Gerbrand Bakker «Der Sohn des Friseurs», Suhrkamp

Mit seinem Roman „Oben ist es still“ (dt, 2008) hat sich der niederländische Schriftsteller nicht nur bei mir tief ins literarische Bewusstsein gegraben. Da schreibt einer mit einem ganz eigenen Blick auf Menschen und Szenarien! Mit seinem neusten Roman „Der Sohn des Friseurs“ setzt Gerbrand Bakker noch einen drauf!

Da ist die Geschichte eines stillen Mannes, der in seiner Freizeit Stunden Länge um Länge im Hallenbad schwimmt, der den Friseursalon seines Grossvaters weiterführt und gerade so viel arbeitet, dass es reicht. Da ist die Geschichte eines Sohnes, der die Einmischungen seiner Mutter stoisch erträgt und auf die Fragen nach seinem Vater keine Antworten bekommt. Die Geschichte eines Kunden, eines Schriftstellers, der erst zaghaft nach Einblicken in die Arbeit eines Friseurs fragt und ein immer wichtigerer Teil im Leben des stillen Mannes wird. Und die Geschichte eines Vaters, der sich aus seinem Leben weggeschlichen, dem eine Katastrophe zu einem Neuanfang verholfen hat.

Gerbrand Bakker erzählt die unspektakulären Leben der kleinen Leute. Und weil er sich selbst auch zu ihnen zählt und ganz offensichtlich nichts am Hut hat mit kulturellem Klassenbewusstsein, ist auch der Schriftsteller, der sich in diese Geschichte mischt und unzweifelhaft seine Züge trägt, ein „kleiner Mann“. Einer, der seine Arbeit macht, gerade so viel, dass es reicht, so wie Simon in seinem Salon in der Stadt. Jener Schriftsteller, der sich zu Recherchezwecken so sehr für die Arbeit eines Friseurs interessiert, wurde mit einem Roman „Oben ist es still“ bekannt. Er ist einer neuen Geschichte auf der Spur, jener eines stillen Mannes, der in seiner Freizeit Stunden Länge um Länge im Hallenbad schwimmt.

Gerbrand Bakker «Der Sohn des Friseurs», Suhrkamp, 2024, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke, 285 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43158-0

In Simons Salon ist die Zeit stehengeblieben, alles noch immer so wie damals, als sein Vater aus dem Leben der Familie gerissen wurde, Opfer jener Flugzeugkatastrophe vom 27. März 1977, als eine Boing der KLM und einer der Pan American auf der Ferieninsel Teneriffa bei Nebel auf dem Flughafen Los Rodeos zusammenkrachten. Fast 600 Tote. Simons Mutter verweigert Antworten auf Fragen nach seinem Vater. Simons Mutter war damals schwanger, schwanger mit Simon. Und obwohl Simons Vater keine Erinnerungen generiert, bestimmt er immer wieder Simons Gedanken. Nicht zuletzt, weil sein Grossvater, der damals seinen Salon zu einem regelrechten Quartiertreffpunkt gemacht hatte und so ganz anders tickt wie er, immer wieder rätselhafte Andeutungen machte, beginnt Simon zaghaft eine Recherche.

Gerbrand Bakker erzählt aber auch die Geschichte des Vaters, der damals in einem jener Flugzeuge sass, aber eben nur vor dem Start auf der Ferieninsel, vor der tödlichen Katastrophe. Weggeschlichen aus einem Leben, das ihm zu vorgezeichnet erschien. Es hätten ein paar Tage mit einem Praktikanten aus dem Salon werden sollen. Es wurde ein ganzes Leben auf der Insel, in einem neuen Leben.
Und Gerbrand Bakker erzählt die Geschichte eines Schriftstellers, der auf der Suche nach einem neuen Stoff ist, der der Spur einer Geschichte folgt, der mehr und mehr vom Leben des vierzigjährigen Simons erfährt und sich nicht zuletzt von ihm hingezogen fühlt, sie beide ruhelose Seelen auf der Suche nach einer Spur. In Simons Wohnung über dem Salon, in dessen Schlafzimmer immer noch die eigerahmten Poster seiner grossen Schwimmidole hängen, stehen auch die Bücher des Schriftstellers. Obwohl sie erst nur höfliche Geschenke waren, beginnt Simon zu lesen. So nähern sich die beiden Männer an, verknoten sich mit ihren Geschichten.

„Der Sohn des Friseurs“ ist eine Geschichte, die sich selbst erzählt. Gerbrand Bakker erzählt von sich, von seinem Schreiben, nicht zuletzt vom Unerklärlichen des Literaturbetriebs, witzig dann, wenn er von einer Begegnung mit dem grossen Kehlmann erzählt, bescheiden dann, wenn er sich an der Übersteigerung seines Berufsstands stört. „Der Sohn des Friseurs“ ist Vater- Sohn- und Enkelgeschichte. Die Geschichte einer Familie, die eine Katastrophe zeichnete. Wie viel ist Bestimmung? Können wir uns so einfach verabschieden? Wer und was bestimmt, was wir tun? Gerbrand Bakker stellt seine Fragen ganz dezent, erzählt scheinbar locker und bleibt seinen Figuren freundschaftlich nah. Ein echter Bakker!

Gerbrand Bakker, 1962 geboren, lebt und arbeitet in Amsterdam und in der Eifel. Neben dem Schreiben ist er auch als Gärtner und hin und wieder als Eisschnelllauftrainer tätig. Seine Romane, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, sind vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Independent Foreign Fiction Prize und dem International IMPAC Dublin Literary Award.

Andreas Ecke hat neben Gerbrand Bakker, AutorInnen wie Saskia Goldschmidt und Ernest van der Kwast ins Deutsche übertragen. Er wurde mit dem Else-Otten-Übersetzerpreis und dem Europäischen Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Beitragsbild © Marc Brester

Mathijs Deen «Der Taucher», Mare

Vor den Nordseeinsel Amrum stösst das niederländische Bergungsschiff Freyra zufällig auf ein Wrack. Aber bei ersten Tauchgängen eines Roboters findet man nicht nur die auseinandergebrochene Hanne, sondern auch einen ertrunkenen, an die Reling gefesselten Taucher. Kommissar Liewe Cupido taucht!

Das Meer, so weit das Auge reicht. Manchmal ruhig, manchmal wild. Was an seiner Oberfläche rein und unberührt erscheint, birgt an seinem Grund einen Teppich aus Zeugnissen der Vergangenheit: Versenktes, Untergegangenes, Verlorenes, Entsorgtes, Vergessenes. Dass es Schätze zu bergen gibt, wissen wir. Dass sich Unternehmen auf die Bergung solcher Schätze spezialisieren und man sich mit Argwohn beobachtet, ist leicht nachvollziehbar. Jan Matz ist ein solcher, einer, dem seine Tauchgänge längst zur Obsession geworden sind, der in seinem Haus in der Küste, das von seiner Frau und seinen beiden Söhnen längst verlassen wurde, all die Dinge sammelt, die als Spuren auf dem Grund der See liegengeblieben sind. Einer, der vor der Insel Amrum den Kutter Hanne gefunden hat, mit Kupferplatten im Wert von einer Million. Aber wie soll ein Mann allein die tonnenschwere Fracht bergen und möglichst unerkannt an Land bringen?

Jan Matz schafft es nicht. Ganz im Gegenteil. Zufällig findet man ihn in seinem Taucheranzug, mit einer Handschelle an die Reeling der versunkenen Hanne gefesselt, den Schlüssel in Sichtweite für ihn nicht erreichbar, jämmerlich ertrunken. Man findet auch sein Schiff, gekentert und gerammt, weit weg von der Hanne, nimmt Ermittlungen auf, um festzustellen, dass Jan Matz ein Leben hinterliess, das längst in Schieflage geraten war. Eine Exfrau, die nichts mehr mit ihm zu tun haben will, ein älterer Sohn, der immer und immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommt, einen Mitschüler halbtot geschlagen hatte und einen jüngeren Sohn, der in seiner ganz eigenen Welt abgesunken ist.

Mathijs Deen «Der Taucher», Mare, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke, 2023, 320 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-86648-701-7

Die Ermittlungen im Fall Jan Matz übernimmt Kommissar Liewe Cupido, gebürtiger Deutscher, der aber auf der niederländischen Insel Texel aufgewachsen ist. Man nennt ihn deshalb den „Holländer“. Liewe hat etwas von einem einsamen Seebären, so wie Jan Matz, der tote Taucher. Beide arbeiten lieber für sich alleine, sind nur dann gegen ihren Willen Teamplayer, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Liewe Cupido einziger Begleiter ist sein Hund Vos, den er (fast) überall mitnimmt. Liewe nimmt Spuren auf. Tauchte Jan Matz allein, obwohl es Wochen gedauert hätte, bis das Kupfer geborgen worden wäre? Hat ihm sein Sohn geholfen, für den er immer wieder Alibis für all die krummen Dinger lieferte, mit denen er die Polizei auf Trab hällt? Liewe prallt auf eine Wand des Schweigens, findet aber auch Verbindungen zu einer Tat viel früher, jener verhängnisvollen Begegnung, die einen Jungen für den Rest seines Lebens ins Spital bringen sollte, zu einer Familie, die nicht erst mit jener Tat aus dem Tritt geworfen wurde. Liewe beisst sich fest, denn ein erfahrener Taucher lässt sich nicht so leicht in den Tiefen an eine Reeling fesseln.

Was die Qualitäten des Romans ausmacht, ist weder der Plot noch die kriminalistische Raffinesse. Mathijs Deen erzählt unaufgeregt von Menschen, die in den Stürmen des Schicksals vom Kurs abkommen. Jan Matz, der zum gefährdeten Eigenbrötler wird, sein Sohn, den eine Dummheit aus der Bahn wirft, eine Familie, die sich aus der Opferrolle zu winden versucht und der Ermittler selbst, der längst zu einem Exoplaneten geworden ist, der ausserhalb aller gewohnten Bahnen seine Kreise zieht. Es sind alles mehr oder weniger Gezeichnete, weder Helden noch Bösewichte. Mathijs Deen schafft es, dass ich als Leser für alle Sympathien hege, weil für alle Verständnis wächst.

In „Der Taucher“ wird weder die Tat, noch die dafür aufgewendete Gewalt zelebriert. Kein Pathos und kein Sieg über das Böse bringt die Geschichte zu einem Schluss, von Auflösung kann keine Rede sein. „Der Taucher“ ist ein Roman, der in die Tiefen der menschlichen Seele abtaucht, ein Roman, der beweist, wie viel Schicksal in den Teifen verborgen bleibt. Und „Der Taucher“ ist ein maritimer Roman, der eine salzige Brise in die Lektüre weht, weil Mathijs Deen seine Küste nicht nur zur Kulisse macht. Er nimmt mich mit. Ich tauche mit ihm ein.

Schon 2019 überzeugte mich Mathijs Deen mit seinem Roman „Unter den Menschen“, weil er es wie nur wenige andere schafft, sich in die Leben verlorener Seelen hineinzuschreiben. „Der Taucher“ mit der Genrebezeichnung Krimi zu ettiketieren, wird dem Roman in keiner Weise gerecht. 

Mathijs Deen auf der Insel Föhr

Interview

Du erzählst von Menschen, die in ihrem Leben vom Wind in eine Richtung getrieben wurden, die ihnen das Ruder genommen hat. Auch Dein Ermitter ist weder Held noch Genie. Hinter ihm verbirgt sich eine Geschichte, eine Geschichte, die nur zaghaft zum Vorschein kommt. Sparst Du so für weitere Bücher?
Da mein Hamburger Verlag möchte, dass ich mehrere Bände schreibe, brauche ich tatsächlich eine Geschichte, die über die einzelnen Teile hinausgeht.  
Für mich ist das Schreiben über Liewe Cupido auch ein Versuch, ihn zu verstehen, zu ihm durchzudringen. Das ist in seinem Fall nicht einfach. Er ist ein verschlossener Mensch, und selbst für mich ist es nicht einfach herauszufinden, was ihn antreibt oder was ihm passiert ist.
Trotzdem denke ich gelegentlich voraus. Im ersten Teil habe ich ihm eine dramatische Kindheitserinnerung und einen Hund gegeben. Damit schaffe ich Möglichkeiten, die ich in weiteren Teilen ausnutzen kann. Der Hund führt ihn z. B. zu Miriam. Und wer weiss wo Miriam ihn führt.

Auszug aus dem Schiffstagebuch des deutschen Fischdampfers «Rotersand» vom 17. September 1950

Ganz offensichtlich ist Dir die Welt der Seeleute alles andere als fremd, denn nichts an Deiner Geschichte riecht nach Recherche.
Sicherlich habe ich ein paar Dinge recherchiert. Ich habe mit Tauchern, Fischern, Seeleuten und anderen Inselbewohnern gesprochen. Diese Gespräche habe ich fast alle in das Buch verwoben. 
Ausserdem habe ich das Manuskript von einem Wracktaucher lesen lassen, damit er mich vor Fehlern bewahren könnte. Ich bin selber kein Taucher, genauso wenig wie ich ein Extrem-Wattwanderer bin. Aber ich habe Leute interviewt, die es sind, und ihre Geschichten dankbar verwendet.
Und ja, ich kenne das Meer bis zu einem gewissen Grad. Mein Schwiegervater war Kapitän zur See, meine Frau und ich leben mehrere Tage in der Woche auf der Insel Texel und ich bin selbst einige Male auf dem Meer gesegelt.

Wrackteile vor dem Clubhaus «Duikclub Costa Rica»

Liewe Cupido wird mit seiner eigenen Geschichte konfroniert. Eine Situation, die wir kennen; Plötzlich taucht wie aus dem Nichts ein Stück Vergangenheit auf. Ein Gegenstand, ein Bild. Krimis sind vordergründig Entschlüsselungsgeschichten – aber eigentlich doch alle Geschichten, die erzählt oder geschrieben werden. Tauchst Du selbst? Und ist nicht das ein Reiz des Tauchens, an jenen Zeugen der Vergangenheit in der Stille des Meeres vorbeizutauchen? Ist meine Sicht verklärt?
Ich weiss von Tauchern, dass es eine Reise ist, zwar nicht in Outer Space, aber doch in eine andere Welt, die sich anders anfühlt, eine Welt der Stille und Schwerelosigkeit. Tauchen ist Schweben, Tauchen ist Fliegen. Es ist keine Reise in Outer Space, sondern in Inner Space.
Es ist eine Welt losgelöst von der Geschichte, weil sie zeitlos ist, und andere Naturgesetze wirksam sind. In so eine Umgebung ist ein Wrack wie ein Fremdkörper, wie eine vom Himmel herabgestiegene Geschichte, ein Relikt der Zeit in einem zeitlosen Universum. Ein Wrack ist eine ausgelöschte Geschichte. Das Meer rückt alles ins rechte Licht.

aus den Schrank von Wracktaucher Jan Matz

Ist das Muster eines solchen Romans schon zu Beginn gezeichnet, zäumst Du das Pferd von hinten oder lässt Du dich leiten von den Geschichten selbst?
Ich versuche so zu schreiben, dass die Szenen, die ich im Buch inszeniere, nicht nur funktional sind, dass meine Erzählung etwas mehr ist als ein verschlungener Pfad vom Verbrechen zur Auflösung der Handlung. Wie ich das mache, habe ich nicht vorher ausgedacht.
Ein Beispiel: Wenn Sil van Hee, der einen toten Taucher auf einem Wrack gefunden hat, sich fragt, was er mit der Situation anfangen soll, und reflexartig die Polizei auf seiner Insel anruft, kommt dieser Anruf nicht auf einem Polizeirevier bei einem Polizisten an, der an seinem Schreibtisch sitzt, sondern bei einer Polizistin, die selbst eine Vergangenheit hat, die keine Insulanerin ist und die in diesem Moment einer verwirrten alten Frau hilft, die ihrerseits in ihre eigene Geschichte verstrickt ist.
Das sind Szenen, die mir nebenbei passieren und die hoffentlich dazu führen, dass es in meinem Buch nicht nur um einen Mordfall, einen Ermittler und einen Verbrecher geht, sondern vor allem um Menschen und ihr Leben, ihre Ängste und Sehnsüchte, ihr Glück und ihre Traurigkeit. Der Mordfall selbst, offen gestanden, interessiert mich nicht echt. Ich habe darüber kaum Einfälle oder Fantasien. 

Das Bergungsschiff «Freya»

Mathijs Deen, geboren 1962, ist Schriftsteller und Hörfunkautor. Er veröffentlichte Romane, Kolumnen und einen Band mit Kurzgeschichten, der für den renommierten AKO-Literaturpreis nominiert war. 2018 wurde ihm für die literarische Qualität seines Werks der Halewijnpreis verliehen. Bei mare erschien von ihm zuletzt 2022 «Der Holländer», der erste Fall für Liewe Cupido, der von Publikum und Presse begeistert aufgenommen wurde.

«Unter Menschen» von Mathijs Deen, Rezension auf literaturblatt.ch

Andreas Ecke, 1957 in Wuppertal geboren, studierte Germanistik, Niederlandistik und Musikwissenschaft. Er übertrug u. a. Bücher von Geert Mak, Cees Nooteboom und Bert Wagendorp ins Deutsche. Für seine Übersetzung des Romans «Oben ist es still» von Gerbrand Bakker erhielt er 2010 den Else-Otten-Übersetzerpreis, 2016 wurde er mit dem Europäischen Übersetzerpreis ausgezeichnet. 

Beitragsbild © Mathias Bothor

Mathijs Deen «Unter Menschen», mare

Noch ist der niederländische Schriftsteller Mathijs Deen im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt. Das müsste sich mit seinem Roman «Unter den Menschen» ändern, weil in einer Art und Weise erzählt wird, die in Sprache, Konstruktion, Inszenierung und Intensität gleichsam betörend und bestechend wirkt. Der Roman erinnert an den grossen Gerbrand Bakker mit seinem Meisterwerk «Oben ist es still».

Irene hat auf eine Annonce von Jan reagiert. Nur nicht mit ihrem richtigen Namen. Sie nennt sich Will, hat es auch mit anderen Namen an Jans Anschrift adressiert probiert. Aber Jan will Will. Weil es nach dem plötzlichen Tod von Jans Eltern zu ruhig auf dem Hof hinter dem Deich geworden ist.
Irene will eine Welt, die ihr entglitten ist, hinter sich bringen, will vergessen. Und Jan weiss, dass er es in den langen Wintern erst recht nicht aushalten wird, wenn ein Gegenüber genauso fehlt wie eine Aufgabe auf dem Hof.

Ich führte mit Mathijs Deen ein Interview:

Ein Fleck am Meer, hinter einem Deich. Zwei Menschen versuchen es. Der Deich schützt und ermöglicht das Leben am Meer. Die Routine, das Gewohnte schützen Jan – und Lügen Wil, die eigentlich Irene heisst, vor Konfrontationen in ihrem Leben. Ist es die Angst vor dem, was da ist, was nicht zu leugnen wäre, wie das Meer hinter dem Deich? „Unter den Menschen“ klingt als Titel wie der zweite Teil des Unausgesprochenen; Einsamkeit unter den Menschen, Missverständnisse unter den Menschen, Stille unter den Menschen… Kann man jemand anderen jemals verstehen?

Die Idee für die Kulisse des Romans ist entstanden, als ich als Radiojournalist viel im Norden des Provinz Groningen herumgereist bin und die isolierten Bauernhöfe am Deich in den Poldern liegen sah. Ein Kollege machte in dieser Zeit ein Interview mit einen Ehepaar, das viele Jahre in so einem isolierten Haus unter dem Deich gewohnt hatte, jetzt aber in ein Seniorenheim gezogen war. Er hat sie gefragt, wie sie beide auf das Leben zurückschauten, und da hat der Mann geantwortet, er vermisse das Meer, und die Frau antwortete, sie vermisse das Land. Ihr ganzes Leben lang hatten die beiden in die andere Richtung geschaut.
So einen Startpunkt in so einer offenen Kulisse, das fand ich schön. 

Da brauen sich Stürme zusammen, solche, die aus der Vergangenheit nie ganz vergessen und überwunden wurden, Stürme über dem Meer, Stürme zwischen dem Mann und der Frau. Stürme, die ausbrechen und wieder abflauen. Wussten Sie während des Schreibens immer, wohin Sie die Geschichte trägt.

Jan nähert sich den Problemen des Lebens von der Tradition heraus, Wil vom Willen heraus. Jan strebt nach Kontinuität, Wil nach einem Neuanfang.
Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, wusste ich nicht, wie es enden würde. 

Jan und Irene sind Archetypen. Irene versucht, wonach sich viele sehnen; einen klaren Bruch, einen Neuanfang. Und Jan ist der, den erst ein Sturm aus den gewohnten Bahnen reissen kann. Wollten Sie die Extreme aneinander „austesten“?

Ich wollte tatsächlich «die Extreme aneinander austesten», wie Sie observiert haben. Nach und nach lernte ich, Jan und Wil zu lieben, natürlich weil sie beide einen Teil meiner Persönlichkeit repräsentieren: ein innerer Kampf zwischen ‹wer ich bin›, und ‹wer ich sein möchte›.
Wenn am Ende des Buches die Natur selbst das Ruder übernimmt und ein Kind geboren wird, kommen die beiden für einen Moment zusammen. Für Jan bedeutet es, dass er Wil akzeptieren muss, wie sie ist (Irene), und für Wil bedeutet es, dass sie akzeptieren muss, dass es Momente gibt, in denen sie die Kontrolle verliert. Vielleicht überflüssig zu sagen: Wil auf niederländisch bedeutet auch: Wille. Und Irene bedeutet Frieden.
Der Schnee macht die beiden Welten diesseits und jenseits des Deiches gleich.

„Unter den Menschen“ ist ein Kammerspiel; mehr oder weniger zwei Akteure, wenig Kulisse, dafür viel Horizont. Kein Wunder soll ein Film daraus werden. Sie kennen den Ort hinter der Düne genau, ebenso die Menschen, die Gegensätze zwischen Unberechenbarkeit und Gleichförmigkeit, sei es in der Kulisse oder beim Personal. Wo lag der Ursprung dieses Buches?

Dass Sie Jan und Wil als Manifestationen von Unberechenbarkeit (Wil/Meer) und Gleichförmigkeit (Jan/Land) charakterisieren, ist eine tolle Beobachtung. Ein isoliertes Haus in einer Umgebung, wo zwei sich ausschliessende Welten koexistieren, aber dennoch streng getrennt sind. Der Deich trennt die beiden Welten, ermöglicht jedoch gleichzeitig, dass sie zusammenleben. Die ideale Kulisse für eine Geschichte, in der zwei Menschen versuchen, sich mit dem Leben und miteinander abzufinden.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, stellte sich genau jenes Glücksgefühl ein, worauf ich beim Lesen stets hoffe. Ich war da, liess die Geschichte und die Protagonisten nicht gerne ziehen, bin Teil des Geschehens geworden, habe mich von Sprache, Stimmung und Bildern betören und bewegen lassen. Vielleicht liegt es daran, dass Sie mit „kleinen“ Gesten Grosses erzählen, dass nicht alles ausgemalt wird, Leerstellen bleiben. Haben Sie nicht Angst, dass der Zauber bei einer Verfilmung verloren gehen könnte?

Ich habe mir vorgenommen, mich nicht einzumischen. Für mich sind ein Buch und ein Film zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ich weiss schon jetzt, dass der Regisseur die Geschichte in eine ganz andere Kulisse verschieben will, und Jan und Wil etwa andere Berufe bekommen. Ich bin gespannt. Ich kenne die Regisseurin und ich habe Vertrauen in sie. Grossartig, dass aus meinem Buch eine neue Geschichte entstehen kann. «Unter den Menschen» schreiben hat mich gelehrt, dass es kein Problem ist, wenn man die Kontrolle verliert. Dass da sehr schöne neue Dinge entstehen können.

Leben ist das permanente Zugeständnis, die Kontrolle zu verlieren. Ist die Geschichte, der Roman ein Bild ihrer eigenen Sehnsüchte und Ängste?

Sie fragen nach meinen eigenen Sehnsüchten und Ängsten. Man kann immer eine Menge darüber sagen, aber oft weiss der Schriftsteller selbst auch nicht, aus welchem dunklen Keller die Sätze ins Licht klettern. Was entsteht, ist eine Geschichte, die auf eigenen Beinen stehen kann.
Es hat mir gefallen, dass Jan einfach er selbst bleibt, und in seiner Beziehung zu Wil einfach seiner Erziehung, seiner Herkunft, seiner Empathie und seinen Wünsche vertraut. Aber ich glaube, dass es in mir einen unruhigen und rebellischen Kern gibt, der eher Wil ähnelt. Was die vergebliche Suche nach dem Kern der eigenen Persönlichkeit angeht, und die ständigen Versuche, sich mit dem immer mitreisenden Unglück und Ängsten zu versöhnen, bin ich Wil ähnlich.

Lesen Sie dieses Buch. Es wird lange nachklingen!

Mathijs Deen, geboren 1962, ist Schriftsteller und Radioproduzent. Zu den von ihm veröffentlichten Büchern zählen Romane, Kolumnensammlungen und ein Band mit Kurzgeschichten. Unter den Menschen erschien erstmals 1997 und wurde 2016 in einer überarbeiteten Fassung als Wiederentdeckung gefeiert, in deren Zug auch die Filmrechte verkauft wurden.

Der Übersetzer Andreas Ecke, 1957 in Wuppertal geboren, studierte Germanistik, Niederlandistik und Musikwissenschaft und arbeitete viele Jahre als Buchhändler. Er übersetzte u. a. Bücher von P. F. Thomése, Geert Mak, Cees Nooteboom, Otto de Kat und Gerbrand Bakker ins Deutsche. Für seine Übersetzung des Romans Oben ist es still von Bakker erhielt er 2010 den Else-Otten-Übersetzerpreis, 2016 den Europäischen Übersetzerpreis. Ecke lebt in Bonn.

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