Theres Roth-Hunkeler «Damentour», edition bücherlese

Therese Roth-Hunkelers Roman «Damentour» ist eine sprachlich brillante und inhaltlich aufschlussreiche Auseinandersetzung mit dem Thema «Altern». Wer beim Lesen ebenso gerne unterhalten wird, wie zum Denken angeregt werden will, ist mit diesem Text bestens bedient!

Gastrezension von Franco Supino, Schriftsteller

Mögen Sie Fortsetzungen? Nein? Dann liegen Sie beim Roman «Damentour» goldrichtig: Anna und Ruth, diese beiden unterschiedlichen Freundinnen und Schwägerinnen, kennen wir aus Theres Roth-Hunkelers Roman «Damenprogramm» (edition bücherlese 2023). Dieser Freundschaftsroman zweier «reifer» Menschen erzählte ihre Lebens- und Beziehungsgeschichte(n) – und wie, an der Schwelle zur Pensionierung, ihr Leben neuen Schwung bekam: – dank Ruths Vermögen (im wörtlichen wie im übertragenen Sinn) und Annas Tatendrang entwickeln die beiden das (etwas andere) Damenprogramm: also nicht eine «Begleit- und Unterhaltungsprogramm für Gattinnen wichtiger Herren in Wirtschaft und Politik», sondern ein innovatives  Projekt: Frauen mit Ideen zum Thema Älterwerden und Alter bewerben sich für eine dreimonatige Residenz in Ruth eigens dafür umgebautes Anwesen im Tessin. 

Theres Roth-Hunkeler «Damentour», edition bücherlese, 2025, 350 Seiten, ISBN 978-3-03981-017-8

Die Projekte der Stipendiatinnen, ihr Wirken und Zusammenleben (auch mit den Initiantinnen) während dreier Monate ist der Stoff von «Damentour». Eine Fortsetzung ist es nicht: Ruth und Anna sind zwar weiter präsent und ihre Beziehung wird einer Prüfung unterzogen – denn das «Damenprogramm» verunsichert mehr als gedacht. Im Zentrum stehen die fünf Stipendiatinnen: Das sind die Fotografin Vera, mit ihrem Langzeitprojekt «Grundschulklasse», und die Künstlerin Hella (mit Mitte fünfzig die Jüngste), die ein «Inventar der abhanden gekommenen Dinge» nachbildet. Sie könnten auch in einer der zahllosen Residenzen aufgenommen werden, die Stiftungen und Kommunen betreiben, um sich ästhetische Welthaltigkeit zu erhandeln. Die anderen drei Frauen passen nicht ins Künstlerinnenschema: Louise, die pensionierte Berufsschullehrerin, will sich der Glücksforschung mittels Befragungen und Recherche widmen, Claudia, pensionierte Pflegefachfrau, verfolgt ein Projekt mit dem Titel «Bedeutung überlanger Töchter- und langer Freundinnenschaft» und Mathilde sucht während der Monate im Tessin schlicht Distanz vom Ehemann und will ihre Kochleidenschaft leben. 

Theres Roth Hunkeler hält die sieben Frauenfiguren und ihre Themen in erstaunlicher Balance. Dramaturgisch klug geknüpft folgen wir mal diesem Faden, mal jenem, sehen, wie Hunkeler ihr Figuren konfrontiert, sei es mit sich selber und mit ihrer Vergangenheit, sei es mit dem, was während der Residenzzeit geschieht:  wir erleben handfeste Auseinandersetzungen oder wie die Gegenwart auch ins abgelegene Tessiner Bergdorf eingreift.

Mir kommt die Anlage des Textes von Damentour wie ein literarisches CERN vor, jener Atomphysikanlage in Genf, die mit riesigen Teilchenbeschleuniger Materie aufeinanderprallen lässt, um ihren Aufbau zu erforschen. Theres Roth-Hunkeler lässt in Damentour Lebensgeschichten und Charaktere aufeinanderprallen und untersucht, was dabei geschieht: die Kräfte, die frei, und die Erkenntnisse, die gewonnen werden, kreisen weniger um die Frage des Alterns, sondern erkunden – wie die Grundlagenforschung am CERN – nichts weniger als das Geheimnis des Lebens. 

Gleichzeitig ist Damentour auch Idyll: Dorfbewohner und Freundinnen kommen vorbei, ein Enkelkind ist zu Gast, eine Stipendiatin entwickelt eine äusserst subtil erzählte Liebesbeziehung – und über all dem steht der Tessiner Sommer: Man fühlt sich zwischendurch wie in einem Film von Eric Rohmer gleichzeitig verloren und geborgen.

Wird es eine Fortsetzung zu Damenprogramm und Damentour geben? «Ganz bestimmt», heisst es zum Schluss, «werden wir uns schreiben. Briefe, Richtige Briefe. Darin werden wir vom wirklichen Altsein erzählen. Davon, dass wir im Leben keine Rolle mehr spielen und wie wir sie spielen.» 

Ein Versprechen? Wir dürfen gespannt sein.

Theres Roth-Hunkeler, geboren 1953 in Hochdorf, Luzern, lebt heute in Baar bei Zug und oft in Berlin. Schreiben, Lesen und Literaturvermittlung sind die Schwerpunkte, die auch ihre langjährige Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen
bestimmt haben. Die Autorin hat neben Erzählungen und journalistischen Texten sieben Romane publiziert. Zuletzt erschienen die Romane «Geisterfahrten» (2021) und «Damenprogramm» (2023).
In unregelmäßigen Abständen meldet sich Theres Roth-Hunkeler mit ihrem Blog zu Wort.

«Luftwurzeln» von Theres Roth-Hunkeler auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Ayse Yavas