Ein ganz persönlicher Rückblick auf die Sprachsalz Literaturtage in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Zum 24. Mal feierte das Sprachsalz mit Gästen die Literatur. Ein Dutzend internationale Schriftlicher*innen, volle Säle, freier Eintritt, viele Begegnungen und vorzügliche Stimmung – das macht Sprachsalz aus!

Gleich mehrfach hängen am Sprachsalz lange, meterbreite Papierbahnen mit den Namen all jener, die in den letzten 24 Austragungen des Sprachsalz eingeladen wurden. Eine beeindruckende Liste mit beeindruckenden Namen. Von Japan bis Südamerika, vom hohen Norden bis Südafrika. Namen, die in meiner Bibliothek zuhause wie Reliquien gehortet und gefeiert werden. Aber auch Namen, die ich „versäumte“, weil ich in den letzten Jahren wohl Stammgast, die ersten Jahre des Festivals „versäumt“ habe. Wie gerne wäre ich einmal Jon Fosse begegnet. Oder ein zweites Mal Peter Kurzeck. Oder Claire Keegan. Oder dem grossen Ismail Kadare. Oder der grossen Dichterin Frederike Mayröcker. Die Liste ist beeindruckend lang und Zeugnis grossen Engagements, ausufernder Leidenschaft und eines beachtlichen Selbstbewusstseins. Eine Liste, die durchaus als Reputation dienen kann, Festivaleinladungen, die zur Auszeichnung werden.

© Denis Moergenthaler

Am Samstag Morgen sass ich mit einer der Organisator*innen des Festivals auf einen kurzen Schwatz zusammen. Sie, Ulrike Wörner, eine der Kurator*innen des Festivals, hatte am Abend vorher die Lesung mit der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang moderiert. Die Moderation meines Lebens, meinte sie. Nicht nur wegen ihrer Nervosität, sondern weil sich mit dem lange andauernden Applaus am Schluss der Lesung eine Anspannung löste, die man ihr auf der Bühne nicht anmerkte, die ihr aber den Schlaf geraubt hatte. Schon nach der Lektüre des ersten Romans der Südkoreanerin Han Kang „Die Vegetarierin“ 2016, versuchte Ulrike Wörner, die Autorin ans Sprachsalz einzuladen. Ohne Erfolg, nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfrage. Sie tat es auch nach „Menschenwerk“ 2017, wieder erfolglos. Was als tapferer Versuch begann, entwickelte sich zu einer eigentlichen Challenge; jedes Jahr eine Anfrage, auch wenn die Hoffnung auf eine positive Anwort mit der Verleihung des Nobelpreises 2024 noch einmal mehr zu schwanken begann. Dann ploppte doch eine Mail auf, eine Zusage, Es freut uns, ihnen mitteilen zu können. Aber mit der Zusage des Managements einer Nobelpreisträgerin hören die Anstrengungen nicht auf, das kleinteilige Organisieren beginnt, die Abarbeitung einer ganzen Liste von Bedingungen, die im Umgang mit einer Nobelpreisträgerin sehr gut nachvollziehbar sind. 

© Denis Moergenthaler

Es war ein zauberhafter Abend, weil die Faszination dieser Autorin in Kufstein mit Händen zu greifen war, weil die Autorin auf der Bühne genau das zeigte, was sich in ihren Büchern manifestiert, weil man im Saal und davor spürte, dass da jemand sass und sprach, der sich mit seinem Schreiben um die grossen Fragen der Menschheit bemüht, es mit aller Kraft und ganzer Hingabe tut, weil sie sich verletzlich, dankbar und freundlich zugewandt zeigt, obwohl sie sich in ihrer Rolle als Exponentin der Literatur nicht wohl zu fühlen scheint. In ihrem neusten Buch „Der goldene Faden“ veröffentlicht sie einen Teil eines Gartentagebuchs. Sie erzählt von ihrem kleinen Haus, ein bisschen mehr als 30 Quadratmeter und ihrem noch viel kleineren Garten, den sie trotz fehlenden Sonnenlichts, dafür mit Hilfe von Spiegeln, anzulegen beginnt. Was sie tut, tut sie ganz, mit totaler Hingabe, fokussiert und kompromislos. Eine Leidenschaft, die auf Leser*innen überspringt, eine Leidenschaft, die ganz offensichtlich eine Sehnsucht bedient, die in der Gegenwart mit all den Ablenkungen immer schwerer zu erreichen ist.

© Denis Moergenthaler

Als ich am Samstag Morgen in Kufstein in einem Café auf dem Stadtplatz sass und am kleinen Tisch mit anderen über den Abend mit Han Kang sprach, sah ich die Autorin in ihrem langen beigen Regenmantel (Die Sonne schien.) an meinem Tisch vorbeispazieren. Sie ging langsam, liess ihren Blick auch hinauf an die Giebel der Dächer, ins Blau des Himmels schweifen. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich, ihr Buch in meiner Tasche zu schnappen, ihr hinterherzulaufen, um sie doch noch um eine Signatur zu bitten, weil sie am Abend zuvor nicht wollte, dass man sie den Annähungen der Massen aussetzte. Aber ich zügelte mich selbst. Wie vermessen wäre es gewesen, sie aus ihrem Spaziergang herauszureissen. Sie ging Minuten später ein zweites Mal an meinem sonnenbeschirmten Tisch vorbei. Ich wünschte ihr ganz im Stillen alles Gute.

© Yves Noir

Genau das ist es, was ich am Sprachsalz schätze; Auch wenn die Fixsterne der Literatur im Scheinwerferlicht auf der Bühne sitzen – am Morgen danach begegne ich ihnen im Frühstücksraum, auf einem Spaziergang am Inn, auf dem Stadtplatz mitten in Kufstein. Oder im Lift, kurz vor meinem Auschecken. Noch einmal Martin Piekar, der mich schon in den Wochen vor dem Festival mit seinem Prosadebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ überzeugte, ein Autor, der aber schon seit einem Jahrzehnt seinen ganz eigenen Weg als Lyriker geht. Ein Bär von einem Mann mit einem grossen Kämpferherz. Vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Robert Gernhard Preis und nominiert für den Aspekte-Literaturpreis, einem Preis, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 vergeben wird. Ein Autor, der mit Vehemenz für den Humor in der Literatur streitet. Einer der weiss, dass man im tiefen Wasser den sicheren Boden verlassen muss, um jene Freiheit zu erreichen, die einem zu neuen Ufern bringt. Einer der nicht will, dass der Schrecken übertüncht wird, der Störfaktor bleiben will, nicht zuletzt in seiner Arbeit als Lehrer, in der Vermittlung davon, was Dichtung sein kann; die Manifestation von Auseinandersetzung mit dem Leben. Im Gespräch auf der grossen Bühne des Theatersaals musste er sich wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal mit dem Begriff von „Autobiographie“ und „Autofiktion“ auseinandersetzten, einer im Grunde unergibigen Diskussion, denn Erzählen ist immer Fiktion, selbst dann, wenn er wie in seinem Roman über die schwierige Geschichte seiner Familie und das ebenso schwierige Leben zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter schreibt. Literatur ist sprachgewordene Auseinandersetzung, im besten Fall Sprachmusik, so wie in „Vom Fällen eines Stammbaums», erst recht in all den Szenen, in denen die Mutter mit polnischem Akzent zu ihrem Sohn spricht, Szenarien, die jenem Gernhard’schen Humor sehr nahe kommen.

© Yves Noir

„Sprachsalz“ als Gastgeber für Sprachdurchdrungene, Sprachbesessene im besten Sinne des Wortes. So wie der 1954 in Schaffhausen geborene Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Ralph Dutli, der zum einen mit seinem letzten Gedichtband „Alba“ und mit „Holundertraum“ einer Sammlung seiner 100 Lieblingsgedichte, von der Antike bis in die Gegenwart, Gedichte von Dante, Villon, Louise Labé und John Donne und weiter bis Rimbaud, Apollinaire, Chlebnikow, García Lorca und Brodsky – und Gedichte aus eigener Feder. Ein Buch, das aber eigentlich nur transportiert, ein Buch mit einem Schlüssel (QR-Code) zu seiner Stimme, zu raumfüllender Poesie, die Dutli gekonnt mit seiner Stimme auszufüllen weiss. Ob deutsch, französisch, italienisch oder russisch; Dutlis Stimme überzeugt selbst dann, wenn die Sprache bei mir nur eine Ahnung hinterlässt. Da schwelgt einer und bietet mir seine Kunst wie ein Geschenk an.

Nell Zink © Denis Moergenthaler

Ich bin den Oragniasator*innen von „Sprachsalz“ unsäglich dankbar für die drei in Sprache eingetauchten Tage, die mir das Salz fürs Leben geworden sind. All die anderen Autor*innen; Fernando Aramburu, einer der Grossen der Spanischen Literatur, Uta Köbernick, die mit Witz, Schalk und messerscharfem Kommentar überzeugte, Regina Hilber, eine reisende Poetin oder die in Deutschland lebende und in Kalifornien geborene Schriftstellerin Nell Zink, die abgrundtief über gesellschaftliche Schieflagen schreiben kann.

Ich bin mir bewusst, dass mein Rückblick auf die 24. Internationalen Tiroler Literaturtage in Kufstein unvollständig ist. Nichts desto trotz liebe ich, was dort passiert und freue mich auf die Jubelausgabe im Spätsommer 2027!

DANKE!

Beitragsbild © Denis Moergenthaler

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Basler Lyrikpreis 2024 geht an Carla Cerda

Die Preisverleihung findet im Rahmen des 20. Internationalen Lyrikfestivals Basel am Samstag, 27. Januar 2024 um 19:00 Uhr im Literaturhaus Basel statt. Die Laudatio hält Rudolf Bussmann.

Carla Cerda wagt sich mit ihren Gedichten in Bereiche vor, die für Lyrik weitgehend unentdeckt sind. Sie interessiert sich für automatisierte Nachrichten gleichermassen wie für Wettermessgeräte oder Enzyme. Mit frechem Witz mischt sie die Formeln der Computer- und Wissenschaftssprache auf, lässt ein Sprachassistenzprogramm als Person auftreten, unterhält sich mit einem Bot. Mit leichter Hand hebt sie die Grenzen zwischen Logik, Algorithmenregeln und Fantasie auf. Dass ihre Gedichte dabei die Formstrenge wahren, erhöht ihren Reiz. Die Lektüre ihres noch schmalen Werks ist ein Vergnügen.

Carla Cerda (*1990) ist Dichterin und Übersetzerin und lebt in Leipzig, wo sie als Teil der «anemonen» interdisziplinäre Lesungen und Workshops mitorganisiert. Sie hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: Loops (2020) und Ausgleichsflächen (2023), beide bei roughbooks.

Mit dem Basler Lyrikpreis zeichnen die Mitglieder der Basler Lyrikgruppe (aktuell Rudolf Bussmann, Wolfram Malte Fues, Claudia Gabler, Simone Lappert, Alisha Stöcklin und Ariane von Graffenried) jährlich das Werk eines/einer* Kolleg*in aus. Der Basler Lyrikpreis wird an Dichter*innen verliehen, deren Werk sich durch Innovationskraft auszeichnet und durch den Mut zu konsequentem und eigenwilligem Arbeiten mit Sprache. Er soll dazu beitragen, herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen.

Der mit Fr. 10’000 dotierte Basler Lyrikpreis wird von der GGG gestiftet. Frühere Preisträger*innen waren u. a. Anna Hetzer (2023), Nadja Küchenmeister (2022), Hans Thill (2021), Eva Maria Leuenberger (2020) Katharina Schulthens (2019), Dagmara Kraus (2018), Walle Sayer (2017), Ron Winkler (2016) und José F. A. Oliver (2015).

Vom 25. bis zum 28. Januar 2024 findet das Basler Lyrikfestival bereits zum zwanzigsten Mal statt. Aus dezentral organisierten Veranstaltungen einer Gruppe von Basler Lyriker*innen hat sich im Verlauf der Jahre ein etabliertes Festival entwickelt. Bis heute kuratiert die Lyrikgruppe das Programm. Zum Jubiläum bietet das Festival u. a. Nora Gomringer, Dinçer Güçyeter und Klima-Lyrik eine Bühne.

Schon am 19. Januar präsentieren Schüler*innen im Rahmen der Museumsnacht Basel die Ergebnisse eines Schreibworkshops mit Sarah Altenaichinger in der Fondation Beyeler. Nach einem Lyrikspaziergang gibt es am Freitag den Dichter und Verleger Dinçer Güçyeter im Porträt zu erleben. Darauf folgen waghalsige Sprachperformances im Late Night Varieté. Das 20. Jubiläum wird gebührend gefeiert: am Samstag finden sich aktuelle und ehemalige Mitglieder der Lyrikgruppe zu einer kurzweiligen Gruppenlesung ein, und für den Sonntagnachmittag hat Nora Gomringer eine Carte blanche erhalten. Sie tritt mit der Dichterin und Festivalmacherin Augusta Laar in den Dialog. Auf dem Podium zum Thema Lyrik im Kontext Klima/Wandel diskutieren Daniel Falb, Marion Poschmann und Steinunn Sigurðardóttir. Ausserdem: ein Workshop mit Dinçer Güçyeter, Begegnungen mit Martin Piekar und Verena Stauffer sowie die Verleihung des Basler Lyrikpreises 2024 mit anschliessendem Konzert von Fitzgerald & Rimini. Das Festival endet mit einer Sofalesung von Anna Ospelt.

(aus der Medienmitteilung des Festivals)

Informationen zum Lyrikfestival Basel