Das Buch lag in Evas Schoss. – Ingeborg Bachmann schaut auf Fotos nicht selten auf den Boden, ging es Eva beim Betrachten des Umschlags durch den Kopf. Und: Ist es Scheu, die sie so blicken lässt?
Ein weisser Fleck vor der Scheibe des langsam fahrenden Zugs liess Evas Kopf nach rechts schnellen. Ein weisser Esel stand da, kurz vor Arth Goldau. Genau da, wo am 2. September 1806 der Rossberg zu Tal gefahren war und drei Dörfer mit 457 Menschen, 323 Stück Vieh, ihren Häusern und Kirchen unter sich begraben hatte.
Der weisse Esel blickte nach Osten. Keine drei Meter von ihm entfernt, Steiss gegen Steiss, stand auf einem kuppelförmigen Stück Grünfläche ein schwarzer Esel und blickte nach Westen. Zwischen Häuserfassaden, Geleisen und Brocken von Urgestein ein Bild wie aus der Zeit geschnitten.
Die Lokomotive zog an. Der Wagen, in dem Eva sass, tauchte ein in eine dunkle Tunnelöffnung, um kurz darauf am Bahnhof zu stoppen. Evas Körper ruckte in die Gegenwart zurück. Sie hörte den Rentner mit dem spärlichen Blondhaar im Abteil rechts schräg vis-à-vis vor sich zu seiner Frau sagen, indem er Satzteile aus dem Magazin mit eigenen Gedanken mengte: «Das gloubsch jo ned, de Ueli Murer zeigt sis wohre Gsecht. Das Staatsoberhoupt het vo de Krise be de CS Bank gwösst ond nüt onderno.» Seine Frau genervt: «Die spenne jo! So eine aus Bondesrot z’ wähle.» Ihr Mann, mit Ironie in der Stimme: «Met em Xi Jingping hett er öberus fröndschaftlechi Gspröch gfüehrt. Ond d’ Finanzmineschter vo Saudi Arabien ond Katar het er 2022 ou bsuecht, för bilaterali Gspröch zo pikante Theme.» Seine Lippen kräuselten sich erneut, bevor er tiefernst anhängte: «Ond denn esch er chorz druf, öberraschend z’roggträte. Das get’s jo ned!»
Er vertiefte sich wieder in das Magazin. «Hey, so cool», drang plötzlich seine Frau in seine Lektüre ein, «do vore esch grad de Papscht igstege! E Voralpe-Expräss! Dass ich das darf erläbe. – Do esch aues dra», warf sie nach ein paar Minuten wieder ein. «Wahnsenn! De muess i fotografiere.»
Sie ging nach vorn zum Wagenausgang. Der Papst sass in seinem weissen Papamobil. Es war Schmutziger Donnerstag. «So cool, Herr Papscht!» – «Wie mer’ s aluegt,» grinste der Kirchenfürst. Der gutaussehende Mittfünfziger läutete mit einem Glöcklein und liess sich fotografieren. Eva bemerkte mehrere gedrehte Hälse von Passagieren, die sich wie sie nach dem gelungenen «Fasnachtsgrend» umsahen.
Evas Gedanken kehrten zurück zu Ingeborg Bachmann und deren Erzählung «Der Kommandant». Die Schriftstellerin erzählt in diesem Text von einem Mann, der aus schwerem Schlaf erwacht und sich nicht mehr zurechtfindet. Verängstigt will er Licht machen, aber die Müdigkeit ist zu gross.
S., nennt die Autorin diesen Mann, der im Traum ohne Ausweispapiere auf einer tiefroten, breiten Strasse singend Richtung Grenze ausschreitet und ohne Legitimation zum neuen Kommandanten avanciert. Einem Kommandanten, der vergeblich seine Identität sucht und dabei zu einem herrschsüchtigen Anführer mit demütigen Befehlsempfängern wird, die ihm, dasselbe Liedchen auf den Lippen, munter in der Kolonne folgen.
Vom Wagenausgang her ertönte erneut das Glöcklein. Der Papst war aus dem Papamobil gestiegen und schüttelte seine Glieder. Goldene Plaketten um seinem Hals stiessen aneinander und erzeugten Klänge, die an die Segnung des Opfers vor der Kommunion erinnerten. Von diesem Augenblick an galt Evas ganze Aufmerksamkeit dem faszinierenden Papst. In Luzern, an der Endstation, fotografierte sie den Fasnächtler mit seinem Papamobil beim Aussteigen aus dem Voralpen Express. Mühevoll war sein Gesichtsausdruck dabei.
An der Bushaltestelle fragte sie den Fahrer, ob das der richtige Bus nach «Möischter» sei. Der Ausländer schaute Eva aus dunklen, erloschenen Augen an. Er verstand nicht, was sie wollte. «Beromünster», wiederholte sie auf Hochdeutsch. Er nickte ausdruckslos. Unwillig stellte Eva fest, dass die Namen der Bushaltestellen ihm nichts sagten. Ja, der ganze Rummel dieses Landes vermochte ihn auch am Tag des Urknalls, wie die Luzerner ihren Fasnachtsbeginn nennen, nicht zu berühren.
Sie nahm gleich rechts vom Fahrer hinter der Frontscheibe Platz. Ausgangs Luzerns schweifte ihr Blick aus dem Fenster und blieb an einer alten ovalen Tafel aus gut erhaltenem, lackiertem Nussbaumholz haften, die ein geschichtsträchtiges Haus zierte. Darauf stand die Inschrift «Deo et Pauperibus». Sie vergewisserte sich auf ihrem Handy, ob sie die Inschrift mit «Gott und Armut» richtig übersetzte, las den Eintrag «Pauperismus (von lateinisch pauper «arm») bezeichnet die zunehmende Verarmung der Arbeiterschicht und die Verelendung großer Bevölkerungsteile unmittelbar vor der Industrialisierung». – Sie blickte mitfühlend zum Chauffeur und dachte, der Mann hat andere Sorgen im Kopf als die Fasnacht und Ortsnamen, die ihm nichts bedeuten.
Der Bus fuhr an einer grünen Ampel vorbei und tauchte in den Tunnel ein. Der Lenker fuhr in dem engen Stollen auf der rechten Spur. Eva schaute aus dem Fenster. Angst durchzog sie, weil die Räder des Fahrzeugs haarscharf an der Trottoirkante im dunklen Strassenrand klebten. Zum Glück war das unterirdische Autobahnstück nur kurz: Eva atmete auf.
Der Bus fuhr durch graue Peripherie, an der da und dort farbige Fasnachtswagen standen und diverse Maskenträger – Indianerhäuptlinge und aufgetakelte Blondinnen schienen nie aus der Mode zu kommen – die Strasse kreuzten. Auf der linken Strassenseite fiel ihr der starke Gegenverkehr stadteinwärts auf. Aus einer Seitenstrasse kamen drei breite Militärfahrzeuge. Der Bus hielt nach rechts und holperte über eine Trottoirkante. Der Fahrer hat Angst vor Gegenverkehr, dachte Eva sofort. Sie betrachtete die schweren Hände am Steuer. Die um das Rad geballte Rechte des Lenkers zog wieder nach rechts. Noch zweimal überfuhr der Bus die Fussgängerkante. Erst als sie die städtische Agglomeration Wiesland erreichten, beruhigte sich der Fahrstil. Evas Gedanken tauchten ein in die Zeit des Jugoslawienkriegs. Sie sah den Fahrer im Morgendämmer an Trümmern und toten Menschen vorbei westwärts flüchten. – Fürchtet der Fahrer Gegenverkehr aus vergangenen Tagen? Das könnte gefährlich werden!
Du hängst mittendrin im Zeitrad der Geschichte, dachte sie. Dieses Rad dreht zu schnell, weil sein Treibstoff das Produkt unverdauter Konflikte ist.
Beatrice Häfliger studierte Soziale Arbeit, Philosophie und Soziologie. Modellieren, zeichnen und schreiben prägen seit 1990, ihrem Umzug ins Toggenburg, ihren Künstleralltag. 2019 erschien anhand von Zeichnungen aus der Erinnerung ihr Debütroman «Das Mädchen mit dem Pagenschnitt». Er wurde mit einem Werkbeitrag gefördert und von Ruth Schweikert lektoriert. Aktuell ist sie auf der Suche nach einem neuen Verlag für ihr zweites Buch «Eva blickt zurück», vom Magnetismus des Schicksals.
Rebekka Salm und Markus Kirchhofer arbeiten seit 2022 zusammen. Und zwar so: Sie oder er macht per WhatsApp zwei Vorschläge für den Oberstollen. Das Gegenüber wählt einen aus, fügt den Unterstollen an und schickt das fertige Gedicht per Postkarte zurück. Für das nächste Tan-Renga wechseln die Rollen.
Im dunklen Geäst streiten sich Rabenvögel Um das Stück Goldmond
geturtel am caquelon gabelgefecht im käse
Rebekka Salm / markus kirchhofer Salmhofer 1/6
Immer am ersten des Monats ein Tan-Renga auf literaturblatt.ch!
Was ist ein Tan-Renga? Ein Tan-Renga besteht aus zwei Teilen: eine Autorin / ein Autor gibt den Oberstollen vor, ein anderer Autor / eine andere Autorin ergänzt mit dem Unterstollen zum fertigen Gedicht. Tan-Renga haben keine Titel und keine Reime. Üblicherweise wird zwischen dem Ober- und Unterstollen ein Abstand gesetzt und die Namen der Verfasser werden unter dem Gedicht vermerkt. Zentral im Tan-Renga ist die Verbindung zwischen dem Ober- und Unterstollen. Meist wird im zweiten Teil ein Wort oder ein Bild aus dem ersten Teil aufgegriffen, ohne dieses zu wiederholen. Der Oberstollen besteht aus drei Zeilen mit der Silbenfolge 5 – 7 – 5, der Unterstollen aus zwei Zeilen mit nochmals je 7 Silben. Tan-Renga halten Augenblicke in der Gegenwart fest, möglichst konkret, bildhaft und offen.
In diesem lyrischen Pingpong sind bisher gegen 50 «Salmhofer» entstanden, von denen 16 im Lyrikband «silbensee» (Knapp Verlag, 2024) erschienen sind.
Rebekka Salm wohnt in Olten. 2022 erschien ihr vielbesprochener Debüt-Roman «Die Dinge beim Namen». Zwei Jahre später folgte «Wie der Hase läuft» (beide Romane im Knapp Verlag). 2023 erhielt sie von den Kantonen Baselland und Solothurn je den Förderpreis Literatur sowie von der Hans und Beatrice Maurer-Billeter-Stiftung den Förderpreis Dreitannen. Ihre nächsten beiden Romane erscheinen im Ullstein Verlag.
Markus Kirchhofer (1963) lebt mit seiner Frau in Oberkulm. Seit 2013 ist er freier Schriftsteller. Gedichte sind die Basis seines vielfältigen Schreibens, das mit Werkbeiträgen für Lyrik, Prosa und Interdisziplinäres ausgezeichnet wurde. 2024 erschien seine 17. Publikation, der Lyrikband «silbensee» (Knapp Verlag). Das Vorwort verfasste sein Primarlehrer Jannis Zinniker, unter dessen Anleitung Markus Kirchhofer seine ersten Gedichte schrieb.
Die 70er irgendwo im fränkischen Süddeutschland. Roberta kehrt nach einer ernüchternden Lehre in der Stadt zurück in ihr Heimatdorf. Obwohl da einmal der Plan war, in die Welt hinauszuziehen, als Modistin ihr Glück zu finden, arbeitet sie wieder auf dem Hof ihrer Eltern und nimmt einen Faden auf, den sie nie ganz losliess.
Ewald Arenz ist ein Phänomen. Obwohl er seit fast vierzig Jahren als Schriftsteller veröffentlicht, wurde er erst mit „Alte Sorten“, seinem ersten Roman bei Dumont, einem breiten Publikum zum Fixstern. Dabei trugen bis zum Verlagswechsel schon mehr als ein Dutzend Titel seinen Namen, änderte sich eigentlich bloss der Verlag. Ewald Arenz blieb seiner Herkunftsgegend treu, dem Leben auf dem Land, einer Welt zwischen Idylle und harter Realität. Schon sein Bestseller „Alte Sorten“ ist ein Roman darüber, wie sehr uns Leben weggenommen wird und wie schwer es ist, zurückzufinden, wie sehr sich Tradition und Aufbruch reiben.
In „Zwei Leben“ versucht Roberta einen Neustart auf dem Hof ihrer Eltern. Roberta ist das einzige Kind. Sie weiss um die Verpflichtung, die unausgesprochen auf ihren Schultern liegt, erst recht jetzt, wo der eine Versuch des Ausbrechens gescheitert ist. Man macht zuhause kein grosses Aufhebens über ihre Rückkehr. Sie ist wieder da und packt an. Roberta spürt, dass der Traum, ihr ganz eigenes Leben zu finden, nicht ausgeträumt ist, dereinst selbst zu schneidern, Kleider zu entwerfen, dort zu wirken, wo Kleidung nicht bloss Mittel zum Zweck ist. Über die gebändigte Sehnsucht hilft ihr Wilhelm, mit dem sie schon eine Kindheit lang Freundschaft verbindet. Wilhelm, der Sohn des Pfarrers. Aber weil sie weiss, dass Wilhelm bald wegziehen wird, um in der fernen Stadt zu studieren, wehrt sie sich gegen ein Gefühl im Bauch, das mehr und mehr zum Elexier wird.
Ewald Arenz «Zwei Leben», Dumont, 2024, 368 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-8321-8205-2
Die Pfarrersleute sind unmittelbare Nachbarn. Man kennt sich, obwohl kein Zaun, sondern eine Mauer das Pfarrhaus umgibt, obwohl die Mutter Wilhelms einst in fernen Hamburg aufwuchs und jeder im Dorf spürt, dass die Frau, die immer die Frau Pfarrer ist, von der man nicht einmal den Vornamen kennt, nie eine Hiesige werden wird. Das spürt auch Heinrich, ihr Mann, dem der Kampf gegen das Schweigen und der latente Trotz im Dorf längst zur Lebensaufgabe geworden ist. Getrud, die Frau Pfarrer, will weg, auch wenn ausser ihrem Bruder, der in der Ferne als Wissenschaftler Erfolge feiert, niemand etwas von ihrem tiefsitzenden Schmerz erfährt. Selbst Heinrich, ihr Mann, der das Unglück seiner Frau spürt, sitzt den Schmerz aus.
Zwischen Roberta und Wilhelm entwickelt sich eine vorsichtige Liebe. Roberta weiss, dass sie ihr Herz nicht an einen zukünftigen Studenten verlieren sollte und Wilhelm drängt nicht. Robertas Eltern blenden die Bedürnisse ihrer Tochter aus und Wilhelms Eltern sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ausser Robertas Grossvater niemand merkt, was sich zwischen den beiden anbahnt. In ihrer Not erbittet Wilhelms Mutter ihren Gatten um eine Auszeit, als Begleitung einer Vortragsreise ihres Bruders. Eine Reise, die in den letzten Tagen eine ganz unerwartete Wendung bekommt und das Leben Wilhelms Mutter arg ins Wanken bringt. Aber auch im Dorf überstürzen sich die Ereignisse. Der Tod zieht wie eine schwarze Wolke über das Dorf.
Mag sein, dass die Geschichte selbst in Sachen Melodramatik etwas dick aufträgt, dass auch etwas weniger Schmerz gezeigt hätte, dass sich unter kleinen Schritten grosse Kluften aufreissen können. Was den Reiz des Buches ausmacht, ist seine Sinnlichkeit. Ewald Arenz beschreibt derart leidenschaftlich und innig, dass ich als Leser die Landschaft riechen kann. Aber auch die Sinnlichkeit in den Gefühlen des Personals, in diesen zwei Leben dieser beiden so unterschiedlichen Frauen; Roberta und Gertrud. Oder im klaffenden Gegensatz zwischen den Auswirkungen der 68er und einer bäuerlichen Tradition, die erst auf Änderungen aufsteigt, wenn es nicht zu vermeiden ist. Ewald Arenz weiss genau, wovon er schreibt. Er schöpft aus der Atmosphäre seiner eigenen Herkunft – und tut dies mit Wonne.
Die Fans werden den neuen Arenz lieben!
Ewald Arenz wurde 1965 in Nürnberg geboren und studierte nach einigen Semestern Rechtswissenschaft englische und amerikanische Literatur sowie Geschichte. Er ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands, dessen Gesamtauflage bei über einer Million verkaufter Bücher liegt. „Alte Sorten“, „Der große Sommer“ und „Die Liebe an miesen Tagen“ waren mehrfach Jahresbestseller auf der SPIEGEL Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Arenz ist mit vielen Kulturpreisen ausgezeichnet worden.
«Er glaubt, dass sein vergangenes und sein gegenwärtiges Leben lediglich aus den wenigen Metern zwischen der Einschlagstelle der Granate und dem Baumstamm bestehen. Ein kurzes Leben, ein vollkommenes, ausreichend, um hier zu enden. Und als er spürt, dass diese verbleibenden Meter das komplette, ihm verbliebene Leben darstellen, fragt er sich, was er hier macht. Und gegen wen er kämpft. Und für wen.»
Gastbeitrag von Urs Abt
Die syrische Autorin, die seit 2011 im Exil lebt, hat eine wunderbare poetische, universelle Geschichte mit grosser Tiefe geschrieben. Das Buch ist dieses Jahr auf Deutsch im Unionsverlag erschienen und hat mich an den diesjährigen Weihnachtstagen vor dem Hintergrund der vielen Kriege auf dieser Welt bereichert.
Samar Yazbek «Wo der Wind wohnt», Unionsverlag, 2024, aus dem Arabischen von Larissa Bender, 192 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-293-00608-9
Ein von einem Bombenangriff verletzter junger Soldat liegt auf einem Berg neben einem Baum. Zwischen seinem Leben und Sterben, zwischen Traum und Realität, zwischen Gegenwart und Vergangenheit erleben wir schwebend in Erinnerungsfetzen von Ali wie nebenbei die Schrecken des Assad Regimes nach der Revolution. Der verwundete Körper ist von Schmutz und Laub bedeckt, schmerzhaft und unbeweglich auf der Erde fixiert und in wechselndem Bewusstseinszustand. Wind, Mond, Bäume und die Morgendämmerung bereichern die Szenen.
«Würde der Baum doch zu ihm kommen! Aber Bäume stehen fest, es sind die Menschen, die gehen müssen, um zu ihnen zu gelangen. Aber er kann nicht gehen.»
«Sie wussten, welche Strafe jene erwartete, die sich ihm und seiner Macht entgegenstellten, hier oder in der Hauptstadt. Die Angst war Teil ihres Lebens, eine komplizierte und komplexe Angst, die er nicht verstand. Aber an diesem Tag sollte er sie kennenlernen.»
Aus dem arabischen von Larissa Bender ausgezeichnet übersetzt beeindruckt die poetische, klare und traumartige Sprache, die trotz des traurigen Geschehens Hoffnung zulässt. Die Kraft der Poesie bezwingt die Sprachlosigkeit des Kriegs. Ein unbedingt lesenswertes Buch dieser engagierten syrischen Autorin.
Samar Yazbek, geb. 1970 in Syrien, studierte arabische Literatur, engagiert sich für Bürgerrechte und arbeitet als Fernsehreporterin, Journalistin und Schriftstellerin. 2011 floh sie zusammen mit ihrer Tochter aus Damaskus und lebt seither in Paris. Für ihr Werk erhielt Yazbek mehrere Auszeichnungen, darunter den PEN Pinter Preis, den Tucholsky Preis, den PEN Oxfam Novib Preis und den Prix du Meilleur Livre Étranger. Ihre Romane waren außerdem nominiert für den Prix Médicis, den Prix Femina und den National Book Award 2021.
Larissa Bender (1958) studierte Islamwissenschaft, Ethnologie, Kunstgeschichte und Soziologie in Köln und Berlin sowie Arabisch in Damaskus. Sie ist Literaturübersetzerin, Journalistin und Dozentin für Arabisch und hat zwei Anthologien über Syrien herausgebracht. Bender ist Moderatorin und berät Verlage und Kulturveranstalter. Zu den von ihr übersetzten Autor:innen gehören Abdalrachman Munif, Mustafa Khalifa, Dima Wannous und Khaled Khalifa. 2018 erhielt sie für ihr Engagement als Brückenbauerin in die arabische Welt das Bundesverdienstkreuz.
Wenn Literatur fiktional erzählt, ist alles möglich. Dabei spielt auch die Frage, wie raelistisch eine solche Fiktion sein könnte, keine Rolle. Literatur darf alles, fast alles. Hans Augustin hat sich in „Als ich mit Z zu Abend aß“ keine Grenzen gesetzt, keine räumlichen, schon gar keine, die sich an der Realität messen müssten. Sein Roman ist köstlich!
Einen Tarnmantel nutzte schon Siegfried im Nibelungenlied, als er einen solchen vom Zwerg Alberich erringt. Die Vorstellung, was man mit einem solchen alles tun könnte, hat den Schriftsteller Hans Augustin so sehr fasziniert, dass er seinen Protagonisten etwas tun lässt, was sonst undenkbar wäre.
Noah Greenfield ist Regisseur einer Theatertruppe, die ganz überraschend eine Einladung ins russische W (Wladiwostok?) bekommt, um dort Shakespeares Sommernachtstraum aufzuführen. Man entschliesst sich hinzufliegen, obwohl ausgerechnet während der Hinreise der kriegerische Überfall Russlands auf die Ukraine beginnt, Putins „militärische Spezialoperation“. Noah Greenfield spricht leidlich russisch und findet wegen einer zerrissenen Hose in der Maxim-Gorki-Ulica eine Änderungsschneiderei, Shlomo Stoff, wo ihm ein Sakko auffällt, das er anprobiert, obwohl ihn der Schneider darauf hinweist, es wäre für einen ganz bestimmten Kunden, der das Kleidungsstück aber erst noch abholen werde. Zu Greenfields Überraschung verspricht ihm der Schneider ein ganz exklusives Abenteuer, in jenem Sakko eine Begegnung mit Z, dem Präsidenten, dem Mann im Kreml. Greenfield, der die Inszenierung ungewöhnlicher Situationen liebt, lässt sich auf das Angebot ein und findet sich mit einem Mal, das Sakko angezogen, in den Räumen des russischen Präsidenten in Moskau.
Hans Augustin «Als ich mit Z zu Abend aß», edition laurin, 2024, 104 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-903539-42-6
Schon als Greenfield die Schneiderei verlässt, merkt er, dass sein Spiegelbild in den Schaufenstern fehlt, dass man ihn im Supermarkt nicht bemerkt. Und als er sich am Empfang in den Regierungsräumen des Diktators unter den geladenen Gästen bewegt, bemerkt den unsichtbaren Gast niemand. Man wundert sich höchstens, dass immer wieder ein Häppchen auf einem Teller verschwindet oder der eine oder andere Gast einen ziemlich ungeschminkten Kommentar hinter seinem Rücken hören muss, Bemerkungen, die man nicht einmal auf den Strassen Moskaus ungestraft aussprechen könnte, nachdem mit dem Einmarsch der russischen Truppen ein Gesetz verabschiedet wurde, dass nur schon die Verwendung des Wortes Krieg mit 15 Jahren Gefängnis bestraft.
Greenfield kümmert das wenig. Er pirscht sich gar an den kleinen, gedrungenen Mann, dem ergebene Gefolgsleute und Speichellecker den Hof machen, flüstert auch dort, bis im Saal Unruhe ausbricht und der eine oder andere glaubt, dem Wahnsinn verfallen zu sein. Nach dieser ersten Konfrontation mit dem Präsidenten Z (auch wenn diese mit einem Unsichtbaren ungleich ist), einer eigentümlichen Nacht in einem Hotel und der Begegnung mit der Künstlerin Daria Bulak, schleicht sich Greenfield am nächsten Tag in Putins Privatvilla in der Rubljowka-Chaussee, vorbei am Wachpersonal, bis er im stillen Obergeschoss auf den einsamen kleinen Mann trifft, den ehemaligen Geheimdienstoffizier, der sich an einem kleinen Tisch an sein Abendessen macht. Greenfield nimmt sich ein zweites Gedeck und setzt sich dazu, ganz zur Verwunderung der Bediensteten Alissa, die sonst mit keinen Gästen in den Privatgemächern ihres Präsidenten rechnet.
So sitzen sich Greenfield und Z gegenüber. Greenfield zieht sein Sakko aus und konfrontiert den perplexen Mann mit Wahrheiten und Forderungen, die dem russischen Präsidenten sonst niemand zu formulieren traut, nicht zuletzt einem Ausweg, sich ungesehen zum Verschwinden zu bringen, um in seiner mehr und mehr verfahrenen Lage nicht irgendwann ein Ende mit Schrecken zu finden.
Was Hans Augustin auf seiner kleinen Bühne inszeniert, ist köstlich und befriedigt einem bei der Lesung wenigstens in der Fantasie, auch wenn die Realität damit nicht beschönigt werden kann. Hans Augustin beschreibt das Groteske, sowohl das Groteske der Realität, wie auch das Groteske des Fantastischen. So sehr die Argumentationen, das Gehabe und die Inszenierung einer alternativen Wahrheit aus offizieller russischer Perspektive eine Groteske ist, ein inszeniertes Theater mit Zehntausenden von Statisten, die ihren Einsatz am Rand der Bühne mit dem Leben bezahlen müssen und im Hintergrund, an der Front dieser „militärischen Spezialoperation“ für Generationen kein Stein auf dem anderen bleibt, so sehr ist die kleine Bühne in den Privatgemächern des Präsidenten eine Groteske. Der Mann, der Greenfield gegenübersitzt, ist bloss ein Mann.
Interview
Ich amüsierte mich köstlich, auch wenn mich bei meinem Spass ein beklemmendes Gefühl beschlich, ist doch Z der Kopf einer Maschinerie, der bisher Tausende zum Opfer fielen, unsägliche Grausamkeiten mit sich brachte und einen Landstrich so gross wie die Schweiz in Schutt und Asche legte. Aber einen Stellvertreter zu begleiten, der dem Mann in Moskau ungeschönt die Meinung sagt, das allein war die Fantasie wert. Und doch scheint in diesem Roman auch viel Ratlosigkeit zu stecken. Wie soll man angesichts der Ausweglosigkeit Hoffnung aufrecht erhalten?
Ratlosigkeit, insofern, als diese Geschichte mit größter Wahrscheinlichkeit nicht stattfinden wird. Risiko, daß Greenfield im Moment des Sichtbarwerdens, eliminiert wird. Das habe ich – literarisch – ausgeschlossen.
Die Frage nach der Aufrechterhaltung von Hoffnung, rührt stark an die Frage, warum ist mit dem Leben überhaupt die Erfahrung von Leiden verknüpft? Wie viele unserer Handlungen dienen der Vermeidung von Leiden und Schmerz? Selbst in der Erfahrung der Freude ist eine Ahnung von Schmerz verborgen, denn Freude ist oft nur von kurzer Dauer. Lao Tse äußert sich dahingehend, daß der Sieger (nach einer Schlacht) die Feier eher einer Totenklage ähnlich sein soll. Dieses Thema ist Kern der Theodizee: wie ist Leiden mit der Allmacht Gottes zu vereinbaren? Falls Gott ein Thema ist.
Mit der Dauer unerfüllter Hoffnung, wird Ausweglosigkeit oder Hoffnungslosigkeit deutlicher. (Wie sieht der Widerstandswille in der Ukraine nach fünf Jahren Krieg aus?) Ist Ausweglosigkeit eine Koordinate des Schicksals? Wer oder was trägt Schuld daran? Sie beschäftigt die Menschen von jeher. Sind Leid und Hoffnung (vom Leiden befreit zu werden) der Schöpfung immanent? Muß man – als Hoffender – religiös sein? Hoffen Tiere auch? Bisweilen könnte man das durchaus in Betracht ziehen. Die Treue eines Hundes, der jahrelang auf die Rückkehr seines Besitzers am Bahnhof wartet, hofft. (Film: „Das Leben von Hachiko“)
Woran denken Menschen oder was empfinden sie, wenn sie von Hoffnung sprechen? Von der Beendigung einer un(aus)haltbaren Situation? Manche verwechseln Hoffnung mit der Erfüllung eines Wunsches (Lotto-Gewinn). Was passiert, wenn Hoffnung enttäuscht wird? oder man nicht (mehr) hoffen kann? Es gibt in der Literatur nicht wenige Charaktere, an deren Schicksal Hoffnung – trotz allem – deutlich wird (Hiob); Hoffnung beinhaltet auch das Unerwartete.
Ist Hoffnung ausschließlich das Gefühl, daß etwas gut werden wird? Aber wie groß ist die Gewißheit? Die Frage nach dem Aufrechterhalten von Hoffnung angesichts einer ausweglosen Situation ist individuell, und allgemein schwer zu beantworten.
Und man darf die Fähigkeit des Menschen, sich etwas wünschen zu dürfen, nicht unterschätzen; auch wenn Wunschdenken bisweilen belächelt wird. Unter Umständen ist der Wunsch der Bruder der Hoffnung.
Die Idee einer Tarnkappe, eines Tarnmantels ist alt und bis in die moderne Kriegsführung Ziel vieler Anstrengungen. Selbst bei Tolkiens „Herr der Ringe“ gibt es Elbenmäntel, mit denen man vor Blicken unliebsamer Augen bewahrt wird. Es gäbe auch in der hiesigen Politik Machtmenschen genug, denen ich beim Blick in den Spiegel gerne unsichtbar etwas ins Ohr flüstern würde. In ihrem Roman lese ich viel Vergnügen ihrerseits. Aber auch die Lust, den Machthaber in Moskau in seiner eigentlichen Normalität zu zeigen?
Ich habe beim Schreiben des Romans (eigentlich eine Art Märchen) sehr große Lust verspürt, jemandem, dem man unter normalen Umständen nie nahe kommen kann, mitzuteilen, was Sache ist.
Normalität ist ein schwieriger Begriff; ist Normalität der „Standard“? Ist das Adjektiv “normal“ normal? Was bedeutet es, “abnormal“ zu sein? Wo verläuft hier die Grenze? Waren Nero, Stalin, Pol Pot, Pinochet etc. normal? War Bonhoeffer – angesichts der Kenntnis der Folgen seines Widerstandes – normal? Wäre es nicht besser gewesen, in den USA zu bleiben; aber nein, er geht zurück nach Deutschland, in den „Widerstand“. War die Rückkehr des Alexej Nawalny „normal“? Was läßt diese Menschen eine Entscheidung treffen, die in uns Befremden und Unverständnis auslöst? Z in seinem „normalen“ Umfeld zu zeigen, was realiter nicht möglich ist, war ein starkes Motiv; ich habe mir die Freiheit genommen, ein Abendessen mit Z – durch den Trick der Unsichtbarkeit – zu erzwingen. Es hat Z ratlos gemacht. (Auf so etwas sind Geheimdienstleute nicht vorbereitet).
Wir haben diplomatisch, politisch, wirtschaftlich (bis jetzt) keinen Erfolg erzielt; vielleicht gelingt es einer literarischen Herangehensweise; das „Entzaubern“ eines Präsidenten, der alle Anzeichen eines Diktators hat; Z ißt und trinkt wie jeder andere Mensch, er lebt abgeschirmt von der Öffentlichkeit, verfügt über mehrere Adressen, die nicht aufscheinen, um Attentaten aus dem Weg zu gehen, d.h. er hat auch Angst; er verfügt über eine große Anzahl an Geheimdienstleuten, und dennoch gelingt es einem Theaterregisseur, an seinem Tisch zu sitzen. Rein fiktiv, aber der Fiktion haftet eine gewisse Dimension realer Umsetzung an – es könnte sein, daß …
Der Konflikt rund um den kriegerischen Einmarsch der Russen in die Ukraine ist derart verfahren, dass pragmatische Lösungen kaum mehr möglich sind. Wie sollte Putin, ohne sein Gesicht zu verlieren, das Begonnene stoppen? Er führt einen „heiligen“ Krieg mit dem Segen seiner Vertauten, all jener, die wirtschaftlich und machtpolitisch von der Nähe zu Putin profitieren, die mit ihm untergehen werden, wenn sein Stern dereinst sinken oder gar fallen sollte. Die Stimme Greenfields könnte auch das Gewissen sein. Auch Putin wird eines haben. Kann man sich derart taub stellen?
Offenbar gibt es so etwas wie einen „Mechanismus“, der Mitgefühl ausblendet; dafür muß man ausgebildet sein; für mich ist das Verhalten von Z Beweis der Ausbildung zum KGB Offizier. Sie belegt ihre Faktizität, ihre Funktionalität. Was immer die Inhalte dieser Ausbildung gewesen sind, das Ergebnis beweist es. Z ist ein Geheimdienstoffizier (das übersehen Gesprächspartner ausländischer Regierungen ständig; Z ist als Präsident nicht vergleichbar mit dem Präsidenten von Norwegen oder Portugal).
Sich „taub-stellen“ wäre ein Hinweis auf eine bewußte Entscheidung, in bestimmten Momenten, bei Ereignissen taub zu sein; Taubheit und Blindheit sind physische Defekte, Einschränkungen, die (teilweise) medizinisch therapierbar sind; in diesem Fall ist die Medizin (mit Ausnahme der Psycho-Pathologie) außen vor. Wer sich taub stellt, hat ein Motiv. Und das ist auch antrainiert, um etwas zu erreichen. Und um gegen Empathie immun zu sein. Diese Fähigkeit außer Betrieb zu nehmen, ist eine bewußte Entscheidung.
Sie schicken Greenfield ihren Protagonisten als friedsamen Menschen in die Höhle des Löwen. Dieser nennt den Diktator bei seinen Einflüsterungen gar „Wobitschka“, wohl eine Art Kosewort. Hätten Sie den Mann mit einer Waffe geschickt, wäre das Buch ein ganz anderes geworden. Aber eines, das man auch schreiben könnte und das wahrscheinlich viel mehr Aufmerksamkeit und Leser*innen generieren könnte. Greenfield ist Theaterregisseur. Er inszeniert. Und mit einem Mal ist er mitten in einer ganz speziellen Inszenierung. Glaubt er tatsächlich, oder glauben Sie an die Macht der Vernunft?
Die Theaterliteratur oszilliert immer zwischen Sein und Schein; am Ende einer Tragödie stehen die Toten auf und gehen nach Hause (nach dem Applaus), in der Realität werden sie begraben.
Am Beginn des Interviews war die Frage nach der Hoffnung; Vernunft beinhaltet meistens die Sehnsucht nach Hoffnung einer Veränderung, ob sie erfüllt wird, ist ein anderes Thema. Ob die Vernunft siegt, ebenso. Vernunft hat Macht, solange Vernunft anerkannt ist; solange keine Begehrlichkeiten als „Vernunft“ vorgeschoben werden; Greenfield glaubt als Mensch und Regisseur, daß über Vernunft etwas erreicht werden, was am Theater (oder Film) gezeigt werden kann, auch wenn das Ende nicht nach Vernunft aussieht; man darf nicht übersehen, daß Kunst eine Ersatz-Funktion hat; die Darstellung einer Realität, bedient sich der „Übersetzung“ und wirkt mehr als das direkte Erleben. Die griechische Tragödie hat den Politikern vor Augen geführt, was passiert, wenn z.B. die Perser Athen angreifen. Zwischen „an die Vernunft glauben“ und sie umsetzen liegen bisweilen Kriege und Katastrophen.
In der Literatur scheint reine Fiktion aus der Mode gekommen zu sein. Man misstraut ihr. Dabei ist Literatur, Kunst doch genau der Ort, wo alles möglich sein sollte. Es geht Ihnen doch auch nicht nur darum, Ihrer Fantasie Platz zu geben. Ihr Roman soll doch auch zur Selbstreflexion animieren. Oder darf Literatur bloss noch unterhalten?
Es ist gar nicht die Frage des Dürfens; Literatur unterhält, das ist ihr immanent. Literatur bildet auch. Bereits der Titel eines Werkes ist Unterhaltung; das Problem scheint mir zu sein, daß der Begriff „Unterhaltung“ eine Bedeutung der Oberflächlichkeit hat. Als ob man Unterhaltung vermeiden sollte, weil der Inhalt viel zu ernst ist. Bei manchen Werken ist die Wirkung, die als Unterhaltung gesehen wird, peinlich, unangenehm. Manchmal wirkt der erhobene Zeigefinger, aber die elegantere Form einer Kritik ist die Unterhaltung (mit Augenzwinkern).
Unterhaltung ist Mittel zur Selbstreflexion (s. z.B. Nestroy u.a.) Man darf das Lachen (bis in das Restaurant) und die „Unterhaltung“ danach, nicht unterschätzen; denn das auf der Bühne Erlebte wirkt lange nach. Je nach Ereignis (Theater, Oper, Lektüre): manche bringt eine Szene in einem Buch oder im Film zum Weinen; eine sterbende Desdemona ist im Moment ihrer Arie tragisch, aber mit dem Tod ist das Schicksal beendet; das Motiv (Eifersucht) der Ermordung weckt Abscheu. Und kommt trotzdem immer wieder vor. Über menschliche Schwächen der Anderen läßt sich vortrefflich lachen (und unterhält sich darüber), und lacht dabei mitunter über sich selbst.
Hans Augustin, 1949 in Salzburg geboren, Studium der Philosophie, Archäologie und Kunstgeschichte in Salzburg, Medizin- und Italienischstudium in Innsbruck, 1981 Gründung der Handpresse, lebt seit 1976 in Tirol, zahlreiche Publikationen, Ausstellungen und Auszeichnungen, zuletzt Salzburger Lyrikpreis 2006.
Deine Eltern können nicht kommen,» sagte Schwester Hilde, „aber ich soll dir sagen: sie haben dich ganz toll lieb!» Sie schaute auf ihre Arbeit, während sie das zweite Bett des Krankenzimmers neu bezog. Sein Zimmernachbar war seit gestern zuhause bei seinen Eltern. «Sie haben dir das Christkindl geschickt, das hat dir viele schöne Geschenke mitgebracht!“ Luca schüttelte den Kopf. „Ich will die dämlichen Geschenke nicht!“, brach es aus ihm heraus. Und dann heftiger: „Meine Eltern wollen eh nichts von mir wissen!“ Es wurde ihm heiß, sein Bein quälte ihn so sehr, dass er sich auf dem Bett hin und her rollen musste. Sein Gesicht glühte, das Metall im Körper riss und brannte. „Mir doch egal!“ Schwester Hilde sollte nicht bemerken, dass er laut aufschreien wollte. „Den Weihnachtsmann, den kenne ich! Aber Christkindl, was soll das den sein?“ Als sich nun Schwester Hilde Luca zuwandte, schaute er an ihr vorbei, absichtlich. Ihr Arm, gerade noch auf den Weg zu ihm, hing wie ein Stück Pappe lose an ihrer Schulter. „Leg dich lieber doch auf den Rücken!“, sagte sie tonlos. In Ruhe lassen sollte sie ihn!
Ein Jahr war es her, dass der Nikolaus sich vor einem in Gold getauchten Thron in Position warf. Ein dunkelroter Mantel umhüllte ihn und betonte seine große, imposante Gestalt. Er trug eine Kopfbedeckung, die wie ein robuster Pappkarton auf seinem Kopf festsaß. Mit seiner einen Hand umklammerte er einen Gehstock, der am Griff zu einer Spirale auslief. Ab und zu stieß er den Stab lässig auf den Holzfußboden. Ein „Hört, hört!“ begleitete dieses Stampfen, das in der Aula einen Widerhall fand. Mit seiner anderen Hand winkte er über große Distanzen einigen Elternpaaren zu, die prompt lachend seinen Gruß erwiderten. Seine Lesebrille hing weit vorne dem Nasenhöcker, sie wollte nicht von seiner Nase rutschen. Vor ihm, auf einem dreibeinigen Tischchen lag das in schwarzem Leder umhüllte Buch, dass seit Generationen Kindern Albträume verhieß. Alle ihre Sünden des letzten Jahres wären dort fein säuberlich notiert, so hieß es.
Die letzten Familien hatten eilig noch Platz genommen, Lucas Füße pendelten während der Begrüßungsrede des Bürgermeisters hin und her, fast schien es, als wolle er wegrennen. Erst als seine Mutter nach seinen Oberschenkel griff, stoppte er die Bewegung.
Dann endlich begann der Nikolaus die verpackten Geschenke unter den aufgerufenen Kindern zu verteilen. Er tat das natürlich nicht, ohne zuvor im „Sündenbuch“ zu blättern. Nachdrücklich belehrte er die Kinder. Erst dann durften sie abtreten.
So reihte sich Kind an Kind. Auch wenn der Nikolaus wirklich schlimme Taten in diesem Buch fand und sie mit vorwurfsvoller Stimme vortrug, gab es doch kein Kind, das ohne Geschenke die Bühne herabstieg. So mussten zwei Brüder mit heißen Ohren hören, dass sie viel Geld aus dem Portemonnaie ihrer Tante geklaut hätten. Sie wurden fast unsichtbar, so tief sanken ihre Köpfe zwischen den Schulterblättern, und doch bekamen sie beide einen neuen Rucksack voller von weiteren Geschenken. Und ein Mädchen mit einem geflochtenen langem Zopf verließ die Bühne, auf der sie ihre Mutter zuvor geschubst hatte, nur mit einer kleinen Schachtel. Dabei war ihr einzige Sünde, dass sie morgens immer noch so müde war und deshalb manchmal den Schulbuss verpasste.
Als Luca nun endlich auf die Bühne stieg, fröstelte es ihn. Vielleicht würde doch noch rauskommen, dass es seine Idee war, die gehbehinderte Kunstlehrerin „Hinkebein“ zu nennen; waren die Kinder unter sich, wurde sie nur noch so genannt.
Oben auf der Bühne griff der Nikolaus seine Schultern und drehte ihn zum Saal. Luca senkte den Kopf und erblickte die Füße des Nikolaus. Der trug alte, ausgelatschte Straßenschuhe. An den Knöcheln sah man die ausgefransten Enden seiner Jeans. „Du bist also Luca! Wollen wir doch mal sehen, was das Buch über dich erzählt!“ Wie von ferne hörte er den Nikolaus sprechen. Er hätte wohl genascht und sich mit seinem Freund Alex gestritten, sagte der gerade. Er lobte ihn sogar, er wäre so hilfsbereit zu der alleinstehenden Nachbarin gewesen und hätte ihr täglich Kohlen aus dem Keller geholt. Luca atmete tief ein und bemerkte, dass der Nikolaus beim Sprechen ein wenig spuckte und es kleine Tropfen auf den Boden regnete; und er roch nassen Zigarettenrauch. Der Nikolaus reichte ihm seine Geschenke. Die Ski, die er sich so gewünscht hatte, waren nicht dabei. Er trug die Geschenke, als wären sie eine Last, und mühte sich zu seinem Platz! „Der Nikolaus trägt Jeans!“ flüsterte er leise seiner Mutter zu. Sie hörte ihn nicht und strahlte ihn an.
Und jetzt erzählen mir alle vom Christkindl! «Ich bin doch nicht blöd!», entfuhr es Luca,„die lügen doch!“ Er musste so schimpfen, um nicht an seinen Gedanken zu ersticken. Im Fernsehen lief ein alter Film, er bemerkte es gar nicht. Schwester Hilde saß im Schwesternzimmer und bereitete die Medikamentenausgabe vor. Luca pustete die Luft gegen seine Lippen, dass sie brummten, als liefe er auf Schienen. Mit der Eisenbahn war er er schon unterwegs zu Oma.
Als er das Glöckchen auf dem Flur klingen hörte, warf er seine Turnschuhe und seine Zahnbürste in seinen Rucksack. Er klemmte sich beide Krücken unter einen Arm, dass er schneller vorankam und hüpfte auf seinem gesunden Bein, so schnell er konnte, in den leeren Flur und dann um die nächste Ecke. Von dort schaute er aus dem Schatten auf den Flur. Es dauerte nicht lange. Erst stellte sich ein dunkelgekleideter Mann vor die Tür des benachbarten Zimmers und zog sich eine Kapuze über den Kopf. Ob das Knecht Ruprecht war? Kurze Zeit später kam eine Frau in einem weißen, bestickten Kleid zu dieser Figur gestürmt. Ihre langen, goldenen Haare glänzten in Flurlicht, ihr Gesicht und ihre Hände waren tiefbraun. Sie zupfte ihre Kleidung zurecht und schob ihre Haare zurecht. Die beiden nickten sich zu und der Mann bollerte an die Tür. Und das soll das Christkind sein? Luca zog die Luft ein, das war ja gar kein Kind! Alles Lüge!
Die Suche nach Luca und dauerte jetzt schon zwei Stunden. Er konnte ja mit seinem gebrochenen Becken und den Metallplatten an Unterschenkel nicht weit gekommen sein, so dachte man. Aber als er auch nach 1 ½Stunden nicht aufzufinden war, informierte der diensthabende Oberarzt die Polizei. Sie wollte gleich kommen und einen Spürhund mitbringen.
Luca lag dieweil die ganze Zeit in einem der fahrbaren Wäscheschränke. Um die Weihnachtstage herrschte in der Wäscherei nur ein Notbetrieb, die Wäsche wurde nur allezwei Tage abgeholt. Hier türmten sich jetzt zerknüllte, schmutzige Laken und Bettbezüge. Ganz nach hinten war er gekrochen. Zweimal wurde die Tür geöffnet, er hielt die Luft an. Doch keiner suchte den Wagen gründlich ab. Wer würde sich schon unter dreckiger Wäsche verstecken? Irgendwann hörten die Geräusche und die Rufe auf. Lucas Wangen glühten, das Schlucken schmerzte. Zuerst waren die Handtücher ja noch weich und warm. Doch dann wurde ihm zunehmend kalt. Und der Hunger nagte. Den Schokoriegel hatte er schon längst aufgegessen. Es wurde Zeit weiter zu ziehen. Er drückte die Tür des Wäscheschranks auf und schaute sich um. In den Keller wollte er, da war bestimmt keiner, der ihn dort jetzt noch suchte. Auf der Rückseite des Krankenhauses befand sich ja das große Garagentor. Von da wollte er zum Bahnhof laufen. Vielleicht konnte er auch, etwas zu essen, abstauben. Und dann würde er zu Oma fahren. Erst im Treppenhaus bemerkte er, dass er eine Krücke im Schrank vergessen hatte. Die Kellertreppen waren steil, die Gänge nur noch schwach beleuchtet und eng. Keiner kam ihm entgegen, keiner arbeitete mehr noch in den Kellergängen des Krankenhauses. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord!“ Ganz leise sang er das Lied; es half ihm, mutig zu sein. Irgendwie, so tröstete er sich, wird der Gang zum Garagentor führen. Sein Bein tuckerte unentwegt, der Kopf wurde immer schwerer, die Hände branntenEs kostet ihm viel Kraft, auf einem Bein vorwärts zu hüpfen oder das andere nachzuziehen. Zwei, dreimal versuchte er die Türen im Gang zu öffnen, um sich zu verstecken und auszuruhen. Sie waren verschlossen. Die Strecken, die er hinter sich brachte, bevor er eine Pause einlegen musste, wurden immer kürzer. Die Pausen immer länger. Irgendwann musste doch mal der Ausgang kommen. Er fror und schwitzte zur gleichen Zeit. Das Schlucken schmerzte. Nur ein wenig ausruhen und sich auf den Boden ablegen, dachte er, nur mal ganz kurz sitzen. Dann wäre er wieder frischer. Halb rutschte er und halb stürzte er auf den Kellerboden. Kalt, dunkel und unheimlich war es. Liefen dahinten nicht zwei Ratten über den Gang. Und dann hörte Luca ein Bellen, schnell griff er nach seiner Krücke, seiner Waffe;sie sollte ihn vor gefräßigen Tieren schützen. Er war allein! Und auf ihn warteten die Wölfe! „Sollen sie doch nur kommen!“ Und schon zog er sich weiter bis zur nächsten Ecke! Bis dahin wollte er es schaffen. Seinen Rucksack, den hatte er liegengelassen.
Auf einmal: ein kühler Luftzug, der ihm entgegenwehte. Noch ein kleines Stück und der Gang weitete sich, es wurde heller und ganz von ferne hörte er den Straßenlärm. Und mutig schaute er um die Ecke. Tatsächlich, dort war der Ausgang nach draußen, das Tor hoch gezogen und dann sah er sie. Sie saß ganz in Weiß auf einem großen Metallkasten nahe der offenen Tür, die in die Nacht führte. Die goldene Perücke lag neben ihr und sie rauchte. Sie hatte ihn sofort bemerkt, blieb aber sitzen und lächelte ihn zu. Auch Luca lächelte trotz seiner Erschöpfung; sie kam ihm so vertraut vor. Und er wagte sich näher. Sie rückte ein wenig, um ihm Platz zu machen. Er blieb vor ihr stehen, sein Atem wollte nicht ruhiger werden: schön war sie, schwarze Haare, braune Haut, viele Falten um die Augen. Sie sah aus wie ein Engel nach der Arbeit.
«Bist du nicht das Christkind?» fragte Luca. «Ja!» sagte sie, verschluckte sich am Zigarettenrauch und musste husten. «Und ich bin der Weihnachtsmann!» Jetzt prusteten beide und lachten laut auf. «Kann ich mal ziehen?» fragte er weiter und ließ sich neben sie fallen. «Nein!» sagte sie und drückte die Zigarette aus. Jetzt sah er es, sie hatte einen schönendunkelbraunen Teint, aber sie hatte auch viel mehr Falten als seine Oma. Sie war nicht mehr jung. «Du erzählst niemanden, dass ich hier rauche?» Er schüttelte den Kopf, nie würde er das tun. «Manchmal brauche ich eine Auszeit!», seufzte sie. Dann sah sie Luca an. Sie legte ihren Arm um seine Schulter; die Arme seiner Mutter fühlten sich viel schwerer an. «Du bist tatsächlich abgehauen!» stellte sie kopfschüttelnd fest und als sie über seine Stirn strich, weinte er. Er wusste nicht, dass Tränen so warm sein konnten. Sie nahm seine Hände, hielt sie für eine Weile fest und half ihm dann auf. „Ich bring dich nach oben!“ Luca wehrte sich nicht „Bist du ein Engel?“, fragte er.
Als er endlich in seinem Zimmer lag, schlief Luca sofort ein. Früh am nächsten Morgen musste Schwester Hilde Fieber messen, Luca wurde wach. Auf seinem Nachtschränkchen stapelten sich einige verpackte Geschenke. Die Sonne schien in sein Gesicht. Er erinnert sich an ihren braunen Teint mit den vielen Fältchen, an ihre Perücke und an den Zigarettenrauch. Und auf einmal wusste er, warum ihm ihr Gesicht so vertraut war. Als er nach dem Unfall wieder die Augen öffnen konnte – sein Kopf brummte im Schmerz – da war sie es, die sich über ihn beugte. «Es ist alles gut», hatte sie ihm gesagt und ihn angestrahlt. Ihre dunklen Haare berührten seine Wangen und sie waren ganz weich wie Katzenhaare. Sein Kopf fühlte sich so kühl an. Er lächelteund schlief unter all den Geschenken ein.
Es war schon abends, als Luca endlich aufwachte. «Wer war die Frau, die mich in der Nacht hochgebracht hat?» fragte er, noch nicht ganz wach, Schwester Hilde, «ich mag sie!» «Ach, das war Marga, sie ist ein wahrer Engel, ein Schatz!“, sie hob den Kopf. „Es gibt nur noch wenige von ihrer Art!» Luca nickte,„Engel müssen manchmal ganz schön müde sein!“ „Ja“, sagte Schwester Hilde und sah ihn lange an. Warum hatte Schwester Hilde Tränen in den Augen?
Horst-Werner Klöckner, 1952, hat Philosophie und Deutsch studiert, arbeitete als Pfleger, Physiotherapeut und Osteopath, war Lehrer für Physiotherapie und für Osteopathie unterwegs, als Osteopath immer noch beschäftigt. 2011 Erzählung „Alles ist gut!“ vom Literaturhaus Zürich als beste Geschichte zum Thema „Familie“ im August 2012 prämiert. „Blurb“, aus dem Lesebuch „Autorenträume“: Petra Hartmann & Monika Fuchs (Hg.).
Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.
Von Katzenhaltung zu sprechen, wird den meisten Beziehungen zwischen Katze und Mensch nicht gerecht. Wie kein anderes Tier schaffte es die Katze, trotz ihrer Eigenwilligkeit, Synonym für Wohlbefinden, Nähe und Zweisamkeit zu werden. Dass sich die Begegnung mit einer Katze aber auch zum Alptraum auswachsen kann, davon erzählt Monika Maron, eine der ganz Grossen der Deuschen Literatur.
Vielleicht ist es genau diese Eigenwilligkeit, die die Katze zu einem Kuscheltier macht. Man muss sich ihre Zuwendung verdienen. Katzen haben nichts von hündischer Ergebenheit. Und weil Katzen ihre Reinlichkeit ganz offen demonstrieren und damit ihren Jagdinstinkt zu kaschieren verstehen, wird die Katze, obwohl ursprünglich Raubtier, zum Kuschelprototypen. Dass Monika Maron keine Katzenhalterin ist, sondern seit Jahren begleitet von einem Hund, verwundert mich nicht. Zwei prägnante, eigenwillige Individuen unter gleichem Dach? Aber weil Monika Maron, oder zumindest die Erzählerin in diesem schmalen, schmucken Buch, ein Herz für Tiere hat, erweicht sie der Anblick einer räudigen Katze am Strassenrand, kurz vor einer Reise nach Budapest. Die nimmt sie mit nach Hause, tut alles, dass es der Katze wieder besser geht, unterschätzt aber die Eifersucht ihres Hundes. Und so kommt es, wie es kommen muss. Nur dass der Biss weder die Katze noch den Hund erwischt, sondern die Erzählerin.
Monika MAron «Die Katze», Hoffmann und Campe, 2024, 64 Seiten, CHF ca. 24.90, ISBN 978-3-455-01884-4
Wird man so für seine Fürsorge, seine Hingabe, die Hilfe, die Liebe belohnt? Ob dieses Buch auch eine Zustandsbeschreibung für die Trennung des ehemaligen „Heimatverlags“ S. Fischer nach 40 Jahren Veröffentlichungen mit der Autorin ist, weil sie bei einem rechtsnahen Verlag ein Essay veröffentlichte, weiss ich nicht, lässt dies aber im Hintergrund vermuten. Monika Maron war und ist eine eigenwillige Schriftstellerin, eine die polarisiert und sich mit ihrer eigenen Meinung nicht zurückhält, einer Meinung, die durchaus kontrovers und sperrig ist. Aber man kann die Erzählung auch einfach als Parabel lesen, wie schnell sich eine gute Absicht gegen einem selbst wenden kann. Raubtier bleibt Raubtier.
Gebissen, verwundet, mit wenigen Handgriffen verarztet macht sich die Erzählerin auf den Weg nach Budapest, auch wenn sie schon auf dem Flughafen und noch mehr im Flugzeug spürt, dass sich die Entscheidung, den Biss auf die leichte Schulter zu nehmen, rächt. In Budapest angekommen, eingespannt in Termine, beginnt ein Amoklauf der Bakterien im Körper der Autorin. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Und obwohl ihr eine fürsogliche Begleitung zur Seite steht, wird aus dem Spiessrutenlauf zwischen Ärzten und Terminen ein Kampf bis ganz nahe an die Katastrophe.
Klar liest man jedes neue Bücher dieser Autorin nach Zeichen jener Trennung, nach Ursachen und Wirkungen. Monika Maron wollte vielleicht auch bloss eine gute Geschichte erzählen, was ihr unzweifelhaft gelungen ist, sowohl handwerklich wie sprachlich. Ob ich als Leser dieser Geschichte nun die eine oder andere Bedeutungsebene unterschiebe, bleibt Leserinnen und Lesern überlassen. Aber ich traue der Autorin viel mehr zu. Auf jeden Fall hat die Erzählung Biss!
Interview
Man kann ihre Erzählung einfach als gute Geschichte lesen, weil jeder weiss, wie schnell sich eine gute Absicht in eine verfahrene Geschichte auswachsen kann. Das sind Geschichten, die Resonanz, durch eigene Erfahrung genügend Bestätigung finden. Dass die eigenwillige Schriftstellerin beinahe durch eine eigenwillige Katze ausgebremst wird, ist Stoff genug. Was entscheidet, ob ein Text zu einem Buch wird? Geschichten mit katastrophalem Potenzial, die aber gut ausgehen, offenbaren nachträglich ja auch ihre Komik. Man erzählt sie natürlich seinen Freunden, und mit dem wiederholten Erzählen verdichten sie sich und man selbst entdeckt dahinter Zusammenhänge und Zeichen, an die man, während man es erlebt hat, gar nicht gedacht hat. Und irgendwann sagt dann jemand: die Geschichte solltest du eigentlich schreiben. Und dann schreibe ich sie, so war das mit Bonnie Propeller und mit der Katze auch.
Gebissen, verwundet, mit wenigen Handgriffen verarztet macht sich die Erzählerin auf den Weg nach Budapest. Es beginnt ein Spiessrutenlauf zwischen Ärzten und Terminen bis zur drohenden Katastrophe. Bei uns in der Schweiz nennt man eine Katze „Büsi“, noch etwas niedlicher als in Deutschland „Schmusekatze“. Die Verkörperung der scheinbaren Harmlosigkeit beisst. Eine Metapher? Nein, bestimmt nicht. Außerdem war diese Katze ja überhaupt nicht bösartig. Das war einfach ein Unfall. Die Katze wollte sich gegen den wütenden Hund verteidigen und traf versehentlich meine Hand.
Vor ein paar Jahren veröffentlichten Sie die Erzählung „Bonnie Propeller“, eine Liebeserklärung an den verstorbenen Hund und die Erklärung dafür, einen „Neuen“ anzuschaffen. So gross die Liebeserklärung an Bonnie Propeller, so gross die Ernüchterung darüber, was die Eifersucht seines Nachfolgers auslösen kann. Sie zählen zu den bedeutensten Schriftstellerinnen der Deutschen Gegenwartsliteratur, seit bald 45 Jahre, seit ihrem Debüt „Flugasche“. Die beiden Erzählungen sind aber nicht einfach die Hinwendung zum Kleinräumigen. Wir leben in einem Klima des überhöhten Harmoniebedarfs. Streiten ist keine Fähigkeit mehr. Die Katze beisst, das wars. Wie weit steckt Gesellschaftskritik in dieser Erzählung? Das hieße, dieser Erzählung zu viel aufzuladen. Natürlich spielt sie nicht im luftleeren Raum, ich war nicht nur einfach in Budapest, sondern war eingeladen vom Matthias-Corvinus-Collegium, das oft als Orbans Kaderschmiede bezeichnet wird, das ich aber als eine großzügige Bildungsstätte mit offenem Meinungsstreit erlebt habe, was in der Geschichte auch vorkommt wie kleine Erinnerungen an Vergangenes oder Beobachtungen am Rande. Einen überhöhten Harmoniebedarf in der Gesellschaft erkenne ich eigentlich nicht, eher das Bedürfnis nach ergebnisoffenem Streit ohne Diffamierungen und Verdächtigungen. Die Katze hat damit nichts zu tun. Sie wollte sich verteidigen, das ist ihr Recht.
Nach 40 Jahren kündigte S. Fischer die Partnerschaft mit ihnen, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Steckt in dieser Erzählung auch der Schmerz über jenen Biss? Oh Gott, nein. Ich fühle mich bei Hoffmann und Campe gut aufgehoben.
Sie schreiben Den Katzenbiss interpretiere ich als eine Mahnung und eine Vorbereitung auf meine möglich Zukunft und nahm mir vor, mich in Sanftmut und Freundlichkeit zu üben. Beobachtet man die aktuellen Debatten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, wären das doch durchaus allgemeingültige Tugenden, die man sich vornehmen müsste. Gelingt es ihnen? Sanftmut und Freundlichkeit in politischen Debatten halte ich für unangemessen. Da geht es eher um die Bereitschaft, andere Meinungen ernst zu nehmen und zu ertragen, auch wenn sie scharf und provozierend geäußert werden und den eigenen Positionen extrem widersprechen. Mir ging es um die Demut gegenüber der eigenen Sterblichkeit und ihren kränkenden Vorboten, womit ich zum ersten Mal leibhaftig konfrontiert war.
Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik nach Hamburg und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und mehrere Essaybände. Ausgezeichnet wurde sie mit zahlreichen Preisen, darunter der Kleistpreis (1992) und der Deutsche Nationalpreis (2009).
was nöd bruchsch sind diä lüüt wo dir säged so gahts nümm als ob du das nöd sälber wüsstisch
din geischt isch am schimmlä s herz en lumpä wirsch s überwindä müessä dis verlotteretä ich wo dir zämezimmeret häsch wiä das halt passierä chan wänn dis dähei i dä looser-truppe isch
bisch vellecht lätz i dä familiä tiggisch im falschä takt s mag si dass du kei frage schtellsch wänn en mänsch dis herz eroberet es isch wiit und offe in en raschter zwänge laht sich s herzchlopfä nöd
nur du weisch um das was du ushaltä muäsch häsch afah lüga um z verzellä was gern ghört wird vo dir dich um jedä schtacheldraht gwundä
häsch dir dänkt i machä nachä was guet aachund be denä lüüt wo dir gseit händ da chan mer nüt machä da muäsch du durä das isch halt äso
bisch immer meh is trudle cho dini psychä hanged i fätzä niemert überraschts scho klar mit so emene schräge charakter
jedä schiint z wüssä wer du bisch nur nöd du dä gedankä isch der au scho cho öbs ächt chönti sii das d lüüt dich mit sich sälber verwächslet
dähei isch vell diskutiert wordä über das was du nöd bisch und chasch s hät einiges gäh wo du vo dir zeigä hesch wellä was diis gsi wär isch nöd d usbildig gsi bim kolleg vom vater im reisebüro wo im chef sin chiifer so sältsam gschnapped hät
de chefin ihri blick händ dich zum biberä bracht häsch s nöd emol meh packt d proschpäkt z büschelä – eggli of eggli – wiä sie s hät wellä
dringend gsuächt häsch nach em exit d türe aber nöd gfundä abä gumpä häsch au vo nienäd wellä anerbote hät sich en option vo dere du ghört häsch si machi dicht
vo null of hundert häsch dich gfühlt als öb verpackt wärsch inerä watte met emene panzer gäge alles was vo ussä inä chund
highly untouchable häsch du gmeint sigisch worde s isch dir alles am arsch vorbii
dis ich wo nöd du gsi bisch hät sich schicht für schicht verchleided
jetzt sitzisch uf dem bänkli irgendwo am fluss vo dir gflüchted sind alli wo dich no cool gfundä händ isch doch geil händ sie gmeint chli zue zäme z hockä bis dis herz s erschtmol schtill gschtandä isch
im schpital hät de dökti sini schtirnä g runzled abschuum wie du hät em notfall nüt verlorä da git s anderi wo eusi hilf meh verdiened mir händ wichtigers z tuä als lumpepack z reanimierä bös bisch ihm nöd gsi häsch scho längschtens verschtandä wiä wärtlos du bisch belämmeret häsch dich aahgleit bisch dänn no go schaffä häsch ghofft s langarm ti-schi verrutschi nöd
uf dem bänkli irgendwo am fluss risset d monschter wie verruckt a dinä schlotternde chnochä öppis chrücht dir dur dä buuch naged am fleisch wo vo dir no übrig isch
en mänsch wär guät dänksch für en momänt wo mit dir schwiigt und doch ghörsch ihn sägä dass du nonig verschwundä bisch
häsch kei ahnig wiä lang si scho näbä dir sitzt d frau mit em bürzi sie packt en chuechä uus und warmä tee nimmt dini hand du zucksch es bitz weisch nöd so rächt was etz söllsch machä
da seit si liislig lass alles lah gah nur nöd dich wenn du das möchtisch zeigt sich dir diä chraft wo en schtohufmänsch us dir macht
muesch numä eis wüssä seit sie wiiters dass dis ändi au wieder din aafang isch
ich weiss – a dich z glaubä fallt dir schwer han kei ahnig wer du bisch worum s mit dir so isch wiä s isch lass alles la gah nur nöd dich chönntisch eini vo denä werdä wo weiss was würklich wichtig isch
bisch nöch am lätschä so fescht hät sie dich tüpft d frau mit em bürzi wo die ganzi nacht be dir blibä isch
häsch dich uufgrapplet afah probierä obenabä z cho häsch meh als einmol en aalauf brucht um diä hordi vo affe z vertriebä wo i dir grumoret hät
dänn irgendwänn isch s passiert öppis psychodelischs esoterischs spirituells… häsch luscht übercho unbändigi luscht ufs läbä d wärmi i dir gfundä um z akzeptierä was lätz gmacht häsch siither bisch am werde
lass dich nöd beirre vo denä wo meined hegisch dä zug scho längschtens verpasst dä zug bisch du und er fahrt los wänn dis ändi au wieder din aafang isch
lass alles lah gah nur nöd dich – hät d frau mit em bürzi gseit.
Gabriela Cheng-Voser, schreibt vor allem in Mundart lyrische Texte, 2022 mit «Acht Gramm» in der Shortlist des 27. Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb, 2022 Literaturblatt.ch „gluät of dä huut“, unschöne Weihnachtsgeschichten, 2023 «Realisierbar Steinen», erstmalige musikalisch untermalte Lesung im Duo Iggy&Nic, 2024 Texte von 10 Autor:innen zum Thema „Generationen“.
Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.
Manchmal gibt es das eine nicht ohne das andere, selbst in der Liebe. In „Der blinde König und sein Narr“ verliebt sich der Erzähler, ein Schriftsteller, in eine Antiquarin. Beide lieben die Sprache, Bücher. Wenn Mara nur diesen Papagei nicht hätte, ein Tier, das sich mehr und mehr nicht nur zwischen die beiden stellt, sondern dem Schriftsteller all die lieben Gewohnheiten nimmt.
Jürg Beeler ist kein Plotschreiber. Seine Geschichten sind die Träger seiner Sprache. Seine Sprache ist sein Instrument. Welches Stück er spielt, ist sekundär. Wichtig ist, dass er spielt, dass ich Gelegenheit habe, seiner Sprachmusik zuzuhören. Es ist der Klang, die Melodie, es sind die leisen Töne, das Dazwischen, das mich an Jürg Beelers Schreiben fasziniert. Da sind die Störungen eines krächzenden Papageien sinnbildlich, eigentlich kaum zu übertreffen. Vor allem dann, wenn es der blinde König (Maras Papagei ist auf einem Auge blind und auch das andere trübt mehr und mehr ein.) schafft, seinen Narr zu seinem getreuen Untergebenen macht, wenn aus der unliebsamen Begleiterscheinung über die Zeit eine manchmal fast grotesk erscheinende Zweisamkeit wird, auf die der König nicht verzichten kann und sein Narr nicht verzichten darf.
Der Erzähler lebt als Schriftsteller schon einige Jahre im Norden Deutschlands, blieb wegen einer Frau hängen. Weil der Süden, das Meer, die lauen Winde, die mediterane Landschaft aber Sehnsuchtsort geblieben sind, setzt der Erzähler alles daran, seinen damals verlassenen Schreibort wieder zurückzugewinnen. Er kauft sich aus der Ferne ein Haus, an dem Ort, wo er die Stille wiederfindet, die Cafés, Bistros und Bars, die ihm zu Schreib- und Lebensorten wurden, weg aus der feuchten Kühle des Nordens.
Jürg Beeler «Der blinde König und sein Narr», Dörlemann, 2024, 176 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-03820-142-
Ausgerechnet in dieser Zeit des Aufbruchs, der Neuorientierung, verliebt sich der Erzähler in Mara, die in der Stadt ein Autiquariat führt. Und weil sie mit dem Gedanken spielt, ihr Antiquariat an einen Nachfolger, der bereits feststeht, weiterzugeben, ist der Gedanke, mit ihrem Liebsten in den Süden zu ziehen, ein durchaus reizvoller. Wenn da nur Friedolin nicht wäre. Ein gefiederter Schreihals, ein Krachmacher, ein Senegalpapagei, ein Tier, das an ihr hängengeblieben war und sich längst zum fixen Familienmitglied gemacht hatte. Friedolin mit ie strahlt so gar keinen Frieden aus. Da ist ein Tier, das durch sein besitzergreifendes Gehabe sehr schnell klar macht, dass mit keinerlei Entscheidungen an ihm vorbeigegangen werden kann. Friedolin schafft es mit Leichtigkeit, den Erzähler in seine Absichten einzubinden. Erst recht, als Mara ihn bittet, in der Zeit der Geschäftsübergabe für Fiedolin da zu sein. Noch viel mehr als Maras Nachfolger gesundheitliche Probleme bekommt und Maras Absenzen in der sich langsam auflösenden Wohnung immer länger werden.
Zwischen dem Tier und dem Erzähler entwickelt sich eine Schicksalsgemeinschaft, ein Machtkampf, der bis zum Überlebenskampf wird. An Schreiben ist nicht mehr zu denken. Im Gegenteil. Der Erzähler wird mehr und mehr zum Narr des blinden Königs und als man sich mit dem Auto zu zweit unterwegs in den Süden macht, weil der Erzähler glaubt, seine Anwesenheit dort sei unbedingt erforderlich, wird aus dem ungleichen Miteinander in der Stadt ein wilder Roadtripp in den Süden. Was würden Sie sagen, wenn sie an einer Rezeption eines Hotels einem Mann mit einem Papagei auf der Schulter begegnen würden, einem sonst stillen Mann, dessen Vogel am Ohr seines „Herrchens“ knabbert und seinen Unwillen über dessen Entscheidungen mit lautem Krächzen quittiert.
So poetisch die Formulierungen, wenn es um das Daseins eines Schriftstellers geht, um die Ergebenheit in ein überstülptes Schicksal, in die Liebe zur Sprache, ebenso wie zur Stille, so witzig und grotesk sind die Szenerien mit dem Vogel. Es gab schon lange kein Lesevergnügen mehr, dass mir ein so nachhaltiges Lächeln schenkte, wie dieses Buch. „Der blinde König und sein Narr“ ist köstlich.
Und ganz nebenbei ist dieses Buch ein rührendes Porträt einer aussterbenden Gattung Mensch. Jürg Beelers Roman ist durchaus metaphorisch zu verstehen, wenn man die Präsenz der Gegenwart als aufsässiges Kreischen, besitzergreifendes Gehabe versteht.
Interview
Sie erzählen das Buch so, dass die Frage nach Fiktion schnell beantwortet werden kann, auch wenn man dieses Zugeständnis durchaus literarisch verstehen kann. Wie leben in einer Zeit, in der man der Fiktion nicht mehr zu trauen scheint, dabei ist Literatur doch die einzige Möglichkeit, stilvoll zu lügen. Aber im Zeitalter alternativer Fakten und Fakenews ist das Bedürfnis nach möglichst realem Erzählen gross, ob das nun autobiographisch oder autofiktional heisst. Mich ärgert diese Entwicklung. Nicht einmal die Bibel kann wörtlich genommen werden, auch wenn es welche gibt, die das versuchen. Darf Literatur, Kunst nicht viel, viel mehr, als bloss abzubilden?
Wer ist der König, wer der Narr? Der Ich-Erzähler oder der Autor? Eine schwierige Frage. Man setzt sich ein Krönchen auf, und bleibt doch ein Narr. Nun bin ich schon so alt geworden, und immer noch ist es mir nicht gelungen, mein durchsichtiges Krönchen abzulegen, das zum Glück niemandem auffällt.
Was ist fiktiv, was nicht? Das bleibt das Geheimnis des Autors. In diesem Sinne ist „Der blinde König und sein Narr“ ein zugleich offenes und verschlossenes Buch. Dichtung und Wahrheit zugleich, denn die eine ist nicht ohne die andere zu haben.
Natürlich verstehe ich mich mit meinem Ich-Erzähler gut. Aber da verstand ich mich auch mit den Protagonisten meiner früheren Romane. Trotzdem steht unzweifelhaft fest: hätte nicht auch ich mich mit einem Papagei angefreundet, wäre ich mit diesem Erzähler nicht so gnädig verfahren. Trotzdem ärgert er mich immer wieder, und ich erhebe Einspruch und sage ihm, nun, übertreib mal nicht. Natürlich hörte er nicht auf mich. Ich muss aufpassen, dass ich nicht über ihn herziehe. Zum Glück führt er ein eigenständiges, anderes Leben als ich, das mildert mein Urteil ein wenig.
Der Erzähler ist wegen einer Beziehung im Norden Deutschlands, weit weg von den Orten, an denen er weiss, dass sie ihm beim Schreiben helfen, weit weg vom Süden. Es kommt zur Trennung, weil jene Frau ihn einen Schriftsteller schimpft, der nichts für seine Karriere tut, der noch von Hand schreibt, keine Homepage bewirtschaftet, ohne Facebook oder Twitter. Mir sind solche Menschen höchst sympathisch. Und ich weiss von vielen jungen Menschen, die sich gerne aus den Schlingen der Neuzeit befreien würden. Schwierig bloss, dass sich der Kultur- und Literaturbetrieb ganz stark diesem Intrumentarium bedient, der einsame, stille Schiftsteller ein auslaufendes Modell zu sein scheint. Gibt es eine Angst vor dem Verschwinden?
Das ist eine weitläufige Frage. Was heißt verschwinden? Man kann aus den Medien verschwinden oder in die Medien verschwinden, in beiden Fällen ist man auf unterschiedliche Weise nicht mehr existent. Wir leben in beiden, im privaten wie im öffentlichen Raum. Ist aber das Spiel entschieden, ist die Öffentlichkeit der Sieger, wie das heute der Fall zu sein scheint, so nehmen die Ängste naturgemäß zu: Die Angst, sich selbst zu verlieren, und gleichzeitig die Angst, im öffentlichen Raum niemand mehr zu sein. Das führt, wie der Literaturbetrieb lehrt, zu einer eigentümlichen, mich immer wieder erheiternden Hektik: Jeder versucht sich panisch der eigenen Präsenz im medialen, virtuellen Raum zu versichern. In solchen Zeiten hat es die Literatur schwer, denn die Revolte (oder die existentielle Selbstversicherung) kommt nicht aus dem öffentlichen Raum, sondern aus dem privaten. Und dieser private Raum ist nicht medial verhandelbar. Für eine jüngere Generation ist das nicht einfach. Der öffentliche Raum bietet ihr immer weniger Möglichkeiten der existentiellen Selbstversicherung. Das stimmt mich traurig.
Die Liebe des Schriftstellers heisst Mara. Sie ist Antiquarin. Auch eine aussterbende Gattung Mensch. Auch Mara kannte die Stille. Die Stille der Bücherschluchten, die Stille der erzählenden Canyons. Still schon. Aber hinter all den Buchrücken rumort es ganz ordentlich. Alle, die lesen, befreien die aufgestauten Geschichten, Stimmen aus dem Papier. Bei mir zuhause ummanteln mich auch Bücher. Sie umarmen mich, betten mich und schützen mich vor der Oberflächlichkeit der Welt. Ob Jürg Beeler oder der Erzähler in ihrem Buch. Er sucht die Stille. Ist Schreiben die Spur durch diese Stille?
Schreiben kann die Spur durch diese Stille sein. Das hängt davon ab, was man unter Stille versteht. Stille ist kein akustisches Phänomen, nicht die Abwesenheit von Lärm. Darin bin ich mit dem Protagonisten einig. Sie ist auch kein Rückzug aus dem Leben. Mein Protagonist stellt fest, dass Stille in jedem Land anders wahrgenommen wird, so wie der Umgang mit der Zeit in verschiedenen Kulturen ein anderer ist. Er sucht, was ihm oft fehlt: die Stille. In diesem Sinne versetzt sie ihn immer wieder in Unruhe.
Die Spur, die der Erzähler durch die Zeit gelegt hat, ist seine eigene und die durch Jahrhunderte. Sie ist zugleich persönlich und unpersönlich. Auf seinem Weg scheint er etwas gefunden zu haben, das ihm Gelassenheit gibt. Dieses Phänomen versucht er immer wieder in Worte zu fassen. Ich glaube, dass „Der blinde König und sein Narr“ ein gelasseneres Buch ist als seine Vorgänger, dass der Ich-Erzähler den Autor in gewisser Weise angesteckt hat.
Eine Stille, die sich ausgerechnet in Cafés, Bistros oder Bars findet. Im gleichförmigen Teppich aus Stimmen und Geräuschen. Ein Teppich, der im Süden anders sein muss als im Norden. Warum?
Es ist weniger der Geräuschteppich, der den Norden vom Süden unterscheidet. Deutschland kennt die Tradition des Bistros und Cafés nicht. Es imitiert sie aus Modegründen, doch das Imitat ist immer etwas anderes als das Original. Dort, wo ich lebe, in Südfrankreich, in einer der ärmsten Gegenden des Landes, ist das Bistro oder das Café immer noch Treffpunkt für alle Generationen. Im Café oder Bistro sitzt die Oma mit der Enkelin, der Geschäftsmann, der Rentner und der Schüler. In Bremen oder Berlin war ich in einem Lokal oft nur von Rentnern umgeben oder von einer mehr oder weniger homogenen Altersklasse, die einer bestimmten Szene angehörte. In Berlin, viel schlimmer, gab es noch die Schriftstellercafés. Man ist gut sortiert in Deutschland.
Es ist nicht der Geräuschteppich, der eine Bar, ein Bistro oder Café im Süden zu einem anderen Ort macht, sondern die andere Lebensweise. Wenn ich nun von mir rede, von mir als Schriftsteller, nicht vom Protagonisten meines Romans: Nicht von Anfang an waren Cafés meine Schreiborte. Ich bewohnte als Student und auch später nie ruhige Zimmer. Also flüchtete ich ins Café, um arbeiten zu können. Ich gewöhnte mich daran, und diese Gewohnheit ist mir geblieben. Alle meine bisherigen Versuche, dies wieder zu ändern, scheiterten bisher.
Nicht immer ist der Geräuschteppich in einem Café angenehm oder dem Schreiben zuträglich. Doch das Café kann ich wechseln, meine Wohnung nicht. Diese Möglichkeit schafft eine ganz andere Leichtigkeit. Geräusche lullen ein, lenken ab, erlauben eine „gleichschwebende Aufmerksamkeit“. Man ist konzentriert und doch nicht, man läßt sich ablenken, und plötzlich schreibt sich der Text wie von selbst weiter. Menschen im Café sind meist friedlich, ich bin also an meinem kleinen Tisch von friedlichen Zeitgenossen umgeben. Ich sitze vor meinem kleinen Kaffee und denke, diese armen Teufel, die jetzt eingekerkert in ihrer Schreibstube sitzen, auf den Bildschirm starren und am nächsten Satz ihres Romans herumlaborieren.
Der Papgei, der sich ziemlich entschlossen und deftig ins Leben des Erzählers einmischt, heisst Friedolin. Mit ie! „Der Friedensreiche“. Ein ziemlicher Gegensatz zu seiner Lebensweise, seinen Geräuschen, seiner Aufsässigkeit. Und trotzdem wird aus dem genervten Erzähler ein Kämpfer und Streiter, ein Tierfreund. Müsste ich es mit meiner Hundephobie ähnlich angehen?
Die Literatur kennt keine Ratschläge, die findet man in den Buchhandlungen unter „Lebenshilfe“. Dort findet man alles, was im Leben nicht hilft.
Ihr Roman ist auch ein Roman über Ihr Schreiben. Eine Vergewisserung. Ein Sehnsuchtsroman?
Sehnsucht wonach? Nach einer Welt, wie sie war? Diese Art der Sehnsucht scheint mir ein Phänomen des Alterns zu sein. Es ist nicht mehr meine Generation, die das Sagen hat. Plötzlich entdeckt man, dass man alleine ist, immer alleine war. Schwierig, sehr schwierig, wenn einem das erst in vorgerücktem Alter aufgeht.
Meist halten wir die Welt für schlecht, weil sie sich beim Älterwerden immer mehr von uns entfernt. Wir wollen die Welt so alt, wie wir selber sind, wir nehmen in unserer Umgebung meist nur uns selber wahr, aber selten die andern. Der Welt ein faltiges Gesicht zu wünschen, nur weil man selber runzelig geworden ist, gehört zu einer verbreiteten Verhaltensweise, deren Egozentrik merkwürdigerweise kaum je auffällt.
Sehnsucht hat viele Farben. Sie ist und war auf jeden Fall eine literarische Triebkraft für viele Autoren. Augustinus und Rousseau, Stendhal, Baudelaire, Flaubert oder Joseph Roth kannten sie, auch Tolstoj und Turgenjew, ebenso viele japanische Autoren wie Tanizaki, Kawabata oder Soseki. Die Sehnsucht nach dem entschwundenen Paradies, von dem sie nur zu gut wußten, dass es auch eine Hölle war, schärfte ihren Blick für die Gegenwart und schürte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Die Welt des Handels und der Werbung ist eine Welt ohne Zukunft und Vergangenheit, eine Welt purer Gegenwart, sie produziert täglich das immer Neue und Aktuelle. Ihre Sprache ist identisch mit dem Produkt, das sie verkauft. In dieser Dialektik ist das Aktuelle und Neue immer schon der Schrott von morgen. Es ist die Dialektik der virtuellen und medialen Welten, in denen wir uns immer mehr einrichten. Sie kennt keine Scham und keine Sehnsucht.
Auch die Literatur und ihr Betrieb wird nicht davon verschont. Das weiß mein Protagonist natürlich. Nicht ohne Grund schreibt er noch von Hand, verzichtet auf Homepage und Handy, nicht ohne Grund ist er Nomade und schreibt in Cafés, Bistros oder Bars. Ich kann es ihm nicht verübeln. Ich kenne das Glück und den Rausch dieser Freiheit.
Jürg Beeler, geboren 1957 in Zürich, studierte Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft in Genf, Tübingen und Zürich. Arbeitete als Reisejournalist, Magaziner, bei verschiedenen Institutionen, u.a. Aids-Hilfe-Schweiz. Lebt in Südfrankreich und Zürich. Für seine literarische Tätigkeit wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, u.a. mit dem Schweizerischen Schillerpreis 2003 für «Die Liebe, sagte Stradivari». Bei Dörlemann erschienen Zuvor erschien 2022 «Die Zartheit der Stühle«.
Deine rechte Hand liegt auf der Schulter der Person vor dir. Der Mantel ist leicht nass, deine Finger sammeln die Wassertropfen wie Perlen auf. Du tastest dich der Schulter entlang bis zur weichen Kuhle. Die Schulter schüttelt sich. Du legst deine Hand wieder auf den knochigen Teil. Nur langsam geht es vorwärts. Du spürst die Wärme der anderen Menschen, ihre Arme stossen an deinen an, entfernen sich wieder. Es wird eng, du musst dich abdrehen, die Schulter vor dir entwischt, du streckst deinen Arm weiter aus, findest das bekannte Material mit den Fingerspitzen. Du möchtest sagen, dass sie warten soll, doch da stösst jemand mit dir zusammen, eine Stimme murmelt «Entschuldigung», du erwiderst «Macht nichts» und windest dich weiter zwischen den Menschen hindurch, immer kurz davor, die Schulter vor dir unter den Fingern zu verlieren. Du riechst Orange, Wein, Zimt, Anis und Raclette. Du riechst die nassen Kleider und den kalten Zigarettenrauch, der den Menschen nachhängt wie ein heimlich festgemachter Schal. Hohes, schallendes Lachen von links, du verziehst das Gesicht. Jemand tippt dir auf die Schulter, du drehst dich ein wenig zur Seite, während du in Minischritten weiter vorwärtsgehst. «Oh … sorry, hab Sie verwechselt», sagt eine Stimme. Du hörst das leichte Erschrecken, das Unbehagen in der Pause nach dem «Oh». «Macht nichts», sagst du wieder und wendest dich ab. Du stolperst über etwas, vielleicht eine Kabelbrücke, und brauchst beide Arme, um das Gleichgewicht zu halten. Als du die rechte Hand ausstreckst, ist da keine bekannte Schulter mehr, nur fremde Rücken, fremde Materialien. Du merkst, wie sich die Leute vor dir umdrehen und dir Platz machen. Niemand spricht, aber du weisst, dass du angeschaut wirst. Eine unangenehme Wärme wächst in deiner Brust, öffnet sich wie die Blüte einer giftigen Pflanze. Du willst endlich raus aus diesem Wintermantel, wie weit kann es denn noch sein, wie viel länger musst du das aushalten? Du stehst still, atmest deine Wut in die geballten Fäuste. Wieso sagt denn niemand was? Plötzlich nimmt dich jemand in die Arme, umschliesst dich ganz, schirmt dich ab. Feine Locken kitzeln dein Gesicht. «Bist mir wieder fast entwischt», sagt die Stimme, die sich durch dein Leben zieht wie ein roter Faden. «Aber nur fast», entgegnest du und lächelst in die Locken hinein. Sie riechen nach Lavendel und Zitrone.
Flavia Naef, 1991, arbeitet seit jeher mit Sprachen und Büchern. Zurzeit besucht sie den Lehrgang Literarisches Schreiben an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich.
Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.