9. Hauslesug mit Dominique Anne Schuetz

Sie sind eingeladen!

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Am Samstag, 22. Oktober, von 11 bis ca. 12.30 Uhr, liest die Schriftstellerin Dominique Anne Schuetz aus ihrem Roman „Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben“ an der St. Gallerstrasse 21 in Amriswil. Sie sind herzlich dazu eingeladen.

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Die Platzzahl für die Hauslesung ist begrenzt. Melden Sie sich bitte an mit dem Kontaktformular oder unter der Telefonnummer 071 695 36 69 oder unter gallus.frei-tomic@gmx.ch.

 

Paula Fürstenberg „Familie der geflügelten Tiger“, Kiepenheuer & Witsch

Jeder braucht eine Geschichte, eine Spur der Gewissheit, wer man ist und woher man kommt. Mit Sicherheit ist die Ungewissheit über das Woher schwer zu ertragen, erst recht dann, wenn aus der Not ein Konstrukt entsteht, dass einen zu erdrücken droht, zum Alp wird, über den Abgrund zieht, sich wie ein kalter Nebel in alles hineinschleicht.

Seit ein paar Wochen prangt an einer Wand in Johannas Wohnung die Ebsdorfer Weltkarte, eine illustrierte Ansicht der bekannten Welt aus dem Mittelalter, mehr Abbild von Vorstellungen und kollektiven Ängsten als Abbild von Wahrscheinlichkeiten. Genauso ist Johannas Blick auf ihre eigene Geschichte. Doch so sehr sie Landkarten aller Art liebt und sammelt, so sehr wird die Suche nach dem Abbild ihrer eigenen Herkunft und Geschichte zu einem Feldzug gegen die Familie. „Ich bin die einzige Narbe am Körper meiner Mutter, dachte ich und 9783462048759wünschte mir, ich hätte meinen Vater als Kind auch eine zugefügt.“ Jens, Johannas Vater, ist aus der Familie ausgetreten, weggegangen und nie zurückgekehrt, als Johanna noch ein Kind war. Ein halbes Jahr nach seinem Verschwinden kam eine läppische Karte. Noch später blieben alle Zeichen aus. Johannas Vater ein Republikflüchtling? „Andere Kinder hatten imaginäre Freunde oder imaginäre Superhelden; ich hatte einen imaginären Vater.“ So wie ihre Mutter, die eigentlich das Zeug und die Ausbildung zur Tierärztin hätte, den Mist in den Gehegen des städtischen Zoos zusammennimmt, lernt sie im von der Mauer befreiten Berlin Strassenbahnführerin, von der Mutter unverstanden und bis zu ihrem Auszug mit Ratgebern aller Art bombardiert.

Und dann, wie aus dem Nichts, ruft Johannas Vater an. Mit einem einzigen Anruf aufs Band bringt ein verschollen Geglaubter die zusammengeschusterte Gegenwart Johannas durcheinander. Er liegt im Krankenhaus, hat Krebs im Endstadium. Urplötzlich taucht Vergangenheit auf und droht sich durch eine lebensvernichtende Krankheit schon wieder aus dem Staub zu machen.

Johanna will wissen, was geschah, traut sich ins Krankenzimmer mit den vielen Schläuchen, um erneut fürchten zu müssen, dass sich ihr Vater absetzt, ohne ihr das zurückzugeben, was ihr ein Leben lang fehlte – Gewissheiten. Und wieder rammen Vermutungen Pfähle ins Herz Johannas, so sehr, dass sie sich gänzlich zu verlieren droht.

Was Paula Fürstenberg mit ihrem ersten Roman schafft, ist ganz erstaunlich. Sie erzählt ein Stück deutsche Geschichte, die Ausgrenzung, den Mauerfall in einer Familie. Eigenwillig konstruiert begleite ich eine junge Frau durch die emotionale Achterbahnfahrt auf der Suche nach Geschichte, nach Wurzeln, der Sehnsucht nach Gewissheit.

„In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten.“

autor_1814Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich studierte sie von 2008 bis 2011 am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Seither lebt, schreibt und studiert sie in Berlin. Ausgezeichnet wurde sie u.a. mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg; 2014 war sie Stipendiatin der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin. „Familie der geflügelten Tiger“ ist ihr erster Roman.

Lesevideo

Jan Philipp Sendker „Am andern Ende der Nacht“, Bilder

Ein paar Fotos von Manuel Nagel von der Lesung Jan Philipp Sendker im Amriswiler Kulturforum:

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Jan Philipp erzählt von seinen Recherchen in China.
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Der Autor zusammen mit der ehemaligen Amriswiler Buchhändlerin Marianne Nagel
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300 Gästen eine Signatur, ein kurzes Gespräch und ein ehrliches Gegenüber
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Luzia Stettler, Bücherfrau und Literaturredaktorin bei SRF im Gespräch mit dem Autor
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Eine letzte grosse Runde mit Käse und Wein

Auf Wiedersehen in Amriswil zur Buchtaufe des letzten Teils der Burma-Trilogie!

Matthias Zschokke „Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin“, Wallstein

Obwohl Matthias Zschokke kein Exot ist und seine Romane auch nie an exotischen Schauplätzen spielen, obwohl seine Geschichten unspektakulär sind und man den Mann im langen Mantel auf der Strasse wohl leicht übersehen würde, ist der Autor Matthias Zschokke sehr wohl ein Exot. Ein Schriftsteller, der nicht in erster Linie gefallen will, ein Autor mit ganz eigener Stimme, ein Mann der sein Schreiben zur grossen Bühne macht.

9783835318755lEin Mann wohnt in Berlin, zusammen mit seiner Geliebten – und doch allein. Vielleicht ist genau das jenes Gefühl, jene Einsicht, die bleibt, wenn man Matthias Zschokkes neuen Roman „Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin“ liest. Auch wenn da im Roman noch andere gehen, warten, zögern, stören, mich als Leser interessieren, denen ich in verschiedenen und sie mir mit verschiedenen Qualitäten begegnen. Aber der Mann, man bleibt allein, schlendert durch die Stadt, kauft am Kiosk die Zeitung, die man mehr des Kaufes wegen kauft, als dass er, der Mann, man interessiert wäre, was darin steht. Roman lebt in Berlin, trägt in seinem Kopf Geschichten und Theater mit sich herum, besucht an den immer gleichen Tagen seine Mutter ein paar hundert Kilometer weit entfernt, die ihn mehr oder weniger flehentlich darum bittet, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, genau wie Freund B., der es auch nicht scheut, Roman zu beauftragen, Grill, Kohle und genügend Klebeband zu kaufen und zu schicken, das wäre eine sichere Sache. „Menschen ist es nicht erlaubt, lebensmüde zu werden. Sie müssen jauchzen und springen bis ans Ende ihrer Tage, auch wenn das Jauchzen in Wahrheit ein Winseln ist und das Springen eins auf glühenden Kohlen.“
Zschokkes Roman erinnert mich an Filme von Fellini; Handlung, die nicht in Bildern, sondern in Sprache badet und Menschen, die wie Marionetten mit schlacksigen Bewegungen Leben vorführen, das in vielem dem Alltag viel näher ist als all das Vorgegaukelte, mit dem Geschichtenerzähler sonst zu bezaubern versuchen. Zschokkes Helden pflegen die Gewohnheit, über Dinge nachzudenken, die sich nicht durch Wichtigkeit aufdrängen.  So wie der Blick auf Dinge fällt, fallen Romans Gedanken, mäandert sein Leben durch die Grossstadt, den Häusern ebenso entlang, wie den Menschen, denen er begegnet wie die weisse Kugel beim Billardspiel. Zschokkes Welt kümmert sich nicht um Moden, höchstens dass er über sie und ihre Sinnlosigkeit in der Schräglage ihrer Handlung lacht. Ein Buch, ein Roman wie ein Theater, das schlussendlich auch in ein solches gipfelt, denn Roman, ein erfolgloser Autor „hätte“ eines, ein Theater, hätte Dramaturgie, hätte, wenn nur nicht dauernd gestorben würde.

358ff3b7b9c054d48182fd1b2fcbcb82_f53Matthias Zschokke, geb. 1954 in Bern, aufgewachsen in Aargau und Bern, lebt seit 1980 als Schriftsteller und Filmemacher in Berlin. 1982 debütierte er mit dem Roman „Max“, für den er den Robert-Walser-Preis erhielt. Zschokke veröffentlichte zahlreiche Romane, Theaterstücke und Spielfilme. Er wurde mit renommierten Preisen gewürdigt, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Solothurner Literaturpreis und der Prix Femina étranger für den Roman „Maurice mit Huhn“.
Für seinen Roman „Der Mann mit den zwei Augen“ wurde Matthias Zschokke mit dem Eidgenössischen Literaturpreis 2012 ausgezeichnet und 2014 mit dem Großen Literaturpreis der Stadt und des Kantons Bern.

„Leute unseres Schlages mag man nicht sonderlich. Wir sind zu harmlos.“

(Titelbild: Sandra Kottonau)

Nina Jäckle „Der lange Atem“, Klöpfer & Meyer

Es dauerte, bis mich das Buch überzeugte, es kaufen zu müssen. Erst als ich es zum wiederholten Mal im Regal, zuletzt in der exzellenten Buchhandlung zur Rose in St. Gallen sah, schnappte ich es mir, in der Hoffnung eine Entdeckung zu machen. Und was für eine, eine Autorin, die es verdient, noch von vielen mehr entdeckt zu werden.

KLM_141_LAY_Jaeckle.inddAm 11. März 2011 rollte eine gigantische Welle über grosse Teile Japans, ein Land, das mit Beben aller Art zu leben schien. Aber was an Wassermassen über Japan hinwegschwappte, überstieg alle bisher gehegten Befürchtungen. Der Tsunami überflutete eine Fläche von 470 Quadratkilometern, soll eine Höhe von 16 Metern erreicht haben und zerstörte einen bis zu 10 km breiten und über Hunderte Kilometer langen Küstenstreifen. Im Bewusstsein des Westens blieb die damit ausgelöste Reaktorkatastrophe von Fukushima. All diese Schrecken jenes Tages und der darauf folgenden Jahre wären schon Grund genug, sich ins Bewusstsein zurückzurufen, was damals eine ganze Welt den Atem anhalten liess. Nina Jäckle ist aber nicht einfach „bloss“ ein literarisches Denkmal gelungen. Nina Jäckle schlüpft in die Seele eines Japaners, der als Zeichner den unkenntlich gewordenen Opfern der Katastrophe ein Gesicht zurückgeben soll. Anhand von Fotos zeichnet er die Opfer zurück, damit den Angehörigen eine Identifizierung erst möglich wird. Für viele wird die Trauer erst fassbar, wenn die vom Wasser geschluckten Opfer als Tote zurückkehren. Während er immer tiefer in seine Aufgabe hineinrutscht, entfernt er sich immer mehr von seiner Frau, die wie alle von den Geschehnissen traumatisiert ist. Sie schaffen es nicht einmal mehr, sich in die Augen zu sehen, schauen sich bloss noch zu, jeder in seinem Leben und seiner Trauer eingeschlossen. So wie damals nach dem Zweiten Weltkrieg und nach den Schrecken des Holocausts, schämen sich viele Japaner ihres Glücks überlebt zu haben. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Das Meer ist nicht mehr jenes Meer, das nährt und das Auge freut. Landschaft ist nicht mehr Landschaft, Vergangenheit mit einem Mal ausgelöscht und eine Zukunft kaum mehr vorstellbar. „Immer würde man versuchen, das zu sehen, was einmal da war, man konnte nur mehr das Fehlen sehen.“

Bild: Stephen Vaughan
Bild: Stephen Vaughan

Aoko war ein kleines Mädchen in der Nachbarschaft, das durch seine unbeschwerte Art leicht den Zugang zum kinderlosen Ehepaar gefunden hatte. Aber während dem Ehepaar durch „glückliche“ Fügung ein verlorenes Leben blieb, wischte der Tsunami Aoko weg und mit ihr Hoffnung, Freude und Zukunft.

Nina Jäckle gibt genauso wie der Zeichner den Opfern der Katastrophe ein Gesicht, den tiefen Verletzungen in den Seelen der Betroffenen, der Unmöglichkeit, ihnen zu helfen, der Sprachlosigkeit gegenüber des gigantischen Ausmasses der Katastrophe, deren Halbwertszeit nicht abzusehen ist, auch wenn wir als Touristen das Meer längst wieder zu einem schmeichelhaften Freund gemacht haben. „Tausend Jahre müssen von nun an vergehen, sagen die Mütter zu den Vätern und sehen ihren Kindern zu. Seit jenem Tag sehen die Mütter und die Väter ihren Kindern auf andere Weise zu, sie denken in jedem Moment des gefürchteten Staubaufwirbelns die gefürchtete Zukunft ihrer Kinder mit.“

AU_JAECKLE_LNina Jäckle ist 1966 in Schwenningen geboren, wuchs in Stuttgart auf, besuchte Sprachschulen in der französischen Schweiz und in Paris, wollte eigentlich Übersetzerin werden, beschloss aber mit 25 Jahren lieber selbst zu schreiben, erst Hörspiele, dann Erzählungen, dann Romane. Bei Klöpfer & Meyer erschienen 2010 mit großem Erfolg ihre Erzählung „Nai oder was wie so ist“, 2011 ihr Roman »Zielinski“ und 2014 der Roman „Der lange Atem“. Nina Jäckle erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen.

Clip zu dem Roman „Der lange Atem“ von Nina Jäckle (Produktion: clipsforbooks,
Musik: Felix Volkmann)

Brugger Literaturtage 2016: Ursula Fricker „Lügen von gestern und heute“, dtv

logogebilde16Die Brugger Literaturtage sind besondere Tage, besondere Literaturtage! Wo werden Bücherfreunde wirklich eingeladen? In Brugg! Dort lässt man seine Gäste höchstens für die Räucherwurst mit Kartoffelsalat anstehen, aber nicht für des Fest im Literaturstädtchen Brugg. Die Stadt gönnt sich den Luxus eines stadteigenen Bücherfests, organisiert durch die Vereine Salzhaus und Odeon.

Ganz im Gegensatz zu vielen anderen, viel grösseren Kulturstädten, in denen ehrenamtlich arbeitende Vereine bei den Vorbereitungen zu einem Literaturfestival um jeden Franken betteln müssen! Peinlich dann, wenn sich solche Städte gar Buchstadt nennen. So verwundert es nicht, dass Brugg im Licht dieses Festivals leuchtet, das man mit viel Selbstbewusstsein und Tradition jedes Jahr im Wechsel mit der Partnerstadt Rottweil zum Blühen bringt, seit über 30 Jahren!

Neben Dana Grigorcea, Jonas Lüscher, Franz Dodel, Vera Schindler-Wunderlich, Reinhard Jirgl, Inka Parei, Andrei Mihailescu und Teresa Präauer war auch die in Berlin lebende Schaffhauserin Ursula Fricker mit ihrem Roman „Lügen von gestern und heute“ (32. Literaturblatt!) Gast in Brugg. In ihrem vierten Roman, dem ersten, der sowohl in seiner Thematik wie in seinen Perspektiven weit über img_0065-1die bisher erschienen Romane hinausgeht, sind es Brüche, die die Autorin miteinander verwebt. Jener von von der jungen Isa, die mit der Familie bricht, getrieben nun endlich mit ihrem Leben Wirkung zu erzeugen. Jener von Beda, die mit ihrer Flucht aus dem Kaukasus mit ihrer Vergangenheit brach und im „neuen“ Leben, in der neuen Stadt, im neuen Land wieder zum Abbrechen gezwungen wird; von ihrer Liebe, von ihrem wirklichen Selbst. Und jener von Innensenator Otten, der all die Brüche in seiner Vergangenheit spürt und jenen als Politiker, Vater und Ehemann, jenen, der ihn mit einem Mal einsam werden lässt. Ursula Fricker versteht es, viel Nähe zu den Protagonisten zu erzeugen, auch wenn der Eindruck aufkommen kann, die Autorin hege nicht gleichmässig Sympathien für jeden ihrer Protagonisten. Warum sollte sie auch! Beda verkörpert Wahrhaftigkeit, Otten die guten Seiten hinter allen Fassade, und Isa all jene, die mit grossen Idealen die Selbstreflexion, den Zweifel verlieren. „Lügen“ im Titel, weil sie nicht einfach bloss schlecht sind. Fast jeder braucht sie, um sich aufrecht im Leben halten zu können.

5286Ursula Fricker, geboren 1965 in Schaffhausen. Sie lebt heute in der Nähe von Berlin. Tätig in der Theaterpädagogik und Sozialarbeit, arbeitete als freie Journalistin, u.a. für die SZ am Wochenende und den Freitag.
2004 Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung, 2012 nominiert für den Schweizer Buchpreis, u.a. „Das letzte Bild“ (2009), „Ausser sich“ (2012), „Lügen von gestern und heute“ (2016).

Ursula Fricker liest an der Schaffhauser Buchwoche!

Lorenz Langenegger „Dorffrieden“, Jung und Jung

„Ohne Geschichten kann der Mensch nicht leben, denkt Wattenhofer. Zum Überleben mögen Wasser, Brot und Wärme reichen, zum Leben aber braucht der Mensch Geschichten. Und das Schöne an Geschichten ist, dass sie jeder selbst erfinden kann. Sie kosten nichts. Sie brauchen nichts. Sie sind einfach da. Sie sind überall.“

Wattenhofer ist schon seit einer gefühlten Ewigkeit Polizist in einem zwei mal zwei Kilometer grossen Fleck, irgendwo in der Provinz. Alles nimmt seinen Lauf, nebst Parkbussen, gelegentlichen Ladendiebstählen, Ermahnungen und dem Einerlei im neuen Büro, seinen regelmässigen Besuchen bei der alten Witwe des Gemeindepräsidenten und dem wöchentlichen Training mit den Junioren im hiesigen Fussballverein. Alles hat seine Ordnung. Wenn da nur nicht Wattenhofers Sorgen um den Frieden in den eigenen vier Wänden wäre. Erst recht, als wegen eines Schlüssels in der lange verschwundenen Sporttasche seines Sohnes das Gleichgewicht nicht nur bei den Wattenhofers zu schwanken beginnt. Seit einem Monat ist der einzige Sohn Stefan ausgezogen. size_150_image553Und ausgerechnet durch Wattenhofers Ermittlungen muss der Polizeiwachtmeister feststellen, dass sein Sohn, kaum abgenabelt, auf Konfrontationskurs mit der Staatsgewalt ist. Als ihm Helen, seine Gemahlin, offenbart, dass auch sie vor seiner Zeit einmal verbotene Rauschmittel ausprobierte und im Zuge der Opernkravalle für einige Stunden ein Gefängnis ausprobierte, und sich dann auch noch auf die Seite seines abtrünnigen Sohnes schlägt, der unter die Hausbesetzer gegangen ist, spitzt sich die Lage zu. „Wenn Helen ihm zwanzig Ehejahre lang verschwiegen hat, dass sie eine Nacht im Gefängnis verbrachte, welche Geheimnisse hat sie noch?“ Aber Wattenhofer taugt nicht für Schlagzeilen und Filmstoff, allerhöchstens in seinen Fantasien, die ihn in unbedachten Momenten manchmal entgleiten lassen. „Der unerträgliche Unterschied besteht darin, dass bei den Tatort-Kommissaren die Philosophie, die liebende Frau, das Kind, die Imbissbude und der Ärger über Kollegen nur die Beilagen zu einem Mordfall sind, er hingegen kaut seit fünfundzwanzig Jahren darauf herum, als wären sie der Hauptgang.“ Wattenhofer ist aus seinem Idyll vertrieben, mit der Erkenntnis, dass auch ohne Mord und Todschlag nichts mehr so ist, wie es einmal war. Da braut sich die Angst wie ein Sturm zusammen. Er muss feststellen, dass er stets ausserhalb der wirklichen Welt steht, nicht dazugehört, als Polizist höchstens Staffage ist. So stürzt sich Wattenhofer in seine Ermittlungen darüber, was ein Garderobenschlüssel und ein in lauter kleine Schnipsel zerrissenes Foto seines Sohnes mit dem schief hängenden Haus- und Dorffrieden gemein haben.
Lorenz Langenegger versteht als Theaterschreiber bestens, Dramaturgie zu inszenieren, ohne die Handlung an all den Krimistereotypen aufzuhängen. Es ist nicht der Kampf zwischen Gut und Böse, nicht die Verbrecherjagd, die Bedrohung des Dorffriedens, sondern der Kampf im Polizeihauptmann selbst. Wattenhofer lässt sich immer mehr in den Sog der Geschehnisse hineinziehen und sieht sich plötzlich gezwungen, unter Aufbietung aller zur Verfügung stehender Mittel seinen Frieden wieder herzustellen.
Faszinierend, wie das Lorenz Langenegger schafft, wie er Atmosphäre und Spannung erzeugt. Ein kleines Meisterwerk!

size_125_image386Lorenz Langenegger, Jahrgang 80, lebt und arbeitet als Schriftsteller in Zürich und Wien. Er studierte Theater- und Politikwissenschaft in Bern, wo seine ersten Arbeiten fürs Theater entstanden sind. Bei Jung und Jung erschienen bisher die Romane „Hier im Regen (2009) und zuletzt „Bei 30 Grad im Schatten“.

Lorenz Langenegger liest an der Schaffhauser Buchwoche!

(Titelfoto: Sandra Kottonau)

literaturblatt.ch fragt, Teil 6, Daniela Danz antwortet.

Nachdem ich voller Begeisterung Daniela Danz letzten Roman „Lange Fluchten“ gelesen hatte, schrieb ich ihr auf ihrer Webseite einen kurzen Kommentar, etwas das ich gerne tue, in der Hoffnung auf eine Reaktion. Prompt schrieb sie zurück. Und ein paar Tage später begleitete ich sei ein Stück auf ihrer Reise im Zug nach Bern an das dortige Lyrikfestival. Als ich am Romanshorner Hafen wartete, sah ich Sie zusammen mit Peter Stamm oben auf der Brücke über den Autos auf der Fähre. So bestiegen wir zu dritt den Zug und ich genoss ein interessantes Gespräch über Schule, Beruf und das Handwerk des Schreibens.

Es gibt Schreibende, die Geschichten erzählen wollen, mit Spannung fesseln. Andere, die politische und gesellschaftskritische Inhalte und Meinungen in literarisches Schreiben verpacken. Was wollen Sie mit Ihrem Schreiben? Ganz ehrlich!
In erster Linie möchte ich wahrscheinlich Textgebilde schaffen, die mich beglücken. Beglücken deshalb, weil ich eine Sache nach meinen Vorstellungen formen konnte, etwas geschaffen habe. In zweiter Linie möchte ich auf diese Weise ein paar Fragen klären, die ich an die Welt habe und hoffe, dass die Antworten, die ich finde, auch anderen nützlich sein können. In dritter Linie brauche ich immer mal Geld für die nicht kleine Familie.

Hat Literatur im Gegensatz zu allen anderen Künsten eine spezielle Verantwortung? Oder werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller gegenüber andern Künsten anders gemessen? Warum sind es vielfach die Schreibenden, von denen man in Krisen eine Stimme fordert?
Das ist eine Frage, über die ich schon sehr oft nachgedacht habe. Also nicht in Bezug auf die anderen Künste; da hat die Konzentration auf die Schriftsteller wohl einfach den praktischen Grund, dass sie zwangsläufig ganz gut mit Worten umgehen können und sich auch gerne von sich aus zu Wort melden. Ich würde jetzt nicht unbedingt einen Schriftsteller aufsuchen, wenn ich Aufschluss über die Weltlage wünschte. Ich frage mich diese Frage aber in der Form: Ist der Autor verantwortlich für die Vereinnahmung und den Missbrauch seiner Werke. Die einfache Antwort ist natürlich: Nein, warum – wenn das Werk nach seinen ihm innewohnenden Maßstäben wahr ist. Und etliche Texte eignen sich ja auch gar nicht zum Missverständnis. Es gibt aber andere, die gerade in Grenzbereiche dieser in der Frage angesprochenen Verantwortung gehen und deren Anliegen es ist, den Leser zu irritieren und ihn seine Position aus der Irritation heraus finden zu lassen. Was ist mit denen?

Inwiefern schärft Ihr Schreiben Sichtweisen, Bewusstsein und Einstellung?
DSCN4383_res_cropvMeine eigenen oder die des Lesers? Meine eigenen sowieso, s.o. Falls das auch bei anderen Menschen gelingen sollte, dann wohl am ehesten auf die Art, dass gefestigte Überzeugungen destabilisiert werden und derjenige muß sie dann wieder neu zusammensetzen. Was wir ja sowieso ständig im Leben tun sollten, sobald wir die Kapazität dazu haben. Ich würde gern der Welt die Komplexität, die wir ihr durch die täglichen Routinen (auch des Denkens und Fühlens) nehmen, wieder zurückgeben.

Erzählen Sie kurz von einem literarischen Geheimtipp, den es zu entdecken lohnt und den sie vor noch nicht allzu langer Zeit gelesen haben?
Eine echte Entdeckung war für mich der Autor Jürgen Kross, den ich im Frühjahr kennengelernt habe und dessen Gedichte ich sehr mag. Sie sind, geprägt von seinem Interesse an lateinischer Syntax, sehr fein gebaute syntaktische Versuchsanordnungen. Ich finde diese kleinen Irritationen und Bedeutungsverschiebungen durch Sprachmaterial wie Hölderlin es ja auch getan hat, das Wichtigste, was Lyrik leisten kann. Dabei sind sie aber ganz schlicht in ihrem Repertoire.
Wie ich Jürgen Kross kennenlernte, ist auch eine schöne Geschichte. Ich kannte den Namen gar nicht als ich in einer Buchhandlung in Mainz nach einem Geschenk suchte und mich über lateinamerikanische Literatur, von der ich wenig Ahnung habe, von dem Buchhändler des kleinen Ladens beraten ließ. Ich kaufte das empfohlene Buch, obwohl der Inhalt mir als Geschenk nicht ganz passend schien, aber alles, was er darüber sagte, war so überzeugend, dass ich ihn bat, das Buch für den Beschenkten zu signieren und mir eine Empfehlung hineinzuschreiben. Seine Schrift war bemerkenswert wie ja auch seine Ausführungen und wir unterhielten uns weiter, wobei ich herausfand, dass er selbst Autor ist.

Zählen Sie 3 Bücher auf, die Sie prägten, die Sie vielleicht mehr als einmal gelesen haben und in Ihren Regalen einen besonderen Platz haben?
Hölderlin: Gedichte
Achmad Schamlu: Blaues Lied (leider der einzige ins Deutsche übersetzte Band und Farsi kann ich leider nicht)
Peter Waterhouse (ungefähr alles von ihm)

Was tun Sie mit gekauften oder geschenkten Büchern, die Ihnen nicht gefallen?
Wir dämmen die Wände im Flur damit, aber das Projekt scheint auch bald abgeschlossen …

Schicken Sie mir ein Foto von Ihrem (unaufgeräumten) Arbeitsplatz?
(Das Foto ziert den Anfang des Interviews.) Ich bin für drei Monate nicht in Deutschland, deswegen kann ich jetzt nur ein Bild vom Schreibtisch hier schicken. Der zu Hause ist sowieso zu groß fürs Bild, ich habe ihn mir über die Länge von anderthalb Wänden gebaut und er ist eigentlich immer ordentlich, weshalb er dann ja auch nicht in Frage kommt.

9783835318410lEine Abenteuergeschichte über die Abgründe des eigenen Ichs, eine moderne Legende – bildmächtig, geheimnisvoll, bezwingend.
Alles um Constantin herum scheint merkwürdig weit weg, auch wenn es auf den ersten Blick aussieht, als wäre alles in Ordnung. Tons lebt mit seiner Frau und zwei Jungen auf einem Grundstück zusammen; aber das Wort „zusammen“ beschreibt es nicht ganz: Ein Haus hatten sie einmal bauen wollen, jetzt wohnen sie noch immer in provisorischen Containern in zwei Stockwerken, unten Cons, oben die Frau mit den Kindern. Etwas in Cons wirkt wie zerbrochen; er ist seit seinem „Aussetzer“ bei einer Übung als Zeitsoldat, an den er sich nur vage erinnern kann, wie aus der Welt gefallen. Ja, die Welt ist ihm abhanden gekommen. Unfähig, sich von der Fokussierung auf ein Ziel zu lösen, das es nicht mehr gibt, gleitet Cons aus alten Freundschaften und aus dem Leben seiner Familie in eine richtungslose, nächtelange Pirsch.
Angelehnt an die Legende des römischen Feldherrn und Jägers Eustachius schreibt Daniela Danz ein radikales Buch über den Sog des Scheiterns und die vergebliche Tapferkeit eines Mannes, der sich noch einmal mit aller Macht der Fluchtlinie seines Lebens entgegenstemmt, bevor er in eine alptraumhafte Irrealität sich überschlagender Ereignisse gerät.

Porträt Daniela Danz

Daniela Danz wurde 1976 in Eisenach geboren und lebt in Kranichfeld. Sie studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen, Prag, Berlin, Leipzig und Halle und promovierte über den Krankenhauskirchenbau der Weimarer Republik. Seit 2002 ist sie freiberufliche Autorin und Kunsthistorikerin. 2010 gründete sie die Internationale Schülertextwerkstatt svolvi und bekleidet seit dieser Zeit einen Lehrauftrag an der Universität Hildesheim. Daniela Danz ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz und leitet seit Juni 2013 das Schillerhaus in Rudolstadt.

Vielen Dank an Daniela Danz! Anfang Oktober folgt das Interview mit Michèle Minelli. Seien Sie wieder Dabei!

 

literaturblatt.ch in eine nächste Runde!

literaturblatt.ch scheint am Leben zu bleiben.

Im Sommer 2015 schenkte mir mein „Schwiegersohn“ die Domain literaturblatt.ch. Es sei an der Zeit, mehr und ein anderes Publikum zu erreichen, als mit den bisher gezeichneten und geschriebenen Literaturblättern. Im Frühling dieses Jahres schrieb ich meinen ersten Beitrag. Mittlerweile sind es 100 geworden und es soll weitergehen, wohlwissend, dass an ganz rudimentären Details noch mächtig geschliffen werden muss. Aber ich lese und schreibe weiter, ohne auf die von Hand geschriebenen und gezeichneten Literaturblätter zu verzichten.

In den Blog gute Bücher – auf die Literaturblätter die Rosinen!

Auf jeden Fall danke ich all jenen, die in irgend einer Weise auf mein Schreiben reagierten, meiner Frau als Erstleserin, meiner Familie als Motivator, den Freunden der Literaturblätter für die Unterstützung und all jenen, die in verschiedenster Form auf mein Geschreibsel reagieren.

Vielen Dank!
Gallus Frei-Tomic