Ivo Ledergerber «Alltagsgübeleien», Waldgut

Zu Ivo Ledergerbers 80sten Geburtstag macht sich der Autor ein Geschenk: 51 Gedichte, die sich in den letzten Jahren ansammelten, nicht zuletzt in seinem «Ivo-Blog», auf dem der Dichter jede Woche ein Gedicht veröffentlicht. So war der «Raum für Literatur» in der St. Galler Hauptpost restlos besetzt, als der Autor zusammen mit seinem Dichterfreund Richard Butz seinen neusten Gedichtband aus der Taufe hob.

Ivo Ledergerber grübelt gerne, hängt seinen Gedanken nach, erst recht mit 80, in einer Lebensphase, in der man Zeit hat, Zeit, die endlich wird. Liebe und Tod sind denn auch die Pole, zwischen denen der Leser pendelt, von einem Anfang her zu einem Ende hin, von beiden nur ahnend. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit sei ein Teil dieses Pendelns. Es sei in seinem Alter unmöglich so zu tun, als betreffe einem das nicht.

Viele Gedichte entstanden aus dem Moment, mitgenommen von Spaziergängen, Augenblicken, nach innen und nach aussen. Sprachskizzen, Zeichnungen in Worten, als wäre er kurz in der Zeit stehen geblieben, um den Moment mit Sprache einzufangen.

Dreiweihern

Auf dem Balkon über dem Pissoir
eine tote Fliege
auf dem Rücken
die Beine gereckt
betend
voller Inbrunst
schöner ist nicht
für den Sommer zu danken

Er brauche Anfänge, an die sich weitere Sätze heften, immer mehr, bis sich nach dem Sammeln der Kamm über den Text hermacht und hinausstreicht, was nicht passt oder schlicht zu viel ist. In seinen Gedichten spiegeln sich aber nicht bloss Augenblicke und Ein-Sichten, ebenso sehr Schreib- und Entstehungsprozesse, die weit über das «Dichten» hinausgehen. So wie der Vogel am Waldweg, die tote Amsel ihn im Schreiben festhält, so verhilft er dem toten Vogel noch einmal zu einem wortgewaltigen Höhenflug.

«Wir verschwinden lesend in unsterblichen Texten.»

Und doch ist den Gedichten das Alter des Dichters anzumerken, was auch so sein soll, wenn zwischen Wehmut, hinter lauten Sätzen, die Demut glänzt. Er fliegt mit Dohlen über Schluchten und Berge, huldigt der Freiheit des Denkens mit Sprache, die ihn durch die Lüfte trägt.

Von den Dohlen

Von den Dohlen sagt man
sie hätten gesehn
wie es war bevor wir kamen
und sie sähen
was wie nicht kennten
sie wüssten wohin
Wege führen
die wir noch lange nicht kennten
an die Orten die wir nicht nennten

Ihre Flügel sagt man
trügen sie in Höhen
wo unsereinem nur schwindelt
ihr Mut aber
der sei grenzenlos groß
sie lassen von Stürmen
sich treiben
wie Nebelfetzen ein verirrtes Blatt
lassen wir wirbeln werden nicht matt

Von den Dohlen sagt man
sie eine so frei
wie wir es uns träumen
und selten gestehn
während sie getragen
vom wilden Wind
die Freiheit
erleben die wir nicht mehr wagen
obwohl der Geist auch uns würde tragen

(beide Gedichte mit freundlicher Genehmigung des Autors aus «Alltagsgrübeleien» von Ivo Ledergerber, Waldgut Verlag, 2018)

Schon erstaunlich, wie viele Menschen Ivo Ledergerber mit seiner Lyrik in die Hauptpost St. Gallen zu locken vermag, wo doch wenige Tage zuvor die grosse Dichterin und Essayisten Monika Rinck anlässlich des Literaturfestivals Wortlaut nur einen kleinen Bruchteil dessen in den «Raum für Literatur» mobilisieren konnte.

Ivo Ledergerber (1939) studierte in Mailand, Innsbruck und Konstanz Theologie, Deutsche Literatur und Erziehungswissenschaft. Bis 1999 arbeitete er als Mittelschullehrer in St. Gallen. Durch seine Schreibaufenthalte in Rom und Krems und seine Teilnahme an internationalen Literaturkongressen knüpfte der mehrsprachige Autor Kontakte zu Dichtern in Kosova, Mazedonien, Albanien, Italien, Tunesien, Algerien, Spanien, Frankreich und Polen. Ivo Ledergerber lebt und arbeitet in St. Gallen.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Tabea Steiner «Sienna Street 55», Plattform Gegenzauber

Wir hatten für die Reise nach Armenien eine Flugverbindung mit längerem Zwischenstopp in Warschau gewählt, weil sie billiger zu haben war. Ich wusste bis dahin nicht viel mehr über Armenien, als dass die armenische Kirche ihren eigenen Papst hat, dass die Bagdadbahn nur kraft der Zwangsarbeit zahlloser Armenier gebaut werden konnte und dass man die Armenier im Zuge der verschiedentlichen Genozide ohne jede Nahrung in die Wüste getrieben hat, mit der Absicht, sie verhungern zu lassen, auch Kinder.

Wir haben die Sienna Street 55 nicht auf Anhieb gefunden, weil wir vom Hauptbahnhof her zuerst die falsche Richtung eingeschlagen haben. Im Bahnhofsquartier blitzte alle Augenblicke ein Mercedesstern zwischen den hohen gläsernen Neubauten und den breiten Prachtbauten aus Sowjetzeiten auf. Der Stern drehte sich immerzu im Kreis und schleuderte so das Sonnenlicht weit über die Stadt.

Nummer 55 ist ruhig gelegen, gleich neben einer Imbissbude, die sonntags geschlossen ist. Im Hinterhof haben Kinder gespielt, aber das Gittertor war verriegelt. Wir haben gezögert, diese Kinder anzusprechen, bis uns eins der Kleineren bemerkt hat, stehen geblieben und dann davongesprungen ist, um kurz darauf in Begleitung eines grösseren Kindes zurückzukommen. Sie haben uns gemeinsam gemustert, dann haben sie von innen den elektronischen Türöffner betätigt und uns nicht weiter beachtet.
Im Innenhof ist mir zuerst das gerahmte Bild des Papstes aufgefallen, das in einer Wohnung im ersten Stock hing. Dieser Papst, an den ich nur noch im Zusammenhang mit dem Papamobil und seinem einsamen Tod im Fernsehen denken kann, blickte nach draussen, in die Richtung der Imbissbude, die aber hinter einer vielleicht sieben Meter langen und drei Meter hohen Mauer verborgen blieb. Gütig blickte er hinaus auf diesen Platz, mir war, als schaute er aus seinen Gefilden zu uns zurück durch ein Fernglas, das die Zeiten auf einer winzigen Linse zusammenpresst.

Wenige Wochen vor dieser Reise war Claude Lanzmann gestorben, was mich daran erinnert hatte, dass ich Shoah an einem einzigen Tag geschaut hatte, als könnte man all das auf neun Stunden und diese neun Stunden auf einen einzigen Tag komprimieren.
In der letzten Szene des Filmes spricht ein Mann davon, wie er sich durch die Abwasserkanäle in das Warschauer Ghetto geschmuggelt und Botengänge erledigt hatte, hin und her. Nach seinem letzten Botengang hatte er keinen einzigen Menschen mehr angetroffen. Er schildert, wie er alleine in einem Hinterhof gestanden und geglaubt hatte, dass er nun der letzte verbliebene Mensch auf der ganzen Welt sei, zurückgeblieben, weil er alleine in den Untergründen unterwegs gewesen war, während alle anderen aus dem Ghetto abgeholt worden waren.
Jener Mann hatte das Ghetto wieder verlassen und war, auf welchen Wegen auch immer, von Claude Lanzmann aufgespürt worden, dem er schliesslich seine Geschichte der Einsamkeit erzählt hat.

Nachdem 1989 in Berlin die Mauer gefallen war, hatten sich die Amerikaner aufgemacht, um in Warschau an der Sienna Street 55 aus der ehemals kilometerlangen Mauer des Warschauer Ghettos einen Stein zu holen. Auf einer Tafel über der Stelle, wo der Stein herausgebrochen wurde, kann man nachlesen, dass dieser Stein heute im Kriegsmuseum in Washington ausgestellt ist.
Gebracht haben die Amerikaner Imbissbuden, die Fastfood herausreichen in Endlosketten.

Wir sind noch einen Moment vor diesem Mauerrest gestanden, den man auch in Amerika betrachten kann. Dann haben wir den Innenhof verlassen, den Kindern ein Dankeschön zugewinkt. An der Aussenmauer des Gebäudes an der Sienna Street 55 ist ein emailliertes Foto angebracht. Darauf ist eine kleine Schar abgebildet, aufgestellt in Reih und Glied, ausgerüstet mit Waffen, bereit zum Warschauer Aufstand vom 19. April 1943.

Am Gebäude gegenüber prangte hoch oben ein Plakat der Billiglinie Etam. Ein Model, auf eine geradezu aus der Mode gefallene Weise mager, warb für den Konzern mit dem Slogan The french liberté. Scheinwerfer waren angebracht, welche in der Nacht dieses ungeheuer grosse Modeplakat beleuchten; es musste weit über die Stadt sichtbar sein.
Es sind die gleichen Strassen und Gassen, die mit Licht geflutet worden waren, als die Mauer noch mehrere Kilometer lang war und als nach Einbruch der Dunkelheit, zur Nachtsperre, nur vereinzelt magere Gestalten über die Gassen und Plätze im Inneren des verriegelten Mauerrings gehuscht waren.

Wir sind zurückgegangen zum Bahnhof, ein Gebäude, dessen Standort und Stellenwert sich innerhalb des zwanzigsten Jahrhunderts mehrmals verschoben und verändert hat. Diesmal haben wir ihn auf Anhieb gefunden, haben Tickets für die Rückfahrt an den Flughafen gekauft, die Abflughalle erreicht, das Flugzeug bestiegen und sind wenige Stunden später in Jerewan gelandet. In der Dunkelheit der Nacht haben wir armenischen Boden betreten, dieses heisse, kleine, fruchtbare Land.

Tabea Steiner, 1981, studierte Germanistik und alte Geschichte in Bern und hat sich in ihrer Masterarbeit mit der Wahrnehmung in zeitgenössischer Landschaftslyrik befasst. Sie ist auf einem Bauernhof in der Ostschweiz aufgewachsen und lebt heute in Zürich. Sie hat das Thuner Literaturfestival initiiert, ist Mitorganisatorin des Berner Lesefestes Aprillen und Mitglied der Jury der Schweizer Literaturpreise. 2011 hat sie an der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teilgenommen. Ihr erster Roman «Balg» erschien im Frühjahr 2019 in der Edition Bücherlese.

Webseite der Autorin

Am 25. Oktober 2019 liest Tabea Steiner aus «Balg» im Bodman-Literaturhaus in Gottlieben TG. Gallus Frei-Tomic moderiert.

Rückblick: Andri Beyeler eröffnete das 11. Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen stand damals für den aussichtslosen Kampf der untergehenden Aristokratie des 17. Jahrhunderts gegen den «technischen Fortschritt». Kämpft ein Literaturfestival diesen Kampf im 21. Jahrhundert? Den Kampf gegen den blossen Konsum, gegen die Berieselung, das frühlingshafte Wetter, gegen die Übermacht all dessen, was in einer Stadt wie St. Gallen sonst noch läuft?

«Wörter können ihre Bedeutung verändern», sagte Christine Lötscher, freie Literaturkritikerin und Rednerin an der diesjährigen Eröffnungsfeier. Genau das macht Literatur aus, unterscheidet sich von Journalismus und Geschichtsschreibung, zumindest in ihrer ursprünglichen Idee. Aber von Geschichtsschreibung bis Geschichten schreiben sind es nur ein paar wenige Buchstaben. Literatur pflegt den Fake bis zur Vollkommenheit, aber Fake ist noch lange nicht Literatur. Literatur spielt mit Inhalt, Sprache, Text und Wort.

Ideales Beispiel dafür, wofür das Wortlaut steht, für die Verbindung von «klassischer» Literatur, Comic, Kabarett, Spoken Word und Illustration war der diesjährige Starter Andri Beyeler am 11. Literaturfestival. Ein Text wie ein Trommelfeuer, vorgetragen von einer Schauspielerin, illustriert vom Autor selbst, geschrieben wie ein Theater, Kleinstadtmythen, die sich in einem Gasthaus in existenzielle Intensitäten hinaufschaukeln. Andri Beyeler, der bisher vor allem für die Bühne schrieb und dessen Text sich auch als Buch erst dann entfaltet, wenn er laut und mit viel Dynamik gelesen wird, schuf mit «Mondscheiner» ein aussergewöhnliches Sprachkunstwerk.

Beyeler formuliert das, was sonst im Kopf ausgeblendet wird, gibt den Gedanken jene Spur, die neben dem reinen Erzählen sonst vergessen wird. Andri Beyeler erzählt nicht wie andere sonst, lässt aus, wiederholt, kommentiert, schwingt zu ganz eigener Komik auf, zu einer Sprache, die dem Leben, den Gedanken, nicht unbedingt dem Denken und schon gar nicht der Struktur huldigt, schwingt sich zu Witz auf, der in seiner Beyeler’schen Entfaltung ganz eigen ist und wirkt.

Andri Beyeler ist Theatermann, badet in seinem Text über drei Figuren in einem Kleinstadtkosmos, genauso in Sprache wie in Auslassungen, Wort- und Sprachspielen, feinen Kommentaren, durchaus gesellschaftskritisch, sehr oft beissend und entlarvend, spielt mit der Dramatik des Alltags, mit dem, was sich im Alltäglichen an Dramatischem abspielt, den Bildern «dazwischen», jenen Momenten, wo andere während des Sehens blinzeln.

Andri Beyeler, geboren 1976 in Schaffhausen, lebt in Bern. Mitglied der freien Tanz-Theater-Gruppe Kumpane. Mehrere Theaterstücke, Bearbeitungen und Übertragungen. 2017 wurde er von der Stadt Bern mit dem «Welti-Preis für das Drama» ausgezeichnet.

***

Am Samstag Nachmittag war ich als Moderator engagiert. Hier einige Eindrücke:

Lesung im «Raum für Literatur» in der Hauptpost St. Gallen mit Anna Stern und ihrem bei Salis erschienenen Roman «Wild wie die Wellen des Meeres»,
mit der Lyrikerin und Essayisten Monika Rinck aus ihrem bei kookbooks erschienen Lyrikband «Alle Türen»
und mit Daniela Krien, die aus ihrem zweiten, bei Diogenes erschienenen Roman «Die Liebe im Ernstfall» las.

Christof Gasser «Blutlauenen», Urs Heinz Aerni stellt dem Autor Fragen dazu.

„Klischees und Stereotypen sind zu vermeiden.“
Mit „Blutlauenen“ legt Christof Gasser einen neuen Fall mit der ermittelnden Journalistin Cora Johannis vor. Urs Heinz Aerni stellte dem Autor Fragen dazu.

Urs Heinz Aerni: Nun erschien aus Ihrer Feder ein weiterer Fall der ermittelnden Journalistin Cora Johannis. Wieso wählten Sie diesen Beruf für Ihre Hauptfigur?

Christof Gasser: Ich wollte eine Ermittlerin mit einem Solothurner Hintergrund, die aber örtlich nicht gebunden ist wie ein Polizeiteam. Ich hatte die Wahl zwischen Privatdetektiv, (Krimi-)Schriftstellerin oder Wissenschaftlerin…

Aerni: Nun ist es eine Journalistin…

Gasser: Journalisten setzen sich mit unterschiedlichen Themen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auseinander. Ich habe mich dafür entschieden, weil diese Berufsgattung für mich das breiteste Spektrum bietet.

Aerni: Auf welche Herausforderungen stößt ein männlicher Autor, wenn er aus einer weiblichen Perspektive erzählt?

Gasser: Ob ein Mann aus der Perspektive einer Frau schreibt oder umgekehrt, die Herausforderungen sind dieselben: Als Autor muss ich mich in die Person hineinversetzen können, aus deren Warte ich schreibe. Wenn es bedrohlich wird oder wenn Aktion vonnöten ist, was im Krimi öfters vorkommt, ist es nicht eine Frage des Geschlechts, sondern des Charakters, wie man sich in einer bestimmten Situation verhält. Cora Johannis packt zu, wenn es sein muss. Das entspricht ihrer Persönlichkeit und geschieht unabhängig davon, dass sie eine Frau ist. Wenn sie sich um ihre Kinder Sorgen macht, oder wenn sie sich einem Mann zugetan fühlt, versuche ich zu beschreiben, wie sie sich als Mutter und liebende Frau verhält. Das erfordert Einfühlungsvermögen und Beobachtungen im täglichen Umgang mit beiden Geschlechtern. Die Herausforderung dabei ist es, Klischees und Stereotypen möglichst zu vermeiden.

Aerni: Auffallend sind nicht nur die Platzierungen Ihrer Romane, an ganz verschiedenen Orten der Schweiz, sondern auch Ihre Lust an Dialogen, die den Lese-Sog fördern. Wie sehen Sie als Autor das Verhältnis zwischen Beschreibungen von Szenen oder Menschen und dem Gespräch zwischen Ihren Protagonisten?

Gasser: Die Beschreibung setzt die Atmosphäre. Diese wird je nachdem vom Dialog unterstrichen oder aufgelockert. Dabei ist, wie so oft, die richtige Dosierung entscheidend. Verbale Schlagabtausche und Humor sind wertvoll. Jedoch macht ein Dialog mit seitenlangem Geplänkel oder nichtssagenden Phrasen die beschriebene Atmosphäre zunichte. Umgekehrt bergen exzessive Beschreibungen das Risiko, den Spannungsbogen zum Einbrechen zu bringen, wenn sie sich allzu weit vom Kontext entfernen.

Aerni: Sie beschäftigten sich früher mit dem Kreativen Schreiben, bevor schon die ersten Romane von Ihnen zu Bestsellern wurden. Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen, die das Schreiben für sich entdeckt haben?

Gasser: Hingehen und schauen, wie es diejenigen machen, deren Bücher man gerne liest. Die Gelegenheit benutzen, erfahrenen Autoren über die Schulter zu schauen, ihre Ratschläge zu akzeptieren und ihre Kritik einzustecken. Eine Methode lernen, wie man aus Ideen einen Plot zu entwickelt und einfach anfangen zu schreiben. Und schließlich: Dranbleiben, bis das Buch beim Händler im Regal steht.

Aerni: Hinten im Roman „Blutlauenen“ findet sich ein Glossar, das eidgenössische Begriffe für Lesende nicht aus dem Lande, erklärt. Wie nehmen Sie die Unterschiede zwischen den Krimis aus Ländern wie Österreich und Deutschland wahr? Oder gibt es Merkmale, die einen typischen Krimi je nach regionaler Herkunft ausmacht?

Gasser: Ein Verbrechen im Tirol unterscheidet sich nicht groß von der gleichen Tat an der Ostsee oder im Schwarzbubenland. Sprachliche Eigenheiten, lokale Gegebenheiten und Bräuche sowie die daraus entstehenden Protagonisten verleihen dem Krimi einen unverkennbaren Charakter.

Aerni: Welche Rolle beim Schreiben Ihrer Romane nimmt Ihre kritische Haltung gegenüber Politik und Gesellschaft ein?

Gasser: Es ist nicht mein Ziel, gesellschaftskritische Literatur zu schreiben. In erster Linie will ich spannende Geschichten erzählen, die in einem aktuellen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umfeld eingebettet sind, welches uns prägt. Wir Menschen sind duale Wesen mit hellen und dunklen Seiten. Das widerspiegelt sich in unserer Interaktion als Gesellschaft und in der Politik. Diesen Aspekt versuche ich im Kontext meiner Handlungen zu beleuchten.

Aerni: Ihre Bücher werden geliebt. Was versprechen Sie einer Leserin oder einem Leser, die oder der jetzt nicht gerade ein Krimifan ist aber es doch mit Ihrem Buch mal aufnehmen möchte?

Gasser: Ich kann nichts versprechen, aber etwas anbieten: Meine Protagonisten sind keine Superhelden. Es sind Menschen, die versuchen ihr Leben zu meistern. Die Leserin oder der Leser kann sich mit Ihnen identifizieren, auch wenn sie Situationen meistern müssen, mit denen sich keiner von uns im richtigen Leben konfrontiert sehen will. Die Leserin oder der Leser erhält zudem einen unterhaltsamen und spannenden Einblick in eine moderne, vielfältige und offene Schweiz, mit, vielleicht für Viele überraschenden, Schattenseiten, die aber auch reich an Kultur und Geschichte ist.

Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, war lange in leitender Funktion in einem Industriekonzern tätig. Heute arbeitet er als freier Autor und nebenamtlich als Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Seine Romane belegen regelmäßig Spitzenplätze auf der Schweizer Bestsellerliste. „Blutlauenen“ ist im Emons Verlag erschienen.

Ewald Arenz «Alte Sorten», Dumont

Zwei Leben treffen aufeinander. Eine junge Frau, noch nicht achtzehn und auf der Flucht vor sich selbst und eine mehr als doppelt so alte Frau, gefesselt von ihrer Geschichte. Irgendwo in einem Dorf umgeben von Rebbergen, auf einem Hof, in dem der Alp in den Mauern sitzt. Zwei Gestirne, die sich umkreisen, bis die Gravitation, die sie auf Abstand hält, in sich zusammenfällt.

Sally haut aus der Klinik ab, in der ihr mit vorgespielter Betroffenheit die immer gleichen Fragen gestellt werden, in der man sie in ein Krankheitsbild einmauert und ihr genau das verweigert, was sie bräuchte; Abstand und Zeit. Liss, vergrämt, gezeichnet von inneren Vernarbungen, verbittert und gefesselt an einen Hof, der sie an eine Vergangenheit kettet, nimmt sie auf. Sally bekommt ein Bett, bleibt auf dem Hof, zuerst nur eine Nacht, eine Woche, immer länger. Und Liss stellt keine Fragen, nimmt sie mit aufs Feld zu den Kartoffeln, in den Garten mit den alten Birnbäumen, in den Wald, stellt einen Teller mehr auf den Tisch in die Küche, macht keine Vorschriften. Selbst als die Narben auf Sallys Haut sichtbar werden, startet Liss nicht wie andere die Maschinerie von «professioneller Nettigkeit und Verständnis».

«Jeder war allein. Keiner verstand den anderen jemals wirklich.»

Aber auch Sally spürt und merkt, dass das Leben der Frau auf dem Hof irgendwann ordentlich aus dem Tritt gekommen sein musste. Liss ist allein, wird nicht besucht. Fragen nach ihrer Vergangenheit blockt sie genauso wie Sally jene nach ihrer Gesundheit. Und als Liss mit Sally im Wald ein Reh mit ihrem Traktor verletzt, Liss mit aller Selbstverständlichkeit eine Pistole aus einer Box holt und dem Leiden des Rehs mit einem schnellen Schuss ein Ende setzt, weiss Sally endgültig, dass Liss nicht einfach nur verschroben und verschlossen ist. Liss ist geprügelt von einer Vergangenheit, einem dominanten Vater, der seine Macht einzusetzen wusste. Sie verliebte sich in einem Mann. Eine Liebe, die grösstmögliche Freiheit versprach und in einem fatalen Reflex endete. Sally ist umklammert von Mutter- und Vaterliebe, die ihr nicht bloss den Atem nimmt, sondern all den Platz, den sie bräuchte, um ihren übergrossen Gefühle in den Griff zu bekommen.

«Ich ertrinke, dachte sie. Ich stehe an Land und ertrinke.»

Was sich auf diesem Hof im Niemandsland an aufeinanderprallenden Biographien ineinander zu verkrallen beginnt, wird zu einer Bindung, die für beide gleichermassen befreiend wirkt. Da sind für einmal keine Erwartungen. Liss spürt, dass Sally etwas hat, was sie glaubt, verloren zu haben. Als sie in einem Obstgarten alte Birnensorten ernten, ‚Alexander Lucas‘, ‚Herzogin Elsa‘, ‚Madame Vertu‘, sieht Liss, wie sehr sich Sally ins Schmecken dieser besonderen Säfte hineingeben kann. Etwas, was ihr selbst auch Routine und Verhärtung verloren ging.

«Wann hatte sie vorher jemals die Hände in der Erde gehabt? Wann Bienen auf der Haut? Ja, vielleicht war es das?

Ewald Arenz schildert die Annäherung zweier Gestirne ganz behutsam, setzt sie in ein filigranes Netz von Beziehungen, die das zarte Gegenüber der beiden immer wieder zu torpedieren beginnen. Erstaunlich, wie tief und emphatisch er sich an die beiden Protagonistinnen annähert, sie nicht schublaisiert, mich als Leser immer wieder zu überraschen weiss. «Alte Sorten» beschreibt sechs Wochen. Als würde Liss aus weiter Distanz jene Wochen beschreiben, die aus einer Flucht den Anfang einer Heimat machten.
Natürlich darf man sich fragen, ob die Welt eine Literatur braucht, die vordergründig erklärt, dass die Lösung aller Probleme in der archaischen Welt eines Bauernhofs liegt. Aber darum geht es Arenz nicht. «Alte Sorten» ist ein Roman darüber, wie sehr uns Leben weggenommen wird und wie schwer es ist, zurückzufinden.

Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth. Im ars vivendi Verlag erschienen bisher seine Romane «Der Teezauberer» (2002), «Die Erfindung des Gustav Lichtenberg» (2004), «Der Duft von Schokolade» (2007), «Ehrlich & Söhne» (2009), der historische Kriminalroman «Das Diamantenmädchen» (2011), «Don Fernando erbt Amerika» (Neuausgabe 2012) und «Ein Lied über der Stadt» (2013). «Alte Sorten» ist sein erster Roman bei Dumont.

Beitragsbild © Lowarig

Claudia Schreiber las am «WortMenue», dem literarisch-kulinarischen Festival Bodensee

Zum 11. Mal lud das literarisch-kulinarische Festival am Bodensee mit Schriftstellernamen wie Franz Hohler, Claudia Schreiber, Karl-Heinz Ott oder Thomas Meyer in Überlingen und Umgebung zu Tisch. Ein Festivalkonzept, eine Genussmischung, die zu funktionieren scheint, denn die meisten der Veranstaltungen waren schon kurz nach Beginn des Vorverkaufs ausverkauft.

An der Rezeptur des „WortMenues“ hat sich in den zwanzig Jahren seines Bestehens so gut wie nichts geändert; „Die Verbindung von anspruchsvollen Inhalten renommierter Schriftsteller mit gepflegter Gastlichkeit und Kochkunst in kleineren, dafür atmosphärisch ansprechender Gaststätten.“ Und weil Festivalchef Peter Reifsteck vor 14 Jahren mit der der damals noch wenig bekannten Autorin Claudia Schreiber und ihrem eben erschienenen Roman „Emmas Glück“ ein Volltreffer gelang, lud er sie mit ihrem neusten Roman „Goldregenrausch“ wieder ans „Wortmenue“ nach Überlingen. Damals begann die Erfolgsgeschichte von Claudia Schreibers Roman „Emmas Glück“, der wenige Jahre später mit der ebenso erfolgreichen Verfilmung mit den Schauspielern Jürgen Vogel und Jördis Triebel 2016 ihren Höhepunkt feierte. Eine Produktion, bei der Claudia Schreiber auch beim Drehbuch mitwirkte und die bei Presse und Publikum viel Beachtung und grossen Erfolg erntete.

Mit „Goldregenrausch“ wollte Claudia Schreiber noch einmal „so richtig reinhauen“, von jenem Milieu erzählen, in dem sie aufgewachsen ist, einem Dorf, das nichts zu tun hat mit LandLiebe-Idylle, dem verkörperten Sehnsuchtsort all jener, die dem städtischen Dichtestress entfliehen wollen und  zwischen Obstbäumen und putzigen Fassaden das Glück vermuten. Claudia Schreiber erzählt in „Goldregenrausch“ das harte Aufwachsen eines Mädchens, das nicht besser oder liebloser gehalten wird, wie die Kälber und Ferkel im Stall. Ein Kind eben, mehr nicht. Claudia Schreiber wuchs auf dem Land auf, klaute als Kind unendlich viele Süsskirschen und besass als Studentin 700 Sauerkirschenbäume, die es zu bewirtschaften hiess, mit denen sie sich ihr Studium finanzierte. Sie weiss, dass Nahrungsmittel nicht aus dem Supermarkt kommen und Liebe nicht wie Sauerkirschen an Bäumen wächst. Claudia Schreibers Schlag gilt all jenen, die Dummheit, Stumpfheit und Borniertheit von Generation zu Generation mit Überzeugung weitergeben als wäre es ein Naturgesetz und widerspricht all jenen, die glauben, dass sich der Liebreiz einer Gegend automatisch in die Herzen ihrer Bewohner überträgt, weder damals noch heute.

Greta steckte die Zigarette an, sog gierig, inhalierte tief. Kam dem Mädchen nah, umschloss mit ihren Lippen dessen kleine Nase und pustete dem wimmernden Kind die tröstende Betäubung in keinen Schüben ein.

«Veritables Drama, in das ich als Leser so sehr einsteige, dass ich am liebsten Brandbeschleuniger hinzuschütten würde, um ein Schrecken ohne Ende abzuwehren.“

Resilienz beschreibt die Fähigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz ein „guter Mensch“ zu werden, trotz aller Lieblosigkeit und Kälte lieben zu lernen, nicht unterzugehen, jenen Kern nicht zu verlieren, der glühen soll. Das Interesse an der kleinen Marie ist schnell verloren, schon allein, weil sie von produktiver und gewinnbringender Tätigkeit auf dem Hof abhält. Die grossen Brüder helfen, haben sich längst eingefügt in das zweckgebundene Handeln auf einem Hof, der immer zu wenig helfende Hände hat. Wäre da nicht die Schwester des Bauern, die im Nebenhaus Wohnrecht auf Lebenszeiten „geniesst“, die sich unwiederbringlich mit ihrem Bruder verstritten hat, wäre Marie längst an Unterernährung, seelischer und körperlicher Kälte gestorben. Aber Marie gedeiht, den Umständen zum Trotz, erst recht.

Claudia Schreiber mag Konflikte, in ihren Protagonisten genauso wie zwischen Drama und Witz, zwischen scheinbarer Idylle und abgrundtiefer Finsternis, mag Szenerien, die ebenso erotisch wie komisch sein können. Sie taucht tief in eine Welt, die während des Lesens phasenweise fast unerträglich wird, weil sie „Dampf“ ablassen kann, ohne die Menschen dabei durch Klischees platt zu machen, weil sie flucht und wettert, weil sie die Verteilung aus dem Paradies bis in alle Details schildert, weil sie erzählt, wo andere längst rot werden und zu stottern beginnen, weil sie authentisch ist.

© Holger Kleinstück

Claudia Schreibers Freundin Dorothea Neukirchen las und Claudia Schreiber erzählte im Landgasthof Keller in Lippersreute. Eine überaus gelungene Mischung, die einen ganzen Saal zum Beben brachte.

Claudia Schreiber wurde 1958 in einem nordhessischen Dorf geboren, als viertes von fünf Kindern, die Eltern waren erst Obstbauern, später Konservenfabrikanten. Nach dem Studium wurde sie 1985 Redakteurin beim Südwestfunk Baden-Baden, später Redakteurin und Moderatorin beim ZDF. Seit 1992 ist sie Autorin mehrerer Romane und Kinderbücher. Besonders erfolgreich war sie mit «Emmas Glück», verfilmt mit Jördis Triebel und Jürgen Vogel in den Hauptrollen. Bei Kein & Aber erschien 2011 ihr ebenfalls erfolgreicher Roman «Süß wie Schattenmorellen», neu lieferbar als Kein & Aber Pocket. Seit 1998 lebt und arbeitet Claudia Schreiber in Köln.

Rezension zu «Goldregenrausch» auf literaturblatt.ch

«Die Brautmutter» auf der Plattform Gegenzauber

Webseite der Autorin

Das Literaturblatt auf «thebartleby.com»

«thebartleby.com» ist ein Onlinemagazin für Papier- und Schreibkultur. The Bartleby zeigt Künstler aus aller Welt, Kreativprozesse, Orte und sorgsam kuratiertes Papier- und Stiftgut rund um das Schreiben und Zeichnen. So werden die Bedingungen, unter denen etwas zu Papier kommt, in ihrer Vielfalt sichtbar. Im Idealfall sollen sie Leben und Arbeit inspirieren.

Künstler mit Hang zum Wort brauchen jederzeit Stift und Papier. Viele tragen es stets bei sich, um jederzeit Ideen festhalten zu können – auf Bierdeckeln, abgerissenen Zeitungsseiten, in Planern oder Notizbüchern. Synergien entstehen.

The Bartleby ist Judith Schallenberg. Seit mehr als 15 Jahren leuchtet sie als freie Journalistin das Leben und die Berufserfahrungen anderer aus: von der Confiseurin über die Reiseunternehmerin bis zum ESA-Astronauten. Ihre Texte erscheinen in Zeitungen und Magazinen in den Themenfeldern Kultur, Beruf und Reise. Daneben unterstützte sie Unternehmen und Gründer als Texterin und schreibt Prosa.

zum Bericht über literaturblatt.ch und die Literaturblätter

Patrick Tschan «Der kubanische Käser», Zytglogge, Gast in Amriswil

Noldi Abderhalden, den ein schauderhafter Rausch aus seinem geliebten Toggenburg (Tal in den Schweizer Voralpen) 1620 in die Hände von Söldnern trieb, wird durch Zufall ein Kriegsheld. Aber statt auf seinen Lorbeeren auszuruhen und ein Leben lang von diesem einen, glorreichen Moment zu profitieren, schwemmt ihn sein Verlangen nach mehr bis in ein abgelegenes Tal auf Kuba, wo er die Zeit seines Dienstes für die Krone aussitzen muss.

In Europa tobt der Dreissigjährige Krieg. In manchen Gegenden dezimiert er zusammen mit Seuchen, Armut und Hunger die Bevölkerung um mehr als die Hälfte. Ein jahrzehntelanges Gemetzel, bei dem es vordergründig um den rechten Glauben geht, aber eigentlich nur um Macht, Besitz und Geltungssucht, ein Morden, das bis in die entferntesten Winkel vordringt und das Antlitz Europas für immer grundlegend verändert.

Anwerber der Spanischen Armee streifen durch die Lande und suchen nach Frischfleisch für den Kampf gegen den Protestantismus. In einer eisigen Winternacht, in der Noldi Abderhalden seinen Liebeskummer im Schnaps zu ertränken versucht, setzt er sturzbetrunken sein Zeichen unter einen Vertrag, wird als Sechzehnjähriger mitgenommen, um irgendwo und überall im Namen des richtigen Glaubens Köpfe rollen zu lassen. Nach Ausbildung, Drill und Entjungferung rettet er in einer Schlacht das Leben seines Kommandanten Gómez Suárez de Figueroa, schlägt eine dahersirrende Kanonenkugel mit blossen Fäusten aus seiner tödlichen Bahn, wird zum umjubelten Held, gelangt bis an den Hof des Königs, wo er aber wegen seiner unstillbaren Lebenskraft und Leidenschaft für Jahrzehnte in die spanische Kolonie Kuba verbannt wird, um dort eine Hand voll Schweizer Kühe zur Herde werden zu lassen.

Noldi Abderhalden erwacht zu spät, mehr als einmal. Aber Noldi Abderhalden ist es gewohnt, in die Hände zu spucken und die Dinge anzupacken. Er sitzt seine Zeit nicht einfach ab, sondern mausert sich auf der anderen Seite der Welt zum Züchter, Käser und Geschäftsmann. Sogar das Donnerrollen, das aus seinen Lenden zu stammen scheint, bekommt er in den Griff, lernt Liebe kennen und das Glück des Tüchtigen. Nur die Sehnsucht nach dem kleinen Tal zwischen Säntis und Churfirsten lässt sich nie ganz zähmen, ob im Geschmack seines Käses oder nach dem Verstreichen seiner besiegelten Pflicht.

Patrick Tschan ist gelungen, was er wirklich kann. Er mischt Historie mit Fiktion, würzt mit Humor und träfer Sprache, heizt ordentlich mit schnoddriger Schärfe und fast südamerikanischer Erzählfreude und formt eine Geschichte, die in eidgenössischer Literaturlandschaft seinesgleichen sucht. Der Roman strotzt vor Helvetismen, es wird gewettert (gleich mehrdeutig) und geflucht, dass es eine Freude ist. Ob ‚Heilandsack‘, ‚huere Feigling‘ oder spanisch ‚Me cado en la lache!‘, Patrick Tschan erzählt nicht zimperlich. Mehr als einmal bebt das Zwerchfell während des Lesens, mehr als einmal überrascht Patrick Tschan durch das Tempo in seinem Erzählen. Schon einmal war der Ursprung eines Tschan’schen Abenteuers das kleine Toggenburg im Kanton St. Gallen. Damals war es im Roman „Polarrot“ Jack Breiter, der zuerst als Heiratsschwindler in St. Moritzer Hotels sein Glück versucht und später den Nazis das Polarrot für ihre Fahnen hektoliterweise verkauft. Noldi Abderhalden, der mit zwölf durch ein Unglück zusehen muss, wie seine Eltern sterben müssen, ist das, was man ein «Stehaufmännchen“ nennt, Archetyp dessen, was den einen oder andern auch in der Gegenwart an der Gerechtigkeit zweifeln lässt. Was die Geschichte so sehr lesenswert macht, ist dieser ganz eigene Ton, den Tschan für seine Heldengeschichte trifft. Ein Roman mit grossen Händen, starken Oberarmen und markigen Sprüchen!

Am 29. Mai, 2019, bringt Patrick Tschan seinen neuen Roman „Der kubanische Käser“ an die St. Gallerstrasse 21 in Amriswil. Wer das Buch bis zu diesem Datum gelesen hat und mit Schriftsteller und Gästen diskutieren und austauschen will, ist mit Anmeldung (info@literaturblatt.ch) herzlich bei Irmgard & Gallus Frei-Tomic eingeladen. Die Runde beginnt um 19 Uhr, dauert bis ca. 21 Uhr und kostet inkl. Speis und Trank 30 Fr.

Ein paar Fragen an Patrick Tschan:

Schon in deinem Roman „Polarrot“ fragte ich mich, wie der Mann aus Allschwil bei Basel an seine Geschichten kommt, die nun schon ein zweites Mal im Toggenburg, das so weit weg vom Nabel der Welt scheint, seinen Ursprung haben? Liegen dort die besseren Geschichten als in der Stadt Basel? Oder braucht es einen dicken Nacken, der all das tragen kann, was deinen Protagonisten in die Quere kommt?
Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Bei Breiter könnte es sein, dass der vorlagegebende Onkel aus dem Thurgau kommt und dies für eine Romanfigur nicht unbedingt eine literaturgeschwängerte Region ist. Und so fiel mir das Toggenburg mit seinem «Armen Mann» ein. Beim Abderhalden war die interessante konfessionelle Konstellation im Toggenburg interessant. Und ein Ort, wo die Berge Frümsel, Hinterrugg, Chäserrugg, Leistchlamm, Brisi oder Schafsberg und Alpen Chüeboden, Vrenechele, Obere und Untere Schnebere oder Chreialp heissen, der schreit geradezu als literarische Kulisse verwendet zu werden.

Neben den Ortsbezeichnungen sind es aber vor allem Flüche und Kraftausdrücke, die du in deinem Roman zu einem Mantel Abderhalden werden lässt. Abderhalden, der Käser aus dem Toggenburg, schlägt sich zwar wacker im Dreissigjährigen Krieg, ist aber alles andere als ein Schläger oder Grobschlächtiger. Seine Flüche, seine Jodler sind wie die Türme seiner eigentlich so sehr gebeutelten Seele. Flüche als eine Art der Befreiung? Liest man deine im Roman verwendeten Flüche, dann sind sie Banner der Verbildlichung innerer Zustände, so ganz anders als die Flüche heute, die ausgerechnet eine Ausdrucksform der Liebe in den Dreck ziehen. War da pure Lust oder auch ein bisschen Rehabilitation jener Kraftausdrücke, die Leiden-schafft?
Wohl beides. Ein Noldi Abderhalden ist nicht einer, der sich hinsetzt und sein Verhältnis zu Gott, der Welt, der Liebe und den Frauen reflektiert, dies dann den Lesenden fein säuberlich mitteilt. Das wäre berichtet statt erzählt und somit langweilig. Also jodelt und flucht Noldi, wenn seine Gefühlswelt wieder mal derart von Gott, der Welt, der Liebe und den Frauen durcheinandergeschüttelt wird, dass er nicht mehr weiss, ob die Chreialp wirklich da oben ist und der Chässerugg nicht in den Walensee gefallen ist. Ja, und die alten Flüche sind wahrlich eine Lust, stecken doch eine Menge überlieferter lokalgefärbte Gefühls- und Glaubenswelten in ihnen, Heilandsack!

Der dreissigjährige Krieg, wohl einer der vernichtensten Kriege gemessen an der damaligen Bevölkerung, ist der Grund dafür, dass Noldi Abderhalden gegen Bezahlung für 10 Jahre in den Dienst der Spanischen Krone in Schlachten zog. Kriege, die an Brutalität kaum zu überbieten waren. Er ist Schauplatz seiner und deiner Heldengeschichte. Eine Heldengeschichte, die wie alle Heldengeschichten nicht nach Wahrheitsgehalt gemessen werden kann und soll. Wir brauchen sie. Je verrückter, desto wirkungsvoller. Und weil die Literatur alles darf, ist sie der ideale Ort, um Heldengeschichten zu produzieren. Literatur als «Opium für das Volk»?
Leider rauchen viel zu wenige aus dem Volk diese Art von Opium. Obwohl: ein paar gute Geschichten gut erzählt wären wohl für viele Wunden heilsamer als mutlose, nach Aktualitäten schielende Mainstream-Berichte.

Wenn erzählt wird, sind es die Momente, in denen Brüche entstehen, die bannen. Noldi verliert als Kind seine Eltern, muss der Katastrophe zuschauen. Im Krieg ist er es, der im Moment eingreift, etwas aus der logischen Konsequenz buxiert. Das, was ihm als Kind damals unmöglich war. Manchmal sind wir zum reagieren verdammt, manchmal gelingt es uns zu agieren. Noldi ist in deinem Roman einer, der es in die Hand nimmt. Das braucht es in einer Welt, in der sich alle so schnell stets als Opfer sehen. Richtig?
Das hast Du wunderbar gesagt, mit den Brüchen. Am besten sind sie dann, wenn sie aus der Figur kommen. So wirkt jedes Klischee weniger klischeehaft. Der Noldi nimmt ja erst in Kuba sein Leben in die Hand; mit dem Entschluss zu käsen. Vorher hätte er viele Gründe gehabt, sich selbst zu veropfern. Aber dieses gibt es in der Manstream-Gegenwartsliteratur ja genug. Das ist auch nicht spannend, das berichtet und erzählt nicht.

Vielen Dank und deinem Buch die verdienten Leserinnen und Leser!

Patrick Tschan, 1962 in Basel geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, führte in zahlreichen Theaterstücken Regie und ist seit vielen Jahren in der Werbung und Kommunikation tätig. Er ist Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussballnationalmannschaft. Zuletzt erschienen von ihm die Romane «Keller fehlt ein Wort» (2011), «Polarrot» (2012),»Eine Reise später» (2015) bei Braumüller. «Der kubanische Käser» ist sein erstes Buch bei Zytglogge.
Beitragsbild © Gallus Frei-Tomic
8. Literaturblatt

Beat Brechbühl an den Solothurner Literaturtagen 2019

Am 28. Juli 2019 wird Beat Brechbühl 80. Die 41. Solothurner Literaturtage feiern ihn als Dichter, Schriftsteller, Typograph und Verleger, als kreativen Geist und Initiator zahlreicher kultureller Projekte.

Das übliche Gehetze, so doof
Da wollte ich ein
einziges winziges Mal in diesem Jahr
mit mir gemütlich sein
und einen halben Abend (fast 3 Stunden) lang
nichts tun,
nur für mich was kochen, die
Seele und den Körper baumeln lassen, und
vielleicht einen Krimi –
da! bei ein bisschen Wein und Fernsehen:
schlaf ich ein, drei volle, gar traumlose, Stunden lang – ich
Trottel

(aus «Flügel der Sehnsucht – Alte und neue Gedichte» im Wolfbach Verlag)

Beat Brechbühl wirkt und arbeitet seit Jahrzehnten in Frauenfeld. Mittlerweile in einem Kellergeschoss des Eisenwerks, in prallvollen Räumen, in denen das entsteht, was den Waldgut Verlag und die Bodoni-Blätter unverwechselbar macht; Hier riecht man das Drucken. Hier prägt sich der Druckstock noch ins Papier, hinterlässt die Letter noch eine regelrechte Spur. In einem Gewölbe voller Papier, Schubladen, Setzkästen und Regalen öffnet sich ein Kosmos, wenn man Beat Brechbühl und seine Arbeit, seine Wirkungsstätte, wenn man ihn in seinem geistigen Zuhause besucht. Er sprudelt und schwärmt. Und überall hängen Zeugnisse einer langen Vergangenheit, wichtiger Begegnungen.

«Ich bleibe ein Papiermensch.»

Höchste Zeit, dass sich die Welt der Buchstaben, der Lyrik, der Literatur bei Beat Brechbühl mit einer gebührenden Ausstellung beim Streiter für das Schöne und Gute (und zwar nicht nur im Scheinwerferlicht) bedankt. Wie viele Lyrikerinnen und Lyriker hätten ohne Beat Brechbühls unermüdlichen Einsatz nie eine Stimme bekommen oder man hätte sie im deutschsprachigen Raum rechtlos vergessen.

Das Künstlerhaus S 11 an der Schmiedengasse in der Solothurn zeigt vom 30. Mai bis 16. Juni auf vier Stockwerken eine Ausstellung, die unter dem Titel «Das Leben ist rund wie ein Dreieck» Beat Brechbühls vielfältiges Wirken vor Augen führt und erleben lässt.

Im Parterre wird eine Druckmaschine stehen, die in Brechbühls Atelier Bodoni zu Hause war, bis sie vor etlichen Jahren der Schule für Gestaltung Bern und Biel geschenkt wurde, die sie jetzt für die Ausstellung ausleiht, samt Personal. Hier kann ein Gedicht von Beat Brechbühl gedruckt werden.

In den oberen Stockwerken werden Handpressendrucke und Bücher aus dem Atelier Bodoni zu sehen sein. Zudem gibt es einen kurzen Stummfilm über das Atelier Bodoni und eine Dia-Schau zur 1992 von Beat Brechbühl gegründeten Handpressen-Messe, die 2018 bereits zum 14. Mal im Eisenwerk in Frauenfeld stattfand, mit rund 50 Ausstellern aus verschiedenen Ländern Europas.

Eine Lese-Ecke wartet auf LeserInnen, eine Hörstation mit Geschichten aus Beat Brechbühls beliebten Schnüff-Kinderbüchern auf HörerInnen jeden Alters.

Eine grosse Auswahl der bekannten Bodoni Blätter mit Texten teils berühmter, teils noch zu entdeckender AutorInnen wird zu sehen, zu lesen und auch zu kaufen sein: «Besser ein guter Text an der Wand als ein schlechtes Bild im Schrank», sagt Beat Brechbühl.

Weil ich nicht…

Weil ich nicht öffentlich reden kann
und im Live-Interview nicht viel tauge,
bin ich Schriftsteller geworden.

Weil ich nicht singen kann,
bin ich Lyriker geworden.

Weil ich nicht zeichnen und malen kann,
bin ich Gestalter geworden.

Weil ich eine charakterlose Handschrift habe,
bin ich Typograf geworden.

Weil ich nicht lügen kann,
bin ich Dichter geworden.

Weil ich nicht die Geduld habe,
dürftige Gedichte von andern zu lesen,
habe ich Lieblings-Dichterinnen und -Dichter;
nach dem Umzug nur noch ca. 4 Laufmeter.

Weil ich nicht immer höllisch aufpasse
und deshalb oft das wuchernde Leben verpasse,
habe ich Lücken in meiner elften Biografie;
in diesen Lücken wohnen meine Poetischen Tiere
und das himmlische Flugvolk. Alle machen sie
Kinder; es sind die letzten.

Anders gelaufen –
Weil ich nicht Englisch kann, geriet
ich gleich aus dem Kindergarten nach Italien, dort flog mir
ein Buchverlag entgegen, den ich später gründete,
und nun laufen mir seit 30 Jahren die Bücher anderer so hartnäckig
nach und davon, dass ich meine eigenen Bücher schreiben möchte und
ich möchte laufen auf meinen Füßen, und mit
dem Körper und Hirn. Trotzdem war ich noch nie
in Paris.

30.6.2012
© Beat Brechbühl, Frauenfeld

Zu hoffen ist, dass auch der Kanton Thurgau jenen Mann zu würdigen weiss, der ein Leben lang viel weiter sah als bis zum eigenen Tellerrand, der die Literatur zu einer ganz eigenen Mission machte und Frauenfeld für viele Autoren zu einem Angelpunkt ihres Lebens.

Beitragsfoto © Martin Stiefhofer

„Zeugnis ablegen“, ein Schriftstellergespräch zwischen Michael Kleeberg und Catalin Dorian Florescu

Michael Kleeberg verbringt zwei Monate als Writer in Residenz im Literaturhaus Lenzburg. Eine einmalige Gelegenheit, um zwei schreibende Schwergewichten über ihre Arbeit sprechen zu hören. Der berlinkritische Hauptstädter, weit gereiste Michael Kleeberg und der aus Rumänien stammende, leidenschaftliche Geschichtenerzähler Catalin Dorian Florescu.

Zwei vor Publikum einzuladen, um herauszufinden, was so unterschiedlich Schreibende verbindet. Mich Literaturverliebten dabeizuwissen, wenn der Mann spricht, der mit „Der Garten im Norden“ vor 20 Jahren ein Buch schrieb, das in meiner Bibliothek so lange ich lebe einen Sonderstatus geniesst. „Der Garten im Norden“ strahlt noch immer aus, was er vor zwei Jahrzehnten an unvergesslichen Leseeindrücken hinterliess. So wie „Jakob beschliesst zu lieben“ 2011 von Catalin Dorian Florescu! Zwei Reliquien in meinen Bücherregalen.

Beide schrieben in ihrer Anfangszeit Theater, eine von vielen Parallelen in den Leben der beiden. Michael Kleeberg über den RAF-Terror, Catalin Dorian Florescu ein Stück in der Empörung über die Schreckenszeit im Ceaușescu-Rumänien. Aber weder das eine noch das andere wurden aufgeführt, schon gar nicht eine Komödie über den RAF-Terror in einer Zeit, als die Agitatoren in gewissen Kreisen Helden waren.

«Ein fantastisches und hartes Jahrhundert zwischen dem Schwarzen Meer und der amerikanischen Metropole New York. Ein Roman voller Tragik und Komik, eine literarische Reverenz an die Fähigkeit des Menschen, sein Glück zu suchen, zu überleben und allen Widrigkeiten zum Trotz zu lieben.»

Kleeberg übersetzt vom Französischen und Englischen ins Deutsche, reist viel und gerne, was sich auch in seinem letzten Roman „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ niederschlug, ein Roman, der niemanden geringeren als „der Idiot“ von Dostojewski zum Paten hat.
In Catalin Dorian Florescus Romanen dreht sich alles um Sehnsucht nach Freiheit. Im Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ treffen sich zwei nach den Terroranschlägen von 9/11 in New York und erzählen sich im Schutz eines Theaters ihre Geschichten. Florescu ist durch und durch Geschichtenerzähler. Ein Mann, der zu sprudeln beginnt, sobald ihm Zuhörer ihre Aufmerksamkeit schenken. Etwas, was man Florescu gerne entgegenbringt, denn er „rauscht“, stichelt, schwärmt und legt ein Panorama aus, ufert zuweilen aus, selbst dann, wenn man ihn zu mässigen versucht. Er schwelgt in seinen Bildern und Geschichten, die er mit sich herumträgt, wie kein anderer in der CH-Literatur.

Orient und Okzident, Einwanderer, Auswanderer, Aussteiger, Islam, Christentum, Kapitalismus und die Suche nach dem Glück: Michael Kleeberg erzählt Geschichten und «Schicksale in einer globalisierten Welt. In diesem großen Wurf gelingt es ihm, die wichtigen Fragen unserer Zeit in packende Literatur zu verwandeln.»

Michael Kleeberg verarbeitete in seinem Roman „Der Idiot des 21. Jahrhundert“ 15 Jahre Erfahrungen mit dem Mittleren Osten. Seinen Ursprung nahm der Roman, als Michael Kleeberg vor vielen Jahren im Iran am Grab des iranischen Nationaldichters Hafis (1315 – 1390) stand, bei seinem Mausoleum, zusammen mit Tausenden Menschen mit ihm. Lauter Menschen, die dort die Verse des Dichters aus dem 14. Jahrhundert rezitierten, eines Mannes, der in jenem Land noch viel höher angesehen ist als Goethe in Deutschland oder Shakespeare in England. Gedichte, die damals in vollendeter Poesie Widerstand aussprachen. Worte, die heute fassen, was sich im Iran wegen fehlender Opposition niemand offen auszusprechen traut. Worte, die mit Hafis einen unantastbaren Paten haben. Eine Stimme für die sonst Stummen. Angetan von der Lektüre Goethes „Der fernöstliche Diwan“ schrieb Michael Kleeberg mit „Der Idiot des 21. Jahrhunderts ein Panorama durch das Ost-West-Verhältnis, durch die Zeit. Seine Erfahrungen, die untrennbar mit dem Mittleren Osten verzahnt sind, über die Geschehnisse dort, die sich mit Europa verbeissen und darüber wie das über Jahrhunderte labile Verhältnis zwischen den beiden Polen gerade jetzt geprägt ist von maximaler Distanz angesichts grösstmöglicher Nähe durch Internet und soziale Medien.

Sowohl Kleeberg wie Florescu sind Schriftsteller, die, bevor sie mit dem eigentlichen Erzählen und Schreiben beginnen, tief in ihre Themen hineintauchen, umfangreich recherchieren, um Wahrhaftigkeit zu generieren. Noch viel mehr aber, um das Erzählen glaubhaft, das Erzählen auf der Wahrheit abstützen zu können. Erfindung muss legitim sein, ihr Erzählen damit ein Recht bekommen. Recherche bilde den Boden, mehr als nur Kulisse. Sie prägt das Geschehen, den Weg einer Geschichte und nicht zuletzt eine Arbeitsethik. Literatur ist mehr als Behauptung. „Ein gut sitzender Anzug“, so Florescu, in dem man sich sicher schreibend bewegen kann. Recherche ist Suchen und Vergessen zugleich. Was von der Suche bleibt, wirkt durch die physische Anstrengung des Schreibens in den Text. Aus Wissen wird Intuition. Recherche ist der Erhalt der Würde jener Personen, von denen erzählt wird, selbst wenn sie „erfunden“ sind.

Ein Roman ist immer Findungsprozess, das Resultat unzähliger Spuren, die mit Hilfe der Recherche und Sprache eine literarische Spur durch die Zeit geben. „Ich will Zeugnis ablegen“, meinten beide, Michael Kleeberg und Catalin Dorian Florescu.

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. «Ein Garten im Norden», «Vaterjahre») wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015), den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016) und hatte die Frankfurter Poetikdozentur 2017 inne.

© Lothar Köthe

 

Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timişoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane «Wunderzeit» (2001), «Der kurze Weg nach Hause» (2002) und «Der blinde Masseur» (2006). Er erhielt zahlreiche Stipendien und Preise – u. a. den Anna Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde  er mit dem Josef von Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt.

© Martin Walker

Rezension von «Der Nabel der Welt» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Die Freiheit ist möglich» auf literaturblatt.ch