Anna Butan «Masken»

Die Leute tragen Masken, fast alle von ihnen. Und sie lassen sich in zwei verfeindete Parteien aufteilen: diejenigen, die Masken verehren und diejenigen, die sie ablehnen. Es liegt in der menschlichen Natur zu kämpfen, zu hassen, sich gegen etwas aufzulehnen. Wenn es nicht die Masken wären, dann wäre es etwas anderes, egal was. Diejenigen, die Impfungen befürworten und diejenigen, die sich lebhaft gegen die Vorstellung davon auflehnen. Diejenigen, die das Desinfektionsmittel verehren und diejenigen, die es kritisieren. Diejenigen, die darauf bestehen, dass wir alle zu Hause bleiben sollten und diejenigen, die schreien, dass wir so oft wie möglich draussen an der frischen Luft sein sollten. Diejenigen, die an das Coronavirus glauben und diejenigen, die es nicht tun.

Auch wenn es Covid-19 nicht gäbe, würden die Leute weiterhin in Polaritäten denken. Sie würden sich weiterhin in militante Gruppen aufteilen und einander angreifen, statt sich zu vereinigen und Solidarität zu zeigen, nur um ihre Überlegenheit, ihre Macht zu demonstrieren, um den inneren Egoismus auszuleben. Manchmal scheint es, dass sie sich gegen etwas auflehnen, nur um sich gegen etwas aufzulehnen. Wie viele Jahrhunderte und wie viele Kataklysmen braucht die Menschheit, um zu verstehen, wie sinnlos und absurd das ist? 

Im Hamsterrad des Alltags verfehlen alle das Ziel. Wenn die Münder mit Masken verdeckt sind, dann bleiben nur noch die Augen, der Spiegel der Seele, und diese lügen nicht. Nur die Augen sprechen die Wahrheit. Münder sind nicht vertrauenswürdig. Was, wenn die Masken unsere Strafe dafür sind, dass wir zu viel reden? Eine Maske versperrt den Mund wie ein Maulkorb. Sie verhindert das Heraussprudeln von Worten. Ja, die Masken sind eine Strafe, eine Strafe dafür, dass wir die falschen Worte ins Universum aussenden. Dafür, dass wir unsere Worte nicht abwägen. Dafür, dass wir sie im Affekt unseren Geliebten an den Kopf werfen. Dafür, dass wir sie als Waffen benutzen, als Abfall. Dafür, dass wir zu viele davon verwenden. Zieh die Maske an und behalte deine Worte für dich, vergeude sie nicht. Wäge deine täglichen Worte ab, bevor du sie ins Universum schickst.

Im Alter von neunzig Jahren kennt Nora den Wert der Wörter. Und darum wählt sie die Stille. Ihre Familie fühlt sich unwohl, wenn sie stundenlang in ihrem Zimmer sitzt und kaum ein Wort sagt. Aber wozu? Alles, was hätte gesagt werden können wurde bereits gesagt. Ihre Worte würden daran nichts ändern.

Ihr Sohn Philip ist das genaue Gegenteil. Er mag es zu reden. Reden ist seine Berufung. Er ist Journalist. Er mag es so sehr zu reden, dass er manchmal mit sich selbst spricht. In diesen Momenten wünscht sich Nora einen magischen Schirm zu haben, um ihren Kopf vor dem Schwall an Wörtern, der sich gegen ihren Willen über ihrem Kopf ergiesst, zu schützen. Wie viele Jahre, gefüllt mit bedeutungslosem Geplapper und inhaltslosen Gesprächen sind in den Zeitungen zu finden? Insbesondere jetzt, wenn Corona uns eine derart einzigartige Gelegenheit gibt. Was Nora am meisten aufregt, ist, dass ihr Sohn mittendrin ist. Er arbeitet Tag und Nacht, um Worttürme zu aufzubauen und diese dann den Leuten an den Kopf zu werfen. Wie kann sie ihm widersprechen? Nur indem sie seinen verbalen Durchfall mit Stille bekämpft.

Aber wenn Philip nicht zu Hause ist, ruft ihre Tochter Lea an und beschwert sich über die Arbeit. Lea beginnt die Unterhaltung normalerweise in einem positiven Tonfall, beendet diese aber unausweichlich immer mit Klagen: «Es gibt nicht genügend chirurgische Masken im Spital, die Lieferung, die sie letzte Woche bestellt hatten, war beschädigt und sie mussten sie zurücksenden.» «Jemand stahl letzte Nacht ein Pack Masken. Sie mussten eine teurere Ladung von einem anderen Lieferanten bestellen.» Nora schliesst die Augen und versucht sich einen unendlichen Vorrat an Masken im Universum vorzustellen. Masken, Masken, Masken… Masken in verschiedenen Formen, Grössen und Farben, ein Maskenregen, ein Maskensturm, ein Masken-Hurrikane. Eine grosse Maske bedeckt ihre ganze Stadt wie ein weisser Dom, damit die Leute sich sicher fühlen und sich erneut im Gespräch austauschen können. Bedeutungsvoll. Unverfälscht. Sinnlich.

(aus «Noras kleines Corona-Alphabet»)

Anna Butan, wurde 1982 in Russland geboren. Sie hat Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Literatur an der Universität Bern studiert. Ihr Debütroman «Helen the Man» wurde als E-Buch auf lucify.ch veröffentlicht. In ihren letzten Roman „Noras kleines Corona-Alphabet“ erzählt sie intime Geschichte einer Frau, die an Demenz leidet und versucht, durch die Linse der von Corona beherrschten Gegenwart, einen Sinn für ihr Leben zu finden. 

Der Web Magazin www.lucify.ch wurde von hochausgebildeten Frauen mit Migrationshintergrund gegründet, die sich ihren Platz in den Schweizer Medien seit 3 Jahren erfolgreich erkämpft haben und einnehmen. Neben ihrem journalistischen Engagement haben Zaher Al Jamous (Syrien), Maya Taneva(Nordmazedonien), Anna Butan(Russland), und Faten Al Soud (Irak) ihren Beruf als Schriftstellerinnen weiterverfolgt und so wurde ein Teil des Lucify Kollektivs in eine Gesellschaft der Schriftstellerinnen umgewandelt. Die Lucify Schriftstellerinnen sind an Zuwachs interessiert und kreieren ein wichtiges Netzwerk der Schriftstellerinnen mit Migrationshintergrund in der Schweiz.

Pascal Janovjak «Der Zoo in Rom», Lenos

Zoos sind Spiegel ihrer Gesellschaft. In Zoos sind nicht einfach nur Tiere zur Besichtigung eingesperrt. Zoos sind viel mehr. Ein Zoo ist ein künstlicher Kosmos. Und dass man in einem solchen gänzlich abtauchen kann, davon erzählt Pascal Janovjak in seinem preisgekrönten Roman „Der Zoo in Rom“.

Dass es Zoos in der Gegenwart immer schwerer haben, wenn sie sich nicht ganz offensiv das Mäntelchen des aktiven Tierschutzes, des Bewahrers bedrohter Arten überstreifen, ist spätestens dann klar, wenn man als Besucher:in sieht, wie stark Zoos gezwungen sind, in möglichst artgerechte Haltung möglichst viel zu investieren. Je mehr Lebensraum unersetzbar zerstört wird, desto mehr werden Zoos zu Archen. Noch immer sind Zoos Visitenkarten, Prestigeobjekte. Aber was in den vergangenen hundert Jahren in und um Zoos passiert ist, ist eine eigentliche Kulturgeschichte. Die Kulturgeschichte des Objekts „Tier“, dass vom reinen Material, das einzig und allein der Huldigung menschlicher Vermessenheit diente zum geduldigen „Objekt“ selbst wurde. So wie einst das Tier zu dienen hatte, dient heute der Mensch – verspricht es zumindest.

Pascal Janovjak «Der Zoo in Rom», Lenos, 2021, 232 Seiten, CHF 32.00, ISBN 978-3-03925-003-5

Pascal Janovjak will viel mehr als die Geschichte eines Zoos erzählen, die hundert Jahre des Zoos in Rom, von seiner Gründung 1911 bis in die Gegenwart. Pascal Janovjak erzählt die Geschichte eines Biotops, jener Menschen und Tiere darin, die sich hinter Gitter oder Glas, von Gräben getrennt gegenüberstehen. Und die Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes, die sich in diesem Geviert zaghaft zu lieben beginnen und sich wieder verlieren, alle beide auf die ihr ganz eigene Art und Weise. Hundert Jahre nach seiner Gründung soll die neue Kommunikationschefin Giovanna für den Zoo eine PR-Strategie entwerfen, um den sinkenden Einnahmen durch sinkende Besucher:innenzahlen entgegenzuwirken. Gleichzeitig streift im Zoo der junge algerische Architekt Chahine herum, der eigentlich einen baulichen Auftrag hätte, sich aber vielfach fasziniert in den Wegen des Zoos verliert. Schlussendlich ist es der letzte einer Ameisenbärenart, der die beiden bindet, aber nicht nur die beiden, sondern mit einem Mal überrennen Besuchermassen den Zoo, weil man Zeuge sein will eines letzten Überlebenden, des Dramas des Aussterbens.

In seinem Erzählen stösst Pascal Janovjak tief in den feuchtheissen Kosmos jenes Zoos ein, der vor hundert Jahren nicht nur Tiere vorführte, koste es was es wolle, sondern auch Menschen, ganze Dörfer, die in Kulisse vor kultivierten Besucher:innen zeigen sollten, wie weit man von den Primitiven entfernt ist. Eskimos neben Damwild, Nubier neben Antilopen und Tigern, perfekt inszeniert, auch wenn mit Verlusten gerechnet werden musste. Eine Landschaft wie auf einer lebendigen Postkarte. Tiere wurden von überall her eingefangen, hergekarrt, verschifft und transportiert, auch wenn nur eines von fünf Tieren die Strapazen überlebte. An den Ufern des Tibers muss es mordsmässig gestunken haben, nach Kot, Urin und Verwesung, als man in Empfang nahm, was jämmerlich überlebte.
Pascal Janovjak schildert, als ob er dabei gewesen wäre. Ein Zoo, der hundert Jahre zwischen Konkurs und Euphorie schwankt, immer wieder, je nachdem woher wirtschaftlich und politisch der Wind wehte.
Die Düfte scheinen aus den Seiten aufzusteigen und sich um die eigenwillige Liebesgeschichte zwischen Giovanna und Chahine zu ranken, so sehr, dass sich Chahine in den Dünsten verliert, nicht nur seinen ursprünglichen Auftrag, nicht nur seine Liebe, sondern auch sich selbst.

„Der Zoo in Rom“ ist unschweizerisch opulent erzählt, als hätte der Autor ein südamerikanisches Erzähl-Gen. Und dazwischen der Ameisenbär, ein Tier aus tiefster Vergangenheit, ein Wesen, das sich aufmacht zu verschwinden.

© Laura Salvinelli

Pascal Janovjak, geboren 1975 in Basel als Sohn einer französischen Mutter und eines slowakischen Vaters, studierte Komparatistik und Kunstgeschichte in Strassburg. Er lehrte Französisch an der Universität Tripoli (Libanon), leitete 2002–2005 das Büro der Alliance française in Dhaka (Bang­ladesch) und unterrichtete anschliessend Literatur in Ramallah (Palästina). 2011 Schreibaufenthalt am Istituto Svizzero di Roma. Seither lebt er in Rom. «Le Zoo de Rome» ist sein dritter Roman. Er wurde mit dem Schweizer Literaturpreis, dem Publikumspreis von Radio Télévision Suisse und dem Prix Michel-Dentan ausgezeichnet.

Lydia Dimitrow, geboren 1989 in Berlin. Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, der französischen Philologie und Neueren Deutschen Literatur an der Freien Universität Berlin und an der Université de Lausanne. Übersetzt aus dem Französischen und dem Englischen, schreibt Prosa und Szenisches. Moderiert Veranstaltungen und ist Mitglied der Theaterkompanie mikro-kit.

Beitragsbild © Guy Buchheit

Am «Ort der Erquickung» mit Zora del Bouno

Weil das Literaturhaus im vergangenen Frühling gezwungen war, wegen Corona Veranstaltungen zu verschieben oder gar abzusagen, wurden zwei jener Lesungen ins Kunstmuseum in der Kartause Ittingen verlegt. Ein Glücksfall für die Schriftstellerin Zora del Buono und ihren Roman «Die Marschallin» und ein gutes Zeichen in die Zukunft!

Für einmal hatte der Zwang, sich wegen der Auswirkungen der Pandemie etwas einfallen zu lassen, auch eine gute Seite. Was mit den ersten zwei Veranstaltungen in einer Kooperation von Kunstmuseum und Literaturhaus Thurgau begonnen hat, zeigt alle Vorzeichen, dass daraus eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Institutionen werden kann. Zum ersten Mal gastierte «Literatur am Tisch» weder im Wohnzimmer des Intendanten des Literaturhauses noch im Bodmanhaus in Gottlieben selbst, sondern in einem der schönsten Räume, den das Kloster Ittingen zu einem Juwel im Thurtal macht.

Einst war es der repräsentative Speisesaal der Kaurtause, in dem allerdings nur an Sonntagen gespeist wurde. Und weil der Orden der Kartäuser ein eremitischer Orden ist, der sich ganz der Kontemplation und damit dem Schweigen verschreibt, wurde auch an den sonntäglichen Mittagessen geschwiegen, einzig begleitet durch geistliches Vorlesen in Latein. In jenem Raum an der Schmalseite unter dem Kruzifix sass für einmal nicht ein:e Prior:in, sondern die Schriftstellerin Zora del Buono. Um 18 Uhr nicht für eine Lesung in gewohntem Rahmen, sondern mit 11 Gästen zusammen zu Speis und Trank und einer äusserst angeregten Diskussion über ihren aktuellen Roman «Die Marschallin«. 

Im Anschluss daran las die Schriftstellerin im Museumskeller, in jenem Teil, in dem das «Adlerflügelfahrrad mit aufgesetztem Drachendeck», ein Kunstwerk von Gustav Mesmer auf einer hölzernen Rampe steht, als wolle es in den Himmel abheben. Was auf der Rampe im Moment erstarrte, passierte dafür umso mehr auf der Bühne mit der Geschichte um die Grossmutter der Autorin, der Geschichte eines ganzen Jahrhunderts, einer «Unglücksfamilie», einer Familie mit fünf Toten durch «höhere Gewalt», der Geschichte einer aristokratischen Kommunistin. Literatur hob ab!

Zora del Buonos Lesung im Museumskeller, moderiert von Cornelia Mechler

«Kartause Ittingen: Nie zuvor da gewesen (schlimme Bildungslücke), dafür gestern gleich im Doppelpack. Erst Literatur am (wunderbar gedeckten) Tisch mit köstlichem Käse und klostereigenem Wein. Danach die Lesung im Weinkeller (ohne Wein). Die Marschallin selig hätte es gefreut, in so stilvollem Ambiente präsentiert zu werden. Ich habe mich gefreut, von Gallus und Cornelia so munter durch den Abend begleitet zu werden; der Hund hat sich gefreut, von Gallus ausgeführt zu werden (der Weinkeller behagte dem Tier nicht); kurz gesagt: Freude allerseits. Grazie mille.» Zora del Buono

Am 28. Oktober geht im Museumskeller des Kunstmuseums die kleine Reihe aussergewöhnlicher Lesungen weiter. Dann liest Dragica Rajćić Holzner aus ihrem Roman «Liebe um Liebe«. Informationen zu dieser Lesung finden Sie auf der Webseite des Literaturhauses.

Johanna Lier «Zwischenfall», Plattform Gegenzauber

Leere.

Ich sehe die stille Strasse. Die aufgereihten Wohnblocks. Den Windstoss in dem pinkfarbenen Schirm. Ich sehe sein blitzartiges Auftauchen. Schatten an meiner Seite. Raubtiersprung. Seine Brust auf meinem Rücken.
Ich sehe den jungen Mann in Pullover, Jeans und Sportschuhen weglaufen. Sein tänzelnder Gang, seine aufrechte Körperhaltung, sein Zögern angesichts meiner Schreie und die Wendung seines Kopfes.
Meine Tiertasche in seiner Hand.
Ich sehe meine angezogenen Knie und den Rahmen des Hauseingangs an meiner Wange und wie ich meine Fusssohle festhalte. Ich sehe den Polizisten, der sich hinkauert, den Krankenwagen unter rotierendem Blaulicht. Ich sehe das Tier, das seine Schnauze in meine Jacke drückt, dorthin, wo der junge Mann Hand angelegt hat.

Ich sehe das karierte Nachthemd. Die weissen Strümpfe. Die Zeitungen. Den Tisch am Fenster. Die übrigebliebenen Nahrunsgmittel in Glasschalen.
Ich sehe das Zimmer mit den braunen Vorhängen. Mit den Wanzenkotspuren am Boden. Den schwarzen Flecken auf der Matratze.
Ich sehe meinen bewegungslosen Körper auf dem Bett. Ich sehe, mein unruhiges Herumtigern in der Wohnung. Ich sehe, wie ich für wenige Minuten mich hinsetze, um wieder aufzustehen, um einen neuen Platz zu suchen.

Ich sehe, wie meine Hand nach der Teeschale greift. Ich sehe den umgestürzten Teekrug. Ich sehe, das gelbe Wasser, das sich auf dem Tisch ausbreitete. Ich sehe das Papier, das sich vollsaugt.

Ich sehe die Blüten, die aus dem Baum quellen. Gestern hat der Baum Blüten getrieben. Ich sehe vor dem inneren Auge das, was ich in der Vergangenheit bereits gesehen habe.

Ich höre, wie die Blätter aus dem Baum platzen. bald wird der Baum Blätter treiben. Ich höre das, was ich noch nicht gesehen habe. Ich höre das, was in meinem Bewusstsein noch nicht existiert.

Ich sehe mich im Wohnzimmer sitzen. Im Rücken die Bücherregale. Vor mir die Couch und das Gästebett. Und die Bilder. Ich sehe meine Füsse, die auf dem gegenüberliegenden Stuhl liegen. Ich sehe die blutrote Narbe, die sich um den Knöchel und über den Rist bis zur Sohle zieht. Ich sehe die Wolldecke, die ich um meine Hüfte geschlungen hab. Ich sehe die zwei Teeschalen, die weisse und die schwarze und den grünen Tee. Ich sehe den Bildschirm meines Computers und Filmbilder, die kommen und gehen.

Bestehe ich auf meinem Vorfahrtsrecht, knalle ich gegen die Wand. Schlage ich Nägel in die unberührte, weisse Wand, wage ich es nicht. Löst sich ein Schmerz an der Fusssohle, ist das wegen den Nägeln in den Hufen der Tiere.
Verbrennen die Fusssohlen im Sand zu Mittag am Meer.

Die Gegenwart, ein Nebelstreif zwischen Vergangenheit und Zukunft, so vage, dass sie faktisch nicht existiert. Die Gegenwart, solcherart dünn, dass ein Fuss in der Vergangenheit und der andere in der Zukunft steht.

Ich sehe, wie ich meine Sachen zusammenpacke, wie die maskierten Freunde in der Dunkelheit meine Habseligkeiten raustragen und in die zwei Autos räumen, ich sehe, wie ich im Hinterhof stehe und warte, bis die Wohnung leer ist, wie ich in der Kälte den Mantel über der Brust zusammenziehe, wie die Freunde in der leeren Küche die Masken abnehmen und Bier trinken und auf dem Balkon rauchen.

Ich bin zum Meer gezogen. Die Hütte ist klein. Das Bett bunt. Die Küchenzeile schmal. Die Bäume hoch. Der Blick weit.

Die goldfarbenen Tiere sind gross. Ihre Nacken sind wulstig, die Rücken fleischig, sie riechen nach Pisse, das Fell stachelt oder schmeichelt. Sie gewichten sich schwer an mein Knie.
Sie knurren mich an, wenn ich mich vor dem jungen Mann in Pullover, Jeans und Sportschuhen fürchte und ihm zuschaue, wie er über mich herfällt. Sie bestrafen mich mit ihren gelben Zähnen und ihren nassen Lefzen für meine sündigen Gedanken.

Plätschert das Meer blau, setze ich mich auf die unterste Stufe der hölzernen Treppe, die zum Strand führt. Liegt der Strand leer, füllt sich die Brust mit Glück und ich wühle mit den Händen.

Ich halte dich in Händen, obwohl ich dafür gesorgt hab, dass du nicht da bist.

Hör ich mit hoch erhobenem Kopf in die Zukunft, sehe ich nicht, was unter meinen Füssen soeben geschehen ist. Starre ich zu meinen Füssen und versuche meine Sohlen zu erkennen, die kurz davor die Erde irgendwo berührt haben, höre ich die Zukunft nicht.

Leere.

Aber du machst Lärm. Er liegt in der Luft. Ich hebe den Kopf und höre das Rascheln deiner Hemden. Ich höre, deine leichten schnellen Schritte. Ich höre das zaghafte, aber hungrige Lachen. Ich höre die von Bewusstheit und Gier gesättigte Stimme. Ich höre die Musik. Ich höre deine nackten Füsse auf dem Holzboden. Ich höre die Kleider auf den Sessel fallen, rauschendes Wasser am Morgen, das von deinen Bewegungen unterbrochen die Richtung ändert, das Klacken der Kaffeekanne, heisere, ungeduldige Rufe, meinen Namen, oder eine alberne Verballhornung, die Schluckbewegungen und das Mahlen der Zähne.
Ich höre deine Belehrungen, ich höre deine Erzählungen, ich höre diese kurzen, aufforderden Sätze, die bekunden, dass du zuhörst, ich höre deine Bemühungen mich zu überreden.
Ich höre die Unsicherheit beim Aufzählen deiner Vorzüge. Ich höre den scheuen Triumph im Moment deiner Siege.
Ich höre deine Handinnenfläche an meiner Haut. Ich höre deine Finger in meinem Haar. Deinen Atem.
Ich hab dich so viele Male gesehen. In vergangenen Tagen. Aber das warst nicht du.
Wenn ich hinhöre bist du. Irgendwo. Ich versuche den Kopf in Richtung zu wenden …

Johanna Lier studierte Schauspiel und absolvierte einen Master of Arts in Fine Arts. Nach jahrelanger Tätigkeit als Schauspielerin lebt sie als Dichterin und freie Journalistin in Zürich und unterrichtet kreatives Schreiben an der Kunsthochschule Luzern.

2018 und 2019 verbrachte Johanna Lier mehrere Monate in Griechenland und auf der Insel Lesbos und kam eher zufällig ins Registrierung- und Ausschaffungszentrum Moria. Eine Gewalterfahrung, die eine Antwort erforderte. Die Autorin kehrte nach Moria Camp zurück und begann, basierend auf Kriterien aus James Baldwins Essay «Everybodys Protest Novel», zu recherchieren und zu schreiben.
Neun Männer und Frauen aus dem Lager Moria auf der Insel Lesbos, Geflüchtete und Aktivistinnen, erzählen der Autorin (oder ihrem fiktiven Alter Ego Henny L.), was es braucht, um dort zu überleben. Es geht um Hunger, Kälte, Hitze, Warten, Gewalt und um den radikalen Kontrollverlust über das eigene Leben.
Sie fliehen vor Krieg, Diktatur, Hunger und den Auswirkungen der Klimakatastrophe; manche sind auf der Suche nach einem besseren Leben; sie kommen aus dem Mittleren Osten, aus Südostasien, dem Maghreb und subsaharischen Ländern. Allen ist gemein, dass sie in seeuntüchtigen Gummibooten das Ägäische Meer überqueren und auf den griechischen Inseln in Lagern gefangen gehalten werden, bis entschieden ist, ob sie in Europa Asyl beantragen dürfen – oder ob sie in die Türkei deportiert werden. Das kann Jahre dauern.
Amori. Die Inseln ist keine Chronik der Skandale, sondern ein dokumentarischer Bericht, der mit literarischen Mitteln die Nähe zu den Beteiligten sucht. Jahrhundertealte europäische Praxis wird dokumentiert: die Selektion und das Lager. Die Protagonistinnen und Protagonisten setzen ihr die ganz eigenen Vorstellungen von persönlicher Erfüllung und Freiheit entgegen.

Rezension zu «Wie die Milch aus dem Schaf kommt» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Michael Buselmeier «Elisabeth. Ein Abschied», Morio Verlag

Sie fällt vom Fahrrad, weiss dann kaum noch, wo sie ist, und er schreibt gegen das Verschwinden an – Michael Buselmeier erzählt in „Elisabeth“ herzergreifend von der Demenzerkrankung seiner Frau und kommt selbst nicht gut weg dabei.

Frank Keil

Bilanz eines Abschieds
von Frank Keil

Es beginnt schleichend, man weiss das, man hat das oft genug gelesen, hat es auch gehört, aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, womöglich aus der Familie: Da wird jemand unkonzentriert, fahrig, wirkt kurz orientierungslos und dann ist alles wieder gut und alles an seinem Platz. Bis die nächsten Irritationen einsetzen, Seltsamkeiten, ‚das musst du doch wissen‘, sagt man dann; fragt, was denn los sei. Und will den naheliegenden Gedanken nicht denken.

Bei Elisabeth Buselmeier, Michael Buselmeier Frau, er selbst Jahrgang 1938, damit nach unseren heutigen Massstäben solide alt, aber noch nicht hochbetagt, das kommt noch, beginnt die Verwirrung sich zu verstärken nach ihrer Pensionierung, nach einem aufreibenden Leben als Dozentin an der Frankfurter Hochschule und noch dazu hat sie sich um das Haus zu kümmern, um den Haushalt, um den Garten und die Texte ihres Mannes, die abzutippen waren. Und nun notiert er: «Elisabeth ist nicht mehr die Frau, die ich vor einem halben Jahrhundert geheiratet habe.» Zuvor hat er sich nicht ohne ironische Selbstbetrachtung an all die Dichter erinnert, deren Frauen oft weit vor ihren Künstler-Männern starben: Orpheus, Novalis, Benn, Pound, Rilke, Kafka. «Und andere», wie er verlegen hinzu setzt.

Dabei sollte anderes geschehen: Seine Frau sollte endlich Zeit und Ruhe und Kraft finden ihr eigenes Werk in Angriff zu nehmen, es durchzuarbeiten und es zu beenden, wo es doch seit Jahrzehnten auf den Weg geschickt ist: eine grosse wissenschaftliche Arbeit, die Geschichte der Heidelberger Germanistik zu schreiben. Das Material füllt dicht aneinandergereihte Aktenordner, prall bestückt mit Exzerpten, mit Entwürfen, mit ausgewerteten Archivfunden; mit Zeitzeugenberichten greiser Professoren, wie Buselmeier Michael diffizil schreibt. Doch das Scheitern dieses schreibenden Projektes ist unübersehbar, das geht nicht spurlos an einem vorbei, der fürs und der mit dem Schreiben lebt: «Schon lange ist sie mir keine Gesprächspartnerin mehr», auch diese Notiz findet sich, gemeint ist natürlich seine Frau.

Die langsam wegdriftet, die auch tagsüber Stunden im Bett liegt, sich hin und her wälzt, die dafür nachts durchs Haus irrt, die sich ihre Hemden falsch herum anzieht, die keine Termine mehr einzuhalten versteht, bei der Gymnastik, beim Klavierunterricht, die während freudig erwarteter Familientreffen teilnahmslos danebenhockt, die auf Depressionen hin durchgecheckt und behandelt wird, bis weitere ärztliche Untersuchungen sachliche Gewissheit bringen.

Michael Buselmeier «Elisabeth», Morio Verlag, 2021, 200 Seiten, CHF 27.90, ISBN: 978-3-945424-86-5

Buselmeier erzählt immer auch von sich, wenn er von seiner Frau erzählt, er lässt tief blicken, wie er, ohnehin vom eigenen Alter mehr als gebeutelt, versucht noch zum Schreiben zu finden, während seine Frau im Haus lärmt oder mit dem Fahrrad unterwegs ist und womöglich schon bald von besorgten Nachbarn oder gleich der Polizei zurückgebracht wird, mit leichteren oder schwereren Blessuren, auf jeden Fall ohne Fahrrad, das wird er nun irgendwo im Dunklen in der Gegend suchen und finden müssen. Dabei muss er doch schreiben, muss weiterschreiben, muss sich fertigschreiben, es ist nicht noch genug und lange nicht zu Ende, was er bisher zu Papier gebracht hat, wie man so sagt.
Wütend schreibt er zugleich gegen das Schreibende an, gegen die Unverschämtheiten des Alters, die mürben Knochen, die Halsentzündung, die Rückenschmerzen, die längst dazugehören; dazu der Druck der nachrückenden Dichtergeneration, die einen aus dem Weg drängt, all die jungen Kerle, die ihren Platz wollen, während sich schon die nächsten aufmachen, die ‚Hier!‘ und ‚Ich!‘ schreien und es eilig haben.
Reicht das nicht allein? Ist das nicht schon schwer genug und schon so kaum auszuhalten? Und nun muss noch die eigene Frau dement werden und alles vergessen, am Ende auch ihn?
Obwohl: Wer weiss, wer sich in zehn, zwanzig Jahren überhaupt noch an ihn erinnern wird, trotz der Literaturpreise und der Ehrungen und der Bücher mit seinem Namen auf dem Einband, auf dem Cover, die man ins Regal stellen kann; was er dann für Figur ist im Literaturkanon, der ja selbst immer mehr an Bedeutung verliert, auch das ist Schmerz, der kaum auszuhalten ist.
Und so ist es kein Wunder, das er an einigen, wenigen Stellen die Kollegen heranzieht, er ist ja nicht der erste, der mit Demenz zu tun hatte und der – wozu ist er Schriftsteller – schreibend zu reagieren und das mit ihm Geschehene zu erfassen sucht: Arno Geigers freundlich-lustiges Roman-Porträt seines Vaters in ‚Der alte König in seinem Exil‘, das so erfolgreich war für den Sohn, haben wir das nicht alle gerne gelesen, voraustankend Trost darin vermutet – er glaubt ihm heute kein Wort mehr. Dagegen setzt er das am Ende kurz, brutale Schicksal des wesensverwandten Schriftstellers Günter Herburger, nicht nur ein Altersgenosse, sondern auch einer, der mit dem Leben so schwer hadert (drei gebrochene Lendenwirbel, niemand will seinen gewiss letzten Gedichtband herausgeben, das könnte man doch erwarten); und der bald an den Folgen eines Hausbrandes stirbt, den vermutlich seine Alzheimer-kranke Frau gelegt hat. Da – und das ist die Botschaft, die ankommt – ist es dann endgültig vorbei mit dem Schick der Demenz.

Denn und dann – der Schluss: Buselmeier, der Mann, der Schriftsteller, der Chronist der Krankheit, er zieht sich zurück, er lässt seine Frau zu Wort kommen. Erlaubt uns in einige, wenige, aber prägnante Dokumente schauen: Zettel, Notizen, kurze Berichte, Notate. Aus dem Krankenhaus, in dem sie untersucht wird und aus dem sie nur noch raus will. An einen Hund erinnert sich Elisabeth Buselmeier, der überfahren wurde, recht schnell, ein Dackel. Einen letzten Artikel – schreibt sie – hat sie noch veröffentlicht, unter grossen Mühen. Ihr grosses Schreibprojekt aber, es verweht: «Unsere Kinder, spätestens die Enkel, werden diese Fragmente einmal wegwerfen müssen, um sich von ihnen zu befreien.» Bilanz eines Abschieds.
Und vieles, das man eben gelesen und dem man gefolgt ist, erscheint in einem doppelt schlaghellen Licht: wie Elisabeth, die Schriftstellerfrau, notiert, wie ihr nach und nach die Gewissheiten verloren gehen. Wie sie einsamer und einsamer wird, in sich selbst. Wie ihr Mann ihr immer weniger der Mann und der Gefährte und der ‚Lebensmensch‘ ist, wie Thomas Bernhard den anderen genannt hat, den man doch so braucht, erst recht zum Schluss. 

Michael Buselmeier wurde 1938 in Berlin geboren und wuchs in Heidelberg auf, wo er bis heute als Schriftsteller, Publizist, Herausgeber und Literarischer Stadtführer lebt. Zahlreiche Veröffentlichungen. 2010 erhielt Buselmeier den Ben-Witter-Preis der ZEIT-Stiftung, 2011 stand er mit «Wunsiedel» auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, 2014 wurde ihm der Gustav-Regler-Preis der Stadt Merzig und des Saarländischen Rundfunks verliehen. Zuletzt erschienen bei Morio die Heidelberger Schloß-Anthologie «Alles will für dich erglühen» und der Gedichtband «Mein Bruder mein Tier» (beide 2018).

Beitragsbild © Philipp Rothe

Wolfgang Hermann «Herr Faustini bekommt Besuch», Limbus Preziosen

Was ist, wenn jemand an deiner Tür klingelt und nach dem Öffnen der Tür nichts mehr in deinem fein eingerichteten Leben so ist, wie es Jahre, Jahrzehnte war? Bei Herrn Faustini passiert genau das. Und obwohl Herr Faustini die Quadratur eines rechtschaffenen Mannes ist, breiten sich die Eruptionen in ganz überraschende Richtungen aus.

Herr Faustini mag es nicht, wenn seine Welt aus dem Takt gerät. Er ist einer der Stillen, von denen nichts erwartet wird, die man nicht sieht, die nichts zu brauchen scheinen für das kleine Glück, das sie mit Bedacht verwalten. Herr Faustini gehört in eine andere Welt, hält nichts von den flachen Dingern, in die alle überall hineinstarren, nichts von den Moden der Gegenwart, die ihn befremden, aber auch nichts von den vielfältigen Aufdringlichkeiten seiner Artgenossen. Er ist einer jener, die abends noch in den Himmel schauen, einfach bloss weil es Freude macht und den Platz im Universum zeigt, denen dann die Zeilen eines Gedichts von Joseph von Eichendorff einfallen.

„Täglich sah er eigentlich nur den Kater.“

Bis es eines Tages völlig unerwartet an der Haustür klingelt, zu einer Zeit, wo es die Post nicht sein kann. Jemand anderer erwartet Herr Faustini nicht, schon lange nicht mehr. Er öffnet die Tür und da stehen zwei; eine Frau in seinem Alter und ein mittelgrosser Junge, der ihn keines Blickes würdigt. Nach unsanfter Begrüssung verkündet die Frau, dies sei sein Junge, er der Vater. Und nachdem er bisher nie seinen Part zu spielen hatte und sie dringend Ferien brauche, sei es an der Zeit, dass er den Jungen nehme, für zwei Wochen.

Wolfgang Hermann «Herr Faustini bekommt Besuch», Limbus Preziosen, 2021, 120 Seiten, CHF 20.90, ISBN 978-3-99039-193-8

Im Normalfall hat man(n) neun Monate Zeit, um sich seiner neuen Rolle bewusst zu werden. Bei Herr Faustini waren es grade mal Minuten, bis die Frau mit einem Auto davonbrauste und den Jungen wie einen nassen Regenschirm bei Herrn Faustini zurückgelassen hatte. Weil Herr Faustini der ist, der er ist, zwar ganz genau weiss, dass er nie und nimmer der Vater des Jungen sein kann (Allerdings schleichen sich durchaus Zweifel ein!). Die Bezeichnung „Vater“ kannte Herr Faustini nur aus der Ferne, war wie ein grelles Kostüm, in das man ihn gezwungen hatte. Und weil er den Jungen nie und nimmer wegschicken oder für die zwei Wochen einer Institution übergeben könnte, bleibt der Junge im Haus. Kein Kind und kein Erwachsener mit hängender Hose und einsilbigen Antworten auf jene Fragen, die sich Herr Faustini selbst zu stellen traut. Seine Vaterrolle anzuzweifeln ginge nicht. Also schickt sich Herr Faustini in die Offensive, schlägt Hugo Ausflüge vor, Minireisen mit dem Schiff auf dem See, ins Museum zu den Zeppelinen. Doch Hugo interessiert sich meist nur für seinen Nahkampf auf seinem flachen Spielzeug, das er auch während des Essens nicht weglegt.

„Herr Faustini sah über dem Tisch eine kleine Wolke aus ungesagten Sätzen stehen.“

Als Herr Faustini fragt, wo er den hinwolle, ob er etwas unternehmen wolle. „Haafpei“, nuschelt Hugo. Etwas wie Halspfeife, ein Wort, das Herr Faustini noch nie gehört hatte. Und als die beiden tatsächlich mit dem nötigen Gefährt am Seeufer auftauchen, wird aus dem verschwiegenen Nebeneinander mit einem Mal ein Ding, das auch Herrn Faustini zu erwärmen vermag. Aus einem erzwungenen Nebeneinander wird ein Abenteuer, für beide.

Es prallen Welten zusammen. Herr Faustini wird mit einem Mal bewusst, wie klein seine Welt, wie tief der Graben seiner immer und immer wieder gegangenen Wege durch seine Welt geworden war. Herr Faustini gehört zu einer aussterbenden Spezies Mensch, die sich nicht betäuben, die weder rennen noch hetzen. Zu einem Archetyp, der keinen Platz mehr hat in einer flimmernden Gesellschaft. Ein Mann, der schon als Herr Faustini zur Welt gekommen scheint.

„So war es, das Gehirn des Menschen war ein Hort wild gewordener Hunde.“

Ich liebe Herrn Faustini. Ich liebe es, dass ihn Wolfgang Hermann immer wieder auf die Bühne bringt. Herr Faustini mahnt mich. Herr Faustini nimmt den Kampf auf, aber weder mit Gewalt noch mit Lärm, weder schimpfend noch hadernd. Herr Faustini kämpft mit Liebenswürdigkeit und Anstand. Zwei Eigenschaften, die in der Gegenwart immer mehr abhanden kommen.

Lassen Sie sich bezaubern!

Interview

Wenn ich richtig gezählt habe, ist „Herr Faustini bekommt Besuch“ dein fünfter Faustini. Was ist so anders an dieser Person, diesem Setting, dass immer wieder ein neuer Faustini erscheint?
Herr Faustini, das ist für mich ein eigener Seins-Zustand. Wenn ich nicht aufpasse, kippe ich da hinein und schreibe schon wieder einen Faustini.

Herr Faustini ist der Prototyp dessen, was in der Gegenwart keinen Platz mehr hat, was auszusterben droht. Ein Mann, der schon als Herr Faustini zu Welt gekommen scheint. Wie viel Faustini steckt in Wolfgang Hermann?
Ich habe einen Gutteil meiner Zeit als Fremder auf diesem Planeten verbracht. Man fängt wahrscheinlich nicht an zu schreiben, wenn man ganz ohne Befremden in seiner Haut steckt. Bei mir ging das Fremdsein recht früh los, und das Lesen, das ich erst entdeckte, als ich als Elfjähriger einen ganzen Sommer im Krankenhaus lag – es gab keine Kinderbücher bei uns zu Hause, ein Manko, das ich nie aufholen konnte -, das Lesen also bot mir eine andere Welt, eine Rettungsinsel, auf der ich mehr und mehr Zeit verbrachte. Eigentlich zog ich mit elf auf diese Insel. Und begann zu schreiben. Und wohne noch immer auf der Insel.

Geschichten, in denen Männer unsanft mit ihrer Vaterschaft konfrontiert werden, gibt es zuhauf, bis ins Kino. Dir scheint es aber um andere Themen zu gehen, als um einen Mann, der um seine Freiheit kämpft oder tollpatschig von einer Peinlichkeit zur nächsten torkelt. Geht es auch ein bisschen darum, zusammen mit Herrn Faustini die Gegenwart zu verstehen?
Ich sah, als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, diesen pubertierenden Jungen, der Leben und Chaos in Herrn Faustinis Haus bringt. Weiter nichts. Ich wollte damit nichts demonstrieren, keine Probleme bewältigen. Nur diese Begegnung zwischen dem recht verlorenen Jungen und dem Eigenbrötler Faustini hat mich interessiert.

Herr Faustini hat sich bis zu jenem Klingeln an seiner Haustür mit seinem kleinen Leben eingerichtet. Ist das eine Begleiterscheinung des Alterns, dass man den Mut zum Ausbruch verliert?
Faustini ist einer von denen, die vom Leben zurechtgestutzt wurden, die schliesslich ein Leben en miniature leben, zufrieden sind, wenn sie auf ihrer Parkbank sitzen, ihre immergleiche Runde gehen, ohne noch viel zu erwarten. Ein Leben auf Reserve sozusagen. Er sehnt sich da hinaus, sehnt sich – jede Seele ist ein Schrei nach Vollendung, sagt Paul Valéry – nach dem vollen Geschmack des Lebens. Aber wer von den Älteren kennt ihn schon, diesen Geschmack, kann sich noch daran erinnern? Meist ist doch alles zugestellt von falschen Ideen, von belanglosem Zeug.

Hugo, das Kuckuckskind, das für zwei Wochen bei ihm „abgestellt“ wurde, scheint anfangs nur schwer zu knacken. Welcher Jugendliche lässt sich schon offen von einem älteren Mann, selbst wenn dieser zum Vater erklärt wird, zu freundlichem Zusammensein hinreissen. Genau in jener Phase ihres Lebens will man doch so gar nichts mit den Alten zu tun haben und mit jeder Faser seines Seins den Unterschied markieren. Verstehen wir die Jugend wirklich angesichts dessen, was wir Alten ihnen alles zumuten?
Hugo ist es nicht gewohnt, dass ihm ein Erwachsener seine Zeit widmet, ja sich überhaupt für ihn interessiert. Ihm genügt sein Handy und sein Skateboard. Nach und nach begreift er, dass Herr Faustini sich wirklich für seine Welt interessiert, ihn verstehen möchte, an ihm Anteil nimmt. Und Faustini hat Unerwartetes zu erzählen, denn auch er war einmal jung, auch er kennt die Leere öder Nachmittage, er war sogar unglücklich verliebt. Und er kennt das am meisten heruntergekommene Café der ganzen Gegend. Und er erzählt von Nächten, die er am Pokertisch verbracht hat. Hugo staunt. Ganz von selbst entwickelt sich eine echte Freundschaft zwischen den beiden. Ich glaube, das ist auch in diesem Alter möglich. Aber nur, wenn auch Humor dabei ist und man den anderen sein lässt, wie er ist.

© Andrea Peller

Wolfgang Hermann, geboren 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Lebte längere Zeit in Berlin, Paris und in der Provence sowie von 1996 bis 1998 als Universitätslektor in Tokyo. Zahlreiche Preise, u. a. Anton-Wildgans-Preis 2006, Förderpreis zum Österreichischen Staatspreis 2007; zahlreiche Buchveröffentlichungen, unter anderem «Abschied ohne Ende» (2012), «Die Kunst des unterirdischen Fliegens» (2015) und «Herr Faustini bleibt zu Hause» (2016). Bei Limbus: «Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald» (2013), Die letzten Gesänge (2015), Das japanische Fährtenbuch (2017) und «Walter oder die ganze Welt» (2020).

Wolfgang Hermann «Ein Mann, ein Bahnhof», Kurzgeschichte auf der Plattform Gegenzauber

Anna Baar «Nil», Wallstein

Lesen Sie wie ich mit einem Bleistift? Ich kann am Grad der Kritzeleien in einem Buch bemessen, wie sehr mich die Sprache beeindruckt. Und manchmal gibt es Bücher, die zwingen mich immer wieder, dauernd zum Stift. Bücher, die mich bescheiden, ehrfürchtig machen. Anna Baar schrieb so eines. „Nil“ ist ein grosser Strom!

Eigentlich müsste ich über dieses Buch keine Inhaltsangabe machen. Auch nichts über die Qualitäten der Sprache formulieren. Eigentlich würde es reichen, alle unterstrichenen Sätze und Passagen abzutippen und auf deren Wirkung vertrauen. Auch wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen, isoliert dastehen. „Wer schreibt solche Sätze?“, würden die Leser:innen dieser Liste staunen. „Nil“ ist ein Roman, den man während des Lesens unbedingt zur Seite legen muss, wenn auch nur kurz, um den Sätzen jene Zeit zu geben, die sie benötigen, um sich einzugraben, wenn sie nicht schon wie Blitze eingeschlagen haben.

„Mögen andere ihre Träume für minderwertig halten gegen das Tagesbewusstsein. Ich aber werde die Wirklichkeit so lange mit meinen Träumen betrügen, bis sie eifersüchtig die Schenkel vor mir spreizt und selbst zum Traum mutiert.“

Nicht jeder Geschichte entkommt man, indem man das Buch zuklappt“, schreibt Anna Baar fast ganz am Ende ihres Romans. Es ist aber viel mehr als eine Geschichte, die sich als Vexierbild entpuppt, die mich hin- und herreisst, den Boden unter den Füssen schwankend macht. Es ist die Sprache, die nachhallt, die mich trunken macht. Wehe den darauf folgenden Büchern, die sich mit „Nil“ messen lassen müssen, nur weil sie als nächste in meine Hände geraten.

„Nur im Schreiben bin ich ganz und gar ich.“

Anna Baar «Nil», Wallstein, 2021, 148 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-8353-3947-7

Eine Autorin wird vom Chefredaktor eines Frauenmagazins gedrängt, ihre Fortsetzungsstory endlich zu einem Ende zu bringen, irgendwie. Man setzt ihr eine Deadline, droht ihr unmissverständlich, nicht zuletzt, weil LeserInnen des Magazins sich in den Wirren ihrer Fortsetzungsgeschichte zu verlieren drohen. Sie schreibt. Sie schreibt sich weg. Sie schreibt sich in einen Rausch, in Angst, bis sie ihr Manuskript in Flammen aufgehen lässt, weil sich ihre Geschichte über sie selbst zu stülpen droht.

„Nichts galt fade Wahrheit gegen die schöne Verdrehung.»

Die Ichstimme im Geschriebenen sitzt in einem Verhörzimmer, Wärter und Kamerafrau gegenüber. Ein Verbrechen? Ein Sturz von einer Wand in einem Steinbruch, das plötzliche Verschwinden in einer Passfotokabine? Die Bilder drehen sich dauernd weg. Vielleicht sind es auch die Eltern der Ichstimme, die Vorgesetzten, dieses dauernde Drängen. Die Ichstimme hat geschrieben, erfindet, zum Beispiel Sobek, den die Stimme in ein Lokal schickt, zu einem leeren Stuhl an einem Tisch einer Frau. Sobek zückt sein Notizbuch und beginnt zu schreiben. „Sind sie Schriftsteller?“, fragt die Frau. Er nennt sich Buchhalter und lässt sich von der Frau eine Geschichte ins Buch notieren, eine Geschichte von ihr. Erfunden oder wahr.

„Verliert man die Unschuld durch Zeugenschaft, durch das Betreten verbotener Räume oder ein Wissen, das man nicht teilt.“

Die Ichstimme erzählt von ihrer Familie. Ihr Vater war einer der Letzten in einem sterbenden Zoo in einer Stadt. Einem Zoo, der verschwunden ist, den der Vater mit auflösen musste, in dem die Tiere am Schluss bloss noch auf ihr Ende zudämmerten. Auch das Krokodil, das das Kind gerne wieder im Nil gesehen hätte. In Freiheit.

Bedeutet Schreiben Freiheit? Anna Baar schreibt über das Schreiben, über die Macht des Schreibens. Was das Schreiben mit den Schreibenden anzurichten vermag. Wo die Grenzen sind, das verborgene Land. Von den Ängsten, kein Zurück mehr zu finden.
Zugegeben, man muss sich auf das Buch einlassen. Es flutscht nicht einfach bei der Lektüre. Anna Baar will mich nicht einlullen. Sie zwingt mich zum genauen Lesen, lässt mich blättern, ganze Abschnitte noch einmal lesen. Das sieht man schlussendlich dem Buch an. Man hat mit ihm gelebt!

„Es ist eine List des Lügners, zu fordern, dass man ihm glaubt.“

© Johannes Puch

Anna Baar, geb. 1973 in Zagreb (ehem. Jugoslawien). Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der dalmatinischen Insel Brac. Ihr Debütroman «Die Farbe des Granatapfels» stand drei Monate auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. Für die Arbeit an «Als ob sie träumend gingen» erhielt sie den Theodor Körner Preis. 2020 wurde sie mit dem Humbert-Fink-Literaturpreis der Stadt Klagenfurt ausgezeichnet. Anna Baar lebt in Klagenfurt und Wien.

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Johannes Puch

Judith Hermann «Daheim», S. Fischer

Dreissig Jahre nachdem sie beinahe mit einem Zauberer und einer Kiste, in der sie dreimal pro Woche zersägt worden wäre, auf eine Kreuzfahrt nach Singapur gegangen wäre, erinnert sich die Frau. Sie erinnert sich in einem Haus, in dem sie sich einrichtete, das ihr Daheim werden sollte. Judith Hermanns Roman „Daheim“ ist voller überraschender Wendungen, ein einziger Strudel, der Gegenwart und Vergangenheit vermengt.

Ein kleines Haus nicht weit vom Meer. Im Erdgeschoss eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und im ersten Stock ein weiteres Zimmer, das sie aber gar nicht braucht. Es ist das letzte Haus. Danach ist der Weg bloss noch Sand. Sie wohnt in dem baufälligen Haus, weil nicht weit davon ihr Bruder eine Kneipe, einen Schuppen direkt am Meer betreibt, weil er im Frühling die Bretter von den Fenstern nimmt und er eine Hilfskraft braucht, die den Laden am Laufen hält. Ihr Bruder ist Arbeitgeber, vielleicht auch ein bisschen Asylgeber, denn sonst hält sie nichts an dem Ort, schon gar nicht die neue Freundin ihres Bruders, mehr als dreissig Jahre jünger als er, unstet und verschroben, unergründlich, ihren Bruder quälend. Eine junge Frau, die er zwischendurch zur Trailersiedlung fahren und auf sie warten muss, bis sie eine halbe Stunde später einen der Trailer wieder verlässt. Sie heisst Nike!

Judith Hermann «Daheim», S. Fischer, 2021, 192 Seiten, CHF 31.90, ISBN 978-3-10-397035-7

Im Frühling gibt es in der Kneipe noch nicht viel zu tun. Sie freundet sich mit ihrer Nachbarin an, mit Mimi, die auch eines der freistehenden Häuschen bewohnt, das sie einst von einer alten Frau übernahm, vollgestellt mit Möbeln und Dingen, die aus der Zeit gefallen sind. Mimi ist nicht weit von den Häusern auf einem Hof aufgewachsen, den ihr Bruder Arild seit dem Auszug seiner Frau alleine führt. Er allein mit tausend Schweinen. Mimi nimmt ihre Nachbarschaft so selbstverständlich wie ihr Bruder die Tatsache, dass sie nun irgendwie dazugehört. Obwohl die Erzählerin eigentlich ihre Ruhe will, tagsüber ihre Arbeit in der Kneipe, die Abende und Wochenenden für sich, für eine Flasche Wein und ihre Erinnerungen.

Sie hatte Familie. Hat sie eigentlich noch immer. Aber nachdem ihre Tochter Ann ausgezogen war, sich auf eine Reise machte ohne Ziel und Rückkehrdatum, gab es keinen Grund mehr bei Otis, ihrem Mann zu bleiben. Auch wenn sie Otis noch immer Briefe schreibt, auch wenn ihr die Erinnerungen an die Zeit als Familie noch immer weh tut, auch wenn Otis irgendwie noch immer ihr Mann ist. Ein Sammler, ein Messi, unter einem Dach, dass er sein Archiv nennt, in dem er alles hortet, was man dereinst, wenn die Welt vor die Hunde geht, brauchen wird. Auch wenn von Ann nur ein paar kurze Mitteilungen kommen, eigentlich bloss Koordinaten von irgendwelchen Orten. Die Liebe aber ist geblieben.

Mimi ihre Nachbarin, Arild ihr Bruder auf dem Hof mit seinen Schweinen, der manchmal rüberkommt, um in der Marderfalle hinterm Haus den Köder zu ersetzen. Und vielleicht noch die Eltern von Mimi und ihrem Bruder, ihr eigener Bruder mit „seiner“ Freundin, der er sich verschrieben hat. Und die Otis und Ann. Eine Welt, die nicht mehr ihr gehört und sie trotzdem in eine Kiste einsperrt, eine Kiste, aus der sie es nicht schafft, trotz der Distanz.

Sie erinnert sich. An die gute Anfangszeit mit Otis, an die Familienzeit, an jenen Moment zuvor, als sie mit dem Zauberer und der Kiste nach Singapur hätte fahren können und es im letzten Moment mit schon gepackten Koffern sausen liess. Ein anderes Leben. Ein Leben ohne Otis, ohne Ann, ohne die Kiste jetzt. Aber dafür mit einer Kiste, mit der der Zauberer sie dreimal pro Woche in zwei Hälften zersägt hätte. Zwei Hälften, in die sie auch ohne den Zauberer damals geworden ist. Eine Hälfte, die existiert und eine Hälfte, die sich erinnert.

Judith Hermanns Roman „Daheim“ ist unkonventionell, überraschend, verunsichernd, kaum je vorhersehbar. Mit einem Mal eröffnen sich Bilder, die mich ebenso faszinieren wie verstören. Und hinter dem ganzen Roman steckt latent eine Endzeitstimmung, etwas Fatalistisches. Als hätte man allem die Zukunft geraubt. „Daheim“ bleibt hängen!

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt «Sommerhaus, später» (1998) wurde eine ausserordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband «Nichts als Gespenster». Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien «Alice», fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, «Aller Liebe Anfang». 2016 folgten die Erzählungen «Lettipark», die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Der Roman «Daheim» war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Beitragsbild © Michael Witte

Andri Beyeler «20.30 gleiches Ambiente», Plattform Gegenzauber

Ein Popduo, bestehend aus Marthe und Mägpi, gastiert in der Kleinstadt, aus deren ländlichem Umfeld Mägpi stammt. Vor gut zehn Jahren hat seine damalige Schülerband, bestehend aus Gwaag, Fink und ihm, in demselben Lokal eines ihrer letzten Konzerte gegeben.

I. Marthe
Mir hocked i eim vo däne Sofas, wo mr immer dinn hocked, und denäbed schtoht ein vo däne Chüelschränk, wo immer denäbed schtönd, au de obligat Täller mit de drei Öpfel, zwei Banane und de Orange ufem Tischli vorem Schpiegel fählt nid, und gliich isch da etz also die Garderobe, wie da nu die Garderobe isch, so wie de Mägpi di ganz letscht Ziit drüber gredt hät, ohni dan er drüber gredt hett, und ich gliich und genau gmärkt ha, dan er nu über da redt.
«Isch okay doh, oder?», frogt de Mägpi. «Doch», säg i und de Mägpi: «Nüt bsunders, aber okay.» –«Doch, hät nid tosche, de erscht Iidruck.» – «Klar ischs eis vo däne Löcher.» – «Es Ässe isch guet gsi.» – «Mol nid, hüt gits, was niemez susch git, wa denn gliich immer s Gliich isch wie überall, bis uf d Sauce villicht.» – «Würkli guet.» – «Schtimmt.» – «Und d Lüüt sind au fründlich.» – «So sind s halt doh», seit de Mägpi und ich: «Du mueschs jo wüsse.»

II. Mägpi
Müest i allwäg scho, und allwäg wüüsst is au, aber ich säg nüt meh dezue, wien i di ganz letscht Ziit nüt meh dezue gseit ha, wenns druf use gloffe isch, öppis meh dezue z säge, da mr hüt z Obed doh, wo d Marthe und ich etz ide Garderobe devo, us irgendere Gegend chömed mr schliesslich alli; überhaupt hockt me bequem i däm neue Sofa, brummt er aagnehm, dä neu Chüelschrank, und da ganz Gmües ufem Tischli vorem Schpiegel gseht au frisch pflückt us. Doh cha d Marthe nu so chli umetrömmele mit de Finger wie de Gwaag denn so chli mit de Sticks, tänk i und tänk dra, wien i tänkt ha: Guet, trömmelet er da nomol dure.
«Wa?», frogt de Gwaag, und ich säg: «Dä Rhythmuswächsel.» – «So», seit de Gwaag und ich: «Wa mr no gänderet händ halt.» – «Da isch nid würkli en Rhythmuswächsel, da isch eifach de Akzänt e biz andersch gleit», seit de Fink und ich: «Hauptsach, es chunnt denn.» – «Chunnt denn so oder so», seit de Gwaag und ich: «Jo, da sowiso.» – «Chunnt denn scho.» – «Klar chunnts denn scho, wie immer alles denn scho chunnt bi dir chunnt immer alles irgendwie», säg i und leg d Gitarre uf d Siite. «Färtig gschtumme?», frogt de Gwaag, und ich säg: «Für s erschte.» – «Scho klar. Und du?», frogt de Gwaag de Fink, wo uf sim Bass no so chli vor sich aneklimperet. «Wa?», frogt de Fink, und de Gwaag frogt: «Am ufwärme?» – «Nid würkli», seit de Fink und de Gwaag: «Natürli.» – «Hät nid schlächt tönt», säg ich und de Gwaag: «Sind jo schliesslich au kän Schportverein.» – «Ämel so wiit wie mes ghört hät.» – «Kä verdammti Junioreabteilig vo wa weiss ich wa für ere Kampfmannschaft.» – «Chönt me villicht öppis drus mache.» – «Wa für e Kampfmannschaft?», frogt de Fink und leit sin Bass wäg. «Nochwuchsband, wenn i da nu scho ghör», seit de Gwaag, und de Fink schtoht uf. «Wa machsch?», frog i, und de Fink macht en Schritt Richtig Türe.

III. Fink
Ich schtoh doh ide Garderobe und schtreck mi dure, no massig Ziit und langsam e chli äng doh inne, sowiso chönt me mol go luege, wär scho doh und öb überhaupt scho öpper; en erschts Mol go seiche sött i au, also use us däm Kabuff doh und über d Bühni dur de Zuschauerruum, wo no nid würkli de Huufe los isch und au no niemert umeschtoht, wo sichs lohne würd, schtoh z bliibe defür, wiiter Richtig Schtäge, und won i die denn grad durue wott, chömed grad zwei die durab, di eint vo ine känn i, märk i, und si, won i nu so vom Gseh känne, chunnt diräkt uf mich zue.
«Und, scho chli ufgregt?», frogt si. «Wa?», frog ich, und si seit: «Du ghörsch doch zu däne, wo etz denn doh.» – «Scho», säg ich und si: «Äbe.» – «Wa?» – «Scho chli ufgregt?» – «Und sälber?» – «Kän Grund dezue, oder?» – «Wa weiss ich.» – «Da würd i gärn wüsse.» – «Wa?» – «Äbe.» – «Chumm, isch guet etz», seit d Nati, und si, won i nu so vom Gseh känne – oder söll i säge: vom Luege – seit: «Guet.» – «Hoi», seit d Nati, und ich säg: «Hoi.» Und d Nati: «Dasch d Charlotte.» Uf da abe d Charlotte: «Hoi.» Denn isch en Momänt lang schtill. «Schö, chömed er cho lose», säg i und d Charlotte: «Öbs schö würd, ghöred mr denn.» – «Sind scho gschpanne», seit d Nati, denn isch en Momänt lang schtill. «Also bis schpöter», säg ich, und d Nati seit: «Jo bis nochane.» – «Bis denn», seit d Charlotte, und ich gang wiiter. Worum dan i nid no gschnäll gfroget ha, öb di andere au no chömed, weiss i allerdings au nid. «So isch er halt», seit d Nati und d Charlotte: «Denn wäred mr etz doh.» – «Oder tuet er zmindscht.»

IV. Charlotte
Wäred mr etz also gliich doh, au wenn mr üs bis zletscht nid würkli einig gsi sind, öb mr söled oder nid und defür is Kino, oder diräkt uf die Fete, aber etz simmr doh, zmindscht d Nati und ich schtönd doh etz vor de Bühni, bis da d Nati denn mol a d Bar goht, und wo da d Corinna und d Nico sind, wär weiss, si chöm e chli schpöter, hät d Corinna gmeint, guet, lueged mr mol, aber lieber wärs mr, ich gsähcht denn d Nico, au wenn die vo Aafang aa degege gsi isch, wan i jo au irgendwie verschtoh cha, aber irgendwie verschtohn is gliich nid. Klar ischs iren Brüeder, wo hüt z Obed doh, nu ischs jo nid nu er, und so wie d Corinna und d Nati verzellt händ, ischs eh vor allem er am Schlagzüüg, wo me nie wüssi, wa alles chös cho vo im; hät zwor vorane uf de Schtäge gar nid so de Iidruck gmacht, villicht eifach nomol froge, wär genau wa schpilt, wenn d Nati denn zrugg isch mitem Bier.
«So, doh wär i wider.»
De Kusi schtreckt mr da Bier ane, wie mr da denn d Nati anegschtreckt hät, fallt mr uf.
«Voilà.»
Und das d Nati und ich denn aber vo öppis anderem gha händ, fallt mr ii.
«Proscht.»
Wien i au etz bi öppis anderem bi weder de Kusi, wo wider aafangt und nomol erklärt, worum da Rock and Roll never dead will:
«Rock and Roll will never dead will…»

Illustration © Andri Beyeler

Andri Beyeler, geboren 1976 in Schaffhausen, lebt in Bern. Mitglied der freien Tanz-Theater-Gruppe Kumpane. Mehrere Theaterstücke, Bearbeitungen und Übertragungen. 2017 wurde er von der Stadt Bern mit dem Welti-Preis für das Drama ausgezeichnet. 2018 erschien bei Der gesunde Menschenversand «Mondscheiner«, eine Ballade.

Beitragsbild © Beat Schweizer

Peter Handke «Mein Tag im anderen Land», Bibliothek Suhrkamp

Nachdem Peter Handke 2019 für seine Literatur wohlverdient den Nobelpreis erhalten hatte, es aber nicht vermeiden konnte, dass sich der Fokus der Öffentlichkeit auf all die Nebenschauplätze richtete, war ich wie immer gespannt, was Neues vom dem Dichter mit königlichen Ehren zu erwarten war.

Peter Handke wäre nicht Peter Handke, hätte er mit seinem neuen Buch in der Bibliothek Suhrkamp nicht überrascht. Wer auf den vergrämten Missverstandenen spekulierte oder den in sich Gekehrten, Trotzigen erwartete, wurde ebenso überrascht wie ich, der ich auf einen «Handke wie immer und nie» hoffte und mit seinem neuen Buch „Mein Tag im anderen Land“ so völlig überrascht und verblüfft wurde. Klar, auch ich lese jeden geschliffenen Satz aus dem Kosmos Handke in der Erwartung, Spuren, Hinweise und Rückschlüsse ziehen zu können, was der Text hinter den Sätzen verborgen mitteilt. Und „Mein Tag im anderen Land“ bietet dafür Breitseite genug. Die „Dämonengeschichte“, wie Peter Handke sein Buch untertitelt, ist alles; ein grosses Rätsel, ein verschlüsseltes Gleichnis, ein heller Traum, ein Tag in einer Zwischenwelt.

Peter Handke «Mein Tag im anderen Land», Bibliothek Suhrkamp, 2021, 93 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-518-22524-0

Ein Mann wandelt durch einen Tag. Manchmal in einer realen Welt, manchmal im Dazwischen, zwischen Traum, Wahn, Fata Morgana und Realität. Von sich selbst und seiner Schwester begleitet, manchmal ganz nah, manchmal weit abdriftend. Er geht durch einen Ort, einen Ort, ebenso unbekannt wie vertraut. Geht wie von Sinnen und doch mit ganz scharfem Gespür für das, was sich neben der Realität offenbart. Er redet mit lauten Zungen, schwadroniert, schreit und gebärdet sich wie ein Entfesselter, verbreitet Schrecken und Verunsicherung, um dann mit einem Mal wieder der ganz Sanftmütige und Ruhige zu werden. Vielleicht erkennt man dort den Autor selbst, wenn man sich erinnert an seine selbstvergessenen literarischen Erkundungen, seine ruhigen Worte in der lichtdurchfluteten Schreibstube seines Hauses, in den Betrachtungen in seinem verwachsenen Garten. Aber ebenso in der verbalen Entgleisung, wenn man Handke zu reduzieren versucht, wenn man ihm auf die Pelle rückt.

Das Buch ist eine Aufzeichnung. Der Mann schreibt, was ihn durch den Tag begleitet hat. Das Buch beginnt: „In meinem Leben gibt es eine Geschichte, die ich noch keinem Menschen erzählt habe.“ Es ist ein Gang in eine Welt gleich daneben. Als wäre der Mann auch einen langen Wachtraum gegangen. Er spricht mit Menschen, Tieren und Dingen. Manchmal laut, manchmal leise. Manchmal in einer Sprache, die niemand zu verstehen weiss, die sich allen Deutungen entzieht. Einen Tagtraum, aus dem er nicht zu entfliehen weiss, an dem er leidet, von dem er gerne erlöst werden würde; „Dass mich doch endlich einmal der Blitz träfe. Dass einer ein Messer zöge und es mir in das Herz stiesse.“ Bis er um die Stunden der Mitternacht sogar seine Zukünftige trifft, die ihn mit „He, Seltsamer!“ anspricht.

So seltsam die Erzählung, so seltsam die Sprache. Peter Handke bedient sich einer Sprache, die wie die Geschichte selbst leicht daneben klingt, ebenso wie die Geschichte entrückt, nicht der Welt hier und der Zeit jetzt entsprechend. Eine Sprache, die beinah singt, die Haken schlägt und Kringel zeichnet, die anders ist als das, was der Realität entspricht, die mich wegzieht, meinen Blick verbaut.

Ich las „Mein Tag im andern Land“ auf seltsame Weise berührt, verzückt und verunsichert. Ein Handke eben doch!

Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschliessenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman «Die Hornissen». Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks «Publikumsbeschimpfung».
Seitdem hat er mehr als dreissig Erzählungen und Prosawerke verfasst. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, 2019 mit dem Literaturnobelpreis.

Philipp Frei, geboren 1965 in St.Gallen, Malerei und Zeichnung,  lebt und arbeitet in Zürich und Küsnacht, Atelier in Zürich.

Beitragsbilder © Philipp Frei