Thomas Röthlisberger «Steine zählen», edition bücherlese #SchweizerBuchpreis 22/3

Ein alter Mann, eine Kaninchenpistole, ein Polizist und doch kein Krimi. Thomas Röthlisberger beweist, dass man mit sämtlichen Ingredienzen eines Krimis nicht unweigerlich einen solchen daraus entstehen lassen muss. „Steine zählen“ ist ein Roman über das Erstarren in Sackgassen.

Matti wohnt in einer in Schräglage geratenen Bauernkate in der Nähe des Vehkajärvi-Sees im Süden Finnlands, weit ab vom Schuss. Ausser einem Hund gibt es keine Tiere mehr auf dem Hof. Die letzten waren ein paar Hühner, die der Fuchs holte. Der Maschendrahtzaun ist niedergerissen und rostig. Matti sitzt in der Küche mit seinem besten Freund, dem Alkohol und zerdrückt die toten Fliegen auf seinem zugestellten Küchentisch. Irgendwie ist auch er eine der Fliegen, die das Leben zerquetschte. Von seiner Kraft ist nichts geblieben. Und seit seine Frau Märta den Hof verliess, ihn selbst hatte sie schon lange verlassen, sind nicht nur die Flaschen auf dem Küchentisch stehen geblieben. Und weil er, der kaum mehr etwas ohne seine Brille sieht, das Gewehr in die Hand nahm, als sich Märta davonmachte, das Gewehr, das eigentlich bloss auf den Fuchs wartete, der sich auch ohne Hühner noch immer auf dem Gelände herumtrieb, und sich ein Schuss löste, von dem Märta nicht wissen konnte, wie nah die Kugel an ihr vorbeisauste, taucht auch noch die Polizei auf. Henrik, der lokale Polizeibeamte.

Von Matti Nieminen ist nicht viel geblieben. Ein verkorktes Leben, ein Körper, der zu nichts mehr taugt, eine Frau, die ihn verliess, ein Sohn, der nur auftaucht, wenn er Geld braucht und die Gewissheit, dem verkrusteten Panzer nie mehr entfliehen zu können. Selbst der Hund zieht vor ihm den Schwanz ein.

Thomas Röthlisberger «Steine zählen», edition bücherlese, 2022, 176 Seiten, CHR 30.90, ISBN 978-3-906907-55-0

Aber auch für Märta, die Frau, die vierzig Jahre an seiner Seite aushielt, ist die Flucht vom Hof keine Befreiung. Die hätte Jahrzehnte früher stattfinden sollen, wahrscheinlich schon vor der überstürzten Heirat mit Matti, der ihr Jahre nachgestiegen war, den sie nicht wollte, dann aber haben musste, weil in ihr etwas wuchs, das nicht sein durfte. Sie ist im Gästezimmer ihrer Schwester gestrandet, die ihr die Katastrophe schon immer prophezeite und nie an die Redlichkeit jenes Mannes glaubte, der schon damals dem Alkohol näher stand als den Menschen. Eigentlich hätte es Pekka sein sollen, damals. Aber Martas Eltern, ihr Vater polterten unmissverständlich. Und als sich Pekka mit dem ganzen Dorf anlegte und mit Protz und Pomp im Dorf auftauchte, als man ihn in seiner Bank unlauterer Geschäfte überführte, war die Sache gelaufen, aller Versprechen zum Trotz.

Und da ist noch Olli, Märtas Sohn, das Kind, mit dem sie schon bei der Trauung mit Matti schwanger war, von dem niemand wissen durfte, nur der Arzt, der ihr eine „Frühgeburt“ diagnostizierte. Auch Olli schaffte es nicht. Vierzig und im Elend, manchmal bekifft, machmal nur betrunken, ohne Arbeit, von seiner Freundin sitzen gelassen. Matti wusste immer, dass Olli nicht das Resultat seiner Manneskraft war. Olli lebt von der Sozialhilfe und wenn das Geld zu gar nichts mehr reicht, macht er sich zum Hof in der Nähe des Vehkajärvi-Sees auf, in der Hoffnung, dass ihm seine Mutter etwas zusteckt. Von Matti gibt es nichts, schon gar kein Geld.

Am Schluss des Romans liegt Matti in einer Blutlache vor seinem Haus im Dreck. Er lebt noch. Und Hendrik, der Polizist, muss herausfinden, ob es wirklich ein Suizidversuch war.

Thomas Röthlisbergers Roman „Steine zählen“ ist hartes Brot. Wer wie Matti alt ist und ahnt, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde, resümiert. Aber in Mattis Leben gibt es bloss Steine. Die auf dem Hof kickt er weg, wenn er nicht mit dem Stock nicht hängen bleibt. Aber eigentlich bleibt jeder Stein. Steine in der Erinnerung, Steine im Herzen, Steine im Bauch. Als ob nie mehr richtig Licht in das Leben jenes Mannes dringen würde. Ein finnischer Winter. Irgendwann bleiben die Chancen aus, dem Leben eine andere Richtung zu geben. Irgendwann hat die Ödnis einem im Würgegriff.
Thomas Röthlisberger schreibt sich in ein Setting hinein, dass sich wie eine Seelen-Dystopie liest. Und Thomas Röthlisberger kann es!!!

Interview

Hätte Ihr Roman nicht auch im Toggenburg oder im Kandertal spielen können? Warum der finnische Süden? Was verbindet Sie mit Finnland?
Eine Frage, die ich häufig zu hören bekomme (Schliesslich habe ich bisher bereits vier Romane geschrieben, die «dort oben» spielen, der letzte liegt über 15 Jahre zurück). Aber die Frage ist sicher berechtigt – ich habe gerade bei «Steine zählen» nach der ersten Niederschrift versucht, die Geschichte aus dem Norden herauszulösen. Naheliegend wäre für mich aus familiärer Hinsicht das Emmental gewesen. Ich machte mir eine Liste mit den Namen der finnischen Protagonisten und der Örtlichkeiten und gab ihnen hiesige Namen. Aber die Landschaft funktionierte als Hintergrund und Kulisse nicht, und die Menschen, die plötzlich wie bei Gotthelf hiessen und sich durch eine enge Voralpenlandschaft bewegten, erinnerten mich an eine Art Heimatliteratur, mit der ich mich nie wirklich anfreunden konnte. Die Charaktere, die ich in den (engen) Weiten Finnlands angetroffen hatte, liessen sich weder mit ihrem Naturell, noch mit der Landschaft hierher verpflanzen. Die Liste, die ich angefertigt hatte, öffnete mir die Augen und räumte radikal mit den eigenen Zweifeln auf (ich vernichtete die Liste deshalb sehr rasch wieder).
Schon nach dem ersten Aufenthalt in Finnland wusste ich, dass da noch mehrere folgen würden. Was mich mit Finnland verbindet? Sibelius, Alvar Aalto, Kaurismäki, die Leningrad Cowboys und Nightwish. Aber ganz abgesehen davon reicht ein Blick auf den Buchumschlag an, diese einmalige Stimmung an den Sommerabenden, das reicht, um eine seltsame, melancholische Sehnsucht auszulösen. Aber dann gibt es auf der anderen Seite des Sees das dunkle Ufer, den Wald, der das Licht verschluckt und wo, wie man ahnt, Menschen wohnen, die nicht nur wegen diesem Sonnenuntergang hier leben. Trotzdem figuriert Finnland an der Spitze, wenn es darum geht, welche Staatsbürger im eigenen Land am glücklichsten sind …

Matti ist ein Gespenst seiner selbst geworden. Einsam, eingeschlossen, ausgeschlossen. Wenn er über den Platz vor seinem Haus schlurft, kickt er Steine weg, Steine, die aber irgendwie immer wieder da sind. Die Steine in seinem Leben sind zu unverrückbaren Felsbrocken geworden. Ist Schreiben nicht auch eine Form von Steine zählen?
Literatur ist häufig Arbeit im Steinbruch, ein Suchen nach dem optimalen Stein, ein Darstellen und Verschieben von eigenen und fremden Steinen und Klötzen. Verbunden mit Frust nach längerer Schinderei, aber auch mit Freude über den unerwarteten Fund eines Edelsteins.

Ihr Roman spielt im ungleichseitigen Viereck Matti-Märta-Olli-Henrik. Eine Familie, die nie wirklich eine Familie ist, toxisch – und ein Polizist, der nichts lieber als zu seiner Familie möchte, der genau weiss, wie zerbrechlich Familienglück sein kann. „Steine zählen“ ist ein Familienroman, eine Geschichte darüber wie sehr Konventionen, Traditionen und Ängste das Leben bedrängen, einen Menschen in unumkehrbar Enge treiben können. Kratzen Sie mit Strategie am „Idyll Familie“?
Beim Schreiben zeichnet man ja häufig gewisse Vorfälle und Charaktere überspitzt. Und man benötigt üblicherweise auch eine grössere Anzahl selber gelebter Jahre, um zu erkennen, wie die Dinge wirklich sind. Aber Strategie? Eher nein. Oder unbewusst. Einflüsse aus der eigenen Familie, Aufgeschnapptes aus der Umgebung – es muss sehr vieles zusammenkommen, bis das Rezept stimmt. Und ja: Wer vom Leben erzählt, kann nicht nur Gutes berichten.

Bei einem Krimi wären das Verbrechen und die Motive, das Rätsel um die Ermittlung im Zentrum. In „Steine zählen“ sind es Innenwelten, die menschlichen Abgründe, die Unumkehrbarkeit der Zeit. Matti erscheint böse, Olli unrettbar und Märta verbrüht. Wann wird Verwundung unheilbar?
Eine schwierige und individuell sehr unterschiedlich zu beantwortende Frage: Wahrscheinlich wenn der Urheber der Verwundung selber infolge Verwundung agiert, wenn Grenzen überschritten werden und Verzeihung keine Option ist.

Es gibt das Leben in den Köpfen und Herzen. Und es gibt das „richtige Leben“, wie Märta es bezeichnet, jenes, das sich einem entgegenstellt, das Pläne zunichte macht. Warum ist Märta 40 Jahre lang geblieben? Ist das die Generation unserer Eltern und Grosseltern? Oder passiert das auch heute noch?
Konventionen als Ursache waren über Jahrhunderte hinweg Hemmnisse. Dass man wider Willen ein vorgeschriebenes Leben akzeptieren muss, ohne Fluchtmöglichkeit, ohne wirkliche Zukunft, ist nach wie vor aktuell. Und ich nehme da unser eigenes Land nicht aus … Da kann der Rückzug in ein inneres (Kopf- und/oder Herz-) Leben Ausweg oder Kraftort sein.

Buchtrailer

Thomas Röthlisberger, ­geboren 1954, lebt in Bern, hat seit 1991 mehrere Romane und Erzählungen sowie Lyrik veröffentlicht. Zuletzt erschienen sind «nur die haut schützt den schläfer» (Gedichte, 2009), «Zuckerglück» (Roman, 2010) und «Die letzten Inseln vor dem Nordpol» (Erzählungen, 2014) und «Das Licht hinter den Bergen» (Roman, 2021). Für seine Lyrik ist der Autor mehrfach ausgezeichnet worden.

Illustrationen © leafrei.com

Schweizer Buchpreis 2022 – die nominierten Bücher #SchweizerBuchpreis 22/2

Zum 15. Mal wird der Schweizer Buchpreis vergeben. Ein Preis, der das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autorinnen und Autoren auszeichnet.

Ziel des Schweizer Buchpreises ist es, jährlich fünf herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Ein Ziel, das bei den Debatten rund um diesen Preis immer wieder vergessen wird. Keine Schriftstellerin, kein Schriftsteller wird ausgezeichnet, sondern Bücher. Fünf Bücher stehen zur Wahl, fünf Bücher, die in diesem Jahr unterschiedlicher nicht hätten sein können. Fünf Bücher von Autoren, die einen bislang kaum auf dem Radar jener LeserInnen, die sich an Bestsellern orientieren, die andern von Autoren, die sich längst ins helvetische Bewusstsein eingebrannt haben. Schön, das es das gibt, auch wenn damit Schwergewicht gegen Neuling, Tradition gegen Aufbruch, Vielgenannt gegen Überraschung antritt.

Als offizieller Begleiter des Schweizer Buchpreises kommentiere ich auf meiner Webseite meine ganz persönliche Einschätzung, rezensiere die nominierten Bücher, führe Interviews und bin im Austausch mit den beiden weiteren Literaturblogs lesefieber.ch und eselsohren.ch.
Ganz besonders freuen würde ich mich über ihre Einschätzung, liebe Leserinnen und Leser: Welchem Buch geben Sie Ihren Vorzug? Schreiben Sie eine Mail unter «Kontakt«! Vielen Dank!

Thomas Röthlisberger «Steine zählen», edition bücherlese
Südfinnland: Henrik Nyström, der lokale Polizeibeamte, fährt hinaus zu einer Bauernkate in der Nähe des Vehkajärvi-Sees. Auf der Polizeistelle ist ein Anruf eingegangen, der alte Matti Nieminen habe auf seine Frau Märta geschossen, die ihn nach vierzig Jahren Ehe verlassen wolle. Auch Olli, der Sohn der Nieminens, ist auf dem Weg zum Elternhaus, weil er wieder einmal in Geldnöten steckt und sich einen Zuschuss der Mutter erhofft. Als der Polizeibeamte auf dem Hof eintrifft, findet er den alten Matti auf dem Schotterplatz vor dem Haus in einer Blutlache liegend. Aber Nieminen ist nicht tot. Und die Schusswunde scheint er sich selbst beigebracht zu haben. Was war hier vorgefallen? War Olli bereits hier gewesen, dem Nyström auf der Herfahrt begegnet war, oder hatte Arto die Finger im Spiel, der Schwager, den Matti tödlich hasst? Oder gar Pekka, der frühere Liebhaber von Märta, der seit Jahren als verschollen gilt?
Ein tiefgründiger Roman über das Menschliche und das Unmenschliche, die oft so nahe beieinanderliegen, dass die Grenze erst erkennbar wird, wenn es zu spät ist.

Thomas Hürlimann «Der Rote Diamant», S. Fischer
«Pass dich an, dann überlebst du», bekommt der elfjährige Arthur Goldau zu hören, als ihn seine Mutter im Herbst 1963 im Klosterinternat hoch in den Schweizer Bergen abliefert. Hier, wo schon im September der Schnee fällt und einmal im Jahr die österreichische Exkaiserin Zita zu Besuch kommt, wird er zum «Zögling 230» und lernt, was schon Generationen vor ihm lernten.
Doch das riesige Gemäuer, in dem die Zeit nicht zu vergehen, sondern ewig zu kreisen scheint, birgt ein Geheimnis: Ein immens wertvoller Diamant aus der Krone der Habsburger soll seit dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie im Jahr 1918 hier versteckt sein. Während Arthur mit seinen Freunden der Spur des Diamanten folgt, die tief in die Katakomben des Klosters und der Geschichte reicht, bricht um ihn herum die alte Welt zusammen. Rose, das Dorfmädchen mit der Zahnlücke, führt Arthur in die Liebe ein, und durch die Flure weht Bob Dylans «The Times They Are a-Changin'».

Lioba Happel «POMMFRITZ aus der Hölle», edition pudelundpinscher
Pommfritz, der Ich-Erzähler des neuen Romans von Lioba Happel, schreibt an seinen Vatter in den Emmentälern, den er vor langer Zeit einmal zu Gesicht bekommen hat, aus der Hölle seines Lebens. Er berichtet von der Kindheit, die er, angebunden an ein Tischbein, fliegentötend, bei einer gewalttätigen, schweigsamen, Grillhühnchen und Pommes verschlingenden Mutter verbringt; von den Besuchen der Angelina vom Sozialamt, einem Wesen zwischen Rosenduft und Formularfrust, und wie die Mutter sie in die Pfanne haut; von härtesten Prüfungen unter den Jugendlichen in der Spezialschule; von seiner Liebe zur Prügellilly, deren schlagkräftige Zärtlichkeit die der Mutter noch übertrifft; und von der Einzelhaft im Gefängnis, wo er auf der untersten Stufe der Verbrechen steht denn er hat seine Mutter getötet und danach verspeist naja, Stückchen von ihr, ne Kuppe vom Finger. Pommfritz, der in Lachen ausbricht, wenn sich die Hölle auftut, ist ein Anti-Held, wie es in der Literatur nicht viele gibt, ein unglückseliges Monster. Lioba Happel, die 2021 den Alice-Salomon-Poetik-Preis erhielt, ist eine Dichterin des Randständigen. In ihrem halsbrecherischen Roman an der Grenze zum Gesagten und Sagbaren spannt sie ein schwankendes Erzählseil über den Abgrund des Schweigens. Auch der Briefeschreiber Pommfritz bekommt keine Antwort. (Jan Koneffke)

Simon Fröhling «DÜRRST«, Bilgerverlag
Ein waghalsiger Roman, der den Bogen von James Baldwins »Giovanni’s Room« zu Fritz Zorns »Mars« und bis hin zu Édouard Louis’ »Im Herzen der Gewalt« spannt.
«DÜRRST»–  Simon Froehlings zweiter Roman entführt uns nach Athen, Kairo, Edinburgh, Berlin und Zürich, hinein in die Landschaft eines exzessiven, auseinanderbrechenden Lebens. In der paradoxen Realität scheinbarer Freiräume der Besetzer-, Kunst- und Schwulenszene mäandernd erzählt Simon Froehling den Weg einer brutal schmerzhaften Selbstfindung in Bildern von stupender Schönheit.

Kim de l’Horizon «Blutbuch», DuMont
Die Erzählfigur in «Blutbuch» identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem schäbigen Schweizer Vorort, lebt sie mittlerweile in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie.
Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet.

Illustrationen © leafrei.com

Noch eine Bemerkung zu den Illustrationen in den Beiträgen zum Schweizer Buchpreis: Die junge Illustratorin Lea Frei zeichnet seit 2019 Cover und Porträts der Nominierten für die Beiträge auf literaturblatt.ch. Die Künstlerin veredelt damit die Beiträge auf dieser Webseite, sie gibt Büchern und AutorInnen und nicht zuletzt dem Schweizer Buchpreis einen ganz individuellen Auftritt. Herzlichen Dank!!!

Wer soll den Buchpreis 2022 gewinnen? Eine Umfrage auf literaturblatt.ch #SchweizerBuchpreis 22/1

Zwar werden die 5 Nominierten des Schweizer Buchpreises 2022 erst im September bekannt gegeben, aber vielleicht haben Sie Lust, Ihren ganz bestimmten Buchtitel zu «nominieren». Bis im August werde ich alle eingegangenen Mails sortieren und ein ganz eigenes Ranking veröffentlichen.

an info@literaturblatt.ch

Die Leseliste für die Jury des Schweizer Buchpreises 2022 steht: 58 Verlage haben insgesamt 88 erzählerische oder essayistische Werke eingereicht. 40 der teilnehmenden Verlage haben ihren Sitz in der Schweiz, 15 in Deutschland und fünf in Österreich. Von den eingereichten Titeln stammen 52 aus dem aktuellen Frühjahrsprogramm, 23 werden im Herbst erscheinen und 13 sind bereits seit vergangenem Herbst auf dem Markt.

Die Bekanntgabe der Shortlist mit den fünf nominierten Büchern erfolgt am Mittwoch, den 21. September 2022. Die Preisverleihung findet am Sonntag, 20. November 2022 um 11.00 Uhr im Theater Basel statt.
Aber vielleicht haben Sie schon viel früher Lust, ihr favorisiertes Buch hervorzuheben. Machen Sie mit in dieser kleinen Umfrage.

Und wenn Sie noch ein, zwei Sätze zu Ihrer Wahl formulieren, dann wird eine Auswahl dieser Statements in der Berichterstattung zum Schweizer Buchpreis 2022 erscheinen.

Machen Sie mit!

Erste Resultate:

Rebekka Salm «Die Dinge beim Namen» 1 Stimme
«Diese Treffsicherheit! Die Perspektiventreue, der Einfallsreichtum, die Blitze an Witz! Die Schuldigen sind die Opfer der Opfer der Schuldigen. Ein Meisterinnenwerk eines Erstlings – schön, toll, raffiniert.»

Urs Mannhart «Gschwind». 1 Stimme
«Unbedingt zu feiern ist dieser Roman über einen Hochstapler im Bodenschatz-Ausbeuter-Milieu, dieser Page-Turner über einen Schelm im Betriebswirtschaftsmodus.»

Karl Rühmanns «Die Wahrheit, vielleicht.» 5 Stimmen
– «Weil das Buch aufzeigt, wie mächtig die Sprache ist. Weil es laut und leise zugleich ist. Und weil es Felipe und die junge Frau verdienen.»
– «Karl Rühmann zeichnet mit wunderbar präzisen Pinselstrichen ein dennoch komplexes und mehrschichtiges Bild; die Macht der Sprache und die Finesse der Worte werden in einer spannenden Geschichte auf den Punkt gebracht. Gerade als ebenfalls mehrsprachig aufgewachsene Person kenne ich die Schwierigkeit und Schönheit des Jonglieren mit Worten zwischen Kulturen.
Absolute Lesefreude!»
– «Karl Rühmann wird mit jedem Buch noch besser. Eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen intellektuell und emotional beschäftigt. Karl Rühmann schafft es dicht und bilderreich zu schreiben und der Leserin trotzdem Raum zu lassen für eigene Bezüge und Gedanken.» 

literaturblatt.ch gratuliert: Martina Clavadetscher ist Schweizer Buchpreisträgerin 2021 #SchweizerBuchpreis 21/12

Laudatio für Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams» (Lenos Verlag)

Wenn die «kleiderlosen Frauen» Werkstatt zwei verlassen und in den Hängeraum kommen, sind sie «genauso, wie sein sollen». Die Körper anatomisch korrekt, die «Haut haarlos, / die Finger- und Fußnägel weiß bemalt, / gewisse Körperstellen auffallend und ausgeprägt». Makellos, findet Ling, die Arbeiterin mit dem makellosen Punktestand.  

Wir sind im südöstlichen China, inmitten einer Art Frauen-Manufaktur, und damit ist nicht gemeint, dass Frauen am Fliessband stehen. «Lebensecht» sollen die Puppen sein, die hier fabriziert werden, und seit die Firma vor allem in die Köpfe investiert, seit die Puppen das Sprechen und Denken, ja sogar etwas menschliche Fehlbarkeit erlernen, werden die Maschinen immer authentischere Menschenimitate.

Wenn die Frauenkörper bei Ling eintreffen, streicht sie zur Kontrolle an Beinen und Rumpf entlang, «sauber und glatt» muss alles sein. Mit den Fingerkuppen tastet sie über die Schultern, den Halsansatz, entfernt überflüssige Fetzen. Sie fasst in den Anus, misst die «Länge der Öffnung mit dem Kontrollstock», «dreht das Objekt um, greift in die Vagina», und wenn sich, während wir all das lesen, in uns ein Unbehagen regt, eine Beklemmung, vielleicht sogar ein tiefes Unrechtsempfinden, dann hat unsere empathische Solidarität mit der Puppenfrau längst eingesetzt. Wir haben sie schon vermenschlicht, noch ehe sie zusammengebaut ist. Martina Clavadetschers Roman wird viele weitere Male unsere Gewissheit bei der Unterscheidung von Mensch und Maschine irritieren.

Das liegt auch an Iris. Denn sie ist es, die wir in Manhattan von ihrer «Halbschwester Ling» erzählen hören (und die sich im Erzählen Stück für Stück von ihrem Mann und den gesellschaftlichen Rollenerwartungen lossagt). Und am Kern, im Zentrum des Buches, stossen wir auf Ada im alten Europa: Ada Lovelace, die erste Programmiererin der Welt, der in der patriarchalen Gesellschaft der verdiente Ruhm verwehrt war. Clavadetscher also hat über Zeiten und Kontinente hinweg drei Geschichten von drei Frauen ineinander verschachtelt, die unterschwellig miteinander in Resonanz treten. 

Das Erzählen selbst gehört zu den grossen Themen dieses Buches. Gleich am Anfang steht ein Erzählerinnenwettstreit zwischen Iris und den beiden Damen mit den anspielungsreichen Namen Wollstone und Godwin (Mary Shelley lässt grüssen). Fortwährend beobachten wir die Figuren beim Verfertigen ihrer Geschichten. Und in welche Sprache und Form Clavadetscher das alles verpackt, ist das eigentliche Ereignis dieses Romans. Der aus Zeilenumbrüchen und sprachlichen Kippfiguren einen Lese-Thrill erzeugt. Der bis in kleinste Details von Klang und Rhythmus durchkomponiert ist. Der seine komplexe Architektur in eine durch und durch sinnliche Sprache hüllt. 

«Die Erfindung des Ungehorsams» ist ein kunstvoller Text über künstliche Intelligenz jenseits der handelsüblichen Anti-Technik-Dystopie. Ein feministischer Empowerment-Roman von grosser literarischer Originalität. Und eine Hommage an die urmenschliche Kraft des Erzählens und Erfindens.

Im Namen der Jury gratuliere ich Martina Clavadetscher zu so viel Ungehorsam gegenüber dem literarisch Konventionellen und zur Nomination für den Schweizer Buchpreis 2021.

Daniel Graf



Wer gewinnt den Schweizer Buchpreis 2021? #SchweizerBuchpreis 21/11

Am 7. November werde ich im Theaterfoyer in Basel sitzen, im Gegensatz zum vergangenen Jahr glücklicherweise wieder mit und im Publikum. Ein paar Reihen vor mir, in der ersten Reihe, werden die Nominierten sitzen, Martina Clavadetscher schon zum zweiten Mal, Veronika Sutter, Thomas Duarte und Michael Hugentobler. 

Eine eigenartige Situation, denn Punkt zwölf Uhr wird eine Sprecherin der Jury die Bühne betreten, ein Couvert hervornehmen und die Preisträgerin oder den Preisträger verkünden, auf die oder den dann Sekunden später die Blitzlichter der Presse regnen, wo sich Mikrofone sammeln und Medienbeiträge aus dem Moment gestampft werden. Mit einem Augenblick verschwindet das Interesse für jene, die «zurückbleiben». Man fotografiert zwar noch einmal alle zusammen, aber dann wird es mit einem Mal ziemlich ruhig um jene, die es nicht sein sollten. Man lädt zwar noch einmal zum gemeinsamen Essen ein, lässt Gläser klingen, aber die Namen der Nichtprämierten rutschen weg, werden zwar nicht gleich vergessen, verschwinden aber hinter der Strahlkraft des einen Namens.

«Ist das die dort vor dem Blumenbouquet? Die mit den hochgesteckten Haaren?»
«Wen meinst du? Die mit den Geschichten?»
«Nein, die mit den Puppen ohne Köpfe. Du hast es doch gelesen. Diesen verrückten Roman, der in der Zukunft spielt, aber eigentlich doch eben jetzt.»
«Ach ja, von der mit dem bündnerisch klingenden Namen. Doch, doch. Und die andere sitzt gleich daneben. Die mit den Geschichten.»
«Geschichten? Als ob das Geschichten wären. Das ist Geschichte. Und viel mehr als einfach Frauengeschichte.» 

Alles vergebens? Das ganze Brimborium bei dreien nur Schall und Rauch? Bei weitem nicht. Es gab Publicity für vier Autor:innen. Bei vier Bücher stiegen mit Sicherheit die Verkaufszahlen. Und wenn künftig Bücher der vier erscheinen, ist doch mit Sicherheit die Wiedererkennung stärker. Wenn es nicht zehn Jahre dauern sollte, bis ein neues Buch der Hervorgehobenen auf den Verkaufstischen liegt, werden sich einige erinnern oder zumindest die Verlage. Auch für sie sind solche Scheinwerferaktionen wichtig. Hand aufs Herz: Kannten Sie vorher den Verlag Edition 8? Literarische Perlen wachsen nicht nur in grossen Verlagen heran. (In der Lyrik schon gar nicht.)

Weil ich schon öfters bei der Verleihung des Schweizer Buchpreises im Publikum sass, musste ich auch schon beobachten, wie Enttäuschung spür- und sichtbar wurde. Da trösten auch Ermunterungen nicht, kein Blumenstrauss, schon gar kein Schulterklopfen. Und doch sind die Nicht-Preisträger:innen keine Verlierer:innen. Viele Lesende sind auf vier Namen aufmerksam geworden, die ihnen andernfalls vielleicht entgangen wären. Das eine Buch gewinnt ein Etikett, die drei anderen, jene mehr als deutliche Ermunterung, unverzagt in ihrem Schrieben weiterzumachen, zumal es Martina Clavadetscher beweist, dass man auch eine zweite (ja sogar eine dritte) Chance bekommen kann.

«Hast du Feuerland gelesen?»
«Klar doch. Der Mann kann Feuer legen!»
«Der Mann hinter dem Buch oder einer der Männer im Buch?»
«Sie alle. Halt Männerbücher!»
«Das vom Polizeiposten auch?»
«Klar doch. Ein Bekloppter und ein Polizist. Frauen sind dort nur Randerscheinungen.»
«So ganz verstanden habe ich den Roman nicht.»
«Den vom Wörterbuch oder den vom Buchhalter?»
«Eigentlich was von beiden. Die Tatsache, dass es Männern ganz offensichtlich schwerer fällt.»
«Was?»
«Pst – das Couvert!»

Mein Tipp: Ohne dass es für mich ein klar favorisiertes Buch geben würde, ohne dass ich mir einbilden würde, dass mein Blick in die Zukunft ein sicherer sein würde, habe ich doch auch im letzten Jahr danebengetippt. Mein Tipp hat auch nichts mit meiner eigenen Wertung zu tun. Ich glaube, dass die Romane von Martina Clavadetscher und Michael Hugentobler den Preis unter sich ausmachen werden. Die Umfrage bei SRF gibt Martina die besten Karten. Meine ganz persönliche Rangliste entspricht der Reihenfolge der oben abgebildeten Bücher von links nach rechts.

Ich gratuliere allen vier, denn die vier Namen beweisen eindrücklich, wie vielfältig die Schweizer Literaturszene ist, erst recht neben den Namen, die immer und immer wieder genannt werden. Die Vielfalt zeigt sich sowohl sprachlich, inhaltlich wie formal. Schweizer Literatur braucht sich hinter keiner falschen Bescheidenheit zu verstecken. Auch wenn ich wie jedes Jahr meine ganz persönlichen Favoriten vermisse!

Sondersendung auf Radio SRF2 Kultur

Illustration © leafrei.com

Liebe Manu, lieber Gallus, Teil 2 #SchweizerBuchpreis 21/10

Liebe Manu
Ein «fresh-up»? Da ist der Schweizer Buchpreis noch nicht einmal 15 Jahre alt und schon sollte man ihn aufhübschen? Noch nicht einmal volljährig und schon ein Lifting? Der Nobelpreis für Literatur ist 120 Jahre alt. Ein greises Ding! Kein Wunder sind dort die Strukturen wacklig und Stimmen laut, die nach Erneuerung rufen. Klar, die beiden Preise sind in nichts zu vergleichen, zumal beim Nobelpreis ein Name gefeiert wird und beim Schweizer Buchpreis ein Buch, das sollte so sein. Wahrscheinlich liegt genau dort die Schwierigkeit des Buchpreises. Hinter jedem Buch steht ein Name. Und Namen von Schwergewichten in der Literaturszene wiegen eben doch viel mehr.
Und doch hätte auch ich „Verbesserungsvorschläge“, auch wenn mich niemand danach fragt (ausser du). Beim Österreichischen Buchpreis gibt es neben dem eigentlichen Buchpreis einen Debütpreis. Das entschärft das Nebeneinander von Schwergewichten und Einsteiger:innen doch beträchtlich. Zudem finde ich eine Shortlist mit nur 5 Namen kläglich. Im Vergleich zu unseren Nachbarn macht das den Eindruck, als hätten wir nicht mehr zu bieten. Ist das helvetische Bescheidenheit oder die Schüchternheit der Neutralen? Der Jahrgang hätte noch mehr zu bieten gehabt? Was meinst du?
In ein paar Tagen mache ich eine Auszeit in einem kleinen Häuschen im Misox. Ich werde lesen und schreiben. Hoffentlich auch unter der Sonne. Besuchst du mich?
Liebe Grüsse Gallus

Lieber Gallus,
vorneweg, nichts täte ich gerade lieber, als mit dir im Misox dem Verfärben der Natur zuzuschauen. Ich habe gerade viele Auftritte zum Glück, daher kann ich nicht einfach die Koffer packen und auch der Schulbetrieb der Kinder verlangt mir einiges ab. Was du schreibst, gefällt mir, einen Debütpreis würde ich absolut begrüssen.
Von wegen Debüts, ich habe nun den Duarte wie die Sutter gelesen und gestehe, ich bin beeindruckt. Welchen Eindruck hast du von Duartes Erzählperspektive? Eine Buchhändlerin, welche schreibt, gab es schon oft, aber Veronika Sutter wagt sich sogar an Geschichten und verwebt diese gleich untereinander, gelungen? Ich möchte bald die Besprechung zu «Grösser als du» schreiben, aber je länger ich mich mit Büchern beschäftige, desto schwieriger gestaltet sich das für mich, ich befürchte immer, den Werken auch nicht nur annähernd gerecht zu werden. Du klingst immer so souverän, wenn du schreibst, lieber Gallus, fliesst deine Feder leicht oder haderst du auch manchmal?
Sonst denke ich, ist der Schweizer Buchpreis selbstbewusst und gelassen aufgestellt, er zieht sein Ding durch und kann sich sehen lassen neben den «grossen» Nachbarn. Ich freue mich auf deine Antwort, beame mich in Gedanken mal eben zu dir und hirne daran herum, ob wir uns nicht doch noch real treffen könnten vor der Verleihung …
Herzlich Manu

Liebe Manu
Das Tessin ist leider schon längst Geschichte. Aber es waren wunderschöne Tage, eingetaucht in Literatur, ins Schreiben und die Lektüre. Wir beide sind Streiter (*) für das gute Buch, Missionare in Sachen Literatur. Aber so wie Lucky Luke bei seinen Abenteuern stets alleine in den Sonnenuntergang reitet, so ist man es auch in Sachen Literatur. Seien es die Schreibenden, die in ihren Stuben, an ihren Tischen, mit Griffel oder Tasten an ihren Texten schleifen, seien es jene, die die Fanfaren blasen, die Tafeln hochhalten. Leider demonstrieren die Menschen nicht für das gute Buch, für den heissen Atem der Kultur. Was wird dereinst bleiben in der Zukunft? Woran erinnern wir uns? Was von der Vergangenheit wird bleiben? Die Kultur!
Ich hadere nicht beim Schreiben. Je länger ich es tue, umso leichter scheint es mir zu fallen. Ich hadere viel mehr mit mir selbst. Vor allem dann, wenn mich Freunde auf mein Schreiben ansprechen und nicht verstehen können, was ich an dem „Schund» so gut finde. Ich habe einen Sohn, der fast ausschliesslich russische Klassiker liest und für das, was ich lese, nur ein müdes Lächeln übrig hat. Ich hadere, wenn ich mit Schreibenden zusammensitze und sie mich bitten, jetzt mal ganz ernsthaft zu erklären und zu erläutern. Ich hadere manchmal, wenn ich eine Lesung organisiere von Schreibenden, die mir am Herzen liegen, alles da ist und fast niemand kommt. Ich hadere manchmal, wenn ich ein Buch nach 50 Seiten resigniert zur Seite lege und Tage später eine hymnische Rezension lese. Doch, doch, ich hadere oft.
Aber letzthin lud mich ein schreibender Freund in die Kronenhalle in Zürich zum Essen ein. „Für all das, was du für die Literatur tust“, meinte er. Da haderte ich nicht.
Bei der letztjährigen Buchpreisrunde staunte ich über die Experimentierfreude der beiden Frauen bei den Nominierten, über die Bücher von Dorothee Elmiger und Anna Stern. Und prompt erhielt Anna Stern den Preis, was mich zum einen überraschte und zum andern für den Preis einnahm. Gemessen an der Experimentierfreude müsste Thomas Duarte den Preis bekommen. Aber diese eine Qualitätsmerkmal kann wohl nicht jedes Mal das Zünglein an der Waage sein. Vielleicht ist es dieses Mal die Farbenfreude!
Wir treffen uns bald. Und dann stossen wir an; auf die wackeren Streiter:innen für die Literatur!
Herzlich Gallus

Lieber Lucky Luke, lieber Gallus,
wir haben uns kürzlich getroffen, das war wunderschön, dich einmal näher kennenzulernen und beisammen sein zu dürfen. Deine Texte haben für mich einen absolut literarischen Sound und ich könnte mir gut vorstellen, ein Buch von dir in den Händen zu halten, und ich wäre gewiss nicht die einzige Leser:in. Wirst du das auch oft gefragt, ob du nicht ein Buch schreiben willst? Mich fragen das die Leute fast wöchentlich und ich winde mich dann immer ein wenig um eine klare Antwort herum. Gewiss habe ich seit Kindesbeinen an bereits eine beachtliche Anzahl von Büchern geschrieben. Die meisten zum Glück für die Umwelt nur in meinem Kopf, einige wenige fürs Altpapier. Jetzt ist eine Buchhändlerin mit ihrem ersten Wurf für den Schweizer Buchpreis nominiert – nicht schlecht, so durchstarten zu dürfen. Aber so geht es ja auch Herr Duarte. Bald sehen wir uns und wir werden wissen, wer den Preis bekommt. Ich war in ein paar Buchhandlungen unterwegs und traf auf wenig bis gar keinen Raum für die Nominierten, dies hat mich doch erstaunt und ich denke an deine Zeilen, es ist tatsächlich oft eine krass einsame Sache für Literatur einzustehen. Dabei finde ich die vier Werke wirklich allesamt herausragend und absolut lesenswert wie auch lesbar für eine breite Leserschaft. Ich darf ja seit einiger Zeit noch alle zwei Monate eine Radiosendung rund ums Buch für ein digitales Radio liefern, jetzt ist dieser Kanal beachtet und wirft sogar etwas ab, Leidenschaft des Gründerpaares trägt Früchte, leider aber müssen diese Gründer nun aus gesundheitlichen Gründen ihre Arbeit und ihr Radio aufgeben. Ich werde vielleicht im Dezember meine letzte Sendung für den Kanal machen und habe beschlossen, die vier Nominierten dann vorzustellen. Vielleicht passiert ja noch ein Wunder und es übernimmt jemand den Radiokanal.
Gallus, noch ein paar «heisse» Fragen im Endspurt um den Schweizer Buchpreis an dich: Was stört dich an Helvetismen im Buch einer Schweizer Autorin? Was würdest du tun, wenn man dich in die Jury bitten würde nächstes Jahr? Kannst du ein Werk nennen, das anstelle von Krachts Platz nominiert hätte sein sollen? Es gibt ja eben keine Verlierer am Sonntag in Basel, hoffen wir auf viele Besucher:innen und eine eindrückliche Veranstaltung. Ich freue mich auf Basel!
Herzlich, Manu

Liebe Manu
Ob ich ein Buch schreiben könnte? Die Frage ist, ob ich ein Buch schreiben sollte. Ich denke nicht. Ich weiss sehr gut, wo meine Grenzen liegen. Ich lese immer wieder Bücher, die mir mehr als deutlich vor Augen führen, wo meine Fähigkeiten aufhören würden, dass es mir schlicht am Talent fehlt, oder zumindest an der Überzeugung, ich hätte welches. Klar, ich schreibe auch. Klar war da einmal vor vielen Jahrzehnten ein Wunsch, eine Sehnsucht. Aber lieber kein Buch als eines, für das ich mich schämen müsste. Und lieber kein Buch, als um jeden Preis (wörtlich) ein Konstrukt zum Erscheinen bringen. Es gibt genüg Bücher, auf die die Welt verzichten könnte. Ich bin Leser, das genügt, braucht es doch neben jenen, die schreiben, auch jene die lesen. Es sollten ja auch nicht alle reden. Es braucht Zuhörer:innen – und zwar gute, aufmerksame.
Was mich an Helvetismen stört? Nichts. Sie stören mich nur dann, wenn sie zufällig auftauchen, wenn ich das Gefühl habe, sie sind durch ein Lektorat geschlüpft, wenn sie nicht Programm, klare Absicht sind.
Juryarbeit für den Schweizer Buchpreis? Eine solche Anfrage würde mich durchaus reizen. Vor allem die Diskussionen in der Jury, die Art und Weise, wie andere an ein Buch herangehen, schmecken, riechen und kosten. Aber ich glaube, dass ich absagen müsste. Es würde meine Kapazitäten wohl übersteigen, lese ich doch als Webseitenbetreiber und Veranstalter schon einiges neben einem Brotberuf, der auch nach 37 Dienstjahren nicht ohne grosses Engagement zu leisten ist.
Ein fünftes Rad am Wagen? „Offene Fenster, offene Türen“ von Hansjörg Schertenleib wäre … hätte, hätte, Fahrradkette
Auf, auf, an die BuchBasel!
Gallus

Michael Hugentobler «Feuerland» #SchweizerBuchpreis 21/9

Was passiert, wenn sich Wissenschaftler:innen als Hüter eines oder des Grals verstehen? Was passiert mit ihnen, wenn sie feststellen müssen, dass ihre Gegenwart den Schatz, von dem sie wissen, nicht zu schützen weiss? Ein Buch wird zum letzten Tor einer untergehenden Welt. Michael Hugentobler nimmt mich mit und gewährt mir einen Blick auf das sich schliessende Tor.

Michael Hugentobler war 13 Jahre auf einer Weltreise unterwegs, auch in Südamerika, in Patagonien, in Feuerland, jenem Gebiet am südlichsten Zipfel des Kontinents, das man bei seiner Entdeckung für unbesiedelt hielt, das aber von nomadisch lebenden Indianern bewohnt wurde, unter andern auch von den Yámana. Aber von diesen Völkern ist fast nichts geblieben. Kolonialisierung, eingeschleppte Krankheiten, Goldrausch und Christianisierungsversuche setzten den Völkern derart zu, dass von den ehemaligen Wassernomaden fast nichts mehr geblieben ist.

«Wörterbuch und Grammatik der Sprache der Yámana», auf dessen Umschlag man den Namen des Verfassers Thomas Biedres zu löschen versuchte.
Foto © Michael Hugentobler

Auf Michael Hugentoblers Reise durch dieses Land erfuhr er von der Geschichte eines argentinisch-britischen Missionars und seiner Leidenschaft für die Sprache der Yámana. Thomas Bridges wurde Zeit seines Lebens ein akribischer Erforscher der Sprache jener Ureinwohner und verfasste über Jahrzehnte ein Wörterbuch, das nicht einfach übersetzte, sondern die Wörter der Yámana in den Zusammenhang ihres Daseins schrieb. So wurde aus der Wörtersammlung das eigentliche Vermächtnis eines Volkes, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verschwinden drohte. Thomas Bridges war aber nicht einfach ein fanatischer Sammler. Dieser Missionar wurde zum letzten Kämpfer dieses Volkes, wenn auch immer unter kolonialistischen Vorzeichen. Er gewann vom damaligen argentinischen Staatspräsidenten gar Landrechte, die er für die überlebenden Yámana-Indianer sichern wollte. Sein Wörterbuch, in dem er auf über 1000 Seiten mehr als 32000 Yámana-Wörter sammelte, trug er zeitlebens mit sich herum. Wie einen Schatz.

Michael Hugentobler «Feuerland», dtv, 2021, 224 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-423-28269-7

Schon gezeichnet von einer Krankheit starb Thomas Bridges auf einer seiner Reisen. Sein Wörterbuch gelangte in die Hände eines „erfolglosen Polarforschers“, der mit dem Buch seine Chance witterte, in den Olymp der Unsterblichen aufgenommen zu werden. Aber das Buch schien im Besitz dieses Mannes kein Glück zu bringen, bis es 1912 in London in die Hände des deutschen Völkerkundlers Ferdinand Hestermann fiel, dem sofort klar war, welchen Schatz er durch einen puren Zufall zu fassen bekam.

Ferdinand Hestermann spürte genau, dass in den Wirren des Krieges und zwei Jahrzehnte später in den Schatten des sich anbahnenden Tausendjährigen Reichs all jene Schriften und Bücher in Gefahr sind, die nicht dem wachsenden völkischen Bewusstsein des Nazis entsprachen. So wie damals Thomas Bridges machte sich Ferdinand Hestermann auf in einen Kampf. Diesmal ganz und gar nicht für ein Volk, schon gar nicht für das deutsche, sondern für die Wissenschaft, das Wissen, die Schätze, die sich über die Jahrhunderte in Bibliotheken ansammelten, die sich die Nationalsozialisten aber einverleiben wollten, um sie, wenn nötig, zu vernichten, so wie alles, dass ihnen nicht dienlich oder entartet erschien.

Michael Hugentobler erzählt die Geschichte nicht einfach chronologisch. Es stellt auch nicht den Anspruch, Historie nachzuerzählen, auch wenn ich als Leser bei meinen Verifikationen auf überraschend viele Fakten stosse. Es sind die beiden Männer, Thomas Bridges und Ferdinand Hestermann, die nicht nur aus heeren Gefühlen und purer Nächstenliebe zu Hütern eines Schatzes werden. Michael Hugentobler verwebt die beiden Männer und ihre Besessenheit miteinander. Er führt vor Augen, wie gross die Gefahr wird, wenn Wissen instrumentalisiert werden soll, sei es zum eigenen Nutzen oder im Dienst einer Ideologie. Was den Roman von Michael Hugentobler aber zu einem wirklichen Lesevergnügen macht, ist sein Detailreichtum, seine Buntheit, die kräftigen Farben, mit denen der Schriftsteller malt. Ich staune darüber, was der Autor alles mit in seinen Roman einpackt. Als hätte er sich nicht bloss unmittelbar an der Seite seiner beiden Protagonisten bewegt, als hätte er den Geist jenes Buches in jenen Augenblicken, als er es bei einem Besuch in der British Library in Händen hielt, in sich aufgesogen.

tūwunaiella — eine Wutrede beenden; zu bellen aufhören, linganāna — sich auf eine Wiese benehmen, dass sich die andere Person verpflichtet fühlt, ein Geschenk zu überreichen, māmihlāpinatapai — einander tief in die Augen schauen, wobei beide hoffen, der andere würde einen Vorschlag unterbreiten, der allgemein erwünscht ist, aber bislang noch nicht ausgesprochen wurde…

Michael Hugentobler offenbart das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.

Mein Fazit: Der Roman hätte den Preis verdient. Der Autor hätte den Preis verdient!

Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. Sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» erschien 2018.

«Der alte Mann im Nebel» auf der Plattform Gegenzauber

Webseite des Autors

Beitragsillustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Thomas Duarte «Was der Fall ist», Lenos, #SchweizerBuchpreis 21/8

Wer geht schon ohne Grund auf einen Polizeiposten. Auch der Mann in Thomas Duartes Roman „Was der Fall ist“ nicht, auch wenn er niemanden und auch nicht sich selbst anzeigen will. Aber manchmal werden Polizeiposten auch zu Beichtstühlen – in Ermangelung einer Alternative. Thomas Duartes Roman ist ein kafkaesker Stich in die Tiefen menschlichen Seins.

Eigentlich ist es seine Stadt, sein Sommer, seine Nacht. Aber das was er tut, ist mitten in der Nacht nicht einfach ein Spaziergang, um Klarheit und etwas Abstand in sein Leben zu bringen. Es regnet, er ist nass bis auf die Haut. Scheinbar rein zufällig kommt er an einem Polizeiposten vorbei, von dem er gar nicht wusste, dass es ihn in seiner Stadt gibt. Und weil er klitschnass ist, durstig und ein Gegenüber braucht, geht er durch die beiden Glastüren zum einzigen Polizisten an einem fast leeren Schreibtisch, der Nachtwache im Posten hält. 

Beide brauchen sie ein Gegenüber, der nasse Mann, um Ordnung in ein Leben zu bringen, das aus den Fugen geraten ist und der Polizist, weil ihm eine Aufgabe in einer sonst ereignislosen Nacht gegeben ist. Der nasse Mann ist vertrieben worden. Vertrieben von seinem eigentlichen Zuhause, seiner Aufgabe, seiner Arbeit, von seiner Chefin, von Franz und Mira, der Frau, die längst viel mehr ist als nur die Putzfrau, die einmal wöchentlich bei ihm im Büro sauber macht. Denn er arbeitet nicht nur in seinem Büro. Er lebt dort. Tagsüber an seinem Schreibtisch, seiner Aufgabe, nachts in dem kleinen, fensterlosen Kabuff hinter seinem Schreibtisch, in dem eine schmale Pritsche steht. Er ist Buchhalter und „Exekutivperson“ in einer Stiftung, die finanzielle Unterstützung an Gesuchsteller auf der ganzen Welt gewährt, die in Notlage geraten sind, an Leute, die auf der Flucht sind, gezwungen werden, für einen Hungerlohn Drecksarbeit zu verrichten, für Menschen, die sich für ihr Recht zur Wehr setzen wollen. Er nimmt Gesuche entgegen, bearbeitet sie, nimmt Kontakt mit Gewährsleuten auf und legt die Gesuche seiner Chefin und Franz, dem Inhaber der Stiftung, vor. Franz residiert einige Etagen weiter oben in seinem vermüllten und zugestellten Büro. Auch er lebt mehr als er dort arbeitet und schreibt an seinem „Buch über den Zustand der Welt“. Franz ist der Mann mit dem nötigen Kapital, Geld, das nicht nach den Regeln von Rendite und Investition eingesetzt werden soll.

Thomas Duarte «Was der Fall ist», Lenos, 2021, 301 Seiten, CHF 32.00, ISBN 978-3-03925-016-5

Aber nach der ordentlichen Jahresversammlung des Stiftungsrates hat man dem Buchhalter das Vertrauen entzogen, ihn seines Postens, seines Lebens entzogen, aus seiner ganz engen Welt katapultiert, die er immer mehr nach seiner Fasson zurechtgeschrieben hatte, denn so gefärbt die Wahrnehmung eines jeden Gesuchsstellers (inkl.*) ist, so sehr gab er den Gesuchen bei seiner Endformulierung eine Färbung. Und weil Mira, die Putzfrau, immer mehr zu einer Gefährtin wurde, die im Kabuff hinter dem Büro die schmale Bettstatt mit ihm und gegenseitiger Leidenschaft teilte, weil später noch ein weiterer Ayslsuchender dazukam, weil Bilanzen ganz offensichtlich nicht mehr zum Stimmen gebracht werden konnten, endete die sonst zur Routine gewordene Jahresversammlung im Desaster, auch deshalb, weil selbst Reihen von säuberlich aufgereihten Ordnern das Chaos nicht mehr verbergen konnten.

Zwei Männer eine ganze Nacht lang auf einem Polizeiposten. Der eine erzählt, der andere tippt mehr oder weniger sein Protokoll in den Rechner auf dem sonst blanken Tisch. Der Roman switcht vom Erzählen auf dem Polizeiposten und dem Gespräch zwischen dem Buchhalter und Franz, seinem Chef. Sie färben beide ihre Wahrheit, der eine in seinen Berichten, seinen bearbeiteten Gesuchen, der andere in seinem Lebensprojekt, seinem „Buch über den Zustand der Welt“.

Wer bei seinem Lesestoff den Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit“ braucht, ist mit diesem Buch schlecht bedient. „Was der Fall ist“ ist auch weder Krimi noch Enthüllungsgeschichte. Thomas Duarte taucht in eine skurrile Welt, die sich wie die Stiftung selbst nicht an geltende Regeln hält. Das ist äusserst erfrischend, aber auch gleichermassen verunsichernd. Aber weil Thomas Duarte sein Erzählen so selbstverständlich und gekonnt präsentiert, weil sich der Humor des Erzählers nicht an Pointen orientiert, sondern in allem Duartes spezieller Sound unterlegt ist, weil „Was der Fall ist“ nicht zuletzt eine gesellschaftliche Kritik an der Unsinnigkeit geltender Regeln ist, wird dieser Roman zu einem echten Leseabenteuer!

Fazit: Man muss schon eine gehörige Portion Mut besitzen, um sich von den gewohnten Lesepfaden entfernen zu wollen, will man die Qualitäten dieses Debüts erkennen. Aber weil ihn der Charta des Preises steht: um …“herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen…“, gebe ich der Perle wenig Chancen, weil die breite „Öffentlichkeit“ solche Bücher gar nicht will.

«… Unaufgeregt und mit feiner Ironie entlarvt Thomas Duartes Text Gemeinplätze und bringt vorgefasste Sichtweisen ins Wanken. Dabei reflektiert er nicht nur das Erzählen und Rezipieren von Geschichten, er porträtiert auch mit frohgemuter Verzweiflung die Absurdität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft…»
(Zitat aus der Jurybedründung zum Studer/Ganz-Preis 2020)

Thomas Duarte, geboren 1967, aufgewachsen bei Basel. Er studierte Geschichte und Philosophie und arbeitete nach Aufgabe des Studiums zuerst als Tramchauffeur, dann als kaufmännischer Angestellter und Sachbearbeiter. Später Studium der Kulturwissenschaften und der Literaturwissenschaft. «Was der Fall ist» wurde 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet. Thomas Duarte lebt in Bern.

Webseite des Autors

Beitragsbilder © leafrei.com

Die König in der Jury #SchweizerBuchpreis 21/7

Annette König studierte an der Universität Zürich Germanistik, Politologie und Neue Geschichte. 2013 doktorierte sie an der Uni Basel in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Seit 2013 arbeitet sie als Literatur-Redaktorin bei SRF.

Du bist eine unermüdliche Kämpferin für das gute Buch, arbeitest bei SRF als Literaturkritikerin und führst unter diebuchkoenigbloggt.ch eine Webseite, auf der du pointiert deine Meinung zur aktuellen Literatur formulierst. Nehmen Bücher so viel Platz in deinem Leben ein, dass anderes als Nebensache droht?
Ich versuche so zu leben, dass nichts zur Nebensache wird, was mir wichtig ist.

Man sieht dich immer wieder an Literaturfestivals, sehr oft sogar mit deiner Familie. Was bedeuten dir solche Veranstaltungen, zumal solche ja wie viele andere Veranstaltungen und die ganze Kulturszene arg zu leiden hatten?
Es sind für mich Orte der Begegnungen und der Inspiration. Auch liebe ich es, wenn an einer Lesung eine Energie freigesetzt wird, die sich auf das Publikum überträgt und dieses verbindet. Unvergesslich ist mir die ergreifende Lesung von Adonis am Internationalen Literaturfestival in Leukerbad. Da haben die Leute geweint.

Nun sitzt du schon zum zweiten Mal in Jury des Schweizer Buchpreises. Ein fünfköpfiges Gremium soll aus fast 100 eingesandten Büchern das beste aussuchen. Was bedeutet das für dich? 100 Bücher lesen?
Für mich bedeutet das viel Arbeit, aber auch grosse Freude, Texte entdecken zu dürfen und in der Interaktion mit den Jurymitgliedern meine literaturkritischen Methoden zu reflektieren und zu schärfen. Das ist wertvoll und bereichernd.

Die Jury setzt sich aus ganz verschiedenen Akteur:innen innerhalb der Buch- und Literaturszene zusammen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Diskussionen über das Gewicht eines Buches sehr kontrovers und heftig werden können. Kann man dann einfach so die Segel einholen, wenn man bei einem „Lieblingsbuch“ bei der Mehrheit der Jury auf taube Ohren stösst?
Ich bin eine Kämpferin, die bis zur letzten Minute der Jurysitzung für meine Favoriten einsteht. Und ja, manchmal muss man sich danach die Wunden lecken, wenn man auf taube Ohren gestossen ist. Aber Lieblingsbücher sind eine Herzensangelegenheit und Herzensangelegenheiten sind als solche nicht demokratisch. Und der Entscheid der Jury ist ein demokratischer. Das sind die Spielregeln.

Ist es nicht schwierig, bei Autor:innen, die ein grosses Werk schuffen und schon lange in der Literaturszene grosse Bedeutung haben, nur das aktuelle Buch zu sehen?
Nein. Jedes Buch nehme ich als eigenständigen Kosmos war. Ich tauche ein und entwickle eine Haltung dazu.

Gab es 2020 nach der Bekanntgabe der Shortlist, jener fünf Bücher, die in die Endausscheidung aufgenommen wurden, Reaktion an dich direkt? Reaktionen, bei denen du dich rechtfertigen musstest?
Ja, es gab Reaktionen im Sinne von: mutiger Entscheid, guter Entscheid.

Gemessen am Medieninteresse ist das Preisgeld des Schweizer Buchpreises mit Sicherheit nicht üppig, wenn man weiss, dass nur ganz wenige Schreibende vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Was glaubst du, warum es für grosse Firmen schlicht zu wenig attraktiv ist, für Literatur ihr Banner aufzuspannen?
Ist das so? Vielleicht liegen die Gründe im System. Die Schweizer Kulturförderung ist in meiner Wahrnehmung relativ breit aufgestellt. Man denke an die vielen Förderausschüsse, Kulturstiftungen, Preisgeber und Sponsoringpartner. Mäzenatentum ist zwar wichtig, aber steht nicht im Vordergrund. Klar könnten sich da grosse Firmen vermehrt engagieren. Aber solche Literaturförderung ist auch stark von wirtschaftlichen Faktoren abhängig. Und da habe ich gewisse Vorbehalte. Denn Kunst sollte in erster Linie frei sein.

Bücher suchen nach Leser:innen. Manchen Büchern scheinen die Leser:innen einfach so zuzufallen. Da genügt schon der Name auf dem Buchcover. Gibt es ein aktuelles Buch, dem du gerne eine leidenschaftliche Stimme geben würdest, weil es nicht die ihm zustehende Aufmerksamkeit bekommt?
Es gibt Bücher, die bekommen Aufmerksamkeit, aber gehen ohne Literaturpreis aus. Zum Beispiel gibt es da einen Roman, der den Coming-of-Age-Kultfilm der 80er Jahre decodiert und in hervorragende Unterhaltungsliteratur verwandelt. Ich fühle mich an die Schwelle des Erwachsenwerdens versetzt und erlebe nochmals die Schwere und das Schwebende dieser Zeit. Den Weltschmerz, die Einsamkeit, die Ausgelassenheit und dieses Gefühl die Welt rocken zu können. Ich meine damit «Hard Land» von Benedict Wells und immer wenn ich davon spreche höre ich Don’t you forget about me von Simple Minds in meinem Kopf.
Und dann gibt es auch Bücher, die viel mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten, auch wenn der/die Autorin mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Hier denke ich an die Romane «Aufbrechen» und «Überleben» der Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe.

Hand aufs Herz: Was macht eine Vielleserin mit all ihren Büchern? Irgendwann sind die Regal voll!
Öffentliche Bücherschränke zum Bersten bringen!

Beitragsbild © Annette König/SRF

Veronika Sutter «Grösser als du» Geschichten, edition 8, #SchweizerBuchpreis 21/6

„Grösser als du“ ist mit ‚Geschichten‘ untertitelt. Aber wie schafft es ein „Geschichten-Buch“ in die Shortlist des Schweizer Buchpreises? Veronika Sutter Buch ist alles andere als harmlos. Weder inhaltlich noch sprachlich. Wie gut, dass es auch in der dritten Reihe leuchtet, blitzt und funkelt! 

Geschichten bekam ich von meiner Mutter vorgelesen, wenn ich krank war. Wahrscheinlich glaubte meine Mutter an deren heilende Wirkung. Selbst ich glaube an die heilende Wirkung von Literatur, auch wenn Veronika Sutters Geschichten so gar nichts gemein haben mit den Geschichten, die immer ein gutes Ende hatten, wenn meine Mutter sich an mein Bett setzte und vorlas. Veronikas Geschichten sind alles andere als Geschichtchen. Und ob sie heilsam waren, zumindest für mich, weiss ich nicht, denn sie lösten einiges aus, nicht zuletzt eine ganze Portion Wut.

„Grosser als du“ sind 16 Erzählungen (Geschichten als Bezeichnung ist zu harmlos!) die alle zwischen den Jahren 1991 und 2019 spielen, zwischen den beiden grossen Frauenstreiks. 1991 nahmen Hunderttausende an jenem Streik teil, der für viele, nicht bloss für Frauen, zu einer Zäsur wurde, war es doch erst 20 Jahre her, seit die Männer in der Schweiz über das Frauenstimmrecht abstimmten und noch immer ein Drittel dieser Männer dafür gewesen wäre, es besser beim Alten zu lassen. 20 Jahre, in denen wohl das Frauenstimmrecht funktionierte, aber von gleichen Rechten keine Rede sein konnte. Dass damals Hunderttausende auf die Strasse gingen, nicht nur in Zürich, machte vielen Mut, nicht zuletzt jenen, die in ihrer eigenen Geschichte noch weit davon entfernt waren, sich auf Augenhöhe mit der Männerwelt zu behaupten. Frausein muss immer noch Selbstbehauptung sein, auch wenn es mittlerweile, ein halbes Jahrhundert später, Männer gibt, die sich von der Wucht der Weiblichkeit überrumpelt und bedroht fühlen.

Veronika Sutter «Grösser als du» Geschichten, edition 8, 2021, 192 Seiten, CHF 22.80, ISBN 978-3-85990-421-7

In Veronika Sutters Buch sind aber nicht 16 lose Erzählungen aneinadergefügt, die alle irgendwie mit den beiden Streiks, mit Frauenschicksalen zu tun haben. Wer zu lesen beginnt, merkt nach und nach, dass die Erzählungen miteinander verknotet sind, dass es Momentaufnahmen im Leben von Gloria, Karo und Helen oder Aldo und Walter sind, die miteinander verwoben sind. Momentaufnahmen, die zeigen, wie weit Frauen und Männer bis in die Gegenwart voneinander entfernt sind, wie tief Verletzungen sind und wie sehr sich Menschen hinter ihrem Schweigen, hinter Fassaden und ihren ungestillten Sehnsüchten verstecken.

Was bleibt, wenn man nach einer Flucht aus einer übergriffigen Beziehungen, in die man fast bewusstlos hineinrutschte? Was passiert, wenn sich perfekte Missverständnisse wie Druckwellen ausbreiten? Wenn sich fremde Welten für einen Augenblick nicht wirklich begegnen, dafür sich umso mehr in diesem einen Moment abstossen? Wenn der Tod so kalt wird wie die Gurkensuppe, in der das Gesicht der Mutter liegt. Wenn sich Syphillis in die Seele frisst. Wenn die Enkelin Gloria am Sterbebett ihrer Grossmutter Annie sitzt und sich abhängen lassen muss von der Urgewalt ihrer Junkiemutter Selma.

Veronika Sutters Bilder, die Szenerien ihrer Geschichte gehen unter die Haut, lösen Emotionen aus, bei mir im ersten Teil des Buches sogar Wut. Männer sind fast ausnahmslos Monster, trunkene Schläger, blinde Grobiane. Ich mache der Autorin keinen Vorwurf. Mein Problem, ich bin ein Mann. Und weil Veronika Sutter in ihrer Brotarbeit wohl immer wieder mit Schicksalen, Frauenschicksalen konfrontiert wird und es unbestreitbar wichtig ist, dass man(n) darüber schreibt, sind Erzählungen wie diese von Veronika Sutter Notwendigkeit, wenn man(n) sich nicht vor Tatsachen und Schicksalen verschliessen will.

Aber auch sprachlich ist Veronika Sutters Buch eine Kostbarkeit, auch wenn sich Helvetismen in den Text eingeschlichen haben, für die mir Erklärungen fehlen. 

Fazit: „Grösser als du“ hat die grosse Bühne verdient. Nicht nur, weil das Buch mit wichtigen Themen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit aufrüttelt, sondern weil das Buch klug konstruiert und die Dramatik des Buches Lesern in die Knochen fährt!

Veronika Sutter, 1958 geboren und im Sihltal aufgewachsen, arbeitete Veronika Sutter als Buchhändlerin, Kulturveranstalterin und Journalistin. Seit dem Studium in Kommunikationsmanagement ist sie in der Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen tätig. Sie engagierte sich im Vorstand der Stiftung Frauenhaus Zürich und bei Greenpeace. Sie lebt mit ihrem Partner in Zürich. «Grösser als du» ist ihr erstes Buch.

Beitragsbild © leafrei.com