Eva Maria Leuenberger «die spinne», Droschl

Eva Maria Leuenbergers dritter Gedichtband war auf der SWR-Bestenliste! Schon erstaunlich für einen Gedichtband! Aber die Dichterin hat schon mit ihrem Debüt «dekarnation» mehr als nur aufmerksam auf sich gemacht. Jeder ihrer bisher erschienenen Gedichtbände ist Meilenstein der Dichtkunst, jedes ihrer Bücher ein Kunstwerk.

Man kennt die Bilder aus dem Netz: Ein Wal steigt aus dem Wasser und knallt auf eines der Boote, auf denen Touristen zu den Tieren gefahren werden. Ob eingebildet oder nicht entsteht zuweilen der Eindruck, als habe die Natur genug von der Spezies Mensch, die so gar nicht einsehen will, dass der Besitzanspruch dieser Gattung den Planeten irreparabel zu schädigen begonnen hat. Kein Wunder wird die Kunst zu einem Sprachrohr der Ohnmacht, der Verzweiflung, der Ratlosigkeit. Seien dies in der Belletristik oder im Film grassierenden Weltuntergangsszenarien oder Dystopien oder die grossflächigen Bilder eines Anselm Kiefer. Kunst, die keinen Hehl daraus macht, dass das Gefühl, im Kollektiv jene rote Linie längst überschritten zu haben, bis zur Depression und vollkommenen Lähmung führen kann.

Eva Maria Leuenberger «die spinne», Droschl, 2024, 96 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-99059-164-2

In Eva Maria Leuenbergers neuem Gedichtband «die Spinne» spricht eine Stimme mit einem flügellahmen Wesen, das im Bett liegt und zur Decke starrt. Dort sitzt die Spinne, ein Wesen, das bedrohlich in der Ecke hockt, seine klebrigen Fäden spinnt, sich ins Leben, ins Denken jener Person beisst, die dort liegt, sie, im Langgedicht «flügchen» heisst. Die Spinne war schon in Gotthelfs Novelle Synonym für die Bedrohung. «flügchen», eine leuenberg’sche Wortschöpfung, ein Wesen, dem man die Flügel nahm, die Fähigkeit zu fliegen, so wie die in die Spinnfäden eingewickelten Fliegen.

Angesichts all der unleugbaren Tatsachen, dass sich die Welt in eine Richtung verändert, die in der Gegenwart und Zukunft mit zerstörerischer Kraft auf unser Tun und Unterlassen reagieren wird, ist «die spinne» seltsam milde formuliert. Eva Maria Leuenbergers Langgedicht ist weder ökopolitische Kampfschrift noch in Depression verfallene Selbsterklärung. «die spinne» beschreibt jenes Gefühl der Machtlosigkeit, der Lähmung, das sich wie eine steinerne Decke über eine ganze Generation zu legen droht, denen man die Zukunft genommen hat, eine Zukunft, in der alles offen, alles möglich ist.

«Du liegst und liegst und liegst.» Man spürt den Schmerz, die Ratlosigkeit, das Unausweichliche in diesem Gedicht, weil es zur einzigen Antwort geworden ist, auf das zu reagieren, was sich wie ein Klotz an Körper und Geist hängt. Gleichzeitig ist Eva Maria Leuenbergers Gedicht der Versuch eines «Trotzdem», denn kein Wort trifft man in ihrem Langgedicht häufiger als «trotzdem», der Kontrapunkt zu einer anderen Formulierung, die sich im Text immer und immer wieder findet: «man gewöhnt sich an alles.»

«die Spinne» ist leicht, trotz des Schwere. Ein Langgedicht, das sich laut fast wie Prosa liest. Eine eingängliche, unkomplizierte, eindringliche, verletzliche, zarte Stimme, die mich nicht herunterziehen will, die aber sehr wohl das Zeug hat, genau den Nerv zu treffen. «die spinne» ist der Beweis, wie aktuell, wie lebensnah und ungekünstelt Lyrik sein kann!

Eva Maria Leuenberger wurde 1991 in Bern geboren und lebt in Biel. Sie studierte an der Universität Bern sowie an der Hochschule der Künste Bern. Veröffentlichungen u.a. in manuskripte und in Literarischer Monat. Sie ist zweifache Finalistin des open mike in Berlin (2014 und 2017). 2016 erhielt sie das »Weiterschreiben«-Stipendium der Stadt Bern, 2020 wird «dekarnation» – als erstes Lyrikdebüt – mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichnet. 2025 wird Eva Maria Leuenberger mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet!

Eva Maria Leuenberger & Pamela Méndez «rupture», eine Performance im Literaturhaus Thurgau vom 6. November 2020

Beitragsbild © Anja Fonseka

«Der Tod mein Freund? Er ist die Entfernung, die wir zum Leben brauchen» Husch Josten «Die Gleichzeitigkeit der Dinge», Berlin (17)

Lieber Bär

„Die Gleichzeitigkeit der Dinge“ – ein ungeheures Stück Literatur. Ein seltsamer Roman, bei dem die Autorin alles tut, was Literatur kann und gleichzeitig alles wagt, woran man scheitern könnte. Husch Josten erzählt, fabuliert, meditiert, philosophiert, bohrt und denkt nach. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, von Sourie, der sich vom Sterben und Tod faszinieren lässt ohne todessehnsüchtig zu sein. Von der Liebe zu einer älteren Frau, die nicht nur mit dem Sterben zu kämpfen hat, sondern sich im Schweif ihres viel jüngeren Geliebten fotografisch mit den letzten Bildern des Lebens beschäftigt, die Gesichter jener fotografiert, bei denen sich die Geschichten in den Falten eingegraben, die sich von den Anfängen verabschiedet haben. Von der Freundschaft zu einem Mann, der eine Gastwirtschaft führt, in der Sourie und Tessa Stammgäste werden.

Husch Josten wagt alles, weil sie sich in ein Thema schreibt, dem die meisten Menschen ein Leben lang geflissentlich aus dem Weg gehen und sich nur dann damit beschäftigen, wenn sie durch Umstände dazu gezwungen werden, durch einen Unfall, Krankheit, durch scheinbares Unglück, die Unwiederbringlichkeit der Endgültigkeit. Ich selbst habe die ersten fünfzig Jahre meines Lebens so getan, als gäbe es meine Endlichkeit nicht, als wäre ich unsterblich, wäre Lebenszeit ein Kontinuum. Selbst als vor 25 Jahren mein Vater starb, damals war er jünger als ich jetzt, war es sein Tod. Noch Monate später sah ich im Blick auf einen Männerrücken in der Strassenbahn meinen Vater, hätte mich nicht gewundert, wenn er seine Hand auf meine Schulter gelegt hätte. Heute bin ich ein alter Mann, zumindest aus der Sicht meiner Enkel. Eben Grossvater. Ich lebe noch immer, als wäre ein nächster Morgen logische Konsequenz, absolute Selbstverständlichkeit. Und wenn mich in langen Nächten dann doch einmal ein kalter Atem anhaucht, dann packt mich Panik. Wir hätten ein Leben lang Zeit, uns mit dem letzten grossen Abenteuer anzufreunden, oder zumindest jene letzte Reise nicht einfach auszusperren. 

Husch Josten beschäftigt sich einen Roman lang mit Sterben und Tod mit einer Unmittelbarheit, die schaudern lässt. Der Sog ihres Erzählens zieht mich nicht in die Tiefe, auch nicht hin zu sentimentaler Trauer, sondern rüttelt mich auf, weckt mich zumindest einen Roman lang, aber wahrscheinlich, wie in diesem Brief sichtbar, noch lange darüber hinaus. 

Husch Josten «Die Gleichzeitigkeit der Dinge*, Berlin, 2024, 224 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-8270-1513-6

Ich hatte das grosse Bedürfnis, diesen Roman langsam, stückweise zu lesen, in kleinen Portionen, nicht nur, weil ich den Genuss des Mäanderns so lange wie möglich geniessen wollte, sondern weil mich ihre Sprache betörte, die Intensität der Bilder und Situationen, der Dialoge und Gedanken.

Du warst ein Leben lang Arzt und bist mit Sterben und Tod viel intensiver in Kontakt gekommen als ich. Was du mir nur an jenem einen Abend am Kamin erzählt hast, hat mich nicht wegen der Thematik erschüttert, sondern weil mir bewusst wurde, wie gut ausgerichtet meine Scheuklappen sind. Wie ging es Dir bei der Lektüre dieses Romans?

Ich freue mich auf Deine Gedanken.

Liebgruss

Gallus

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Lieber Gallus

Durch Mitmachen in einem neuen Lesezirkel kam ich zum Buch «Die Gleichzeitigkeit der Dinge» von Husch Josten. Zuerst dachte ich: Was für ein komischer Name, noch nie gehört! Nun bin ich froh, diese Autorin kennengelernt zu haben. Ein Werk, das mich als pensionierten Hausarzt sofort packt und beschäftigt. Klug, anregend und spannend zu lesen ist das Zusammentreffen der drei Hauptprotagonisten Sourie, Tessa und Jean gestaltet. Der Student Sourie arbeitet als Pförtner in einem Pflegeheim, wo die Fotografin Tessa nach dem Tod ihres Vaters das Zimmer räumen muss. So lernen sie sich kennen und treffen sich bei Jean im Restaurant Tobelmann. Jean hat sein Literaturstudium aufgegeben, den elterlichen Betrieb übernommen und wurde von seiner Partnerin Sanya verlassen. 

Sourie freute sich auf den Tod. Der erste Satz dieses Buches führt direkt zur Auseinandersetzung um Leben und Sterben. Sourie weiter: «Um den Tod erklären zu können, muss man sterben. Ich glaube, dass wir Verstorbene vor allem deswegen ehren, weil sie uns diesen Schritt voraus sind: Sie wissen`s jetzt und können es uns nicht mehr erzählen.» «Wir ehren sie für ihr Leben», korrigierte Tessa entschieden. «Für ihr Dasein. Ihr Vermächtnis. Nicht für ihren transzendentalen Vorsprung.»

Sourie hat bei einem Attentat überlebt, wo sein Freund erschossen wurde. Er muss sein Leben neugestalten. Tessa ihrerseits hat in kurzer Zeit die Eltern verloren und trauert. Trauer ist nicht rational. Sie besteht aus vielen Gedanken und Gefühlen. 

Der Tod spielt eine wichtige Rolle, aber es geht eigentlich um das Leben. Wie ein Mitbewohner des Pflegeheims sagt: «Es gibt ja grundsätzlich zwei Philosophien zur Frage des Alters. Die eine lautet: Alles zu regeln, in Ordnung und zu Papier zu bringen, wie es so schön heisst, und dann beruhigt und entspannt abzuwarten, was noch kommt. Die andere: den Tod nach Kräften ignorieren, immer neue Pläne machen, und bloss nichts regeln, da sowieso alles anders kommen wird, als man denkt.» 

Die Liebe zwischen dem jungen Sourie und der fast dreissig Jahre älteren verheirateten Tessa und Jean’s Reaktion, als Sanya mit ihrem Kind plötzlich vor der Türe steht und zurückkehren will, zeigen uns, was möglich wird, wenn Konventionen und Erwartungen in den Hintergrund treten. Es gibt keine allgemeingültige Richtigkeit. Wir geben den Dingen einen Sinn, wenn und weil wir es wollen, aber an sich haben sie keinen. Was dazu geführt hat, dass Sourie so über das Leben und den Tod denkt, erfahren wir erst gegen Ende des Romans.

Ein Buch, das auf literarisch meisterhafte Weise zum Nachdenken anregt. Es ist eine Lektüre, die uns auch am Ende unserer Tage ermuntert, Neues noch zu planen.

Mit herzlichem Gruss

Bär

© Judith Wagner

Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman «In Sachen Joseph», der für den aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2019 wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln. 

„Hier sind Drachen“, Rezension

Helena Schätzle «9645 Kilometer Erinnerung», Nimbus

Wer Erfahrungsberichte aus Kriegen liest, muss feststellen, dass sie keiner Zeit unterworfen sind. Ob während der Weltkriege oder in den Kriegen in der Ukraine oder in Syrien. Der Schrecken ist universell, genauso wie die Wunden, die sich selbst nach Jahrzehnten nicht schliessen.

Ebenso allgemeingültig ist das Schweigen derer, die diesem Schrecken ausgesetzt waren. Ob als Täter oder Opfer, als Zeugen oder als Verschonte. Die Angst vor Wunden, die aufgerissen wieder zu eitern beginnen, wird dort deutlich, wo sich bis heute in Familien eine Wand des Schweigens, des Verdrängens, jegliches Erinnern, jede Form der Auseinandersetzung verunmöglicht.

Auch Helena Schätzle machte diese Erfahrung, begegnete dem als Fotografin in ihrer ganz speziellen Art. Das wenige, das ihr Grossvater, der im 2. Weltkrieg als Maschinengewehrsoldat an der russischen Front teilnehmen musste, das, was er von seiner langen Flucht aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause erzählte, nahm sie als Anlass zu einer Reise zurück in die Zeit, einer Reise mit ihrer Fotokamera. Sie fuhr 9645 Kilometer kreuz und quer durch Osteuropa, um nach Menschen, Landschaften, Bildern zu suchen, die etwas von dem verraten, was im Schweigen ihres Grossvaters zu versinken drohte.

Helena Schätzle «9645 Kilometer Erinnerung», Nimbus, 168 Seiten
128 Illustrationen, CHF ca. 44.00, auch als Vorzugsausgabe mit Originalfoto erhältlich, ISBN 978-3-907142-71-4

Sie fotografierte Menschen, denen Erinnerungen, ein langes Leben Landschaften ins Gesicht schrieb. Menschen, die im Moment des Fotografierens den Blick ins Zurück zeigen. Menschen, die ihr erzählen, ungekünstelt, ehrlich, manchmal von der Unmöglichkeit, den Schrecken des Krieges in Worte zu fassen, manchmal vom schlichten Überleben, manchmal von dem einen Moment, der das Weiterleben ausmachte, manchmal vom Risiko jemanden zu verstecken, manchmal vom Versprechen einer Mahlzeit.

Sie fotografierte Landschaften, Bilder im Jetzt, vernarbte Landstriche, vergessene Orte, einsame Winkel, trostlose Perspektiven. Helena Schätzles Fotos sind geprägt vom grossen Respekt einer vorsichtigen, zurückhaltenden Betrachterin. Helena Schätzle vertraut auf die Empathie jener, die sich die kurzen Berichte, die Dokumente aus jener Zeit und ihre Fotografien betrachten und alles übereinanderlegen. «9645 Kilometer Erinnerung» ist ein beeindruckendes Monument der Vergegenwärtigung, ein Denk-mal in Buchform, der behutsame Versuch einer Annäherung erlebten Schreckens.

Nichts an den Texten aus der Vergangenheit hat an Aktualität verloren. Die 60 Jahre dazwischen sind ein Hauch, ein Nichts. Umso beeindruckender dieses Buch.

© Helena Schätzle

Helena Schätzle, Jahrgang 1983, studierte Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie an der Kunsthochschule Kassel. Seit Jahren unternimmt sie ausgedehnte Reisen in verschiedene Länder, wo sie intensiv an Fotografieprojekten arbeitet. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch “gute aussichten”, „The Aftermath Projekt“, „Epson Award“, „Inge Morath Award“. Sie hatte u.a. Ausstellungen in Hamburg, Washington, Kassel, Köln, Mumbai, Stuttgart, Berlin. Helena Schätzle arbeitet als freie Fotografin für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Webseite der Fotografin

Beitragsbild 

Romina Nikolić «Bredolsky», Plattform Gegenzauber

Dass er dem Herrn, dem er gerade die Toilettentür aufgehalten und den Lichtschalter gewiesen, einen schönen Tag gewünscht hatte, ließ Horst Bredolsky deutlich spürbar den Schweiß auf die Stirn treten. Bredolsky begann also heftig und weithin sichtbar, wie er meinte, zu schwitzen. Noch konnte er das Zittern der Hände, das für gewöhnlich einen solchen Schweißausbruch in verräterischer Weise zu begleiten drohte, im Zaum halten, doch er wusste, auch das war nur eine Frage der Zeit, eine Frage der Kontrolle, die ihm dieser Tage nur allzu leicht entglitt. Noch aber, so hoffte er, wäre nicht alles gänzlich verloren, wenn er nur so unauffällig, so unbekümmert wie möglich, ohne Stolpern oder Schlurfen, seinen Weg zurück auf seinen Platz finden, sich hinsetzen, ein Bein über das andere schlagen, die Arme locker verschränken, den Blick ungerührt auf das Bild gegenüber heften würde. Noch ist nicht alles verloren, dachte Bredolsky, als er ohne weitere Zwischenfälle den Weg zurückgelegt, am Platz angekommen, sich auf seinen zum Glück noch nicht neu besetzten Stuhl sinken lassen wollte. Noch ist nicht alles verloren, dachte er und setzte sich auf den Stuhl, dessen Polster sogleich ein lautes, wie er meinte, durchaus missverständliches Knarzen im fast voll besetzten Wartezimmer verlautbar machte.

Bredolsky erstarrte. Fixierte das Bild gegenüber, widerstand mit größtmöglicher Selbstbeherrschung dem Impuls, die Augen im Schreck über das vermeintlich unflätige Geräusch zusammen zu kneifen. Viel zu verräterisch wäre das, ein Schuldeingeständnis, wo doch gar keine Schuld bestand, zumindest nicht seinerseits – man müsse dem Hausmeister! Nein, dem Hersteller! Aber doch nicht ihm, nicht Horst Bredolsky! Nein! Bredolsky, das Bild fixieren! Den Blicken ausweichen, sagte sich Bredolsky im fast voll besetzten Wartezimmer. Den Blicken, die ihn zweifelsohne mit Scham und Schande überziehen wollten! So ist der Mensch, dachte Bredolsky, dass er den anderen beschämen möchte, wo es nur geht, der kleinste Anlass ist ihm gerade recht, dachte er im fast voll besetzten Wartezimmer.

Bredolsky schwitzte heftig. So eine furchtbare Situation! So eine unglückliche Verkettung! Schönen Tag noch, hatte er gesagt, als er dem Herrn die Toilettentür aufgehalten und den Lichtschalter gewiesen hatte. Die Toilettentür hatte er ihm aufgehalten und den Lichtschalter hatte er ihm gewiesen, nicht etwa die Eingangstür zur Praxis! Oder die Tür zum Sprechzimmer der Frau Doktor! Oder das Portal in eine fremde Dimension! Irgendetwas, das eine solche Verabschiedung gerechtfertigt hätte, nein! Durchaus hörbar hatte er dem Herrn einen schönen Tag gewünscht, als er selbst gerade das Badezimmer verlassen hatte, sich dem suchenden Herren gegenüber fand und ihm die hinter ihm zugefallene Tür rasch wieder geöffnet und den gerade erst selbst betätigten Lichtschalter gewiesen hatte. Schönen Tag noch, hatte  er dem Herrn gesagt, der das fast voll besetzte Wartezimmer, in dem er, Bredolsky, zu allem Unglück auch noch geräuschvoll selbst wieder Platz genommen hatte, sicher gleich wieder betreten würde. Der Herr würde ebenfalls wieder Platz nehmen und dann würden er, Bredolsky und alle anderen Insassen des fast voll besetzten Wartezimmers im schrillen Bewusstsein dieser peinlichen Situation beieinandersitzen. Eine schreckliche, eine fast unerträgliche Vorstellung! 

Bredolsky schwitzte heftig und erwog, schnell aufzustehen, seinen Hut zu nehmen und seine Überjacke, das Wartezimmer zu verlassen, einfach zu gehen, den Termin kurzerhand sausen zu lassen. Bredolsky erwog, den Anschein zu erzeugen, die Verabschiedung wäre schließlich gerechtfertigt gewesen. Er erwog, nach Hause zu fahren, sich eigenmächtig krank zu melden, die Jalousien runter zu lassen, sich ins Bett zu legen, Kraft zu sammeln für einen neuerlichen Anruf nach angemessenem Intervall, der Schwester dann zu versichern, er sei wieder ganz wohlauf, ganz und gar körperlich und seelisch imstande, die Untersuchung nun über sich ergehen zu lassen, in sechs bis acht Wochen also hier wieder aufzuschlagen, gefasst und gesammelt und hoffentlich – hoffentlich! –, ohne die Gegenwart des Herrn, dem er einen schönen Tag an der Toilettentür, am Lichtschalter gewünscht hatte, im Gefühl größter Peinlichkeit ertragen zu müssen. Noch, dachte Bredolsky im fast voll besetzten Wartezimmer, hätte er Gelegenheit zur Flucht.

Doch was würden die anderen Wartenden denken? War ein plötzliches Aufstehen und Gehen denn plausibel, wo er doch gerade erst wieder Platz genommen hatte? Hatte er seine Chance nicht schon verspielt, als er nicht direkt nach dem Gang zur Toilette und der unseligen Begegnung seinen Hut und seine Überjacke genommen hatte? Einige der Wartenden saßen schon so lange, waren vor ihm hier gewesen, sie hatten gewiss bemerkt, dass er selbst noch gar nicht aufgerufen worden war. Sie mussten wissen, dass er noch nicht im Sprechzimmer gewesen ist, noch nicht etwa ein Medikament verabreicht bekommen haben konnte, das eine zeitlich begrenzte Überwachung erfordert hätte, nach deren Verstreichen er sich nun hätte verabschieden können. Mussten wissen, dass seine Flucht eben dies war, ein feiger Akt reiner Nervenschwäche! Was sollten sie denken? Sie, die sie ihn beim Anmelden laut, wahrscheinlich zu laut, seinen vollen Namen hatten nennen hören: Horst Bredolsky! Ja, Binsenstraße 1! Bei der Frau Mama, ja, das war noch aktuell! Die Nummer ebenso, ja, Schwester, ja! Horst Bredolsky, würden sie gewiss denken, ein Feigling vor dem Herrn, dem er die Toilettentür aufgehalten und den Lichtschalter gewiesen hatte.

Bredolsky schwitzte heftig und seine Hände zitterten. Gleich würde der Herr, dem er einen schönen Tag gewünscht hatte, durch die Toilettentür treten. Dann würde er selbstsicher und festen Schrittes zu seinem noch nicht wieder besetzten Platz gehen und sie würden sich nun hier gegenübersitzen. Gewiss würde der Herr ihn erkennen, sich wundern, dass er nach dieser Floskel noch hier saß, sich im Geiste über ihn amüsieren, sich über ihn lustig machen, vielleicht nur in Gedanken, vielleicht aber sogar laut etwas Abschätziges äußern wie Ach! oder Na. Bredolsky würde stumm bleiben, stur auf das Bild sehen. Stark bleiben, dachte er im fast voll besetzten Wartezimmer. Und er wusste mit verzweifelter Gewissheit, dass trotz aller Bemühungen seine Beschämtheit rot leuchtend auf sein Gesicht treten würde. Dass dieser peinliche Vorfall grell und blinkend wie ein überdimensioniertes Reklameschild im Raum zwischen ihnen stehen und hämisch auf ihn deuten würde.

Bredolsky schwitzte heftig und zitterte. Was er nur immer den Mund aufmachen musste? Dachte er im fast voll besetzten Wartezimmer. Dass er nicht einfach die Klappe halten konnte?! Dass er überhaupt hergekommen war! Es war alles ein großer Fehler gewesen, ein durch und durch vermeidbares Unglück, das er selbst über sich gebracht hatte. Er löste einen Arm aus der krampfigen Verschränkung und griff in einem Versuch, sich zu beruhigen, in die Innentasche seines Herrenblousons. Ein kleines Heft zog er heraus und begann zu blättern. Nicht so hastig, ermahnte er sich noch selbst, innerlich, im fast voll besetzten Wartezimmer. Es nützte alles nichts, nicht einmal seine Listen, seine fein säuberlichen Eintragungen konnten ihn noch entspannen. Dabei war er vorbereitet gewesen. Hatte den Tag, den Weg hierher akribisch geplant. Seine Notizen studiert. Er wischte sich mit der zittrigen Hand über die schweiß-glänzende Stirn und besah sie dann, als hätte er tatsächlich erwartet, dass ihm Pech vom Haaransatz troff. Aber da war nichts. Nur übermäßig viel Schweiß.

Noch ist nicht alles verloren, dachte Bredolsky, überrascht von sich selbst im fast voll besetzten Wartezimmer. Vielleicht, dachte Bredolsky, hatte er ja einmal Glück. Vielleicht würde ihn die Schwester gleich aufrufen und ihn aus dieser Misere befreien. Doch dann meinte er, leise die Toilettenspülung zu vernehmen. Gleich würde der Herr seine Hände waschen, gleich würde er die Toilettentür öffnen und wieder ins Wartezimmer treten. Bredolsky schwitzte so heftig, dass er spürte, wie ihm kleine Sturzbäche über Nacken und Rücken rannen. Gewiss würde es bald am Stuhl hinablaufen, eine Lache bilden, an die Straßenschuhe der anderen Wartenden branden, die sich dann redlich bemühen würden, ihn nicht mehr anzusehen, die angestrengt in ihren Illustrierten blättern und auf ihre Mobiltelefone starren würden, weil sie so befremdet wären, gewiss, und angeekelt von ihm, Bredolsky, diesem unglückselig wallenden Quell der Geniertheit. 

Bredolsky hielt sein Heftchen wie ein Gebetsbuch zwischen den krampfigen Fingern, in seinen Ohren rauschte die Toilettenspülung, das Wasser im Waschbecken lief über vor seinem inneren Auge, es musste ihnen allen längst bis zu den Knien stehen, vermengt mit seinem Schweiß. Die Augen zusammengekniffen hielt er sein Notizheft noch fester umklammert und flehte in Gedanken die Schwester an, ihn zu erlösen. Wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Namen aus ihrem Mund durch die Luft schweben zu sehen, wie einen Rettungsring, nach dem er nur den Arm ausstrecken müsste. Jetzt, Schwester, ich bitte Sie, ich bitte Sie! Eindeutiger konnte doch niemand ertrinken?! Das musste doch für alle und erst recht für sie, die fachkundige Schwester, erkennbar sein, dass hier jemand um sein Leben kämpft! Mit sich selbst ums blanke Überleben ringt! 

Das Dröhnen des Händetrockners riss Bredolsky aus seinem Strudel. Und stürzte ihn sogleich in noch gefährlichere Gewässer. Es war also soweit! Die Tür würde sich öffnen, Bredolsky würde in Scham und Schande untergehen! Mit fest geschlossenen Augen hielt Bredolsky tatsächlich die Luft an, als er hörte, wie die Türklinke heruntergedrückt wurde…

“Herr Müller, bitte in Sprechzimmer 1, Herr Müller bitte!”

“Oh, das wär dann wohl… Ja.” Der Herr, der gerade durch die Toilettentür getreten war, durchschritt rasch das Wartezimmer und verschwand in dem Raum, aus dem heraus ihn die Schwester gerufen hatte. Ohne dass sich eine Flutwelle hinter ihm Bahn gebrochen, ohne dass er Bredolsky eines Blickes gewürdigt hätte.

Bredolskys Gesicht hing schlaff und farblos an ihm herab. Von einer abstehenden Haarsträhne fiel ein Tropfen Schweiß. Niemand sah ihn an. 

Er würde nie mehr hierher kommen können, dachte er im fast voll besetzten Wartezimmer. Nie mehr herkommen wollen. Die Wände waren für immer gezeichnet vom Pegelstand seiner panischen Hilflosigkeit.

Romina Nikolić «Unterholz. Auszüge aus einem Langgedicht», Edition Muschelkalk, 2023, 72 Seiten, CHF ca. 15.90, ISBN 978-3-86160-588-1

Romina Nikolić, geb. 1985 in Suhl, wuchs in Schönbrunn/Thür. auf, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Seit 2009 neben der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit Organisatorin von Lesereihen und diversen literarischen Projekten, u. a. als freie Mitarbeiterin bei der Literarischen Gesellschaft Thüringen oder Mitbegründerin von Love Crime Books, einem Independent-Label für Fanfiction-Anthologien. Zweifache Preisträgerin beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen, Walter-Dexel-Stipendiatin der Stadt Jena. Lebt als Projektmanagerin, Lyrikerin und Herausgeberin in Jena.

Beitragsbild © Tina Peißker

Jessica Lind «Kleine Monster», Hanser Berlin

Wie filigran die Normalität ist, wie leicht scheinbare Harmonie in Schieflage geraten kann und wie nagend und zerstörerisch Schuldgefühle sein können, davon erzählt Jessica Linds Roman „Kleine Monster“. Familie ist alles. Aber eben nicht nur im Guten.

Pia und Jakob werden für ein Gespräch in die Schule geordert. Man glaubt, dass es zwischen Luca, ihrem Sohn, und einem Mädchen in der gleichen Klasse zu einem Übergriff gekommen sein muss. Luca ist sieben und ein „lieber Junge“. So sehr Jakob davon überzeugt ist, dass das, was zwischen den Kindern vielleicht passiert war, nur eine Bagatelle sein kann, so sehr lässt sich Pia verunsichern, weil sie nicht erst seit diesem Vorfall und der Verstocktheit ihres Sohnes, der Weigerung, endlich zu erzählen, was in jenem unbeobachteten Moment passiert war, spürt, dass der Anteil dessen, was ihr an ihrem Sohn fremd, immer grösser wird. Es wächst die Erkenntnis, dass ihr Sohn mehr und mehr ein eigenes Leben führt, dass der Anteil an deckungsgleichem Leben, an Harmonie und totaler Verbundenheit immer kleiner wird. Da wächst ein Mensch, der eigenständig wird, mit all dem Hellen und Dunklen.

Pias Verunsicherung gründet in ihrer eigenen Geschichte, der Geschichte ihrer Familie, ihrer Kindheit, jenem einen Trauma, jenem einen Tag, den die Familie damals zerriss. Was mit Luca passiert, spiegelt die Verwundung aus einer Zeit, die sie lange überwunden glaubte. Pias Eltern wollten Kinder. Weil der Kinderwunsch aber nicht gleich in Erfüllung gehen wollte, entschlossen sich ihre Eltern zu einer Adoption, obwohl sich dann doch noch Kindersegen einstellte. So hatte Pia eine grosse Schwester, Romi – und etwas später gar eine kleine Schwester, Linda. Bis zu jenem Tag, als Pia krank zuhause war. Romi und Linda liefen in den Wald hinterm Haus, zum kleinen See. Pia wunderte sich noch über eine offen gelassene Haustür, dass niemand mehr zuhause war und Romi plötzlich ohne Linda nach Hause kam, alles drunter und drüber ging, Vater und Mutter am Abend am Tisch weinten und man ihr erklärte, es wäre etwas Schlimmes passiert. Linda sei ertrunken. 

Jessica Lind «Kleine Monster», Hanser Berlin, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-446-28144-8

Der Titel des Romans bezieht sich nicht nur auf die Einsicht, dass sich selbst in kleinen Kindern kleine „Monster“, Ungeheuerlichkeiten verbergen können. Viel mehr sind es die kleinen Monster in jedem von uns, die uns blenden, verleiten, die uns Dinge tun lassen, die wir sonst so niemals gedacht oder getan hätten, die die Wahrnehmung verzerren und uns zu Handlungen nötigen, die eigentlich nicht unserem Naturell entsprechen.

Pia sieht in ihrem Sohn ihre kleine Schwester, einen Engel, der ein Geheimnis birgt. Gleichzeitig spült die Verstimmung zwischen Pia und ihrem Sohn Luca ein altes Schuldgefühl hoch. 

Pias Mutter liebte ihre Kinder alle, wenn auch die leiblichen anders wie das adoptierte. Die drei Schwestern empfanden sich stets als Einheit und Linda tat alles, um ihrer grossen Schwester Romi zu gefallen. Mit jener Katastrophe zerbrach, was zuvor fast alles ausmachte; jenes untrennbare Dreiergespann, die Liebe ihrer Mutter, die in masslose Strenge kippte und nicht zuletzt die Ehe zwischen den Eltern. Irgendwann verschwand Romi aus der Familie, weil man sie für den Tod der Jüngsten verantwortlich machte, weil jener schwarze Tag den Eltern die Gewissheit brachte, einen Kuckuck ausgebrütet zu haben, die drohende Katastrophe nicht früh genug erkannt zu haben.

Zwar weiss Pia auch als Erwachsene von Romi, die mittlerweile zu einer erfolgreichen Influenzerin geworden ist, aber da ist nicht mehr, keine Verbindung. Genauso wie zu den Eltern, die zwar da sind, aber hinter dem schweren Vorhang des Schweigens verborgen.

Mit dem Konflikt Mutter Sohn bricht auf, was im Untergrund über Jahrzehnte mottete. Warum fühlt man sich so sehr ausgeschlossen von der Welt der Nächsten? Warum hat man so wenig Einfluss auf die Reaktionen dessen, was ein Unglück auslöst? Jessica Lind verwebt geschickt zwei Handlungsstränge, die sich gegenseitig spiegeln, die sichtbar machen, wie sehr man geführt, geleitet und bestimmt wird von Erfahrungen und Erlebtem aus der Vergangenheit. Jessica Lind erzählt, ohne zu psychologisieren, ohne die Szenerie über die Massen aufzuladen. Aber weil die Autorin durch ihre Erfahrungen als Drehbuchschreiberin sehr gut weiss, dass gut dosiertes Erzählen reicht, um im Kopf von Leserinnen und Lesern Kaskaden von Deutungen auszulösen, leuchtet die Autorin mit Bedacht aus. 

„Kleine Monster“ ist auch ein Roman über das überstrapazierte Soziobiotop Familie. In diesem kleinen, vermeintlich stillen See blubbert es ganz ordentlich aus dem Untergrund. Ein Roman, der mich begeisterte!

Interview 

Ich bin mir nicht sicher, ob sich der Titel Ihres Buches so sehr auf die unguten, verborgenen Schattenseiten eines Kindes, auf die Art und Weise, wie Kinder die Situation so ganz anders einschätzen können, bezieht. Sind kleine Monster nicht auch all die Schuldgefühle, Versäumnisse, die wir ein Leben lang mit uns herumschleppen, die dauernd in unser Tun eingreifen?
Ich verstehe meine Texte immer als Einladung an die Lesenden, mitzufabulieren. Dafür arbeite ich sehr gerne mit Leerstellen, Versatzstücken aus der Mythologie und auch Metaphern. Ich freue mich also, wenn der Titel auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann. Auch das Cover, auf dem eine Kinderhand die Idylle durchbricht, hat einen doppelten Boden. Ihre Interpretation trifft den Kern der Erzählung sehr gut, wenn wir uns nicht mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, wird sie uns irgendwann einholen.
 
Familien sind heikle Gebilde. Ich bin Vater von fünf Kindern. Zusammen mit meiner Frau haben wir es geschafft, uns einigermassen schadlos durch die intensivste Familienzeit zu schiffen. Wobei ich mir dessen nicht restlos sicher bin, würden wir wirklich in die Tiefe tauchen. Geholfen hat uns damals unsere unverkrampfte, instinktive Art, mit Problemen umzugehen. Und doch gibt es kein Rezept, wie man an Katastrophen vorbeischippern kann. Was wird sein, wenn dereinst Ihre Kinder Ihre Romane lesen?
Mir ist es sehr wichtig, meinen Kindern die Freude am Lesen zu vermitteln. Bis jetzt hat das ganz gut geklappt und ich hoffe, dass sie zu neugierigen Lesern heranwachsen werden. Bücher sind eine hervorragende Übung zur Empathiebildung und ermöglichen in ganz verschiedene Lebensrealitäten einzutauchen. Ich bin gespannt, in welchem Alter sie sich für die Probleme meiner Hauptfigur interessieren werden.
 
Familie wird seit Jahrhunderten idealisiert. Die „heilige Familie“ steht ganz oben an der Spitze aller Ideale. Heute macht es den Eindruck, als wäre für viele Paare die Familie ein Projekt. Man hat eine Familie, ohne je eine Familie zu sein. Familie ist Arbeit, Auseinandersetzung, Konfrontation, Hingabe und Kraftakt. Die Angriffsflächen für Familien werden immer grösser, sei es der Einfluss der Medien, die düster scheinende Zukunft oder all die Ängste, die im Netz geschürt werden. Ist ihr Roman nicht auch ein verschriftlichter Kippzustand zwischen den Extremen?
Für meine Arbeit sind Familien vor allem ein wunderbares Experimentierfeld. Die Familie ist eine Kernzelle, in die sich von aussen schwer hineinschauen lässt, die einzelnen Rollen sind stark aufgeladen – jede*r hat eine Vorstellung davon, wie eine gute Mutter, wie ein guter Vater zu sein hat. Diese grosse Nähe ist auch ein idealer Nährboden für alles Unheimliche, was ja meinem Schreiben auch innewohnt. Politisch betrachtet, finde ich es immer wieder Schade, wie eng Familien gedacht und wie sehr sie dazu benutzt werden, Entscheidungen auf die individuelle Ebene abzuwälzen, Stichwort Kinderbetreuung.
 
Pia ist eine Gefesselte, eine Mutter, die auf Abwehr geht, jenen Teil eines Geheimnisses nicht lüften will, das Pia wie einen Alp durch ihr Leben begleitet. Ein Mann, dem scheinbar alles viel leichter fällt, nicht zuletzt der Zugang zu seinem Sohn in einer schwierigen Zeit. Warum lassen wir uns so leicht fesseln, zurückbinden?
Was mich seit meinem ersten Roman sehr beschäftigt, sind Rollenbilder. Welche Erwartungen an eine Rolle sind in uns eingeschrieben? Und was passiert, wenn sie nicht erfüllt werden? Dabei braucht es die Verurteilung von aussen nicht einmal unbedingt, weil wir selbst streng mit uns ins Gericht gehen. Die Rolle des Vaters hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr verändert, als die der Mutter. Väter werden immer mehr in die Erziehung eingebunden. Dadurch ist das klassische Rollenbild aufgebrochen und mir kommt es vor, als könnten sie freier agieren. Zum Beispiel, bringt der Vater das Kind zu spät in den Kindergarten, wird er trotzdem gelobt, weil er sich kümmert. Ist die Mutter zu spät dran, hat sie ihr Leben nicht im Griff. Das ist natürlich überspitzt formuliert – aber ich schaffe ja auch in meinen Romanen Situationen, die die Figuren über ihre Grenzen hinaustreiben.
 
Sie sind selber Mutter. Dass man ihren Roman zu ihrer eigenen Geschichte machen will, kann leicht passieren. Es scheint in der Literatur zu einer Mode zu werden, Texte nach ihrem „Wahrheits-, Realitätsgehalt“ prüfen zu wollen. Man scheint der Fiktion nicht mehr zu trauen. Dabei ist doch alles ebenso Realität wie Fiktion. Aber in Zeiten, in denen Schreibende wie Annie Ernaux zu Göttinnen der Literatur erklärt werden und autobiographisches Schreiben zum Mass aller Dinge (zumindest bei einem Teil der LeserInnen). Braucht Literatur bald einen Beipackzettel?
Ich glaube, der Unterschied zwischen Fiktion und Autofiktion ist gar nicht so gross. Von der „Realität“ ist beides entfernt, weil ja jeder Roman gestaltet wird. Der Unterschied liegt im Material, benutze ich Selbst-Erlebtes, bediene ich mich an Fabeln oder mache ich eine ausgiebige Recherche und verwende die gewonnenen Erkenntnisse, um daraus meine Geschichte zu bauen? Beipackzettel halte ich für unnötig, weil ja so oder so das Ergebnis tragfähig sein muss.
 

Jessica Lind, 1988 in St. Pölten, Österreich, geboren, lebt heute mit ihrer Familie als Drehbuchautorin und Schriftstellerin in Wien. Sie studierte an der Filmakademie Wien und schrieb u. a. mit der Regisseurin Magdalena Lauritsch den Film «Rubikon«. 2015 gewann sie mit der Erzählung «Mama» den open mike, woraus ihr gleichnamiger Debütroman hervorging. 

Beitragsbild © Pamela Russmann

Daniela Krien «Mein drittes Leben», Diogenes

Der Supergau in jeder Familie; ein Kind stirbt. Nichts ist mehr so wie zuvor. Es gibt das Leben davor und ein Restleben danach. Daniela Krien beschreibt ein Paar, das nach dem Tod der 17jährigen Tochter feststellen muss, dass da viel mehr ist, als bloss eine Lücke, ein Verlust. Linda und Richard fallen aus ihrem Leben, aber nicht als Paar, sondern in die Einzelteile.

Linda hat sich in ein altes Haus zurückgezogen, in einem Strassenkaff unter einer Anflugschneise zu einem Flughafen, in vier Wände, in denen nichts an Sonja spiegelt, weit weg von den Menschen, die sie an sie erinnern, von den Strassen und Plätzen, auf denen sich das Leben ihrer Tochter abspielte. Linda erträgt weder sich selbst, noch ihren Mann, der so ganz anders mit der Trauer und dem Schmerz umgeht wie sie selbst. Der nach ihr blossem Aktionismus verfällt. Noch viel weniger erträgt sie die Ermahnungen ihrer Mutter, nach vorne zu schauen, sich dem Leben nicht zu verschliessen, sich zusammenzureissen, ihre Aufsässigkeit am Telefon. Aber am allerwenigsten erträgt sie sich selbst, das Treten am Ort, den Blick in den Spiegel, dass sich die Welt einfach so weiterdreht. Sie hadert mit sich, fühlt sich schuldig, ihre Tochter nicht wirklich gekannt, sie missverstanden zu haben, Erinnerungen an sie zu verlieren. Es gibt keine Normalität mehr, weder in ihrer Gefühlswelt, nicht im Blick auf das, was übrig geblieben ist.

Richard, ihr Mann, der zu Beginn noch im gemeinsamen Haus geblieben ist, besucht sie immer wieder, bringt ungefragt, was er glaubt, brauche sie, bleibt, in der Hoffnung, es würde ein Gespräch entstehen, wieder ein Miteinander. In den Tagen und Wochen nach dem Tod funktionierte man noch gemeinsam, stellte sich den Aufgaben und Pflichten, bis zusammenbrach, was nur noch als Gerippe übriggeblieben war. Mittlerweile ist da neben dem Schmerz um die Tochter ein ebenso grosser um den Verlust einer Liebe. Es scheint nichts geblieben zu sein. Nicht dass die Liebe verschwunden wäre. Aber sie hat das Gegenüber verloren. Da hilft auch sein Flehen nicht, schon gar nicht sein Bitten und Drängen.

Daniela Krien «Mein drittes Leben», Diogenes, 2024, 304 Seiten, CHF ca. 35.00, ISBN 978-3-257-07305-8

Selbst in dem Dorf, in dem sie das Haus einer Mitpatientin bewohnt, einer Frau, die wie sie an Krebs erkrankte, aber im Gegensatz zu ihr sterben musste, begegnet man Linda mit respektvoller Distanz. Sieht, dass sich da eine Frau um Haus und Garten kümmert, sogar um den Hund und die Hühner, die von den einstigen Tieren geblieben sind. Im Haus hängen die Fotos jener Frau, eines Lebens, das nicht das ihre ist. Linda ist aus der Haut gefahren, während ihr Mann sich mit einem neuen Leben, irgendwann gar mit einer neuen Frau an seiner Seite, zurechtzufinden versucht.

Einzige Bezugsperson ist Natascha und ihre authistische Tochter. Eine Frau, die es schafft, in ihrer ganz direkten, ungeschönten Art, die Linda die Tür zur Welt doch immer wieder aufzureissen, eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und alles versucht, ihrer Tochter die Mutter zu sein, die sie braucht.

Durch den Verkauf des gemeinsamen Hauses zu Geld gekommen, eröffnet sich für Linda mit einem Mal die Möglichkeit, Menschen aus der Enge zu befreien. Der selbstzerstörerische Blick auf sie selbst wird herumgerissen oder weicht zumindest auf. Obwohl der Schmerz bleibt, der Verlust noch immer nagt, beginnt Linda zaghaft ein neues Leben.

Obwohl „Mein drittes Leben“ ein Roman über Verlust ist, ist dieses Buch vor allem eine Liebesgeschichte. Die Liebesgeschichte eines Paares, aus deren Liebe eine Tochter wurde, der man die Tochter genommen hatte und das verzweifelt versucht, das Leben irgendwie zurückzugewinnen. Obwohl sich Linda in ihrem Schmerz einigelt, sind die zaghaft vorsichtigen Besuche ihres Mannes im Restleben seiner Frau etwas vom Ergreifendsten, was ich in der letzten Zeit gelesen habe. Sie schildern derart viel Zartheit, Geduld, Menschlichkeit und Trauer darüber, nicht die richtigen Worte und Gesten zu finden, dass man das Buch an solchen Stellen für einige Momente ablegen muss.

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu-Kaliß, studierte Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig. Seit 2010 ist sie freie Autorin. Ihre Romane «Die Liebe im Ernstfall» und «Der Brand» standen monatelang auf der Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Daniela Krien hat zwei Töchter und lebt in Leipzig.

Beitragsbild: Maurice Haas © Diogenes Verlag

Sind wir nicht alle zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen Planeten, Geschwister? – Robert Walser „Geschwister Tanner“ (16)

Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein schlafendes Mädchen. Das grosse dunkle Rund des nächtlichen Himmels breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See Umspannendes, Einschliessendes und Überwölbendes.

Lieber Bär

Ich weiss, Du liest „Geschwister Tanner“ von Robert Walser. Keine Ahnung, ob zum ersten oder zum wiederholten Mal.

Grab Carl Seelig auf dem Friedhof Sihlfeld, Zürich

Robert Walser zählt heute zu den wichtigsten, deutschsprachigen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl es schon zu Lebzeiten in absolute Vergessenheit geriet und nur Dank der Anstrengungen des Publizisten Carl Seelig zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geriet. Ein grosses Glück, denn selbst Franz Kafka schätzte den stillen Dichter.

Heute ist Robert Walser ein Stück Schweizer Kulturgut. Seit 1973 kümmert sich das Robert-Walser-Zentrum um den Nachlass, die Forschung, Ausstellungen und Editionen zum Werk des Dichters. Kaum zu glauben, dass er in seinen letzten Jahren entmündigt und fast ohne jegliche Kontakte sein Leben in einer Nervenheilanstalt fristete. Selbst Carl Seelig musste sich das Vertrauen des Stillgewordenen verdienen. 

Das langsame Verschwinden Robert Walsers begann schon lange vor seinem Tod am Weihnachtstag 1956. Nach seiner letzten Veröffentlichung in Buchform («Die Rose») 1925 schreibt Robert Walser nur noch kürzere Prosastücke für Zeitungen und seine mittlerweile berühmt gewordenen Mikrogramme mit Bleistift. Texte, die erst Jahrzehnte nach Walsers Tod von den Publizisten Bernd Echte und Werner Morlang detektivisch entziffert und zum grössten Teil auch veröffentlicht wurden. 

Parallel zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, jenem Land, in dem seine Bücher Beachtung und eine kleine, aber nicht unbedeutende Leserschaft fanden, verschlechterte sich der psychische Zustand Robert Walsers. Irgendwann so sehr, dass sich seine Schwester Lisa, zu der Robert grosses Vertrauen hatte, gezwungen sah, ihren Bruder zum Psychiater zu bringen. 1929 tritt Walser in die Klinik Waldau unweit von Bern ein. Diagnose Schizophrenie. Und nachdem man ihn vier Jahre später gegen seinen Willen in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau verlegte, gab es sein Schreiben vollständig auf, kapselte sich mehr und mehr ein. Ein Rückzug, der schon mit der geringen Resonanz seiner Bucher zwei Jahrzehnte zuvor begonnen hatte.

Warum Robert Walser lesen? Weil die Stimme, der Walser-Kosmos ganz eigen ist. Weil sich Robert Walser Zeit seines Lebens nie vereinnahmen liess. Weil Robert Walsers Stimme etwas Rebellisches hatte, ohne aufbegehren zu wollen. Weil er sich ganz gegen das stemmte, wonach heute eine ganze Generation lechzt; Aufmerksamkeit, Scheinwerferlicht. Weil Robert Walsers Stimme trotz seiner Einsamkeit eine nach Aussen gewandte, eine naturnahe, elementare, äusserst sinnliche war und man auch heute bei der Lektüre von der Musikalität und Intensität der Sprache ergriffen ist, einem Erzählen, das vollkommen plotabgewandt ist.

Robert Walser «Geschwister Tanner», erste Seite der Handschrift. Das 192 Seiten umfassende Manuskript zeigt über weite Strecken keinerlei Korrekturen. Für sie Makellosigkeit seiner Manuskripte war Walser, der einstige Commis, schon früh berühmt.

Heute ist man sich sicher, dass Robert Walser noch weit mehr geschrieben haben muss, weit über das, was im Nachlass des Dichters verfügbar geblieben ist. Aber weil Robert Walser sehr oft seinen Wohnort wechselte und man bei Hinterlassenschaften des immer schrulliger werdenden Mannes nichts von seiner Bedeutung ahnen konnte, gingen mit Sicherheit etliche Manuskripte verloren. Auch deshalb, weil Robert Walser selbst kein Interesse zu haben schien, sein eigenes Schreiben in irgend einer Weise zu dokumentieren.

Umso bedeutender ist die Tatsache, dass sich sowohl das Robert Walser Zentrum wie der Suhrkamp Verlag darum bemühen, das Werk des Dichters zugänglich und kommentiert zu erhalten.

Nachdem sein erstes Prosawerk «Fritz Kochers Aufsätze» ein grosser wirtschaftlicher Misserfolg war und nur ganz wenige Bücher verkauft wurden schreibt Walser seinen zweiten Roman «Geschwister Tanner» in Berlin in der Obhut seines Bruders Karl in wenigen Monaten, ein Roman, der selbst bei seinem Lektor Christian Morgenstern gemischte Gefühle hervorrief. Wenn ich „Geschwister Tanner“ lese, in die Welt des „Taugenichts“ Simon trete, mit ihm all die Wirrungen und Begegnungen mitmache, die das Leben eines Menschen ausmacht, der sich ganz dem Jetzt zuwendet, der sich nicht um Kariere, Sicherheit und Besitz kümmert, und das derart unbekümmert erzählt, dann wird aus der Lektüre beinahe Meditation. 

Ich bin gespannt, was Dir bei der Begegnung mit dem walser’schen Kosmos durch den Kopf geht. Sei freundschaftlich gegrüsst.

Gallus

***

Lieber Gallus

Die «Geschwister Tanner» sind ein Märchen, und sie sind für mich das erstaunlichste Märchen, das je geschrieben wurde, weil es kein anderes gibt, das so nahe an der Realität spielt. Peter Bichsel

Der Walser`sche Kosmos in diesem Buch beglückt, bedrückt, begeistert, berührt, belehrt und bereichert mich auf rätselhafte Weise. Einzigartige Naturschilderungen von unglaublicher Schönheit umhüllen in poetischen Worten geschilderte menschliche Abgründe und Sorgen. Wie Peter Bichsel in meiner Ausgabe anmerkt, ist es ein Märchen sehr nahe an der biografischen Realität, ein Text in einer einzigartigen Sprache, der sich kaum einer Analyse unterziehen lässt. Ich habe das Buch mit Genuss (zum zweiten Mal nach fast zwanzig Jahren) gelesen und finde, es hat eine unfassbare Ausstrahlung.

Es gibt keine echten Dialoge zwischen den Geschwistern, für mich beleuchten ihre Aussagen verschiedene Seiten des Protagonisten Simon (=Robert Walser) aus ihrer Perspektive, geschrieben alle im Walser`schen Stil. Aus Sätzen, die Alltägliches beschreiben, leuchten plötzlich Weisheiten und philosophische Gedanken auf. Was denkt Robert Walser wirklich, was will er uns sagen? Leidet er? Liebt er? Kämpft er? Es bleibt auf wunderbare Weise offen. Mir gefällt dieses Meditative und Mystische sehr, voller Naivität und Unbekümmertheit. 

Es lohnt sich, langsam und nicht zu viel auf einmal zu lesen. Wie Werner Hegglin («Menschsein ist schon ein Beruf») mir einmal sagte: «Walser ist konzentriert in homöopathischen Dosen zu geniessen.»

Hier ein paar eindrückliche Mosaiksteinchen aus diesem Buch:

Sie haben mich enttäuscht, machen Sie nur nicht ein so verwundertes Gesicht, es lässt sich nicht ändern, ich trete heute aus ihrem Geschäft wieder aus und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen.

Das Rechnervolk: Sie hatten alle langen Nasen von dem vielen Rechnen und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten und zerknickten Kleidern.

Gott ist das Nachgiebigste, was es im Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. 

Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut machen, was ich mit Liebe verbrochen habe.

Wie kann ich länger zusehen, dass ich mich zu einem solchen Leben verdamme, das nur Achtung einbringt und nur Achtung von anderen, die einen immer so haben wollen, wie es ihnen am besten passt.

Simon hatte den Sommer noch nie so sehr als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er vielfach auf der Strasse arbeitssuchend lebte. Es kam nichts dabei heraus, trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens schön.

Wahrlich ein Kosmos von grosser literarischer und menschlicher Qualität. Unfassbar, aber beglückend! Walser lesen entschleunigt und wirkt lange nach. 

Das Einfachste von der Welt: Alle mit Freundlichkeit zu behandeln! Sind wir nicht alle zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen Planeten, Geschwister?

Mit diesem Satz Robert Walser’s wünsche ich dir und uns allen ein angenehmes friedliches 2025.

Herzlich

Bär

Robert Walser wurde 1878 in Biel, Schweiz, geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Banklehre und arbeitete als Commis in verschiedenen Banken und Versicherungen in Zürich. Seine ersten Gedichte, die 1898 erschienen, liessen ihn rasch zu einem Geheimtip werden und verschafften ihm den Zugang zu literarischen Kreisen. Nach Erscheinen seines ersten Buches «Fritz Kochers Aufsätze» im Insel-Verlag folgte er 1905 seinem Bruder Karl nach Berlin, der dort als Maler und Bühnenbildner den Durchbruch erzielt hatte. In rascher Folge publizierte Walser nun seine drei Romane «Geschwister Tanner», «Der Gehilfe» und «Jakob von Gunten». Infolge einer psychischen Krise geriet Walser Anfang 1929 gegen seinen Willen in die Psychiatrie, deren Rahmen er nie mehr verlassen konnte. 1933 von der Berner Klinik Waldau nach Herisau verlegt, gab er das Schreiben vollständig auf und lebte dort noch 24 Jahre als vergessener anonymer Patient. Robert Walser starb 1956 auf einem Spaziergang im Schnee.

Perikles Monioudis «Robert Walser», Deutscher Kunstverlag, Rezension

Das Robert-Walser-Zentrum

Petra Pellini «Der Bademeister ohne Himmel», Rowohlt

Romane über Demenz oder Alzheimer sind kein leichtes Terrain. Und doch gelingt es der Literatur immer wieder, dieser Erkrankung nicht nur mit viel Verständnis und Respekt zu begegnen, sondern auch mit Humor. Der Vorarlbergerin Petra Pellini gelingt es ausnehmend gut, mit Humor über einen Zustand zu berichten, der den Schrecken nicht nimmt, aber so viel Empathie zeigt, dass man sich vor dem Feingefühl der Schriftstellerin verbeugt.

Linda, das Mädchen, das erzählt, ist fünfzehn. Schon auf der ersten Seite des Romans droht sie, sich vor ein fahrendes Auto zu werfen. Linda braucht Hilfe. Und Linda bekommt Hilfe. Nur nicht von dort, wo Hilfe herkommen müsste. Nicht von ihrer Mutter, schon gar nicht von deren neuem Freund Jürgen, dem Bestatter, und auch nicht von ihren Freundinnen. Aber von Hubert und Kevin. Hubert ist ihr Nachbar, pensionierter Bademeister aber in fortgeschrittenem Stadium an Demenz erkrankt. Dass ihm in den vierzig Jahren Bademeister nicht einmal ein Kind ertrunken ist, trägt Hubert wie einen Orden mit sich. Aber dass seine Frau Rosalie vor fast zehn Jahren gestorben ist und vom Einkaufen nicht mehr nach Hause kommt, das hat Hubert vergessen.

Linda hat sich von Huberts Tochter überreden lassen, dreimal die Woche auf Hubert aufzupassen, nachbarschaftliche Hilfe. Huberts Tochter hat dafür keine Zeit, wohnt zu weit weg. Auch zur Entlastung der polnischen Haushaltshilfe Ewa, die das Tun und Lassen ihres Patienten immer wieder mit Skepsis und einer ordentlichen Portion Unverstand kommentiert, zwar tatkräftig zupackt, aber lieber die Augen verschliesst, wenn Hubert von seiner Krankheit ins Abseits gestellt wird. Wenn er Karotten toastet und sich mit der Zahnbürste die Haare kämmen will. Linda begegnet Hubert unvoreingenommen. Hubert ist nicht jener, der er einmal war, wie für seine Tochter. Hubert ist für Linda der, der er ist.

Aus mir soll etwas werden, dabei interessiert niemanden, wer ich wirklich bin.

Petra Pellini «Der Bademeister ohne Himmel», Kindler, 2024, 320 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN: 978-3-463-00068-8

Kevin, mit dem sie sich manchmal trifft, ist wie Linda des öftern in seiner Ausweglosigkeit gefangen. Nicht nur, dass er als Nerd viel lieber in seiner abgedunkelten Höhle zuhause vor seinen Bildschirmen sitzt. Kevin sieht wenig Hoffnung für eine Welt, die längst aus den Fügen geraten ist, die irgendwann droht, die Menschheit dafür zu bestrafen. Hubert, Linda und Kevin, ein Dreigespann, dass sich lieber nicht allzu sehr mit der Zukunft beschäftigt, das genug mit sich selbst zu tun hat, das alleine gelassen wird.

Zwischen Hubert und Linda entwickelt sich eine ganz eigene Freundschaft, eine Beziehung, in der man sich weniger offenbart als in seinem Gegenüber vertraut fühlt. Zusammen mit Ewa, zu der Linda viel leichter einen Zugang findet als zu ihrer eigenen Mutter oder gar zu ihrem neuen Freund, einem weiteren in einer langen Reihe, helfen sie Hubert, sich zurechtzufinden, sei es durch den Duft aus der Küche oder ganz eigene „Spiele“, die Linda für Hubert inszeniert, Spiele, die für Hubert zu seiner Welt werden. 

Nicht nur weil Ewa für ein paar Tage weg muss und eine hygienebesessene Aushilfe Huberts Pflege übernehmen soll, beginnen sich die Ereignisse um Hubert zu überstürzen. Linda spürt, dass etwas unwiederbringlich verloren geht, dass sich eine Vertrautheit und ein Stück Zuhause mit zunehmender Demenz verabschiedet.

«Hubert bist du zuhause?“, frage ich ihn und klopfe ihm auf die Schulter.

Nicht nur dass Petra Pellini als Pflegefachfrau genau weiss, wovon sie schreibt und was fortschreitende Demenz für alle Betroffenen bedeutet, die Autorin erzählt mit ungeheurer Leichtigkeit und grösstmöglichem Einfühlungsvermögen. Nicht dass sie der Krankheit den Schrecken nimmt, aber durch die Erzählperspektive einer 15jährigen, die in einer Mischung aus kindlicher Naivität und erwachsener Fürsoge instinktiv zu verstehen scheint, was ein alter Mann, der sich in seiner alten Welt mehr und mehr verliert, sucht und braucht. Gleichzeitig liegt in ihrem Erzählen so viel Leichtigkeit, Witz, Humor und Lebensweisheit, dass man sich mit der Lektüre bis zur letzten Seite diesem schleichenden Schrecken gerne aussetzt.

Petra Pellini, geboren 1970 in Vorarlberg, lebt und arbeitet in Bregenz. Sie war lange in der Pflege demenzkranker Menschen tätig. Für einen Auszug aus ihrem Roman «Der Bademeister ohne Himmel» wurde sie 2021 mit dem Vorarlberger Literaturpreis ausgezeichnet.

Petra Pellini liest am 15. Januar im Literaturhaus St. Gallen und am 16. Januar im Literaturhaus Thurgau!

Beitragsbild © Nina Bröll

Am 6. Januar bringe ich das 68. analoge Literaturblatt zur Post – und damit zu Ihnen!

«Lieber Gallus, deine Hand-Schrift ist angekommen, achtsam wie immer schaust du auf die ausgewählten Texte und weisst auch zu sagen, was du siehst: Hab Dank dafür, von Herzen.» Klaus Merz

«Wann erhält man heutzutage noch etwas Handschriftliches. Selten verlässlich; nur von Ihnen. Ihre Literaturblätter. Dafür von Herzen Dank!» Tanja Wartet, C. H. Beck

«Ein wirklich sehr besonderes und aussergewöhnliches Format, das ich so noch nicht gesehen habe. Ich hoffe, sie führen es noch lange Zeit weiter!» Florian Wacker

«Ihre Literaturblätter sind sehr beeindruckend! Ich habe sie auf Ihrer Webseite gesehen; schon in diesem kleinen Format entfalten sie eine eigene Wirkung.» Melinda Nadj Abonji

«Lieber Her Frei-Tomic, ich bedanke mich für Ihre wunderbare Post! Ihr Leseblatt mit dem Strandkorb ist so schön und liebevoll gemacht, dass ich mich als Autorin sehr geehrt fühle, auf diese Weise beschrieben zu werden. Und dass mein norddeutscher Roman Sie, einen versierten Leser aus der Schweiz, anspricht, freut mich sehr. Ich bin sicher, dass Ihre Leseblätter von den Empfängern sehr geliebt und sorgfältig archiviert werden.» Dörte Hansen

Möchten auch Sie das analoge Literaturblatt abonnieren und damit literaturblatt.ch unterstützen?

Sicken Sie Ihre Postanschrift an info[at]literaturblatt.ch!

Für mindestens 50 Fr./€ schicke ich ihnen die kommenden 10 Nummern der Literaturblätter. Die Literaturblätter erscheinen ca. 5 – 6 Mal jährlich.

Für mindestens 100 Fr/€ schicke ich ihnen als Freunde der Literaturblätter 10 Literaturblätter, 5 – 6 pro Jahr. Zudem sind sie auf literaturblatt.ch vermerkt.

Für mindestens 200 Fr./€ sind Sie als Gönner stets eingeladen, als Gönner der Literaturblätter auf literaturblatt.ch vermerkt bekommen 10 Literaturblätter (5 – 6 pro Jahr), also etwa zwei Jahre lang und werden einmalig auf Wunsch mit einem Buch beschenkt.

Literaturblatt 67

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Seit Januar 2022 ist das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar prominenter Abonnement des Literaturblatts!

Maylis de Kerangal «Weiter nach Osten», Suhrkamp

Ein Zug fährt von Westen nach Osten, quer durch ganz Russland. Der Zug der Transsibirischen ist vollbesetzt, Rekruten auf dem Weg in die Ausbildung, Menschen auf der Reise, eine junge Französin, eine Touristin auf der Flucht vor ihrem alten Leben. Aber unter den zukünftigen Soldaten sinnt auch Aljoscha auf Flucht, jedes Mal, wenn der Zug hält.

Hélène fährt in ihrem Abteil erster Klasse. Sie ist aus einer spontanen Eingebung eingestiegen, war mit Anton in Moskau unterwegs, als Begleitung, um dann plötzlich alles in eine Tasche zu stopfen, um Distanz zu dem Leben zu bekommen, in dem sie sich festgefahren fühlte. Sie spricht nicht einmal Russisch, hat keine Vorstellung davon, was dort, irgendwo im Osten sein wird, nur weg.
Aljoscha wurde zwangsrekrutiert, sitzt mit vielen anderen in diesem Zug, Rekruten zur Ausbildung, Männern, die er nicht kennt, zu denen er nicht gehören will, weil er nicht sein will, wozu man ihn machen will. Aljoscha wollte nicht weg und schon gar nicht zu einem Soldaten ausgebildet, Kanonenfutter werden. Jede Haltestelle auf der tagelangen Bahnfahrt ist Aufforderung genug, die Flucht zu ergreifen, abzuhauen, auch wenn er weiss, dass es kein Zurück geben wird.

Am Ende der Schienen wird die Kaserne stehen und die dedowschtschina, das Schikanieren der Wehrpflichtigen, und wenn er dort ist, wenn die Rekruten im zweiten Jahr ihm mit der Zigarette den Schwanz verbrennen, ihn die Latrinen auslecken lassen, ihn am Schlafen hindern oder in den Arsch ficken, wird er allein sein, niemand wird ihm helfen können.

Der Zug rattert gen Osten, Kilometer für Kilometer, Stunde für Stunde. Für Hélène genauso in eine ungewisse Zukunft, wie für Aljoscha. An den Haltestellen, an denen sich die Reisenden die Füsse vertreten, auch die angehenden Soldaten dem Zug entlang von ihren Vorgesetzten beobachtet werden, schnuppert Aljoscha nach der einen Chance, die ihn aus dem Würgegriff eines Alps entlassen soll. Aber bei jedem Versuch fehlt der Mut, die letzte Entschlossenheit, aber auch das Glück.

Maylis de Kerangal «Weiter nach Osten», Suhrkamp, 2024, aus dem Französischen von Andrea Spingler, 90 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-518-43212-9

Hélène spürt die Not des jungen Mannes, sieht seinen Blick, die Augen, die das Weite suchen. Sie begegnen sich immer wieder auf den schmalen Gängen des Zuges, wenn er seine Stirn an die Scheibe drückt. Zwischen den beiden wächst ganz zaghaft eine Verbundenheit, eine Mischung aus Mitleid und Verliebtheit, aus Faszination und Hilflosigkeit. Bis Aljoscha alles auf eine Karte setzt und ein weiterer Fluchtversuch zu scheitern droht. Es gibt keine Versuche, nur Scheitern oder Gelingen. Hélène zieht den jungen Mann in ihre Kabine und versteckt ihn dort, wo man sonst die Koffer in einen Zwischeraum schiebt. Die körperliche Nähe wird zur Notwendigkeit, nicht nur in seinem Versuch, sich vor seinen Vorgesetzen und dem Personal des Zuges unsichtbar zu machen, sondern weil der Raum zwischen und um die beiden mit einem Mal auf das reduziert wird, was eine Kabine mit zwei Pritschen hergibt.

Das Hemd verlangt er, weil es um seine Freiheit geht.

Aus Hélène und Aljoscha werden Verbündete ohne gemeinsame Sprache. Aljoscha braucht seine Verbündete und Hélène hat sich an ein Schicksal gehängt, dem auch sie nicht mehr entfliehen kann. Während der Zug unaufhaltsam Richtung Osten rollt, spinnt sich ein Verhältnis, dass die beiden mehr und mehr aneinander fesselt. Werden sie es schaffen? Gibt es ein Danach?

Maylis de Kerangal schafft einen klaustrophobischen Raum, einen Zug in die Verdammnis, einen Weg, den es nur in der einen Richtung gibt. „Weiter nach Osten“ ist ein schmales Buch mit erstaunlichem Tiefgang. Ob in seiner Dramatik oder in seiner Sprache. Lange, mäandernde Sätze, die das Rattern der Räder aufnehmen, die den Zug imitieren, den Zug des Geschehens, den Zug auf Rädern. Maylis de Kerangal schafft Erstaunliches. Es ist das Psychogramm einer Not. Man riecht den Schweiss der Angst, den Zwang des Kollektivs, das lauernde Misstrauen, das Reissen der Verzweiflung.

Irgendwie Liebesgeschichte und doch nicht. Irgendwie Antikriegsgeschichte und doch nicht. Irgendwie Thriller und doch nicht. Aber ein absolut beklemmendes Kammerspiel!

Maylis de Kerangal, geboren 1967 in Toulon, zählt zu den einflussreichsten Gegenwartsautorinnen Frankreichs. Sie hat zahlreiche Romane, Essays und Erzählungsbände veröffentlicht. Für ihren 2010 erschienenen Roman Die Brücke von Coca wurde sie mit dem Prix Médicis ausgezeichnet, Die Lebenden reparieren gewann zahlreiche Preise und wurde 2016 verfilmt. Kerangal lebt mit ihrer Familie in Paris.

Andrea Spingler, geboren 1949 in Stuttgart, ist seit 1980 als freie Übersetzerin tätig. Sie hat unter anderem Werke von Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet, Patrick Modiano, Jean-Paul Sartre, André Gide ins Deutsche übertragen. 2007 wurde sie mit dem Eugen-Helmlé-Preis für herausragende deutsch-französische Übersetzungen ausgezeichnet, 2012 mit dem Prix lémanique de la traduction. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

Beitragsbild © F. Mantovani / Editions Gallimard / Suhrkamp Verlag