Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams» #SchweizerBuchpreis 21/5

Vielleicht ist es die Sehnsucht des Menschen nach der perfekten Maschine, der perfekten Hilfskraft, des perfekten, bedürnislosen Dienens. Ganz sicher ist er der Reiz des Machbaren, Erschaffer:in zu werden. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Ein Roman, der den menschlichen Code zu knacken versucht, jenes Geheimnis, das uns zu Menschen macht.

Schon in ihrem letzten Roman „Knochenlieder“ spielte Martina Clavadetscher derart gekonnt und verblüffend mit ihrer Sprache, ihrem Sound, ihrer Konstruktion, ihrem ganz eigenen Instrumentarium, dass sie für mehr als „nur“ den Schweizer Buchpreis nominiert wurde. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die grosse Schwester ihres letzten Romans. Formal ähnlich gestaltet (im Flatter- nicht im Blocksatz), manchmal fast an Lyrik erinnernd, über weite Strecken geschrieben, als wäre die Autorin monologisierend auf einer schwarzen Bühne im Scheinwerferlicht, das Szenario in den Köpfen der Zuhörer:innen aufsteigen lassend. „Die Erfindung des Ungehorsams“ geht aber noch einen Schritt weiter, steht „Knochenlieder“ in nichts nach, überflügelt ihn.

„Ihr Leben verläuft nach Plan.“

Martina Clavadetscher will nicht einfach eine spannende Geschichte erzählen. Sie erzeugt während des Lesens das Bewusstsein, wie schmal der Grat zwischen Realität und Künstlichkeit ist, wie nah wir uns in unserer Gegenwart einer bedrohlich werdenden Zukunft nähern, wohin uns unsere Fantasielosigkeit gepaart mit Profitdenken führen kann, wie klein der Unterschied ist zwischen Menschlichkeit und Automatismus. Dabei rankt sich ihre Sprache in Sphären, die in der deutschsprachigen Literatur nur selten anzutreffen sind. Ihre Sprache, ihr Erzählen ist alles andere als künstlich und schafft einen erstaunlichen Kontrast zum fast blutleeren Geschehen in der Geschichte.

„Gesetzmässigkeiten tarnen sich bloss mit Willkür, damit das Logische nach aussen unlogisch wirkt.“

Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag, 2021, 288 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-293-00565-5

Iris lebt irgendwo in Manhattan in einem Penthouse. Sie erwartet Gäste, wartet mit Ungeduld. Es wird eine kleine Party sein, wie immer und jedes Mal, mit Godwin und Wollstone, zwei älteren Damen. Iris hat den Part der Erzählenden, während die Gäste lauschen. Iris erzählt aus dem Leben von Ada, Ada Lovelace, die es wirklich gab, die vor mehr als 200 Jahren in England lebte und die Tochter jenes berühmt, berüchtigten englische Dichters Lord Byron (1788–1824) war, den sie aber nie kennen lernte. Von ihrer gestrengen Mutter (im Buch Übermutter) erbte sie das überdurchschnittliche Geschick mit Zahlen, das sie schon in jungen Jahren mit dem Mathematiker Charles Babbage zusammen brachte, der eine Differenzmaschine entwickelte, etwas, das sich als Vorläufer der heutigen Computer entpuppte. Ada, einst ein kränkliches Kind, von der Mutter überbehütet, um es aus dem langen Schatten ihres unseligen Vaters zu zerren, entwickelte mit Charles Babbage die Idee einer Maschine, die weit mehr kann, als jene Spielmaschinen, mit denen man damals ein Publikum zu faszinieren vermochte.

In „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die Geschichte eingebetet in jene der „Halbschwester“ Ling, die an einem andern Irgendwo irgendwann Arbeiterin in einer Produktionsstätte für Sexpuppen ist, alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, einer Fanny Lee, die die Hauptdarstellerin eines Film ist, den Ling längst zu ihrem Lebensbegleiter gemacht hat, den sie immer wieder in ihren dämmrigen Feierabenden sieht, nach Tagen, die zwischen Fabrik und Wohnsilo immer gleich aussehen. Lings Arbeit in der Fabrik ist es, die Körper nach dem Guss nach Silikonresten zu untersuchen, bevor sie noch ohne Kopf an einen Haken gehängt werden, um in einer nächsten Halle mit dem Haupt versehen zu werden, einem Modul, das interaktiv auf einen zukünftigen Besitzer regieren soll.

„Ling, das Programm hat gelernt zu lügen.“

Ling ist einsam. Bis sie einen der kopflosen Körper mit nach Hause nimmt, bis sie Jon B., einen der Wachmänner der Sexpuppenfabrik bei sich zuhause einlässt, bis der Wunsch nach Gemeinschaft aus den Treffen in Lings Wohnung Konspiration werden lassen und ein Wagnis daraus entstehen soll.

Martina Clavadetscher verwebt die verschachtelten Erzählstränge aber so, dass ich als Leser nie den Überblick verliere, gewisse Details und Feinheiten aber doch nur bei ganz genauer Lektüre zum Vorschein kommen. So wie etwa das Detail, dass hinter den Namen Godwin und Wollstone die Mutter der Schriftstellerin Mary Shelley, der Schöpferin Frankensteins, Mary Wollstonecraft-Godwin verbirgt. Frankenstein, ein Diener, ein Geschöpf aus der Hand eines Menschen, abgekoppelt von einer natürlichen Ordnung.

„Das Unzähmbare lebt. Es keimt. Und bringt etwas ganz Eigenständiges hervor.“

Martina Clavadetscher gelang mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ Erstaunliches und Verblüffendes! Der Roman bietet genau das, was sich Leser:innen wünschen, die mehr als nur unterhalten werden wollen. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist vielschichtig, vieldeutig und poetisch zugleich!

Mein Fazit: Wenn Mut gewinnt, dann sie!

Martina Clavadetscher, geboren 1979, studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie. Seit 2009 arbeitet sie als Autorin, Dramatikerin und Radio-Kolumnistin. Ihr Prosadebüt «Sammler» erschien 2014. Für die Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin am Luzerner Theater. Mit ihrem Theaterstück «Umständliche Rettung» gewann sie 2016 den Essener Autorenpreis und war im selben Jahr für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für «Knochenlieder» erhielt sie 2016 den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung und wurde 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert.
Martina Clavadetscher lebt in der Schweiz.

Rezension und Interview zu «Knochenlieder» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Ingo Höhn 

Christian Kracht „Eurotrash“, Kiwi #SchweizerBuchpreis 21/4

Christian Kracht hat seinen Roman «Eurotrash» aus dem Rennen des Schweizer Buchpreises genommen. Aber auch wenn sich der Autor aus dem Wettbewerb ausklinkte, melde ich mich als Buchpreisbegleiter. Ich melde mich, weil ich sein Buch gelesen habe und es vielleicht nicht getan hätte, wäre sein Name nicht auf der Shortlist gestanden.

So wie es andere Bücher nie auf die Oberfläche des allgemeinen Interesses schaffen, so tun es andere auf jeden Fall. Und es gibt Bücher, an denen die Medien, Jurys und der Buchmarkt schlicht nicht in der Lage zu sein scheinen, an ihnen vorbeizugehen, weil sich allein die Beschäftigung mit ihnen lohnt, in Sachen Publicity oder in der Brieftasche selbst.

Ich möchte vorausschicken, dass ich zwei Bücher von Christian Kracht über die Massen schätzte und gerne gelesen habe: «Imperium» und «Die Toten» mit dem er 2016 den Schweizer Buchpreis in Empfang nehmen durfte (auch wenn man Dankbarkeit damals nicht aus seiner Reaktion lesen konnte). Beide Romane sind hohe Sprachkunst, genial konstruiert und wie immer bei Christian Kracht genial inszeniert.

Christian Kracht kann zwei Dinge unbestreitbar: Schreiben und Verunsichern. Das beweist er mit seinem Roman «Eurotrash», der es nun, als wäre es perfekt inszeniert, auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Ein Roman, der mich als Leser gleichermassen faszinierte wie befremdete. Das tut dem Roman keinen Abbruch, denn ich unterstelle dem Autor, dass er genau das will. So wie er mich mit seinem Roman verunsichert, so verunsichert er mich als Person. Ich unterstelle dem Autor, dass er sich als Person und Schriftsteller perfekt vermarktet. «Christian Kracht» ist eine Marke, bei dem alles aufhorcht, wenn er sich ankündigt. Ein lebendiges Pulverfass, ein Funkelstein, der schwindlig macht, wenn man ihn lange genug fixiert.

Christian Kracht «Eurotrash», Kiepenheuer & Witsch, 2021, 224 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-462-05083-7

Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt. Eine von Familie und Geschichte beschädigte alte Frau fährt mit ihrem von Familie und Geschichte beschädigten Sohn mit einem Taxi und einer prallvollen Plastiktüte Geld kreuz und quer durchs Land. Eigentlich tun sich beide gegenseitig nicht gut, bezichtigen sich aller erdenklichen Versäumnisse und Quälereien. Eine Tour durch ein Land durch Städte, die sie beide nicht mögen, manchmal sogar hassen, eine Tour durch Erinnerungen, die sie beide nicht mögen, manchmal sogar hassen. Eine Mutter und ein Sohn. Eine Bindung, die sich nur schwer mit Begriffen wie «Liebe», «Geborgenheit» uns «Wärme» verbinden lässt. Eine Bindung zwischen maximaler Abneigung und untrennbarer Nähe. Jeder, der liest, hat eine Mutter. Wir wissen, wie fragil eine solche Beziehung sein und werden kann. Darum schmerzt die Lektüre dieses Buches zuweilen körperlich. Nicht weil ich denke, dass der Autor die Wirklichkeit abbilden will – keinesfalls. Zuletzt bei Christian Kracht. Aber weil das Hickhack zwischen Mutter und Sohn so meisterhaft und klug inszeniert ist, dass es zumindest bei mir einen Nerz trifft, der bei der Lektüre empfindlich reagiert. Genau das, was ein Autor doch will. Einen Nerv treffen. Lesende konfrontieren, sie zur Auseinandersetzung zwingen.

Man liest «Eurotrash» nicht zur Erbauung. Und meiner Mutter würde ich das Buch zuletzt schenken. Eben perfekt inszeniert. Ein Spiel. Eine Inszenierung. So wie die Figur Christian Kracht auch. Was kann sich ein Autor mehr wünschen, dass sich eine ganze Szene Händeringen fragt, was denn der Autor eigentlich beabsichtigt. Aber möchte ich als Leser bespielt werden? Zu oft nicht. Für einen Kracht reicht es -allemal.

Fazit: Wenn sie sich trauen, dann lesen sie ihn. Wenn er ihnen nicht gefällt, ist das kein Indiz, dass der Roman nicht gut ist.

Webseite des Autors

Beitragsbilder © leafrei.com

«Tūmūhaimana!» Feuer mit Michael Hugentobler #SchweizerBuchpreis 21/3

«Allein für die Stuckaturen im Bodmanhaus würde ich lieber heute als morgen zurückkommen. Und für den knarrenden Boden. Und für die Treppe, deren Tritte alle eine unterschiedliche Höhe haben. Und für die Menschen, die so spannende Fragen gestellt haben und so freundlich und aufgeschlossen waren. Und ganz allgemein für die Zwiebeltürme an der Drachenburg und den Schiffsteg von Gottlieben.» Michael Hugentobler

Michael Hugentobler, einer der Nominierten des diesjährigen Schweizer Buchpreises, war mit seinem Roman «Feuerland» Gast im Literaturhaus Thurgau, mit einem Roman um den drohenden Verlust von Geschichte, über Besessenheit und Leidenschaft und die Magie der Sprache!

Für sein Schreiben zu recherchieren, ist das eine. Nichts über gute und gewissenhafte Recherche! Wenn das Geschriebene danach, die eigentliche Geschichte aber vom leicht abgestandenen Geschmack der Recherche durchzogen ist oder gar der Eindruck entsteht, der oder die Schreibende müsste mit jeder Formulierung den Gehalt oder die Tiefe der Recherche beweisen, dann kann Recherche aufstossen, dann wird das Geschriebene zum Machwerk. Dass Michael Hugentobler die Recherche zu seinem Roman über ein Buch, ein Wörterbuch über die Sprache der mittlerweile ausgestorbenen Yamana-Indianer, das er durch ein ganzes Jahrhundert begleitet, von Patagonien bis ins British Museum in London, zu einem wichtigen Instrument des Erschaffens machte ist klar und nachvollziehbar. Michael Hugentobler ist Reporter! Und wenn etwas den Reporter auszeichnet, dann ist es eine solide Recherche. Aber Michael Hugentobler drängt alles, was nach Wissen und Recherche riecht bei seinem schriftstellerischen Schreiben in unmerklichen Hintergrund. Sie trieft und schwitzt nicht! Er verbirgt sie gekonnt hinter Erlebtem, Aufgeschnapptem, hängt sie hintergründig an seine Fantasie und Fabulierkunst.

© leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Ein Wörterbuch, verfasst von einem britischen Missionar im dünn besiedelten Patagonien des 19. Jahrhunderts wird zum letzten Rest einer ganzen Kultur, die durch Kolonialisierung, eingeschleppte Krankheiten, Goldrausch und Christianisierungsversuche vernichtet wurde. Ein Wörterbuch, dass windige Polarforscher und schrullige Völkerkundler wie einen Schatz, einen Gral durch die Zeit tragen.

Eigentlich Wunder genug, dass es ein Roman über verschrobene Wissenschaftler und eifrige Missionare, ein Buch über ein Buch, ein Roman, in dem Frauen nur am Rande vorkommen und dann auch noch ziemlich schnell sterben, auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises schafft. Selbst das Thema eines vernichteten Volkes scheint in einer Zeit, in der man sich schamlos des Begriffes «Genozid» bedient, nicht unproblematische und schon gar nicht verkaufsfördernd zu sein.

Aber «Feuerland» ist ein Roman, der funkelt, der Türen aufreisst. Wenn es ein Buch schafft, Reiseführer in verborgene Innen- und Aussenwelten zu sein, wenn es mich mitnimmt zu Wanyamwezi-Gesängen oder Nongkrem-Fabeln, wenn man im Lesen Napfschnecken und Mähnenrobben isst und erfährt, dass man mit Schwefelkies und einem Pilz namens Gunda Feuer machen kann, dann werde ich als Leser glücklich, weil Michael Hugentobler den Szenerien jenes Leben einhaucht, dass nur der Gereiste erzeugen kann.

Ein wunderbarer Abend mit einem wunderbaren Buch und einem wunderbaren Schriftsteller!

Liebe Manu, lieber Gallus #SchweizerBuchpreis 21/2

Manuela Hofstätter (lesefieber.ch) und Gallus Frei (literaturblatt.ch) sind mit ihren Webseiten die offiziellen Buchpreisbegleiter des Schweizer Buchpreises 2021.

Ein Mailwechsel zum Thema:

Liebe Manu,
dass die Zeiten hart und wirr sind, brauche ich nicht zu erläutern. Auch dass es für Kulturschaffende und all jene, die an diesem Geschehen mitgestalten schwierig ist, muss nicht nacherzählen werden. Die Medien sind voll davon. Wir beide als Literaturvermittler (ich verzichte für einmal auf ein Genderzeichen, weil es in diesem Fall einfach doof ist) hatten auch Abstriche zu machen. Auch solche, die weh taten. Aber eines blieb: Das Buch und das Lesen. Was gab und gibt dir das Lesen in diesen Zeiten? Hat sich der Akt des Lesens verändert?
Gallus

Lieber Gallus,
du hast ja so recht und es ist in aller Munde, die Welt steht kopf zurzeit. Ich versuche mich richtig zu verhalten und leide aber unter der Unmenschlichkeit, die zunehmend überhandnimmt. Ja, was bleibt, ist das Buch und das Lesen, ich bin sicher, die Menschen lesen mehr denn je zuvor und ich meine dabei nicht die Berichterstattung der Medien, ich merke tatsächlich, es wird zum Buch gegriffen. Mein Leseverhalten hat sich tatsächlich verändert, ich habe einen neuen Lesesessel, der ist so bequem, ist das Buch nicht gut, schlafe ich ein. Mein Sessel unterstützt mich also bei meiner Wahl, was es zu lesen gilt. Auch was die Genres betrifft, bemerke ich eine Veränderung, ich habe mich nach erheiternder Literatur umgesehen und merke, Humor ist sehr kostbar und wichtig für mich, aber auch dem Krimi habe ich mehr Raum gegeben, der lenkt mich von allem ab und ich hänge plötzlich an dicken Büchern, gerne historischen Romanen, in eine vergangene Zeit einzutauchen, das finde ich momentan das Herrlichste. Die Belle époque etwa hat mich überaus gefesselt. Was meinst du, lese ich mich aus unserer problematischen Zeit hinaus? Ich werde mich nun mit den nominierten Büchern befassen, ich bin gespannt, wie du diese lesen wirst. Warst du auch überrascht von dieser Auswahl? Welches Werk wirst du nun zuerst lesen? Fragen über Fragen, ich bin eine neugierige Kollegin und ich freue mich auf diesen Austausch mit dir. Sei herzlich gegrüsst
Manu

Liebe Manu,
ich glaube, dass das Aus-der-Zeit-lesen zu jeder Zeit legitim ist, selbst dann, wenn es eine Flucht vor den aktuellen Problemen der Zeit ist. Lesen ist doch immer zu einem gewissen Teil Unterhaltung. Man will weggetragen werden, versinken, sich von Sprache verzaubern lassen. Schön, wenn sich beides verbinden lässt; das Hineintauchen in eine neue Welt und die Selbstreflexion während der Lektüre. Ich liebe Bücher, die das alles verbinden. Bücher, die Räume gegen innen und gegen aussen öffnen. Bücher, die mich nicht nur mit einer Geschichte locken, sondern die Sprache zu einem Instrument werden lassen, das zuweilen virtuos gespielt wird.
Klar überrascht mich die Liste der Nominierten des Schweizer Buchpreises jedes Jahr, aus ganz verschiedenen Gründen. In jedem Fall reibe ich mir die Augen. Da sind die einen Bücher, die ohne die Nomination völlig an meinem Blick vorbeigegangen wären, bei denen ich froh bin, dass mich die Liste laut auffordert. Zum andern sind es jedes Jahr Namen, die ich vermisse. Wie sollte es auch anders sein, bei 5 Nominierten. Wäre ich in der Jury des Schweizer Buchpreises, dann … es lebe der Konjunktiv. 
Fazit meiner ersten Gedanken zu den 5 Namen: Wie immer versucht sich die Jury in Ausgewogenheit, was eigentlich unmöglich ist. Nach der letztjährigen Buchpreisträgerin Anna Stern sind es drei Männer und zwei Frauen. Nett, dass man auch zwei Debüts mit ins Rennen schickt, auch wenn es noch nie ein Erstling aufs Podest schaffte. Aber schlussendlich schafft die Jury die Überraschung ja dann doch. Warum kein Debüt, wird doch das eine Buch hervorgehoben und nicht das Werk. Warum nicht, der eine, der den Preis schon einmal entgegennehmen durfte, auch wenn es das meines Wissens auch in unserer Nachbarschaft ich nie gab. Warum nach zwei Preisträgerinnen nicht noch einmal ein Frau, ist das Buch doch sächlich.
Ich lese gerade eben „Eurotrash“ von Christian Kracht. Sprachlich ganz eigen und bestechend.
Liebe Manu, wenn man dich in die Jury setzen würde, welche Linsen würdest du bei der Auswahl deiner Favoriten aufsetzen? Was wäre dir wichtig?
„Lesen hilft immer.“
Gallus

Lieber Gallus, 
verzeih, es sind ein paar Tage verstrichen, es hat «gekracht», ich bin mir sicher, die Lektüre von «Eurotrash» wird Dich dennoch beschäftigen. Gewinnt Kracht gar den Deutschen Buchpreis? Zu deiner Frage, ich habe tatsächlich Erfahrungen sammeln dürfen, was Juryarbeit betrifft, ich kann daraus nur eine Erfahrung ziehen, die Entscheide sind immer Wundertüten, hinter denen dennoch intensive Arbeit steckt. Ich gestehe, ich sässe gerne einmal in der Jury beim Schweizer Buchpreis, ich bin ja Buchhändlerin und somit beantworte ich deine Frage recht lapidar, ich würde mein Augenmerk beim Wählen der Favoriten ganz und gar auf meine Intuition setzen. Dies heisst: Welches Werk berührt mich, aus welchen Gründen auch immer, welches Werk vermag viele Lesende zu bewegen? Schliesslich geht es immer um eine Beziehung, die da eingegangen wird zwischen einem Werk und seiner Leserschaft. Mich würde es auch erfreuen, wenn die Jury nicht alleiniges Entscheidungsorgan sein würde, ich weiss aber, wie heikel das ist, ein Publikumsvoting dazuzunehmen. Wir sind ja schliesslich nicht bei irgendeinem kuriosen Wettbewerb, nicht wahr, wir sind hier beim Schweizer Buchpreis. Wobei, lieber Gallus, so ein «fresh up» würde dem Schweizer Buchpreis doch ganz guttun, oder nicht? Bin ich da zu forsch, was meinst Du, kannst Du Dir vorstellen, diesen Preis ganz anders auszurichten? Auf zu neuen Ufern, das gefällt mir immer, doch oft befinde ich dennoch, Schuster bleib bei deinen Leisten …
Ganz anregende und herzliche Grüsse an Dich 
Manu
 

5 Bücher, 5 Namen #SchweizerBuchpreis 21/1

Verfolgen sie das Rennen um den Schweizer Buchpreis? Beeinflusst dieses Rennen ihr «Literatur-Konsumverhalten»? Lesen sie eines oder mehrere der Bücher, die im Rennen sind? Alleweil gut ist der Preis für Überraschungen. Und immer wieder ist die Hoffnung da, dass sich all die Zwänge der Gegenwart nicht in die Auswahl einmischen?

Bis zur Verleihung des Schweizer Buchpreises in Basel am 7. November 2021 mische ich mich immer wieder in die Frage «Welches Buch muss es sein?». In der Menüleiste links finden sie einen Link, der Sie direkt zu den entsprechenden Artikeln führt!

Sie kennen Christian Kracht nicht? Er war schon einmal Träger des Schweizer Buchpreises und ist mit jedem seiner Bücher im Gespräch, sei es unter Rezensent:innen, Feuilletonist:innen oder engagierten Leser:innen. Ein Mann, der einem förmlich zur Auseinandersetzung zwingt. Dass er das auch mit seinem neuen Roman «Eurotrash», ja sogar mit dem Titel alleine schafft, lässt einem staunen. Für die einen ist Christian Kracht eine Lichtgestalt im helvetischen Literaturhimmel, auch wenn an ihm und seinem Schreiben so gar nichts Helvetisches ist. Wäre Christian Kracht nicht für den Schweizer Buchpreis nominiert, hätte ich sein Buch wohl nicht gelesen. Denn eines braucht sein Buch mit Sicherheit nicht: meinen Senf.
(Christian Kracht «Eurotrash», Kiepenheuer & Witsch)

Schon ein bisschen anders verhält es sich mit Martina Clavadetscher und Michael Hugentobler Schon alleine deshalb, weil beide schon meine Gäste waren, sei es in einer moderierten Lesung oder bei «Literatur am Tisch», einer ganz intimen Veranstaltung. 
Martina Clavadetschers erster Roman «Knochenlieder», mit dem sie schon einmal für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde, schlug bei mir ein wie eine Bombe. Nicht weil die Geschichte in einer möglichen Zukunft spielt, nicht weil ich gerne Dystopien lese, sondern weil Martina Clavadetscher schon damals formal ein Experiment wagte. Ihre Romane sind schon alleine visuell anders, mäandern zwischen Prosa, Theater und Lyrik, versuchen eigene Wege zu gehen. Ihr neuester Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» verfeinert das, was die Schriftstellerin schon im Roman davor begonnen hat. Ihr Roman ist ein vielstimmiges und vielschichtiges Epos, wieder in einer nicht allzu fernen Zukunft.
(Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag)

Michael Hugentobler ist ein Reisender. Dass er, der nun sesshaft geworden ist und Familie hat, 13 Jahre auf Reisen war, das spürt man seinem Schreiben an. Wahrscheinlich ist sein Reservoir an Bildern und Geschichten unerschöpflich, was seinen Lesern nur recht sein kann, denn Michael Hugentobler macht Türen auf. Als Reisender nach Innen und nach Aussen, nach unzähligen Reportagen für namhafte Magazine nimmt mich Michael Hugentobler mit auf eine Reise nach Südamerika, spürt einem Indianerstamm nach, von dem nur ein Buch mit Wörtern übrig geblieben ist. Schon sein erster Roman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» riss mich mit ins 19. Jahrhundert, zuerst ins Wallis, dann zu den Aborigines in Australien und am Ende zum Finale nach London. Dorthin, wo auch sein zweiter, nun nominierter Roman «Feuerland» seinen Ursprung hat. Bilderstarke Literatur!
(Micheal Hugentobler «Feuerland», dtv)

Überraschend, zumindest für mich, sind die Nominierten Veronika Sutter und Thomas Duarte. Veronika Sutter erschien bisher gar nicht auf meinem Schirm (was nichts heissen soll) und von Thomas Duarte hörte ich nur, weil sein literarisches Debüt 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet würde (was noch kein Grund gewesen war, das Buch zu besorgen). Da sind also ganz offensichtlich Versäumnisse meinerseits nachzuholen.
Veronika Sutters Erzählband «Grösser als du» zeichnet Menschen, «die mit einem Geheimnis leben, weil Scham oder Verleugnung sie daran hindern, über das zu sprechen, was hinter ihren Wohnungstüren passiert. Ohne es zu wissen, teilen sie die Erfahrung von Abhängigkeit, Gewalt und Unterdrückung. Sie stehen aber auch in Beziehung zueinander, ob als (Ex)Partner, Freundinnen, Nachbarn oder Verwandte. Sie biegen sich ihre Realität zurecht, um ihr Verhalten zu rechtfertigen, sei es despotisch, übergriffig oder duldsam.»
Veronika Sutter «Grösser als du», edition 8)

Und von Thomas Duarte’s Debüt «Was der Fall ist» heisst es: «Ein Mann erscheint mitten in der Nacht auf einem Polizeiposten und erzählt, wie sein bislang eintöniges Leben aus den Fugen geraten ist. Jahrzehntelang hat er für einen wohltätigen Verein gearbeitet, jetzt wird er plötzlich wegen Unregelmässigkeiten bei der Geldvergabe verdächtigt. Und nicht nur das: Im Hinterzimmer seines Büros, in dem er zeitweise selbst hauste, lässt er neuerdings die illegal arbeitende Putzfrau Mira wohnen. In seinem wahnwitzigen Bericht, dessen Charme und Menschlichkeit aber selbst den Polizisten nicht kaltlassen, entsteht das Portrait eines modernen Antihelden, der einen überraschend fröhlichen Nihilismus zum Besten gibt.»
(Thomas Duarte «Was der Fall ist», Lenos)

Spannend! Ich freue mich auf die Lektüre. Spannend, weil die fünf Finalist:innen unterschiedlicher nicht sein könnten; ein Schwergewicht, zwei Perlen und zwei Debüts! Vielleicht auch ein ungleicher «Kampf».

Illustrationen © leafrei.com

literaturblatt.ch gratuliert: Anna Stern ist Schweizer Buchpreisträgerin 2020! #SchweizerBuchpreis 20/11

Der diesjährige Schweizer Buchpreis geht an Anna Stern für den Roman «das alles hier, jetzt.» (Elster & Salis Verlag).

In der Begründung der Jury heisst es: «Anna Stern hat einem der ältesten Themen der Literatur eine völlig neue Form und unerhörte Töne abgewonnen. «das aller hier, jetzt.» handelt vom Tod eines geliebten Menschen, und die Autorin erzählt mit grosser experimenteller Kraft und zugleich mit hoher sinnlicher Intensität. Fast beschwörend wird die Vergangenheit wachgerufen und die Leserinnen und Leser in den Erinnerungsprozess einbezogen. Das Erzählverfahren ist höchst originell. Nicht nur kommt der Text über die gesamte Strecke ohne jede Gender-Fixierung der Figuren aus, es ist auch ein Roman in zwei Spuren: auf den linken Buchseiten die Gegenwart der Trauer, rechts die erinnerte Vergangenheit einer gemeinsamen Kindheit und Jugend – bis alles auf ein fulminantes Roadmovie-Finale zusteuert. Ein gleichermassen intimer wie kunstvoller Roman über zutiefst menschliche Erfahrungen.»

Rezension von «das alles hier, jetzt.» auf literaturblatt.ch

«Glücklich?»
«Ja, glücklich.»

Wer muss es sein? #SchweizerBuchpreis 20/10

Wenn der Schweizer Buchpreis vergeben sein wird, ist eigentlich alles vorbei. Die Spannung weg, die Prognosen, die Diskussionen darüber, wer und welches Buch ihn verdienen würde. Ob wie vorletztes Jahr der schon mehrfach Nominierte den Preis verdiene, ob der oder die Unbekannte einen solchen Preis „wert“ sei. Dieses Jahr ist kein Erstling darunter, dafür Autorinnen und Autoren, die in der Art ihres Schreibens nicht unterschiedlicher sein könnten.

Aber vielleicht doch nicht, doch nicht vorbei? Wenn die Vergabe meiner Genugtuung entspricht, dann werde ich sagen: «Habs doch gewusst», dann ist es vielleicht eine Spur Erleichterung. Wenn die Vergabe mein Unverständnis erntet, dann werde ich noch eine Weile über die verpasste Chance den Kopf schütteln. Jene verpasste Chance, die sich mit der Nominierung dieser fünf Bücher vorsichtig in den Vordergrund zu schieben wagte. Bestimmt nicht, weil dann die immer gleichen Diskussionen wieder aufflammen, die bei einem solch „singularen“ Preis in der Literaturlandschaft Schweiz unvermeidbar sind. Schaffte man es, das Buch und nicht die Autorin oder den Autor dahinter zu prämieren, kein Lebenswerk, sondern dieses eine Buch, das das beste sein soll und es doch niemals ist, höchstens in den Augen und Ohren der fünf Jurymitglieder?

Alles an diesem Preis ist subjektiv, nur die Preissumme nicht.

Als Tomas Tranströmer 2011, vier Jahre vor seinem Tod den Nobelpreis für Literatur erhielt, war er längst nicht der erste Schriftsteller, der für seine Lyrik, seine Gedichte mit der höchsten literarischen Auszeichnung geehrt wurde. Aber als sein Name mit dem Preis in mein Bewusstsein drang und ich seine Gedichte zu lesen begann, war es gleichermassen Offenbarung wie Beschämung, denn erst mit Tomas Tranströmer begann ich wieder Gedichte zu lesen, lagen wieder regelmässig Gedichtbände auf meinem Nachttischchen und steckten solche in der Tasche auf meinen Reisen. Und als Jan Wagner 2015 mit seinem Gedichtband „Regentonnenvariationen“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewann und hernach seinen Gedichtband zum Bestseller machte, schienen Gedichte ganz langsam aus ihrem Randdasein in Buchhandlungen und Festivals zu treten, vielleicht erst recht mit dem Paukenschlag in diesem Jahr, als das Nobelpreiskomitee eine für viele (mich eingeschlossen) unbekannte Autorin auf den Literaturthron setzte: Die Amerikanerin Louise Glück.

Wie lange muss es dauern, bis wenigstens unter den nominierten Büchern einmal ein Gedichtband erscheint? Wo steht geschrieben, dass es ein Erzählband sein muss? Ganz sachte brach diese Grenze zweimal. Als Ilma Rakusa schon im zweiten Jahr seit der Lancierung des Schweizer Buchpreises mit „Mehr Meer“ (Erinnerungspassagen) den Buchpreis gewann und 2012, als Peter von Matt mit seinem „Das Kalb vor der Gotthardpost“ (Essays) Preis und Blumen entgegennahm. Die Gedichtlandschaft in der Schweiz ist reich, Perlen gibt es viele, man muss sie nicht suchen.

Gäbe es in der Vergabe des Schweizer Buchpreises Logik, die es aber gar nicht geben darf, dann müsste der Preis eher an eine Frau vergeben werden und an ein Buch, das sich von der Romanform möglichst weit zu entfernen wagt. So prognostiziere ich eine einzige Möglichkeit; Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“. Nicht weil Anna Stern den Preis mit „das alles hier, jetzt.“ nicht verdient hätte, ganz im Gegenteil. Aber weil sich Dorothee Elmiger mit ihrem Buch traut. Sie traut sich, zu verunsichern. Sie will keinen Hunger stillen. Sie will nichts zu Ende bringen. Sie experimentiert mit dem Text, mit ihrem Schreiben, ihrem Forschen, vielleicht sogar mit meiner Reaktion als Leser. „Aus der Zuckerfabrik“ reisst aus der Form, verabschiedet sich aus aller Starre, jedem sicheren Rezept.

Sie muss es sein!

Tom Kummer «Von schlechten Eltern», Tropen #SchweizerBuchpreis 20/9

Tom Kummer schreibt über einen Tom Kummer. Tom Kummer hat Kinder und verlor seine Frau durch Krebs, Tom Kummer im Buch genauso. Tom Kummer schreibt, Tom Kummer fährt Taxi. Und doch erzählt Tom Kummer kein Spiegelbild. Allenfalls eine Variante. Und weil Tom Kummer über einen Tom Kummer schreibt, kommt mir sein Erzählen derart nah, dass mich die Bilder über Tage nicht mehr loslassen.

Tom fährt einen 560er, manchmal, bei ganz besonderen Kunden einen 600er, stets nachts, vom Hotel zum Flughafen, von einer Tür zur andern. Manchmal auch nur einen Koffer. Tom ist bekannt und geschätzt für seine Diskretion, seine Zuverlässigkeit, seine Ruhe. Auch wenn Gespräche entstehen, Freundlichkeiten ausgetauscht werden, Fragen beantwortet werden müssen; Tom drängt sich nicht auf. Da ist nur das Auto, der Weg und die Aufgabe, den Kunden von A nach B zu chauffieren. Das einzige, was nicht zu seinem schwarzen Anzug, seiner schwarzen Limousine passt, ist das Foto von Vince und Frank, seinen beiden Söhnen und seiner Frau Nina, deren Stimme er noch immer hört, deren Duft er noch immer in der Nase mit sich trägt, wenn er bei seinem jüngeren Sohn Vince morgens eine Weile unter die Decke schlüpft. Das Foto ist das, was er wirklich mit sich herumchauffiert, immer, dauernd. Die Angst, genau das zu verlieren, was im Moment, als das Foto geknipst wurde, Familie ausmachte. Nina ist tot, Frank achtzehnjährig in den USA geblieben und der zwölfjährige Vince zuhause viel zu oft alleine.

«Ich warte darauf, dass sich meine Trauer löst, wie Verkehr.»

Tom Kummer «Von schlechten Eltern», Tropen, 2020, 256 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-608-50428-6

„Von schlechten Eltern“ ist ein buchgewordener Roadmovie aus einer Zwischenwelt, zwischen der Schwärze der Nacht und den Bildern, die sich im Kopf festsetzen, in die Schwärze hineinprojiziert werden. Tom schiebt sich während seinen Auftragsfahrten farbige Pillen in den Mund und konzentriert sich auf die weissen Streifen auf der Fahrbahn, schnappt auf, was Passagiere in den Fahrgastraum bringen; Geschichten, Spannungen, Gerüche, fremdes Leben. Während ihm das eigene Leben durch die Finger zerrinnt, das, was an Familie geblieben, durch Denunziation und Ämter bedroht ist. Tom funktioniert, fährt nachts den Mercedes quer durch das Land, um morgens bei seinem Sohn Vince aufzuwachen, das Frühstück zuzubereiten, ihn in die Schule weggehen zu sehen, um dann die Vorhänge zu ziehen, weil Tom die Helligkeit nicht mehr erträgt, das Licht, das alles ausleuchtet und zu nehmen droht, was ihm durch den Tod seiner Frau genommen wurde.
Rauchende Ruinen, Tierkadaver, schmieriger Regen. Apokalyptische Szenen an den Rändern der Dunkelheit auf seinen Fahrten durch ein eingeschwärztes Land. Tom fährt nicht einfach Auto. Das Autofahren transportiert ihn – in eine andere Welt. Und im Fond seines Wagens Gestalten, als ob sie einem Theater entstiegen wären, die sich schälen, offenbaren, die versprechen und umgarnen.

«Manchmal fühlt sich die Welt an, als hätte ich keine Verbindung mehr zu lebenden Dingen. Und je mehr sich ein Mensch dem Erleben entzieht, desto näher kommt er dem Tod.»

Der Roman ist der Countdown bis zum Moment, wo Tom seinen älteren Sohn Frank vom Flughafen abholen kann, zusammen mit Vince. Frank, den Jean-Luc, sein Chef mit seinen „Kontakten“ auf der anderen Seite des Ozeans aufgespürt hatte, nachdem er sich bei seinem Vater während Tagen nicht gemeldet hatte. Der Roman ist die Landschaft eines Verlorenen, der die Enden seines Lebens zu halten versucht, der gegen das Verschwinden und Entschwinden kämpft, der ein guter Vater, eine gute Familie sein will, dem das Leben abhanden gekommen ist durch den Tod seiner Frau. „Von schlechten Eltern“ ist intensiv, konzentriert, traumwandlerisch und mit Bildern aufgepumpt, die sich wie böse Träume aneinander reihen. „Von schlechten Eltern“ ist tief wie schwarzes Wasser, wie Vantablack, jenes Schwarz, das fast nichts mehr reflektiert und magisch in die Tiefe zieht.

Mag sein, dass Tom Kummer, jener Tom Kummer, der schreibt, in seinem Leben Han erlebte, jenen koreanischen Begriff für extreme Traurigkeit. Aber sein Roman schöpft daraus eine milde Wärme, jene Wärme, die aus jener Liebe entsteht, die nur in der Familie zu existieren vermag. Grossartig und absolut würdig in der Runde der besten Bücher zu erscheinen.

Tom Kummer, geboren 1961 in Bern, ist ein Schweizer Autor. Als Journalist löste er im Jahr 2000 wegen fiktiver Interviews einen Medienskandal aus. Nach mehreren Jahren in Los Angeles mit seiner Familie, lebt er wieder in Bern. Er schrieb u.a. «Good Morning, Los Angeles – Die tägliche Jagd nach der Wirklichkeit» (1997) und «Blow Up» (2007). Sein letzter Roman «Nina & Tom» (2017) wurde von der Kritik gefeiert.

Wenn man in den den Sofaspalten versinken möchte #SchweizerBuchpreis 20/8

Haben Sie die Sendung gesehen? Die fünf Nominierten des Schweizer Buchpreises auf dem „Blauen Sofa“, einer Sendung des ZDF, ausgestrahlt anlässlich der Frankfurter Buchmesse, die coronabedingt nur digital stattfand. Moderatorin Nina Mavis Brunner spricht mit den fünf FinalistInnen über ihre Bücher.

Wenn Sie die Sendung noch nicht gesehen haben, dann lassen Sie es bitte bleiben. Sie laufen Gefahr, dass die Nebenwirkungen dieser 39 Minuten jegliche Lust auf eines der fünf Bücher, wahrscheinlich sogar auf alle Bücher verderben könnte. Keine Ahnung, ob da eine Regieassistenz fehlte, das Geld oder schlicht der Wille, aus der Sache etwas Gutes zu machen.

Wer sich in diese Sendung verirrte oder gar mit Vorsatz schaute, wird die „aktuell besten Bücher der Schweiz“ niemals als das wahrnehmen, was sie sein könnten; Kunstwerke, Buch gewordene Freude, Leseabenteuer, Sprachmagie und ein Grund, sich mit der Welt auseinanderzusetzen – jetzt, in Zeiten von Corona erst recht.

Bevor die Moderatorin Nina Mavis Brunner die fünf Nominierten vorstellte, musste ihnen jemand befohlen haben, möglichst ernsthaft und steinern in die Linse der Fernsehkamera zu schauen. Keine Regung, als wäre schon die Vorstellungsrunde ein Tribunal, das den erwarteten Schuldspruch spricht. Dann ein klein wenig aus dem Buch lesen, ein Paar Seiten, zwei drei unverfängliche Fragen. Beim Letzten, bei Charles Lewinsky, reichte es zu fast nichts mehr. Wer 39 Minuten durch sechs Akteure dividiert, weiss, was da noch zustande kommen kann.

Warum nicht einen Denis Scheck einladen, der die AutorInnen aus ihrer Reserve lockt, warum nicht Thea Dorn, die mit pointierten Bemerkungen die Bücher in den Strahl eines verbalen Scheinwerfers gebracht hätte? Warum kein Hinundher? Warum kein Gespräch? Warum sechs Personen in einer Runde, in der es nur um die Einzelnen geht, kein Austausch untereinander stattfindet. Warum nicht gleich fünf siebenminütige Werbespots!

Es sind fünf ausgezeichnete Bücher. Fünf Bücher, die es sich unbestritten lohnt zu lesen. Wenn ein Deutscher oder eine Österreicherin, ein Liechtensteiner oder sonst jemand, der der deutschen Sprache mächtig ist, nun endlich einmal in die CH-Literatur eintauchen will und sich unglücklicherweise in diese Sendung verirrt, dann geschieht die Erleuchtung ganz bestimmt nicht nach dieser Sendung, die alles verpasst hat, was eine solche Sendung zu bieten hätte. Das schnelle Urteil, wie verkopft die Schweizer Literatur sei, müsste man wohl gelten lassen.

Mir schnürte es das Herz ab. Ich bekam Atemnot.

Karl Rühmann «Der Held», rüffer und rub #SchweizerBuchpreis 20/7

Zwei Soldaten lernen sich im Gefängnis von Scheveningen kennen. Beiden wird nach dem Bosnienkrieg vor dem Den Haager Tribunal, dem Internationalen Gerichtshof der Prozess gemacht. Auf den Spaziergängen im Gefängnishof werden aus den ehemaligen Frontgegnern „Freunde“. Freunde, weil der neue Gegner eine drohende Verurteilung ist, das Urteil „schuldig“ oder „nicht schuldig“.

Erstaunlich ist vieles an diesem Roman und die Tatsache, dass er es auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises schaffte. „Der Held“ ist nicht einfach ein Roman über die Auswirkungen eines Krieges. Karl Rühmann taucht so sehr in die Szenerie dieses Krieges, seiner Verwicklungen und Verwirrungen hinein, wie es nach blosser Recherche kaum möglich ist. Zum einen hat der Autor stundenlang die Verhörvideos des Den Haager Tribunals studiert, zum andern war Karl Rühmann selbst Soldat der jugoslawischen Volksarmee, selbst von diesem Wahnsinn betroffen. Karl Rühmann macht den Krieg aber nicht einfach zu einer spektakulären Kulisse einer explosiven Geschichte. Karl Rühmann geht es um die grossen Themen des Lebens; um Schuld, Vergebung, die Last der Vergangenheit, Verantwortung und das Gewissen. Grosse Themen, an denen man leicht scheitern könnte und die in der Schweizer Literatur nur selten in dieser Direktheit angegangen werden. Aber Karl Rühmann schafft es, mich mitten in die Fragestellungen hineinzuziehen, liefert keine Antworten, aber Stoff genug, um meine festgefahrenen Meinungen aufzuweichen.

Nach Jahren des Wartens, der Verteidigung, nach einem Gefecht der Worte kommt General Modoran frei und kehrt als Held in sein Land, sein Dorf zurück, vom Gericht freigesprochen, von seinem Volk gefeiert, zurück zu seinem Haus, seiner Linde im Garten, wo er hofft, nach der langen Zeit des Ausfechtens Ruhe zu finden. Ganz im Gegensatz zu seinem Zellennachbarn in Scheveningen, Oberst Bartok, der weiss, dass er auf einen negativen Schuldspruch warten muss. Nachdem sie über Jahre in Gesprächen von Feinden zu Soldatenfreunden wurden, schreiben sie sich weiter Briefe, der eine aus der Zelle, der andere von seinem langen Tisch im Garten unter der Linde.

«Die einzige Wahrheit liegt im Erzählen.»

Karl Rühmann «Der Held», rüffer & rub, 2020, 260 Seiten, CHF 31.90, ISBN 978-3-906304-63-2

Ana Tironi wohnt mit ihrem zwölfjährigen Sohn im gleichen Dorf wie der General. Sie verlor, als ihr Sohn noch klein war, ihren Mann im Krieg, in eben jenem Krieg, in dem sich jener Oberst und der General als Strategen und Befehlende gegenüberstanden. Ana ist die Zurückgebliebene, die Verlassene, die Verwundete. Was sie vom Tod ihres Mannes weiss, reicht nicht zum ganz eigenen Frieden, schon gar nicht für die bohrenden Fragen ihres Sohnes. Sie wird Haushälterin im Haus des Generals und beginnt in unbeobachteten Momenten in den Briefen zwischen Oberst und General zu lesen.

„Der Held“ ist ein Briefroman. Zum einen ein buchlanger Brief Anas an ihren Mann, von dem es heisst, er hätte in Gefangenschaft Suizid begangen, und das Protokoll der Briefe zwischen den beiden Soldaten.

Die beiden Soldaten bringt eine Schicksalsgemeinschaft einander nahe, das gemeinsame Warten auf ein Urteil, das gegenseitige Verstehen, weil man Soldat war, in erster Linie Soldat und erst hernach mehr oder weniger Mensch. In ihren Briefen geht es wie im Krieg um die Position, den Blick auf das grosse Ganze, um Funktionen, die aus den einen Verlierer und den andern Helden machen. Im Gegensatz zu den beiden Männern, die Unversehrte zu bleiben scheinen, ist Ana eine Versehrte, ein Opfer, jene die man in der Strategie der Soldaten nicht einmal zu den Verlusten zählt. Eine Frau, um die sich kein Gericht bemüht, der man Antworten verweigert, Antworten, die sie für sich und ihren Sohn braucht.

«Ich weiss so wenig, und deshalb halte ich mich an Geschichten.»

Karl Rühmann will nicht erklären, kein Insiderwissen verkaufen. Das Buch bleibt schwer greifbar, lässt mich als Leser in der Schwebe, genau das, was ein solcher Krieg und seine Auswirkungen auch tut. Leichte Erklärungen kann es keine geben. Ein überraschend starkes Stück Literatur, das in erstaunlich poetischen Sätzen und Momenten den Gegensatz zwischen Strategie und Emotion nur noch verstärkt. Dass die Jury des Schweizer Buchpreises diesen Roman und damit den Schriftsteller Karl Rühmann aufs Podest hievt, ist die Überraschung dieses Jahrgangs. Eine Überraschung, die es in sich hat!

Karl Rühmann (Mladen Jandrlic) wurde 1959 in Jugoslawien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster und war Sprachlehrer und Verlagslektor. Seit 2006 lebt er in Zürich als Literaturübersetzer und Autor von Romanen, Hörspielen und zahlreichen, international erfolgreichen Kinderbüchern. Für den Roman «Glasmurmeln, ziegelrot» wurde Karl Rühmann 2015 mit dem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet, für das Manuskript von «Der Held» erhielt er den Werkbeitrag des Kanton Zürichs.

Rezension von «Glasmurmeln, ziegelrot» auf literaturblatt.ch

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