Jaap hat alles erreicht. Die Welt liegt ihm zu Füssen. Er ist ein Abräumer, ein Sieger. Bis seine Tochter mit ihrem Freund auf ihrer ersten grossen Reise spurlos verschwindet. Bis Jaap erfahren muss, dass das Schicksal sich einen Deut um die Erwartungen eines Siegers kümmert. Bis ein Hund ihm den Weg zeigt.
Jaap Hollander ist ein gefragter Gehirnchirurg, wahrscheinlich einer der besten in seinem Fach. Aber so aussergewöhnlich sein Talent mit dem Skalpell, so hölzern und wenig empathisch seine Beziehungen. Frauen sind Objekte der Selbstbestätigung, Projektionsflächen seiner Libido. Kein Wunder ist es dann eine Krankenschwester, die Mutter ihrer gemeinsamen Tochter wird, eine Beziehung, die allerdings den Belastungen einer innerfamiliären Katastrophe nicht standhält. Ihre gemeinsame Tochter Lea, auf ihrer ersten grossen Reise allein mit ihrem Freund Joshua, verschwindet spurlos in Israel, weit weg von zuhause, in der Wüste Negev. Obwohl eine grossangelegte Suchaktion gestartet wird, bleibt diese erfolglos.
Erst recht nach seiner Pensionierung fährt Jaap jedes Jahr um die immer gleiche Zeit in die Wüste Negev zu dem einen Stein, auf dem er die beiden Namen der beiden spurlos Verschwundenen eingravieren liess. In das immer gleiche Hotel, auf den immer gleichen Strassen zu dem Ort, an dem sich die Spuren seiner einzigen Tochter verloren. Sein Schmerz um diesen Verlust ist ihm das einzige, das geblieben ist, das einzige, was zählt. Auch wenn er weiss, dass diese Endlosschlaufe auch das war, was seine Frau damals, die Mutter seiner Tochter, aus dem Haus vertrieb. Sie ist nicht geblieben. Stellvertretend dafür die grosse leere Villa in Holland, die trotz aller Umbauarbeiten nie zu einem Zuhause wird.
Leon de Winter «Stadt der Hunde», Diogenes, 2025, aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer, 272 Seiten, CHF ca. 35.00, ISBN 978-3-257-07281-5
Bei einem dieser jährlich wiederkehrenden Ausflüge in die Wüste Negev kommt es zur Begegnung mit einem Hund, einem Wesen, das ihn aus einer anderen Welt zu betrachten scheint. Gleichzeitig, mittlerweile sind es zehn Jahre seit dem Verschwinden seiner Tochter und ihrem Freund, erreicht ihn die Bitte des israelischen Ministerpräsidenten persönlich, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er brauche seine Hilfe. Was will das israelische Staatsoberhaupt von einem pensionierten Gehirnchirurgen? In grösster Geheimhaltung wird ihm mitgeteilt, dass sie einzige Tochter des saudischen Prinzen an einer Missbildung im Gehirn leidet, die jederzeit das noch junge Leben auslöschen kann. Aber weil der saudische Prinz beabsichtigt, seine Tochter dereinst zur ersten weiblichen Nachfolgerin in seinem Land zu machen, eine Revolution von oben, ist Jaap Hollander die einzige Hoffnung, die der Zukunft der jungen Frau und ihres Heimatlandes geblieben ist. Jaap soll operieren, auch wenn die Chancen auf Erfolg verschwindend klein sind.
Selbst wenn die Operation nicht gelingen sollte, würde Jaap so viel Geld verdienen, dass er ein Team von Archäologen damit beauftragen könnte, das noch unerforschte Höhlensystem am Ort des Verschwindens seiner Tochter zu finanzieren, erst recht, würde die Operation gelingen. Es würde eine Chance geben, endlich Klarheit zu schaffen, der einen grossen Frage seines Lebens eine Antwort entgegenzustellen.
Mag sein, dass „Stadt der Hunde“ jenen Leserinnen und Lesern nicht genügt, die wie ich sonst mit dem Bleistift lesen, die auf der Suche sind nach Sätzen, die bleiben, Szenen, die sich einbrennen. Leon de Winter ist ein Geschichtenerzähler. Einer, der sein ganzes Können einzusetzen weiss, wie eine Geschichte gebaut werden muss, dass ich als Leser auf seiner Spur bleibe. Versteckt baut der Meister der Spannung ein, was uns durch die Medien permanent mit Wirklichkeiten konfrontiert; ein Jude im Spannungsfeld zwischen arabischer Tradition und nahöstlicher Filigranität. „Stadt der Hunde“ ist ein Roman über einen Mann, den das Schicksal prügeln muss, um sich dessen bewusst zu werden, was Leben ausmacht. „Stadt der Hunde“ ist ein Roman über einen Mann, der alles erreicht und doch nichts gewonnen hat. Aber auch ein Roman darüber, dass es Wirklichkeiten gibt, die weder mit dem Skalpell wegzuschneiden, noch mit feinster Technik lokalisierbar zu machen sind.
Wie ich mich freue über die Begegnung mit dem Schriftsteller beim Wortlaut Literaturfestival in St. Gallen, weil es Leon de Winter meisterhaft versteht, mich als Leser zu überraschen, die Grenzen des Wahrscheinlichen auszuloten.
Leon de Winter, geboren 1954 in ’s-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, arbeitet seit 1976 als freier Schriftsteller und Filmemacher und lebt in den Niederlanden. 2002 erhielt er den ›Welt‹-Literaturpreis, 2006 die Buber-Rosenzweig-Medaille für seinen Kampf gegen Antisemitismus, und 2009 wurde er mit dem Literaturpreis der Provinz Brabant für «Das Recht auf Rückkehr» ausgezeichnet. Seine Romane wurden in 20 Sprachen übersetzt, zuletzt erschienen bei Diogenes «Ein gutes Herz» (2013) und «Geronimo» (2016).
Stefanie Schäfer studierte Dolmetschen und Übersetzen an den Universitäten Heidelberg und Köln. Für herausragende übersetzerische Leistungen wurde sie mit dem Hieronymusring ausgezeichnet. Sie lebt in Köln.
Wir alle schlagen uns herum mit Schreckensbildern, Katastrophenszenarien oder Zukunftsängsten. Übernimmt am Ende nicht ohnehin die Künstliche Intelligenz die Weltherrschaft? Es ist schwierig, in diesen Zeiten zu hoffen, wenn wir um unsere Demokratie und unsere Erde bangen müssen. Aber es soll nicht düster bleiben, im Gegenteil: Wir sind davon überzeugt, dass es sich lohnt zu «hoffen», auch wenn derzeit viele von uns «bangen». Und wo, wenn nicht in der Literatur, können wir diese Hoffnung finden?
Mit viel Freude laden wir Autor*innen nach St.Gallen ein, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Hoffen und Bangen auseinandersetzen. Wie gelingt es uns, als Gesellschaft wieder zusammenzurücken? Nur über gutes Streiten, davon ist die Philosophin Svenja Flasspöhler überzeugt. Gemeinsam mit Barbara Bleisch und der Band Hekto Super eröffnet sie das Wortlaut 2025. Neben wunderbaren Autor*innen, die am Samstag und Sonntag aus ihren Büchern lesen, setzen wir den Schwerpunkt genau darauf: auf Gespräche und den Austausch.
Peter Stamm bekommt von uns die Carte blanche. Er entschied sich für die Schriftstellerin Judith Hermann. Ein spannendes Gespräch ist garantiert! Verleger*innen diskutieren über die Zukunft des Buches. Zwei Autorinnen aus zwei Generationen geben im Rahmen eines Werkstattgesprächs Einblicke in ihr Schaffen. Eine UniSeminargruppe und eine Gymnasialklasse bestreiten jeweils eine Veranstaltung mit Autor*innen, die sie selber eingeladen haben.
Mit Buslesungen und einem literarischen Stadtspaziergang wollen wir Ihnen eine Reise ermöglichen, die ausnahmsweise nicht nur im Geiste stattfindet.
Gemeinsam werden wir an diesem Wochenende gute Gründe fin den, warum es trotz allem Anlass zur Hoffnung gibt. Wortlaut ist zurück. Wir freuen uns auf Sie, liebes Publikum!
Bestellen Sie das Programmheft oder informieren Sie sich auf wortlaut.ch!
Lucas Cejpek ist ein formidabler Beobachter und Nachdenker. Ein Mann, der sich mit Oberflächlichkeiten nicht begnügt und dem der Blick über die eigene Nasenspitze hinaus längst zur Lebensaufgabe geworden ist. Sein neuestes Buch, eine Mischung aus Essaysammlung, Tagebuch, Betrachtungen und Nachforschungen ist ein schillerndes, hochliterarisches Kalaidoskop. Die ideale Lektüre, um dem nächtlichen Schlaf die richtige Färbung zu geben!
Schreiben sie Tagebuch? Ich schreibe seit mehr als 40 Jahren, möchte aber niemandem die Lektüre dieser Bücher zumuten, weil es sehr subjektive Wahrnehmungen eines Menschen sind, der sich allzuoft in den mehr als menschlichen Verstrickungen seines eigenen Dasein verheddert. „Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar“ erscheint wie ein Tagebuch. Aber Lucas Cejpeks Blick auf die Welt ist weder der eines Hypochonders noch jener eines auf sich selbst Zurückgeworfenen, obwohl Lucas Cejpek mit dem Schreiben dieser äusserst vielfältigen, vielstimmigen und vielseitigen Texte während der Zeit der Pandemie begonnen hatte, einer Zeit, in der viele wirklich Gespenster sahen und der „Blick in die Minbar“ wirklich eine grosse Leere auslöste.
Lucas Cejpek «Die siehst Gespenster und nichts in der Minibar», Sonderzahl, 2024, 240 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-85449-660-1
Lucas Cejpek sieht und denkt nach, lässt sich von Kleinigkeiten ins Grosse tragen, leuchtet hinter Geheimnisse, öffnet Türen und weiss immer und immer wieder zu überraschen. Dabei ist das Thema „Gespenster“ immer wieder anzutreffen. Als man während der Pandemie im Hotelzimmer stranden konnte, die Welt sich auf einen Mikrokosmos reduzierte, ein Hotelzimmer zu einem „utopischen Ort“ wurde, begann Lucas Cejpek aufzuschreiben, aufzutun. „Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar“ sind Gedankenspaziergänge in die Tiefen menschlicher Existenz.
Zwei solcher „Einträge“ stellte mir Lucas Cejpek für diesen Beitrag zur Verfügung:
Im Buch Seite 64, 65, 66: «Als ich am Morgen des 3. November 2020 durch die Liniengasse ging, die ich in meinem letzten Buch beschrieben habe – es war der erste Tag des zweiten Lockdows, den die Regierung zur Rettung des Gesundheitswesens verhängt hatte, und ich war auf dem Weg zum Krankenhaus derBarmherzigen Schwestern, wo ich noch am selben Tag einer Leistenoperation unterzogen werden sollte, nachdem ich fast ein Jahr lang eine Operation aufgeschoben hatte, auch wegen des ersten Lockdowns Mitte März, als nur noch lebensrettende Operationen durchgeführt werden durften – ich ging durch die Liniengasse, den Kurier unter dem Arm, die Titelseite war schwarz, die Schlagzeile in weißen Lettern: Terror im Herzen von Wien – am Vorabend hatten, wie in den Dauersendungen im Fernsehen berichtet wurde, mehrere Attentäter im Ausgehviertel rund um den Schwedenplatz wahllos auf Passanten geschossen – wie sich später herausgestellt hat, war es ein Einzeltäter, ein 20jähriger IS-Anhänger aus Wien, der neun Minuten, nachdem er begonnen hatte, um sich zu schießen, von der Polizei erschossen wurde – in neun Minuten hatte er vier Menschen getötet und 22 weitere zum Teil schwer verletzt – als ich am Tag danach durch die Liniengasse zum Krankenhaus in der Stumpergasse ging, fiel mir zum ersten Mal ein Schaufenster an der Ecke Hirschengasse auf, wo früher die Installationsfirma Karl Jäger war – die Aufschrift an der Fassade war immer noch da, ein Feld des 16teiligen Fensters war mit einem handgemalten Plakat beklebt: ZEIT/FEN/STER und am Boden standen Kakteen in bunten Töpfen, während der Blumentrog vor dem Fenster mit Unkraut überwuchert war.
Der letzte Eindruck, bevor ich nach der Einnahme einer Schlaftablette das Bewusstsein verlor, war grün, die Farbe des Paravents neben meinem Bett, in dem ich von einem Pfleger aus meinem Zimmer im dritten Stock in die Anästhesie gefahren wurde, mit dem Lift in den ersten Stock, die Dokumentenablage auf der Theke vor mir, hinter der das medizinische Personal in Grün verschwand, war grün, ebenso wie die Abfalltonne am Rand des Gangs zum Operationssaal. – Als ich wieder im Krankenzimmer aufgewacht bin, das ich mit einem Tischler teilte, dem die Gallenblase entfernt worden war und der in tiefem Schlaf lag, begann ich das Buch, das ich mitgenommen hatte, zu lesen, Marie-Claire Blais‘ Roman Drei Nächte, drei Tage, um auf die erste Mahlzeit seit Mitternacht zu warten – vor einer Vollnarkose muss man nüchtern sein. Die barocke Fülle von Blais‘ Buch hat mich in die Wirklichkeit zurückgeholt, die über Seiten gehenden Sätze – ich habe mir die wenigen Punkte und Fragezeichen angezeichnet, mit denen sich Blais unterbricht, um ihre Figuren zusammenzuführen, und alle Stellen, an denen von Grün die Rede ist, was selten geschieht, obwohl sich alles auf den Antillen abspielt, die ich mir lichtgrün vorstelle und nicht dunkelgrün wie das Pfarrhaus und das Militärgebäude am Beginn des Romans, auf die der grüne Tisch des Spielcasinos folgt, die grüne, neonfarbene Spur von Inlineskates, die graugrünen Sümpfe am Meer, der grün angestrahlte Swimmingpool und die Zeiger auf dem grünen Wecker, der auf neun Uhr steht, die Stunde, in der sie geboren wurde, die Stunde, in der sie sterben würde, Renata, die Wiedergeborene.»
***
Diese Texte sind sehr wohl aus einer Not entstanden, aus der totalen Reduktion, in einer Zeit, in der sich alles zu schliessen begann. Du machst in deinen Texten genau das Gegenteil; du öffnest, nicht nur dich selbst, sondern die reduzierte Welt um dich herum. Du steigst in überraschende Tiefen, offenbarst Geschichte und Geschichten, durchbrichst gar formal den Text, die Gestalt. Da ich annehme, dass das Schreiben für dich über die Jahrzehnte zu einem ständigen Begleiter wurde, frage ich mich, wann eine Sammlung von Texten zu einer Buchidee wird. Zuerst die Idee oder zuerst eine gewisse Anzahl Texte, die sich als zugehörig erweisen? Liest man die Titel deine Bücher, dann scheint es immer und immer wieder ein „Umkreisen“ zu sein. Buchideen entwickeln sich bei mir unterschiedlich, je nachdem wo ich gerade in meiner Arbeit als freier Schriftsteller und Regisseur bin, welche Obsessionen deutlich werden in einem wiederholten Umkreisen, wie Du es nennst.
Es gab schon während der Pandemie „Coronabücher“, die aber kaum jemand lesen wollte. „Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar“ ist ein Coronabuch und doch kein Coronabuch. Aber mit Sicherheit entstanden viele dieser Texte aus diesem „Zurückgeworfensein“. Hat jene Zeit aus Lucas Cejpek einen anderen gemacht? Was ist geblieben? Zumindest aus meiner Sicht gab es auch das eine oder andere, das sich mit der Pandemie zu verändern schien. Allerdings hat sich die Ernüchterung längst darübergelegt.
Die Coronazeit hat mir gezeigt, dass mein aufgeklärtes Selbstverständnis fragwürdig ist, auch unter demokratischen Bedingungen wie in Österreich. Ich wurde ausgesperrt, als unverheirateter Mann, als Kaffeehausbesucher und Spaziergänger in staatlich verwalteten Parks, die in Wien die weitläufigsten sind.
Im Buch Seite 135: «Als ich nach dem Jahreswechsel die Leerflaschen in den Altglaskontainer am Naschmarkt warf, sah ich neben dem Verkaufsstand für Mäntel, Jacken, Schals, Schirmmützen, Pudelhauben, Strickwesten, Gürtel, Hosenträger, Rucksäcke, Brieftaschen einen afrikanischen Maskenstand, den ich zum ersten Mal auf dem Vorweihnachtsmarkt gesehen hatte, aber der Händler, mit dem ich damals gesprochen hatte, war nicht da, und auch nicht die Maske, die mir sofort aufgefallen war, ein threeface – wir redeten Englisch miteinander – eine unbemalte Drei-Gesichter-Maske: drei Augenbrauen, drei Augen, zwei Nasen, ein Mund.
Wo kann man hier noch solche Masken sehen?, hatte er mich gefragt. – Im ‚Weltmuseum‘. – Ich habe ihm die Adresse auf einen Zettel geschrieben: Heldenplatz, 1010 Wien.
Als ich ein drittes Mal über den fast leeren Marktplatz ging, war der Maskenhändler gerade dabei, seine Verkaufsstücke in Koffer und Taschen zu packen: bunte Masken und Holzfiguren, große Fische und mit Schnitzereien verzierte Türblätter. – Wo ist der threeface?, fragte ich ihn, und er holte die Maske aus einer Plastiktasche. – Wollen Sie sie? – Das kann ich mir nicht leisten, sagte ich, Sie wollen 250 Euro dafür. – 220 für Sie. – Das nächste Mal vielleicht, sagte ich. – Ich fliege morgen nach Paris. – Mit dem ganzen Gepäck? – Ich komme in drei Monaten wieder, sagte er, inschallah. – Dann sehen wir uns im März. – Wie viel haben Sie jetzt dabei?, fragte er, und ich zeigte ihm meine Brieftasche: 60 Euro. –Dann heben Sie noch 100 ab, sagte er und zeigte auf den Geldautomaten gegenüber. (Montag, 3. Jänner 2022)
Ich habe die Drei-Gesichter-Maske im Vorzimmer aufgehängt, über der Küchentür, damit ich sie möglichst oft sehe. Sie ist aus Gabun am Golf von Guinea, wo der Äquator den Nullmeridian kreuzt.»
***
Du widmest dich in den Texten immer und immer wieder den Gespenstern, tust es lustbetont, manchmal mit Akribie, nicht verwunderlich in einer Zeit, in der uns allerlei Welterklärer die bösen Geister erklären. Edgar Allan Poe glaubte allen Ernstes an Gespenster. Die Fotografie beschäftigte sich immer wieder mit Gespenster – und nicht zuletzt die Literatur ist voller Gespenstergeschichten. Hat nicht die Literatur selbst etwas gespenstisches? Ist sie doch Abbild einer nicht existierenden Zwischenwelt. Literatur hat insofern etwas Gespenstisches – um Deine vorletzte Frage zu beantworten –, als sie nie abbildend ist, sondern immer Erinnerung und Entwurf. Insofern gibt es eine Zwischenwelt, während die Malerei für mich etwas Gegenwärtiges hat, der Film ist reine Projektion.
Bei dir zuhause hängt eine Drei-Gesichter-Maske. Bei uns zuhause hängst auch eine afrikanische Maske, die ich mir vor ein paar Jahren auf einem Markt in Paris kaufte. Auch eine Art Geist. Ich habe dir das Foto „angehängt“. Nicht eigenartig? Eine Geistermaske, um uns diese vom Leib zu halten – oder sie gar einzuladen? Meine nächtlichen Geister mag ich nicht so sehr. Du aber scheinst sie zu mögen? In meinen Träumen geht es meistens darum, dass ich den Anschluss an etwas verpasse – beim Umsteigen in Zügen – oder etwas liegenlasse. Vielleicht ist meine Genauigkeit im Schreiben eine Vorsichtsmaßnahme?
Lucas Cejpek, geboren 1956 in Wien, Studium der Germanistik und Anglistik in Graz. 1982 Promotion zum Dr. phil. Lehraufträge an den Universitäten Graz, Klagenfurt und Wien. Seit 1981 als Theaterregisseur tätig. 1983-90 freier Mitarbeiter des ORF Steiermark, seit 1990 freiberuflicher Schriftsteller. Lebt in Wien. Preise, Auszeichnungen: 1984 Literaturförderungspreis des Forum Stadtpark Graz und 1992 Förderungspreis der Stadt Wien für Literatur, veröffentlicht Essays, Romane und Gesprächsbücher.
Der Solothurner Literaturpreis, der alljährlich «für hervorragende literarische Leistungen an das Gesamtwerk eines deutschsprachigen Autors oder einer deutschsprachigen Autorin» verliehen wird, das durch «literarische Qualität, künstlerische Individualität und inhaltliche Relevanz» hervorsticht, geht dieses Jahr an Alain Claude Sulzer.
Unter den Preisträgern der letzten Jahre finden sich Autoren wie Anne Weber, Karen Duve, Peter Stamm, Iris Wolff oder Thérézia Mora.
Der Autor dazu: Gerade über die Würdigung des Gesamtwerk freue mich sehr.
Aus der Begründung der Jury:
Alain Claude Sulzer hat über vier Jahrzehnte ein literarisches Werk geschaffen, das rund ein Dutzend Romane sowie kürzere Prosa umfasst. Ob sich Sulzer in einen Stoff des 19. Jahrhunderts vertieft oder in die Nachkriegsgesellschaft zurückversetzt: Stets vermag er glaubwürdige Stimmungslandschaften zu erzeugen und bringt den Lesenden Protagonisten nahe, die man leicht als Nebenfiguren der Geschichte übersehen könnte… In Sulzers Schaffen sedimentieren sich auch gewaltsame Realitäten vom sexuellen Übergriff bis hin zu strukturellen Unterdrückungsmechanismen. Dabei schreibt der Romancier unbeirrt und immun gegenüber kurzfristigen Trends. Verdrängtes holt er nüchtern und behutsam zurück ans Licht und beweist mit jedem Werk seinen Willen zur Form und ein unvergleichliches Gespür für Sprache und Stil.
Mit «Ein perfekter Kellner» (2004) gelang ihm der internationale Durchbruch, sein grösster Verkaufserfolg im heimischen Markt war «Aus den Fugen» (2012). Seine Romane werden regelmässig in zahlreiche Sprachen übersetzt, 2008 wurde Sulzer in Frankreich mit dem Prix Médicis étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschienen die Romane «Postskriptum» (2015), «Doppelleben» (über die Brüder Goncourt, 2022) und unlängst «Fast wie ein Bruder» (2024), «ein berührender Roman. Ein schonungslos aufrüttelndes Buch über eine Freundschaft über den Tod hinaus.» (Berliner Morgenpost).
singid siba schneeawiissi Schwään übar mis Huus ufam Fluug in Süüda singid Säaga
bringid Freada ear schneeawiissa Schwään vum Noardan in Süüda vum Weschtan in Oschta bringid Freada
singid vu Kraankat Soargan und schtäarba schneawiissi Schwään
singid Läaba singid Säaga bringid Freada
Dämmarschtunda
Si ischt fascht 97gi gsii wo s gschtoarban ischt im Juli 2001 üsari Tanta Fiina leedig roati Hoor s Läaba lang ir Fabrik gschaffat um nünt si hett gäan an Maa khaa und Kiand abar doazmool mit roata Hoor ku Schooss blibscht hoka bim Kilbitaanz
abar im Aaltarshaim haiaiai bis in Moargan iachi taanzat ammana Fäascht jawool di roata Hoor siand iaz jo wiiss schneewiiss wi andari oo
si häat s Läaba ggnossa earscht räacht gäan gsunga regilmäässig a Glääsli Wii
ebs äacht no hundarti wöar
ammana Taag häats gseet as langat iaz bini müad ischt im Bett pleaba häat nümma ggäassa nümma trunka t Ooga zuan und ufa Toad ggwaartat däar ischt nüd gad glai koo
singa häat Pfiina gseet singa
iannari aalta Liadar hommar mittar gsunga Liabi Load Frööd und Toad alls hommar mittar gsunga mänga Schtrooffa
mit vollar Schtimm klaar und tütlig us vollam Häarz häat Pfiina gsunga Köarpar und Gaischt siand langsam varlöscht wi a Kearzaflämmli s Ggmüat häat no häall uusaklunga bisas dar Toad khöart und Pfiina it Aarma ggnoo häat
Gränzschtuua
ir Meatti vum aalta Rii schtoot an Gränzschtuua ufamana Schtuuabett
Als Kiand siammar uufikläattarat aachigjukt uufi aachi uufi aachi is Inland gjukt is Ussland gjukt uuni Pass
Gschichtabömm
Iaadi häat iannari Gschicht
doar Schichta
vu iannarar Moattar sinnar Gschicht
und iannaram Vattar sinnar Gschicht
und doar iannaran Eltara sina Gschichta
woarzlid
I ho
Bim Papa Kuschtar ir Kuchi khokat voar iam uss a Holzkischta ufar Holzkischtan an umkeearti Holzhäardiisapfanna am langa iisaga Schtiil vur Pfanna häat ar dar goldig Töargga ggraschplat ratsch ratsch ratsch Köannli siand it Kischta gschpikt dar läär Rapp häatar it Zuana gwoarffa dian häatar im Wiantar zum aafüüra ggnoo
ii als klänns Möatalidarnäabat khöklat ir Kafìmüüli uf da Knüüna hani Töarggaköanli ggmaalat schtundalang rundummioo iooioo vu Zitt zu Zitt häat dar Papa Kuschtar gseet i ho all han i gfröögat waa hoasst i ho i ho häat dar Papa Kuschtar gseet und häat hööfali gglächlat ammana Taag han i gseet iaz woassis: i ho hoasst joo dar Papa Kuschtar häat hööfali gglächlat ùnd häat gseet
i ho
Napoli
Am Meer Mööfagschrööa kun uanziga Voogil wo singt
bi nüd wägs da Vöögil koo bi wägs dar Muusig doo Rusalka s Määrli vur Nixa und vum Prinz wo nüd hond künna zämmakoo dr Graaba zwüschat Läaban und Toad ischt z tüüf truurig schüüa s Liad an Moo wo t Rusalka singt
la Luna höart s blibt schtumm am Himmil schtoo
Rii rundumm
rundumm Rii ruuschat aanis varbii laadat zum Baada zum Loosan und Luagan ii kunnt eewig goot eewig und ischt all doo
Rii rundumm rundumm Rii kunnt vu mächtiga Bäarg macht is klii wi Zwäarg loot is machtloas am Uufar schtoo übar viar Brugga üübarigoo
Rii rundumm rundumm Rii ischt wi umarmat sii vunnara Kraft wo flüüsst und Läaba bringt
mächtig doarsichtig singt
Uufrumma
kumm häascht di räacht iiggrummat im Läaba iss schu widar Zitt zum uusrumma
Aapassa
Aapassa sì müsstat sì gad aapassa tütsch läanna schaffa wi meear schmeka wi meear täänka wi meear
jò meear täätìd üüs aapassa
As klokat
As klokat a fröndì Frou A üsarì Tööar Uuftùùa Iiacha lòò Ìt Ooga luaga
Sì häat an Namma Ùnd o a Moattar Ìm Hìmmìl
Ùanì wo vòar 2000 Jòòr Säalbar Flüchtlìng Gsii ìscht
Am Taich
Frosch grüüa ufam Searoasablatt o grüüa schüüa Frosch grüüa
Frosch grau ufam gschpriggalatta Schtuua o grau schlau Frosch grau
Frosch schwarz im schwadriga Schwappilschlamm o schwarz
nüd aso schüüa wi Frosch grüüa abar o schlau wi Frosch grau
Berta Thurnherr «Rundumm Rii», Der gesunde Menschenversand, 2023, 184 Seiten, CHF ca. 25.00, ISBN 978-3-03853-134-0
Berta Thurnherr, geboren 1946, lebt als Autorin und Erzählerin in Diepoldsau. 2018 wurde sie mit dem Rheintaler Kulturpreis Goldiga Törgga, 2021 mit dem Anerkennungspreis der Kulturstiftung des Kantons St. Gallen ausgezeichnet. Zahlreiche Veröffentlichungen, unter anderem «As wöart schù wööara, ma tuat wamma kaa» (Buch mit 2 CDs).
Rebekka Salm und Markus Kirchhofer arbeiten seit 2022 zusammen. Und zwar so: Sie oder er macht per WhatsApp zwei Vorschläge für den Oberstollen. Das Gegenüber wählt einen aus, fügt den Unterstollen an und schickt das fertige Gedicht per Postkarte zurück. Für das nächste Tan-Renga wechseln die Rollen.
zartblauer himmel wolken wie wattebäusche der geruch von heu
Dort, wo der Holunder blüht liegt das totgemähte Kitz
markus kirchhofer / Rebekka Salm Salmhofer 2/6
Im dunklen Geäst streiten sich Rabenvögel Um das Stück Goldmond
geturtel am caquelon gabelgefecht im käse
Rebekka Salm / markus kirchhofer Salmhofer 1
Was ist ein Tan-Renga? Ein Tan-Renga besteht aus zwei Teilen: eine Autorin / ein Autor gibt den Oberstollen vor, ein anderer Autor / eine andere Autorin ergänzt mit dem Unterstollen zum fertigen Gedicht. Tan-Renga haben keine Titel und keine Reime. Üblicherweise wird zwischen dem Ober- und Unterstollen ein Abstand gesetzt und die Namen der Verfasser werden unter dem Gedicht vermerkt. Zentral im Tan-Renga ist die Verbindung zwischen dem Ober- und Unterstollen. Meist wird im zweiten Teil ein Wort aus dem ersten Teil aufgegriffen, ohne dieses zu wiederholen. Der Oberstollen besteht aus drei Zeilen mit der Silbenfolge 5 – 7 – 5, der Unterstollen aus zwei Zeilen mit nochmals je 7 Silben. Tan-Renga halten Augenblicke in der Gegenwart fest, möglichst konkret, bildhaft und offen.
In diesem lyrischen Pingpong sind bisher gegen 50 «Salmhofer» entstanden, von denen 16 im Lyrikband silbensee (Knapp Verlag, 2024) erschienen sind.
Rebekka Salm wohnt in Olten. 2022 erschien ihr vielbesprochener Debüt-Roman «Die Dinge beim Namen». Zwei Jahre später folgte «Wie der Hase läuft» (beide Romane im Knapp Verlag). 2023 erhielt sie von den Kantonen Baselland und Solothurn je den Förderpreis Literatur sowie von der Hans und Beatrice Maurer-Billeter-Stiftung den Förderpreis Dreitannen. Ihre nächsten beiden Romane erscheinen im Ullstein Verlag.
Markus Kirchhofer (1963) lebt mit seiner Frau in Oberkulm. Seit 2013 ist er freier Schriftsteller. Gedichte sind die Basis seines vielfältigen Schreibens, das mit Werkbeiträgen für Lyrik, Prosa und Interdisziplinäres ausgezeichnet wurde. 2024 erschien seine 17. Publikation, der Lyrikband silbensee. Das Vorwort verfasste sein Primarlehrer Jannis Zinniker, unter dessen Anleitung Markus Kirchhofer seine ersten Gedichte schrieb.
Ein Sommer zwischen Kindsein und Erwachsensein. Vielleicht der letzte Sommer, in dem die Welt als grosses Abenteuer erscheint, sich das Gift unleugbarer Realitäten noch nicht eingefressen hat. „32. August“, ein Sommerbuch, eine Liebeserklärung an die Grosseltern, die einem alles schenken und nichts nehmen.
Leo ist dreizehn und wird von seinen Eltern zu den Grosseltern spediert, in das kleine Haus am Rand des Dorfes, ganz nahe beim Wald, wie so oft im Sommer. Ferientage, auf die sich Leo freut, in einem Haus, das in der Erinnerung des Erzählers alle Geheimnisse des Lebens barg, eine Burg war, behütet von der festen und bestimmten Hand der Grossmutter. Der Erzähler erinnert sich gern, weil die Wochen, jene Wochen in jenem Haus eine Zäsur bedeuteten, in der der sonst meist abwesende Grossvater mit einem Mal eine ganz andere Rolle bekommen sollte, wie in all den Sommern zuvor.
Leo spürt, dass er sich in ein fremdes Land begibt. Das spürte er schon im Jahr zuvor, weil Lilia zu Beginn des Schuljahres neu in die Klasse kam, ein Mädchen mit schwedisch-argentinischen Wurzeln, so ganz anders wie die anderen Mädchen in der Klasse, unerreichbar für sie alle. Bis es Leo kurz vor den Sommerfrien doch noch gelingt, die Zuwendung seiner Angebeteten zu erhaschen und sie sich gegenseitig bezeugen, sich während der langen Sommerferien zu vermissen.
Mischa Kopman «32. August», Osburg, 2024, 200 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-95510-356-9
An einem der ersten Tage bei der Grossmutter macht der Grossvater ganz überraschend den Vorschlag, Leo solle ihn auf seinen Touren durchs Land, seiner Arbeit als Vertreter begleiten, er wäre alt genug und sei ihm durchaus eine Hilfe. Leo geht mit, setzt sich in den 190er Mercerdes seines Grossvaters und begleitet ihn, der sonst stets schon unterwegs war, wenn sich Leo aus dem Bett im Gästezimmer schälte und erst zum Abendessen wieder von seinen langen Touren zurückkehrte. Leo erfährt, dass sein Grossvater ein ganz anderer ist, wenn er in seinem Auto unterwegs ist, dass er stets nach ein paar hundert Metern am Strassenrand hält, mit seinem Kamm die Haare nach hinten kämmt, eine Sonnenbrille aufsetzt, eine Zigarette anzündet und Kassetten abspielt, die beim ersten Mal Hören so gar nicht nach Grosseltern klingen; Hank Williams und Billie Holiday. Grossvater fährt mit Leo in die Stadt, von Ort zu Ort, wo man seinen Grossvater überall zu kennen scheint, lernt Monette kennen, eine Frau in engen Kleidern, die so ganz anders ist als Grossmutter, die Grossvater unterwegs nur „Feldwebel“ nennt.
Leos Grossvater liebt Grossmutter, ohne Zweifel. Trotzdem wird Leo mit einem Mal klar, dass es verschiedene Welten gibt, solche, die man voreinander verborgen hält, auch wenn der Vorhang löchrig ist. Grossvater, der auf seinen Fahrten mehr und mehr zu erzählen beginnt, Dinge, von denen Leo bisher keine Ahnung hatte, von den Jahren in Brasilien, wo er unfreiwillig hinkam und länger hängenblieb, als er vorhatte, von den ersten grossen Enttäuschungen seines Lebens, blickt Leo in eine ihm bisher verschlossene Welt, in die Welt der Erwachsenen. In eine Welt, die im Gegensatz zu der der Kinder voller Kompromisse, Lügen und schwarzer Löcher ist.
„32. August“ ist ein leichtfüssiger Roman, der viel verlorene Sehnsucht birgt und trotzdem ohne Sentimentalität erzählt. Ein Buch, dass für einmal Familie nicht bloss zur Grossbaustelle, zum Krisengebiet macht. Wie gerne hätte ich diese Grosseltern gehabt!
Mischa Kopmann wurde 1968 in Celle geboren. Anfang der 2000er gewann er mehrere Literaturpreise, unterbrach dann jedoch sein literarisches Schaffen, um seine Kinder grosszuziehen. Im Osburg Verlag liegen bisher drei Romane vor: «Aquariumtrinker» (2017), «Dorfidioten» (2019), «Haus in Flammen» (2022). Kopmann lebt als Lern- und Begabtenförderer sowie als freier Schriftsteller in Hamburg.
Barbara Bonhage, Historikerin und Autorin, ahnt, dass in ihrer Familie Dinge totgeschwiegen werden, ein Stück Familiengeschichte ausgeblendet wird. Bis ein Brieffund im Familienarchiv die Büchse der Pandora öffnet und Licht in ein düsteres Kapitel eben jener Familie bringt. „Zwischen Herd und Hakenkreuz“ ist die Lebensgeschichte einer Grossmutter, die selbst nach dem Krieg mit „Mein Kampf“ an ihrer Seite sterben sollte.
Es hätte der Beginn einer tausendjährigen Geschichte sein sollen. Es hätte die Weltordnung erneuert und den Germanen endlich jenen Platz zugestanden, der ihnen seit Ewigkeiten gebürt. Deutschland wäre wie Phönix aus der Asche des ersten Weltkriegs auferstanden. Im Glanz einer neuen Bewegung hätte die arische Rasse vollbracht, was der Führer in weiser Voraussicht in die Wege gebracht hätte. Hilde Bonhage, die Grossmutter der Autorin dieses Buches, glaubte bis zu ihrem Tod im November 1945, über das Ende des 2. Weltkriegs hinaus, an die Ideale der Nationalsozialisten. Als sie starb, sank sie ins Vergessen. Es brauchte mehr als sieben Jahrzehnte, bis die Enkelin den Mut aufbrachte, eine wahre Geschichte zu erzählen, die einem angesichts der Erstarkung rechtsextremer Bewegungen nicht kaltlassen kann. Dass Barbara Bonhage die Geschichte der eigenen Grossmutter zu einem Exempel macht, verdient vielfachen Respekt. Nicht nur, dass sie sich selbst in der Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte mit keinem Detail schont, nicht einmal mit nicht belegbaren Möglichkeiten und fürchterlichen Eventualitäten, sondern weil die Autorin kühl und ehrlich erzählt, ohne dass mir als Leser nicht immer und immer wieder die Ahnung wie ein kalter Schauer über den Rücken fliesst, dass dieses exemplarische Leben eines von Millionen war.
Barbara Bonhage «Zwischen Herd und Hakenkreuz. Hilde Bonhage. Ehefrau, Mutter, Nationalsozialistin», elfundzehn, 238 Seiten, CHF ca. 29.80, ISBN 978-3-907243-05-3
Hildes Vater war vor dem ersten Weltkrieg ein erfolgreicher deutscher Geschäftsmann in England, der mit seiner Familie ein grossbürgerliches Leben in London führte. Aber die geopolitischen Folgen des ersten Weltkriegs machten aus der deutschen Familie in England Feinde. Man zwang die Familie, das Königreich zu verlassen, vertrieb sie aus ihrem Haus „Glückauf“ in ein Land, das von Krieg und Krisen gebeutelt wurde und sie aller ihrer Privilegien beraubte. Hilde, 1907 geboren, musste mitansehen, wie schwierig es ihren Eltern, ihrer Familie fiel, in ihrer „Heimat“ Fuss zu fassen. Schon als junge Frau war Hilde klar, dass es ihrer eigenen Familie, ihren zukünftigen Kindern einmal viel besser gehen sollte. Früh begann sie sich in Bewegungen zu engagieren, dem Jungnationalen Bund. In Briefen glühte sie für ein Leben nach „völkischen“ Prinzipien, „ganz rein in ihrer Rasse“. 1930 heiratete Hilde Andreas Bonhage, einen Juristen, der wie Hilde zu einem glühenden Verehrer der nationalsozialistischen Idee werden sollte. Und weil die Karriere ihres Mannes nur schleppend in Gang kam, man immer noch gezwungen war, im Haus der Eltern zu leben, begann sich Hilde, obwohl sie schnell Mutter wurde, in der NSF, der Frauenorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), zu engagieren. Gleichzeitig legte sie sich und ihrer Familie einen über Generationen makellosen Ariernachweis zu, trat wie ihr Mann der Partei bei und begann mit wachsendem Erfolg beider Eheleute immer mehr von den Privilegien der reinen Rasse zu profitieren. Ein makelloses völkisches Leben wurde zum Massstab, ein elitär germanisches Bewusstsein zum einzigen Weg. Dass sie ihre Kinder auch danach erzog, man sich über Juden, Polen, alles Nichtarische herablassend äusserte, gehörte zum Selbstverständnis eines reindeutschen Bewusstseins.
Als Hitlers Partei 1933 an die Macht kam, schien ein Leben in einer neuen Ordnung Tatsache zu werden. Der Erfolg gab der Familie recht, man zog nach der Annektierung vieler Gebiete und dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen, nach grossen militärischen Erfolgen des Dritten Reiches in ein 14-Zimmer-Haus in Posen, wo Hilde die Kreisfrauenschaftsleitung der NS-Frauenschaft übernimmt. Endlich die Aufgabe, für die Hilde geschaffen schien! Hilde bekommt ihr sechstes Kind. Andreas ihr Mann leistet seinen Dienst als Freiwilliger an der russischen Front. Ein Leben mit offener Perspektive.
Aber so wie sich das Kriegsgeschehen 1943 mit aller Deutlichkeit zu drehen beginnt, so nehmen Hildes gesundheitliche Probleme zu. An Tuberkulose erkrankt wird Hilde immer länger aus ihrem Leben als Streiterin der Naziideologie herausgerissen. Was sie vom immer näherkommenden Kriegsgeschehen hört und liest, nimmt ihr den Atem. Aber selbst als im April 1945 die Kapitulation unterzeichnet wird, glaubt Hilde weiter an den Mann mit Schnurrbart, an die Ideologie, die fast ganz Europa in Schutt und Asche legte.
Am 14. Dezember 1945 stirbt Hilde Bonhage in einem ehemaligen Kurhaus in Schwarzwald. Obwohl ihr Mann Andreas noch vier Jahrzehnte weiterlebte, noch einmal heiratete und trotz fragwürdiger Vergangenheit seine Karriere als Jurist wieder aufnehmen konnte, blieb die völkische Euphorie Hildes in der Familiengeschichte der Bonhages lange verborgen. Bis zur Veröffentlichung dieses mutigen, wichtigen und sogfältig geschriebenen Buches.
„Zwischen Herd und Hakenkreuz“ ist nicht einfach ein Stück Geschichte. Das Buch ist exemplarisch für ein geblendetes Leben. Während sich in Deutschland “völkische Siedlergemeinschaften“ in aller Öffentlichkeit tummeln, sich rechtsradikales Gedankengut wie ein Flächenbrand ausbreitet und Antisemitismus grassiert, sind historisch fundierte Auseinandersetzungen von Gesinnungsverwerfungen bitternötig. Was für ein Irrtum zu glauben, im April 1945 wäre das Schiff mit der Hakenkreuzfahne untergegangen!
Interview
Vor vielen Jahren, ich war noch jung und es ging an einer Weiterbildung um geschichtliche Zusammenhänge, meinte der Kursleiter vor den vier Dutzend Anwesenden; rein statistisch wäre wohl nur eine Person der Anwesenden aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen. In jenem Raum wurde mir klar, wie anmassend es ist zu glauben, man wäre diese eine Person, man hätte doch ganz bestimmt das Zeug gehabt, die Dinge richtig zu lesen und danach zu handeln, mit allen möglichen Konsequenzen. Mit ihrer Offenheit, der Klarheit der Sprache und Tatsachen zeigen sie viel Mut. Sie haben gefragt. Sie haben geforscht. Sie haben sich ausgesetzt. Sie sind Historikerin und damit wohl auch einer Aufgabe verpflichtet. Aber war da nie die Angst, sich damit der Unberechenbarkeit auszusetzen? Es gab eine Reihe von Ängsten. Es gab die Angst, als Enkelin, Tochter, Nichte, Schwester, Cousine „Nestbeschmutzerin“ zu sein und verstossen zu werden. Stattdessen haben sich die Verwandten bedankt. Sie zeigten sich in Gesprächen erleichtert darüber, dass ich recherchiert und erzählt habe. Viele liessen mich wissen, dass sie endlich verstünden, woher gewisse Gefühle, die sie ein Leben lang begleitet hatten, kämen. Dann gab es die Angst, als Historikerin kritisiert zu werden: als Studie sei das Buch zu unwissenschaftlich, als Romanbiographie sprachlich unterentwickelt, als Biographie nicht sachlich und umfassend genug. Nichts davon ist eingetreten. Unberechenbar ist Geschichte immer; damit leben alle HistorikerInnen. Es kann immer sein, dass jemand Dokumente vorlegt, die man nicht kannte, dass Ergänzendes zutage kommt, das noch nicht zugänglich war, dass man bei aller Sorgfalt Fehler gemacht hat. Dann muss man eine einmal gefasste Position ergänzen, vertiefen, vielleicht korrigieren. Das gehört zur historischen Arbeit.
Hilde Bonhage war eine Frau voller Ideale. Sie wollte eine neue Welt, ein neues Deutschland. Sie setzte sich mit all ihrer verfügbaren Kraft für ihre Ideale ein. Sie schickte sich hinein, für ein grosses Ziel, die Gemeinschaft der Auserwählten. Damals war es die Ideologie der Nazis, die längst nicht untergegangen ist. Sektiererische Gemeinschaften leben genauso vom bedingungslosen Engagement ihrer AnhängerInnen – bis in den Tod. Haben wir nichts gelernt? Sie sprechen vermutlich die Parallelen an – es gibt sie heute, zweifelsohne. Trotzdem finde ich: Wir haben viel gelernt. Wir schauen hin, erzählen die Geschichte der Opfer, erzählen die Geschichte der Täter – wenigstens tun wir dies in einigen wenigen Familien. Wir setzen Stolpersteine, eröffnen Gedenkstätten und Museen, schreiben Sachbücher und Romane, lesen sie, drehen Filme und schauen sie uns an, durchblättern gemeinsam Fotoalben. Und wir gehen mit dem Stoff so um, dass auch die nächste Generation, die Urenkelgeneration, den Faden aufnehmen und weiterführen kann. Oft werde ich von Gymnasien zu Lesungen eingeladen. Das ist wichtig. Ich habe aber vor allem eins gelernt: Mensch sein bedeutet immer gut und böse in einer Person zu sein. Menschliches Verhalten tritt nicht nur dann zutage, wenn jemand in einer friedvollen, konstruktiven Zeit lebt und sein Leben so zu gestalten vermag, dass nur die guten Seiten zum Ausdruck kommen. Das ist zwar wünschenswert. „Menschlich“ verhalten sich aber leider auch die, welche Böses anrichten. Sie sind Menschen wie wir alle. Das, denke ich, das müssen wir noch besser zu verstehen lernen. Erst wenn wir akzeptieren, dass wir es an Stelle von Hilde vielleicht nicht besser vermocht hätten, können wir erkennen, dass es einfach nur Menschen gibt – es gibt keine bösen oder guten Menschen. Es gibt keine Religion, keine Herkunft, keine Geburt, kein Geschlecht oder kein Sonstwas, das uns zu besseren oder schlechteren Menschen macht. Solches Denken ist überheblich. Im Verlauf eines Lebens kann es sein, dass wir gut und böse handeln. Deshalb müssen wir unser Tun immer wieder neu hinterfragen, um das Gute zu suchen – und es kann sein, dass wir uns trotzdem irren.
Ich stelle mir Hilde mit ihren Kindern auf einem Spaziergang im von den Deutschen besetzten Polen vor, wie die Kinder von der Mutter ermutigt, die „Einheimschen“, Zwangsarbeiter beleidigen und applaudieren, wenn sie an verrammelten und beschmierten Läden ehemaliger jüdischer Geschäftsleute vorbeigehen. Ist dieses Buch der Versuch, mit einer nicht zu negierenden Scham fertigzuwerden? Erzählen zu können, ist befreiend. Schämen sollten wir uns nur dann, wenn uns bewusst wird, dass wir selbst Unrecht getan haben. Wenn das Unrecht die Tat anderer ist, sogar eines Vorfahren oder Familienangehörigen, brauchen wir uns eigentlich nicht zu schämen. Solange ich nicht genau wusste, was Hilde getan hatte, habe ich mich trotzdem geschämt. Wofür, wusste ich eigentlich nicht. Sobald ich Hildes Geschichte dann aber öffentlich erzählt hatte, ist meine Scham verschwunden.
Die Fotoalben meiner Familie sind stumm. Sie erzählen nur wenig, je weiter sie zurückliegen. Als mein Vater starb, wurde mir bewusst, wie viel Geschichte und Geschichten er mit ins Grab nahm. War dieses Buch der Versuch, Fotos, Bilder zum Sprechen zu bringen, Idyllen zu hinterfragen? Zuerst war es der Versuch, die vielen Briefe zu verstehen und in einen Kontext zu bringen. Dann haben mir die wenigen Fotos geholfen, noch mehr zu sehen, als ich aus den Texten herausgelesen hatte. Manche Fotos decken viel auf, daher gefällt mir die Idee, man könnte Fotos zum Sprechen bringen. Und ja, insbesondere bilden Fotos, die vor hundert Jahren entstanden, oft Idyllen ab, da es aufwändig war, ein einzelnes Bild zu produzieren. Es ist daher richtig und wichtig, die alten, vielleicht idyllischen Bilder zu hinterfragen.
Die Verehrung ihrer Grossmutter Hilde Bonhage für Adolf Hitler hatte religiöse, missionarische Züge. Nichts und niemand konnte dieses Bild in Frage stellen. In der Geschichte zeigt sich immer wieder, wie sehr sich Menschen im blinden Glauben an Personen oder Überzeugungen verlieren können. Sie sind Historikerin. Muss man sich die Hand verbrennen, um die Gefahren von heissen Herdplatten zu „be-greifen“? Nein, das glaube ich nicht. Diskutieren, lesen, Filme anschauen, nachdenken, recherchieren, und immer wieder auf Fremde und Fremdes zugehen hilft! Man kann viel lernen von anderen Menschen. Gut hinzuhören und mit allen Sinnen wahrnehmen zu versuchen, was gerade geschieht, ist eine wichtige Voraussetzung dazu.
Ich habe das Buch in einer Nacht durchgelesen, erschüttert und belehrt, Man erfährt – ich erfahre – zum ersten Mal, wie geschlossen und lebenfüllend und -erfüllend das NS-System war. Es ist ein im besten Sinn empfindliches Buch, das ohne summarisches Todesurteil auskommt und eben dadurch überzeugt. Adolf Muschg, Schriftsteller
Barbara Bonhage wurde 1972 in Zürich geboren und lebt heute mit ihrer Familie am Zürichsee. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Zürich und Paris. Das Schwerpunktthema der promovierten Historikerin ist die Geschichte des Nationalsozialismus. Ihre wissenschaftlichen Publikationen sowie ein Lehrbuch befassen sich mit der Wirtschaftsgeschichte des «Dritten Reichs» aus Schweizer Perspektive. Barbara Bonhage arbeitete als Professorin für öffentliches Management an der Hochschule Luzern und heute als Beraterin im Auftrag von öffentlichen und Nonprofit Organisationen sowie als Autorin.
«Meine Grossmutter war Nationalsozialistin» SRF-Kontext von Sabine Bitter, Host: Monika Schärer, Produktion: Anna Jungen, Technik: Lukas Fretz (22.10.2021, 06:05 Uhr)
Als das Buch zum ersten Mal 2006 erschien, war es gar kein Bestseller, obwohl es Zündstoff gehabt hätte. Obwohl die Reaktion aus Politik und Kultur zwiespältig waren, von Bewunderung bis Entrüstung. Während man auf das Buch in Deutschland und Frankreich mehrheitlich positiv reagierte, schimpfte man in der Schweiz den Schriftsteller als linken Terroristen.
Da steigt ein junger Architekt mit seiner Angebeteten in die verschneiten Berge über dem berneroberländischen Gstaad, mit einem Brecheisen und Utensilien für einen Brandanschlag in seinem Rucksack. Er steigt durch ein aufgebrochenes Fenster in ein Ferienchalet des Medienmoguls Axel Springer, von dem er überzeugt ist, er sei im Krieg Nazi gewesen oder hätte zumindest von ihnen profitiert, der Besitzer der Boulevardzeitung „Bild“, für jeden Linken Flaggschiff all dessen, was die 68er-Bewegung ins Rutschen bringen wollte. Das Chalet brannte bis auf die Grundmauern nieder. Man vermutete Zusammenhänge mit einem weiteren Brandanschlag auf Sylt, erklärte nach einer Untersuchung, man habe es hier mit Profis zu tun. Man verdächtigte ‘Elitekommandos, die aus der Kälte kamen’. De Roulet blieb unbehelligt.
Dass Daniel de Roulet 2006 mit „Ein Sonntag in den Bergen“ seine Tat öffentlich, das Buch zu einer Rechtfertigungsschrift machte, offen über seine damalige Naivität schrieb, nahm man ihm zum Teil sehr übel. Nicht zuletzt lud man den streitbaren Schriftsteller mit diesem einen Buch zu keiner einzigen Lesung in der deutschsprachigen Schweiz ein. Im Gegenteil, man forderte den Schriftsteller gar zur finanziellen Wiedergutmachung auf, was er dann in gewisser Weise auch vollzog.
Daniel de Roulet «Ein Sonntag in den Bergen», Limmat 2024, aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, 128 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-086-7
So harmlos der Titel des Buches, so brisant der Inhalt. „Ein Sonntag in den Bergen“ ist Erklärungsversuch, Schuldeingeständnis, Rechtfertigungsversuch, Liebesgeschichte und historisches Zeugnis einer Zeit, in der in Deutschland die RAF operierte und in Europa nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Tausende auf die Strasse gingen, weil man den Staatsapparat, die Polizei mit den Machtstrukturen der Nazizeit verband.
Daniel de Roulet, Sohn eines Pfarrers, dem er immer wieder den Vorwurf machte, während der Nazizeit nicht genug für den Widerstand, für die verfolgten Juden getan zu haben, reagierte äusserst empfindlich auf den Vorwurf seiner damaligen Geliebten, auf die grossspurigen Reden endlich Taten folgen zu lassen. „Du bist nichts weiter als ein Sprücheklopfer!“, schimpft sie ihn, die Frau, die er damals als die Frau seines Lebens sah. Daniel de Roulet schiebt die Schuld nicht weiter. Aber sein Stolz, sein Selbstverständnis, schien irreparabel in Schieflage zu geraten, würde es nicht irgendwie zum Knall kommen. Und weil Roulet wusste, dass Axel Springers sperriges Chalet über Gstaad nur sehr selten bewohnt war, sollte es logisches Ziel einer Attake werden, die ‘Operation Berchtesgaden’, in Anlehnung an Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg.
Aber warum eine Neuauflage jetzt, ein halbes Jahrhundert nach der Tat? Zum einen nehmen die Jahre seit der Erstveröffentlichung viel Emotionalität aus der Tat von damals. Mitttlerweile scheint Gras über die Sache gewachsen zu sein, nicht aber über die Tatsache, dass eine Gesellschaft ganz offensichtlich Feindbilder und Schuldige braucht, dass es immer wieder brennen muss, wo Ohnmacht keine anderen Ventile findet und wie sehr Desinformation, Manipulation und Naivität lebensbedrohlich werden kann.
Interessant ist „Ein Sonntag in den Bergen“ auch deshalb, weil mit den Jahren weitere Ebenen dazugekommen sind. Neben der fatalen Geschichte eines Liebespaares, den Folgen eines Grossbrandes in den verschneiten Alpen, die zur Staatsaffäre wurde, ist das Buch Roulets ein Dialog mit seinem Gegenüber Axel Springer, einer durchaus streitbaren Figur der Nachkriegsgeschichte, die Konfrontation mit einer Tat, die den Schriftsteller nie losliess, einer Schuld, zu der er sich unbedingt bekennen musste, nicht zuletzt der endgültigen Klärung willen, einer Klärung, die Auswirkungen bis in die dortige Bevölkerung hatte.
Was einmal zwingend erschien, wird im Nachhinein zur unleugbaren Dummheit. Eine Erfahrung, die im Kleinen oder Grossen allen blüht.
Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.
Maria Hoffmann-Dartevelle, 1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren.
Der LL/2, geleitet von Gallus Frei-Tomic, befasst sich ab Februar 2025 mit Tine Melzers «Do Re Mi Fa So», ab April mit dem neuen Roman von Urs Faes, «Sommerschatten». Start: 4. Februar.
Anmeldungen noch möglich über literaturhaus@wyborada.ch
Lesen ist das eine, aber mit andern unverkrampft über das Gelesene in Austausch treten und sich mit den entsprechendne Schriftstellerinnen und Schriftstellern austauschen ist noch viel, viel intensiver.
In diesem Lesekreis widmen sich die Teilnehmenden sich in fünf Treffen von Februar bis Juli aktuellen Neuerscheinungen. Neben Hintergrundinformationen zu den AutorInnen und ihren Büchern, informiert Gallus Frei-Tomic über weitere Perlen der Gegenwartsliteratur und Literaturrosinen im Veranstaltungskalender.
Das Besondere an diesem Lesekreis: Ein Abend mit der Autorin / dem Autor im kleinen Kreis bietet die seltene Gelegenheit zu einem quasi «privaten» Gespräch über das Buch, ihr Schreiben.
Anmeldung, Teilnahmegebühr: Um einen intensiven Austausch zu gewährleisten, ist die Anzahl der Teilnehmenden beschränkt (minimum 10 / maximal 12 Personen). Anfragen und Anmeldung über literaturhaus@wyborada.ch. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Teilnahmegebühr (5 Termine à 1.5 Std.) Fr. 200.-, zahlbar nach Anmeldung (Überweisung via Einzahlungsschein oder TWINT), vor Ort am ersten Teilnahmetermin oder in der Bibliothek Wyborada zu den Öffnungszeiten.
Termine: jeweils Dienstags, 19 Uhr im Studio der Bibliothek Wyborada. Ausnahmen: Die Veranstaltungen in Anwesenheit der Autorin, des Autors.
4. Februar
4. März
22. April (mit Tine Melzer, im Bürgerratssaal des Stadthauses)
20. Mai
1. Juli (mit Urs Faes, im Bürgerratssaal des Stadthauses)