Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen #SchweizerBuchpreis 26/06

Am 6. Februar 2023 bebt die Erde im Südosten der Türkei und im Norden Syriens. Mehr als 60 000 Menschen verlieren ihr Leben, ganze Stadtteile werden dem Boden gleichgemacht. Millionen werden obdachlos. Am 6. Februar 2023 bleibt eine junge Frau in Zürich in ihrer Wohnung. Alles bricht auf sie ein.

Die Erzählerin in Hayat Erdoğans Debütroman erfährt kurz nachdem sie in ihrer Wohnung in Zürich aufwacht, dass ein schweres Erdbeben ganze Landstriche verwüstet hat, auch solche, mit denen ihre Familie verbunden ist. Menschen sind verschüttet und gestorben, Existenzen vernichtet. Was als seismische Naturkatastrophe die Ränder von Kontinentalplatten erschüttert, bebt gleichermassen in der Stimme, im Denken der Erzählerin, reisst Abgründe auf, reisst Vergessenes, Unverdautes aus dem Vergessen hervor. Eine Frau in Zürich, weit weg vom Epizentrum des Bebens, wird von den Wellen des selben erfasst. Sie, die eigentlich zu funktionieren hätte, auf die Arbeit wartet, die einen Vortrag zu schreiben hätte, die Mails beantworten müsste, sieht sich mit Bildern, Gedanken, Assoziationen konfrontiert, die sie in Wellen überschwappen. Das Trauma der Menschen in ihrem Herkunftsland, ihrer Familie, erfasst sie in ihren vier Wänden, wirbelt sie durch, lähmt sie ebenso wie sich Abgründe öffnen, Visionen zu flimmern beginnen, Gedanken mäandern.

Eine Frau im Zwiespalt zwischen Pflichten, die nichts mit dem zu tun haben, was momentan über sie hereinbricht, dem Schmerz einer Trennung, einer Entliebung zu einem „Niemand“, den sie mit genau diesem Ettikett zu fassen versucht. Die Konfrontation des Banalen mit dem Dramatischen, den Wortmeldungen ihrer Familie, dem Klagelied ihrer Mutter, den Nachrichten auf ihrem Telefon. Ein Kammerspiel mit klaustrophobischer Wirkung, ein Aufeinanderprallen von extrem unterschiedlichen Wirklichkeiten. Hayat Erdoğan unterteilt ihr Buch, das vielmehr ein essayistischer Roman als ein erzählerisches Werk ist, in 24  Gesänge, jeden einer Stunde eines schlaflosen Tages zugeordnet. Sie erzählt weder die Geschichte einer gestressten, in Pflichten eingebundenen Frau, noch das Protokoll einer Naturkatastrophe aus der Distanz. Es ist das Beben selbst, das sich in der Erzählerin fortsetzt, mit einem ganzen Chor an Stimmen, die sich ins Geschehen, ins Mäandern mischen, allen voran der irische Schriftsteller und Dichter James Joyce.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ kann auch durchaus als Absichtserklärung gelesen werden. Wenn überhaupt erzählt, sind es Assoziationen. Die Erzählstimme lässt sich wegtragen auf der Suche nach Spuren, einer Spur für den Vortrag, den sie schreiben sollte, einer Spur, um auf das zu reagieren, was an seismischen Wellen auf sie einschlägt, auf all das, was die Geschichte ihres Herkunftslands an Vernarbungen zurückgelassen hat, auf das, was an Rebellion gegen Festgefahrenes und Eingeschriebenes, gegen Gewalt und Diskriminierung Wunden immer und immer wieder aufreisst, auch dort, wo Begriffe wie Liebe und Sehnsucht schnell verklären.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ ist ein bewegendes, anspruchsvolles Buch. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass dieses Buch für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Nicht, dass es der Nominierung nicht würdig wäre, ganz im Gegenteil. Wenn der deutsche Schriftsteller Maxim Biller gegen „harmlose Wohlfühlprosa“ wettert, dann entspricht „Hauptsache kein Zeitgeist“ genau dem, was der ewig Unangepasste fordert. Hayat Erdoğans Debütroman ist alles andere als Wohlfühlprosa, auch keine Nabelschau einer Gekränkten, Verwundeten. Viel mehr eine kraftstrotzende Kampfschrift, die alles von mir als Leser abverlangt. Da schreibt jemand mit jeder Zelle seines Seins!

Hayat Erdoğan» Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen, 2026, 304 Seiten, ISBN
9783546100915

Hayat Erdoğan ist Dramaturgin, Kuratorin und Kolumnistin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Dramaturgie, war Forschungsstipendiatin der James Joyce Stiftung in Zürich und Triest, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste, und leitete künstlerische, forschende Projekte zwischen London und Hong Kong. Von 2019 bis 2025 war sie Co-Direktorin und Dramaturgin am Theater Neumarkt in Zürich. «Hauptsache kein Zeitgeist» ist ihr Debütroman. 

Illustrationen © leafrei.com