Aleks Scholz «Badetagebuch», Sukultur

Gegen die Bequemlichkeit

Kältebaden bedeutet für den Schriftsteller Aleks Scholz nicht nur tägliche Bewährungsprobe, sondern Eintauchen in die Welt. Sein neu erschienenes Badetagebuch erzählt von Selbstüberwindung und davon, wie sie süchtig macht.

Gasttext von Valentina D. Bischof
Valentina D. Bischof ist gelernte Theatermalerin (EFZ) und freischaffende Illustratorin. Zurzeit Masterstudium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft an der Universität Basel, ab Sommer 2022 
im leitenden Organisationsteam für das Internationale Literaturfestival Buchbasel tätig.

Es ist ein rauer Januartag in Schottland. Ein Orkan fegt über die menschenleere Meeresbucht Slippery Bay. Waghalsig steigt ein Badender in die sturmgepeitschten Wogen. In sein Badetagebuch notiert er Vor mir die Brandungszone, um mich herum Chaos und Jede kleine Welle tut im Gesicht weh. Das Schwimmen ist anstrengend.

Es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Das Kältebaden wird zum täglichen Ritual für den Schriftsteller Aleks Scholz: Ob bei Minustemperaturen, Unwetter, oder in der Nacht – jeder dieser Badegänge wird akribisch als Tagebucheintrag festgehalten.

Was treibt den Badenden an? Ist es der Hormonflash, der beim Kältebaden durch den Körper rauscht und als „kruder Selbstbetrug“ stets von Neuem funktioniert? Oder ist das Verlangen nach Psychohygiene und Schocktherapie Beweggrund für den tagtäglichen Sprung ins kalte Wasser?
Fest steht für Scholz: Wie immer ist die Welt nach dem Baden runderneuert, gereinigt und fantastisch. Wie immer hält dieser Zustand mehrere Stunden an, dann kommen die Schmutzränder wieder.

Aleks Scholz «Badetagebuch», Sukultur, 2022, 128 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-95566-135-9

Nur nebenher wird im Text der „Schmutz“ der Welt erwähnt, den es abzuwaschen gilt, um weitermachen zu können. Nichts aber zeigt den Riss an, in dem die reale Welt des Autors verschwindet. So erfahren wir als Lesende wenig – bisweilen zu wenig – vom Leben des Tagebuchverfassers. Es ist gelegentlich die Rede von einem alte[n] Mann mit Damenbart und Bommelmütze, von alten Wunden und von „seit Monate[n] ungewaschene[n] Hosen. Auf seiner einsamen Landzunge an der Schottischen See scheint der Autor, entgegen seinem Wunsch heimisch zu werden, kaum soziale Kontakte zu pflegen.

Die Innenansicht des Tagebuchverfassers erschliesst sich weitgehend aus seinen autobiografischen Erfahrungsberichten vom Kältebaden im Meer. Es sind die überrollenden, harten Wellen, die literarisch den Schlagabtausch mit der Wirklichkeit ersetzen. Umgekehrt wird die Natur zur Projektionsfläche für den Zustand des Badenden. Etwa, wenn das Meer an manchen Tagen so zerzaust ist wie sein Nervenkostüm.

Dass die Natur als Quelle der Bedrohung aber auch der Weltversöhnung betrachtet wird, ist kein neues Phänomen. Seit der verstädterte Mensch so etwas wie Weltschmerz empfindet, sucht er in der ungezähmten Natur nach romantischer Versenkung.
Scholz verbindet in seinem Badetagebuch auf subtile Weise den alten romantischen Weltschmerz mit dem heutigen Bewusstsein für menschengemachte Umweltzerstörung.

Bemüht, die eigene körperliche Handlungsdimension in der Natur neu zu erkunden, kostet es ihn ein paar Wochen Überwindung, dann verschwindet die Gewohnheit, das kalte Wasser als eine Art Feind zu betrachten. Daraus entsteht eine Syntheseerfahrung: Was von draussen wie eine wohl definierte Grenze aussieht, wird für den Schwimmer zur Grauzone. Der Körper transformiert sich im Wasser, das Lebendgewicht wird leicht und der Bodenkontakt verliert sich bis hin zur Orientierungslosigkeit. Der eigene Körper wird beim Kältebaden als Teil der Natur erlebbar gemacht. Auf diese Weise setzt der Badende das Eigene dem Fremden aus und wird zu einem nackten, verletzlichen „Ich“. Dieses „Ich“ taucht ab und streckt die Arme vorsichtig aus, um den Meeresboden abzutasten, ohne ihn zu behelligen – die Berührungen sind eher ein Streicheln als ein Tasten.

Während Scholz in seinen detailreichen Naturbeschreibungen in die Tiefe geht, bleiben die realweltlichen Lebensumstände unausgesprochen. Dadurch droht der Text zuweilen ins Seichte abzudriften. Es sind jedoch Passagen wie diese, die dem Text Sinngehalt verleihen, indem sie eine doppelbödige Lesart anbieten: Es wird immer dann gefährlich, wenn man glaubt, an einem bestimmten Ort sein zu müssen. Solange man [beim Schwimmen] die Kontrolle abgibt, kann nichts passieren.

Als Lesende begleiten wir den Tagebuchverfasser Aleks Scholz ein Jahr lang bei seinen Badegängen ins Meer, wobei jegliche Dramatik in der Repetition verebbt. Der Text will jedoch etwas anderes als Spannungsaufbau. Es geht vielmehr darum, Zeiträume körperlich zu bewohnen und diese im Schreiben einzuverleiben. Das tägliche Kältebaden wird zum eigentlichen Schreibanlass und umgekehrt. Scholz zeigt mit seinem Badetagebuch auf, wie unter Ausschluss von „Welt“ ein Eintauchen in die Welt möglich ist. Jenseits der Komfortzone ist ein Austausch mit der Natur wieder denkbar. Dazu gehört, täglich am gleichen Ausgangspunkt beginnen zu müssen: bei der Selbstüberwindung.

(Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2022 an der Uni Basel, Seminarleitung: Daniel Graf, Literaturkritiker beim Republik Magazin.)

Aleks Scholz lebt in Schottland und ist Astronom mit dem Forschungsschwerpunkt Entstehung und Entwicklung von Sternen und Planeten. Zudem ist er Autor, schrieb für den «Merkur», die «taz», «Spiegel Online» und die «Süddeutsche Zeitung»; 2010 gewann er mit seinem Text «Google Earth» beim Bachmann-Wettbewerb den Ernst-Willner-Preis.

Beitragsbild © Edward Broughton, University of St Andrews

Wichtige Stimmen am 26. Internationalen Literaturfestival Leukerbad: Zum Beispiel Adania Shibli mit «Eine Nebensache»

Ein Literaturfestival soll zur Auseinandersetzung einladen. Das diesjährige Literaturfestival in Leukerbad tat es – zuweilen emotional. Aber ein Literaturfestival soll auch überraschen. Adania Shibli tat es mit ihrem Roman „Eine Nebensache“. Ein schmaler Roman mit viel Gewicht!

Sie hätte so viel falsch machen können. Tat sie aber nicht. Ganz im Gegenteil. Adania Shibli ist Palästinenserin und schreibt Arabisch. Ihr erster auf Deutsch erschienener Roman „Eine Nebensache“ erzählt von einer Gräueltat, die im Sommer 1949 von israelischen Soldaten an einem beduinischen Mädchen begangen wurde – einer Gruppenvergewaltigung, einem schrecklichen Mord an einer jungen Palästinenserin.
Es hätte eine späte Racheschrift werden können, eine blutige Anklage, ein Enthüllungsroman. Doch Adania Shiblis schmaler, hoch konzentrierter Roman ist ein Kunstwerk. Aber auch ein Fingerzeig, ein Mahnmahl. Erst recht heute, wo ein alles dominierender Krieg alle anderen Kriege und Konflikte zur Nebensache macht. Erst recht heute, wo die Folgen von Krieg und Gewalt, all die Opfer zur Nebensache werden, weil das Gefühl des Bedrohtseins, die Angst vor globalen Folgen jedes einzelne Schicksal zu einer Nebensache werden lässt. Erst recht, weil es nur ein Mädchen war, die an ihr begangene Gräueltat ein Zwischenfall. 

Als Folge der Staatsgründung Israels im Mai 1948 wurden über 700 000 PalästinenserInnen aus ihrer Heimat, aus Palästina vertrieben. Eine angebliche Rückeroberung für all die Siedler, die sich in der Kargheit jener Gebiete, in denen Palästinenser über Generationen als Beduinen lebten, ansiedelten und einen modernen Agrarstaat errichteten. Einem Gebiet, aus dem man ein Volk, das in den Augen ihrer Besatzer minderwertig erschien, verdrängte. Ausgerechnet von Menschen, die während einer Dekade Nationalsozialismus alle vorstellbaren Schrecken erleiden mussten.

Adania Shibli «Eine Nebensache», Berenberg, 2022, aus dem Arabischen von Günther Orth, 116 Seiten, CHF 29.50, ISBN 978-3-949203-21-3

Ein Gruppe Soldaten, die ein Gebiet in Negev zu sichern hat, tötet eine Gruppe Beduinen und verschleppt das einzige überlebende Mädchen. Man sperrt sie ein, reisst ihr die Kleider vom Leib, schruppt ihre Haare mit Benzin, schert sie, vergewaltigt sie der Reihe nach in einer Hütte, schleppt sie in die Wüste und tötet sie wie ein verletztes Tier.
Ein Vierteljahrhundert später macht sich eine junge Palästinenserin nach der Lektüre eines Zeitungsberichts auf die Suche nach Informationen. Eigentlich nur deshalb, weil sich das Vierteljahrhundert genau mit ihrem Geburtstag schneidet, dadurch eine Verbindung entsteht, der sich die Erzählende nicht mehr entziehen kann.

Was die bestechende Qualität dieses Romans ausmacht, ist weder das Thema noch das erzählte Verbrechen, ein Plot. Auch nicht die Suche nach den Spuren oder den Ursachen. Adania Shibli erzählt in zwei Perspektiven. Im ersten Teil rein beschreibend über den einen Soldaten, den Vorgesetzten jener Soldatengruppe. Im zweiten Teil vom Versuch der jungen Erzählerin durch all die territorialen Hindernisse an jene Orte zu gelangen, die ihr die Geschichte erzählen könnten. Im ersten Teil schlüpft die Erzählperspektive nicht einmal in die Innenwelt jenes Soldaten. Das macht aus dem Tun des Soldaten eine fast glatte Erzählfläche, die alles der Leserin/dem Leser übergibt. Selbst die Tat, das schreckliche Geschehen unter den Soldaten, der Mord ganz am Schluss – alles nur beschreibend erzählt, als wäre die Innenwelt Nebensache – was sie auch werden muss angesichts des Schreckens. Der zweite Teil, die Suche der jungen Frau Jahrzehnte später, beschreibt die Lebenswelt einer Palästinenserin, kaum nachvollziehbar für mich als Europäer. Ein in Sektoren eingeteiltes Land, durch Checkpoints und scharfe Kontrollen zerrissen. Eine Welt, die die Normalität zur Nebensache werden lässt.
Und in beiden Teilen des Romans spiegeln sich Bilder des jeweils andern Teils; Ängste, ein Hund, Spinnen, ein Mädchen.

Adania Shiblis Roman schleicht sich ins Unterbewusstsein, beschreibt die Seelenlosigkeit von Menschen in Uniformen, die Seelenlosigkeit eines Landes im permanenten Ausnahmezustand. Und nicht zuletzt stellt der Roman Fragen, wichtige Fragen!

Adania Shibli, geboren 1974 in Palästina, schreibt Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten und Essays und ist zudem in der akademischen Forschung und Lehre tätig. «Eine Nebensache» ist ihre erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, die englische Übersetzung war für den ­National Book Award (2020) sowie für den ­International Booker Prize (2021) nominiert. Adania Shibli lebt in Palästina und Deutschland.

Günther Orth, geboren 1963 in Ansbach, studierte in Erlangen Islamwissenschaft. Sprachstipendien führten ihn nach Ägypten und Syrien, es folgte ein Übersetzerabschluss Arabisch in Leipzig. In seiner Magisterarbeit und später in seiner Dissertation schrieb er zur modernen Erzählliteratur Syriens und des Jemen, wo er jeweils lebte. Er arbeitet heute in Berlin und weltweit als Übersetzer und Konferenzdolmetscher für Arabisch.

Das Literaturfestival Leukerbad stellt sich den schweren Zeiten.

Man muss sich warm anziehen am 26. Literaturfestival in Leukerbad. Nicht nur wegen der zum Teil garstigen Temperaturen und des Wetters, das sich effektvoll über dem Tal inszeniert, sondern wegen der Themen, die sich unüberhörbar einmischen!

Nichts, aber auch gar nichts kann darüber hinwegtäuschen, dass sich auch das Literaturfestival in schwierigen Zeiten befindet. Da kann der Himmel noch so blau sein, die Kulisse noch so imposant, die Namen im Festivalprogramm noch so prominent und das Programm selbst den Zeiten angepasst.
 Sinnbildlich dafür war ein Gespräch im grossen Festivalzelt zwischen der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk («Blauwal der Erinnerung», Kiepenheuer & Witsch 2019) und dem deutschen Historiker und Russlandkenner Karl Schlögel («Der Duft der Imperien», Hanser 2020). Während sich die beiden in einem Gespräch versuchten, das immer mehr zu einem verzweifelten Aufruf gegen das Vergessen und die gegenwärtige Gewöhnung eines nicht fassbaren Ausnahmezustands wurde, braute sich über dem Zelt ein infernalisches Gewitter zusammen. Während Tanja Maljartschuk von ihrer kollektiven und ganz persönlichen Verzweiflung berichtete und Karl Schlögel klarzumachen versuchte, dass die Katastrophe nicht erst am 24. Februar dieses Jahres begonnen hatte und das Land, dass im Bombenhagel eines Diktators und Geschichtsverdrehers in eine Trümmerwüste mit Millionen Vertriebener verwandelt wird, seit bald einem Jahrhundert zwischen den Fronten zerrieben wird, entlud sich das Gewitter, prasselte der Regen auf das Stoffdach, krachte der Donner. Man musste sich im Zelt warm anziehen, so wie sich ein ganzer Kontinent in den kommenden Monaten und Jahren warm anziehen muss, weil nichts mehr so sein wird, wie es einmal war – auch weit weg vom Krieg in der Ukraine.

Marie NDiaye

Schwierige Zeiten für die Literatur und ein Literaturfestival, wenn man sich nur noch mit Vorbehalt, einer gewissen Hemmung und latent ungutem Gewissen dem reinen Sprachgenuss hingeben kann. Taugt Literatur noch zum ungehemmten Genuss? Vielleicht ist deshalb Leukerbad genau der richtige Ort für ein solches Festival, denn der Ort Leukerbad selbst kann nicht leugnen, dass wir uns auf einem „absteigenden Ast“ befinden, dass punktuelle Korrekturen nicht mehr reichen, um das in Schieflage geratene Schiff auf Kurs zu halten. Schriftstellerinnen wie Hiromi Ito („Dornauszieher“, Matthes & Seitz 2021), die in Japan zu den wichtigsten literarischen Stimmen gehört oder die aus Frankreich angereiste Emmanuelle Bayamack-Tam („Sommerjungs“, Secession 2022) oder Marie NDiaye („Die Rache ist mein“, Suhrkamp 2021), eine Grande Dame der französischen Gegenwartsliteratur erzählen vom Schlachtfeld Familie, von den grossen und kleinen Katastrophen, die sich unter den Oberflächen abspielen und hervorbrechen. Schwierige Zeiten, weil neben dem Selbstverständnis Familie auch das Selbstverständnis Geschlecht zu wanken beginnt, weil Ordnungen permanent in Frage gestellt werden, Krusten durchbrochen, Ketten gesprengt und gewissen Fragen endlich zugelassen werden.

Alois Hotschnig

Vieles am diesjährigen Literaturfestival in Leukerbad setzte sich mit scheinbaren Wahrheiten, scheinbaren Ordnungen auseinander. Während man sich beim Bachmannwettlesen in Klagenfurt wundert, dass das blosse Erzählen nicht mehr reichen will, wird klar, dass die Literatur wie keine Kunstrichtung sonst in die Pflicht genommen wird, sich mit den aktuellen Fragestellungen der Gegenwart zu stellen. Kein Wunder, dass es die leiseren Stimmen sowohl am Festival wie auch auf den medialen Bühnen der Literatur überall schwerer haben, sich an ihrem Platz zu behaupten. So waren die Lesungen des Österreichers Alois Hotschnig („Der Silberfuchs meiner Mutter“, Kiepenheuer & Witsch 2021) oder des in Rom lebenden Schweizers Pascal Janovjak („Der Zoo in Rom“, Lenos 2021) Stimmen, die sich mit der Vergangenheit und Innenwelten beschäftigen. Sie beschäftigen sich mit den Spuren eines Lebens, mit Geschichten in der Geschichte, mit filigranen Erzählstrukturen, Fragestellungen, die mir als Leser aber gleichwohl gestellt werden, existenziellen Auseinandersetzungen, die mich mitnehmen, wenn ich bereit bin, mich ihnen zu stellen. Erzählt in einer Sprache, sie sich nicht am Effekt orientiert.

Das Literaturfestival Leukerbad stellt sich den schweren Zeiten.

Beitragsbilder © Internationales Literaturfestival Leukerbad

«Eines nachts in Leukerbad» Urs Mannhart

 

In einer von lauen Winden erwärmten Nacht im Juli – schlaflos stehst Du am Fenster, ein kraftloser Halbmond gießt sein Licht über Deinen mitternachtsblauen Schlafanzug – in einer von lauen Winden erwärmten Nacht im Juli, zwei oder drei Uhr muss es sein, blickst Du, unklare Traumbilder noch im Kopf, über die Dächer Leukerbads, blickst hinauf und hinüber zu den groben, den abschreckend anziehenden Felskaskaden, hältst ein Glas Wasser in der Hand und horchst, schaust horchend in diese einladend milde Nacht hinaus, und beim vierten, fünften Schluck aus dem Wasserglas bemerkst Du es: Es hat sich in Deinen Ohren etwas Entscheidendes verwandelt, etwas Bedeutendes ist in Dir herangereift, Du hörst die Dala rauschen, als sprudle ihr Wasser quellenklar vor Deinen nackten Füssen, und das leicht schmatzende Geräusch, das Du jetzt vernimmst, muss tatsächlich von dem staubgrauen Nachtfalter herrühren, der eben vorhin auf dem Fenstersims gelandet ist und dort nun seine vordersten Beine zum Mund führt und sie reinigt und abermals reinigt mit einer rührenden Geduld.

Es dauert eine Weile, bis Du Dich vom Anblick dieses Falters lösen kannst, und als Du wieder hoch in den Himmel schaust, andächtig auf das konzentriert, was Du zu hören vermagst, so ist Dir gar, als könntest Du nicht nur sehen, sondern auch hören, wie der sanfte Nachtwind zwei filigrane, auf den Horizont zulaufende Kondensstreifen allmählich zusammenschiebt zu einer Sache, welche Wolke genannt zu werden verdient.

Du verstehst nicht zu sagen, ob es sich nicht doch um eine nächtliche Täuschung Deines Wahrnehmens handelt, um einen Traum gar, aber dieser neue, dieser erstaunlich klare Gehörsinn zieht Dich unvermittelt nach draußen, zieht Dich hinaus in die Landschaft, in die Natur hinein, in eine Natur, die jetzt nichts anderes mehr ist als eine mächtige, eine unwiderstehliche Einladung der gesteigerten Akustik.

Ohne auch nur das Geringste mitzunehmen, gehst Du aus der Tür, lässt Deine Wohnung hinter Dir, lächerlich fern ist jetzt alles, was bisher wichtig schien; mit unheimlich wachen Sinnen verlässt Du barfuß das schlafende Dorf.

Talabwärts marschierst Du, der mächtig rauschenden Dala entlang, an Inden vorbei, der Rhone entgegen, und noch ehe Du überlegen kannst, biegst Du kurz vor Leuk ab und gehst den Weg hoch, der hinführt zur Bodensatellitenstation Brentjong.

Bald hast Du sie direkt vor Dir, diese sanften, weißen Riesenmuscheln, diese überdimensionierten Halbkugeln, die hier die sonst unbemerkt verhallenden Signale des Universums einfangen. Sieben, acht, neun Stück müssen es sein, je mehr Du Dich umschaust, desto zahlreicher werden diese weißen Monumente des Horchens.

Es versteht sich, dass die Anlage von einem stacheldrahtgeschmückten Maschendrahtzaun umgeben ist. Aber mit Maschendrahtzäunen verhält es sich nicht anders als mit Damenstrümpfen; früher oder später reißt eine Masche, und lange bleibt es unbemerkt.

Tatsächlich findest Du rasch eine defekte Stelle, wo Du hindurchkriechen kannst. Viel Raum bleibt nicht, Du musst gut aufpassen, dass Dein mitternachtsblauer Schlafanzug sich nicht an einem Drahtende verfängt, und vorsichtig ahnend, dass Dich große akustische Glücksmomente erwarten, betrittst Du den Satellitenstationsboden.

Wie locker im Wald verteilte Pilze stehen diese mächtigen, allesamt in einem unbestechlichen Weiß gehaltenen Konstruktionen auf dem Areal verstreut. Manchmal stehen zwei ganz ähnliche dicht beieinander und horchen in die exakt selbe Richtung, als hätten sie sich verbrüdert und würden sich eine schwierige Aufgabe teilen. Andere behaupten eine spezielle Himmelsrichtung ganz für sich allein, scheinen stolz darauf und wollen mit den anderen, die scheinbar nur zufällig auch noch da sind, möglichst nichts zu schaffen haben. Ein ganz großer Empfänger hat seine Schüssel nicht nach Ost und nicht nach West, hat seine Schüssel in überhaupt keine Himmelsrichtung gereckt; senkrecht hoch gehen seine Fühler, und es sieht überhaupt nicht stolz aus, eher so, als sei er dazu verknurrt worden, das hier spärlich fallende Regenwasser aufzufangen.

Schließlich wählst Du unter jenen, die ihre metallenen Körper nach Südosten ausgerichtet haben, den größten aus. Die Kanten der metallenen Treppe schneiden unsanft in Deine nackten Füße, aber das kümmert Dich nicht, Du steigst empor an nachtkühlem Metall, Hände und Fußballen fühlen ein Summen, eine sanfte, metallene Vibration, es ist die Verbindung von Dir und diesem metallenen Leib, die Dich euphorisiert, und als die Treppe schließlich endet, auf einer engen Metallplattform, befindet sich über Deinem Kopf eine runde Luke, gesichert von einem massiven Griff.

Nichts scheint deutlicher als der Umstand, dass Du zu diesem Griff hinlangen, dass Du die Luke öffnen musst. Die Einsicht, dass Du nun direkt unter dem Trommelfell dieser Anlage stehst, erfüllt Dich mit einer wunderbaren Aufregung, und Du versuchst, Dich zu sammeln, um alle Details dieses Moments zu würdigen.

Unvermittelt streift Dich etwas.

Streift Dich, ehe es Dich trifft: Der Lichtkegel einer Taschenlampe ist es, und gleich darauf trifft Dich auch die grobe Stimme jenes Mannes, der eine Uniform der Firma Securitas trägt, trifft Dich die Stimme jenes Mannes, der viele Meter unter Dir steht und furchtbar schlecht gelaunt scheint und Dir erklärt, es sei der Aufenthalt auf dem Gelände strengstens verboten.

Du weißt nichts zu erwidern, blickst ruhig hinab zu diesem uniformierten Mann, der nun den Kegel seiner Taschenlampe wegnimmt aus Deinem Gesicht, vielleicht sogar aus Höflichkeit, er weiß ja sicher, wie arg das blendet.

Du erwiderst noch immer nichts; auch er scheint nichts mehr sagen zu wollen. Vielleicht hat dieser Mann in seinem Leben schon zu viele Male zu ähnliche Worte wiederholen müssen, vielleicht hat er die Kraft verloren, auch nur einen einzigen schon gesagten Satz nochmals zu sagen, jedenfalls schweigt er, wie auch Du schweigst, und jedenfalls fühlst Du, es verbindet Dich jetzt mit diesem Mann eine wunderbare Stille, ein wunderbar stilles Einverständnis, und als Du sicher bist, dass Dich diese Stille innig verbunden hat mit dem stumm in seiner Uniform verweilenden Mann, räusperst Du Dich leise, um ihn nicht zu erschrecken, dann fragst Du: «Möchten Sie nicht hochsteigen, zusammen mit mir die Luke öffnen und es sich anhören, das liebkosende Flüstern des Universums?»

Urs Mannhart, geboren 1975, lebt als Schriftsteller, Reporter und Landwirt in der Schweiz. Er hat Zivildienst geleistet bei Raubwildbiologen und Drogenkranken, hat ein Studium der Germanistik abgebrochen, ist lange Jahre für die Genossenschaft Velokurier Bern gefahren, war engagiert als Nachtwächter in einem Asylzentrum und absolvierte auf Demeter-Betrieben die Ausbildung zum Bio-Landwirt. Für sein literarisches Werk erhielt er eine Reihe von Preisen, darunter 2017 den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Im selben Jahr war er zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen; sein Text stand auf der Shortlist. Sein neuster Roman «Gschwind oder Das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen» erschien 2021 bei Secession. Im Herbst 2022 erscheint bei Matthes & Seitz «Lentille. Aus dem Leben einer Kuh»: «Ein Bericht über die komplexen Beziehungsgeflechte zwischen Menschen und more-than-humans, der zeigt, wie bereichernd es ist, Zeit in der Nähe einer wiederkäuenden Kuh zu verbringen.»

Karl Rühmann «Die Wahrheit, vielleicht», rüffer & rub

Felipe ten Holt ist Dolmetscher. Ein Beruf zwischen den Wahrheiten. Er übersetzt, steht bei Gesprächen zwischen den Parteien, zwischen den Fronten. Felipe ten Holts Leben stand schon immer zwischen den Wahrheiten, zwischen den Welten. Karl Rühmann begibt sich in seinem neuen Roman „Die Wahrheit, vielleicht“ auf einen schmalen Grat.

Karl Rühmann liest am 26. Internationalen Literaturfestival Leukerbad

Überall, wo gesprochen wird, prallen Wahrheiten, verschiedene Realitäten aufeinander. Die beiden Pandemiejahre machten offensichtlich, das Wahrheiten völlig unterschiedlich, manchmal unvereinbar, in nichts deckungsgleich sein können. Gespräche in unterschiedlichen Sprachen. Wenn bei Gesprächen die Sprache an sich schon verschieden ist und man sich nur über DolmetscherInnen verständigen kann, wenn Parteien aufeinander stossen, deren Ziele, Absichten und Hoffnungen diametral auseinander liegen, dann wird Wahrheit zu einem flirrenden Etwas; unfassbar, kaum einzugrenzen.

Felipe ten Holt wuchs in einer Familie auf, in der Sprachen schon immer eine übergeordnete Rolle spielten. Muttersprache seiner Mutter war Spanisch, Vatersprache Deutsch. Felipe ten Holts Vater sprach mit ihm in einer Mischung aus Niederländisch und Deutsch. Wäre es nach dem Wunsch Felipes Mutter gegangen, hätte sie noch viel mehr Sprachen gelernt. Sprachen schienen so etwas wie Gewänder und Kleider, in denen man sich ganz anders bewegte. Aber die Geschichte der Mutter sollte nicht nach ihren Wünschen verlaufen. Pappie, ihr Mann, wurde eines Tages von der Polizei abgeholt und verschwand im Gefängnis. Die Gründe für das Verschwinden von Felipes Vater liess seine Mutter im Dunkeln. Das war nichts für einen kleinen, sensiblen Jungen.

Karl Rühmann «Die Wahrheit, vielleicht», rüffer & rub, 2022, 224 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-907351-00-0

In der ganz eigenen Welt seiner Mutter beginnt der junge Felipe Eigenheiten zu entwickeln, die er bis in sein Erwachsensein mitnehmen wird; seine Sehnsucht nach Klarheit und Ordnung, seine stetige Suche nach Zusammenhängen und Zuordnungen. Aber eine neue Bekanntschaft seiner Mutter zu einem Maler, die zu Beginn noch wie Liebe aussieht, bringt nicht nur das Leben von Felipe in einen Sturm aus Emotionen und Verunsicherung. So sehr der Neue Felipe als Störfaktor in seiner Beziehung sieht, so sehr ist Felipe überzeugt, das die Motive des Neuen an der Seite seiner Mutter keine redlichen sind. Es entbrennt ein Kampf um die Gunst der Mutter, ein Krieg verschiedener Wahrheiten. Bis die Situation eskaliert.

Sprachen werden auch Felipes Leidenschaft. Er studiert sie, wird dank seiner kombinatorischen Fähigkeiten zum Verhörspezialisten ausgebildet, bis ihn seine Reisen und Einsätze wieder zurück an jene Orte führen, aus denen er in seiner Jugend gerissen wurde. Felipe wird Dolmetscher, manchmal in Spitälern oder Schulen, manchmal bei Ämtern oder auf Polizeiposten. Felipe versucht sich tunlichst aus den Leben herauszuhalten, die an solchen Gesprächen teilnehmen, auch wenn er als ehemaliger Verhörspezialist genau spürt und aus den Formulierungen heraushört, dass sich die Wahrheit versteckt hält, dass man Lügen aufsitzt, man sich nicht versteht, obwohl Formulare ausgefüllt und Abmachungen festgelegt werden. 

Karl Rühmann schildert ein Leben, das sich im Dazwischen festgesetzt hat, eine Existenz, die schon in der Jugend erfahren musste, dass sich Wahrheit diametral spiegeln kann. „Die Wahrheit, vielleicht“ ist zum einen die Geschichte eines Mannes, der an den Spiegelungen der Wahrheiten zu zerbrechen droht und ein Roman über die Wahrheit selbst. Trägerin dieser Wahrheiten ist die Sprache. Und so sehr Verständigung unter Sprachen, selbst in der gleichen, schwierig bis unmöglich ist, so sehr verhält es sich mit den Wahrheiten selbst. Sprache suggeriert Eindeutigkeit. Aber so sehr Deutung und Interpretation das Gehörte und Gelesene erreichen können, so sehr kann die Suche nach Wahrheit zerreissen. Karl Rühmanns Protagonist hofft auf Strategie, Technik, nicht zuletzt auf die Psychologie, um irgendwann festzustellen, dass nicht einmal der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Wahrheit zu trauen ist.

Karl Rühmann erzählt auf drei Ebenen. Szenen aus der Lebensgeschichte des Protagonisten sind verwoben mit Schilderungen verschiedenster Gesprächssituationen, in die Filipe ten Holt gerufen wird – und Auswertungsgesprächen zwischen ihm und seinem Ausbildner, als man im zum Verhörspezialisten machte. Alle drei Ebenen erzählen vom Kampf eines Mannes, sich aus fremden Geschichten heraushalten zu wollen. Ein Kampf, der letztlich nur zu verlieren ist. Ein Kampf, bei dem es keinen Trost gibt.

„Die Wahrheit, vielleicht“ ist keine leichte Kost, auch keine Geschichte, die klärt. Karl Rühmanns Roman ist die Aufforderung, sich mit seinem eigenen Sehen und Hören auseinanderzusetzen, sich diesem einen „Vielleicht“ auszusetzen!

Karl Rühmann wurde 1959 in Jugoslawien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster und war Sprachlehrer und Verlagslektor. Heute lebt er in Zürich als Literaturübersetzer und Autor von Romanen, Hörspielen und zahlreichen, international erfolgreichen Kinderbüchern. Sein Roman «Der Held» war nominiert für den Schweizer Buchpreis 2020. Für seinen ersten Roman «Glasmurmeln, ziegelrot» wurde Karl Rühmann 2015 mit dem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet. Publikationen, die nicht bei rüffer&rub erschienen: «Der alte Wolf» (2019), «Eine wundersame Reise» (2018), «Komm mit zum Fluss» (2017), «Leseglück» (2015), «Wer bist denn du?» (2010) u. a.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Franz Noser

Robert Bussmann & Peter Weibel, zweimal 75 Jahre Leben, zweimal 40 Jahre Literatur!

Das Literaturhaus Thurgau lädt die beiden Dichter Rudolf Bussmann und Peter Weibel zusammen mit ihrer Verlegerin Judith Kaufmann zu einem Geburtstagsabend ein. Ein Feiertag für alle drei Gäste und ein Feiertag für die Literatur!

Rudolf Bussmann und Peter Weibel feiern in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. Beide sind von Literatur durchtränkt. Beide schreiben Romane, Erzählungen, Gedichte. Und weil ihr Verlag, die edition bücherlese, heuer ihr 10jähriges Jubiläum feiert, waren dies Gründe genug, um mit Literatur und Gespräch Rudolf Bussmann, Peter Weibel und Judith Kaufmann zu feiern.

Beide Dichter, werden sowohl Passagen aus ihrer Prosa lesen wie Gedichte, die in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben wurden. Gemeinsam mit der Verlegerin Judith Kaufmann tauchen wir in den Kosmos zweier Dichter ein, denen die Leidenschaft für Literatur eine breite Spur ins Leben zeichnet.

Ein paar Stimmen:

«Ungerufen»: Hier versammelt Rudolf Bussmann an die hundert Gedichte, die in sechs Abteilungen eine breite Vielfalt an lyrischen Formen präsentieren. Der Autor lässt sich ganz auf Bilder ein, die ihm ungerufen begegnen. In der Stille erreicht ihn nur leise das Nachklingen des alltäglichen Lärmens. Gemeinsam ist diesen Gedichten eine poetische Beweglichkeit, die unterschwellig immer auch eine leise Melancholie verrät. Trotz und Demut heben sich gegenseitig auf. Der Autor hält sich, wie es einmal heisst, an all das, was ihm beim Anfassen zerfiel.
Beat Mazenauer in Viceversa 14

«Ein Duell»: Eingebettet in die Auseinandersetzung zweier Schweizer Freunde beschreibt Rudolf Bussmann auf ebenso erschütternde wie zurückhaltende Weise die letzten Lebensmonate der DDR-Autorin Irmtraud Morgner, mit der er selbst liiert war und deren Werk er postum herausgegeben hat.
Charles Linsmayer

«Der Schmetterling schläft»: Peter Weibel hat sich stets des Menschen und des Lebens angenommen. Die Worte, die er in seinen Büchern wählt, wirken wie heilende Hände. Seine Sprache ist wie Poesie, sie schafft wunderbare Bilder und ist von einer Poesie und einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht.
Dieter Langhart, St. Galler Tagblatt

«Schneewand»: Ein intensives Lektüreerlebnis, das mit kraftvollen Bildern existenzielle Fragen aufwirft.
Babina Cathomen über Peter Weibel, Kulturtipp

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Nach der Promotion bildete er sich zum Gymnasiallehrer aus und war an verschiedenen Berufs- und Höheren Fachschulen tätig. Er schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und ist als Herausgeber und Übersetzer tätig. Zuletzt erschienen: „Das andere Du“ Roman (2017), „Ungerufen“ Gedichte (2019), „Herbst in Nordkorea. Annäherung an ein verschlossenes Land“ (2021) und «Der Flötenspieler» (1991/2022). Rudolf Bussmann leitet Schreibseminare und Lesezirkel, er lebt in Basel.

Peter Weibel, geboren 1947, hat Medizin studiert und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. 1982 erschien ein erster Prosaband «Schmerzlose Sprache», seither veröffentlich er regelmässig Prosa und Lyrik. Er erhielt unter anderem einen Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und den ersten Kurt Marti Literaturpreis für «Mensch Keun» (2017). Für die Texte «Hannah» und «Kocherpark» wurde er beim Bund-Essay-Wettbewerb 2015 bzw. 2019 ausgezeichnet. 2019 «Schneewand«, 2021 «An den Rändern» und im kommenden Herbst die Erzählung «Akontos Berg». Peter Weibel lebt in Bern.

Die edition bücherlese wurde 2013 von Judith Kaufmann gegründet und verlegt überwiegend belletristische Werke von Schweizer AutorInnen. Als junger Verlag veröffentlichte die edition bücherlese in den letzten Jahren einige Debütromane, etwa von «Knochenlieder» von Martina Clavadetscher oder «Balg» von Tabea Steiner, aber auch Bücher von bereits etablierten Schreibenden wie Rudolf Bussmann oder Peter Weibel. Der Verlag ist seit 2018 in Luzern beheimatet. Blick in den Verlag (video, youtube)

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», edition bücherlese

In „Der Flötenspieler“ geht einer weg, haut ab. Etwas, was man in der Gegenwart manchmal gerne tun würde, wenn es denn eine Chance gäbe. Thomas Waller tut es, mit fast nichts, ausser seiner Flöte und einer Vergangenheit, die sich nicht mehr mit der Gegenwart koppeln lässt. Ein Roman für AbenteurerInnen!


Rudolf Bussmann, Dichter, Romancier, Übersetzter, Herausgeber und Literaturvermittler feiert heuer seinen 75. Geburtstag. Rudolf Bussmanns Leben ist Literatur. Er ist keiner jener, die sich in ihrer stillen Kammer zurückziehen und nur dann an die Öffentlichkeit treten, wenn ihre Literatur im Fokus steht. Nichts gegen ein spitzweg’sches Dasein, nichts gegen Schreibende, die sich ganz auf ihr eigenes Tun konzentrieren (müssen). Rudolf Bussmann schreibt nicht nur Gedichte, Erzählungen und Romane, er schreibt sich mit seinem Engagement auch in die Herzen jener, die ein Gegenüber brauchen, das zuhört und versteht. Sei es als Moderator an der BuchBasel oder am Internationalen Lyrikfestival in Basel, sei es in der Lyrikgruppe Basel um Alisha Stöcklin, Claudia Gabler, Simone Lappert, Ariane von Graffenried und Wolfram Malte Fues, in der man sich regelmässig trifft, die Lyriktage vorbereitet, kuratiert und jedes Jahr den von der GGG Basel gestifteten Basler Lyrikpreis vergibt.

«In ein paar Jahren, wenn die Alten weg sind, haben wir nur noch Leute, wie wir sie brauchen, durch und durch eingespielt in die Elektronik. Zuverlässig wie die Programme.»

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler, edition bücherlese, 2022, 288 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Anlässlich seines 75. Geburtstags brachte sein Verlag edition bücherlese seinen 1991 bei Luchterhand erstmals erschienenen Roman „Der Flötenspieler“ erneut heraus. Ein Geschenk an den Schriftsteller, aber viel mehr an LeserInnen, denen der Zugang zu diesem schillernden Roman verwehrt geblieben wäre, hätte der Verlag den Mut nicht gehabt, dem Roman noch einmal eine Tür zu öffnen. „Der Flötenspieler“, ein gleichermassen geheimnisvoller, prophetischer und poetischer Roman.

Thomas Waller, verheiratet mit Mathilde, arbeitet bei der Perduta-Versicherung, eben umgezogen ins Limbus-Haus, einen gläsernen Palast, minothaurisch verwinkelt. Limbus, im Volksmund auch „Vorhalle“, Sitz einer Versicherungsgesellschaft, die Rationalisierung und Effizienz zur obersten Maxime macht und hinter Hochglanzfassaden seinen ArbeitnehmerInnen selbst dann ein Lächeln abringen will, wenn es rein gar nichts zu lachen gibt. Auch Thomas Waller hat nichts zu lachen. Die Enge am Arbeitsplatz schlingt sich immer heftig um ihn, schlägt auf seine Gesundheit, bis er abtaucht und verschwindet, nicht nur von seiner Arbeitsstelle, sondern auch aus seiner Ehe, die wie seine Arbeit zu einem Gefängnis wurde. Er verschwindet im Jura, im Wald, einem kleinen Dorf, in einem Hotel, das nicht wirklich offen für Gäste scheint, in einem kleinen Kosmos. Etwas, was er aus seinem alten Leben mitnimmt, ist seine Flöte, ein Instrument, dass in der Vergangenheit einst eine grosse Hoffnung in sich trug.

«Der Hass läuft ins Innere der Gesellschaft und frisst die Liebe aus ihr weg.»

Rudolf Bussmanns Geschichte ist in der Zeit nach der Tschernobyl-Katastrophe angesiedelt. Waller führt Tagebuch und jene, die sich nach seinem gänzlichen Verschwinden auf die Suche nach Waller machen, finden diese Bücher. Auch die Polizei, die einen Suizid nicht ausschliesst, aber trotz Nachforschungen keine Beweise offen legen kann, beschäftigt sich mit Wallers Verschwinden. Die Tagebücher zeigen einen sensiblen Mann, der sich durch Tschernobyl, zunehmende Umweltsorgen, den Kämpfen am Arbeitsplatz und den Verlust seiner Liebe zu seiner Frau immer mehr in eine Zwischenwelt verliert. Heute würde man bei Waller wohl von einem Burnout sprechen, damals, in den 80er, schien es ein solches nicht zu geben.

Das minotaurische Labyrinth im Limbus-Haus an seinem Arbeitsplatz spiegelt sich auch im Leben des Protagonisten. Waller findet nicht heraus. Und wenn, dann nur durch die bedingungslose Flucht. Einfaches Leben scheint nicht mehr möglich. Das Leben hat sich zu einer Vorhalle verwandelt. Eine Ansicht, die angesichts dessen, was momentan auf unserem immer kleiner werdenden Planeten an Aktualität nur gewonnen hat. Aber es ist nicht so sehr das Labyrinthische in Wallers Leben, das an „Der Flötenspieler“ interessiert und fasziniert. Es ist das Labyrinthische an der Geschichte selbst. Der Roman selbst ist ein Labyrinth, das mich als Leser immer und immer wieder zu einem Innehalten zwingt. Faszinierend, wie Geschichte und Sprache schillern und oszillieren. Rudolf Bussmanns Roman ist von kafkaesker Kraft, überzeugt mit Bildern, die ausmachen, was Menschsein bedeutet; Geheimnisse.

«Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.»

Waller flieht nicht nur vor seinen Aufgaben, er flieht auch vor sich selbst, all den Unerklärlichkeiten, dem Scheitern, seiner Psyche, in der er sich verliert. „Der Flötenspieler“ ist ein Abenteuer, ein literarisches Abenteuer, dem ich auch 30 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung abenteuerliche LeserInnen wünsche!

Interview vom 14.04.1991, 8 Min

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Nach der Promotion bildete er sich zum Gymnasiallehrer aus und war an verschiedenen Berufs- und Höheren Fachschulen tätig. Er schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und ist als Herausgeber und Übersetzer tätig. Zuletzt erschienen: «Das andere Du» Roman (2017), «Ungerufen» Gedichte (2019), «Herbst in Nordkorea. Annäherung an ein verschlossenes Land» (2021). Rudolf Bussmann leitet Schreibseminare und Lesezirkel, er lebt in Basel.

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Beitragsbild © Claude Giger

Jürg Beeler «Möglicher Anfang eines Romans», Plattform Gegenzauber

1

Nun ist es still geworden um mich, endgültig still, und ich weiß nicht, ob ich diese Stille mag, ob ich für sie geschaffen bin.
Vielleicht bin ich bald einer wie mein Vater. In den letzten Jahren seines Lebens trug er immer dasselbe Sakko, das ihm zu groß war. Jedes Jahr wurde es größer, jedes Jahr sah er darin noch verlorener aus. Bald kannst du darin zelten, sagte ich ihm.

 

2

Mein Vater saß in den Drei Mönchen vor seinem Glas, als wir uns zum letzten Mal sahen. Schnee fiel hier noch nie, sagte er, und das Licht ist dasselbe wie in der Stadt, nur fällt es anders, stiller.

Mein Vater konnte nur mit Mühe lesen, mit dem Alphabet stand er auf Kriegsfuß, wie er mit vielen Dingen im Leben auf Kriegsfuß stand.
Wenn ich mit dem Schulbus an der Tankstelle vorbeikam, winkte mein Vater im blauen Overall. Im Sommer saß er auf einem Klappsessel im Schatten, wartete auf Kunden und hätte gerne den neuesten Lancia oder Alfa Romeo gefahren, doch er bediente lediglich die Zapfsäule und fuhr mit dem Schwamm über die Frontscheibe, wenn ein Kunde es verlangte. Nachher hätte man auch bei klarem Himmel nur Nebel gesehen.

Sobald mein Vater nach Hause kam, stellte meine Mutter das Radio lauter. Es gefiel ihr nicht, dass sie ausgerechnet mit diesem Mann verheiratet war. Einem Mann, der eines Tages in dem Hotel abgestiegen war, in dem sie arbeitete. Es regnete nicht, der Himmel war von urlaubsmäßigem Blau, doch die Gassen der Stadt waren überflutet. Nichts zu machen, er konnte das Hotel nicht verlassen, und die Frau, die am Empfang saß, war zu hübsch, um sich darüber zu beschweren. Zwei Wochen später als vorgesehen kehrte er aus dem Urlaub zurück, eine Ungeheuerlichkeit, die ihn seine dritte Stelle kostete. Doch er war noch jung, zwanzig erst, und machte sich keine Sorgen.

 

3

Meine Mutter kam aus Venedig. Genauer aus Mestre, aber sie sagte immer Venedig. Das ist nicht dasselbe, Venedig und Mestre sind durch einen Damm voneinander getrennt, korrigierte sie mein Vater, um sie zu ärgern, doch meine Mutter ignorierte diesen Damm, wie sie im Leben überhaupt Dämme und Grenzen nicht mochte.
Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als wir aus der Stadt ins Dorf zogen. Die Wäsche meiner Mutter trocknete im Freien, und man sah, was sie unter den Röcken trug: verschiedene Farben, leuchtende Farben, und das sorgte für Unruhe im Dorf.

Nie lud ich Kameraden nach Hause ein. Meine Mutter wunderte sich, dass ich nicht Fußball spielte wie andere Jungs. Lass ihn doch, sagte Onkel Karl. Hauptsache, er wird größer.
Für Onkel Karl, der nie Fußball gespielt hatte, war Größerwerden schon viel, mehr konnte man von einem Kind nicht verlangen.
Der Fußball ist eine vollkommen nutzlose Erfindung, doch ich lag gerne auf einem verlassenen Fußballplatz und betrachtete den Himmel. Kaum fixierte ich eine Wolke, erschrak sie und veränderte sich unter meinem Blick, dehnte sich aus, ballte oder teilte sich, ich betrachtete den Himmel, und irgendwann zogen immer Wolken auf.
Der Junge zieht das Unglück an, behauptete meine Mutter. Dasselbe soll auch Fernando Pessoas Mutter von ihrem Sohn gesagt haben, aber das wußte ich damals noch nicht.

Wenigstens einmal im Leben eine Haremsdame sein, notierte dieser große portugiesische Dichter gleich zwei Mal in seinem Buch der Unruhe. Pessoa war ein scheuer Mensch, darum träumte er sich in einen Harem hinein. In seiner Phantasie war er der Scheich, den die Haremsdamen liebten wie eine Mutter ihr Kind, zugleich war er die Haremsdame, die leidet. Er wollte beides sein, Mann und Frau, er wollte als Mann in sich selbst eindringen, in sich als Frau. Er war zu delikat gebaut, zu melancholisch und luzide, um dem Terror eines Ehelebens etwas abgewinnen zu können.
Was ist ein Harem, fragte ich als kleiner Junge Onkel Karl. In einem Harem gehören alle Frauen dir, und das macht das Leben weniger kompliziert.

Onkel Karl war der Jüngste von Vaters Brüdern. In den Augen seiner Frau brauchte er für alles zu lange. Warum muss immer alles so schnell gehen, beschwerte er sich, rückte vor dem Spiegel seine Weste zurecht, zupfte an seinem Schnauzbart und lächelte, als wäre er sehr eingenommen von der Begegnung mit seinem Doppel.
Mach schon, wir kommen zu spät!
Wenn man sich Zeit lässt, ist man überall rechtzeitig, antwortete Onkel Karl und holte zu einer weitschweifigen Erklärung aus, um die Geduld seiner Frau noch ein wenig zu strapazieren.
Bevor ich das Haus verlasse, will ich überprüfen, ob ich wirklich mit meinem Spiegelbild identisch bin. Wäre das nicht der Fall, hätte ich dauernd Meinungsverschiedenheiten mit mir, ich läge mit mir im Streit, und das brächte niemandem Glück. Man sollte keine Freunde besuchen, wenn man nicht im Einklang mit sich selbst ist. Aber heute bringt ja keiner mehr die Geduld auf, solche Dinge zu überprüfen, als wäre völlig egal, wer wir sind.

 

4

Mein Vater saß in seinen letzten Jahren fast täglich in den Drei Mönchen. Ich habe ihn in diesen Jahren nie mehr lachen gehört, aber er lächelte, wenn ich kam.
Warum sagte er, Schnee fiel hier noch nie? In der Ferne sah man die Voralpen, Schnee fiel im Dorf fast jeden Winter. Ich fragte nicht nach, mein Vater war keiner, der sich die Dinge erklärte.
Noch abwesender als sonst schien er, als hätte er sich von dieser Welt bereits verabschiedet. Doch das wurde mir erst in der Erinnerung deutlich, denn die späteren Ereignisse ließen mich unser Treffen anders sehen.
Ich werde die Wohnung verkaufen, sagte er. Ich will noch einmal verreisen, diesmal endgültig. Ich will mein Leben nicht in diesem Nest beenden.
Ich nickte, seit Jahren schon redete er davon, dass er seine Frau, meine Mutter, noch einmal sehen wolle, ich nahm seine Worte nicht sehr ernst. Warum sollte er, der im Leben nie etwas angepackt hatte, sich ausgerechnet jetzt aufraffen?
Ich ahnte nicht, dass es unsere letzte Begegnung sein würde. Mein Vater musste schon länger in den Drei Mönchen auf mich gewartet haben, sein Weinglas war fast leer.
Du weißt es wohl noch nicht, sagte er. Karl ist gestorben.
Onkel Karl?
Im vergangenen Sommer.

Mit einer Trompete flog ich am nächsten Morgen nach Lissabon zurück. Mit Onkel Karls Trompete. Mein Vater hatte sie mit in die Drei Mönche genommen. Sie gehört dir. Karl hat dich immer besonders gemocht.

 

5

Onkel Karl war Trompeter im Orchester des Opernhauses gewesen, der einzige Stadtmensch unter meinen zahlreichen Onkeln. Trotzdem war er häufig bei uns auf dem Land.
Wenn Onkel Karl uns besuchte, war meine Mutter glücklich und nachsichtig mit meinem Vater und mir. Onkel Karl war ein schwerer Mann, doch in seiner Nähe fühlte ich mich leicht. Gespannt beobachtete ich, wie sich Onkel Karl auf einen der morschen Gartenstühle setzte, aber Onkel Karl zauberte, der Stuhl krachte unter ihm nicht zusammen.
Eines Tages nahm mich Onkel Karl mit in die Stadt, wir besuchten den Zoo. Die Flamingos standen auf einem Bein, reglos, den Kopf im Gefieder. Noch nie hatte ich einbeinige Vögel gesehen, doch Onkel Karl schüttelte den Kopf. Sie haben zwei Beine wie alle Vögel, erklärte er.
Was macht das andere Bein, fragte ich.
Es schläft.
Wacht es nie auf?
Doch. Wenn es aufwacht, geht das andere Bein schlafen. Die Beine wechseln einander ab.
Träumt das Bein, wenn es schläft?
Natürlich träumt es. Und wenn es aufwacht, erzählt es dem Flamingo seine Träume, und darum wird es dem Flamingo nie langweilig.

Jürg Beeler anlässlich einer Lesung aus «Die Zartheit der Stühle» auf Schloss Mörsburg

Jürg Beeler, geboren 1957 in Zürich, studierte Germanistik in Genf, Tübingen und Zürich. Arbeitete als Deutsch- und Fremdsprachenlehrer und als Reisejournalist. Lebt in Südfrankreich und Zürich. Für seine literarische Tätigkeit wurde er verschiedentlich ausgezeichnet. Publikationen (Auswahl): «Die Liebe, sagte Stradivari» (2002), «Das Gewicht einer Nacht» (2004), «Solo für eine Kellnerin» (2008), «Der Mann, der Balzacs Romane schrieb» (2014), «Die Zartheit der Stühle» (2022)

Beitragsbild © Barbara Dietl

Leidenschaft für Politik – ein Abend mit Nora Bossong

„Demokratie ist nicht perfekt, und wir leben mit ihr nicht in der besten aller möglichen Welten; wir leben nur in einer der besten unter den bislang ermöglichten.“ Nora Bossong

Ganz zu Beginn stand eine Anfrage eines Verlags, ob Nora Bossong ein Buch über Demokratie schreiben wolle, denn das Thema beschäftigt die Autorin nicht erst mit diesem Buchprojekt, sondern weil sie sich immer wieder in politische Diskussionen, sei es nun schriftlich oder auf Bühnen, pointiert einmischt. Jetzt erst recht, wo man sie nach Veröffentlichung ihres Buches und dem Ausbruch des Ukrainekriegs immer wieder in prominente Gesprächsrunden einlädt.

Wer sich mit Literatur auseinandersetzt, wird in den letzten fast 20 Jahren unweigerlich mit dem Namen Nora Bossong konfrontiert. Sei es als Dichterin, von der 2018 der Lyrikband „Kreuzung mit Hund“ bei Suhrkamp erschien, Lyrik, die sich wie ihr ganzes Schreiben, mit der Welt verzahnt. Sei es als Romancier von der 2006 ihr Debüt „Gegend“ Wellen schlug oder 2019 „Schutzzone“, ein Roman, der im gleichen Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Aber Nora Bossong ist auch Kolumnistin, Essayistin und Sachbuchautorin mit den Büchern “Rotlicht“ oder „auch morgen“.

Nora Bossong mischt sich ein, bringt sich ein, nun seit bald 20 Jahren mit wacher und deutlicher Stimme weit über den Literaturbetrieb hinaus, nimmt zu aktuellen Fragen weit über Deutschland hinaus Stellung, argumentiert mit einer Stimme, die nicht zu überhören ist.

Nora Bossong «Die Geschmeidigen. Meine Generation und der neue Ernst des Lebens», Ullstein, 2022, 240 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-550-20200-1

Nora Bossong sprach für ihr Buch „Die Geschmeidigen. Meine Generation und der neue Ernst des Lebens“ mit über zwei Dutzend ExponentInnen aus Politik, Forschung und Kultur, mit der Generation der heute (ungefähr) 40-jährigen, die nicht nur in Deutschland mehr und mehr das Ruder, Verantwortung übernehmen. Auch weil die Autorin selbst dieser Generation angehört, war die Auseinandersetzung mit dieser Altersgruppe, die sich zwischen „grauer Realpolitik“ und der Generation Greta Thunberg einzubringen versucht, das ideale Betrachtungsfeld, nicht zuletzt deshalb, weil es angesichts der zu bewältigen Aufgaben nur funktionieren kann, wenn sich die Gesellschaft des Werts einer funktionierenden Demokratie bewusst ist. So verknöchert die Strukturen der einen Generation erscheint, so schrill und laut gebärdet sich ein Teil der Fridays for Future-Generation. Eben jene Generation der „Geschmeidigen“ muss es sein, die verbinden soll, die die Ängste und Sorgen einer jungen Generation ebenso ernst nehmen muss, wie das Bewahrende des Gegenübers.

mit Moderatorin Cornelia Mechler

Nora Bossong ist überzeugt, dass in den jungen „MacherInnen“ nicht nur das realpolitische Tagesgeschäft und die Sorge um Wahlen spielt, sondern ebenso Visionen in eine mögliche Zukunft. Dies beweisen doch Koalitionen der Gegenwart, die in der Vergangenheit nie möglich gewesen wären. Nur Zusammenarbeit und die Fähigkeit sich an gemeinsamen Zielen zu orientieren gekoppelt mit dem ungebrochenen Glauben an die Demokratie kann mehrheitsfähig werden.

«Ein atmosphärischer Raum, ein aufmerksames Publikum und eine anregende Moderatorin auf der Bühne. Danke für den schönen Sommerabend in Gottlieben, der stimmig mit Aperó und Generationsgesprächen ausklang.» Nora Bossong

Engagierte, denkende, handelnde und reflektierende Menschen wie Nora Bossong machen Hoffnung!

Beitragsbilder © Literaturhaus Thurgau

Lisa Elsässer «Im Tal», edition bücherlese

Eine Frau verlässt ihren Alltag, tritt für einen Weile aus. In eine Hütte ganz hinten im Tal, in den Hang hineingebaut, geschützt vor dem, was vom Berg kommen kann. Ein paar Bücher, Stifte, Papier und das Nötigste, um für eine bestimmte Zeit von sämtlichen Verpflichtungen losgelöst zu sein. Sie geht weg und kommt sich dabei ganz nah!

Lisa Elsässer erzählt unaufgeregt. Und doch! Was auf den ersten Seiten fast meditativ mit aller Stille und reduziert offenbart wird, macht deutlich, dass unter dem ruhigen Erzählfluss weitere Ebenen mitwirken, die sich erst mit fortschreitender Lektüre entschlüsseln, die aber niemals einfach dazu dienen, eine Geschichte bloss zu dramatisieren. So wie die Frau in dieser Hütte auf das wenige, das da ist und was sie aus ihrem Leben mitgenommen hat, reduziert ist; eine einfache, unverrückbare Einrichtung, ein Holzherd, ein Fenster, eine Türe, drei Bücher auf dem Tisch, Papier und Stifte, so reduziert ist das Geschehen, in das die Frau abgetaucht oder aufgetaucht ist.
Sie will für ein paar Tage ihre Ruhe, will Ordnung bringen, will Atem schöpfen. Etwas, was viele wollen, die meisten nötig hätten in der Hektik des Alltags. Etwas, was mit all den kleinen Gadgets, die man sich zur Erleichterung angeschafft hat, immer schwerer wird. Heute braucht es Mut, wirklich alles zurückzulassen, um sich der Ruhe und sich selbst auszusetzen. So wie die Frau in dieser Hütte, in der sie vor Jahren schon einmal war, an einem Ort, von dem sie weiss, dass er geben wird, wenn sie bereit ist.

„Niemand stellte hier Ansprüche an sie. Es gab nichts zu verlieren, nichts zu gewinnen.“

Lisa Elsässer «Im Tal», edition bücherlese, 2022, 112 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-906907-56-7

Sie macht kleine und grosse Spaziergänge, die kleinen manchmal blossfüssig, grössere mit Wanderschuhen, sitzt vor dem Haus oder im Schein der Petroleumlampe am Tisch. Sie liest und schreibt, schreibt Briefe, die sie nicht abschickt, Briefe, die ihre Gedanken, ihr Leben ordnen. Und manchmal bekommt sie Besuch vom Bauern, von dem sie den Schlüssel zur Hütte hat. Man macht einen Schwatz, redet nicht viel, schweift nebeneinander mit dem Blick über die Berge. Bis der Bauer sie zu einer Wanderung zu „seinem“ See einlädt, ein bisschen weiter oben, mitten im Wald. Dort bricht es aus ihm heraus, denn es ist der Ort, an dem er sein Kind begrub, jene Zäsur in seinem Leben, die ihm die Familie und die Frau nahm.

In die Stille des Tals bricht ein Leben, das fast alles verlor; ein Kind, eine Familie, eine Liebe, eine Frau und den Glauben an sich selbst. Aber der Bauer schaffte es, sich wieder aufzurappeln, nur ganz leise für sich. So wie die Frau in der Hütte in ihr Leben ganz still jene Ordnung zurückbringen will, die es braucht, um sich über das eigene Selbst im Klaren zu sein.

„Sie wollte erfahren, was die Stille mit ihr anstellte.“

In Rückblenden erzählt Lisa Elsässer ganz behutsam, nur wenig vom Leben, dass die Frau in der Hütte im Tal zurückliess; von den Männern ihres Lebens, von ihrer Arbeit, auch von ihrem Schreiben und nicht zuletzt von einer Fremden, die sie über die letzten Monate und Jahre kennengelernt hatte, die sie manchmal bediente, wenn sie in einer Café-Bar aushalf. Eine Frau, die ihr irgendwann erzählte von einem Leben, aus dem sie geflohen war und noch immer flieht.

„Du bist auch eine Narbe geworden.“

Lisa Elsässer wäre nicht Lisa Elsässer, wäre sie den Verlockungen einer expressiven Dramatisierung erlegen. Lisa Elsässer ist nicht nur eine begnadete Erzählerin, sondern auch eine preisgekrönte Lyrikerin. Vielleicht ist das der Grund, warum alles an diesem Roman reduziert und eingedampft ist. Alles ist glasklar, wenn auch nicht durchsichtig, so wie Leben nie durchsichtig ist. Wieder so ein Buch, das man nach der Lektüre noch einmal durchblättert, hier und dort hängen bleibt, um noch einmal zu geniessen.

Buchtrailer

Interview

Ist das ein Schlüssel beim Schreiben? Wenn man den Lesenden das Gefühl geben kann „Ich lese auch von mir“? Und es trotzdem vermeidet, jenes Anbiedernde, Dienliche aufkommen zu lassen?
Nein, das ist für mich nicht der Schlüssel, weil jede Vorstellung beim Schreiben an die Vorstellungen der Leserin, des Lesers mich der Präzision, der Genauigkeit, der Wahrhaftigkeit, der Literarizität berauben würde, und der grosse Einsamkeitsakt des Schreibens ein Vorstellungsakt über das Empfinden eines Gegenübers werden würde! 

Du bist Erzählerin und Lyrikerin. Lyrik schliesst das Erzählende nicht aus und das Erzählende kann lyrische Melodien annehmen. Vielleicht ist es genau diese durchlässige, verwischte Grenze zwischen Lyrik und Prosa, die dein Schreiben, deinen Roman „Im Tal“ so beeindruckend macht; das Reduzierte, das Konzentrat. Ist es nicht eigenartig, dass man unter „Opus magnum“ zu schnell bloss an Wälzer denkt? Dein Roman ist vielleicht eine solches „Opus magnum“, so wie jenes Buch, dss deine Protagonistin mit ins Tal genommen hat, „Die Wand“ von Marlen Haushofer.
Mein Schreiben war immer geprägt von Verdichtung und Reduktion! Sie lassen dem Leser den Spielraum, das entstandene (innere) Bild zu verfertigen, das nicht zwingend dem des Schreibenden entsprechen muss! 

„Im Tal“ ist vieles: Die Selbstreflexion einer Frau, ein Versuch der Ordnung, ein Begegnung mit Stille und Natur, die Geschichte einer zarten Freundschaft, aber auch eine Geschichte darüber, dass Selbstliebe der Schlüssel zu aller Liebe ist. Warum machen wir es uns so schwer, uns selbst zu lieben?
Selbstliebe: eine hoch philosophische Frage, die, so meine ich, nur jede/r sich selbst ehrlich und reflektiert beantworten kann! 

Stille und Einsamkeit zu ertragen wird immer schwieriger. Beides kann zu einer Last werden, mit viel Angst verbunden sein. Warum müllen wir uns zu? Warum halten wir Stille und Einsamkeit nicht mehr aus? 
Einsamkeit, sich selber nahe zu kommen, erfordert den bedingungslosen Entschluss, das auszuhalten, was die Stille laut und heftig werden lassen kann, was ansonsten leider das „Brimborium“ zu erledigen, zu entkräften weiss! 

Irgendwie ist „Im Tal“ auch eine Liebesgeschichte, denn die Frau im Tal in der Hütte ordnet ihr Herz. Sie begegnet Menschen, die an der Liebe fast zerbrachen. Sie liebt das Unmittelbare, das Einfache, Ehrliche, das, wonach sich doch eigentlich alle sehnen. Was in der Gegenwart passiert, ist weit weg von dem. Ist die Überzeugung, dass jede Form von Literatur Friedensarbeit ist, eine romantische Verklärung?
Einen Friedensauftrag sehe ich in meinem Schreiben nicht, vielmehr halte ich mich an das Zitat von Joan Didion: „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“! Das erfüllt nicht immer den Begriff der Nostalgie, kommt aber dem Leben, das nun mal seine Brüche hat, viel näher als jede Verklärung!

Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa. Von 2005 bis 2008 studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der Zentralschweizer Literaturförderung 2018. Zuletzt erschien  bei Wolfbach der Gedichtband «Schnee Relief» (2019).

Beitragsillustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau