Lukas Sam Schreiber «Aitutaki-Blues», Goldmann

Mit 60 brach mit der Diagnose Alzheimer eine sich langsam abwickelnde Katastrophe ins Leben der Schriftstellerin Claudia Schreiber. Eine Katastrophe für sie und ihre Familie. Zusammen mit ihrem Sohn Lukas unternahm die Autorin 2019 eine letzte grosse Reise ans andere Ende der Welt.

Ich lernte die Schriftstellerin Claudia Schreiber 2013 persönlich kennen, als ich mich nach der Lektüre ihrer Bücher traute, ihr zu schreiben und von meinen Leseerlebnissen schwärmte. Genau in jenem Jahr inszenierte das Theater Konstanz ein Stück für Kinder, das aus einem ihrer Bilderbücher entstand; „Sultan und Kotzbrocken“. Und weil die Kölner Schriftstellerin beabsichtigte, eine der Vorstellungen zu besuchen und für ein paar Tage bei einer Freundin in Friedrichshafen wohnte, machte sie den Vorschlage, ob ich nicht Lust hätte, eine Lesung in der Schweiz zu organisieren. Weil ich zusammen mit meiner Frau damals schon Hauslesungen in unserem Wohnzimmer durchführte, taten wir dies mit Freude auch mit Claudia Schreiber. Und weil die Begeisterung für diese Autorin überschwappte, war die Stube rappelvoll, als Claudia Schreiber mit ihrer Freundin vorfuhr. Sie las aus ihrem Roman „Süss wie Schattenmorellen“, ein Roman, von dem ich erst viel später erfuhr, wie viel Eigenes darin zu Literatur wurde.

Aus dem Besuch damals wurde eine Freundschaft. 2019 kam sie noch einmal auf einer Lesereise in den Süden bis nach Überlingen, wo wir viel Zeit bei Spaziergängen und in Restaurants verbrachten und sie mir von ihrer Diagnose Alzheimer erzählte. Gespräche, die mich mehr als traurig machten, weil sie durch nichts zu trösten waren. Alzheimer lässt keine Hoffnung, ist unbarmherzig. Ich kenne kaum jemanden, die oder der fähiger gewesen wäre, den Kampf aufzunehmen. Claudia Schreiber hatte viele Kämpfe aufgenommen und wenn auch mit vielen Niederlagen stets den Kopf oben behalten. Alzheimer aber gibt niemandem eine Chance.

«Das Vergessen ist für mich wie Wasser, das wegrinnt. Die Gedanken fliessen unweigerlich aus meinem Kopf. Ich wünschte, ich könnte es …aber ich kann das Loch nicht stopfen. Ich habe überhaupt keine Erinnerung an irgendwas.»

Im Sommer 2021 besuchte ich sie ein letztes Mal. Mit dem Fahrrad. Ich gab mir zehn Tage Zeit, von Basel bis Köln. Zehn Tage, die ich brauchte, um mich auf die Tage zusammen mit ihr vorzubereiten. Ich hatte mir ein Zimmer ganz in der Nähe ihrer Wohnung gebucht, hatte am Abend vor dem ausgemachten Klingeln an ihrer Wohnungstür vom Strampeln erschöpft eingecheckt und in der Nacht danach schlecht geschlafen. Die Tage mit ihr waren ein grosses Geschenk. Aber als wir uns verabschiedeten und am letzten Abend mit einem Glas Wein anstiessen, hatte der Abschied etwas Endgültiges. Sie würde auf eine Reise gehen, von der es kein Zurück gibt, in eine Zukunft ohne Vergangenheit, hinein in eine grosse Leere.

Lukas Sam Schreiber «Aitutaki-Blues», Golmann, 2022, 224 Seiten, CHF 25.90, ISBN 978-3-442-14285-9

Damals, als ich die Tage mit Claudia Schreiber verbrachte, war die gemeinsame Reise mit einem ihrer beiden Söhne, mit Lukas, kein Thema mehr. Claudia hatte die Reise vergessen, oder mir gegenüber mit keiner Silbe erwähnt. Die Reise auf eine kleine Insel, Aitutaki, ihre Wunschreise ans andere Ende der Welt. Und weil ich kein Potcast-Konsument bin und Sam Lukas Schreibers Hörgeschichte an mir vorbeiging, musste die Geschichte dieser Reise als Buch zu mir kommen. Ein Buch, das keinen literarischen Anspruch erfüllen will, aber die Geschichte vieler Reisen erzählt, auch von einer, von der es kein Zurück gibt.

«Claudias brillantes Hirn ist inkontinent geworden. Die Welt wirft ihr tausend Sachen in den Schoss und sie kann die Dinge nicht mehr halten. Dabei findet alles, was wir empfinden und als unser Leben wahrnehmen, doch in unserem Kopf statt. Wir sind nur das. Claudia zieht in eine Welt, die ich nicht kennen kann.»

Claudia Schreiber schrieb ihr Leben lang, zuerst als erfolgreiche Mitarbeiterin im Hörfunk, später als Schriftstellerin. Eine Frau, die von ihrem Leben schrieb, die das Schreiben als Lebenselexier brauchte, die aber auch wirtschaftlich davon abhängig war, in einigermassen regelmässigen Abständen ein Buch herauszugeben und auf Lesereise zu gehen. Dass sie mit ihrer Krankheit genau diese Fähigkeit verliert, dass ausgerechnet sie, die immer unabhängig und proaktiv war, zunehmend abhängig und orientierungslos wird, an Kleinigkeiten verzweifelnd, muss sowohl für die Betroffenen wie für die Angehörigen schrecklich sein. Claudia Schreiber hat sich aus einer baptistischen Vergangenheit geschält, die Übergriffe eines dominaten Vaters ein Leben lang mit sich herumgeschleppt, zwei Söhne grossgezogen, zehn Bücher geschieben und mit der preisgekrönten Verfilmung ihres Roman „Emmas Glück“ grosse Höhepunkte erlebt. Heute schreibt Claudia Schreiber nicht einmal mehr Notizen, führt aber noch immer Gespräche mit ihrer Familie, wenn die Themen auch immer wieder die selben sind; der Tod, das Verblöden, die Angst und der Zorn.

„Aitutaki blues“ ist der Reisebericht des Sohnes, eine Reise mit seiner an Alzheimer erkrankten Mutter. Eine Reise, von der die Mutter ein Leben lang sprach, manchmal als Wunsch, manchmal als Drohung. Und als die Diagnose wie ein Komet in das Leben der Familie einschlug, fasste sich Lukas ein Herz und trat die Reise an, solange die Mutter noch etwas davon haben würde. Eine Reise ins Ungewisse, ein Stück auf einem unendlich langen Abschied von seiner Mutter, ein Stück Nähe, das Geschenk einer paradiesischen Erinnerung. „Aitutaki blues“ ist Auseinandersetzung mit den sich immer wiederholenen Gesprächen über das Sterben, das Versinken, das Verschwinden. „Aitutaki blues“ ist der Liebesbeweis eines Sohnes, einer Familie, an eine Mutter und Freundin, die alles gegeben hat.

Claudia Schreibers Bücher sind noch immer lesenswert! Ob „Emmas Glück“, eine tragikomische Liebesgeschichte von der Schweinezüchterin Emma, die im Wrack eines Ferraris einen bewusstlosen Mann und eine Plastiktüte voller Dollarnoten findet: endlich ein Mann und genügend Geld, um ihren verschuldeten Hof zu retten. Ober „Süss wie Schattenmorellen“, die Reifung eines Mädchens zur Frau, umgeben von kuriosen Figuren. Oder „Goldregenrausch“, die Abrechnung mit einer Familie, bei der nur Arbeit und Erfolg zählt. Oder die beiden „Sultan und Kotzbrocken“ Bilderbücher, die allen Witz der Autorin auf den Punkt bringen!

Interview:

Das Buch ist Teil eines langen Abschieds. Oft gibt es keinen Abschied. Menschen sterben einfach weg. Tröstet dich dein eigenes Buch?
Ich würde sagen Ja. Auch weil ich mich ihr im Schreibprozess wahnsinnig nahe gefühlt habe. Das war ihre Leidenschaft, ihr Instrument – und das auf eine intensive Art zu erleben hat mich nochmal ganz anders verstehen lassen, welche Arbeit sie hatte. Teilweise war es auch echt zäh und schwer, nicht emotional abzuschalten, weil es teils auch echt schwer war so in die Gefühle reinzugehen. Letztendlich bin ich sehr dankbar, dass ich das Buch geschrieben habe.

Stellt sich irgendwann Resignation ein? Bei dir? Bei deiner Mutter?
Definitiv. Ist auch gar nicht zu verhindern. Sie ist ja nicht nur krank. Es strahlt auf alles aus. Das Familienleben, Feste, den Alltag, ihr Essverhalten, die psychische Verfassung aller Angehörigen, Freunde die bleiben & Freunde die nicht mehr bleiben können. Manchmal kann man nur resignieren und weitermachen. Lachen geht trotzdem immer. Meistens ist es sogar das Einzige, dass Licht bringt.

Bildet man als Sohn einer an Alzheimer erkrankten Schriftstellerin nicht auch irgendwann eine Art Schale, einen Abwehrmechanismus, vielleicht sogar einen gewissen Zorn, weil man nicht dauernd darauf reduziert werden will? Auch als Fachmann im „Umgang mit dieser Krankheit“?
Nein, zum Glück nicht. Das war ein Lebensabschnitt. Ich denk oft an ein Gedicht von Bukowski «Roll the Dice»: ‹If you’re going to try, go all the way. You will ride life straight to perfect laughter. It’s the only good fight there is». Wenn man das Buch schreibt, dann macht man es richtig. Mit allem was dazu gehört. Gut und schlecht. Das habe ich mir so ausgesucht. Das ist unser Familienhandwerk. Wir sind die Schreibers. Da wird aufgeschrieben und erzählt. Bis keiner mehr zuhören will.

Wäre Lukas Schreiber heute ein anderer, hätte es diese Krankheit in seiner Familie nicht gegeben? Was bedeutet diese Krankheit für Dich, Deine Zukunft?
Zu eintausend Prozent. Ich hatte mal eine Phase, in der ich mich sehr schuldig gefühlt habe, da ich den Eindruck hatte – dass die Dinge sogar insgesamt besser geworden sind durch die Krankheit. Ein viel engeres Verhältnis zu meinem Vater, meinem Bruder, anderen Verwandten. Eine tiefe Verbindung zum Leben und zum Tod. Eine Sehnsucht, das Leben intensivst zu lieben. Alles mitzunehmen auf eine verantwortungsvolle Art und Weise. Ich habe ausgerechnet auf Aitutaki zum ersten Mal Camus gelesen. Das ist in mein Herz gesprintet wie nichts Anderes. ‹One must imagine Sisyphus smiling›. 

Ich vermisse meine Mutter wie sie war. Vermisse jeden Tag ihre Ratschläge, die jetzt nicht mehr kommen. Ihre nicht zu bändigende Kraft. Ihre Arbeitswut. Ihr Lachen ist zum Glück geblieben. Und dann weiß man, dass es schlimmer werden wird mit der Krankheit. Ich würde sagen, darauf sind wir vorbereitet. Und so viele schöne Momente wir bis dahin noch erleben dürfen, desto besser

Ich fahre Claudia in einigen Wochen zu einer Theateraufführung von ihrem Buch «Goldregenrausch». Wird sie verstehen, was auf der Bühne passiert? Wird sie sich wenige Stunden danach noch an eine einzelne Szene erinnern? Nein. Ist es das trotzdem wert? Auf jeden Fall!

Danke Lukas!
© Jens Oellermann

Lukas Sam Schreiber, geboren 1991, ist Podcastproduzent. Er ist viel rumgekommen in der Welt, doch die weite Reise zum Atoll Aitutaki hat ihn am nachhaltigsten bewegt – vor allem wegen seiner Reisebegleitungen: seine Mutter Claudia und ihr Alzheimer. Seither denkt Lukas über vieles anders, vor allem über das Leben und den Tod.

Claudia Schreiber, geboren 1958, studierte Kommunikationswissenschaften und Pädagogik in Göttingen und Mainz, war für den SWF3 und das ZDF tätig, bevor sie mit ihrer Familie für sieben Jahre nach Moskau und Brüssel zog. Danach arbeitete sie bis zu ihrer Alzheimerdiagnose mit Anfang sechzig als Autorin und Journalistin in Köln. Claudia Schreiber hat fünfzehn Romane und Kinderbücher geschrieben. Ihr bekanntestes Werk ist der mehrfach ausgezeichnete Roman »Emmas Glück«, der in neun Sprachen übersetzt und mit Jördis Triebel und Jürgen Vogel in den Hauptrollen verfilmt wurde.

Rezension von «Goldregenrausch» auf literaturblatt.ch

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