Was passiert, wenn sich Wissenschaftler:innen als Hüter eines oder des Grals verstehen? Was passiert mit ihnen, wenn sie feststellen müssen, dass ihre Gegenwart den Schatz, von dem sie wissen, nicht zu schützen weiss? Ein Buch wird zum letzten Tor einer untergehenden Welt. Michael Hugentobler nimmt mich mit und gewährt mir einen Blick auf das sich schliessende Tor.
Michael Hugentobler war 13 Jahre auf einer Weltreise unterwegs, auch in Südamerika, in Patagonien, in Feuerland, jenem Gebiet am südlichsten Zipfel des Kontinents, das man bei seiner Entdeckung für unbesiedelt hielt, das aber von nomadisch lebenden Indianern bewohnt wurde, unter andern auch von den Yámana. Aber von diesen Völkern ist fast nichts geblieben. Kolonialisierung, eingeschleppte Krankheiten, Goldrausch und Christianisierungsversuche setzten den Völkern derart zu, dass von den ehemaligen Wassernomaden fast nichts mehr geblieben ist.
Auf Michael Hugentoblers Reise durch dieses Land erfuhr er von der Geschichte eines argentinisch-britischen Missionars und seiner Leidenschaft für die Sprache der Yámana. Thomas Bridges wurde Zeit seines Lebens ein akribischer Erforscher der Sprache jener Ureinwohner und verfasste über Jahrzehnte ein Wörterbuch, das nicht einfach übersetzte, sondern die Wörter der Yámana in den Zusammenhang ihres Daseins schrieb. So wurde aus der Wörtersammlung das eigentliche Vermächtnis eines Volkes, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verschwinden drohte. Thomas Bridges war aber nicht einfach ein fanatischer Sammler. Dieser Missionar wurde zum letzten Kämpfer dieses Volkes, wenn auch immer unter kolonialistischen Vorzeichen. Er gewann vom damaligen argentinischen Staatspräsidenten gar Landrechte, die er für die überlebenden Yámana-Indianer sichern wollte. Sein Wörterbuch, in dem er auf über 1000 Seiten mehr als 32000 Yámana-Wörter sammelte, trug er zeitlebens mit sich herum. Wie einen Schatz.
Michael Hugentobler «Feuerland», dtv, 2021, 224 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-423-28269-7
Schon gezeichnet von einer Krankheit starb Thomas Bridges auf einer seiner Reisen. Sein Wörterbuch gelangte in die Hände eines „erfolglosen Polarforschers“, der mit dem Buch seine Chance witterte, in den Olymp der Unsterblichen aufgenommen zu werden. Aber das Buch schien im Besitz dieses Mannes kein Glück zu bringen, bis es 1912 in London in die Hände des deutschen Völkerkundlers Ferdinand Hestermann fiel, dem sofort klar war, welchen Schatz er durch einen puren Zufall zu fassen bekam.
Ferdinand Hestermann spürte genau, dass in den Wirren des Krieges und zwei Jahrzehnte später in den Schatten des sich anbahnenden Tausendjährigen Reichs all jene Schriften und Bücher in Gefahr sind, die nicht dem wachsenden völkischen Bewusstsein des Nazis entsprachen. So wie damals Thomas Bridges machte sich Ferdinand Hestermann auf in einen Kampf. Diesmal ganz und gar nicht für ein Volk, schon gar nicht für das deutsche, sondern für die Wissenschaft, das Wissen, die Schätze, die sich über die Jahrhunderte in Bibliotheken ansammelten, die sich die Nationalsozialisten aber einverleiben wollten, um sie, wenn nötig, zu vernichten, so wie alles, dass ihnen nicht dienlich oder entartet erschien.
Michael Hugentobler erzählt die Geschichte nicht einfach chronologisch. Es stellt auch nicht den Anspruch, Historie nachzuerzählen, auch wenn ich als Leser bei meinen Verifikationen auf überraschend viele Fakten stosse. Es sind die beiden Männer, Thomas Bridges und Ferdinand Hestermann, die nicht nur aus heeren Gefühlen und purer Nächstenliebe zu Hütern eines Schatzes werden. Michael Hugentobler verwebt die beiden Männer und ihre Besessenheit miteinander. Er führt vor Augen, wie gross die Gefahr wird, wenn Wissen instrumentalisiert werden soll, sei es zum eigenen Nutzen oder im Dienst einer Ideologie. Was den Roman von Michael Hugentobler aber zu einem wirklichen Lesevergnügen macht, ist sein Detailreichtum, seine Buntheit, die kräftigen Farben, mit denen der Schriftsteller malt. Ich staune darüber, was der Autor alles mit in seinen Roman einpackt. Als hätte er sich nicht bloss unmittelbar an der Seite seiner beiden Protagonisten bewegt, als hätte er den Geist jenes Buches in jenen Augenblicken, als er es bei einem Besuch in der British Library in Händen hielt, in sich aufgesogen.
tūwunaiella — eine Wutrede beenden; zu bellen aufhören, linganāna — sich auf eine Wiese benehmen, dass sich die andere Person verpflichtet fühlt, ein Geschenk zu überreichen, māmihlāpinatapai — einander tief in die Augen schauen, wobei beide hoffen, der andere würde einen Vorschlag unterbreiten, der allgemein erwünscht ist, aber bislang noch nicht ausgesprochen wurde…
Michael Hugentobler offenbart das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.
Mein Fazit: Der Roman hätte den Preis verdient. Der Autor hätte den Preis verdient!
Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. Sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» erschien 2018.
«Exil ist ein doppelter Grund, nirgendwo einheimisch zu werden», eine Aussage des 75jährigen Dichters Jochen Kelter, die auf viel mehr verweist, als auf das Geographische. Aber wenn Jochen Kelter irgendwo zuhause ist, dann in der Sprache, in der Dichtung, seiner Lyrik.
Schreibe dem Wesen der Dinge
Zeile für Zeile den Ton deiner
Seele ein deiner Zeit und das
Grauen der Macht die allein
sichtbar werden im Licht einer
denkenden Pupille auf dem Papier
(aus «Fremd bin ich eingezogen», Caracol Lyrik, 2020)
Moderator Urs Faes verstand es auf eindrückliche und einfühlsame Weise, das Publikum an die neuen Gedichte Jochen Kelters heranzuführen. Jochen Kelter, der ein Leben schreibt, sein Leben schreibt, auf die Welt und die Zeit mit Dichtung und Sprache reagiert, wohl aus den Momenten heraus, aber immer durch den Filter einer intensiven Auseinandersetzung.
«Wörter sind Zeitritzen.»
Jochen Kelter ist ein Heimatloser, der aber klar und deutlich zu Heimat, Zeitgeschehen, bis hinein in die Politik, Stellung bezieht, sei es in seinen Romanen, Erzählungen, seinen Essays und mit Sicherheit in seiner Lyrik. In diesem und im letzten Jahr gar mit zwei Gedichtbänden, beide im neu gegründeten Caracol Verlag erschienen und arg bedrängt durch die Umstände der Zeit. Umso wichtiger für den Dichter, dem zu seinem 75. Geburtstag das schreibende und mitfühlende Gegenüber seines Dichterfreundes Urs Faes zu einem Geschenk wurde.
Try and catch the wind
Versuch ihn zu fangen den Wind
versuche die Zeit anzuhalten
die Gelegenheit kommt so bald nicht
wieder beim Marsch auf Washington I had a dream war nie die Chance
so gross die Welt zu verändern einen
Sitz im Bus neben einem Weissen
zu erklimmen die Blechhütten
zu verlassen the times they are a-changing geht nicht in den Krieg
nach Vietnam für die Kriegsherren
die jedes Mass verlieren auf
euren Knochen sondern help us raise raise the prisons to the ground
nie sei sie glücklicher sagt Joan Baez
als wenn ihr Einsatz für Menschsein
und die singende Stimme eins würden
Zivilcourage Kunst zu Zivilcourage
wird gesegneter war Amerika nie
seiner hellen schwarzen Seele näher
die Fotografien beinahe vergilbt
(aus «Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek», Caracol Lyrik, 2021)
Das Wunder der Literatur spiegelt sich in der Lyrik des Altmeisters, der in seinen Anfängen auch schon «unter Polizeischutz» aus seinen Büchern vorlas, weil er in seinem Schreiben, selbst in seiner Lyrik, kein Blatt vor den Mund nimmt. Jochen Kelter macht kleine Momente zu grossen Worten, zarte Melodien zu ernsten Themen, gibt pointierten Sätzen leise Sohlen. Es sind Blicke in tiefe Vergangenheit, manchmal warm, manchmal beissend. Blicke auf die Gegenwart ohne Sentimentalität, aber mit der Kraft eines Mannes, der durch den kleinen Augenblick in die Tiefen blicken kann. Flüchtiges wird zu Wichtigem, manchmal sogar durch Bilder und Figuren wie die Engel, die auf den ersten Blick so gar nicht zum Dichter zu passen scheinen.
Jochen Kelter und Urs Faes
«Nur was versehrt ist, spricht wahr.»
Jochen Kelter ist 1946 in Köln geboren. Studium der Germanistik und Romanistik in Köln, Aix-en-Provence und Konstanz. Lebt seit 50 Jahren auf der Schweizer Seite des Bodensees in Ermatingen (von 1993 bis 2014 zudem in Paris). Lyriker, Erzähler, Essayist. 1988 bis 2001 war er Präsident des European Writers’ Congress, der Föderation der europäischen Schriftstellerverbände, und von 2002 bis 2010 Präsident der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris. Jochen Kelter hat Lyrik aus dem Italienischen, Französischen und Englischen ins Deutsche übersetzt. Er ist Mitglied des AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz) und des PEN-Zentrums Deutschland.
Gasttext von Alice Grünfelder, Schriftstellerin, Herausgeberin, Übersetzerin und Literaturvermittlerinvon Alice Grünfelder
Da fährt eine im Hochsommer in den Wald, der ihr aus der Kindheit vertraut ist, so heisst es. In dem sie vielleicht an der Hand ihrer Mutter, ihrer Grossmutter, wem auch immer, Beeren gesammelt hat? Wie hat man sich diese Kindheit vorzustellen, die wie «ein Kästchen ist, das explodiert, würde man es öffnen», so Friederike Kretzen, eine der beiden Herausgeberinnen des Bandes „Fern von hier“ von Adelheit Duvanel? Die Schriftstellerin fährt also in den Wald, sitzt, liegt unter einem dichten Dach aus Nadeln, Blättern – Fichten? Birken? –, vielleicht auch auf einer Lichtung, nimmt Medikamente, spürt deshalb nicht, wie es ihr mitten in diesem Julisommer kalt und kälter wird, wie das Leben aus ihr entweicht, «stirbt an Unterkühlung»: letzter Eintrag unter dem Stichwort Lebensdaten im Anhang des Erzählbands «Fern von hier» .
So unfassbar und auch unvorstellbar dieser Suizid ist, wird man dem Werk Adelheid Duvanels nicht gerecht, wenn es vom Ende her gedeutet wird, würde es damit gar pathologisieren. Manche finden ihre Texte zu schwer, andere zu dunkel, übersehen dabei womöglich das Flatterhafte der Figuren, die knapp über dem sogenannten festen Boden unter den Füssen schweben. Sich nicht verorten und auch nicht «bodigen» lassen wollen. Irritierende Figuren, die irisieren, auch wenn Duvanel ihnen konkrete Namen gibt: Allerweltsnamen wie Anton, Johannes, Manfred, Katja, Regine. Sie schickt sie zu Psychiatern und wirft die Träume vor deren Füsse, weil diese ja auch von irgendetwas leben müssen.
Darin zeigt sich Duvanels Lust an widerständigem Schreiben, an leiser Provokation, an Verdichtung des schier Unausdenkbarem auf kleinstmöglichem Raum, die Lust auch, alles, was zwischen Licht und Schatten in solch einer Existenz möglich ist, aufzuspüren. Und es zeigt sich vor allem in den Anfängen ihrer Texte, die – aneinandergereiht – eine ganz eigene Geschichte erzählen könnten:
Fern liegt wie ein milchblauer Leib die Landschaft hinter einem rostroten Gitter, wie es kahle Bäume bilden. Ich heiße Mirjam, bin dreizehn Jahre alte und lebe im Erziehungsheim „Zuversicht“. Der Wind reißt mit Krallen an den Telefondrähten; zu der Melodie könnte man singen. Hubert Vollundganz ist der kleine Mann mit dem schwarzen Hut, der dort um die Ecke biegt. Die stille Frau trägt immer einen Sack aus rotem Stoff über ihrer Schulter. Der Himmel fällt in Fetzen herunter. Kurt küsste vor einigen Wochen seine Halbschwester zum ersten Mal auf beide Wangen. Jakob nennt die Suppe, die er sich täglich kocht, «Eigenbrötlersuppe». Der Wind packt die Bäume im Genick und schüttelt sie.
Gleichwohl verweigern die Erzählungen leichtfertige Deutungen, nach solchen Anfängen ist noch immer alles möglich, bis sich die Wirklichkeitsebenen verschieben, zuerst sachte, gegen Ende oft so, dass sich die Figuren, aber auch Leserinnen und Leser nicht mehr wirklich zurecht finden. Dabei nimmt sie mit jeder neuen Geschichte neuen Anlauf, richtet sich und ihre Figuren nicht etwa ein in der Melancholie, der Ausweglosigkeit, geht indes auch kein Bündnis ein mit niemandem, warum auch. Sie wirft irre Lichter auf diese Ordnung, widerspenstig und leise streifen ihre Figuren das Netz mit hilflosen Gesten ab, wollen sich nicht darin verheddern, einfangen, einsperren lassen. Überdeutlich zeichnen sich diese Zusammenhänge ab, doch heftig ist der Überlebenswille, das tönt und klirrt in den Geschichten, und oft leuchten sie rot auf, zündrot zum Beispiel.
Den Figuren kommt man indes nicht wirklich nah, da ist auch immer eine Distanz, aus der heraus eine leise Verwunderung leuchtet. Der Blick nach aussen erfolgt oftmals durch eine Brille, ein Fenster. Dann aber – wenn man den Figuren durch Strassen folgt, wenn ihre Blicke durch Fenster in Gemütlichkeiten fallen: das Gefühl des Ausgesperrtseins.
Hilfe wiederum (Adelheid Duvanel kennt sich mit Psychiatrien aus, sie selbst war oft genug in Behandlung und in psychiatrischen Kliniken) bringt keinerlei Klärung. Duvanel reisst den vermeintlich gutmeinenden Helfern die Fratzen ab wie Masken, sieht in ihnen Stellvertreter einer Ordnung, gegen die nicht nur ihre Figuren angehen, sondern sie als Autorin anschreibt. Entlang dieser Ordnung als autoritärem Prinzip entwickelt Adelheid Duvanel ihre Gegenerzählung.
Adelheid Duvanel, von der nun 251 Geschichten vorliegen – manche nur eine Seite lang, andere drei -, sei ein Geheimtipp, habe zu Lebzeiten nicht die Achtung erfahren, die ihr zugestanden hätte, wird in Feuilletons einhellig beklagt. Doch ihre Geschichten sind seit 1980 regelmässig in Zeitungen erschienen, Klaus Siblewski hat dafür gesorgt, dass sie gleich mehrere Bände beim Luchterhand-Verlag unterbringen konnte, es gab Auswahlbände. Wen ich auch frage, alle (zumindest in der Schweiz) kennen ihren Namen. Ignoriert und unbekannt sieht anders aus.
Es bleibt also abzuwarten, wie Samuel Moser es in einem Gespräch auf den Solothurner Literaturtagen sagte, ob sich nächstes Jahr noch jemand an diesen «Geheimtipp» erinnert, wie die Rezeption von Adelheit Duvanels weitergeht, ob es nur ein kurzes Strohfeuer ist. Oder, so Friederike Kretzen im Gespräch mit Stefan Howald: «Die Zeiten sind härter geworden, jetzt kann man auch Duvanel wieder lesen.»
Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben von Elsbeth Dangel-Pelloquin unter Mitwirkung von Friederike Kretzen. Limmat Verlag, 2021
Adelheid Duvanel, geboren 1936 in Pratteln und aufgewachsen in Liestal, machte eine Lehre als Textilzeichnerin. Sie arbeitete auf verschiedenen Bürostellen sowie als Journalistin und Schriftstellerin. Von 1962–1981 war sie mit dem Kunstmaler Joseph Duvanel verheiratet, mit dem sie eine Tochter hatte. Bis auf ein Jahr auf Formentera lebte sie in Basel, wo sie 1996 starb. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann sie unter dem Pseudonym Judith Januar in den Basler Nachrichten, in Anthologien und literarischen Zeitschriften. Ab 1980 erschienen ihre Erzählbände im Luchterhand Verlag. Duvanel wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Kranichsteiner Literaturpreis
«Unabweisbar bleibt die Frage, warum die deutschsprachige Literaturkritik nicht zu Lebzeiten Adelheid Dvanels die Einzigartigkeit dieser Schweizer Erzählerin bemerkt hat.» Peter Hamm
Alice Grünfelder ist geboren im Schwarzwald, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu (China), war 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Vermittelte und übersetzte Literaturen aus Asien. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Februar bis Juli 2020 war sie für ein Sabbatical in Taibei (Taiwan). Sie ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen, zuletzt Vietnam fürs Handgepäck (2012) und Flügelschlag des Schmetterlings (2009). Sie veröffentlichte eigene Gedichte, Essays und Erzählungen. Ihr Roman Wüstengängerin erschien 2018, der Essay Wird unser MUT langen 2019. Nominiert für den Irseer-Pegasus-Literaturpreis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019.
Wer geht schon ohne Grund auf einen Polizeiposten. Auch der Mann in Thomas Duartes Roman „Was der Fall ist“ nicht, auch wenn er niemanden und auch nicht sich selbst anzeigen will. Aber manchmal werden Polizeiposten auch zu Beichtstühlen – in Ermangelung einer Alternative. Thomas Duartes Roman ist ein kafkaesker Stich in die Tiefen menschlichen Seins.
Eigentlich ist es seine Stadt, sein Sommer, seine Nacht. Aber das was er tut, ist mitten in der Nacht nicht einfach ein Spaziergang, um Klarheit und etwas Abstand in sein Leben zu bringen. Es regnet, er ist nass bis auf die Haut. Scheinbar rein zufällig kommt er an einem Polizeiposten vorbei, von dem er gar nicht wusste, dass es ihn in seiner Stadt gibt. Und weil er klitschnass ist, durstig und ein Gegenüber braucht, geht er durch die beiden Glastüren zum einzigen Polizisten an einem fast leeren Schreibtisch, der Nachtwache im Posten hält.
Beide brauchen sie ein Gegenüber, der nasse Mann, um Ordnung in ein Leben zu bringen, das aus den Fugen geraten ist und der Polizist, weil ihm eine Aufgabe in einer sonst ereignislosen Nacht gegeben ist. Der nasse Mann ist vertrieben worden. Vertrieben von seinem eigentlichen Zuhause, seiner Aufgabe, seiner Arbeit, von seiner Chefin, von Franz und Mira, der Frau, die längst viel mehr ist als nur die Putzfrau, die einmal wöchentlich bei ihm im Büro sauber macht. Denn er arbeitet nicht nur in seinem Büro. Er lebt dort. Tagsüber an seinem Schreibtisch, seiner Aufgabe, nachts in dem kleinen, fensterlosen Kabuff hinter seinem Schreibtisch, in dem eine schmale Pritsche steht. Er ist Buchhalter und „Exekutivperson“ in einer Stiftung, die finanzielle Unterstützung an Gesuchsteller auf der ganzen Welt gewährt, die in Notlage geraten sind, an Leute, die auf der Flucht sind, gezwungen werden, für einen Hungerlohn Drecksarbeit zu verrichten, für Menschen, die sich für ihr Recht zur Wehr setzen wollen. Er nimmt Gesuche entgegen, bearbeitet sie, nimmt Kontakt mit Gewährsleuten auf und legt die Gesuche seiner Chefin und Franz, dem Inhaber der Stiftung, vor. Franz residiert einige Etagen weiter oben in seinem vermüllten und zugestellten Büro. Auch er lebt mehr als er dort arbeitet und schreibt an seinem „Buch über den Zustand der Welt“. Franz ist der Mann mit dem nötigen Kapital, Geld, das nicht nach den Regeln von Rendite und Investition eingesetzt werden soll.
Thomas Duarte «Was der Fall ist», Lenos, 2021, 301 Seiten, CHF 32.00, ISBN 978-3-03925-016-5
Aber nach der ordentlichen Jahresversammlung des Stiftungsrates hat man dem Buchhalter das Vertrauen entzogen, ihn seines Postens, seines Lebens entzogen, aus seiner ganz engen Welt katapultiert, die er immer mehr nach seiner Fasson zurechtgeschrieben hatte, denn so gefärbt die Wahrnehmung eines jeden Gesuchsstellers (inkl.*) ist, so sehr gab er den Gesuchen bei seiner Endformulierung eine Färbung. Und weil Mira, die Putzfrau, immer mehr zu einer Gefährtin wurde, die im Kabuff hinter dem Büro die schmale Bettstatt mit ihm und gegenseitiger Leidenschaft teilte, weil später noch ein weiterer Ayslsuchender dazukam, weil Bilanzen ganz offensichtlich nicht mehr zum Stimmen gebracht werden konnten, endete die sonst zur Routine gewordene Jahresversammlung im Desaster, auch deshalb, weil selbst Reihen von säuberlich aufgereihten Ordnern das Chaos nicht mehr verbergen konnten.
Zwei Männer eine ganze Nacht lang auf einem Polizeiposten. Der eine erzählt, der andere tippt mehr oder weniger sein Protokoll in den Rechner auf dem sonst blanken Tisch. Der Roman switcht vom Erzählen auf dem Polizeiposten und dem Gespräch zwischen dem Buchhalter und Franz, seinem Chef. Sie färben beide ihre Wahrheit, der eine in seinen Berichten, seinen bearbeiteten Gesuchen, der andere in seinem Lebensprojekt, seinem „Buch über den Zustand der Welt“.
Wer bei seinem Lesestoff den Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit“ braucht, ist mit diesem Buch schlecht bedient. „Was der Fall ist“ ist auch weder Krimi noch Enthüllungsgeschichte. Thomas Duarte taucht in eine skurrile Welt, die sich wie die Stiftung selbst nicht an geltende Regeln hält. Das ist äusserst erfrischend, aber auch gleichermassen verunsichernd. Aber weil Thomas Duarte sein Erzählen so selbstverständlich und gekonnt präsentiert, weil sich der Humor des Erzählers nicht an Pointen orientiert, sondern in allem Duartes spezieller Sound unterlegt ist, weil „Was der Fall ist“ nicht zuletzt eine gesellschaftliche Kritik an der Unsinnigkeit geltender Regeln ist, wird dieser Roman zu einem echten Leseabenteuer!
Fazit: Man muss schon eine gehörige Portion Mut besitzen, um sich von den gewohnten Lesepfaden entfernen zu wollen, will man die Qualitäten dieses Debüts erkennen. Aber weil ihn der Charta des Preises steht: um …“herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen…“, gebe ich der Perle wenig Chancen, weil die breite „Öffentlichkeit“ solche Bücher gar nicht will.
«… Unaufgeregt und mit feiner Ironie entlarvt Thomas Duartes Text Gemeinplätze und bringt vorgefasste Sichtweisen ins Wanken. Dabei reflektiert er nicht nur das Erzählen und Rezipieren von Geschichten, er porträtiert auch mit frohgemuter Verzweiflung die Absurdität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft…» (Zitat aus der Jurybedründung zum Studer/Ganz-Preis 2020)
Thomas Duarte, geboren 1967, aufgewachsen bei Basel. Er studierte Geschichte und Philosophie und arbeitete nach Aufgabe des Studiums zuerst als Tramchauffeur, dann als kaufmännischer Angestellter und Sachbearbeiter. Später Studium der Kulturwissenschaften und der Literaturwissenschaft. «Was der Fall ist» wurde 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet. Thomas Duarte lebt in Bern.
Annette König studierte an der Universität Zürich Germanistik, Politologie und Neue Geschichte. 2013 doktorierte sie an der Uni Basel in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Seit 2013 arbeitet sie als Literatur-Redaktorin bei SRF.
Du bist eine unermüdliche Kämpferin für das gute Buch, arbeitest bei SRF als Literaturkritikerin und führst unter diebuchkoenigbloggt.ch eine Webseite, auf der du pointiert deine Meinung zur aktuellen Literatur formulierst. Nehmen Bücher so viel Platz in deinem Leben ein, dass anderes als Nebensache droht? Ich versuche so zu leben, dass nichts zur Nebensache wird, was mir wichtig ist.
Man sieht dich immer wieder an Literaturfestivals, sehr oft sogar mit deiner Familie. Was bedeuten dir solche Veranstaltungen, zumal solche ja wie viele andere Veranstaltungen und die ganze Kulturszene arg zu leiden hatten? Es sind für mich Orte der Begegnungen und der Inspiration. Auch liebe ich es, wenn an einer Lesung eine Energie freigesetzt wird, die sich auf das Publikum überträgt und dieses verbindet. Unvergesslich ist mir die ergreifende Lesung von Adonis am Internationalen Literaturfestival in Leukerbad. Da haben die Leute geweint.
Nun sitzt du schon zum zweiten Mal in Jury des Schweizer Buchpreises. Ein fünfköpfiges Gremium soll aus fast 100 eingesandten Büchern das beste aussuchen. Was bedeutet das für dich? 100 Bücher lesen? Für mich bedeutet das viel Arbeit, aber auch grosse Freude, Texte entdecken zu dürfen und in der Interaktion mit den Jurymitgliedern meine literaturkritischen Methoden zu reflektieren und zu schärfen. Das ist wertvoll und bereichernd.
Die Jury setzt sich aus ganz verschiedenen Akteur:innen innerhalb der Buch- und Literaturszene zusammen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Diskussionen über das Gewicht eines Buches sehr kontrovers und heftig werden können. Kann man dann einfach so die Segel einholen, wenn man bei einem „Lieblingsbuch“ bei der Mehrheit der Jury auf taube Ohren stösst? Ich bin eine Kämpferin, die bis zur letzten Minute der Jurysitzung für meine Favoriten einsteht. Und ja, manchmal muss man sich danach die Wunden lecken, wenn man auf taube Ohren gestossen ist. Aber Lieblingsbücher sind eine Herzensangelegenheit und Herzensangelegenheiten sind als solche nicht demokratisch. Und der Entscheid der Jury ist ein demokratischer. Das sind die Spielregeln.
Ist es nicht schwierig, bei Autor:innen, die ein grosses Werk schuffen und schon lange in der Literaturszene grosse Bedeutung haben, nur das aktuelle Buch zu sehen? Nein. Jedes Buch nehme ich als eigenständigen Kosmos war. Ich tauche ein und entwickle eine Haltung dazu.
Gab es 2020 nach der Bekanntgabe der Shortlist, jener fünf Bücher, die in die Endausscheidung aufgenommen wurden, Reaktion an dich direkt? Reaktionen, bei denen du dich rechtfertigen musstest? Ja, es gab Reaktionen im Sinne von: mutiger Entscheid, guter Entscheid.
Gemessen am Medieninteresse ist das Preisgeld des Schweizer Buchpreises mit Sicherheit nicht üppig, wenn man weiss, dass nur ganz wenige Schreibende vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Was glaubst du, warum es für grosse Firmen schlicht zu wenig attraktiv ist, für Literatur ihr Banner aufzuspannen? Ist das so? Vielleicht liegen die Gründe im System. Die Schweizer Kulturförderung ist in meiner Wahrnehmung relativ breit aufgestellt. Man denke an die vielen Förderausschüsse, Kulturstiftungen, Preisgeber und Sponsoringpartner. Mäzenatentum ist zwar wichtig, aber steht nicht im Vordergrund. Klar könnten sich da grosse Firmen vermehrt engagieren. Aber solche Literaturförderung ist auch stark von wirtschaftlichen Faktoren abhängig. Und da habe ich gewisse Vorbehalte. Denn Kunst sollte in erster Linie frei sein.
Bücher suchen nach Leser:innen. Manchen Büchern scheinen die Leser:innen einfach so zuzufallen. Da genügt schon der Name auf dem Buchcover. Gibt es ein aktuelles Buch, dem du gerne eine leidenschaftliche Stimme geben würdest, weil es nicht die ihm zustehende Aufmerksamkeit bekommt? Es gibt Bücher, die bekommen Aufmerksamkeit, aber gehen ohne Literaturpreis aus. Zum Beispiel gibt es da einen Roman, der den Coming-of-Age-Kultfilm der 80er Jahre decodiert und in hervorragende Unterhaltungsliteratur verwandelt. Ich fühle mich an die Schwelle des Erwachsenwerdens versetzt und erlebe nochmals die Schwere und das Schwebende dieser Zeit. Den Weltschmerz, die Einsamkeit, die Ausgelassenheit und dieses Gefühl die Welt rocken zu können. Ich meine damit «Hard Land» von Benedict Wells und immer wenn ich davon spreche höre ich Don’t you forget about me von Simple Minds in meinem Kopf. Und dann gibt es auch Bücher, die viel mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten, auch wenn der/die Autorin mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Hier denke ich an die Romane «Aufbrechen» und «Überleben» der Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe.
Hand aufs Herz: Was macht eine Vielleserin mit all ihren Büchern? Irgendwann sind die Regal voll! Öffentliche Bücherschränke zum Bersten bringen!
„Grösser als du“ ist mit ‚Geschichten‘ untertitelt. Aber wie schafft es ein „Geschichten-Buch“ in die Shortlist des Schweizer Buchpreises? Veronika Sutter Buch ist alles andere als harmlos. Weder inhaltlich noch sprachlich. Wie gut, dass es auch in der dritten Reihe leuchtet, blitzt und funkelt!
Geschichten bekam ich von meiner Mutter vorgelesen, wenn ich krank war. Wahrscheinlich glaubte meine Mutter an deren heilende Wirkung. Selbst ich glaube an die heilende Wirkung von Literatur, auch wenn Veronika Sutters Geschichten so gar nichts gemein haben mit den Geschichten, die immer ein gutes Ende hatten, wenn meine Mutter sich an mein Bett setzte und vorlas. Veronikas Geschichten sind alles andere als Geschichtchen. Und ob sie heilsam waren, zumindest für mich, weiss ich nicht, denn sie lösten einiges aus, nicht zuletzt eine ganze Portion Wut.
„Grosser als du“ sind 16 Erzählungen (Geschichten als Bezeichnung ist zu harmlos!) die alle zwischen den Jahren 1991 und 2019 spielen, zwischen den beiden grossen Frauenstreiks. 1991 nahmen Hunderttausende an jenem Streik teil, der für viele, nicht bloss für Frauen, zu einer Zäsur wurde, war es doch erst 20 Jahre her, seit die Männer in der Schweiz über das Frauenstimmrecht abstimmten und noch immer ein Drittel dieser Männer dafür gewesen wäre, es besser beim Alten zu lassen. 20 Jahre, in denen wohl das Frauenstimmrecht funktionierte, aber von gleichen Rechten keine Rede sein konnte. Dass damals Hunderttausende auf die Strasse gingen, nicht nur in Zürich, machte vielen Mut, nicht zuletzt jenen, die in ihrer eigenen Geschichte noch weit davon entfernt waren, sich auf Augenhöhe mit der Männerwelt zu behaupten. Frausein muss immer noch Selbstbehauptung sein, auch wenn es mittlerweile, ein halbes Jahrhundert später, Männer gibt, die sich von der Wucht der Weiblichkeit überrumpelt und bedroht fühlen.
Veronika Sutter «Grösser als du» Geschichten, edition 8, 2021, 192 Seiten, CHF 22.80, ISBN 978-3-85990-421-7
In Veronika Sutters Buch sind aber nicht 16 lose Erzählungen aneinadergefügt, die alle irgendwie mit den beiden Streiks, mit Frauenschicksalen zu tun haben. Wer zu lesen beginnt, merkt nach und nach, dass die Erzählungen miteinander verknotet sind, dass es Momentaufnahmen im Leben von Gloria, Karo und Helen oder Aldo und Walter sind, die miteinander verwoben sind. Momentaufnahmen, die zeigen, wie weit Frauen und Männer bis in die Gegenwart voneinander entfernt sind, wie tief Verletzungen sind und wie sehr sich Menschen hinter ihrem Schweigen, hinter Fassaden und ihren ungestillten Sehnsüchten verstecken.
Was bleibt, wenn man nach einer Flucht aus einer übergriffigen Beziehungen, in die man fast bewusstlos hineinrutschte? Was passiert, wenn sich perfekte Missverständnisse wie Druckwellen ausbreiten? Wenn sich fremde Welten für einen Augenblick nicht wirklich begegnen, dafür sich umso mehr in diesem einen Moment abstossen? Wenn der Tod so kalt wird wie die Gurkensuppe, in der das Gesicht der Mutter liegt. Wenn sich Syphillis in die Seele frisst. Wenn die Enkelin Gloria am Sterbebett ihrer Grossmutter Annie sitzt und sich abhängen lassen muss von der Urgewalt ihrer Junkiemutter Selma.
Veronika Sutters Bilder, die Szenerien ihrer Geschichte gehen unter die Haut, lösen Emotionen aus, bei mir im ersten Teil des Buches sogar Wut. Männer sind fast ausnahmslos Monster, trunkene Schläger, blinde Grobiane. Ich mache der Autorin keinen Vorwurf. Mein Problem, ich bin ein Mann. Und weil Veronika Sutter in ihrer Brotarbeit wohl immer wieder mit Schicksalen, Frauenschicksalen konfrontiert wird und es unbestreitbar wichtig ist, dass man(n) darüber schreibt, sind Erzählungen wie diese von Veronika Sutter Notwendigkeit, wenn man(n) sich nicht vor Tatsachen und Schicksalen verschliessen will.
Aber auch sprachlich ist Veronika Sutters Buch eine Kostbarkeit, auch wenn sich Helvetismen in den Text eingeschlichen haben, für die mir Erklärungen fehlen.
Fazit: „Grösser als du“ hat die grosse Bühne verdient. Nicht nur, weil das Buch mit wichtigen Themen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit aufrüttelt, sondern weil das Buch klug konstruiert und die Dramatik des Buches Lesern in die Knochen fährt!
Veronika Sutter, 1958 geboren und im Sihltal aufgewachsen, arbeitete Veronika Sutter als Buchhändlerin, Kulturveranstalterin und Journalistin. Seit dem Studium in Kommunikationsmanagement ist sie in der Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen tätig. Sie engagierte sich im Vorstand der Stiftung Frauenhaus Zürich und bei Greenpeace. Sie lebt mit ihrem Partner in Zürich. «Grösser als du» ist ihr erstes Buch.
Vielleicht ist es die Sehnsucht des Menschen nach der perfekten Maschine, der perfekten Hilfskraft, des perfekten, bedürnislosen Dienens. Ganz sicher ist er der Reiz des Machbaren, Erschaffer:in zu werden. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Ein Roman, der den menschlichen Code zu knacken versucht, jenes Geheimnis, das uns zu Menschen macht.
Schon in ihrem letzten Roman „Knochenlieder“ spielte Martina Clavadetscher derart gekonnt und verblüffend mit ihrer Sprache, ihrem Sound, ihrer Konstruktion, ihrem ganz eigenen Instrumentarium, dass sie für mehr als „nur“ den Schweizer Buchpreis nominiert wurde. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die grosse Schwester ihres letzten Romans. Formal ähnlich gestaltet (im Flatter- nicht im Blocksatz), manchmal fast an Lyrik erinnernd, über weite Strecken geschrieben, als wäre die Autorin monologisierend auf einer schwarzen Bühne im Scheinwerferlicht, das Szenario in den Köpfen der Zuhörer:innen aufsteigen lassend. „Die Erfindung des Ungehorsams“ geht aber noch einen Schritt weiter, steht „Knochenlieder“ in nichts nach, überflügelt ihn.
„Ihr Leben verläuft nach Plan.“
Martina Clavadetscher will nicht einfach eine spannende Geschichte erzählen. Sie erzeugt während des Lesens das Bewusstsein, wie schmal der Grat zwischen Realität und Künstlichkeit ist, wie nah wir uns in unserer Gegenwart einer bedrohlich werdenden Zukunft nähern, wohin uns unsere Fantasielosigkeit gepaart mit Profitdenken führen kann, wie klein der Unterschied ist zwischen Menschlichkeit und Automatismus. Dabei rankt sich ihre Sprache in Sphären, die in der deutschsprachigen Literatur nur selten anzutreffen sind. Ihre Sprache, ihr Erzählen ist alles andere als künstlich und schafft einen erstaunlichen Kontrast zum fast blutleeren Geschehen in der Geschichte.
„Gesetzmässigkeiten tarnen sich bloss mit Willkür, damit das Logische nach aussen unlogisch wirkt.“
Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag, 2021, 288 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-293-00565-5
Iris lebt irgendwo in Manhattan in einem Penthouse. Sie erwartet Gäste, wartet mit Ungeduld. Es wird eine kleine Party sein, wie immer und jedes Mal, mit Godwin und Wollstone, zwei älteren Damen. Iris hat den Part der Erzählenden, während die Gäste lauschen. Iris erzählt aus dem Leben von Ada, Ada Lovelace, die es wirklich gab, die vor mehr als 200 Jahren in England lebte und die Tochter jenes berühmt, berüchtigten englische Dichters Lord Byron (1788–1824) war, den sie aber nie kennen lernte. Von ihrer gestrengen Mutter (im Buch Übermutter) erbte sie das überdurchschnittliche Geschick mit Zahlen, das sie schon in jungen Jahren mit dem Mathematiker Charles Babbage zusammen brachte, der eine Differenzmaschine entwickelte, etwas, das sich als Vorläufer der heutigen Computer entpuppte. Ada, einst ein kränkliches Kind, von der Mutter überbehütet, um es aus dem langen Schatten ihres unseligen Vaters zu zerren, entwickelte mit Charles Babbage die Idee einer Maschine, die weit mehr kann, als jene Spielmaschinen, mit denen man damals ein Publikum zu faszinieren vermochte.
In „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die Geschichte eingebetet in jene der „Halbschwester“ Ling, die an einem andern Irgendwo irgendwann Arbeiterin in einer Produktionsstätte für Sexpuppen ist, alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, einer Fanny Lee, die die Hauptdarstellerin eines Film ist, den Ling längst zu ihrem Lebensbegleiter gemacht hat, den sie immer wieder in ihren dämmrigen Feierabenden sieht, nach Tagen, die zwischen Fabrik und Wohnsilo immer gleich aussehen. Lings Arbeit in der Fabrik ist es, die Körper nach dem Guss nach Silikonresten zu untersuchen, bevor sie noch ohne Kopf an einen Haken gehängt werden, um in einer nächsten Halle mit dem Haupt versehen zu werden, einem Modul, das interaktiv auf einen zukünftigen Besitzer regieren soll.
„Ling, das Programm hat gelernt zu lügen.“
Ling ist einsam. Bis sie einen der kopflosen Körper mit nach Hause nimmt, bis sie Jon B., einen der Wachmänner der Sexpuppenfabrik bei sich zuhause einlässt, bis der Wunsch nach Gemeinschaft aus den Treffen in Lings Wohnung Konspiration werden lassen und ein Wagnis daraus entstehen soll.
Martina Clavadetscher verwebt die verschachtelten Erzählstränge aber so, dass ich als Leser nie den Überblick verliere, gewisse Details und Feinheiten aber doch nur bei ganz genauer Lektüre zum Vorschein kommen. So wie etwa das Detail, dass hinter den Namen Godwin und Wollstone die Mutter der Schriftstellerin Mary Shelley, der Schöpferin Frankensteins, Mary Wollstonecraft-Godwin verbirgt. Frankenstein, ein Diener, ein Geschöpf aus der Hand eines Menschen, abgekoppelt von einer natürlichen Ordnung.
„Das Unzähmbare lebt. Es keimt. Und bringt etwas ganz Eigenständiges hervor.“
Martina Clavadetscher gelang mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ Erstaunliches und Verblüffendes! Der Roman bietet genau das, was sich Leser:innen wünschen, die mehr als nur unterhalten werden wollen. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist vielschichtig, vieldeutig und poetisch zugleich!
Mein Fazit: Wenn Mut gewinnt, dann sie!
Martina Clavadetscher, geboren 1979, studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie. Seit 2009 arbeitet sie als Autorin, Dramatikerin und Radio-Kolumnistin. Ihr Prosadebüt «Sammler» erschien 2014. Für die Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin am Luzerner Theater. Mit ihrem Theaterstück «Umständliche Rettung» gewann sie 2016 den Essener Autorenpreis und war im selben Jahr für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für «Knochenlieder» erhielt sie 2016 den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung und wurde 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Martina Clavadetscher lebt in der Schweiz.
Wäre es ein anderer gewesen, der seinen Roman „Jahrhundertroman“ betitelt hätte, hätte ich das Buch nicht einmal in die Hand genommen, selbst wenn es ironisch gemeint gewesen wäre. Aber diesen Roman schrieb nicht irgendeiner, sondern Peter Henisch. Einer, der zu den ganz Grossen gehört, nicht erst ein paar Jahre, sondern seit Jahrzehnten. Einer, bei dem jedes nicht gelesene Buch ein potenziell grosses Versäumnis sein kann.
Roch ist ein schrulliger Alter, der zu den Stammgästen in jenem Café gehört, in dem die Studentin Lisa eine Arbeit gefunden hat. Eine Arbeit, die zum Allernötigsten reicht und längst nicht alles abverlangt. Denn es ist nicht viel, was es in dem Lokal, das einst viel bessere Zeiten erlebt hatte, zu tun gibt. Auch nicht, wenn Herr Roch dort sein immer gleiches Frühstück bestellt und alles dafür tut, die junge Kellnerin Lisa in ein Gespräch zu verwickeln. Irgendwann erzählt er von einem Manuskript, seinem grossen Roman, den er beabsichtige, endlich zu einem guten Ende zu bringen, seinem Jahrhundertroman, die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts, erzählt mit den Geschichten jener Literaten, die in diesem Jahrhundert seine Stadt, die Stadt Wien bewohnten. Er brauche jemanden, der das von Hand geschriebene Manuskript abtippe, biete zwei Euro pro Seite. Irgendwann wird die abgegriffene Mappe mit dem Papierbündel wie heisser Stoff im Café übergeben, denn die sonst kaum je anwesende Wirtin will nicht, dass Gäste ihrer unentbehrlichen Kellnerin zu nahe kommen. Aber als Lisa in ihrer WG das Manuskript auspackt, muss sie feststellen, dass sie den Text nicht einmal bruchstückhaft lesen kann, denn Rochs kryptische Handschrift ist für sie nicht zu entziffern.
Lisa bringt das Manuskript in Rochs Depot in der Floriangasse 4A (einer Adresse, die es tatsächlich gibt), dorthin, wo sich Roch mit seinem Manuskript, seinem Leben zurückgezogen hatte. Einem Lagerraum, in dem er jene Bücher hortet, die er bei der Auflösung seine Bücherei vor der Vernichtung rettete und sich mit all jenen Büchern umgibt, die er auf seinen immer seltener werdenden Streifzügen in seine Höhle schleppt. Nach etwelchen Versuchen sitzen sie dann wirklich nebeneinander und Roch bittet Lisa, nachdem er den Schmerz darüber, dass Lisa bei sich zuhause den nicht nummerierten Seitenstapel doch tatsächlich entgegen seinen Warnungen durcheinanderbrachte, eine und immer noch eine andere Seite herauszuziehen, damit Roch ausbreiten kann, was in seinem Jahrhundertroman sonst für immer verborgen bleibt.
Peter Henisch «Der Jahrhundertroman», Residenz, 2021, 388 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-7017-1731-6
Da wäre diese Geschichte zwischen dem Alten und der Jungen. Eine Geschichte der Annäherung, die für sich als Geschichte schon genügen würde. Aber eben nicht für einen Jahrhundertroman. Da ist noch die Geschichte von Semira, Lisas Freundin, die seit einigen Monaten in Österreich als Flüchtling Fuss zu fassen versucht, der aber die Ausschaffung droht und sich deshalb dem Arm des Gesetztes entzieht. Durchaus ein Thema, ein Thema, das nicht erst in der Gegenwart in einem europäischen Land zum Knackpunkt von Politik und Gesellschaft geworden ist. Aber nicht genügen würde für einen Jahrhundertroman. Lisa zieht Blatt um Blatt aus dem Manuskript, dass die Geschichte der Stadt Wien mit den Geschichten ihrer Dichterinnen und Dichter erzählt, über ein ganzes Jahrhundert, von Musil bis Jelinek, von Artmann bis Mayröcker. Von Thomas Bernhard, der sich vor der Première seines Stücks ‚Heldenplatz‘ vor der ganzen Stadt zu verstecken versucht, weil er weiss, dass er mit der schon verschobenen und durch Misthaufen verhinderten vorerst abgesagten Première einer selbstgefälligen Gesellschaft den Spiegel vorhalten würde. Oder wie Christine Nöstlinger einen Anruf von Ernest Hemingway bekommt, der sie bittet, seine Frau zu werden und Christine Nöstlinger glaubt, einer Verarschung von Helmut Qualtinger aufzusitzen. Oder wie Peter Handke im Kino wenige Reihen vor Roch und seiner Begleitung den Film wie ein Berichterstatter einer Veranstaltung mit Stift und Papier verfolgt und nach der Vorstellung förmlich nach Hause rennt (um seine Erzählung „Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“ niederzuschreiben). Geschichten, die sich alle wenig um ihren Wahrheitsgehalt kümmern, die das Buch von Peter Henisch aber zu einemFeuerwerk der Fabulierkunst machen – eben zu einem Jahrhundertroman.
Was der fast achtzigjährige Schriftsteller auspackt, wie kunstvoll er konstruiert und mich als Leser immer und immer wieder überrascht, wie sehr man die Lust des Schreibens spürt, von einem, der sich an Form- und Farbvielfalt der Sprache so gar nicht bemühen muss, sondern alles wie flüssig warme Butter zu fliessen scheint – das beeindruckt ungemein. „Der Jahrhundertroman“ ist ganz viel, vielleicht nicht alles, aber ein fast 300seiten dickes Lesefest erster Güte. Schon lange nicht mehr habe ich mich beim Lesen so sehr amüsiert und berühren lassen wie bei diesem Roman – eben doch ein Jahrhundertroman. (Muss ja nicht der Jahrhundertroman sein.)
PS Wie ich sie liebe, die schrulligen Vögel, die sich im Papier einnisten!
PPS Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie mehr und fragen Sie Ihre Buchhändler:innen oder Bibliothekar:innen.
Interview
Ich mag Herrn Roch. Ich mag den Sonderling und Büchermenschen. Auch seine Unverfrorenheit. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass vieles von Roch zu Herrn Henisch passt. Oder ist meine Vermutung völlig falsch? Natürlich freut es mich, dass Ihnen mein Buch so sehr zusagt. Ich will also versuchen, Ihre Fragen zu beantworten, so gut und einfach ich es kann. Dass manches von Herrn Roch zu Henisch passt, kann schon sein – gewiss hab ihm dies und das in den Mund gelegt, was ich auch selbst sagen würde. Jedoch ist er– gefühlt – etwas älter als ich, deutlich frustrierter, von diversen Handicaps geplagt, die mich Gott sei Dank nicht plagen und eben eine Literaturfigur. Eine Literaturfigur, die ich allerdings recht lebendig vor meinem inneren Auge gesehen und dessen Stimme ich vor meinem inneren Ohr gehört habe, so lang ich in diesem Roman drin war.
Sie lassen mit der Studentin Lisa und Herrn Roch zwei Gegensätze auflaufen. Das meine ich wörtlich, braucht es doch einiges, bis sie sich finden, letztlich die beiderseitige Not. Sie haben eben Ihren 78sten Geburtstag gefeiert. Wie schafft man es, so nahe an der Jugend zu bleiben? Dass Sie mir in Hinblick auf Lisa zugestehen, nahe an der Jugend geblieben zu sein, finde ich sehr schön. Ich hab sie mir, diese Neunzehnjährige, scheint mir, ganz gut vorstellen können. Anfangs habe ich dabei an eine Nichte meiner Frau gedacht, die eine nicht unähnliche Kindheit gehabt und sich dann sehr tapfer emanzipiert hat. Aber natürlich hat sich die Figur dann verselbständigt, ist eben jetzt Lisa, in deren Rolle ich mich hineinzudenken, hineinzufühlen versucht habe – eine gewisse Empathiefähigkeit gehört ja zu den Voraussetzungen lebendigen Schreibens, da war die Distanz der Jahre und des Geschlechts gar kein grosses Hindernis.
Wenn die Literatur etwas darf, dann ist es das Erfinden. Das ist nicht leicht in einer Zeit, wo dauernd „Fake-News!“ geschrien wird und gewisse Leute sich weigern, der Fantasie ihren Platz zu geben. Selbst bei Filmen braucht es den Zusatz „nach einer wahren Begebenheit“. Weisst heisst das schon. Dabei spielen sie gekonnt mit der Fiktion. Braucht es den Mut der Verzweiflung? Ja, das Erfinden – in diesem Buch das Erfinden von möglichen, oft wünschenswerten Abweichungen von der sogenannten Realität… Sich vorstellen zu können (zu wollen), dass etwas andershätte sein können, als es war … Interessant, dass Sie mich fragen, ob es dazu den Mut der Verzweiflung braucht? Darauf wär ich selbst nicht gekommen, mir hat es in der ersten Schicht eher Freude gemacht, aber vielleicht erspüren sie da etwas im Hintergrund, das eine tiefere Wahrheit hat.
Sich etwa vorzustellen, dass Ödön vom Horvath nicht von jenem Ast getroffen worden wäre, den der Sturm von einem Kastanienbaum in den Champs Elysées gerissen hat. Und dabei zu wissen, dass es leider doch so war … Sehen Sie, ich habe auch eine Szene skizziert, in der Jura Soyfer, der, zwei Tage vor dem Einmarsch der Nazis in Österreich, auf Schiern in die Schweiz fliehen wollte, nicht von übereifrigen Grenzgendarmen aufgehalten und festgenommen worden wäre. Und dann wäre er eben nicht noch im letzten Moment in ein Gefängnis des Schuschnigg-Staates gesperrt worden (von wo er dann, nach Übernahme des Knasts durch die Nazis, ein paar Tage später ins KZ überstellt wurde) aber ich habe diese Szene dann weggelassen, sie hätte m.E. im Zusammengang des Romans zu schwer gewogen.
Büchereien, Buchläden waren einst Treffpunkte von Intellekt und Kultur. Heute sind sie immer mehr Kaufhäuser und Gemischtwarenhandlungen. Buchhandlungen hatten eine Mission. Heute biedern sie sich an. Und trotzdem verschwindet das gute Buch nicht. Werden Leser:innen von anspruchsvoller Literatur immer weniger? Dass Leserinnen und Leser anspruchsvoller Literatur immer weniger werden, ist zu befürchten. Auch dass Literatur, wie wir sie meinen und lieben, immer weniger geschrieben wird. Das ist es ja, was auch Herr Roch befürchtet, deswegen will er ja den Autoren und Autorinnen seines Jahrhunderts, also eines inzwischen immer weiter in die Vergangenheit abgedrifteten Jahrhunderts, ein Denkmal setzen. Aber vielleicht ist der alte Herr doch etwas zu kulturpessimistisch.
Es gäbe ja eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren, die seiner Ansicht durch ihre Arbeit widersprechen. Mir fallen da in Österreich spontan die verschiedensten Leute ein; Thomas Stangl („Die Geschichte des Körpers“), Anna Weidenholzer („Der Winter tut den Fischen gut“) und Egon Christian Leitner („Sozalstaatsroman“). Aber die Tendenz, dass Literatur, die sich einfach als cooles Business versteht, in dem vorweg berechnet und dann entsprechend geschrieben wird, was der Zeitgeist verlangt, sowohl von den Verlagen als auch von den Buchhändlern – und dann natürlich auch von den Leserinnen und Lesern, eher angenommen wird, ist nicht zu übersehen.
„Der Jahrhundertroman“, ein ziemlich vermessener Titel. Hätten nicht Sie ihn genommen, hätte er mich als zu vermessen abgeschreckt. Dabei tut mir Roch nicht bloss einmal sehr leid. Ein Bündel Papier, das durcheinander geraten ist, über ein Jahrhundert, das durcheinander geraten ist. Nahmen Sie all die grossen Namen an der Hand und verrieten Ihren ihre Geheimnisse (Geheimnisse müssen ja nicht wahr sein!)? Dass der Titel „Der Jahrhundertroman“ zu dem Missverständnis Anlass gibt, der Autor (also der Herr Henisch) sei vermessen, grössenwahnsinnig, unrealistisch, was seine Selbsteinschätzung betrifft, war ein Risiko, das ich vielleicht etwas unterschätzt habe.Andererseits stellt sich doch schon beim Überfliegen des Klappentextes und erst recht nach wenigen Seiten der Lektüre heraus, dass sich der Titel auf den Roman des ehemaligen Buchhändlers und Büchereiangestellten Roch bezieht, ein Manuskript, das die Studentin Lisa abtippen soll, nicht lesen kann, durcheinanderbringt. Ein Fragment, in dem die Chronologie abhandengekommen ist, in dem v.a. der Anfang mit Musil, den der Protagonist sucht, bis ganz knapp vor Schluss nicht zu finden ist. Ein Fragment, das nach und nach von der außersprachlichen Wirklichkeit überholt wird.
Apropos Musil & Co – die großen Namen kommen ja übrigens auch nicht irgendeinem fragwürdigen Kanon entsprechend vor. Manche, wie jener der Frau Nöstlinger, überraschen dann vielleicht auch ein wenig. Dass mich die Träger dieser Namen an der Hand nehmen und mir ihre Geheimnisse verraten ist ein hübscher Gedanke, ist aber nicht ganz der Fall. Ich hab halt ein gewisses Einfühlungsvermögen auch in diese Personen, keine Berührungsängste, keinen übertriebenen Respekt und manchmal eine gewisse Lust daran, ihnen etwas Alternatives anzudichten.
Sie gründeten 1969 die Literaturzeitschrift „Wespennest“. Lange Jahrzehnte eine Institution im Literaturbetrieb, weit über die Landesgrenzen hinaus. Literaturzeitschriften gibt es noch immer. Und doch ist ihre Bedeutung nicht mehr die, die sie einmal hatten. Warum protzen dafür „Schöner wohnen“, „Bleib gesund“ und „Motorwelt“? Zweifellos hat es in den Sechziger-und Siebzigerjahren mehr davon gegeben und sie haben mehr bedeutet als heute. Das war eine Zeit, in der viele jungen Leute geradezu literatursüchtig waren – so ähnlich erinnert sich Roch in meinem Buch. Das wird er Lisa vielleicht erzählen, aber er bezweifelt, dass sie es glauben wird.
Peter Henisch, geboren 1943 in Wien. Nachkriegskindheit, Wiederaufbaupubertät. Studium der Philosophie und Psychologie. 1969 gemeinsam mit Helmut Zenker Begründung der Zeitschrift «Wespennest». Seit den 1970ern freischwebender Schriftsteller. 1975 erschien Henischs erster Roman «Die kleine Figur meines Vaters», seitdem zahlreiche Romane. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Kunstpreis.
Köcherbäume sind in Namibia heimisch, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, und gedeihen nur schwer in einem Dresdner Villenviertel, schon gar nicht, wenn sie dort links und rechts des Eingangs einbetoniert sind, mit Chemikalien vor dem Verrotten bewahrt, als Erinnerung an eine Zeit, die man eigentlich lieber vergessen lassen will.
Iva kehrt in dieses Haus zurück. Ein Haus, das leer geworden ist und bloss noch von einer polnischen Haushälterin bewohnt wird. Ivas Vater liegt im Krankenhaus, angeschlossen an lebenserhaltende Maschinen, ohne Chance, je wieder in sein altes Leben zurückzukehren. Und weil es das Ende von Evas Vater sein wird, weil die Mutter das Haus längst fluchtartig verlassen hatte und Evas Geschwister mit dem Gemäuer und dem alten Mann darin nichts mehr zu tun haben wollten, tritt sie ein in ein Leben, in das sie eigentlich nicht mehr zurückkehren will. Warum nicht zuhause bei ihrem Mann Roy und ihrem Jungen Shlomo bleiben? Warum nicht einfach alles seinen Gang nehmen lassen? Warum ein Leben unterbrechen, um in ein Leben zurückzukehren, das man einst mit wehenden Fahnen zurückliess?
Amanda Lasker-Berlin nimmt mich an der Hand und mit in dieses Haus, hinter Türen, vorbei an Wänden, die mit ausgestopften Tierköpfen verhängt sind, in Zimmer, aus denen das Leben längst entwichen ist, in denen aber unverdaute Erinnerungen sabbern. Erinnerungen an Evas Grossmutter, die man zusammen mit den beiden Köcherbäumen aus Namibia in Deutschland einsetzen wollte, nachdem sie als Kind das Land fluchtartig verlassen musste. Ihr Land, das Land, das die Wilden ihr genommen hatten, in dem Deutschland als Kolonialmacht zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Aufstand der einheimischen schwarzen Völker brutal niederschlug, Völkermord beging. Eine Grossmutter, die mit ihrem Mann während der Naziherrschaft zu den Parteibonzen gehörte und sich schamlos am Reichtum der verschleppten und ermordeten Juden bereicherte. Erinnerungen an eine Mutter, die einst mitten in der Nacht mit blutendem Gesicht in Evas Zimmer stand und von Iva eine Entscheidung forderte; mitkommen oder bleiben, jetzt gleich.
Iva fährt von ihrer Familie weg, weg von ihrem Mann und ihrem kleinen Kind. Weg von Roy, der aus einer so ganz anderen Familie stammt als sie selbst, dessen Vater in einer schmuddeligen Wohnung in einem Hochhaus Akten, Fotos und Berichte sammelt, die unter anderem die verbrecherische Vergangenheit Ivas Familie dokumentieren sollen. Shlomo, Iva und Roys Junge heisst nicht aus einer Laune heraus Shlomo. Ein Name aus der Geschichte Roys Familie, ein Name, der „Friede“ bedeutet. Sie fährt zum Haus ihrer Familie, in der sich das Schweigen schon seit Jahrzehnten eingenistet hat, in der man nicht nur Köcherbäume tot einbetoniert, sondern auch die Geschichte und Geschichten, die dahinter stecken. Auch die Geschichte Ivas Geschwister Jette und Alexander. Jette, die dort wo die Köcherbäume herkommen nach Spuren sucht und Alexander, der am Gewicht seines Vater zerbrochen ist und erst zurück ins Haus seines Vaters kommt, als dessen Sterben absehbar und unausweichlich ist.
Was heisst es, als Kind aus einer Familie zu stammen, die sich in der Vergangenheit schuldig gemacht hatte? Ivan sitzt im Krankenhaus am Bett ihres sterbenden Vaters. Von ihm sind keine Antworten mehr zu erwarten. Aber selbst wenn er stirbt, wird das, was sich über Generationen an blutigen Spuren nicht leugnen lässt, weiter wirken, wie radioaktiver Abfall.
Amanda Laker-Berlin erzählt behutsam und unspektakulär. Ohne dass die Geschichte aufzublasen wird, begleite ich eine Frau, die ringt und sucht, die sich dem stellt, was hinter Fassaden verborgen bleiben soll. Der Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika, die Schoah, der Nationalsozialismus, Themen die im Roman „Iva atmet“ nicht bloss einfach Kulisse und Katalysator sind, sondern der Grund, auf dem das Haus aufgebaut ist. Iva atmet schwer!
Interview
Auf dem Umschlag ihres Buches ist ein Köcherbaum abgebildet. Aber umgekehrt, sodass er aussieht wie ein Lungengeflecht. Ihr Roman heisst „Iva atmet“. Iva hat immer einen Asthma-spray bei sich. Es ist nicht nur der Stress, der ihr den Atem nimmt. Das Verschwiegene, Unausgesprochene, letztlich das Lügen nimmt ihr den Atem. Was nimmt Ihnen den Atem? Den Atem nimmt es mir, wenn ich die starken Ausprägungen des Klimawandels wahrnehme und dann überlege, wie stark sich die Lebensweise verändern muss. Die Überflutungen in Deutschland diesen Sommer, haben allen vor Augen geführt, dass die Katastrophen auch uns treffen und in Zukunft weiter treffen werden. Mich beschäftigt, wie es möglich ist, Krisen und Veränderungen als Gesellschaft zu meistern, ohne das es zu Radikalsierungen und Ausschlussmechanismen kommt. Auch die Coronakrise hat mir teilweise den Atem genommen. Sie schon jetzt so viele Verwüstungen in der Kulturbranche hinterlassen. Und ich wünsche, dass vieles wieder- oder neuhergestellt werden kann.
Die Grossmutter malte. Sie malte die südwestafrikanische Idylle. Sie selbst malten auch und erklären in einem Interview, dass das Schreiben Ihnen mehr Wege in die Tiefe gebe, das Malen durch die Ränder der Leinwand begrenzt sei. Sie schreiben auch Theater. Dort ist das Geschehen durch die Möglichkeiten der Bühne begrenzt. Steht beim Malen wie beim Schreiben nicht über allem die Frage, ob man Tiefe will oder lieber an der Idylle koloriert? Ich glaube eigentlich nicht, dass Geschehen durch technische Möglichkeiten auf der Bühne oder durch Grenzen von Leinwänden beschränkt ist. Die Bildenden Kunst, das Theater und die Literatur können sich immer so weit ausbreiten, wie die Phantasie und die Bereitschaft es zu lassen. Sie sind schliesslich vermittelnde Elemente zwischen Rezipierenden und Agierenden. Ich wünsche mir oft mehr Bereitschaft sich auf Kunstwerke einzulassen und zu erforschen, wie viel sich in ihnen verbirgt. Für mich persönlich ist das Schreiben der künstlerische Weg, durch den ich mich am kraftvollsten in die Tiefe sprengen kann.
Wahrscheinlich gibt es in jeder Familie Geheimnisse. Und auch Geheimnisse, über die man nicht spricht. Aber Geschehnisse, die gar keine Geheimnisse sind, aber mit Bedacht als solche behandelt werden, weil man genau weiss, wie viel Gefahr von ihnen droht, sind die schlimmsten. Geheimnis aufbrechen um jeden Preis? Das ist schwierig. Ich denke, dass jeder Mensch Geheimnisse haben muss. Sie sind schliesslich auch Schätze. Wenn diese Geheimnisse, aber andere Menschen direkt tangieren, halte ich einen offenen Umgang für wichtig. Gerade in einer Familie wie der von Iva. Dort wird die Vergangenheit ja nicht vollständig verschwiegen. Die NS-Zeit wird zelebriert und die Ideologie weitergetragen. Was in dieser nicht stattfindet ist eine Reflektion und das Überdenken der eigenen Perspektive. Ich halte das Reflektieren von Zusammenhängen und Diskutieren von Ereignissen für essenziell.
Roy, Ivas Mann, sagt ihr einmal: „Seitdem ich dich kenne, bist du auf der Flucht, Iva.“ Dabei ist der Mensch mit seinem aufrechten, aber mit dem Alter immer schwerfälligeren Gang ein denkbar schlechtes „Fluchttier“. Therapien alles Art florieren, weil wir uns von alleine dem nicht stellen, wovor wir fliehen. Ist Schreiben eine Gegenbewegung zur Flucht? Ja, ich denke schon. Schreiben und auch Lesen sind Auseinandersetzungen. Sie können die Angst, das Unbehagen vor Themen nehmen. Bei mir beobachte ich oft, dass ich mich mit Thematiken beschäftige, die mir auf unterschiedlichste Weisen Angst machen. Wie in meinem ersten Roman „Elijas Lied“ die Ideologie der Neuen Rechten. Beschäftigung und das Schreiben mit solchen Themen hilft einen vernünftigen Blick auf Veränderungen und Entwicklungen zu bekommen. Gleichzeitig löst es natürlich keine gesellschaftlichen Probleme, aber erschafft Denkräume, die Anstöße geben können.
Wie sind sie auf den Völkermord im heutigen Namibia gestossen? Kein Thema, das in der Deutschen Literatur einen gossen Hallraum hätte! Das stimmt. Und das hat mich verblüfft. Ich habe mehr oder weniger zufällig von dem Genozid erfahren und mich erschrocken, wie wenig ich darüber wusste. In meiner Schulzeit war die deutsche Kolonialgeschichte etwas kaum Erwähntes. Auch in meinem Studium war sie kein Thema und das hat mich sehr irritiert. Deshalb habe ich angefangen zu recherchieren. Ich denke, dass zu diesem Thema noch viel geschrieben, gedacht und gesagt werden muss. Und das vor allem die Opferverbände mehr Gehör bekommen müssen.
Amanda Lasker-Berlin, geboren 1994 in Essen, inszenierte mit 18 Jahren ihr erstes Theaterstück. Nach einem Studium der Freien Kunst an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert sie Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Ihre Theaterstücke und Prosa wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, «Elijas Lied» wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE 2020 ausgezeichnet und für Das Debüt 2020 – Bloggerpreis für Literatur nominiert. Sie lebt in Frankfurt am Main.
In der Reihe «Schreibende Paare» lädt das Literaturhaus Thurgau zu literarischen Gesprächen ein, die über Text, Sprache und Inhalte hinausgehen. Keine «Homestories», aber Einblicke in das Leben von schreibenden Paaren sollen es sein. Was bedeutet es, wenn sich zwei literarische Gestirne treffen?
Annette Hug, die mit ihrem vierten Roman «Tiefenlager» die Geschichte einer ganz besonderen Gemeinschaft erzählt. Fünf Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, mit ganz verschiedenen Herkunftsgeschichten gründen eine Gemeinschaft. «Die Müllmänner». Eine Krankenpflegerin, ein Kraftwerkarbeiter, ein Nuklearphysiker, eine Finanzberaterin und eine Linguistin gründen einen Orden und entwickeln Methoden, um das Wissen über die Gefahren des Atommülls verlässlich zu dokumentieren und von Generation zu Generation weiterzugeben. Die Vision: Kein Mensch soll durch die Strahlung eines Endlagers für nukleare Abfälle getötet werden. Annette Hug wollte keinen dystopischen Roman schreiben. Sie leuchtet in dieses Pentagon, mäandert in Perspektiven und Erzähltypen und überzeugt durch eine fein ziselierte Sprache.
Stefan Keller, der neben Reportagen, journalistischen Arbeiten und Sachbüchern auch literarische Texte schreibt, las aus «Spuren der Arbeit». Ein erzählte Sprache gewordenes Archiv aus 200 Jahren, dass den Kanton Thurgau, die Ostschweiz zu einem Spiegel der Weltgeschichte macht. Von den feudal organisierten «Manufakturdörfern», über das Leiden von schwerst arbeitenden Kindern, das koloniale Selbstverständnis wachstumsberauschter Jungunternehmer bis nach Hinterindien, Hungersnöte und verzweifelter Aufstände bis hin zur Datenfabrik hinter Stacheldraht. Stefan Keller spinnt in seinem Buch ein feines Netz von Namen und Fakten, das Zuhörer:innen und Leser:innen bewusst macht, das Weltgeschehen vor der Haustüre stattfindet – und auf wie viel Schmerz, Leiden und Blut unser gegenwärtiger Reichtum aufbaut.
Ihnen beiden, die in zwei verschiedenen Wohnungen in Zürich leben und arbeiten, ist viel gemeinsam, nicht zuletzt die leidenschaftliche Recherche und die Fülle an Themen, über die sie gerne schreiben würden. Und doch scheint es die unterschiedliche Ausdrucksweise der beiden, die sie gegenseitig beflügelt.
Annette Hug, geboren 1970 in der Schweiz, hat in Zürich und Manila Geschichte und Women and Development Studies studiert. Nach Tätigkeiten als Dozentin und Gewerkschaftssekretärin arbeitet sie heute als freie Autorin. Für ihren dritten Roman «Wilhelm Tell in Manila“ erhielt sie den Schweizer Literaturpreis des Schweizer Bundesamtes für Kultur.
Stefan Keller, geboren 1958 im Thurgau am Bodensee, lebt in Zürich und arbeitet als Historiker und Journalist. Er hat mehrere Bücher zur Arbeiter- und Sozialgeschichte geschrieben oder herausgegeben. Insbesondere sein Buch «Grüningers Fall» war ein international beachteter Erfolg und trug wesentlich zur Rehabilitierung des St.Galler Polizeihauptmanns und Flüchtlingsretters Paul Grüninger (1891–1972) bei. Keller hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten.
Annette Hug und Stefan Keller waren von 2012 bis 2015 die Intendanten des Literaturhauses Thurgau.