Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser

Stimmt. Wir leben in Zeiten erhöhter Gefahr, auch wenn diese Wahrnehmung keine für die Gegenwart explizite ist. Vielleicht ist die grösste Gefahr jene, dass sich die Menschheit immer mehr von der realen Welt entfernt. Die Welt, die Umgebung, das Klima wird zum „Feind“. Julia von Lucadou beschreibt eine Welt, die unaufhaltsam ins Rutschen gerät – und tut das meisterhaft.

Im Vorsatz zu ihrem neuen Roman steht ein aufschlussreiches Zitat: Ausserdem sind die Zeiten zwischen Alarmierung und Eintreffen der Katastrophe so kurz, dass es in Zeiten erhöhter Gefahr notwendig sein wird, sich überhaupt dauernd, zur Ruhe und womöglich auch zur Arbeit, im Schutzraum aufzuhalten und diesen nur zu den wichtigsten Verrichtungen zu verlassen. (Aus „Zivilverteidigung“, hrsg. vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates der Schweiz, 1969) Die Welt verharrte damals im kalten Krieg; Wett- und atomare Aufrüstung waren in vollem Gange. Heute, in Zeiten heisser Kriege, Kriege, die das Zeug haben, jederzeit ins absolut Unkontrollierbare zu mutieren, wo so viel Geld wie nie zuvor in Kriegsmateriel investiert wird, ist es erstaunlich genug, wie gelassen, wenn nicht fatalistisch die meisten Menschen auf die drohende Gefahr reagieren. Als ob man gezwungen wäre, angesichts der vielfältigen Bedrohung diese als gegeben zu akzeptieren.

Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-446-28299-5

Jot arbeitet in einer sehr erfolgreichen und expandierenden Firma, die sich auf die Planung und den Bau von Schutzräumen spezialisiert hat; Bunker für Superreiche. Selbstredend, dass in seinem Haus im Keller ein topmoderner eingebaut und eingerichtet ist. Überhaupt hat sich Jot auf alle Eventualitäten eingerichtet; sein absolut kontrolliertes Leben ist bis aufs Letzte durchgeplant und optimiert, im Keller lagert mehr als nur der empfohene Notvorrat, alles hat seinen Platz, alles Unvorhersehbare ist eingedämmt. Dazu gehört wohl auch sein Umfeld, seine Familie, oder das, was von seiner Familie übriggeblieben ist. Martha, seine Tochter, spielt kaum mehr eine Rolle, sein Leben ist ganz und gar auf Gegenwart und die Bedrohungen der Zukunft ausgerichtet.

Bis er auf seiner morgentlichen Joggingrunde, die ihn jeden Tag durch den nahen Steinbruch führt, auf die Leiche eines jungen Mannes trifft. An einem Tag der schon mit merklich eigenartigen Wahrnehmungen begonnen hatte. Auch wenn sich Jot später Vorwürfe macht, jenem Mann, von dem er angenommen hatte, er wäre tot, nicht lebensrettende Soforthilfe geleistet zu haben, meldet er die Begegnung unmittelbar der Polizei. Jot wird zu einem Zeugen, seine Aussagen werden zur Kenntnis genommen. Aber im Gegensatz zur Polizei, die von einem Suizid ausgeht, ist Jot überzeugt, dass hier ein Mord passiert ist, ein Gewaltverbrechen. 

In der Folge rutscht Jot immer mehr ab. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Jots Verunsicherung nimmt existenzielle Formen an, nicht nur, weil die Polizei ihre Beobachtungen ganz anders interpretiert als er die seinen. Irrt er? Ist seine Wahrnehmung getrübt? Warum? Auch bei der Arbeit schleichen sich in seine perfekt durchstrukturieren Arbeitsabläufe Dissonanzen ein, Verschiebungen, irgendwann Absenzen, Tagträume, Erscheinungen. Mit einem Mal brechen Bilder durch, die er in den Tiefen seiner Erinnerung verschlossen glaubte; Bilder aus seiner Kindheit, eines Vaters, der ihn schon als Kind zum Überlebensspezialisten machen wollte. Bilder seines Vaters mit den Händen um den Hals der Schwester. Bilder aus seiner Zeit im katholischen Internat, Bilder von einer Bluttat in seiner Vergangenheit, einer Untat, die er hätte vergessen sollen. Jot rutscht weg.

Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimmuliert und ausser Kontrolle. Produzierte fingierte Erinnerungen.

Kein Wunder – ein Toter in einem Steinbruch. Nicht das einzige Bild, die einzige Verbindung in Julia von Lucadous Roman. Da ist noch jene zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Jots Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Wächter in seinem Leben auftauchen und ihn für ein Versäumnis, für versagte Hilfeleistung, für einen Tod zum Prozess abführen. Der Tote in einem Steinbruch, der in seinen Sedimenten Versteinungen eingeschlossen hat, die durch den Bruch freigelegt werden; Zeugnisse endlichen Lebens.

Jot lässt sich nicht helfen. Sein Leben gerät aus den Fugen. Eine Geschichte, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt. Vielleicht hat mich Julia von Lucadous Roman auch deshalb so sehr fasziniert, weil er so viel in mir auslöst. Ein Roman über Wahrnehmung, der selbst mich an meinen Wahrnehmungen zweifeln lässt. Welcher Roman schafft das sonst!?

„Zeiten erhöhter Gefahr“ ist ein erstaunliches Stück Literatur, sehr beeindruckend. Ein Buch, das selbst die eigenen Einschliessungen freilegen kann!

Interview

Jot, eigentlich Johannes, hat sich in seinem Wahn nach Selbstoptimierung reduziert, bis auf seinen Anfangsbuchstaben. Influencer*innen leben uns vor, wie erstrebenswert eine solche Selbstoptimierung ist, haben wir doch nur ein Leben, dass maximal auszuschöpfen ist. Jot ist ein Getriebener, Gepeitschter. Da ist Literatur, das Lesen, doch Statement?
 
Ja, das stimmt, wir leben in einer Zeit, in der wir in den sozialen Medien ein perfekt optimiertes Leben präsentiert bekommen. Die Literatur ist angesichts solcher gefilterter Narrative ein fast widerständiges Medium, weil sie die Welt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abzubilden versucht.
Im perfekten Influencer*innenleben haben schwierige Gefühle, Graubereiche und Krisen kaum Platz. Jot hat eine ähnliche Vorstellung von der Welt, allerdings nicht aus den sozialen Medien, denn er gehört einer Vor-Internet-Generation an. Er ist in der Nachkriegszeit mit einem Männlichkeitsbild aufgewachsen, das ihn gelehrt hat, es sei gefährlich, Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, Fehler zu machen, sich eine Blösse zu geben. Interessanterweise erfreut sich dieses Männlichkeitsbild aktuell auch bei Influencern der sogenannten Manosphere wieder grosser Beliebtheit.
 
Jot trägt ein Trauma mit sich herum. Eines, dass völlig überraschend ausbricht. Solche Traumata tragen viele mit sich herum, manchmal ein Leben lang, ohne dass es zum Ausbruch kommt. Brauchte es bei der Recherche eine Auseinandersetzung mit Spezialist*innen oder reichte die Intuition?
 
Ich setze mich schon lange mit dem Thema Trauma auseinander. Einerseits weil ich als Tochter einer Traumatherapeutin gross geworden bin, aber auch weil viele Menschen, die mir nahestehen, Traumaerfahrungen gemacht haben und ich selbst ebenfalls. Für das Buch habe ich Interviews geführt mit Männern aus Jots Generation, die ihre Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte mit mir geteilt haben. Sie hatten gewisse traumatische Erlebnisse ihr Leben lang verdrängt und erst in höherem Alter begonnen, sich damit auseinanderzusetzen.
 
Vieles in diesem Roman schein von langer Hand geplant, ganz bewusst inszeniert, sei es der Schauplatz eines ehemaligen Steinbruchs oder das Verweben mit Kafkas Roman „Der Prozess“. Oder ergaben sich diese Verbindungen und Metaphern erst während des Schreibprozesses?
 
Mein Schreibprozess ist eigentlich immer eine Mischung aus Intuition und Planung. Die Bezüge zu Kafkas „Prozess“ haben sich erstmal ganz intuitiv ergeben. Vielleicht auch, weil Kafkas Bücher in mir schon als jungem Menschen den Wunsch geweckt haben, selbst Autorin zu werden. Kafka hat mir gezeigt, dass Literatur auf tiefgreifende Weise etwas über das Menschsein ausdrücken kann. Er ist ein Meister der Darstellung dieses diffusen Gefühls, der Welt ausgeliefert zu sein und sie nicht unter Kontrolle zu bekommen. Ein Gefühl, das meinen Protagonisten Jot prägt. Deshalb waren diese Motive für mich von Anfang an da. Und dann habe ich sie natürlich irgendwann sehr bewusst eingesetzt.
 
Jot ist in vielem ein Archätyp. Auch in seiner Sehnsucht nach Sicherheit, in seinem Bestreben, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Er will alles im Griff haben. Dabei hat ihn das Leben im Griff, irgendwann im Würgegriff. Dein Leben als Künstlerin ist das genaue Gegenteil. Zumindest vermute ich das. Wieviel Gesellschaftskritik steckt in deinem Roman?
 
Ha ha, ja, das Leben als freie Autorin ist relativ unberechenbar und gibt einem nicht die zuverlässige finanzielle Sicherheit und Planbarkeit, die Jot wichtig sind. Er möchte die Unberechenbarkeiten des Lebens so gut wie möglich reduzieren, indem er auf jede Eventualität vorbereitet ist. Dass uns ungeplante Ereignisse Angst machen, ist ja erstmal einfach menschlich. Wir sind evolutionär so gepolt, nach einem sicheren Ort zu suchen und Gefahren vorherzusehen. Aber bei Jot geht das noch viel weiter, er scheint innere Ängste auf seine Umgebung zu projizieren. Und sein Planen bringt ihm deshalb auch keine Erleichterung, sie füttert eher noch seine Angst. Ich habe den Eindruck, dass die grosse Spaltung in der Gesellschaft, die wir gerade erleben, auch viel mit Projektion von Ängsten zu tun hat, die eher von innen kommen.
 
Dein Roman ist auch ein Familienroman. Zumindest ein Roman über das, was geblieben ist, wenn sich das Universum nur noch um mich, um den Protagonisten dreht. Ist das, was bei Jot von Familie geblieben ist, symptomatisch für unsere Zeit, für das, was vom Mythos „Familie“ übrig geblieben ist?
 

Was Familie angeht, hat mich im Roman vor allem die Frage nach transgenerationalem Trauma interessiert, das zu Isolierung führen kann, zum Bruch von familiären Beziehungen. Jot ist in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, die Erwachsenen in seinem Leben durch den Krieg traumatisiert, aber unfähig, darüber zu sprechen. Jot selbst setzt dieses Muster des Schweigens und der Verdrängung fort, weil er nichts anderes gelernt hat, und gibt es an seine Tochter Martha weiter. Gleichzeitig verkörpert Martha aber eine neue Generation, die gewillt und besser ausgerüstet ist, sich mit Traumata auseinanderzusetzen und die richtigen Ressourcen hat, sie aufzuarbeiten. Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles für mich.

Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien der hochgelobte Roman «Tick Tack«.

Beitragsbild © Guido Schiefer