Nina Jäckle «Setzkastentexte», Plattform Gegenzauber

1
Man geht das Zimmer ab, man geht es mit
den Augen ab, im Bett liegend, und es ist
sehr früh am Morgen, und man sucht nach
ersten Schatten, nach ersten Umrissen,
nach ersten Farben. Man wartet auf
Geräusche, auf die Rufe der Kinder
vielleicht oder auf den Schlag der
Glocken. Man wartet auf Stimmen im
Treppenhaus, es ist noch früh, denkt man,
einer ist zu hören, der sich räuspert, um
die ersten Worte zu sprechen an diesem
Tag. Man verlässt das Bett und man kennt
die Ecken des Zimmers, die Kanten der
Möbel, man findet sich zurecht in dem
Halbdunkel, man findet in das Bad, man
findet sich zurecht, auch ohne Licht, auch
ohne Blick in den Spiegel.

2
Oft sind die Alten auf dem Platz. Sie
sitzen auf den Bänken und beobachten sich
gegenseitig. Manchmal flucht eine,
manchmal erzählt einer, manchmal lacht
eine, und obwohl dies miteinander
geschieht, gibt es keinen Zusammenhang
zwischen ihnen. Man kann sich nicht
vorstellen, dass sie es gut miteinander
meinen, man weiß nicht, weshalb man es
sich nicht vorstellen kann. Vielleicht, so
denkt man, weil sich die Menschen ähnlich
werden im Alter, weil sie sich gegenseitig
zu sehr an sich selbst erinnern, ist
Wohlwollen nicht möglich. Sie bewohnen
dasselbe Haus, sie gehen durch dieselben
Gänge, sie essen gleichzeitig, sie leben
in gleichen Zimmern, mit jeweils einem
Fenster. Manchmal sitzt ein alter Mann auf
der Bank und sieht zu, wie ein anderer
alter Mann über den Platz geht. Man kann
beobachten, wie sich der eine über den
anderen wundert, sich ärgert oder
ängstigt. Sie haben eine gemeinsame
Geschwindigkeit, in der sie gehen, in der
sie sprechen. Sie verstehen die Welt
außerhalb des Hauses auf eine gemeinsame
Weise. Man kann sich jedoch nicht
vorstellen, dass sie darüber sprechen, wie
sie nun und im Vergleich zu früher in
einer anderen Geschwindigkeit leben, die
sich nicht mehr an die Geschwindigkeit
außerhalb des Hauses anpassen lässt. Kaum
eine der alten Damen verlässt ohne
Handtasche das Haus. Die Handtaschen, so
denkt man es sich, sind fast leer. Ein
zusammengelegtes Stofftaschentuch, eine
Geldbörse, ein Kamm. Abends sehen die
alten Damen aus den Fenstern ihrer Zimmer.
Das tun sie nicht, um nach draußen zu
sehen, das tun sie, um sich zu
vergewissern, im Haus zu sein.

3
In einem Wagen sieht man ein Kind liegen.
Das Kind sieht seine Hand, es sieht seinen
Fuß, es sieht seine Mutter an. Es lacht,
sein Blick erstarrt, es sieht in die
Ferne. Man zählt einige der Dinge auf, die
das Kind lernen wird. Das gezielte
Einsetzen der Hände, das Sehen von Farben,
das Halten des Kopfes, das Erinnern.

4
In der Wohnung ist es still, nichts als
die Fliege ist zu hören. Es ist still,
weil sich niemand bewegt, weil niemand
sonst in den Räumen ist und etwas sagt.
Man kann sich nicht vorstellen, die Fliege
zu erschlagen, sie ist zu groß, als dass
man sie einfach erschlagen könnte. Man
lässt die Fliege also gegen die
Fensterscheibe fliegen. Immer wieder hört
man den Aufprall, man öffnet das Fenster
nicht. Diese Geräusche, der Flügelschlag,
der Aufprall, das Summen in der Ecke des
Fensters, all diese von der Fliege
ausgehenden Geräusche sind in dieser
Stille der einzige Beweis dafür, dass
wirklich Zeit vergeht.

5
Nachmittags spielen die Kinder im Hof. Sie
rufen sich Namen zu, sie jubeln und
kreischen, der Hof vervielfacht ihre Rufe,
ihren Streit, ihr Lachen. Auf dem Boden
des Hofes sind Kreidezeichnungen zu sehen.
Autos, Monster, Bäume oder aber Helden,
die man nicht kennt. Nachts ist der Hof
nichts weiter als der Abstand zwischen den
sich gegenüberstehenden Häusern.

6
Man geht das Zimmer ab, man geht es mit
den Augen ab, im Bett liegend und es ist
spät am Abend und man hört Schritte im
Treppenhaus, eine Begrüßung hört man, kurz
bevor die Tür zu einer anderen Wohnung ins
Schloss fällt. Man geht das Zimmer ab, man
geht es mit den Augen ab und man sucht
nach letzten Schatten, nach letzten
Umrissen, nach letzten Farben des Tages.

(Zeichnung Renata Jäckle)

Nina Jäckle 1966 in Schwenningen geboren, wuchs in Stuttgart auf, besuchte Sprachschulen in der französischen Schweiz und in Paris, wollte eigentlich Übersetzerin werden, beschloss aber mit 25 Jahren lieber selbst zu schreiben, erst Hörspiele, dann Erzählungen, dann Romane. Ihre ersten Bücher erschienen im Berlin Verlag: «Es gibt solche», «Noll», «Gleich nebenan» und «Sevilla». Bei Klöpfer & Meyer erschienen 2010 mit großem Erfolg ihre Erzählung «Nai oder was wie so ist», 2011 ihr Roman «Zielinski» und 2014 der Roman «Der lange Atem». Nina Jäckle erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, beispielsweise den Karlsruher Hörspielpreis, das große Stipendium des Landes Baden-Württemberg, das Heinrich-Heine-Stipendium, das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds. Sie erhielt im Dezember 2014 den Tukan-Preis der Stadt München, 2015 den Italo-Svevo-Preis für ihr Gesamtwerk und den Evangelischen Buchpreis für ihren Roman «Der lange Atem». Nina Jäckle war Stipendiatin der Villa Massimo in Rom 2016/17.

Rezension von «Stillhalten» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Warten» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Der lange Atem» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Michael Schroeder

Christoph Hein «Gegenlauschangriff», Suhrkamp

2006 kam das Melodram «Das Leben der Anderen» in die Kinos und wurde weit über den Kontinent hinaus ein cineastischer Grosserfolg. Nach zwei Stunden Kino wusste man, wie die DDR 1984 tickte. Dass sich dabei der Regisseur ebenso viele Freiheiten nahm, als hätte er den DDR-Staat verniedlicht, wusste der unbedarfte Kinobesucher gar nicht. Der Schreibende eingeschlossen.

Christoph Hein hat sich zu seinem 75. Geburtstag selbst ein Geschenk geschrieben: «Gegenlauschangriff, Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege. «Eine Autobiographie wollte und will ich nicht schreiben, das hat etwas Eitles«, antwortete Christoph Hein in einem Interview auf die Frage, ob es denn nicht Zeit für eine solche gewesen wäre. Er habe vieles aus seiner eigenen Biographie in seine Romane eingeflochten. «Gegenlauschangriff» sind Meilensteine in seiner schriftstellerischen Biographie, Erlebnisse, die entlarven, was ein System bis zum Zusammenbruch 1989 mit Vehemenz aufrecht zu halten versuchte. Bekannt wurde Christoph Hein nach der Veröffentlichung seiner Novelle «Der fremde Freund», die ein Jahr später in Westdeutschland unter dem Titel «Drachenblut» für Aufsehen sorgte.

Der Regisseur des Streifens «Das Leben der Anderen» traf sich in der Vorbereitung zu einem neuen Film mit dem Schriftsteller Christoph Hein und liess sich lange erzählen, wie das «typische Leben eines typischen Dramatikers in der DDR» ausgesehen habe. Und vier Jahre später dankte der Regisseur Christoph Hein im Abspann des Filmes. Hein schrieb dem Regisseur und bat ihn, seinen Namen aus dem Abspann zu nehmen, eine Bitte, die dieser nur schwer verstehen konnte, für Christoph Hein aber mehr als ein Zeichen zu viel war.
Christoph Hein war einer der «Aufrechten» im Land des «realen Sozialismus», sauber geblieben auch dann, als man nach der Wende die Stasiakten des Autors nach Ungereimtheiten untersuchte. Das Leben eines freien Schriftstellers in der DDR, der sich weder Mund noch Augen binden liess, war ein mühsames, sich zuweilen in skurrilen «Bürokratiesatire» verwickelnde Leidensgeschichte. Was aber ein Regisseur zu Gunsten filmischer Effekte aus dem Leben Christophs Heins machte, ist reine Fiktion und hat mit dem Leben 1984 in der DDR nur sehr, sehr oberflächlich zu tun. Einmal mehr «alternative Fakten»!

Christoph Hein erzählt vom letzten deutsch-deutschen Krieg, einem langen, kalten Krieg, dessen Opferbilanz eine ganz andere ist als die der heissen Kriege. Aber wie immer färbt die Gegenwart die Vergangenheit. Neben dem Vergessen und Verdrängen spielen Nostalgie, Schönfärberei und Naivität der Verfälschung in die Hand. «Gegenlauschangriff» präzisiert, sensibilisiert und mahnt. Erinnerungen, Anekdoten, die bewusst machen, wie viel Zeit vergangen ist, wie weit weg die Geschehnisse damals weggerutscht sind, wie leicht man vergisst und wie sehr uns das Bewusstsein von Geschichte fehlt. «Gegenlauschangriff» ist nie belehrend, höchst unterhaltsam, lehrreich und für jeden Leser des Kosmos Hein erhellend!

© Heike Steinweg/Suhrkamp

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle «Der fremde Freund / Drachenblut».
Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.

Rezension von «Verwirrnis» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Trutz» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Raphaela Edelbauer «Das flüssige Land», Klett-Cotta

Einer nicht mehr ganz jungen Physikerin wird telefonisch mitgeteilt, ihre Eltern seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Zwar nicht durch den Unfall selbst, wie der Beamte mitteilt, aber gleichzeitig und im Moment des Unfalls. Ein Telefonat, das Ruth aus ihrem Leben kippt. Raphaela Edelbauer beschreibt aber in der Folge nicht einfach die Suche nach Ursachen, ihrer Herkunft, sondern das Absinken aus der Zeit, die Reise dorthin, wo die Wunde klafft.

Ruth lebt in Wien und unterrichtet. Die Mitteilung, dass ihre Eltern, zu denen der Kontakt in den letzten Jahren gelitten hatte, ums Leben kamen, reisst sie aus ihrer diffusen, von Medikamenten zusammengehaltenen Mitte. Unter dem Vorwand, am Herkunftsort Gross-Einland, dem Ort der Kindheit ihrer Eltern, das Begräbnis zu organisieren, entflieht Ruth und gerät abseits aller Strassen und Verbindungen zur Welt in eine Stadt, die auf keiner Karte und in keinem Register verzeichnet ist. 

In Gross-Einland, einem mittelalterlich erscheinenden Städtchen, von einem Schloss und deren Gräfin überragt und kontrolliert, abgeschnitten von Verkehrswegen nach aussen, ohne Internet, bewohnt von Menschen, die ganz eigenen Gesetzmässigkeiten zu folgen scheinen, bleibt Ruth hängen. Viel länger, als die paar Tage, die sie rechnete, um eine Überführung ihrer Eltern zu organisieren. Sie, die sich im Ausnahmezustand befindet, trifft auf ein ganzes Städtchen, das sich im Ausnahmezustand befindet. Denn im Untergrund, direkt unter den Häusern der Stadt, befindet sich ein unüberschaubares System aus Höhlen und Stollen, über die Jahrhunderte vergrössert und erweitert, vom Erzabbau bis zur unterirdischen Fabrikationsanlage im 2. Weltkrieg genutzt, als Tor zu Sagen und Mythen gleichsam verwendet wie zum stillen Ort der Entsorgung. Aber die Stadt über dem „Loch“ droht durch Auswaschungen und Einbrüche ein- und abzusinken. Der Kirchturm neigt sich, Strassen brechen auf, Plätze werden unpassierbar und Menschen verschwinden in den Öffnungen.

Ruth, die durch Schäden an ihrem Auto, gezwungen ist, den Aufenthalt auszuweiten, bleibt, mietet sich im „Kürbis“ ein und erfährt mehr und mehr, dass nicht nur die Uhren in der Ortschaft anders ticken. Man verschliesst sich der drohenden Gefahr, zeigt sich wenig kooperativ bei Ruths Nachforschungen über ihre Eltern und huldigt gehorsam der Frau im Schloss, die sich Gräfin nennt, die alles und jede(n) in der Stadt kontrolliert und über alles Bescheid weiss, auch sehr bald von Dingen, die Ruth selbst betreffen. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen werden Monate.

Auch die Gräfin merkt, dass Ruth nur dann zu kontrollieren ist, wenn sie sie zu ihrer Vertrauten macht, sie mit der Rettung des Städtchens beauftragt, der Entwicklung eines Füllstoffes, der das Absinken der Ortschaft aufhalten soll, der Mithilfe eines touristischen Grossanlasses, bei dem diese Rettung gross aufgezogen gefeiert werden soll. Ruth, die zu den Innereien des Städtchens Zugang erhält, einen Sonderstatus geniesst und sich immer mehr in den unsichtbaren Schichten des Städtchens verliert, nicht zuletzt in das Verschwinden mehr als tausend KZ-Häftlingen, die in den letzten Wirrungen der NS-Zeit beseitigt werden sollten und unerklärbar verschwanden, sackt immer tiefer ab. Ins Loch in ihr, ins Loch der Geschichte, ins Loch unter dem Städtchen, ins Loch der Zeit.

„Das flüssige Land“ ist durchsetzt mit wissenschaftlichen Passagen zum Phänomen „Zeit“, Legenden von jenen, die im Loch verschwanden und Wochen später wieder auftauchten, Archivtexten aus den unendlichen Regalen in den Tiefen des Schlosses. Was sich zu Beginn des Romans wie die Fluchtgeschichte einer Frau, die mit einem Mal ihre Eltern verliert, liest, fächert sich zu einem Panorama auf mit ganz eigenwilliger Perspektive. Es ist die Stadt, eine Stadt im Off der Zeit, aus der Zeit gefallen, mit einem Panoptikum an Archetypen, die sie bewohnen. Ruth, die Frau, die nach Erklärungen sucht, eine Frau, die nicht weiss, wie ihr geschieht.

Aber „Das flüssige Land“ liest sich wie eine einzig grosse Metapher über eine Gesellschaft, die sich allen Rissen, Abgründen und schwarzen Löchern verschliesst, nicht wissen will, sich sogar vor der Ahnung abwendet und statt dessen lieber eine grosse, letzte Party feiert, bei der die Stadt paralysiert und erblindet auf ihre Errettung hofft, eine Gesellschaft in einem Loop, einem immerwährenden Karussell.

Virtuos geschrieben, auch wenn viele Fragen unbeantwortet bleiben. So wie im Leben selbst. Ein Buch für die Shortlist des Österreichischen Buchpreises 2019!

Ein Interview mit Raphaela Edelbauer:

Zwischen 2013 und 2015 gab es eine amerikanische TV-Serie mit dem Titel „Under the Dome“. Eine Kleinstadt, die unter einer riesigen, unsichtbaren Kuppel vom Rest der Welt abgeschlossen ist. „Gross-Einland“ ist es auch, nur ist die Abschottung gewachsen, die Stadt ein Eiland im Fluss der Zeit. Ruth rutscht in diesen geschlossenen Kosmos und findet eine scheinbar glückliche Gesellschaft, die direkt über dem Abgrund lebt. Geben diese Bilder nicht genau das wider, was momentan geschieht? Sei es politisch, gesellschaftlich oder in Sachen Klima?

Ich habe bewusst nach einer Metapher gesucht, die mehrere dieser Aspekte vereinigt: Eine bedrohliche Leerstelle – etwas, das dadurch gefährlich wird, dass es nichts ist, also eine Aussparung des Wissens, das Schwarz der Geschichte. Zweitens natürlich eine Wiederspiegelung des fast komödiantischen Wegsehens der ganzen Gesellschaft, obwohl dieses Loch in der eigenen Existenz immer dominanter wird – obwohl es mit unendlich viel Mühe behaftet ist, es zu ignorieren. Das ist natürlich eine Metapher für Österreich: Links und rechts quellen die Verbrechen, die Nazivergangenheiten, die Wehrsportübungen und Ibizaskandale hervor, und man wirft einfach immer weiter frohen Mutes geklöppelte Tischdeckerln, Punschkrapfenglasuren oder Lippizanerquadrillen drüber. 

Was sich in ihrem Roman zu Beginn ganz konventionell wie die Geschichte einer aus dem Alltag katapultierten Frau gebärdet, entpuppt sich schnell als Reise aus der Zeit, hinein in eine fast puppenstubenartige Welt einer allmächtigen Gräfin in einem Schloss hoch über der Stadt. Wie kam es zu dieser Kulisse?
Unter allem droht das Loch, auch unter der Geschichte, von der niemand mehr Konsequenzen ziehen will, die man lieber im Verborgenen belassen will. Scheut sich der Mensch der logischen Konsequenz? Spielen in ihrem Roman Erfahrungen mit eigener Heimat? 

Zunächst einmal zum Loch: Tatsächlich gibt es unter meiner Heimatgemeinde, der Hinterbrühl (einer Vorstadt von Wien) eine solche Aushöhlung, in die die ganze Stadt abrutscht. Tatsächlich haben sich in zugehörigem Bergwerk, heute als „Seegrotte“ (http://www.seegrotte.at) touristenbekannt, war im Jahre 44/45 von 2000 in Schichten arbeitenden Zwangsarbeitern einer KZ-Außenstelle für das Zusammenschrauben von Flugzeugen verwendet worden. Tatsächlich starben sie nahezu alle – die meisten auf einem Todesmarsch nach Mauthausen, andere durch die im Buch geschilderten Benzininjektionen. Es gibt also für diesen Part der Geschichte ein recht eindeutiges Vorbild.

Ich habe aber einen Wolpertinger aus mehreren österreichischen Städten zusammengebaut, um den stellvertretenden Charakter herzustellen, der ein literarisches Werk meines Erachtens nach auszeichnet. So flossen Attnang Puchheim, Melk und natürlich die berüchtigte Lassnitz-Grube mit ein, deren Bilder um die Welt gingen. Zuletzt wollte ich eine Commedia-dell-arte der österreichischen Gesellschaft in diese mumifizierte Gemeinde setzen, in der sich die letzten 300 Jahre in den Menschen ebenso sedimentiert haben, wie die Gesteine des Bergwerks – und beides muss am Ende natürlich in sich zusammenfallen. 

Aus der Frau, die nach Antworten sucht und sich entschlossen auf den Weg macht, wird eine Sesshafte, eine, die ausgerechnet im zeitlosen Raum glaubt, endlich angekommen zu sein. Aber es ist auch der Ort, in dem sie sich derart mit Zeug zudeckt, dass sie aus den Augen verliert, was sie einst wollte, seien es die Antworten zu Fragen, die den rätselhaften Tod ihrer Eltern betreffen oder den Endspurt ihrer Habilitation. Wovor fürchten Sie sich?

Auf der einen Seite natürlich vor der Identitätslosigkeit, die mit dem Riss in ihrer Familiengeschichte beginnt: beide Eltern sterben, der Anschluss zur Frage, woher sie kommt, ist jäh abgeschnitten. Es wäre aber keine literarische Herangehensweise an das Thema, wenn sich dieser Riss nicht bald als Gesellschaftsphänomen artikulieren würde. Bald entdeckt sie in sich – was ich übrigens immer häufiger auch bei jungen Menschen sehe – eine geradezu konservative Hinwendung zum ländlichen Zugehörigkeitsgedanken. Natürlich ist das die Sehnsucht der in Deutschland und Österreich lebenden Midtwens: Einen unschuldigen, naiven Zugang zum verlorenen Paradies der heimatlichen Landschaft. Nur leider geht das nicht: Unsere Großeltern haben nämlich sechs Millionen Menschen vergast, gefoltert und erschossen und sie dann in dieser wunderschönen Alpenlandschaft unterirdisch verstaut. Das zu realisieren und es mit der eigenen Herkunft gewissermaßen zu synchronisieren ist eine in der Geschichte unitäre Situation, die furchteinflößend ist, das stimmt. 

Die Rettung der Stadt liegt in einer Mischung, einer von Ruth entwickelten Flüssigkeit, die sich verfestigt, die glauben macht, den Ort retten zu können. Die Rettung wird aber auch alles Leben vernichten. Welche Mischung rettet uns vor den Abgründen der Löcher, auf denen unsre Existenz ruht?

Eben keine. Es gibt Unversöhnliches in der Geschichte, das man eben nicht mit einem „es wird schon wieder“ hinbekommt. Die Landschaft und Natur – wobei das natürlich auch als irgendeine ursprüngliche Konfiguration des Kosmos bezeichnet werden kann – wurde unendlich oft vergewaltigt, missbraucht und gleichzeitig hypostasiert als idyllische Urheimat. Und wenn diese Landschaft das Grauen wieder herausbricht wie unter einem gewaltigen Ermetikum, oder einen verschlingt, dann vertraut man eben mit der gleichen Naivität, mit der man gerade noch die grünen Wiesen angebetet hat, auf die Heilsversprechen der Technik. Das ist ja ebenso kein Widerspruch in Österreich: dass man jeden Tannenzapfen verehrt und sich in seiner regionalen Verbundenheit mit Zirbenöl einschmiert und gleichzeitig in riesige Skipisten investiert, die die Natur ganzer Bergmassive auslöscht. 

Ihr Roman ist ein Roman über die Zeit, dieses menschliche Konstrukt, das helfen soll, aber eigentlich nur blendet. Gab der Roman Ihnen selbst Antworten?

Natürlich nicht. Ich habe jetzt allenfalls eine Menge mehr Fragen und Gründe zu verzweifeln, mit denen ich klar kommen muss. Die nächsten Jahrzehnte werden ein paar mehr geschichtliche Erdlöcher freilegen, daran zweifle ich keine Sekunde. 

Vielen Dank!

Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Hinterbrühl auf. Sie studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst, war Jahresstipendiatin des Deutschen Literaturfonds und wurde für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage 2018 ausgezeichnet. Beim Bachmannpreis in Klagenfurt gewann sie 2018 den Publikumspreis. 2019 wurde ihr der Theodor-Körner-Preis verliehen.

Webseite der Autorin

Ana Marwan «Der Kreis des Weberknechts», Otto Müller

Karl Lipitsch vergleicht sich in seiner Vorstellung gerne mit einem einsamen Wolf, aber eigentlich ist der selbsterklärte Misanthrop eher ein Einsiedlerkrebs, eingeschlossen in seiner auserwählten Muschel. Wenn da nur die Wirkungen der Gefühle, die Frau in der Wohnung auf der gegenüberliegenden Strassenseite nicht wäre.

Die ungefähre Handlung Ana Marwans ersten Romans ist schnell erzählt: Ein zurückgezogener Mann im gesetzten Alter, der in seiner Wiener Wohnung an einem sich ewig dahinziehenden Buch arbeitet, manchmal im Garten vor seinem Haus sitzt und liest, lernt mehr oder weniger zufällig die Frau vom Haus gegenüber kennen. Sein Entschluss, mit den Menschen eigentlich nichts mehr zu tun haben zu wollen, beginnt zu wanken. Und während er mit Bedacht versucht, die Kontrolle über sein fest installiertes Dasein nicht zu verlieren, droht sich die Muschel des Krebses aufzulösen.

«Zweifel sind die schwerste Last, die man einem auferlegen kann und unverzeihlich, wenn sie leicht zerstreut werden.»

Weberknechte gehören zu den Spinnen, werden in der Schweiz auch Zimmermänner genannt, in anderen Gegenden Schuster oder Schneider. Das passt für den Einsiedler Karl Lipitsch, denn er schustert und schneidert sich seine Welt ebenfalls zusammen. Und wer in seinen Kreis gerät, der wird schonungslos abgeurteilt, ausser eben wenn die eine Mathilde heisst und mit der genau richtigen Mischung von Abweisung und Hartnäckigkeit den Eremit aus seinem Turm lockt.

Karl Lipitsch hat sich von allen und allem losgesagt, eigentlich auch von den Frauen. Er schreibt an einer ontologischen Theorie, schon seit Jahren, ein Ästhet, ein urbaner Poet, kritzelt in sein Notizheft und wenn es sein muss, schreibt er auch einmal einen Brief.
Auf einer Fahrt mit dem Zug lernt er Mathilde kennen, die ihn gekonnt in ihr Leben hineinzieht und Karl damit aus seinem gewohnten Trott. Er, der mit Bedacht bei sich zu kontrollieren versucht, was bei der Menschheit an sich schon längst aus dem Ruder gelaufen ist, der seinen Artgenossen wenn immer möglich aus dem Weg geht, verstrickt und verheddert sich in den feinen Fangfäden einer Frau, wankt im Hin-und-her zwischen Abstossung und Anziehung, zwischen Selbstdisziplin und aufkeimender Leidenschaft.

«Schweigen ist die hinterhältigste Strafe, die man einem Freund erteilen kann.»

Ana Marwan schlüpft meisterlich in die Rolle eines Sonderlings, ins Innenleben eines In-sich-Gekehrten, der es zumindest tapfer versucht, auf alles «zu pfeifen» was andere von ihm erwarten, sich in der «warmen Umarmung der Einsamkeit» zu suhlen. Er glaubt, dass die Welt in ihrer Banalität ihn nur von seinem Denken ablenke. Selbst die überbordende Üppigkeit eines im Frühling blühenden Apfelbaumes kann bei Lipitsch Missbehagen auslösen.
Doch was in den Wochen und Monaten nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Mathilde passiert, bringt den Mann restlos aus dem Lot, auch weg von seiner eigentlichen Aufgabe, seinem Buch.

«Es liegt in der Natur der Frau, sich allen Wünschen zu widersetzen.»

Ana Marwan beschreibt den Kampf in der Seele eines Verkrampften, spürt dem nach, was passiert, wenn sich zwei Gravitationsfelder zwischen Anziehung und Abstossung aufreiben, darüber, in welcher Komplexität und Kompliziertheit nur der Mensch, der Kopfmensch den Gefühlen im Bauch mit aller Skepsis begegnet. «Der Kreis des Weberknechts» ist voller Komik und Witz, aber auch mit Momenten, in denen man den Protagonisten am liebsten schütteln würde!

«Herr»liche Literatur!

Ana Marwan, 1980 in Murska Sobota (Slowenien) geboren, aufgewachsen in Ljubljana. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Ljubljana und Romanistik in Wien. Preisträgerin des exil-literaturpreises schreiben zwischen den kulturen 2008. «Der Kreis des Weberknechts» ist ihr erster Roman.

Arno Camenisch «Herr Anselm», Engeler

Vielleicht ist der wichtigste auf dem Schiff nicht der Kapitän, vielleicht nicht einmal der Arzt oder die Ärztin im Krankenhaus. Es gibt sie, die Menschen innerhalb eines Systems, ohne die nicht viel geht, die den Puls oder die Richtung geben. Die es mehr als nur braucht, ohne die das Schiff zu schlingern beginnt, dem grossen Haus die Seele genommen wird.

So wie mit Herrn Anselm in der Schule weit hinten in einem Tal in den Bündner Bergen. Man hat nicht ihm gekündigt, sondern der ganzen Schule. Die Oberen wollen sie nicht mehr, lösen den Schulstandort auf, aus was für Gründen auch immer. Zu kostspielig gemessen an der Anzahl Kinder, nicht wirtschaftlich angesichts der Investitionen, die getätigt werden müssten, sinkende Kinderzahlen, was auch immer.

Was Herrn Anselm wurmt, dass man ihn nicht tun lässt, was er seit Jahrzehnten zu aller Zufriedenheit macht. Wenigstens bis zu seiner Pensionierung. Vor allem jetzt, seit dem Tod seiner Frau, der all die Kraft nichts nützte und von einer Krankheit dahingerafft wurde, viel zu früh, trotz all der Gegenwehr.
Herr Anselm besucht sie nach der Arbeit auf dem Friedhof bei der Kirche im Dorf, besucht das Grab. Redet mit ihr, wie er es immer tat, tränkt die frischen Blumen vor dem Stein, bleibt stehen und lässt in seinem stillen Monolog den Blick über Dorf und Tal schweifen.

Herr Anselm ist nicht der Lehrer, sondern der Hauswart. Mehr als nur Putzdienst, denn wenn eine der Lehrpersonen krank ist und sich auf die Schnelle kein Ersatz auftreiben lässt, übernimmt Herr Anselm auch einmal im Schulzimmer das Szepter, wenn auch auf seine Art. Dann kann es sein, dass ein Penaltyschiessen darüber entscheidet, ob es Hausaufgaben gibt oder nicht. Herr Anselm kann den Kindern die Welt genauso gut erklären wie die Studierten, aber eben mit seinem Dirigentenstab, auch wenn dieser ein langer ist, sein Besen.

Er erzählt seiner Frau von den Kindern in der Schule; den Aufgeweckten, den Schlingeln, den Faulen und denen, die vor den Prüfungen Angst haben. Aber auch von den Oberen, den Politikern, den Beamten, denen er nicht viel Vertrauen schenkt, denen es ja nur durch Schläue und Ränke gelingen konnte, so weit hinauf in der Hierarchie zu klettern. Darüber, dass die Kinder in der Schule vor allem das eine lernen müssen, das Scheitern. Um nachher wieder aufstehen zu können, sich nicht durch Misserfolg entmutigen zu lassen. So wie das Lernen eine Kunst sei, sei dies auch das Scheitern. Dass der grosse Bschiss wie ein Bumerang eines Tages zurückkomme, sich Fleiss und Rechtschaffenheit lohne. Dass man sich seiner Schwächen bewusst sein müsse, um zu wissen, wo die Stärken sind.

Arno Camenisch erfindet seine Welt nicht neu. Im Gegenteil. Er fügt ihr mit jedem Buch nach seiner Kunst ein Zimmer hinzu, fing beim Bahnhof an, beim letzten Buch war es der Skilift und nun das Schulhaus und der Friedhof. Arno Camenisch hat mit seinem Erzählsound eine Nische gefunden, die ihm keine(r) streitig machen kann, kultiviert eine Art des Erzählens, die ganz allein die seine ist. Es ist wohl auch kein Zufall, dass auf dem Cover des neuen Büchleins der Begriff Erzählung oder Roman fehlt. „Herr Anselm“ ist wohl mehr so etwas wie das Textbuch seiner neuen Performance. Wer den Sound seiner Stimme kennt, dem klingt beim Lesen dies mit. Man sieht ihn auf der Bühne oder wo auch immer und weiss, dass es funktionieren wird, diese Mischung aus Schnoddrigkeit, Witz und Freude an den kleinen Menschen und Dingen. Sein Erzählen ist ein durchorchestrierter Auftritt, der in seiner Erscheinung als urchiger Bergler in den Kleidern eines Städters, bis in den atemlosen Sprechfluss seines Erzählers passt. Das gefällt oder gefällt gar nicht. Ich gönne Arno Camenisch seinen Erfolg, seine Spezialität, dass es, wo auch immer, in der Schweiz die Säle füllt. Vielleicht steckt hinter seinem Erfolg genau diese Bewunderung für die kleine Nische, die er hell zu Leuchten bringt.

Ich freue mich vor allem für den Verlag und seinen Verleger Urs Engeler, der unermüdlich fast im Alleingang Bücher macht und mit seinem Flaggschiff Arno Camenisch nicht gänzlich in den Untiefen des immer schwieriger werdenden Verlagsgeschäft untergeht.

© Janosch Abel

Arno Camenisch, 1978 in Tavanasa im Kanton Graubünden geboren und aufgewachsen, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er heute auch lebt. 2009 erschien im Engeler-Verlag der Roman Sez Ner, 2010 Hinter dem Bahnhof, 2012 Ustrinkata, 2013 Fred und Franz, 2013 Las flurs dil di, 2014 Nächster Halt Verlangen, 2015 Die Kur, 2016 Die Launen des Tages, 2018 Der letzte Schnee, 2019 Herr Anselm. Publikationen im “Harper’s Magazine” (New York) und in “Best European Fiction” (USA). Seine Texte wurden in über 20 Sprachen übersetzt und seine Lesungen führten ihn quer durch die Welt, von Hongkong über Moskau und Buenos Aires bis nach New York.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Michael Kleeberg «Abschied von einem Apfelbaum», Plattform Gegenzauber

Sein Stamm ist auf dem ersten Meter zweimal in sich verdreht, als hätten zwei gewaltige Hände ihn in seiner Jugend ausgewrungen wie ein nasses Handtuch. Seine Rinde ist backsteinbraun, rostbraun geschuppt, erinnert an Echsenhaut, an Krokodilleder. Auf der Sonnenseite des schräg aufstrebenden Stamms breitet sich ein goldengrüner, feinst gefiederter Moosteppich aus, bei dessen Berührung man das Gefühl hat, die Mähne eines Pferdes zu streicheln. Die Unterseite des Stamms wirkt schiefergrau, erst beim längeren Hinsehen macht man einen leichten Mauveschimmer aus. Je höher es hinaufgeht, je dünner die Äste werden, desto weniger Schuppenrinde ist zu sehen, desto glatter wird die Oberfläche des Holzes, ein hellgeschecktes Grau mit dem in der Sonne gelblich leuchtenden Grünspan von Flechten.

Auf Kniehöhe hat auch der Stamm ein erstes Knie, bis zu dem er recht gerade aus der Erde wächst. In der Kniekehle imitieren zwei starke in den Stamm eingelassene Stränge Sehnen. Oberhalb der an einer Kniescheibe erinnernden Ausbuchtung neigt sich der Winkel auf sechzig Grad, und die Wuchsrichtung dreht sich um ein Achtel. Ein zweiter Knick auf Hüfthöhe verschiebt die Wuchsrichtung wieder um 30 Grad zurück. Auf zweieinhalb Metern Höhe gabelt sich der Stamm, zwei Meter von seinem Ausgangspunkt entfernt, in drei Hauptäste.

Der stärkste Ast strebt in der Kurve einer Kettenlinie nach oben – zwei weitere Äste gehen von ihm ab, einer davon fast vier Meter weit waagrecht ausgreifend –, um sich in der Krone in zwei weidenartig überhängende Kuppeläste zu gabeln. Der zweite Hauptast wächst, sich verjüngend, flacher hinauf, verzweigt sich an seinem Scheitelpunkt, von wo aus das Gewicht der Zweige sie in einer Art Kreuzrippengewölbe nach unten biegt. Der Dritte beschreibt einen kommunistischen Gruß: Nach einem knappen Meter waagerechten Wachstums zwingt ein angewinkelter Ellbogen ihn in die Senkrechte, drei Meter weit. Die Krone des Baums hat auf einer Höhe von vielleicht sechs Metern einen Durchmesser von wenigstens acht. Geformt ist er wie ein riesiger Sonnenschirm auf schiefem Fuß. In der Erntezeit hängen manche Zweige voller Früchte fast bis zum Boden hinab, ebenso im Januar, wenn nasser Schnee auf ihnen lastet und der Stamm schwarz schimmert wie das Fell eines Rappen.
Am Bizeps des einen Hauptastes ist ein steinerner Nistkasten aufgehängt, den ein Blaumeisenpaar zum Überwintern und im Frühjahr zum Nestbau nutzt. Außer den Meisen finden sich regelmäßig Amseln, Spottdrosseln, Kleiber, Zaunkönige im Baum, seltener Spatzen. Im Winter werden die Meisenknödel täglich auch von einem kopfüber an ihre Unterseite gekrallten Buntspecht aufgesucht, ab und an klingt das schrille Gekecker eines großen, blaubraun leuchtenden, nesträuberischen Eichelhähers aus der Krone, das Hunderte von Metern entfernt im Wald wieder aufgenommen und weitergetragen wird. Seit einigen Jahren sieht man zur Blütezeit immer weniger Bienen im Baum, während die Zahl der Hummeln konstant zu bleiben scheint. Zur Fruchtzeit zieht es die Wespen ins Geäst, manchmal hört man wie ein weit entferntes Moped das sonore Gebrumm der Hornissen, von dem sich einem die Nackenhärchen aufstellen, bevor man noch die erschreckend langen Körper rund um den Stamm auf und ab kreisen sieht.

Im Oktober trägt er mittelgroße Äpfel, deren Grundfarbe gelb ist, manchmal gesprenkelt wie von Sommersprossen, viele von ihnen mit errötenden oder sogar feuerroten Wangen, einige mit wie aufgebatikten grünen Flecken. Vierzig Kilo davon ernten wir in jedem Herbst, der Teleskop-Käscher muss in ganzer Länge ausgezogen werden, um die obersten, wie Glühbirnen leuchtenden aus der Krone zu greifen. In Wäschekörben bringen wir sie dann zu der in einem Hinterhof in Weißensee verborgenen Mosterei Neubert, wo neben verwilderten Gärtchen und rostigen Zäunen die große grünlackierte Presse brummt, über deren Rand die Äpfel direkt in das schäumende Gebrodel gekippt werden.

Gegen Ende März eröffnen die beiden Sauerkirschbäume, deren wie Chilischoten geformte Früchte im August zu Tausenden auf den Platten zerplatzen und rote Schlieren und Schmierspuren hinterlassen, die an die Überbleibsel eines Unfalls oder Massakers erinnern, mit ihrer blassgelben, seltsam unkörperlichen, pusteblumenhaften Blüte, den Frühlingsreigen. Sie hält sich nicht lange, ist schon schlaff und welk, wenn der Mirabellenbaum Anfang April sein christosches Zauberkunststück vollführt und seine noch winterlich kahlen Äste plötzlich mit einer vibrierenden weißen Schmetterlingswolke umhüllt, die jeden Tag weißer und dichter wird, so dass man selbst an grauen Tagen, am Stamm stehend und in die Krone hinaufblickend, die Augen zusammenkneift vor soviel flirrender Helligkeit. Die unvermeidlichen Regengüsse setzen dem Traum nach kaum zwei Wochen ein etwas schäbiges Ende in Form eines Konfettiregens. Immerhin bleiben als Hoffnungsboten die grünen, noch eingerollten Blätter. Es folgt, ebenso kurzatmig, so schön wie steril, das Erblühen der im Schatten des Hauses violett schimmernden Zierkirsche. Der Baum, rotbräunlich gefärbt, verströmt, wenn die Knospen sich öffnen, ein zartrosa Licht, das nach einer Woche schon schwächer wird und erlischt, um die Bühne freizugeben für die Pflaumenbäume. Währenddessen blenden die Forsythien die Augen wie strahlende, vom Himmel in den Garten gefallene Sonnen. Aber erst wenn sie von oben her ihre Blätter zu treiben beginnen und das bonnardsche Mimosengelb sich in den folgenden Wochen in Absinthgrün verwandelt, erst in den allerletzten Apriltagen, ermutigt von einer warmen

Woche, manchmal noch später, wie aus alter, in den Genen liegender Erfahrung manches Jahr erst nach den Eisheiligen, zeitgleich mit der Mauser der geduldigen Hainbuche, die seit November ihr pergamentenes, rohrzuckerbraunes, welkes Laub festhält, um dann innerhalb von zwei Tagen, vom Wipfel bis zum Boden, alle toten Blätter abzuschütteln und ebenfalls vom Wipfel her die lanzettspitzen Knospen innerhalb weiterer zweier Tage zu stark gemasertem, flaumiggrünem Frühlingslaub auszurollen, erst dann kommt die Stunde des Apfelbaums.

Er hat sich vorbereitet, langsam, geduldig. Anders als die Pflaumenbäume, die erst ihr Blütenfeuerwerk versprühen, um dann zu grünen, die rasch ihr Pulver verschossen haben, beginnt er mit einem grünen Schimmer der Kelchblätter, der einen Anflug von Frühling in die Winterschwärze des Baums setzt, und aus dem das dunkle, stark durchblutete Rosa der Knospenköpfe verheißungsvoll blinkt. Auch jetzt noch lässt er sich Zeit, eine Woche, um sich zu entfalten, eine Woche, um im Entfalten die rosige Außenseite des Blütenblattes nach unten und außer Sicht zu drehen und die schneeweißen Innenseiten zu präsentieren.

Die Fünf ist die Ordnungszahl der Apfelblüte, fünf Blütenblätter bilden einen Kranz, in dessen Zwischenräumen weitere fünf rosige Nebenblüten knospen. Haben sie sich alle geöffnet, wiegen sich mokkatassengroße Blütengebinde auf den Enden der Zweige, das Rosa ist fast ganz verschwunden, scheinbar verblasst in der Anstrengung des Wachsens und Sich- Öffnens, und nur noch hier und da eher zu ahnen als zu sehen, mehr eine Erinnerung auf der eigenen Netzhaut als eine tatsächliche Farbe. Meist sind es auf den Innenseiten der Blütenblätter nur hingehauchte Gouache-Flecken entlang der Längsmaserung des kapillarenfeinen Aderwerks.

Diese Blütenblätter sind nicht ganz glatt, sondern ein wenig verknittert wie die ungebügelten Ärmel eines Seidenhemds. Im Entfalten umschließen sie zunächst die Mitte noch schalenartig, biegen sich dann jedoch immer weiter nach außen, um in einer fast obszönen Geste der Entblößung Staubgefäße und Stempel nicht nur zugänglicher zu machen, sondern sie gleichsam nach oben zu pressen, fast so, als ob eine Frau ihre Schamlippen auseinanderzöge, um ihrem neugierigen Liebhaber mittels ein wenig Drucks aus dem Beckenboden ihre Klitoris zu offenbaren.

Im Innern der Blüte rankt sich feinstes Kabelwerk, hellgrün, das sich dann zu einem Strauß aus herzförmigen, blassgelben Staubgefäßen und höher aufragenden Stempeln bündelt und öffnet, meist fünf an der Zahl. Die Stiele und Kelchblätter unter den Blüten sind flaumig behaart wie Jungmädchenarme, so dass es fast wie Nebel um die Stiele spielt.

Der Eindruck des zur Gänze blühenden Baums hat etwas von der Ausschüttung eines Füllhorns, von Überschwang, von Mit-vollen-Händen-Herschenken. Es ist eine bäuerliche, keine distinguierte Pracht, keine Spur von Maß oder Etikette, keine bürgerliche Reserve, kein haushaltender Wille zum Sparen, keine taktische Beschränkung. Es ist das Glück eines jungen Mädchens vom Lande, das sich von Natur aus schön weiß, sich zu festlichem Anlass zu putzen, etwas anachronistisches, eine alte Weise.
Seine äußersten Zweige berühren dann fast die höchsten des Fliederbuschs, und es wirkt als werde durch den Kontakt, den manchmal ein Windstoß hervorruft, das Kommando zum Erblühen von dem weißleuchtenden Obstbaum an die noch dunkel verschlossenen Knospen des Strauches weitergeleitet, der dann sozusagen den Staffelstab übernimmt und das hellere Violett des Blüteninneren, ihren Duft freigebend, offenbart, wenn von der Pracht des Apfelbaums nur noch weißer Hochzeitsreis auf dem Rasen übriggeblieben ist und er selbst eine bräunlich-gelbliche Färbung annimmt wie ein angeschnittener Apfel, der zu lange an der Luft gelegen hat, denn nur noch Staubgefäße und Stempel stehen wie miniaturisierte Springbrunnen auf den leeren Blütenständen, unter denen das Laub mächtig wächst.
Wenn man unter ihm sitzt, scheint das vielstimmige Vogelgezwitscher aus ihm zu kommen, scheint der Baum zu singen, als sei er eine Art Orgel: Die tieferen Töne entströmen dem Stamm, die höchsten dem feinen Gezweig der Krone. Das gequetscht Quietschende der Grasmücken und Finken, die gepfiffenen Koloraturen der Amseltriller, dazwischen rhythmisches Morsen.
An einem windigen, warmen 30. April studiere ich seine Bewegungen: Ein leises, würdiges Wiegen der weit ausgreifenden Äste, Pendelschläge der dünneren Zweige. Die Blüten schütteln sich, das Laub vibriert, als überliefe es eine Gänsehaut, oszilliert im Sonnenlicht. Konzentriert man den Blick auf Einzelheiten, sieht man das Elektronenrasen der Insekten, bei dem man Standort und Geschwindigkeit nie genau unterscheiden kann, so dass der Eindruck eines Flimmerns der vom Baum überwölbten Luft entsteht. Bei Sturm schüttelt er sich wie ein Tier, dem der Wind durchs Fell oder die Mähne zaust.
Im Frühling erinnert die Blüte an die duftig auf schaumigen Mittelmeerwellen tanzenden Blumengirlanden auf Noel-Nicolas Coypels „Entführung der Europa“: Sahnebaisers des Rokoko.
Im Sommer gleicht das Licht- und Schattengeflocke unter seinem Laubdach einer elektrischen Cloisonné-Malerei, deren Zellen in unregelmäßigen Abständen aufblinken. Wässert man an heißen Spätnachmittagen den Boden rund um den Stamm, hat man das Gefühl, ein Tier zu tränken, das gierig und dankbar die Flüssigkeit aufnimmt. Im November ruft der Baum die Erinnerung an einen bretonischen Calvaire irgendwo im Norden des Finisterre zwischen Morlaix und Brest herauf: nasser schwarzer Granit, der Inbegriff von Trostlosigkeit. Zu Weihnachten, wenn die reifbedeckten Zweige in der Morgensonne zuckrig glitzern, geht etwas Heimeliges, Trautes von ihm aus, und bei seinem Anblick sage ich mir Brechts GedichtDie Vögel warten im Winter vor dem Fenster her: „Ich bin die Amsel. Kinder, ich bin am Ende …“

In den Abschiedsschmerz, der ein Vorausahnen der Tatsache ist, dass man die Präsenz des Selbstverständlichen doch erst richtig schätzen kann, wenn sie nur noch in der Erinnerung existiert, aber in der täglichen Gegenwart ein Loch, ein Fehlen sein wird, mischt sich eine Prise von Neid, den der Ruhe- und Rastlose immer gegenüber dem Sesshaften empfindet, der all das, was man anderswo sucht, schon längst zu besitzen scheint, ohne Aufhebens, ganz beiläufig, oder wie der Weise sagt: ohne je seinen Garten verlassen zu haben. Wie alt er sein mag? So alt wie das Haus, fünfzig Jahre? Oder noch älter? Was alles um ihn herum vorgegangen ist, während er stoisch und ahnungslos mit nichts als Wachsen und Früchtetragen beschäftigt war! Keine zwanzig Meter von ihm teilte die Mauer dreißig Jahre lang Berlin von seinem Umland. Zwanzig Meter weiter, und seine Äpfel wären in zwei Staaten gefallen. Aber das hätte die Grenzpolizei der DDR nicht toleriert, die im Mauerstreifen jeden Baumwuchs mit Pflanzengiften unterband. Bei starkem Westwind, berichten die Nachbarn, sind ihnen davon die Geranien eingegangen, dem Baum hat es nichts angehabt. Geschichte ficht einen Baum nicht an, sofern er ihr nicht im Wege steht.

Wenn die Menschen und die Naturgewalten ihn lassen, müsste er länger leben als ich. Eigentlich ist er es, der sich von mir verabschieden müsste.

Orient und Okzident, Einwanderer, Auswanderer, Aussteiger, Islam, Christentum, Kapitalismus und die Suche nach dem Glück: Michael Kleeberg erzählt Geschichten und «Schicksale in einer globalisierten Welt. In diesem großen Wurf gelingt es ihm, die wichtigen Fragen unserer Zeit in packende Literatur zu verwandeln.»

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. «Ein Garten im Norden», «Vaterjahre») wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015), den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016) und hatte die Frankfurter Poetikdozentur 2017 inne.

Schriftstellergespräch zwischen Michael Kleeberg und Catalin Dorian Florescu: Bericht auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lothar Köthe

Ivo Knill «Der Schneeleopard» aus dem ERNST-Magazin

Ivo Knill reist im Kopf durch den Himalaya.

Es ist vier Uhr nachmittags. In meinen Augen spüre ich den Schmerz des gleissenden Lichtes. Ich folge Schritt um Schritt dem Weg, den mein Wegführer vor mir geht. Ich richte meinen Blick auf den Boden, um sicheren Tritt zwischen den kantigen Steinen zu finden. Ich sehe die Grasbüschel, die karge Erde, die groben, mehr als faustgrossen Steine. Ich hebe den Blick. Ich sehe den Rucksack des Bergführers mit dem aufgeschnallten Zelt und der Isomatte. Mein Rücken lässt das Tragen nicht mehr zu, auch meine Kondition nicht. Hinter mir geht der junge Sherpa, der mein Gepäck trägt. Sooft ich mich umdrehe, lächelt er mir aufmunternd zu. Ich bewundere seine Stärke und sein freundliches Wesen. Heute ist ein schöner Tag. Kein Regen, offener Himmel, wenig Wind. Schwer steige ich zwischen den schwer bepackten jungen Männern bergan.
Wir suchen den Schneeleoparden.
Wir steigen die Flanke des Annapurnas hoch. Seine Gipfel sind Tausende von Metern über uns, ihre schneebedeckten Flanken fallen steil ab. Mehr als tausend Meter unter uns liegt das Tal.
Der Schneeleopard ist ein scheues Tier. Das helle Tageslicht meidet er. Seine Zeit ist die Dämmerung des Morgens und das Zwielicht des Abends. Mittags und nachts schläft er. Wir folgen seinem Rhythmus. Noch in den letzten Nachtstunden steigen wir vom Lager auf vier- und fünftausend Meter hoch. Mit der Morgendämmerung erreichen wir die Höhen, in denen das scheue Tier lebt. Eine Stunde haben wir zur Beobachtung. Wenn der helle Tag anbricht, marschieren wir weiter. Wir machen Pause, schlafen ein wenig und setzen unseren Marsch fort. Schritt für Schritt.
Viele sind auf dem Leopardentreck unterwegs. Wenige bekommen ihn zu Gesicht. Die andern Leopardensucher, die weniger Kundigen, die Lärmigen, die Bunten und Lauten, die Eiligen und Ungeduldigen treiben den Leoparden in die Höhe. Wie er fliehen wir ihrem Lärm und steigen in die kargen Höhen.
Der Mann, der vor mir geht, ist kein gewöhnlicher Sherpa. Er folgt nicht wie die Anderen blossen Gerüchten um mögliche Aufenthaltsorte des Leoparden. Er liest die Spuren im Schnee und in der weichen, vom Schmelzwasser aufgelösten Erde. Er findet Kot und Haare. Er deutet den Flug der Vögel. Nur weil ich mich lange im Land aufgehalten habe, konnte ich ihn engagieren. Trotzdem kann es sein, dass wir ohne Erfolg bleiben.
Ich atme langsam. Die Haut ist spröde und verschwollen. In der Nacht liege ich schlaflos. Der Puls beruhigt sich nie. Manchmal öffne ich das Zelt und blicke in den überwältigenden Sternenhimmel. Er lässt mich fühlen, wie klein und unbedeutend ich bin Die Tage und Nächte meines Lebens sind nichts in der Unendlichkeit der Zeit, die alles hervorgebracht hat – das All, die Galaxien, unser Sonnensystem, die Erde, auf der wir uns bewegen und die Berge, zwischen deren Gipfeln wir unterwegs sind. Schlaflos versenke ich mich in die Tiefen des Universums.
Jetzt setze ich Fuss um Fuss auf den steinigen, unsicheren Grund. Das einzige, was wirklich zählt, ist der Augenblick des Bewusstseins. Der Augenblick, in dem sich der Hauch des Lebens zeigt. Denn nichts anderes sind wir als ein kurzer Hauch. Nichts als diesen einzigen Augenblick haben wir der Unendlichkeit des Universums entgegenzusetzen. Denn sie kennt kein Jetzt, das sich vom Immer unterscheiden würde. Ich höre das Blut in meinen Ohren pulsieren. Der Augenblick. Leben ist jetzt. Ich stütze mich auf den Stock.
Der Himmel ist jetzt glasklar. Das Licht wird dünner, reiner, kostbarer. Im Tal sammeln sich die Schatten. Sie werden dichter, während sich die Gipfel in ein erst zartes und dann glühendes Rot kleiden. Das ist die Zeit. Der lodernde Untergang des Tages. Götterdämmerung. Ich vergewissere mich, dass die Kamera richtig eingestellt ist. Ich muss sie mit einem einzigen Handgriff nach oben ziehen können, im Hochziehen muss ich sie einschalten, den Deckel vom Objektiv nehmen und den Sucher ins Auge fassen. Es muss schnell gehen, denn der Schneeleopard ist scheu.
Nichts braucht der Leopard, um hier oben zu leben. Sein Fell schützt ihn vor dem gleissenden Licht der Sonne und der Kälte der Nacht. Wo wir uns schwerfällig bewegen und Berge von Material mit uns schleppen müssen, um nicht zu verhungern, zu erfrieren, zu verdursten und an Schmerzen zu leiden, bewegt sich die Katze der Wildnis frei, ohne Last, geschmeidig, und leicht. Nichts an ihr ist überflüssig. Alles an ihr ist Unbändigkeit, die sich scheu versteckt. In mir glüht das Verlangen, diesem einzigartigen Wesen zu begegnen.
Wir sind ihm nahe. Wir haben frischen Kot und frische Spuren gefunden. Hinter dem Busch könnte die Wildkatze sich verbergen. Sie könnte sich in eine Kuhle ducken. Es könnte sein, aber es ist nicht gewiss, dass wir heute den Schneeleoparden zu Gesicht bekommen.
Wenn ich ihn sehe, Auge in Auge: Das wird der Moment sein: Das Aufblitzen des Lebens im Moment. Nichts anderes. Das Jetzt des Lebens, frei, ungebunden, unzähmbar gegen ein Universum der Steine und eine Ewigkeit der Zeit.
Ich bin bereit. Der Sherpa macht ein Zeichen. Wir ducken uns.
Kein Geräusch! Keine Bewegung!
Jetzt.

«Nichts als einen Augenblick haben wir der Unendlichkeit des Universums entgegenzusetzen.»

«Leben ist immer jetzt.»

Ivo Knill ist 1964 als sechstes von sieben Kindern in Herisau geboren und aufgewachsen. Nach dem Studium in Germanistik und Geschichte arbeitet er als Lehrer an der Berufsmaturitätsschule der gibb in Bern. Er ist Vater von zwei Kindern. Er tritt mit Sprach- und Textperformances auf, schreibt literarische und journalistische Texte und sammelt auf Strassen und Plätzen Erzählungen vom Leben. Von 2005 bis 2016 ist er Chefredaktor der Männerzeitung. Seit 2017 schreibt er für das Nachfolgemagazin ERNST. 2017 eröffnet er das Schreibhaus Burgdorf und empfängt und begleitet dort Gäste mit unterschiedlichen Schreibvorhaben.

Das Schreibhaus Burgdorf: schreibhaus.blog

Das Burgdorfer Biografische Institut: erzaehlmal.ch

ERNST-Magazin

Die Würfel sind gefallen! #SchweizerBuchpreis19/12

Ich gratuliere Sibylle Berg als Schweizer Buchpreisträgerin 2019. Ich gratuliere ihr zu ihrem Buch, ihrem Schreiben, weil sie es durch Sprache und Erzählen schafft, viel mehr als bloss Geschichten zu transportieren. Ich gratuliere ihr zu dieser Kraft, die aus dem Buch entströmt, dass sie sich mit jedem Buch neu erfindet, ihrem Bestreben, mit ihrem Schreiben nicht nur sich selbst und ihren LeserInnen schmeicheln zu wollen.

© Lea Frei

Nun ist der Preis aber auch schon wieder Geschichte. Andere Preise in der Literatur hallen noch immer nach, wenn auch nicht durch die prämierte Literatur, sondern in der Wirkung, die sie auslösen. Es ist zu bezweifeln, dass durch die Schlacht, die nach der Nobelpreisverleihung medial ausgetragen wurde, jemand beginnt, die Bücher von Peter Handke zu lesen.

Vergiften Wettbewerbe die Literatur? Oder den Literaturbetrieb? «Literatur bewegt!», meinen die einen. «Kunst ist nicht deren Wirkung!», mahnen die andern.
Wie sollen Bücher mit anderen gemessen werden? Wie soll aus der schieren Menge an Veröffentlichungen, nach welchen Kriterien auch immer, ein einziges auf ein Podest gehoben werden, um dieses als Sieger zu küren?

Sibylle Bergs Roman «GRM Brainfuck» steht auf diesem Podest. Ivna Žic, Tabea Steiner, Simone Lappert und Alain Claude Sulzer blieben bei der Preisverleihung in der ersten Reihe sitzen, mehr oder weniger gefasst. Gerechtfertigt? Ist «GRM Brainfuck» nun der beste Roman, der irgendwie mit der Schweiz in Verbindung gebracht werden kann? Es ist müssig darüber zu diskutieren. Die Jury hat entschieden, Sibylle Berg ihr Preisgeld und den Blumenstrauss, ihren Platz in der illustren Liste der PreisträgerInnen und die Gewissheit, dass dieses eine Buch sich dank der medialen Aufmerksamkeit besser verkaufen lässt. Besser verkaufen? I wo! Wer bei Verlagen nachfragt, staunt!

Lässt sich Kunst vergleichen? In einen Wettbewerb setzen? Niemand vergleicht den Maler Gerhard Richter mit Fischli / Weiss. Niemand Anne-Sophie Mutter mit Nora Jones, Brad Pitt mit Martina Gedeck. Wer glaubt schon wirklich, den besten Film des Jahres zu sehen, wenn man der Oscarjury folgt.
Wer mit Ambitionen wettkampfmässig schwimmt, will Bestzeiten, im Wettbewerb gewinnen. Aber Literatur wird nie in ein Raster passen, in dem «objektiv» verglichen werden kann. Literatur muss sich nicht in einem Wettbewerb beweisen, bloss durch Relevanz. Und diese wird nicht durch Wettbewerbe bewiesen, nicht einmal durch die Verkaufszahlen eines Buches. Literatur muss nichts, nur überzeugen, schon gar nicht «besser» sein. Literatur ist Sprache. Und alles, was in Sprache messbar sein könnte, verflüchtigt sich, wenn einem bewusst ist, dass SchriftstellerInnen, DichterInnen KomponistInnen sind: an Sprache, an Klang, Dramaturgie und Konstruktion, Raffinesse und Überraschung.

Sibylle Berg hat ihn verdient, ihr Roman hat mich überzeugt. So wie mich in diesem Jahr alle Bücher auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises in ihrer ganz speziellen Art überzeugten. Ein guter Jahrgang.
Aber niemand kann so sehr auf einen solchen Wettbewerb verzichten, wie die Literatur selbst.

Ist ein solcher Wettbewerb «Leseförderung für Erwachsene»? Verkaufsförderung für den Buchhandel? Publizität für gewissen Köpfe im Literaturbetrieb (meiner eingeschlossen)? Reicht es, die Webseite schweizerbuchpreis.ch zu starten, einer Jury die Bücher zuzuschanzen, die ShortlistautorInnen auf Lesereise zu schicken? Eine medial unterstützte Show im Foyer des Theaters in Basel mit Musik, Blumen, vollen Gläsern, Häppchen und wohl gewählten Worten zu organisieren? Wieviel ist uns eine «Schweizer Literatur» wert? Gibt es diese überhaupt?

© Benjamin Koechlin

Ich gratuliere Sibylle Berg zu ihrem Titel als Schweizer Buchpreisträgerin, für ihr Buch. Aber vielmehr für ihren Fleiss, ihre Akribie, ihre Frische, ihren Mut und den ganz eigenen Sound.
Aber noch mehr all den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Dichterinnen und Dichter, die mir mit jedem Buch, mit jeder Veröffentlichung beweisen, dass Welt nicht nur an Oberflächen passiert. Den Verlagen, vor allem den kleinen, die unerschrocken, tapfer, selbstlos und voller Enthusiasmus Buch um Buch auf die Verkaufstische zu bringen versuchen, jedes Mal davon überzeugt, eine Perle aus der Muschel gebrochen zu haben. Den unabhängigen Buchhandlungen, die weit mehr sind als Verkaufsstellen, die sich mit Herzblut und grossem Wissen um das Kulturgut Buch bemühen.

Kennen Sie die Kurzprosa von Christine Fischer im Orte Verlag? Die Prosa von Dragica Holzer Rajćić im Verlag Der gesunde Menschenversand? Die kunstvollen Betrachtungen des literarischen Schwergewichts Felix Philipp Ingold im Ritter Verlag? Oder die sagenhaften Geschichten von Tim Krohn im Kampa Verlag?
LESEN sie! Lesen macht Eindruck (und das meine ich mehrdeutig)! Lesen macht klug! Lesen bereichert! Lesen rettet die Welt!

Rezension von «GRM Brainfuck» auf literaturblatt.ch

Karen Köhler «Miroloi», Hanser

Literatur ist der Schauplatz der Fantasie. Deshalb darf Literatur alles, es muss nur gut aufs Papier gebracht sein. Sprache selbst ist die Stimme. Selbst die Stimme darf in seiner Klangfarbe eine ganz eigene sein. Und wenn Idee, Geschichte und Sprache wie in Karen Köhlers erstem Roman «Miroloi» eine so ganz eigene Färbung haben, sich so sehr von allem anderen abheben, mich in eine Welt begleiten, die mich in ihren archaischen Bildern an Traumlandschaften erinnert, dann beginnt Faszination!

Miroloi (vom griechischen μοιρολόι oder μοιρολό(γ)ι) ist ein von Frauen gedichtetes und gesungenes Totenlied in der griechisch-orthodoxen Tradition. «Miroloi» ist ein Roman in 128 Strophen, gesungen von einer jungen Frau ohne Namen, ohne Geschichte, ohne Zukunft. Sie lebt im Haus des Bethaus-Vaters, der sie als kleines Mädchen in einer Schachtel in Zeitungen gebettet fand und zu sich nahm. Sie erzählt von sich, dem Haus, dem einen Dorf am Hang auf der Insel, dem Meer, dem kleinen Hafen, an dem nur selten ein Schiff anlegt und jene Dinge bringt, die das Dorf und die Insel verweigern, den Klageweibern in der Kurve, dem einzigen Lokal, in dem man sie hasst, von den Kindern, die hinter ihr herrennen und «Eselstute, Nachgeburt der Hölle!» nachrufen, spucken und schlagen.

«Miroloi» ist ein wunderschön gestaltetes Buch mit einer ganz neuen Art eines Schutzumschlages. So werden Bücher aussen und innen zu Kostbarkeiten!

Sie ist nicht aus dem Dorf. Sie ist von drüben. Ohne Namen, ohne Recht. Schuld immer dann, wenn im Dorf ein Unglück geschieht. Man hasst und fürchtet sie, obwohl sie hilft und alles tut, um sich in Dorf einzufügen. Wäre der Bethaus-Vater, der im Dorf das Gesetzbuch hütet, den Tag in Zeit einteilt und als einziger viel mehr zu wissen scheint als alle andern, nicht ihr Beschützer, wäre die alte Mariah nicht, der sie zur Hand geht, die ihr das gibt, was einst mit ihr in der Schachtel lag; ein in Leder gebundenes Buch, Hefte, eine Feder, Stift und Tinte und sie in Geheimnisse einweiht, die sie zu einer Verbündeten machen, wäre die junge Frau verloren, Freiwild, Beutetier, Zielscheibe.

„Miroloi“ ist aus der Sicht der jungen Frau erzählt, der man nicht nur ein Leben in der Gemeinschaft vorenthält, sondern auch all das, was über dem grossen Meer geschieht, was von Flugzeugen mit weissen Streifen an den Himmel gezeichnet wird, was mit dem Schiff immer wieder vom Händler und vom Arzt vom Festland auf die Insel gebracht wird. Die Dorfgemeinschaft auf der Insel ist Metapher für all die abgeschotteten, in sich geschlossenen Systeme, seien sie politisch, gesellschaftlich oder religiös. Man verschliesst sich der Welt, weil man sich schützen will, weil das Böse ausserhalb geortet wird und man Veränderungen für etwas grundsätzlich Bedrohendes hält.

Karen Köhlers Schreibort

Die Dorfgemeinschaft aber bröckelt an vielen Stellen: Ein Hubschrauber kreist eines Tages über den Häusern und bringt mehr als nur den Staub auf den Strassen zum Wirbeln. Ein Beamter mit Ledermappe und Mantel besucht die Insel und verspricht, nun endlich den Fortschritt in Form von Strom auf die Insel zu bringen. Und der Händler, der mit dem Schiff jene Dinge bringt, die auf der Insel fehlen, erzählt von Maschinen, die Wäsche waschen, Brote backen. Das patriarchalisch eingerichtete System wird von jenen Frauen in Frage gestellt, die mehr oder weniger laut nach dem rufen, was ihr Leben aus Arbeiten und Pflichten erleichtern würde. Es kocht auf der Insel, als würde eine Magmakammer voller Emotionen unter dem Dorf die Insel zum Zittern bringen.

Und zwischen all den kleinen und grossen Geschichten die der jungen Frau, die ihren Makel nicht nur als steifes Bein mit sich herumzieht. Als Aussenseiterin, die überall dort arbeiten muss, wo Hilfe gebraucht wird, sieht sie in die Leben vieler. Weil sie die Ziehtochter des alten Priesters, des Bethaus-Vaters ist, bleiben Geheimnisse nicht verborgen, das, was die Männer und Frauen an einen Wunschbaum hängen. Und als Yael auftaucht, ein Bethaus-Schüler, einer, der hinter Mauern hätte verborgen bleiben müssen, genauso wie die Gefühle, die über die beiden hereinbrechen, als der Bethaus-Vater stirbt und die alte Ordnung im Dorf auseinanderbricht und Katastrophen unabwendbar werden, wird aus dem Mädchen, das von Yael endlich einen Namen erhält, eine Rebellin.

„Miroloi“ ist wie ein Theater, überzeichnet, entrückt, aus der Zeit gefallen. Das Geschehen hängen geblieben zwischen Realität und Fantasie, auf einer Insel eben. Aber genau das muss Karen Köhler interessiert haben: Was geschieht in geschlossenen Systemen, die sich der Realität entgegenstellen? „Miroloi“ entwickelt einen ungeheuren Sog, auch wenn die holzschnittartigen Figurenzeichnungen fast wie Karikaturen wirken. Doch das Buch ist voller Wirklichkeit, voller Realitätsbezüge, stellt Fragen, peitscht auf.

© Julia Klug

Karen Köhler hat Schauspiel studiert und zwölf Jahre am Theater in ihrem Beruf gearbeitet. Heute lebt sie auf St. Pauli, schreibt Theaterstücke, Drehbücher und Prosa. Ihre Theaterstücke stehen bei zahlreichen Bühnen auf dem Spielplan. 2014 erschien ihr viel beachteter Erzählungsband «Wir haben Raketen geangelt». 2017 erhielt sie für ihren Roman «Miroloi» ein Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung, 2018 das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds.

Webseite der Autorin

Themenseite des Verlags zum Buch 

Norbert Scheuer «Winterbienen», C. H. Beck

Nicht alle in Kall in der Eifel mögen Norbert Scheuer. Und nun hat er es endlich getan, endlich «etwas Gutes» über Kall, die Gemeinde in der Eifel, geschrieben. Dabei erzählt Norbert Scheuer, dessen Bücher sich tatsächlich stets um diese Gemeinde drehen, immer von der Welt, vom Hin- und Hergerissen-Sein. Dass er mit «Winterbienen», seinem neusten Roman, einmal mehr auf einer Long- oder Shortlist zu einem grossen Preis steht, verwundert mich nicht.

Egidius ist Bienenzüchter. Neben gelegentlichen Nachhilfestunden in der städtischen Leihbibliothek in Latein ist das seine einzige offizielle Einnahmequelle in einem kleinen Städtchen in der Eifel. Die Situation ist gespannt, der Krieg 1944 für die einen verloren und die andern kurz vor der letzten siegreichen grossen Gegenoffensive. Egidius ist Epileptiker, was für den parteistrammen örtlichen Apotheker Grund genug wäre, den Bienenzüchter zu verraten, denn seit die Nationalsozialisten an der Macht sind, gelten nicht nur Epileptiker als unwertes Leben. Euthanasie kostete Zehntausenden ihr Leben.

Während Bienenvölker nur als Kollektiv funktionieren und sich Egidius fast väterlich um seine Völker kümmert, zerfällt das Tausendjährige Reich zusehends. Man macht in der Umgebung des Städtchens Jagd auf desertierte Wehrmachtssoldaten und abgeschossene amerikanische Soldaten und brüstet sich in den Gasthäusern des Städtchens damit, ordentlich aufgeräumt zu haben. 

Egidius erwartet seinen nächsten Auftrag als Flüchtlingshelfer. Während der Krieg immer unkontrollierter tobt, gibt es noch immer Verzweifelte, die über die nahe Grenze nach Belgien fliehen wollen, weg vom Epizentrum faschistischer Gräuel. Das, was Egidius für seine Fluchthilfe bekommt, braucht er, um die Medikamente beim Apotheker zu bezahlen, die ihm ein einigermassen erträgliches Leben garantieren, die die Anfälle erträglich machen und seine Einschränkung verstecken lässt. Egidius packt Flüchtlinge auf die Ladefläche seiner Kutsche und tarnt diese als zu transportierende Bienenvölker. Ein gewagtes Unternehmen an all den Kontrollen vorbei. Zumal sich Egidius als Frauenversteher- und verführer im Städtchen wohl Freundinnen macht, aber auch Feinde.

„Das Volk schrumpft zwangsläufig, denn um die kalte Jahreszeit zu überleben, braucht es nicht so viele Bienen.“ Ein Bild, das auch für die letzten Monate des sterbenden Dritten Reiches passt. Während Heerscharen von jungen und alten Männern, den Landsern, in einen sinnlosen Endsturm geschickt wurden, Minderjährige zu Kindersoldaten wurden, in Radio und Zeitungen die unmittelbare Nähe des Endsieges prophezeit wurde, starben Deutsche in Städten, Kellern, Schützengräben, U-Booten und Schiffen wie die Fliegen. Eine kalte Jahreszeit!

Der Krieg wird immer unmittelbarer. Bombentreffer, Treffer von Tieffliegern. Egidius Fluchthilfe immer riskanter. Eine junge Frau verliert ihr Neugeborenes nach seiner Fluchthilfe, weil sie vergewaltigt wird und niemand merkt, dass im Rucksack auf ihrem Rüchen ein kleines Kind versteckt ist. Ein Professor stirbt in einem seiner zur Flucht präparierten Transportbienenstöcke. Es droht Verrat überall. Seine Medikamente werden immer knapper, seine Anfälle und Aussetzer immer häufiger. Das Grosse und Kleine kollabiert.

Norbert Scheuer interessiert sich im Kleinen für das Grosse. Sein Roman ist vielschichtig, feinfühlig und von grosser Intensität. Aufgebaut wie das Tagebuch eines Bienenzüchters und -forschers, auf den Spuren von Ambrosius Arimond, einem seiner Vorfahren aus dem 15. Jahrhundert, nimmt mich Egidius Arimond an der Hand und führt mich durch das Urftland, die Gegend um die Gemeinde Kall in der Eifel, zu einer Zeit, als Köln bereits in Schutt und Asche lag und das grosse Sterben apokalyptisch wurde.

Grosse Literatur mit tiefer Wirkung, geschrieben mit einem sensorischen Gefühl für ein Leben in einer Endzeit.

Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane «Die Sprache der Vögel» (2015), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, und «Am Grund des Universums» (2017). Sein Roman «Überm Rauschen» (2009) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und war 2010 «Buch für die Stadt Köln».

Beitragsbild © Sandra Kottonau