Catalin Dorian Florescu schreibt sich mit seinem neuen Ramon einmal mehr in sein grosses Thema hinein; die Freiheit. Wenig erstaunlich, denn Florescu stammt aus einem Land, dass die Freiheit jehrzehntelang mit Füssen trat und es bis in die Gegenwart nicht schafft, jene dunkle Zeit der Diktatur und ihre Folgen aufzuarbeiten.
Rumänien geriet schon während des 2. Weltkriegs zwischen die Fronten, nach dem Ende des Krieges unter sowjetischen Einfluss und nach einer kurzen Phase politischen Aufbruchs, während des ungarischen Aufstands 1956 ab 1965 in den Würgegriff des Autokraten Nicolae Ceaușescu, der erst Ende 1989, im Strudel der Wende und des beginnenden Zerfalls der Sowjetunion nach einem Schnellprozess zusammen mit seiner Frau erschossen wurde. Nicolae Ceaușescu war weg, aber es dauerte noch Jahre, bis heute, dass sich Rumänien nicht von den Folgen dieser Zeit erholen konnte. Eine Erholung, die nur erfolgreich sein kann, wenn eine Gesellschaft sich aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Von Aufarbeitung und einem echten Neubeginn keine Spur.
Was wissen wir schon über die Freiheit? Dafür sind wir nicht geboren.
Florescu versucht genau dies, zumindest literarisch. Matei sehnt sich nach Freiheit, ein ganzes Leben, schnuppert daran, um sich aber in seiner Sehnsucht nach Rache in ein neues Eingesperrtsein zu schicken. Matei gerät in seiner Sehnsucht nach sprachlicher Entfaltung, nach Wahrhaftigkeit in seiner Sprache, im Mut, seine Stimme zu erheben in die Mühlen der Diktatur. Er, der in der Sprache seine Heimat sucht, wird weggesperrt, zusammen mit vielen anderen auf einen langen Marsch Richtung Donaudelta geschickt, wo sie in einem Gefangenenlager in totaler Abgeschiedenheit und Isolation für etwas bestraft werden sollen, was aus heutiger Sicht zu den selbstverständlichsten Menschenrechten gehört; das Recht auf ein Leben in Freiheit, freie Meinungsäusserung und Anspruch auf ein faires Rechtssystem. Nach Jahren im Lager, nach Folter, Entbehrung und dem Verlust vieler Freundschaften kommt Matei wieder frei. Nicht weil er Wiedergutmachung oder Gerechtigkeit erfährt, sondern weil der totalitäre Staat Lager wie diese nicht mehr braucht. Längst ist das ganze Land mit Hilfe von Überwachung, Angst und Denunziation zu einem riesigen Arbeitslager geworden, in dem eine Elite profitiert und die Masse dafür zu bluten hat.
Wir standen ohne Gebrauchsanweisung für die Freiheit da.

Obwohl Matei im Lager Menschlichkeit erfährt und nie die Sehnsucht nach Freiheit verliert, ihn nach dem Lager die Witwe eines Lagerfreundes in ihrem Haus aufnimmt und eine Arbeit als Sargmacher vermittelt, ergibt er sich für Jahre seiner Schwermut, verkündet, er wolle sterben. Bis er in der Stadt, in der er sich mit seinem Leben abmüht, seinen ehemaligen Peiniger, den Folterer wiedersieht und den Plan fasst, sich an dem Mann zu rächen. Einem Mann, der in der scheinbar neuen Zeit unbehelligt sein Leben weiterführen kann. Für Matei, der mit Monica eine neue Familie gefunden hat, eine Enkelin, die ihn Grossvater nennt, ist es nicht die Liebe, die ihn zu neuem Leben weckt, sondern die Sehnsucht sich für all den Schmerz, allen Verlust zu rächen. Jener Verhöroffizier, dem er nachzustellen beginnt, wird Stellvertreter für ein System, das seine Seele unheilbar vergiftet hat. Matei riskiert alles.
Ich hätte Schriftsteller werden können oder irgendetwas anderes, ich wäre glücklich gewesen, ich hätte einen gesunden Körper haben können, ich hätte bei meinem Vater sein können, als er starb, und noch vieles mehr.
Es ist nicht nur die Geschichte, die mich durch dieses Buch zieht, sondern die Intensität ihres Erzähltons. Florescu ist ein Meister der Stimmung. Er formt seine Figuren nicht durch fotographische Zeichnung, sondern durch ihre Inszenierung, ihre Einbettung ins Geschehen, ihre Emotionalität, die Farbintensität der über viele Strecken epischen Bilder. Florescu malt mit seiner ganz eigenen Sprache, lässt mich mitleiden, ohne auf Emotionalität zu drücken. Da schreibt einer, der mich davon überzeugen will, dass des Menschen grösste Gefahr der Mensch selber ist. In einer Gegenwart, die in globalen Gewaltexzessen zu versinken droht, wiederholt sich in Permaschleife immer und immer wieder, was zur grössten Bedrohung der Menschheit wird, was letztlich gar nichts mit Freiheit zu tun hat. Matei entdeckt die Freiheit dort, wo er am weitesten davon entfernt scheint und verliert sie dort für immer, wo ihn die Liebe retten will.
„Matei entdeckt die Freitheit“ ist ein grossartiges Buch. Ein Epos in ganz eigener Färbung!
Catalin Dorian Florescu ist 1967 in Rumänien geboren und hat seine Kindheit in der kommunistischen Diktatur verbracht. 1982 schaffte es die Familie, sich in den Westen abzusetzen. Seitdem wohnt der Autor in Zürich, wo er Psychologie studierte. Für mehrere Jahre arbeitete er im Bereich der Drogenabhängigkeit und liess sich in Gestalttherapie ausbilden. Seit Dezember 2001 lebt er als freier Schriftsteller. Im Jahr 2019 war er als «literarischer Matrose» auf der Donau unterwegs. Seit einem Jahr arbeitet er wieder therapeutisch. Er hat u.a. sieben Romane geschrieben – Schweizer Buchpreis 2011, Anna Seghers-, Josef von Eichendorff- und Andreas Gryphius-Literaturpreis. In Rumänien wurde ihm die Kavaliersmedaille für kulturelle Verdienste verliehen.
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Beitragsbild © Evi Fragolia





selbstverliebter Potentaten und allmächtiger Konzerne. Wer sie wirklich liest und sich auf sie einlässt, spürt die Hoffnung, die darin steckt, den Glauben an die Menschheit, den ungebrochenen Glauben an eine menschenwürdige Zukunft, dass Wissen, dass einzig Toleranz und Respekt einer drohenden Katastrophe entgegenwirken können. Das Lesen der 30 Artikel der Menschenrechte schmerzt, tut weh, dieser selbstverständliche, gradlinige Ton, diese Sätze, die offensichtlich und überall mit Füssen getreten werden, sei es von den eigenen Politikern im Land, den umsatz- und wachstumsgeilen Wirtschaftskäpitänen oder selbstverliebten Staatsoberhäuptern diesseits und jenseits der grossen Wasser. Die Distanz und Diskrepanz zwischen formuliertem Recht und globaler Wirklichkeit sind hanebüchen.
Svenja Herrmann, 1973 in Frankfurt a. M. geboren, Schriftstellerin, Studium der Germanistik und Rechtsgeschichte, Schriftstellerin (Lyrik), seit vielen Jahren als Begabungsförderin im Bereich Literatur tätig, vor mehr als zehn Jahren hat sie
Ulrike Ulrich, 1968 in Düsseldorf geboren, Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik. Seit 2002 lebt und arbeitet sie in der Schweiz. 2010 erschien ihr Romandebüt »fern bleiben« im Luftschacht Verlag in Wien. 2008 erschien die Anthologie »60 Jahre Menschenrechte – 30 literarische Texte« im Salis Verlag. Sie ist Mitglied der Literaturgruppe index (





Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timişoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane «Wunderzeit» (2001), «Der kurze Weg nach Hause» (2002) und «Der blinde Masseur» (2006). Er erhielt zahlreiche Stipendien und Preise – u. a. den Anna Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef von Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt.
Seine Erzählungen im Band „Der Nabel der Welt“, wie alle seine Romane, gründen im Schmerz drüber, eine Heimat verloren und nie wirklich einen Ersatz dafür gefunden zu haben. Im Schmerz darüber, dass das Leiden und die Trauer nicht weniger werden, selbst nach der Flucht ins vermeintliche Paradies. Im Schmerz darüber, dass die Sehnsucht bei all denen bleibt, die nicht gehen, nicht fliehen können oder wollen, die ausharren, längst desillusioniert nach immer wieder angekündigten Wendungen.