden und Dürrenmatt kippte eine ganze Weile zwischen Malerei und dem Schreiben. Wärst du nicht Schriftstellerin oder Schriftsteller geworden, hätten sich deine Bücher trotz vieler Versuche nicht verlegen lassen, hätte es eine Alternative gegeben? Gab es diesen Moment, der darüber entschied, ob du weiter schreiben willst?
Mit 25 musste ich mich entscheiden: Fotografie oder Schreiben. Da damals in der Fotografie eine neue Mode herrschte (ran ans Objekt ohne Hemmungen…), war mir klar: Schreiben. – Schreiben aufhören, fertig, aus…? Was ist das? Kenn ich nicht.

Was tust du mit gekauften oder geschenkten Büchern, die dir nicht gefallen?„Bücher, die mir nicht gefallen?“ Mir soll ein Buch nicht „gefallen“; ich kaufte Bücher wegen ganz andern Kriterien, zB: muss das haben, will das haben, spricht mit mir, erweitert mich, bringt für mich Neues, usw.
Geschenkt bekomme ich selten etwas, Bücher noch seltener. Wenn ich die nicht haben möchte, kann ich das vielleicht sagen – oder ich sag nix und lege die Bücher an unserem Flohmarkt auf.

Schick mir bitte ein Foto von deinem (unaufgeräumten) Arbeitsplatz.
Fotos von meinem Arbeitsplatz gibt es nicht.
1. hab ich leider schon seit Jahrzehnten keinen Fotoapparat mehr; von einem digitalen rede ich seit Jahren, und
2. handy Foto kann und will ich nicht.
3. Lohnt sich nicht zu fotografieren: Schreibtisch mit Computer drauf. Alles andere soll in meinem Kopf sein; Gedichte schreibe ich nach wie vor von Hand.

Weil ich nicht…

1

Weil ich nicht öffentlich reden kann
und im Live-Interview nicht viel tauge,
bin ich Schriftsteller geworden.

Weil ich nicht singen kann,
bin ich Lyriker geworden.

Weil ich nicht zeichnen und malen kann,
bin ich Gestalter geworden

Weil ich eine charakterlose Handschrift habe,
bin ich Typograph geworden

2

Weil ich nicht schlafen kann,
bin ich Tag- und Nachwandler geworden.

Weil ich nie Motorrad fahren konnte,
bin ich Fussgänger geworden.

Weil ich nicht lügen kann,
bin ich Dichter geworden.

Weil ich dies&das lachen kann,
bin ich kein Humorist geworden.

H1198_200_301Das Gedicht geht noch viel weiter und entstammt seinem Gedichte-Band „Böime, Böime! Permafrost & Halleluja! Erschienen 2014 beim Wolfbach Verlag, Zürich

Lieber Beat Brechbühl, vielen Dank!

Das war der 4. Teil einer kleinen Reihe. Anfang September antwortet Dominique Anne Schuetz. Seien Sie wieder dabei!

Hanna Sukare „Staubzunge“, Otto Müller Verlag

Den Rauriser Literaturpreis 2016 (vergeben vom Land Salzburg, dotiert mit 8.000 Euro) erhält Hanna Sukare für ihren Roman „Staubzunge“ (Otto Müller Verlag 2015).

7ed52cff5dWas sich auf den ersten Seiten dieses Romans wie die dunkle Geschichte einer in Lügen und Schweigen eingeschnürten Pastorenfamilie liest, wird während des Lesens immer mehr zu einer Reise durch ein ganzes Jahrhundert der verlorenen Zeit. Eine Reise, die Polen zum Brennpunkt macht, ein Land, das im 20. Jahrhundert mehrfach zerrissen wurde und das es bis ins Heute nicht geschafft hat, sich aus dem Würgegriff der Vergangenheit herauszuschälen. Viele Familien bleiben über Generationen Opfer dieser Risse.
Adele beginnt sich nach dem Tod ihrer Mutter Jad auf die Suche nach einer solchen verlorenen Vergangenheit zu machen. Die Schriftstellerin Hanna Sukare rollt dabei die Geschichte des 20. Jahrhunderts fast beiläufig aber überaus gekonnt auf, wie das mehrfach zerschnittene Familienband, das eine ganze Familie mehr würgt als verbindet. Dieser reiche und (wörtlich) ausgezeichnete Roman ist gemessen an den 165 Seiten von erstaunlicher Vielschichtigkeit, überaus intelligent geschrieben und der Beweis, wie erhellend Literatur sein kann.

Aus der Begründung der Jury (Uwe Schütte, Liliane Studer, Anton Thuswaldner): „In ,Staubzunge‘ wird das Portrait eines ganzen Jahrhunderts gezeichnet, das von historischen Verwerfungen und Traumatisierungen gekennzeichnet ist. In sensibler Weise erkundet das aus unterschiedlichen Erzählperspektiven und Sprechweisen komponierte Buch die Vorgeschichte der Elterngeneration, deren Versagen in ihrer Vorbildrolle nicht plakativ angeklagt wird, sondern die Haupterzählerin zu Recherchen veranlasst, in deren Gefolge sie die aus der Tragödie der Geschichte resultierenden Schädigungen zu begreifen lernt.“

„Die Erzählstimmen in ‚Staubzunge‘ aus den unterschiedlichen Generationen einer typischen europäischen Familie geben streiflichtartige Einblicke in die vergangenen hundert Jahre. Einiges kennt man aus der eigenen Vergangenheit, anderes ist neu. Das Erschreckende dabei: Der Mensch scheint unfähig zu sein, aus seiner Geschichte zu lernen, und muss offenbar alles immer wieder von Neuem durchleben: die Angst, den Neid, den Hass. Wo der Mensch ist, ist auch die Hölle. Aber Hanna Sukare hat zum Glück das Gegenmittel: die Erinnerung, die gegen das Vergessen kämpft.“ (Linda Stift, Die Presse)

Staubzunge_Cover Vorschau 9x12,5.indd„Zunehmend weitet sich die Geschichte von Matti und Deli aus zu einer Erzählung über die Schmerzpunkte des 20. Jahrhunderts – Krieg, Rassismus, Flucht und Schuld lasten als ‚geballt Entsetzliches‘ auf den Schultern der Nachgeborenen und versetzen sie in Unruhe und/oder seelische Erstarrung. Hanna Sukares Bericht ist spannend, sprachlich präzise und vielstimmig, die Figurenrede jeweils fein auf die sprechenden Personen abgestimmt.“ (Sabine Schuster, www.literaturhaus.at)

Hanna Sukare (1957 in Freiburg i.Br.). lebt seit der Jugend meist in Wien. Sie studierte Germanistik, Rechtswissenschaften, Ethnologie. Hanna Sukare war unter anderem als Journalistin, Redakteurin (Falter, Institut für Kulturstudien) und Wissenschaftslektorin tätig und beschäftigte sich in wissenschaftlichen Studien mit dem gesellschaftlichen Fundus des Fremden. Seit 2001 ist sie freie Autorin.

Hanna Sukare liest am Samstagnachmittag, 17.09.2016, aus ihrem Debütroman „Staubzunge“ beim Literarischen Herbst Gstaad im Kleinen Landhaus in Saanen (CH).

Literatursommerabend in St. Gallen

Am Sonntag, den 21. August steigt in der Militärkantine St. Gallen ein ganz besonderes Sommerfest, ein Literatur-Sommerfest. Ab 16 Uhr im Garten!

„WAR DAS EINE GAUDI IM HÄTTERENWALD!“
Im Hätterenwald schiesst es aus dem Gebüsch. Waidwund röhrt der Jäger vom Hochsitz herunter, Fuchs und Hase lachen sich ins Fäustchen. Was für eine Gaudi! Oder war doch alles ganz anders?

christoph_keller„Das Steinauge“ heisst der neue Roman, den Christoph Keller vorstellt. Und er lädt seine Freunde dazu ein: die Literaten Peter Weber, Heinrich Kuhn, Florian Vetsch, Rebecca C. Schnyder, Parantap Chakraborty und Jan Heller Levi, die Künstler Roman Signer und Marlies Pekarek und die Musiker Daniel Schnyder und Melda Umur.

Gelesen wird auf Deutsch, Englisch und Bengali, Texte kommen zu Wort und verbinden sich mit Musik, Bildern und Videos. Daraus wird ein sprühendes Sommerfest mit Künsten.

Eintritt Fr. 30.-/15.-
Die Platzzahl ist beschränkt, Reservationen unter kultur@militaerkantine.ch

Im Anschluss an das Programm: Ausklang beim Abendessen unter Kastanien. Reservation für Essen unter essen@militaerkantine.ch empfohlen!

Thommie Bayer „Seltene Affären“, Piper

Manchmal freue ich mich mit dem Vergnügen in der Vergangenheit gelesener Bücher auf die Neuerscheinung aus der Feder eines ganz bestimmten Autors. Manchmal schon Monate, weil eine Verlagsankündigung lange und intensive Versprechungen machte. Manchmal ist es wie mit einer Flasche eines ganz bestimmten Weins, bei dem das Vergnügen der Vorfreude bis zum letzten Schluck weitergeht. Mit „Seltene Affären“ von Thommie Bayer war es ein prickelnder Sommerwein!

Thommie Bayer tut etwas, was die Schriftstellerin, der Schriftsteller kann; Leben in einer Art und Weise erfinden, die neben der Realität zu bestehen vermag, ein Geschehen, das nicht mit Wahrscheinlichkeit gemessen werden muss.
Peter und Paul sind Zwillinge, deren Leben als junge Erwachsene nach einer Kindheit im Gleichschritt in ganz unterschiedliche Richtungen auseinander driftete. Während Paul mehr oder weniger geradlinig sein Studium durchzog, schaukelte sein Bruder Paul von einer Bühne zur nächsten. Was sie verbindet, ist für die längste Zeit ihres Lebens die Liebe zu ein und derselben Frau. Aber nachdem Anne für Jahre aus dem Leben beider entschwunden war, kehrte sie zurück und heiratete Paul, obwohl Peter seiner stillen Liebe zu Anne im entscheidenden Moment viel näher war.
produkt-12325Das zweite, was die beiden Brüder miteinander verbindet, ist das Schreiben. Paul als erfolgreicher Schriftsteller der langen Form und Peter, der unter dem Namen seines Bruders schreibt, in dessen Schatten in der kurzen Form Geschichten liefert. Peter führt aber nicht nur als Autor, als Schreibender ein Schattendasein. Seine Liebe zu Anne stellt ihn selbst in den Schatten. „Seltene Affären“ will beweisen, dass sich wirkliche Liebe nicht einfach von einem auf den andern Menschen überstülpen lässt. Und dass Liebe kein Zustand ist: „Es ist nicht so, dass man sie eben einmal in sich entdeckt, und dann ist sie für alle Zeiten da, denn sie richtet sich auf ein lebendes Wesen, und dieses Wesen verändert sich. Folgt diese Liebe den Veränderungen nicht, dann gilt sie irgendwann einem übrig gebliebenen und zum Phantombild gewordenen Porträt verschwundener Wirklichkeit … Und irgendwann findet man sich auf zwei verschiedenen Ufern eines breiten und brückenlosen Flusses.“
In der Enttäuschung darüber, dass Anne nicht zu gewinnen ist, ohne den Bruder zu verlieren, zieht sich Peter immer weiter zurück in ein berührungsarmes Leben als Schatten und in die Welt seiner Träume. Ein Mann, dessen Hände gebunden sind, den man während des Lesens schütteln möchte und nicht versteht, dass man sich freiwillig so sehr aus dem Experiment Leben verabschieden kann.

Thommie Bayer trifft Dillberg
Thommie Bayer trifft Dillberg

Ein Buch, das knistert. Vor allem dann, wenn Peter in seine Traumwelt abtaucht und mit seiner „Traumfrau“ Chiara Spaziergänge unternimmt, erotisch aufgeladene Streifzüge zusammen mit einer Frau, die aber selbst als Traumfrau nie den Schatten Annes auszuleuchten vermag. Peter zieht es vor, in seiner Fantasie zu leben, einer Welt, die weder Entscheidungen noch Mut braucht.
„Vielleicht bin ich dazu geboren, als Hälfte zu existieren, und fühle mich alleine instabil und angreifbar, vor allem aber, als wäre ich ein Blender oder Lügner, wenn man mich für etwas Ganzes hält.“
Chiara, jene Frau, die Peter Vordens Wohnung putzt und sich in die Träume des Mannes einschleicht, begegnet man auch im letzten Buch Thommie Bayers „Weisser Zug nach Süden“. Jenes Buch erzählte aus der Sicht Chiaras, so wie „Seltene Affären“ aus der Sicht von Peter. Buchgeschwister, die man auch einzeln geniessen kann! Auf meine Frage, wie das Buch, die Idee entstand, schrieb Thommie Bayer: „Mein letztes Buch „Weißer Zug nach Süden“ erzählte von Chiara, die Vordens Wohnung putzt und seine Geschichten liest. Der Lektor bemängelte die fehlende Perspektive von Vorden, und ich sagte, das würde den Rahmen sprengen, das wäre ein eigenes Buch. In dem Moment muss sich die Idee festgesetzt haben, dieses Buch noch hinterher zu schreiben.“
Thommie Bayers Romane sind körperbetont ohne exhibitionistisch zu sein, sinnlich ohne zu triefen.

111Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm „Die gefährliche Frau“, „Singvogel“, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Eine kurze Geschichte vom Glück“ und zuletzt „Weißer Zug nach Süden“.

Webseite des Autors

Meinrad Inglin „Urwang“, Pro Libro Verlag

Letzthin bekam ich von einem österreichischen Verlag ein Buch als Rezensionsexemplar zugeschickt, das davon erzählt, wie einst in den schottischen Highlands ein Staudamm errichtet wurde und in der Folge ein ganzes Dorf umgesiedelt werden musste. Ein Roman darüber, was es bedeutet, aus seiner Heimat herausgerissen zu werden. Ich legte den Roman wieder weg, weil während des Lesens dauernd die Erinnerung an einen anderen Roman mit ganz ähnlichem Thema durchdrückte – und zwar so beharrlich, dass ich statt des im Herbst erscheinenden Romans, jenen aus dem Jahr 1954 wieder in die Hand nahm und zu schmökern begann.

"Urwang", erstmals 1954 beim Atlantis Verlag in Zürich erschienen
„Urwang“, erstmals 1954 beim Atlantis Verlag in Zürich erschienen

Im „Urwang“ einem kleinen Tal in der Innerschweiz, dem der Schriftsteller Meinrad Inglin die Geschehnisse im Wägital (Kanton Schwyz) zum Vorbild nahm, soll ein Staudamm gebaut werden. Fünf Bauernfamilien müssen von ihren Höfen ausziehen und klammern sich mit allen Mitteln an ihre über Generationen vererbte Scholle. Protagonist Aschwanden soll als Vertreter des ausführenden Unternehmens die Betroffenen dazu bringen, ihre Anwesen nicht durch zwangweises Abführen verlassen zu müssen. Ein schwieriges Unterfangen! Meinrad Inglin nimmt die Technisierung der Gesellschaft zum Thema, jenen Moment in der Geschichte, in der die Einführung der Elektrizität, die Errungenschaften der Technik für die Mehrheit der Menschen eine Erleichterung, ein Fortschritt bedeutete, für den andere aber mit Leib und Gut bezahlen mussten. Inglin vermeidet es gekonnt, verklärte Nostalgie aufkommen zu lassen. Was am Schluss des Geschehens in den Wassermassen des gefluteten Stausees untergeht, ist nicht einfach Idylle, letztes Paradies, sondern auf der Rech1923.06.16_Alt-Waeggithal_Kuehe_vor-Staumauernung der Preis für den Einzug der Moderne. Und dass diese Rechnung nicht ohne Verlierer, ohne Kampf und Leidenschaft ausgetragen wird, davon erzählt der Roman „Urwang“. Inglins Roman beschreibt einen Moment der Geschichte, einen Moment, der sich immer wieder abspielt.

204864Meinrad Inglins (1893 – 1971) Kindheit war überschattet vom frühen Tod der Eltern, den Vater durch ein Unglück, als Meinrad 13 und die Mutter durch eine schwere Krankheit, als er 17 war. Schon 1909 publizierte er erste Texte in Zeitungen und 1922 seinen ersten Roman „Die Welt in Ingoldau“. Meinrad Inglin nahm Stellung zu aktuellen politischen und sozialen Fragen, schrieb viel mehr als ‚Heimatliteratur‘. Hauptwerk bleibt sein 1938 erschienener Roman „Schweizerspiegel“, ein grosses Panorama  über die Grenzbesetzung und den Generalstreik, Themen, die vor Beginn des 2. Weltkriegs aktueller nicht sein konnten. Verfilmungen von „Der Schwarze Tanner“ und „Das gefrorene Herz“ von Xavier Koller oder die regelmässig aufgeführte Bühnenadaption des „Chlaus Lymbacher“ von Thomas Hürlimann machen deutlich, dass das Werk von Meinrad Inglin noch heute lebendig geblieben ist und zu Entdeckungen einlädt.

imgres„Urwang“ ist beim Verlag Pro Libro Luzern oder im Buchhandel erhältlich!

Webseite der Meinrad Inglin-Stiftung

PS Man stelle sich vor; Als ich zwischen 1979 und 1984 meine Lehrerausbildung in Zug machte, las unser Deutschlehrer Werner Hegglin als Vorbereitung zu eine „Konzentrationswoche“ im Wägital Inglins ganzen „Urwang“ der Klasse im Unterricht vor. Heute noch vorstellbar? Nein. Dabei spüre ich die Wirkung jener Vorlesestunden noch heute. Vielen Dank an „meinen“ hochgeschätzten Deutschlehrer, den „Chef“!

Werner Hergglin
Werner Hergglin

Carlos Peter Reinelt „Willkommen und Abschied“, Wallstein

Was der 22jährige Autor in einem schmalen Bändchen als ‚konkrete Poesie‘ vorlegt, geht tief unter die Haut und ist an Grausamkeit und Aktualität nicht zu überbieten, aber auch nicht wirklich zu geniessen. Da ist jemand auf der Flucht von Syrien, geflohen, nachdem der IS seinen Freud Al-Amad erwürgt hatte, auf der Flucht ins gelobte Land, vielleicht Österreich, wenn das Geld reicht Schweden. Er hat das Mittelmeer überwunden, ist den Uniformierten in der Türkei entwischt und steckt nun mit 60 anderen in der Dunkelheit eines bulgarischen Schlepperlastwagens, eingesperrt, verdreckt, im langsam verstummenden Geschrei, in Luft wie Blei.

Carlos Peter Reinelts Text ist Mahnmal, Kunstwerk und Hilfeschrei zugleich.

Für diesen Text erhielt Reinelt den Rauriser Förderungspreis 2016 zum Thema „Zeitraffer“. Aus der Begründung der Jury (Thorsten Ahrend, Christine Haidegger, Christine Riccabona): „Der Text widmet sich mutig und respektvoll dem Thema Flucht aus mörderischen Verhältnissen und macht die unmenschliche Realität des Weges nach Europa sichtbar, indem er die Leser in die entsetzliche Spannung zwischen erhoffter Rettung und auswegloser Situation in einem Schlepper-LKW hineinversetzt.“

UnknownCarlos Peter Reinelt, geboren 1994 in Lustenau/Vorarlberg. Kolumbianische Mutter, Vater aus Tirol, Gymnasium in Bregenz, Landessiege bei Mathe- und
Philosophieolympiaden, Skispringen im Leistungssportbereich, Rock- und Metalbands, politische Arbeit. Er studiert Deutsch, Philosophie und Psychologie in Salzburg.

Lesung von Carlos Peter Reinelt am 18.09.2016 um 20.00 Uhr Bregenz (A), Theater KOSMOS (Foyer), Mariahilfstrasse 29