Neonfische im Aargauer Literaturhaus

Neonfische sind Süsswasserfische, die im Amazonas leben, kleine, bunte Schwarmfische, irisierend leuchtend. Auch im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg versammelte sich eine bunte Schar geheimnisvoll schimmernder Autorinnen und Autoren, die während zweier Tage ein konzentriertes Publikum „zum Schweigen“ brachten.

Wer glaubt, Lyrik würde kaum mehr jemanden aus der warmen Stube locken, wurde an diesem Festival der Dichterinnen und Dichter Lügen gestraft. Das Haus lebte, der Schwarm war beträchtlich, die Säle voll, dass man zwischendurch „das Wasser wechseln“ musste. Es war Musik, es wären Töne, Klänge, Dissonanzen, Bilder, Träume, Blitzlichter und Makroaufnahmen, Horizonte, Landschaften, Gesten und Gefühle.

Da zum Beispiel die 1981 geborene Julia Trompeter, die aus ihrem ersten bei Schöffling und Co. erschienenen Gedichtband „Zum Begreifen nah“ vortrug. Mehr als bloss vorlas, denn Julia Trompeter versteht es, ihre Gedichte mit ihrer Stimme zu performen. So bekommen Texte auf dem Papier durch ihre Stimme nicht nur ihre eigene Note, ihren Klang, sondern oft Klarheit, mehr Bedeutung, ein gosses Fenster mehr.

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Julia Trompeters Gedichte sind geistreich, witzig, spielen mit Doppelbödigkeiten, verleiten und verführen. Dass ihre Lyrik mich, wie moderne Lyrik überhaupt, zwingt, den Text immer wieder, laut und deutlich, zu lesen. Das sei die Qualität moderner Lyrik, meinte Manfred Papst, Moderator und Ressortleiter Kultur in der NZZ am Sonntag, unauflösbare Bilder, nicht aufzulösen wie Kreuzworträtsel, unauflösbar zu Diskussion und Interpretation provozierend.

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img_0212Julia Trompeter wurde 1980 in Siegburg geboren. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Literaturwissenschaft in Köln und promovierte in Berlin und Bochum. Seit 2009 tritt sie in dem performativen Projekt Sprechduette zusammen mit Xaver Römer auf. 2010 war sie Finalistin des open mike, 2012 erhielt sie das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, 2013 für ihren Debütroman eine Förderung der Kunststiftung NRW und 2014 den Förderpreis des Landes NRW für junge Künstlerinnen und Künstler.

Webseite Julia Trompeter & Xaver

(Alle Rechte zur Veröffentlichung der Gedichte liegen beim Verlag Schöffling & Co. literaturblatt.ch dankt für die spezielle Erlaubnis!)

Philipp Frei, Maler, lädt ein ins Atelier.

Zurück aus einem Aufenthalt in Meran, zeigt Philipp Frei in seinem Atelier in Zürich aktuelle Arbeiten aus seinem Schaffen. Möglich wird ein Einblick ins Atelier, einem übers Jahr meist verborgenen Raum.

Philipp Frei zeigt Arbeiten an ihrem Entstehungsort; Zeichnungen, Arbeiten auf Papier, Malerei, Objekte, jedoch nicht in Form einer Ausstellung im „Whitecube“. Der Raum, die Werkstatt, das Material bleiben sichtbar. Unfertiges neben Gereiftem, als Formation ausgewählt oder einzeln, vieles noch in der Warteschlaufe.
Dazu zurückliegende Arbeiten, das Lager, die Sammlung, Skizzenbücher und Entwürfe.

Geboten wird das Gespräch, Wein und Brot.

Mehr Informationen unter der Webseite des Künstlers.

 

Guy Krneta „Filet Schtück“, Der gesunde Menschenversand

Einfach Geschichten? Es sind Betrachtungen, die meisten kaum zwei Seiten lang, geschrieben für „Morgengeschichten“ auf Radio SRF 1. Texte gemacht für öffentlich-rechtliches Radio, mutige, witzige, freche, „aufmüpfige“, nachdenklich stimmende Texte, die trösten können, wenn man den medialen Wellen sonst kitisch gegenüber steht.

Guy Krneta schreibt Theater, Prosa, macht Theater und steht auf der Bühne – ein Mann des Wortes. Ich sah ihn einmal im vollbesetzten Zug zu den Solothurner Literaturtagen. Da kramte er in einem ganzen Wulst von Papieren, notierte, murmelte, studierte mit dem Stiftende an den Lippen. So ganz anders als ich, der ich bloss sass, schaute und mich freute auf das, was mich an den Literaturtagen erwarten würde.

100142_goc8_lGuy Krneta ist auch eines der Gesichter hinter dem umtriebigen Verlag „Der gesunde Menschenversand“, dessen Echo es beispielsweise mit „Simeliberg“ von Michael Fehr bis tief in den grossen Nachbarkanton (D) schaffte. Ein Verlag, dessen AutorInnen sich der MundArt bedienen, mit Büchern, die schon deshalb zu langsamem Geniessen zwingen.

Manchmal spiegelt sich der eigene Blick in der Literatur, in dem, was ich lese. Aus der Distanz, mit dem Buch des Berner Autors, sehe ich auf mich selbst, auf meine Umgebung, wie doppelt gespiegelt, durch einen Spiegel. Je direkter ich blicke, desto abgewandter der Blick im Spiegel. Und wenn ich mein eigenes Gesicht, mein eigenes Selbst so von mir abgewandt sehe, in völlig ungwohnter Perspektive, überrascht mich die Wirkung noch viel mehr. Guy Krneta tut genau das mit seinen kurzen Texten, die mäandern zwischen Geschichten, Betrachtungen und Dialogen. Auch ungewohnt ist die Tatsache, dass der ursprüngliche Respekt vor Berner Mundart das Lesen entschleunigt, den Ostschweizer zu langsamem Lesen zwingt und sich einzelne Wörter und Satzteile erst am Schluss des Satzes erschliessen. Ein spezielles Vergnügen für den Thurgauer, hörbar, wenn ich nachts im Bett neben meiner Frau mit dem Buch in Händen liege und einzelne Sätze und Wörter murmle, manchmal mehrmals, den Ton im Ohr und stets überrascht, wie viel Komik mitschwingt, wenn ich mich in Berndeutsch versuche.

Köstlich, einfach köstlich!

100028_i8i9_lGuy Krneta, geboren 1964 in Bern, lebt als freier Schriftsteller in Basel. Mitglied des Spoken-Word-Ensembles „Bern ist überall“ und des Trios „Krneta, Greis & Apfelböck“. Er war Dramaturg an der Württembergischen Landesbühne Esslingen und am Staatstheater Braunschweig sowie Co-Leiter des Theaters Tuchlaube und Dramaturg beim Theater Marie in Aarau. Krneta schrieb zahlreiche Theaterstücke, die mit Preisen ausgezeichnet wurden. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen.

(Titelbild: Sandra Kottonau)

Diane Broeckhoven „Was ich noch weiss“, C. H. Beck

Es gibt Bücher, die sich aus nicht immer erklärbaren Gründen tief in mein Gedächtnis eingraben. Bücher, die bleiben werden, sowohl inhaltlich wie die Eindrücke aller Gefühle, mit denen ich das Buch am Ende der Lektüre ins Regal reihte. Bücher, die mich zu einem treuen Begleiter der Autorin oder des Autors werden lassen, jedes Mal beschenkt, wenn ein Neues in den Buchhandlungen aufliegt.

9783406529757_large2005 erschien der schmale Roman „Ein Tag mit Herrn Jules“ der Niederländerin Diane Broeckhoven. Der letzte gemeinsame Tag eines alten Ehepaars, von Alice und Jules. Jules steht wie jeden Morgen etwas früher auf als seine Frau, lässt die Filterkaffeemaschine an und setzt sich in seinen Sessel im Wohnzimmer. Als Alice wenig später vom Duft des Kaffees geweckt wird, muss sie feststellen, dass es das Letzte war, was ihr Mann in seinem Leben tat. Alice beschliesst, diesen einen, letzten Tag mit ihrem toten Mann alleine zu verbringen, die Maschinerie des letzten Gangs noch aufzuschieben. Sie will Abschied nehmen und „aufräumen“. Wer „Ein Tag mit Herrn Jules“ noch nicht gelesen hat, sollte es nachholen!

Der Roman „Was ich noch weiss“ geht der Frage nach, was Familie ausmacht, Jenes scheinbar so wichtige, tragende Gefüge, das die einen als Grundfeste beschwören, die andern als Schmelztiegel aller Enge und Probleme erleben. Dabei ist Familie wie alles andere Menschliche ein vorübergehendes Ensemble mit längeren Phasen der Stabilität, die aber niemals darüber hinwegtäuschen, wie schnell „Unfälle aller Art“ Familie verändern und destabilisieren können.

9783406696787_large„Was ich noch weiss“ ist die Geschichte einer solchen Familienkonstellation. Eines Tages muss Peter, der Sohn der Familie, feststellen, dass Manon, seine Mutter, nicht die einzige Frau im Leben seines Vaters ist. Obwohl dieser Peter zu seinem Komplizen machen will, eine ebenso unmögliche Konstellation, bricht die Familie auseinander. Jahre später, verlassen von Ehemann und Sohn, erleidet Manon einen Schlaganfall, just an dem Tag, an dem ihr Sohn Peter Rebecca, seiner grossen Liebe, vor Publikum den offiziellen Heiratsantrag machen will, ein Wiedereintritt in die Familie. Manon rutscht ins Koma und wacht erst Monate später langsam in einem anderen Leben wieder auf, um festzustellen, dass das Leben sich ohne sie von ihr entfernte.

Das Buch hat zwei Stimmen, jene von Manon, die am Schluss des Buches notiert, „was sie noch weiss“ und jener von Peter, einem Mann zwischen Frauen. Heimlicher Protagonist des Romans ist aber jener rote Ohrensessel, den sich Manon in der Zeit als Familienfrau als Zufluchtsort und Privatinsel, für Unbefugte verboten, kauft. Jenen Sessel, der Jahrzehnte später in der grell ausgeleuchteten Lagerhalle eines „Sozialkaufhauses“ steht und zum zweiten Mal von der wiederauferstanden Manon erstanden wird.

Auf eine Mail, in der ich Diane Broeckhoven frage, wie sie denn zu dieser Geschichte kam, schrieb sie zurück: „Die Geschichte in „Was ich noch weiss“ ist fiktiv, obwohl natürlich kleine Geschichten und Details aus meinem eigenen Leben kommen könnten. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter. Ich weiss, wie junge Leute reagieren können. Ich weiss auch aus eigenen Erfahrungen wie es ist, wenn sich einst Liebende trennen und wie Kinder sich dann fühlen können. Die initiale Geschichte/Basis – eine Frau, die ihre Möbel und persönlichen Besitztümer in Flöhmarkten sucht – habe ich einmal am Fernsehen gesehen. Ihre Kinder hatten alles verkauft, um Geld für ihre letzten Lebensmonate zu sammeln. Dieses Bild war zuerst da. Das hat mein Herz berührt. Ich habe die ganze Geschichte von Manon und ihren Kindern um dieses Thema gebaut.“

diane_broeckhoven1-199x300Diane Broeckhoven, 1946 geboren, hat zahlreiche, vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Unter ihren Romanen für Erwachsene, etwa „Eine Reise mit Alice“ und „Herrn Sylvains verschlungener Weg zum Glück“, wurde „Ein Tag mit Herrn Jules“ zu einem Bestseller. Das Buch ist inzwischen in sechzehn Ländern erschienen und wurde über 250.000 Mal verkauft. Diane Broeckhoven lebt in Antwerpen.

Die Übersetzerin Isabel Hessel, 1973 geboren, erhielt 2003 das Stipendium des LCB für Literaturübersetzer. Sie lebt und arbeitet in Antwerpen und übersetzte schon mehrere Bücher von Diane Broeckhoven für C.H.Beck. Ihre Spezialität sind flämische Autorinnen.

Christine Fischer, Ihre nexten Anschlüsse

 

Ihre nexten Anschlüsse

 

Eine Wolke am Himmel.
An der Wolke ein Himmel.

In die Stunde gegossen mein Körper.
Die Stunde in meinen Körper gegossen.

Stimmen dringen an mein Ohr.
Ohren dringen an meine Stimme. Münder, Augen.

Eine Frau wartet mit den Händen.
Die Hände warten mit der Frau.

Die wartenden Menschen schauen nach Osten.
Der wartende Osten schaut nach den Menschen.
Die haben’s gut. Haben’s die gut?

Im Tunnel öffnet die Erinnerung die Augen.
In der Erinnerung öffnet der Tunnel die Augen.
In den Augen öffnet der Tunnel die Erinnerung.

Das Licht ist müde geworden in der Zeit.
Die Zeit ist müde geworden im Licht.

Meine Hand schreibt über das Licht
und das Licht schreibt über meine Hand.
Eine Erzählung vom Alter.

Eine Frau zeigt ihrem Kind, wie Winken geht.
Ein Winken zeigt der Frau, wie ihr Kind geht.
Wie behände es geht, wie anmutig!

Ich sehe nur, was existiert.
Es existiert nur, was ich sehe.

Die automatische Türverriegelung hat einen Defekt.
Der Defekt hat eine automatische Türverriegelung.
Was bin ich froh darüber!

Christine Fischer

gemalt von Philipp Frei
„Wort“, Philipp Frei, Tempera und Ölfarbe auf Papier, 37 x 18.5 cm, 2016

 

Wer mehr Bilder des Malers Philipp Frei sehen will, besuche sein „open studio“ am Samstag, den 3. Dezember in Zürich. Mehr Informationen unter philippfrei.ch!

Schaffhauser Buchwoche 2016 mit Anna Mitgutsch

Anna Mitgutsch staunte über die ausserordentliche Menge an Zuhörerinnen und Zuhörern, denn nicht einmal in ihrem Herkunftsland Österreich fänden sich so viele Aufmerksame wie in Schaffhausen am Rhein. Zum bald 30. Mal findet die Schaffhauser Buchwoche statt, ein kleines, feines Literaturfestival mit beeindruckenden Namen, wie jenen der grossen österreichischen Schriftstellerin Anna Mitgutsch, die dieses Jahr auf der Shortlist zum ersten Österreichischen Buchpreis stand.

Anna Mitgutsch schreibt in weiten Bögen, intensiv, greift mit ihren Bildern tief ins Wesen ihrer Protagonisten. Mag sein, dass ihre Erscheinung, ihre zurückhaltende Art, die unauffällige Art sich zu kleiden, so gar nicht zu ihrem Schreiben, ihrer intensiven und direkten Erzählweise in ihren Büchern zu passen scheint. Die Autorin mag es nicht, im Anschluss an ihre Lesung auf Fragen zu antworten, schon gar nicht auf solche des Publikums, sie, die Dozentin war im In- und Ausland. Wenn sie dann aber liest, ihre Geschichte, ihre Sprache zum Klingen bringt, ist jeder Zweifel weg. Da liest eine Schriftstellerin, die nicht nur mit ihrem Schreiben glänzt, sondern auch mit dem Gestus ihrer Sprache, der Erfahrung eines Lebens und der Fähigkeit aus der Zurückhaltung fein zu beobachten. Anna Mitgutsch zieht tiefe Furchen durch die Oberfläche von Menschen.

Noch einmal ein Jahr, vom Winter bis zum letzten Winter. Theo ist 97 und erholt sich von seinem Schwächeanfall erstaunlich gut und schnell. Zusammen mit seiner Frau Berta versucht er zurechtzukommen, nicht nur mit seinem Alter, seinen zunehmenden Unzulänglichkeiten, auch mit dem, was sich während eines ganzen Lebens unausgesprochen ansammelte und nicht einfach wegzuwischen ist; am Die Annaeherung von Anna Mitgutschwenigsten immer stärker werdende Erinnerungen, das nie Ausgesprochene, all die Versäumnisse, das Unterlassene. Er zieht Bilanz, wenn auch bis zuletzt gefangen von sich selbst. „Es kam ihm an manchen Abenden so vor, als schritte er auf einer von Toten gesäumten Strasse der nahen Dunkelheit entgegen.“ „Die Kraft lief wie aus einem undichten Gefäss heraus.“ Mehr als eine Metapher! Theo verliebte sich noch vor seinem Einsatz in der deutschen Wehrmacht in Wilma, die er nach dem Krieg heiratete, eine Wilma aber, die genau wie er nicht mehr die war, die er einst vor dem grossen Krieg kennenlernte. Doch Wilma starb früh an Krebs, liess ihn zurück mit seiner Tochter Frieda, die schnell mehr war, als bloss Tochter. Und als Berta in Theos Leben auftauchte, entbrannte ein Krieg zwischen den beiden Frauen, bis „Geh, du gefährdest meine Ehe!“ der letzte Ausweg zu sein schien. Aber dem war nicht genug. Frieda begnügte sich schon als Jugendliche nicht mit den flüchtigen Antworten auf ihre Fragen um seine Wehrmachtseinsätze. Theo stellt sich bis ins hohe Alter nicht dem Drängen seiner Tochter, selbst mit dem kümmerlichen Versuch am Schluss seines Lebens, als er ihr sein Kriegstagebuch übergibt, denn dieses ist der Preis dafür, dass Friede sich aufmachen soll in die Ukraine, um Ludmilla zurückzuholen. Ludmilla, eine illegal eingestellte Pflegerin, jene Frau, die als einzige das Herz Theos zu erreichen schien, jene mit der er als einzige frei reden kann, jene Frau, die Berta wegschickte, als Ludmilla Theos letzter Anker war.
Anna Mitgutsch schildert nicht nur Theos Endlichkeit, seine (ab)sterbende Seele, sondern das Psychogramm seiner Familie. Die Schriftstellerin erzählt langsam und genau darüber wie irrig es ist zu glauben, dass die Zeit Wunden heilt. „Aber das stimmte nicht, sie liess nur zu, dass das Leben sich dazwischenschob.“ Theos erster Beruf war Gärtner, sein Garten zuhause sein ganzer Stolz. Es ist das letzte Jahr in seinem Leben, noch einmal Frühling, noch einmal Sommer und dann der Rückzug ganz im letzen Herbst und Winter mit der Gewissheit, keinen Einfluss mehr nehmen zu können auf das, was „draussen“ geschieht. „Die Annäherung“ ist ein Roman wie eine Beschwörung, dafür, jene Momente nicht zu versäumen, miteinander zu reden. Schweigt und wartet man, vielleicht auf den Moment, der niemals kommt, stellt man dann irgendwann fest, dass die Gräben unüberwindbar geworden sind. Ein stilles Buch, manchmal wie die „Steppenskizze“ von Alexander Borodin.

„Die Liebe muss eine Begabung sein wie die Musikalität, manchen Menschen ist sie von Natur aus gegeben, sie scheinen für die Liebe geschaffen, und anderen weicht sie aus, das ganze Leben lang.“

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Anna Mitgutsch, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Solothurner Literaturpreis, den Würdigungspreis (Staatspreis) für Literatur der Republik Österreich und das Ehrendoktorat der Universität Salzburg. Seit den siebziger Jahren übersetzt sie Lyrik und verfasste bisher zehn Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bei Luchterhand erschienen die Romane „Ausgrenzung“ (1989), „In fremden Städten“ (1992), „Haus der Kindheit“ (2000), „Familienfest“ (2003), „Zwei Leben und ein Tag“ (2007) und „Wenn du wiederkommst“ (2010) sowie zuletzt der Essayband „Die Welt, die Rätsel bleibt“ (2014).

Webseite der Autorin

Webseite Schaffhauser Buchwoche 

David Wagner „Ein Zimmer im Hotel“, Rowohlt

Jan Wagner wurde 2013 einem breiten Publikum mit seinem Buch „Leben“ bekannt, mit dem er seine Krankheit und die daraus resultierende Lebertransplantation verarbeitete, ein Buch aus 277 literarischen Miniaturen, mit dem er den Preis der Leipziger Buchmesse 2013 gewann.

img_0099Nun erschien „Ein Zimmer im Hotel“. Wieder kein Roman, eher ein Antireiseführer des Autors, der auf Lesereise mit seinem Buch „Leben“ in Hotels von Peking bis Spanien übernachtete. Ein Buch, das Zimmer auf der halben Welt zeichnet, eine kleine Kulturgeschichte der Unwirtlichkeiten.

Bei der BuchBasel lud der Autor zu einer ganz besonderen Lesung ein, hinauf ins oberste Stockwerk des Hotel Krafft ins Zimmer 405, hoch über dem Rhein. Eine Lesung zum „Anfassen“ mit besetzten Stühlen überall und Zuhörern, die es sich sogar auf dem Doppelbett bequem machten.

„Ein Zimmer im Hotel“ ist ein Konzept-Buch ohne künstlich zu wirken. So wie die einen auf Facebook oder Instagram jeden Mist posten, hinterlässt David Wagner eine Spur gehen das Vergessen. Von einem wachsenden Sammeltrieb getrieben, beeieinflusst vom Georges Perec, der einmal vorhatte, alle Orte, an denen er geschlafen hatte zu beschreiben.

img_0101In Hotels liegen Stifte, manchmal Bleistifte. Bleistifte meist dann, wenn das Zimmer einen Holzboden besitzt. Und meist sind Bleistifthotels die besseren Hotels. Kugelschreiberhotels haben Teppichböden, die Geschichten erzählen wollen, Geschichten allerdings, die man vielleicht lieber nicht hören will. Kugelschreiber lässt David Wagner liegen, weil er sie nicht mag. Bleistifte lässt er mitgehen.

Es gibt Apfelhotels, jene, in denen Äpfel an der Rezeption zum Mitnehmen liegen. Äpfel, zu denen David Wagner seit seinem Roman „Vier Äpfel“ eine ganz besondere Verbindung spürt, eine Schwäche. Nach einem Roman, der 2009 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, über einen Mann, der sich im Supermarkt verliert, über die Tiefen der Einkaufswelt, fasziniert von der Poesie von Einkaufszetteln.

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David Wagner sammelt Räume, hebt sie auf, fasziniert von Duschvorhängen aus Schweizer Fabrikat, die waschbar sind und jeden Monat gebügelt werden sollten. Belästigt von Bildern in Hotelzimmern, die einem nicht in Ruhe lassen, erst recht, wenn sie schlecht sind, erst recht, wenn sich in diesen Bildern hinter einer Reproduktion von Klimts „Der Kuss“ die Klimaanlage versteckt. Die grassierende Zierkissenpest. Kissen mit Bezügen, von denen man vermuten muss, dass sie kaum jemand wäscht. Von laminierten Hinweisen überall, Konsumangeboten, Hinweisen, die den letzten Rest erklären, von belegten Schreibtischen und dem fehlenden Ort für den Koffer.

Aber eigentlich, so David Wagner, war „Ein Zimmer im Hotel“ nur die Fortsetzung von „Leben“, von der Reise von Hotelzimmer zu Hotelzimmer nach einem Buch von einem im Spitalzimmer, der nur im Kopf auf Reisen gehen kann.

img_0100David Wagner, 1971 geboren, debütierte mit dem Roman «Meine nachtblaue Hose». Es folgten der Erzählungsband „Was alles fehlt“, das Prosabuch „Spricht das Kind“, die Essaysammlungen „Welche Farbe hat Berlin“ und „Mauer Park“, die Kindheitserinnerungen „Drüben und drüben“ (mit Jochen Schmidt) sowie der Roman „Vier Äpfel“.

Ich danke dem Hotel Krafft Basel für die zur Verfügung gestellten Bilder. Ein Hotel mit Äpfeln an der Rezeption, Holzböden, Bleistiften und erfrischender Schlichtheit in den Zimmern.

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Ralph Schröder „Schweighausers Korrekturen“, Verlag BoD

Was passiert, wenn man sich entschliesst, aus dem Einerlei des Alltags auszutreten, wenn man dem  Hamsterrad entrinnen will? Und was geschieht, wenn man dies mit einer gehörigen Portion Subversion tut? Wie viel Korrektur erträgt der Lauf der Dinge?

Ralph Schröder hat ein Buch geschrieben, das mit seinen Fragestellungen provozieren kann. Korrekturen unseres Tuns können unverhoffte Konsequenzen nach sich ziehen, ungewollte Richtungen und Dimensionen annehmen. Und scheinbare Wahrheit kann sich als Lüge entpuppen, Lügen als Wahrheit. „Die Wahrheit einer Geschichte ist immer die Geschichte dieser Wahrheit.“

img_0142Ralph Schröders „Held“ Armin Schweighauser ist Korrektor bei einer grossen Basler Tageszeitung. Bedroht von strukturellen Veränderungen und wirtschaftlichen Anpassungen im Verlag und dem lähmenden Gefühl von Trott und Ereignislosigkeit entschliesst sich Schweighauser, erst vorsichtig und zögerlich, dann immer dreister, Nachrichten kurz vor dem Druck als Korrektor zu manipulieren. Erstaunt und frustriert darüber, wie ergebnislos seine Eingriffe bleiben, stachelt ihn der wiedergefundene Nervenkitzel zu immer wagemutigeren „Korrekturen der Wahrheit“ an. Und nachdem ihm durch Zufall von aussen Informationen zugetragen werden, die alles im Verlagshaus ändern sollen, wird Schweifhausers persönliches Experiment zu  vermeintlichen Befreiungsschlag einer in die Irre geführten Öffentlichkeit. Die Geschehnisse überstürzen sich. Erst recht, als ein Todesfall die Fallrichtung der Geschehnisse unkorrigierbar macht.

Ralph Schröder schickt seinen Protagonisten auf eine Achterbahn, auf der sich der arme Held irgendwann nicht mehr traut auszusteigen. Schweighauser wird vom in Zwängen eingesperrten Schwerenöter zum ungewollten Katalysator eines unkontrollierbaren Sturms, der plötzlich weit über sein Leben hinaus Konsequenzen erzwingt. Ein Spiessbürger, ein Resignierter, dessen Kruste aufbricht, dessen Befreiung Kräfte in Bewegung bringt, die unkontrollier- und unkorrigierbar sind. Ein kleiner, unbedeutender Korrektor, dessen Entschluss, die Welt ein klein wenig an der Nase herumzuführen, wird zum selbstzerstörerischen Torpedo.

Ralph Schröder spinnt aus dem Wunsch vieler, ihrem eingezwängten Leben eine auffrischende Korrektur geben zu können, mit der Frage „Was wäre wenn?“ einen literarischen Strudel, einen Sog mit den Mitteln eines Thrillers.

Drei Fragen an Ralph Schröder:
Die Begriffe Wahrheit und Manipulation streiten sich ständig mit Historie oder Journalismus. Sie waren lange als Korrektor und Redaktor tätig. Ist man sich dessen während des Tuns im Verlag bewusst? Oder war der Schritt, dies zum Thema ihres ersten Romans zu machen, erst aus der Distanz möglich?
Die Ursprungsidee für den Roman entstand nicht aus einer konkreten Erfahrung meiner beruflichen Arbeit. Die Wirkkraft von Fiktionalität hat mich schon immer fasziniert. Das Thema des Buches scheint mir deswegen mehr im Spannungsfeld von Wahrheit und Fiktionalität zu stehen. Natürlich hat mir meine Erfahrung als ehemaliger Korrektor und Redaktor in die Hände gespielt. Das Experiment des Protagonisten hat mich als Idee fasziniert und nicht mehr losgelassen. Was geschieht, wenn einer hingeht und die medial vermittelten Fakten verdreht, subtil, ja auf subversive Weise.. Würden wir das merken? Woher stammt unser Vertrauen in die medial vermittelte Wahrheit oder in das geschriebene Wort generell? Ein Thema, das ja fast täglich in der Presse auftaucht (Lügenpresse etc.). Damit zu spielen und allenfalls eine Reflexion anzuregen, war ein Motiv (das sich aber auch erst während des Schreibens herauskristallisierte). Das ist die eine Seite des Buches. Die andere, die kriminalistische, hat einen anderen Ursprung: Unschuldig schuldig werden, sich in einen Schuldzusammenhang verstricken, aus dem man sich nicht mehr befreien kann und die „Wahrheit“ unbeweisbar, auf der Strecke bleibt… Dass sich diese beiden thematischen Stränge zusammenbringen lassen, hat mich dann beim Schreiben selbst überrascht, aber ungemein gefreut. Ich glaube, das ist vielleicht der besondere Reiz des Buches, dass hier der Begriff von Wahrheit (nicht philosophisch, aber literarisch) auf verschiedenen Ebenen thematisiert und bespielt wird. Aber das ist jetzt wirklich aus grosser Distanz und mit zeitlichem Abstand zur Zeit des Schreibens an diesem Text gesagt. Und eigentlich sollte man sich als Autor vor Selbstinterpretationen hüten und dem Leser überlassen.

Ihr erster Roman fand nicht den Weg in einen traditionellen Verlag und erscheint im „Book on Demond“, also auf Abruf, ohne kalkulierte Auflage. Gab es keinen Verlag, der sich ihr Buch zu verlegen traute?
Ich habe das Manuskript respektive Leseproben rund 40 bekannten deutschsprachigen Verlagen über den klassischen Weg (Manuskripteinsendung) angeboten. Ein Verlag hat sich anfänglich sehr konkret dafür interessiert. Ich war fast ein Jahr mit der Lektorin in Kontakt. Sie konnte sich aber am Ende nicht dazu durchringen, das Buch ins Programm zu nehmen. Alle übrigen haben mit mehr oder weniger vorformulierten Standardabsagen geantwortet. In vielen Verlagen fehlt schlicht die Zeit und das Personal, um die inflationär eingesandten Manuskripte seriös zu sichten. Von der Lektorin eines Verlages weiss ich, dass allein bei ihrem Kleinverlag täglich 2-3 Manuskripte/Leseproben eintreffen…. Wer soll das bewältigen? Diese eine Lektorin liest Manuskripte von Neuautoren nur in ihrer Freizeit, sonst fehlt die Zeit…?

Sie siedeln als in Basel wohnhafter Autor ihren Roman in Basel an, an einem Ort, wo, zumindest aus meiner Warte, die Zeitungslandschaft eh schon angespannt genug ist. Giessen sie Öl ins Feuer?
Die Zeitungslandschaft ist ganz generell angespannt. In Basel trifft dies seit der Übernahme der BaZ durch Blocher/Tettamanti und Somm sicher besonders zu. Allerdings könnte der Roman, was seine Hauptthemen betrifft, in jeder anderen Stadt spielen. Dass ich den Schauplatz Basel gewählt habe, hängt mit der persönlichen Vertrautheit der lokalen Orte zusammen und hat beim Schreiben geholfen, mehr aber auch nicht. Als ich mit dem Roman begonnen habe – das liegt doch schon einige Jahre zurück – war die angesprochene Thematik noch gar nicht so brisant. Dass sich die Sache dann real so entwickelt hat, dass man bei der Lektüre denkt, ich hätte auf diese Entwicklung Bezug genommen, ist eher zufällig, entbehrt aber sicher nicht einer gewissen Ironie, die dem Buch aber nicht schadet, im Gegenteil. Und klar gibt es da einige Figuren und Konstellationen, die möglicherweise den realen nahe kommen. Das hat aber mehr mit der inneren Logik der gegenwärtigen Entwicklung in der Zeitungslandschaft zu tun und dem ökonomischen Druck, der in der Medienbranche herrscht. Der Roman geht viel weniger auf die realen, d.h. faktischen Verhältnisse ein, als man vielleicht denkt. Ich kenne die inneren Verhältnisse bei der BaZ bspw. viel zu wenig, auch wenn man viel Unschönes hört. Öl ins Feuer zu giessen würde bedeuten, ich hätte mit diesem Roman ganz bewusst auf die realen Verhältnisse in Basel Bezug nehmen wollen. Dem ist aber nicht so. Einmal ganz abgesehen davon, dass der Roman zuerst mal wahrgenommen werden müsste, wahrgenommen im  Sinn von „gelesen werden“. Sollte das Buch in der Tat als Brandbeschleuniger wahrgenommen werden, würde mich das wundern. Wenn dann wohl eher als ironischer Kommentar zu einer gegenwärtigen Entwicklung und Situation. Aber wie gesagt: Der Roman ist kein Reflex auf die realen Verhältnisse, wenn dann eher eine Ermunterung zur Auseinandersetzung mit den Bedingungen von glaubwürdig vermittelter Wahrheit und deren Fragilität.

img_0143Ralph Schröder, 1961 in Biel geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Basel. Nach Tätigkeiten u.a. als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter arbeitet er heute als Kommunikationsspezialist für das Kantonsspital Aarau. Ralph Schröder lebt in Basel. „Schweighausers Korrekturen“ ist sein erster Roman.

Webseite des Autors

In der Buchhandlung Johannes Heyn in Klagenfurt „Polarrot“

Es gibt sie noch, die besonderen Buchhandlungen. Es gibt sie überall, aber immer seltener. Buchhandlungen, bei denen ich als Kunde schon am Inhalt der Regale spüre, dass neben dem Bemühen, davon leben zu können, auch die Liebe zum Buch, zur Literatur, zum schönen, besonderen Buch durchschimmert. Es sind die Details, das Regal mit einheimischen Dichterinnen und Dichtern, die persönlichen Kommentare zu Büchern, die Kompetenz in der Beratung und hier in Klagenfurt, der Hauptstadt des Landes Kärnten, die Treppe ins Obergeschoss.

Dort in jener Buchhandlung leuchtete das Polarrot des Romans „Polarrot“, dem zweiten Roman des Schriftstellers Patrick Tschan. Ein Roman, der es wert ist, auch vier Jahre nach seinem Erscheinen noch einmal in Erinnerung gerufen zu werden: Köbi Breiter, ein armer Mann (mehr) aus dem Toggenburg (Tal im gebirgigen Süden des Kantons St. Gallen CH), arbeitet sich mit viel Geschick und Charme nach oben, bis an die Seite einer reichen Russin im noblen Palace Hotel in St. Moritz, wo er eigentlich bloss Angestellter ist und sich mit einem geliehenen Anzug zum glücklosen Heiratsschwindler macht. Er wird entlassen. Aber selbst im Büro des Hoteldirektors schafft es Breiter, die Katastrophe auf ein titelseite-neuMindestmass herunterzuhandeln. Was für jeden anderen Schule genug gewesen wäre, ist für Breiter das Zeichen „Jetzt erst recht!“. Er, nun Jack Breiter, wird Handlungsreisender in Farben eines Basler Chemiekonzerns und macht prächtig Umsatz mit dem Polarrot in den Fahnen und Wimpeln des nationalsozialistischen Nachbarn. Lässt sich Glück endlos strapazieren? Patrick Tschan erzählt eine erstaunliche Geschichte, fabuliert und fesselt, erzählt mit verblüffender Leichtigkeit und erzeugt derart Spannung, dass man das Buch nur ungern weglegt.

„Einen politisch derart unkorrekten Helden hat die Schweizer Literatur kaum je gesehen: Patrick Tschans Jack Breiter ist ein Hochstapler und ein Großmaul, er schmuggelt Geld und Gold und Menschen und schreckt auch nicht davor zurück, den Nazis das Rot für ihre Hakenkreuzfahne zu verkaufen -Tschan macht großes Kino.“ Alex Capus

ptweb2-e1438961673944Patrick Tschan, geboren 1962, lebt in Allschwil, Schweiz. Studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er führte in zahlreichen Theaterstücken Regie und war viele Jahre in der Werbung und Kommunikation tätig. Patrick Tschan ist Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussball-Nationalmannschaft. Beim Braumüller Verlag erschienen die Romane „Keller fehlt ein Wort“ (2011), „Polarrot“ (2012) und „Eine Reise später“ (2015).

Webseite des Autors

Er kam, siegte und ging. Christian Kracht

Christian Kracht hat ihn, den Preis. Und da er ihn hatte, ging er. Andere hätten gedankt, einige Worte an all jene gerichtet, die sein Buch gelesen hatten und durchaus mitfieberten. Zurück liess er ein ratloses Publikum.

83 Titel standen an, 5 schafften es auf die Shortlist. Zum 9. Mal und mit 30000 Franken dotiert. Nach einem Lesemarathon im In- und Ausland sassen die 5 Nominierten in der ersten Reihe, mit Sicherheit nicht alle ruhig und gelassen. Nachdem die letzten 5 in den letzten Wochen und Monaten heftigst img_0161besprochen, diskutiert, hoch gelobt und zerrissen wurden, während man andere Namen vermisste, bestach die Jury in ihrer Auswahl zum diesjährigen Schweizer Buchpreis durch Vielfalt, Besonder- und Eigenheiten. Der Buchpreis ist nicht das Fest des Siegers, des „übrig gebliebenen Buches“, sondern ein Fest der Literatur, des Buches, dem für einmal ausserordentlich viel Publikum lauscht, ganz anders als an all den Lesungen sonst, bei denen es manchmal nur ein Dutzend zu Veranstaltungen lockt.

Kurz vor Mittag, Sonntag, 13. November 2016. Nachdem alle 5 Nominierten ihrer Laudatio lauschten und freundlich mit dem Publikum applaudierten, positionierten sich Kameraleute und Fotografen vor der ersten Stuhlreihe, während ein Mann mit Kravatte in einer trockenen Mitteilung den Schweizer Buchpreisträger verkündete. Im Anschluss verriet mir die Nominierte Michèle Steinbeck: „Aufgeregt war ich nicht, bis auf diesen einen Moment, als sich die Sucher und Objektive auf mich richteten und ich mich bemühen musste, auf keinen Fall den Eindruck von Enttäuschung zu erzeugen. Enttäuschung, die es nie und nimmer gewesen wäre.“

Eine Preisverleihung mit überraschenden Nominierungen, aber wenig Überraschung über das finale Urteil der Jury. Christian Kracht, sich endlich seines Schals und Mantels entledigend, stieg auf die Bühne, umarmte die eine und den andern, versteckte sich hinter einem übergrossen Blumenstauss, warf einen Blick auf das „Urteil“ und verzog sich schnellstmöglich aus dem Gewimmel jener, die mit Gläsern auf eine paar Worte warteten. No comment!

(Titelbild: Werner Biegger)