In Bahnhöfen rieche und höre ich, sehe Menschen und ihre unterschiedlichen Erfahrungen von Glück und Pech, Verlust und Hoffnung, schrieb mir der Schriftsteller Waseem Hussain, als ich ihn fragte, was ihn zum Mitschreiben an dieser Sammlung antrieb.
Irgendwann nach Mitternacht, ohne Anschluss, eine improvisierte Übernachtung auf dem Bahnhof oder soviel Geld für ein Taxi, dass man damit zu zweit auswärts essen könnte.
Bei Regen und Sturm irgendwo am Bodensee, gestrandet unter Leuten, die in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verärgerung an ihren Telefonen herummachen.
Am Gare de l‘est in Paris am Sonntag auf der Rückreise mitten im Streik ohne Informationen, ausgebremst mit der leisen Ahnung, dass sich die nur langsam gewonnene Erholung viel zu früh wieder verflüchtigt.
In freudiger Erwartung, dass sie in wenigen Minuten endlich einem der Züge entsteigen und beginnen würde, wonach ich mich schon so lange sehnte.
Bahnhöfe sind eigenartige Orte, an denen man ankommt, um möglichst schnell wieder zu verschwinden – und wegfährt, weil es sehr oft unvermeidbar ist. Orte des Übergangs, Durchgangs, an denen niemand bleibt, höchstens die dauerhaft Gestrandeten mit ihrem Dosenbier auf dem Abfalleimer und ihren überlauten Gesprächen über alles und nichts. Orte, an denen man manchmal rennt und manchmal stundenlang warten muss.
Bahnhöfe sind aber auch wundersame, mitunter wunderschöne Orte. Dann, wenn etwas vom Stolz jener Zeiten übrig geblieben ist, als die Bahn wie Kim etwas anderes Fortschritt, Innovation und Zukunft verkörperte. Wenn Bahnhofshallen zu Manifestationen werde, zu Toren anderer Welten.

Martin R. Dean erzählt in seiner Geschichte von einem Wartenden am Bahnhof in Locarno, einem Sackbahnhof, wo die Geleise enden. Von einem Mann, der auf eine Frau wartet, jene Frau, die gleichzeitig seine grosse Liebe und seine grosse Abwesende war. Deren Leben ein so ganz anderes war als das sein, zwei Leben, die nie zusammenzupassen schienen. Ein Mann, dessen Warten viel mehr ist als bloss Warten. Der dort an Erinnerungen nachhängt, an Versäumtem, an Durchgestandenem, an Zusammensein und Trennung, die wie einem Pendel folgten. «Die Verspätung», ein zarter, durchscheinender Text.
Durch die Erinnerung an Bahnhöfe, wo Teile meiner Geschichte stattgefunden haben. Der Bahnhof Locarno gehört wie der Ort selbst seit über einem halben Jahrhundert zu meiner persönlichen Geschichte. Um den Doppelcharakter literarisch umzusetzen, habe ich dem Bahnhof auch Aspekte des Tartarus gegeben, als Ort, wo sich die Toten einfinden, bevor sie in ihr Reich verschwinden. Martin R. Dean
Wenn aus Siegern Besiegte werden, die aufbauen müssen, was Bomben und Kanonen vorher zerstörten. Wenn aus Besiegten Sieger werden, die den Hass auf all das Verderben, das Töten und Morden nicht so einfach vergessen können. Und doch entsteht da etwas Neues, so wie in «Den Himmel kämmen» von Karl Rühmann mit dem Bahnhof Sarajevo. Wenn aus Gegnern Freunde werden. Nicht weil der eine den andern retten wollte, sondern weil er jenen mit dem Gewehr daran hindern wollte, noch einmal mit dem Töten zu beginnen. Hasan und Max, die sich vierzig Jahre nach diesem einen Schuss noch einmal treffen – auf dem Bahnhofsdach. Karl Rühmann erzählt von einem Ort, der zum Brennpunkt wurde, ein Mischort zwischen Hoffnung und Mahnmal, zwischen Erinnerung und dem Glauben an eine bessere Zukunft.
Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass der Bahnhof in Sarajevo zwischen 1948 und 1952 von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde. Es hiess, man habe ihnen die Freiheit versprochen, sobald der Bahnhof fertiggebaut sei. Der Gedanke hat mich fasziniert: Ein prestigeträchtiges Gebäude, mit einer grossen Symbolik behaftet, wird von Menschen gebaut, die bis gestern Feinde waren. Dann sah ich ein Foto des Bahhofs: Die abgerundeten Trennwände auf dem Dach erinnerten mich stark an einen überdimensionierten Kamm. Danach schrieb sich die Geschichte gewissermassen von alleine. Zumal der Gegensatz zwischen Freund und Feind, Früher und Heute, Hoffnung und Enttäuschung in allen meinen Büchern zu finden ist. Karl Rühmann
Über dreissig AutorInnen und ebenso viele Bahnhöfe. Von Monika Helfer bis Bänz Friedli. Von Wien bis Wellingtonbridge, von Wädenswil bis Mumbai. Lauter Zwischenhalte von Reisen, die nie enden.
Hugo Ramnek, 1960 in Klagenfurt geboren, studierte Germanistik und Anglistik in Wien und Dublin. In Zürich besuchte er die Schauspielschule und unterrichtete am Liceo Artistico. 2012 war er für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert; für seine Romane erhielt er unter anderem zweimal den Literaturpreis der Stadt Zürich sowie den Premio Letterario Internazionale Merano-Europa. Hugo Ramnek lebt in Zürich und Wien und tritt regelmäßig als Leseperformer auf.
Wolfram Schneider-Lastin, 1951 in Schwäbisch Gmünd geboren, studierte nach einer Schauspielausbildung in Stuttgart Geisteswissenschaften an den Universitäten Tübingen, Wien und Rom. 1988 zog er in die Schweiz. Neben zahlreichen Schauspielengagements arbeitete er als Dozent an verschiedenen Schweizer Universitäten. Wolfram Schneider-Lastin ist freier Autor und Herausgeber von wissenschaftlichen und belletristischen Publikationen. Er lebt in Zürich.
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