Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber

Ich esse Giannas After Eights. Ich war nur zwei Tage weg. Aber wie ich hier sitze, wie ich in der Küche sitze, wie still es hier ist, wie still ich es auszuhalten vermag – so kenne ich mich nicht. Es ist, als sitze hier eine andere. 

Gianna hatte mich wie verabredet angerufen. Ich hatte seit ihrer Abreise darüber nachgedacht, was ich sagen würde, wenn es so weit war. Ich mache das oft: Ich spiele im Voraus Varianten durch von Gesprächen, die ich beunruhigend finde. 

Als ich in Santa Maria aus dem Postauto stieg, ging ich wie selbstverständlich die Strasse hoch Richtung Umbrail. Ich hatte zur Sicherheit die Adresse gegoogelt. Es wäre nicht nötig gewesen. Als ich da war, erinnerte ich mich. 

Ich betrat Madlainas Haus. Ich blieb lange im Flur. Ich betrachtete die Aquarelle, die in einer langen Reihe hingen. Porträts von Bergen. Ich stand vor ihnen, als sei ich eigens gekommen, um sie zu betrachten. Ich hatte kalte Füsse. Die Tür wurde ständig geöffnet. Leute kamen, Leute gingen. Dann kam Gianna, sie nahm meine Hand. 

Es tut mir so leid, sagte ich. Immerhin hatte sie keine Schmerzen.
Gianna lachte. Hast du wieder einmal Sätze auswendig gelernt? Komm herein. Ich bin froh, bist du da. 

Da war die Stube, wie ich sie kannte. Da war das leise Zurren der Uhr, der Ofen, die Ofenbank mit dem gewobenen Kissen. Mein Blick floh aus dem Fenster. Draussen versammelten sie sich in der Kälte. Die Bäume und Wiesen waren weiss gepudert, dabei war erst September. Auch in Zürich hatte der Herbst sich verabschiedet. So plötzlich, dass man denken konnte, er bringe nur eben ein paar Gläser Eingemachtes in den Keller und kehre dann wieder. 

Letzte Woche noch hatten wir im T-Shirt im Garten gestanden. Gianna grub den Kompost um. Sie trug keine Handschuhe. Ich fragte sie nicht, ob sie sich ekelt. Es war offensichtlich, dass sie es nicht tat. Ich ekle mich nicht nur vor Würmern. Ich trage sogar Handschuhe, um Salat zu ernten. Ich hasse die Asseln, die sich unter den Blättern verstecken. Die Schnecken, die Tausendfüssler, im Grunde alle Vielfüssler – die Spinnen und Käfer.

Schau mal, wie hübsch, sagte Gianna und zeigte auf Nester von Schneckeneiern. In der dunklen Erde sahen sie aus wie silberne Perlen. Sie sammelte sie ein und verstreute sie am Wegrand, auf dass die Vögel sie frässen. Ich habe Gianna im Garten nie schimpfen gehört. Nicht einmal im letzten Sommer, als die Schnecken fast die ganze Salaternte weggefressen hatten.
Ich bin sicher, als Kind hast auch du Schnecken und Würmer gestreichelt, sagte Gianna.
Ich kann mich nicht erinnern.
Gianna sagte, das Kompostieren mache sie glücklich. Denk an den Mangold und an die Erdbeeren, die wir bald essen werden. 

In der Stube roch es nach Weihrauch. Ich lehnte mich an die Wand. Gianna lehnte sich an mich. Ich mochte Weihrauch nicht, so wie ich früher After Eights nicht gemocht hatte. Beides überwältigt mich, beides ist mir zu viel. Weihrauch zu viel an Bildern, After Eights zu viel an Geschmack. Doch hier in dieser Stube war Weihrauch nicht mehr als Rauch, der entsteht, wenn Harz brennt. 

Ich frage mich, was es ist. Warum neben Gianna alles so einfach ist. Sie hielt mir eine Packung After Eights hin und sagte: Zucker, Kakao, Fett, Minze, Salz. Es sind nicht so viele Bestandteile, dass sie dich erschrecken müssten. 

Wenn ich früher den Kompost wegbrachte, bemühte ich mich, die Abfälle nicht zu berühren. Ich hatte einen Plastiksack über den Eimer gespannt, den ich beim Entsorgen sorgsam ausschüttete und so faltete, dass meine Finger sauber blieben. Den Sack entsorgte ich danach im öffentlichen Abfall. Ich hätte ihn nie zurück nach Hause genommen. Schon so hatte ich das Gefühl, den Geruch nicht mehr loszuwerden. Ich roch die sich zersetzenden Abfälle noch lange. Einmal beobachtete Gianna mich dabei und sah mich an, als käme ich vom Mars. 

Beim Kompostieren letzte Woche hielt sie mir einen Maiskolben hin. Ich begriff nicht, was sie mir zeigen wollte, und wagte nicht nachzufragen. Es war mir peinlich, so wenig vom Gärtnern zu wissen. Hätte der Maiskolben nicht auf den Kompost gehört? Gianna legte ihn auf die kleine Mauer, die unseren Schrebergarten von den anderen trennt. Als sie sich wieder dem Haufen zugewandt hatte, ging ich hin und betrachte den Kolben. Man erkannte noch die einzelnen Kämmerchen der Körner. Sie waren durch filigrane Wände voneinander abgetrennt. Während die Kerngehäuse der Äpfel, ihre Schalen, die Zucchiniabschnitte, die Fenchelstängel, die Kürbiskerne, die Kartoffelschalen sich vollkommen zersetzt hatten, war der Maiskolben in Form geblieben. Ich war sonderbar berührt. 

In der Stube war es ruhig. Viel ruhiger, als ich es mir hatte vorstellen können.
Die Katze ist anders als sonst, raunte Gianna. Sie sass einer Statue gleich auf dem Stuhl neben der Tür, inmitten des Gedränges. Normalerweise flieht sie vor den Menschen. 

Madlainas Sarg war schlicht. Er war aus Arve oder aus Lärche. Aus irgendeinem Nadelholz jedenfalls. Innen war er wattiert und mit festem Leinen bezogen. Gianna hatte Madlainas Zöpfe frisch geflochten. Sie hatte sie auch angezogen, ihre Lieblingshose gewählt und ein schlichtes Hemd, darüber die Weste, die Madlaina fast täglich getragen haben soll. Gianna hatte ihr Kornblumen zwischen die Finger gesteckt. 

Als ich Gianna in Zürich kennenlernte, war ich neugierig, wo sie herkommt. Wir frotzelten, dass wir uns irgendwann zeigen würden, wo und wie wir aufgewachsen waren.
«Wir besteigen ein Raumschiff und reisen zurück auf unsere fernen Planeten.»
Gianna ist dermassen anders als ich. Bei all dem Vielen, was sie macht, scheinen ihr die Gedanken nie davonzufliegen. Sie kocht. Sie isst. Dann wäscht sie ab. Sie sagt, wenn sie nicht da ist. Sie schimpft, wenn sie wütend ist. Sie spricht mit mir. Sie schaut mich an. Sie sieht mich. Sie ist bei mir. Ich brauchte nicht lange mit Madlaina zu sprechen, um Gianna in ihr zu erkennen. Ich kenne sonst niemanden, der so genau spricht. Sie sind oft still. Aber wenn sie reden, ist es, als genössen sie jeden Vokal, jeden einzelnen Konsonanten. 

Meine Familie ist anders: Wir machen immer fünf Dinge zugleich und alle schlecht. Wir sind laut. Wir kommentieren, was wir machen, was wir gemacht haben. Wir sagen etwas und meinen etwas vollkommen anderes. Mein Vater rennt immerzu. Ausser er fährt Rad. Er ist stets besorgt, er könnte das Beste verpassen. Und Mama? Auch sie macht alles zu schnell. Sie verschluckt Worte. Sie führt ihre Sätze selten zu Ende. Als ich Gianna kennenlernte, war mir, als atme ich zum ersten Mal aus. 

Während ich Madlaina betrachtete, versuchte ich, meine Hände ruhig zu halten. Da war immer ein Zucken. Ich versuchte, still zu stehen. Ich versuchte, beide Füsse gleich zu belasten. Meine Beine standen ruhig. Nur was mache ich mit meinen Händen? Ich faltete sie probeweise wie zum Gebet. 

Ich würde das Aussprechen von Konsonanten auch gerne geniessen.
M-A-D-L-A-I-N-A. Es ist sonderbar, den Namen einer Toten zu denken. Es ist, als hätte etwas den Namen verlassen. Als sei da nur noch ein bleiches Buchstabenskelett. 

Der Pfarrer sprach den letzten Segen. In Gedanken legte ich Mama in den Sarg. Meinen Vater. Meinen Bruder. Und mich selbst. 

Ich hätte mir gewünscht, die Stille aushalten zu können. Nichts sagen zu müssen. Ich schaffte es nicht. «Sie sieht zufrieden aus.» Danach kniff ich die Lippen zusammen. Ich streichelte Giannas Hand. Ich hörte uns atmen. 

Vier Männer in dicken Daunenjacken betraten die Stube, sie hoben den Deckel und verschlossen den Sarg mit dicken Schrauben. Sehr hübschen Schrauben. Jemand schluchzte. 

In einem solchen schlichten Sarg will ich irgendwann liegen. (Wenn sich das Sterben schon nicht vermeiden lässt.) 

Wir gaben Madlaina das letzte Geleit. Die Kirchenglocken läuteten. Ich ging neben Gianna. Auch auf dem Friedhof stand ich neben ihr. Sie senkten den Sarg ab. Es war nicht meine erste Beerdigung. Aber zum ersten Mal in meinen Leben hatte sie nichts Surreales. Zum ersten Mal floh ich mich nicht anderswo hin. Nicht in den Himmel. Nicht zurück. Da war Holz. Hinter dem Holz lag Madlaina. Da war ein Loch in der Erde. Das Loch war an einer Stelle zu eng. Sie hoben den Sarg an den Seilen nochmals hoch. Einer nahm die Schaufel. Er grub kurz und energisch. Danach passte der Sarg in das Loch. 

Gianna löste sich aus meiner Umarmung, sie machte einen Knicks. Sie liess die Lilien aus ihrer Hand aufs Grab hinabfallen.
Ich zog die Handschuhe aus und schüttete etwas Erde auf den Sarg. 

Der Tod war hier dermassen beiläufig. 

Jetzt mag ich After Eights. 

Micha Friemel, geboren 1981 in St. Gallen, hat in Basel Deutsch und Geschichte sowie in Biel Literarisches Schreiben studiert. Heute lebt sie mit Mann und Kindern in Santa Maria Val Müstair. Nebenbei führt sie eine kleine Pension für «kreativen Rückzug» (www.chasa-parli.ch). Mit ihrem Text «Kompost» hat sie 2019 den Schreibwettbewerb Open Net der Solothurner Literaturtage gewonnen. Im kommenden Frühling erscheint ein Kinderbuch von Micha Friemel zusammen mit der Zeichnerin Jacky Gleich bei Hanser!

Beitragsbild © Nina Mann

David Weber «Reduit», Knapp Verlag, Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni

„Mich reizen Antihelden!“
„Reduit“ heißt der neue Roman von David Weber, der in Bergell schreibt, in Zug wohnt und auf die Schweizer Mentalität seinen Antihelden loslässt.
Urs Heinz Aerni stellte ihm Fragen.

Urs Heinz Aerni: In Ihrem Roman „Reduit“ versuchen drei Freunde ehemalige Bunker der Schweizer Armee an sicherheitsbedürftige Reiche zu verkaufen. Eigentlich eine super Idee, könnte dies nicht auch real sein?

David Weber: Man weiß nie, wann andere auf die gleiche Idee kommen, so weit hergeholt ist sie ja nicht, sagt Heinrich Schultheiss auf Seite 56 des Romans, um seine Eile für die Umsetzung des Plans zu rechtfertigen. Tatsächlich war im März 2019 den Medien zu entnehmen, dass eine Privatperson die Festung Furggels bei Sargans – die drittgrößte Festungsanlage des Reduits – gekauft hat, um sie als Arche Noah für den Katastrophenfall zu nutzen. Das „bombensichere“ Geschäft zielt wie im Roman „Reduit“ auf finanzkräftige Ausländer.

Aerni: Die Story bringt den Lesenden nicht nur in ein Netz von Täuschung und Gier, sondern man wird Zeuge eines Zerfalls von Freundschaften. Im Zentrum steht die Figur Al, ein etwas zögerlicher und unsicherer Mann. Wie haben sie diesen erfunden oder entdeckt?

Weber: Mich reizen Antihelden. Al von Rickenbach ist ein erfolgloser Architekt, der lieber kocht. Er ist zwar auf den ersten Blick cool, hat sich in einem netten Leben als Junggeselle mit wechselnden Partnerschaften eingerichtet. Aber effektiv flüchtet er vor der Verantwortung einer Beziehung. Er ist zufrieden, wenn er in Ruhe gelassen wird – ein Umstand, der sich im Laufe seines „Reduit“-Engagements radikal ändert und zur Prüfung wird.

Aerni: Dürfte „Reduit“ auch als ironische Spiegelung der Schweizer Mentalität interpretiert werden?

Weber: Natürlich. Man kann den Roman als Parabel auf das Schweizerische Sicherheitsdenken sehen. Wir haben das Geschäft mit der Angst kultiviert: Versicherungen und Banken leben davon, Normen und Gesetze sichern ab. Sehr schweizerisch.

Aerni: Auf der Rückseite des Buches lobt ein Stabsoffizier Ihren Roman u. a. mit den Worten „Vorsicht beim Lesen!“. Rechnen Sie mit weiteren Reaktionen aus Militärkreisen, da sie deren Reduit wieder ins Scheinwerferlicht bringen?

Weber: Das Lob sehe ich eher als Augenzwinkern. Das Reduit bildet zwar den Drehpunkt der Story, aber militärisch ist die Geschichte keineswegs.

Aerni: Der Roman spielt u. a. in Zürich. Sie als gebürtiger Zuger leben in Zug, wäre denn Zürich nichts für Sie?

Weber: Ich hatte meine Planungsfirma in Zürich. Ich liebe Zürich, kenne die Stadt. Ich lebe in Zug und im Bergell, bin immer noch viel in Zürich, aber Leben muss ich nicht dort. Zug liegt 25 Bahnminuten entfernt.

Aerni: Der Bauboom in Zürich ist ungebrochen, ganz ehrlich und unter uns, wie bewerten Sie als Architekt die aktuellen Bautrends?

Weber: Ich habe die städtebaulichen Entwicklungen in der Agglomeration Zürich mitverfolgen können. Es gibt viele positive Ansätze und viele ernüchternde Fehlplanungen. Die Frage des Maßstabs und der adäquaten Nutzungen bilden viel Konfliktpotential. Private Investoren suchen in erster Linie die Rendite, nicht den Konsens mit der Stadt und ihren Bewohnern.

Aerni: Sie sind und schreiben oft im Bergell, auch eine Art Reduit für Sie?

Weber: Das Bergell wurde für mich und meine Frau zu unserer zweiten Heimat. Es ist eine kulturelle Herausforderung und ein Gegenpol zum städtischen Mittelland. Wir haben fantastische Menschen kennengelernt und sind viel in der Natur, deshalb ist es kein Ort, wo ich mich einbunkern will, sondern ein Ort der Inspiration.

Aerni: Ein Zuger findet im Gotthard ein Roman-Motiv. Wo im Bündnerland gäbe es auch noch Orte, in denen Romanstoffe schlummern könnten?

Weber: Da könnte ich viele nennen. Sils, die Seen, der Nationalpark, Davos (ein neues Projekt wird dort beheimatet sein) und es gibt die Persönlichkeiten, die zum Schreiben anregen. Die Zuckerbäcker, die Künstler, Alberto Giacometti als Paradebeispiel des erfolgreichen Auswanderers.

Aerni: Warum würden Sie anderen Romanciers das Bergell als Schreibort empfehlen?

Weber: Das Bergell ist eine faszinierende „andere“ Welt, eine Mischung aus Abgeschiedenheit und Offenheit. Eine Landschaft der Gegensätze. Einerseits das Wilde des engen Bergtals, anderseits die Offenheit des Oberengadins und die Verbindung zu Italien. Es ist eine Situation, die herausfordert und anregt.

David Weber, Architekt, Musiker und Autor, lebt und schreibt in Zug und Caccior (Bergell). Er studierte «Literarisches Schreiben» an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich. Sein erster Roman „Kral“ erschien 2018 und sein neuer Roman „Reduit“ in diesen Tagen im Knapp Verlag.

«Sprachsalz» Internationale Literaturtage Hall im Tirol mit literaturblatt.ch

Die AutorInnen der 17. Auflage der Internationalen Literaturtage Sprachsalz (6. – 8. September 2019) erzählen von monströsen Realitäten, über das leise Unglück, aussergewöhnliche Freundschaften und zeigen ein berauschendes Panoptikum unserer Wirklichkeit: Neben Vladimir Sorokin, Elke Heidenreich, Zoltán Danyi, Philipp Weiss, Durian Sukegawa, Lorenz Langenegger und Marie Modiano kann man sich auf viele weitere internationale literarische Stimmen freuen.

Zu Gast ist in diesem Jahr Vladimir Sorokin, der seine Kritik am politischen System Russlands mit den Mitteln der Satire in Erzählungen über irrwitzige und oft dystopische Welten übersetzt. Sein aktueller Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs» (Kiepenheuer & Witsch) ist eine bitterböse Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, dessen Angriffen der russische Schriftsteller und Dramatiker selbst bereits ausgesetzt war. (Eine Rezension auf literaturblatt.ch folgt.)

Dass Krieg für die Betroffenen nie enden kann, stellt der Autor Zoltán Danyi, Angehöriger der ungarischen Minderheit in Serbien, in seinem zorniger Romanerstling „Der Kadaverräumer“ (Suhrkamp) eindrucksvoll unter Beweis.
Wer ist dieser Erzähler, der in einem reißenden Redestrom zwischen den traumatischen Schauplätzen seines Lebens hin und her taumelt? Ist er Opfer, Täter? Oder einfach Überlebender des Jugoslawienkrieges?

Philipp Weiss – Rauriser Literaturpreisträger 2019 – macht in seinem umjubelten fünfbändigen Romandebüt über Fortschritt und die drohende Selbstzerstörung der Menschheit die Komplexität der Welt, in der wir leben, erzählbar. Fünf Bücher, eine Enzyklopädie, eine Erzählung, ein Notizheft, eine Audiotranskription und ein Comic (jener gezeichnet von Raffaela Schöbitz). Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen (Suhrkamp) heisst das Panoptikum, das Konvolut an Texten, Illustrationen, Berichten, Zeichnungen. 1000 Seiten, von denen der Autor Philipp Weiss meint, es gäbe keinen Anfang, an dem man mit der Lektüre beginnen müsse, weder eine chronologische, oder sonst logische Linie, der man folgen müsse. „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ ist eine literarische Welt, in die man abtauchen kann, die übersprudelt von Ideen, Querverweisen, sprachlicher Vielfalt, Überraschungen und optischem Genuss.

Die literarischen Miniaturen „Alles kein Zufall“ (Hanser) der Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Kabarettistin und Journalistin Elke Heidenreich sind eine Liebeserklärung an das Leben mit all seiner Tragik und Schönheit und amüsante und kluge, traurige und komische Geschichten, in denen man sich wiedererkennen kann – und die dann zusammenwachsen zu einem einzigen Roman jedes unwiederholbaren Lebens

In seinem küchenphilosophischen Roman „Kirschblüten und rote Bohnen“ (Dumont) erzählt der japanische Schriftsteller, Schauspieler, Punkmusiker und Moderator Durian Sukegawa die Geschichte einer besonderen Freundschaft und über den Glauben an die kleinen Dinge des Lebens – melancholisch, ohne sentimental zu werden, berührend, ohne kitschig zu sein. In Kooperation mit dem Leokino Innsbruck ist die gleichnamige preisgekrönte Verfilmung von Naomi Kawase im Rahmen des Festivals zu sehen.

In seinem im August erscheinenden „Jahr ohne Winter“ (Jung und Jung) begleitet der in Wien lebende Schweizer Autor Lorenz Langenegger seinen liebenswerten Alltagshelden Jakob Walter erneut bei einem Abenteuer wider Willen, das ihn diesmal nach Australien führt: Einmal mehr ein feinsinniger Roman mit präzisem Blick für kleine Risse im zwischenmenschlichen Glück.

Die französische Singer-Songwriterin und Autorin Marie Modiano liest aus ihrem bildgewaltigen Reisebuch „Ende der Spielzeit“ (Edition Blau, Rotpunkt) über ein Leben, das aus den Fugen geriet: Sie verwebt in ihrem autofiktionalen Roman das unbehauste Dasein einer jungen Künstlerin, die erstmals die Härten des Theaterbetriebs zu spüren bekommt, mit dem Widerhall einer frühen, tiefen Liebe. (Rezension auf literaturblatt.ch)

Jochen Veit «Mein Bruder, mein Herz», Arche

Benno und Stephan sind Brüder. Als der 13 Jahre jüngere Benno an den Folgen eines Zeckenbisses erkrankt und sein Kopf, aber nicht sein Lebenswille durch den Schmerz zu zerreissen droht, wächst zwischen den Geschwistern ein Band, das selbst durch das Verschwinden der Eltern und einen schrecklichen Verdacht nicht durchschnitten wird.

Was der junge Jochen Veit als Erstling vorlegt, ist beeindruckend, in jeder Hinsicht. Jochen Veit erzählt eine Geschichte, viele Geschichten in einer, ohne eine der Geschichten zu Ende zu erzählen. Jochen Veit will mit seinem Erzählen nicht klären, schon gar nicht erklären. Es geht ihm um das Geheimnis an sich; das Geheimnis einer Bruderschaft, die durch schwierige Zeiten gestählt ist, das Geheimnis in einer Familie zwischen Kindern und Eltern, die sich voneinander entfernen, das Geheimnis von Mutter und Vater, die sich eines Tages ganz entfernen und verschwinden, das Geheimnis einer Gegend, in der Landschaft viel mehr ist als Kulisse, ein Baum nicht einfach ein Baum, ein Haus nicht bloss ein Haus. Jochen Veit spielt mit den Genres; dem Heimatroman, dem Krimi, dem Horror, der Traumgeschichte, die abzudriften droht, dem Rückkehrerroman. Und das alles in bestechender Sprache, den permanenten Zwiespalt erzeugend, ob man versteht oder nicht, mit grosser Geste in kleinen Räumen und Sätzen, die mich mit Entzücken zwingen, sie noch einmal zu lesen.

Stephan ist in die Stadt gezogen, hat sich Monate, Jahre nicht mehr bei seinem jüngeren Bruder gemeldet, mit dem ihn einst nicht nur Bruderschaft verband, sondern gemeinsam überstandener Schmerz, sei es jener einer einschneidenden Krankheit, oder der Schmerz, das zu vermissen, was die Eltern nicht zu schenken vermochten; Zuwendung, Liebe, Anwesenheit. Es ist nicht nur der Alp einer schlimmen Krankheit, der Keile in die Familie trieb. Irgendwann verschwanden die Eltern, blieben für immer weg, hinterliessen zwei Brüder zusammen mit Alfred, einem alten Freund der Familie, der sich den beiden Jungen annahm, hinterliessen ein Geheimnis, das Stephan nicht mehr mittragen wollte und konnte. Kaum erwachsen ertrug Stephan die mit Mühe aufrecht gehaltene Idylle des Schwarzwaldes nicht mehr. Die Schwärze des Waldes hatte seine Eltern geschluckt. Der Hund mit Namen Cadejo (in der zentralamerikanischen Folklore ein hundeähnlicher Geist aus der Nacht) vermochte die Brüder nicht mehr zu schützen.

Irgendwann kommt er aber doch zurück. Nicht zuletzt gerufen von Alfred, der sich immer mehr über den mittlerweile erwachsen gewordenen Benno wundert, über seine Ausbrüche, seine Anspielungen. Alfred bittet Stephan flehentlich, ins Haus seiner Eltern zurückzukehren, weil er glaubt, dass ein schreckliches Geheimnis aufzubrechen droht, zurück in ein Haus, einen Garten, ein immer offensichtlich leerer werdendes Dorf, in eine Landschaft, die Stephan vor Jahren zur Flucht zwang. In ein Leben, das seit dem Verschwinden der Eltern unmöglich geworden war.

Jochen Veit rüttelt mit seinem Roman „Mein Bruder, mein Herz“ an den Urängsten eines jeden; dass Eltern spurlos verschwinden, dass Eltern ihre Kinder willentlich zurücklassen, über die Unmöglichkeit Familienbande, Bruderschaft zu kappen. Was in der Kindheit wächst und durch Schicksal gehärtet wird, lässt sich nicht einfach vergessen, amputieren.

„Mein Bruder, mein Herz“ hallt unweigerlich im eigenen Erleben nach. Jochen Veit hat Sätze geschrieben, die sich eingraben, eine Geschichte, die erfrischend verunsichert, ein Buch, das wörtlich begeistert und eine Art des Schreibens, die viel für die Zukunft verspricht! Einen Roman, der vieles offen lässt, vieles bloss in eine Richtung zu rollen anstösst, der mir Leser einiges abverlangt.

„Wir sind alle endgültig alleine.“

Ein Interview mit Jochen Veit:

In ihrem Roman geht es letztlich um Familie und um das, was sie zusammenhält, selbst dann, wenn Eltern verschwinden. Sie spielen mit Gegensätzen; auf der einen Seite die Bilderbuchlandschaft des Schwarzwalds, ein Dorf, ein Haus, ein Garten – auf der andern Seite der verwilderte Garten als Metapher der Familie selbst, leere, verlassene Häuser, ein Hund mit Namen Cadejo. Die Krankheit von Benno, als er ein Kind war und an dieser zu sterben drohte und ein nicht einzuordnender Husten seines grossen, älteren Bruders, das Offenbare und das Verborgene. Wo liegt das Epizentum ihres Romans?

Als ich überlegt habe, wie ich auf diese Frage antworten soll, habe ich mich ein bisschen durchs Internet geklickt und gelernt, dass Erdbebenherde (Hypozentren) nicht eigentlich punktuelle Brüche der Erdkruste sind, sondern (Bruch-)Flächen. Bei besonders gravierenden Erdbeben können sich diese über etliche Kilometer erstrecken. Das Epizentrum wäre dann der Ort, an dem diese Bruchflächen ihre Wirkung an der Oberfläche zeigen. Das müsste die Konfrontation der beiden Brüder sein – während die Bruchflächen unter ihnen sich kilometerweit erstrecken und auch die Katastrophe nicht am Ort dieser Konfrontation eingesperrt werden kann.

Zeitlich ordne ich ihren Roman in nicht allzu ferner Zukunft an, ohne dass ich ihren Roman in die Schublade „Dystopie“ stecken könnte. Die beschriebene Gegenwart bröckelt. Und genau diese Tatsache fasziniert. Sie entziehen sich mit ihrem Buch einer Einordnung. Es scheint ihnen nur vordergründig um eine Geschichte zu gehen. Viel mehr um all das, was sich weder erzählen noch erklären lässt. War das von Beginn weg Plan?

Das ist eine sehr freundliche Einschätzung. Ganz zustimmen würde ich allerdings nicht, die Geschichte ist wichtig. Ich finde, man sollte im 21. Jahrhundert nicht so schreiben, als hätte es die Postmoderne nicht gegeben: Spannung kann auch faszinieren, insbesondere wenn sie nicht zu einfach gestrickt ist. Insofern war gerade diese Kombination von Beginn an der Plan, d.h. den ‚Plot‘ zu erzählen und zu den Bruchflächen vorzudringen.

Ihr Roman strotzt vor Andeutungen. Einmal fällt der Nebensatz „wie diese drecksverdammten Nazieltern es verdient hätten“. Eine Andeutung, die nie wieder aufgenommen wird, die mich als Leser stehen lässt, verunsichert. Eine Eigenschaft ihres Romans, die man ihnen leicht vorwerfen könnte, dabei aber nur die unmittelbare Nähe des Erzählers schildert, so wie jeder in seinem Erzählen dauernd andeutet und niemals alles zu einem Ende erzählen kann. Wie sehr war der Roman ein Kampf mit einer Lektorin oder einem Lektor?

Glücklicherweise gab es eigentlich gar keinen Kampf mit meiner Lektorin, es war viel mehr eine sehr gründliche Detailarbeit. Das lag wohl daran, dass sie das ästhetische Programm des Romans durchblickte und dann innerhalb dieses Rahmens ihre Anmerkungen vorgenommen hat. Der Nazi-Ausruf Bennos korrespondiert mit einigen anderen Textelementen, auch wenn diese Andeutung in Bezug auf die Eltern tatsächlich nicht auserzählt wird. Man muss aber auch bedenken, wie das Wort «Nazi», gerade wenn ein Jugendlicher spricht, heute verwendet wird.

Ein Prolog, zwölf Kapitel, ein Epilog. So wage manch ein Erzählstrang, so klar die Struktur. Sie scheinen jemand zu sein, der Ordnung liebt, auch wenn inhaltlich nicht „aufgeräumt“ wird. Ist Schreiben nicht stets eine Form des Aufräumens?

Ab einem gewissen Zeitpunkt: ja. Aber der Anfang ist chaotisch, weil Kreativität eine chaotische, zerstörerische Kraft ist. Irgendwann aber muss sie gelenkt werden, sonst kann kein stimmiger Text entstehen. Ich selbst habe den Roman nicht linear geschrieben, das Ende war sogar einer der Textteile, die ich schon relativ früh fertiggestellt hatte.

Die Erzählstimme berichtet von Stephans Rückkehr an den Ort seiner Kindheit. In dem Masse wie er zurückkehrt und eintaucht, verliert er den Kontakt zu seinem Leben in der Stadt, zu seiner Freundin Nina, mit der er nur auf einem Hügel über dem Dorf via Mobilephon Kontakt aufnehmen kann. Muss man sich entscheiden zwischen Familie und neuem Leben? Zwischen Altem und Neuem?

Ich habe eine Zeitlang behauptet, ich hätte meinen Studienort ausgewählt, indem ich einen Zirkel in mein Heimatdorf gesteckt und einen Kreis von 200km (im Massstab) darum gezogen hätte. Das habe ich natürlich nicht, aber ich denke, ein bisschen Abstand kann nicht schaden, um sich von seinen Wurzeln zu emanzipieren. Das gehört wohl zum Erwachsenwerden und kann eigentlich nur gut sein für das Verhältnis zur eigenen Familie. Stephan fehlt hier das Mass, erst stürzt er sich rücksichtslos ganz ins Neue, dann kehrt er zurück, gepeinigt von seinem schlechten Gewissen, weil er den Kontakt mit dem jüngeren Bruder hat schleifen lassen – und das führt ihn in den Untergang.

© Vera Thielen

Jochen Veit wurde 1992 geboren. Er studierte Philosophie und Komparatistik in Mainz und Wien. Im Jahr 2016 war er Stipendiat der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung in Edenkoben und 2018 nahm er am Literaturkurs in Klagenfurt teil. Seine Texte erschienen in mehreren Literaturzeitschriften und Anthologien, u.a. in KRACHKULTUR und STILL. Er lebt in Köln.

Webseite des Autors

Beitragsbilder © Jochen Veit

Daniel Sonder «Liebe Sarah», Plattform Gegenzauber

Briefe haben die lästige Eigenart, einem erste Sätze abzuverlangen. Die beiden folgenden Varianten habe ich erwogen und dann verworfen:

(1) Wie du bereits bemerkt haben dürftest, ist ein Mail von mir zu dir gelangt. Ich habe dir geschrieben und soweit wir unseren Wahrnehmungen trauen können, bist du jetzt gerade dabei, es zu lesen.
(2) Noch ist nichts, zumindest, wenn davon abgesehen wird, dass «noch ist nichts» streng genommen nicht nichts ist. Inzwischen jedoch ist auf jeden Fall etwas.

Der Entscheid ist schließlich zugunsten dessen gefallen, was du bisher eben gelesen hast. Zu beachten ist, dass es immerhin um die ersten Sätze eines Briefes geht, der seinerseits ein erster ist von mir an dich. Sätze am Anfang bergen ein geradezu beängstigendes Zerstörungspotenzial. Schlagartig lassen sie Optionsräume von freiheitsrauschender Weite kollabieren zu erbärmlich engen Verschlägen, die auch noch den zaghaftesten Flügelschlag verwehren. Nur sind sie, sofern überhaupt etwas gesagt werden soll, kaum zu vermeiden, die ersten Sätze. Denn – müßig darauf hinzuweisen – Sätze über erste Sätze sind, so sie denn am Anfang stehen, auch erste Sätze.

Dir wird nicht entgehen, dass ich mich ein bisschen winde, bemüht bin, möglichst keine Gestalt anzunehmen, in der Gegend herumschillere und gleichsam zur Gasförmigkeit tendiere. Ich bitte um Nachsicht, da ich ja absolut null Ahnung habe, wie du diesem Brief, der nun real geworden ist, gegenübergestanden hast, solange er bloß als unscheinbarer Keimling im Raume der Möglichkeiten vor sich hindämmerte, d. h. während der Zeitspanne zwischen der Bekanntgabe deiner Mailadresse und jetzt. Restlos offen für mich die Frage, ob du meine Aussage, ich würde dir schreiben, gleich wieder vergessen hast oder seither mit hoher Frequenz deine Mailbox einsiehst, hoffend oder fürchtend, da könnte was von mir drin liegen, oder ob dir die beiden Alternativen gleichwertig sind, du aber neugierig bist, welche eintreten würde, oder ob nicht mal das oder einfach gar nichts. 
Aber genug nun des Herumdümpelns in seichten Gewässern, hinaus aufs offene Meer und hinabgehorcht in die dunklen Tiefen (Schaumkronen an der Oberfläche werden ignoriert, mögen sie auch Inspiration versprechen).

Folgendem Tagtraum habe ich mich neulich hingegeben: zu zweit loszufahren mit dem Auto Richtung Sizilien, Gibraltar, egal, wohin auch immer. Dabei kein Gedanke an die gängigen Zwecke einer solchen Reise. Weder ginge es darum, sich durch Kunst und Kultur beeindrucken zu lassen, noch um das Erleben kulinarischer Höhenflüge und ebenso wenig auch um Faulenzereien am Strand. 
Nein, Ziel wäre das Unterwegssein, das Niemandsland der Autobahnen. Von einer Kapsel umfangen, gleichsam in uteraler Geborgenheit durch die Welt zu gleiten in dieser drin und doch ihrem Zugriff entzogen. Auf sich selbst zurückgeworfen und darin miteinander verbunden zu sein. Sich dann Geschichten zu erzählen, erlebte und erfundene, Debatten zu führen, es eskalieren zu lassen, zu streiten, Einblicke zu gewähren und Ausblicke zu entwerfen, verlegen zu werden, zu lügen und sich dazu zu bekennen, sich zu fürchten, sich geborgen zu fühlen, sich zu berühren (gutesittenkonform – oder auch nicht), zu lachen und zu weinen, Rätsel zu lösen, zu tratschen, zu dösen, zu schweigen, dem anderen vorzulesen, aufschäumendes Cola zum Mund zu führen, den Vorder- oder Hintermann Arschloch zu nennen, Kaffee reinzukippen in verlassenen oder belebten Raststätten und gleich weiterzuziehen, zu fragen, was das alles überhaupt soll etc. – darum ginge es und das ausgedehnt und sich erstreckend, eindringlich und verwandelnd.

Was ist das? Eine Fantasterei, kultiviert und zur Blüte gebracht neulich allein im Auto auf einer langen Fahrt nach Hause. Der Urheber: ein verhinderter Romantiker, dem bisweilen ein Mutschub beschieden ist, der ihn sein Haupt erheben lässt, hinaus über die Schatten werfenden Mauern des Zynismus und der Melancholie. Ein flüchtiges Gebilde zunächst, umlauert von Zweifeln, in labilem Gleichgewicht, am Rande der Auflösung. Jetzt aber zu Papier gebracht, von Sarah gelesen und damit nun auch in ihrem Bewusstsein.
Beizufügen bleibt, dass ich beim Personal dieser Reise an dich und mich gedacht habe.

Zurück in unserer Stadt (ich unterstelle mal, dass es so weit kommen würde) ginge es dann so weiter: Es ist Nacht, schon spät, kaum jemand ist mehr unterwegs. Wir befinden uns auf der Brücke, dort, wo der See in den Fluss übergeht, und haben heiße Marroni dabei. Kalt ist es und der Wind lässt uns die Schultern hochziehen (auch wenn jetzt alles von Frühling labert). Kauend stehen wir ans Geländer gelehnt, schmeißen die Marronischalen in die träge Strömung unter uns und sinnieren darüber, wie weit sie wohl kommen würden, bevor sie der Zersetzung anheimfallen. Dann ein leises Lächeln auf dem Gesicht von einem von uns beiden, das, vom anderen wahrgenommen, auch diesen erheitert, und Augenblicke später, tief in der Nacht, mitten zwischen den Ufern, zwei dunkle Gestalten, durchgeschüttelt von tief entspringenden, machtvollen Eruptionen der Ausgelassenheit – und es war gut, dort auf der Brücke.

Eins wissen wir nun mit Bestimmtheit: Diese Geschichte wird sich so nicht zutragen, aber Unmengen besserer haben noch jede Chance, erlebt statt erzählt zu werden (ich glaube, dass, wenn man sich etwas nur genügend intensiv ausmalt, es sehr unwahrscheinlich wird, dass es so auch tatsächlich eintritt. Es ist, als hätte es durch seine starke mentale Präsenz seinen Seinsanspruch bereits erschöpfend eingelöst. Also sollte man sich hüten, Wunscherfüllungen innerlich vorwegzunehmen – aber wie das?).

Magst du noch, Sarah? Du musst! Denn jetzt kommt noch etwas ganz Wichtiges: Damals im Anschluss an den Film, du weißt schon, habe ich dich wissen lassen, dass ich mir bisweilen unsicher wäre darin, ob deinen Nöten eher sachlich-analytisch, nach Lösungen suchend zu begegnen sei oder ob es nicht viel passender wäre, dich einfach mal in den Arm zu nehmen. Du hast dann entgegnet, dass du umarmt augenblicklich haltlos zu weinen beginnen würdest. Seither, Sarah, möchte ich dich in den Arm nehmen, damit du weinst, so lange und heftig, wie es deiner Traurigkeit gemäß ist. Ich würde dich festhalten, bis dass du ausgeweint hast und nichts mehr zu weinen übrigbliebe. Und dann würden wir ein üppiges Mahl zu uns nehmen und Wein trinken und du würdest mir begeistert von irgendwelchen schicken, zum Kaufe reizenden Schuhen erzählen.

So, jetzt hast du was zu hören gekriegt und ich würde allerhand geben für ein Guckloch in deinem Kopfe mit meinem Auge ganz nahe dran. Denn was weiß ich schon? Gerade mal so viel, dass kein Zweifel besteht, dass ich noch mehr wissen möchte.

Mit liebem Gruss W.

Daniel Sonder, 1952 geboren in Chur, studierte Psychologie und Philosophie in Zürich. Im Anschluss war er viele Jahre in der Softwareentwicklung tätig. Das Schreiben, mehr oder weniger im Verborgenen, beschäftigt ihn schon lange. Mit dem Roman «Der Schönschreiber» tritt er nun erstmals an die Öffentlichkeit. Daniel Sonder ist Vater von drei erwachsenen Töchtern und lebt in Meilen am Zürichsee.

Interview mit Daniel Sonder auf literaturblatt.ch von Urs Heinz Aerni

Peter Höner «HG NEUNZEHN Der sonderbare Ausflug des Salvador Patrick Fischer in die analoge Welt», Edition Howeg

Der neue Roman „HG NEUNZEHN Der sonderbare Ausflug des Salvador Patrick Fischer in die analoge Welt“ von Peter Höner ist ein gewagter, frivoler und sehr eigenwilliger Roman eines Autors, der sich weder schubladisieren noch von den gegenwärtigen Strömungen beirren lässt. Ein irisierendes Kunstwerk, das tut, was nur Kunst kann; imaginieren!

Salvador hat die Pflichtschulzeit hinter sich und erst einmal genug von Zwängen, Stundenplänen und Pflichten. Er sitzt zuhause in seinem Zimmer, nur durch eine Tür von seiner Mutter entfernt und huldigt seiner Spielleidenschaft an Tastatur und Konsole. Bis sich HG neunzehn meldet, die Stimme aus dem Off, und ihn nach Frankreich auf ein Schloss lockt. Eine Reise beginnt, eine Reise zwischen die Wirklichkeiten.

Dem Roman vorangestellt ist die Frage «War ich jemals wirklich wach?». Liest man Peter Höners neusten Roman mit dieser Frage im Kopf, ist der Text genau das: die dauernde Suche nach den Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen analog und digital, zwischen real und künstlich. Salvador, der Gamer, hat ganz offensichtlich Mühe, die verschiedenen Welten auseinander zu halten. Sind es Traumzustände, die ihn halluzinieren lassen oder spielt die Realität Katz und Maus mit einem der nicht mehr zu unterscheiden weiss? Wer ist der geheimnisvolle Absender HG neunzehn, der stets zu wissen scheint, wo Salvador ist, der ihm stets so viel digitale Brosamen vor die Füsse wirft, dass Salvador die Flinte an diesem rätselhaften Ort nicht ins Korn wirft.

Seltsame Figuren begegnen ihm, ein Schloss voller Figuren, manchmal real, manchmal in seltsamer Ferne, manchmal von einer anderen Welt. Auf dem Nachbargrundstück, das hinter einer hohen Mauer nur durch eine verborgene Lücke zu erreichen ist, tummeln sich noch viel fremdere Gestalten; Kleinwüchsige mit putzigen Kappen, eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren oder grosse Hunde mit rollenden Augen, auf denen man reiten kann.

Nach seinem beim Limmat Verlag erschienen Krimi «Kenia Leak» bewegt sich Peter Höner in einer diametral anderen Ecke des Erzählens. Was im Krimi einer Logik zu folgen hat, sprengt in seinem neuen Roman fast alle Grenzen. Was im Krimi nie über die Grenzen der vorstellbaren Realität hinauswachsen sollte, ist in HG neunzehn völlig losgelassen. Peter Höner fabuliert, schwadroniert und legt ebenso verwirrende Fährten wie HG neunzehn mit seiner digitalen Schnitzeljagd. Wer bereit ist, sich bei seiner Lektüre auf ein Abenteuer einzulassen, ist bestens unterhalten, reichlich belohnt.

Peter Höner schwelgt in Bildern, so als hätte er für dieses Buch allein einer Gamewelt erschaffen; klar realistisch erscheinende Bilder, die sich mehr und mehr von der Wirklichkeit entfernen. Nicht einmal die Grenzen des Lebens, das Sterben und der Tod sind für diesen Ritt von einem «Level» zum nächsten unüberwindbar. Es wird in kleinen und grossen Toden reichlich gestorben, üppig und cineastisch. Da stellt sich die Frage durchaus, ob man je wach war, er während des Schreibens, ich während des Lesens, wir während des Lebens. Aber Literatur soll und muss sich nicht begrenzen lassen, darf Grenzen lustvoll überschreiten. Und das tut Peter Höner in jugendlicher Frische, als hätte er in dieses Buch alles hineinbringen wollen, was er schon längst einmal beabsichtigte; grenzenloses Sprachspiel.

Ein paar Fragen an den Autor:

In einem Alter, in dem sich andere Autoren in ihrem „Spätwerk“ noch einmal von grossen Gefühlen einholen lassen, tust du das auch. Aber ganz anders. Zumindest ich spüre bei der Lektüre deine Lust, deine Schreibfreude, deinen Schalk und deine Absicht, jetzt erst recht mit der „grossen Kelle“ anzurühren. War dieser Roman auch eine Befreiung?

Die Befreiung besteht wohl in erster Linie darin, dass die Geschichte von Salvador erzählt und geschrieben ist. Ich habe mehr als zwanzig Jahre daran gearbeitet, nicht ununterbrochen, in den zwanzig Jahren sind ja noch andere Bücher entstanden, aber immer wieder, weil mich der Stoff nicht losgelassen hat, weil ich dem Schelm Salvador nicht Meister wurde.

Salvador Patrick Fischer ist jung, hormongesättigt und lebt in einer Welt zwischen Realität und Digitalem. Der Mutter gelingt es längst nicht mehr, den Sohn von der Konsole zu locken. Als Schriftsteller mit Jahrgang 47 nicht unbedingt jene Welt, die man ihm am nächsten stellt. Steckt da eine Spielernatur oder ist dieses Buch nach langer Recherche durch die digitale Welt entstanden?

Vor zwanzig Jahren haben mich die Bilder und Welten der frühen Computerspiele tatsächlich zum Spielen verleitet, ich wollte dahinterkommen, wie so etwas gemacht wird, und ich fand dieses interaktive Geschichtenerzählen so spannend, dass ich es gern beherrscht hätte. Mit ein paar Schriftstellerkollegen habe ich 2002 sogar ein Projekt für die Schweizerische Landesausstellung eingegeben, in dem die Besucher als Avatare mitspielen konnten. Eines der vielen Projekte, das dann aber nicht realisiert wurde.

Noch vor zwei Jahrzehnten hätte ein Buch „Der sonderbare Ausflug in die digitale Welt“  geheissen. Dein Roman ist ein Roadtripp über die Realität hinaus, die Reise eines Nerds weg von der Konsole, begleitet nur von Herbert, seinem personifizierten Mobilephone. Dein Roman ist keine Warnung über die Auswirkungen von Spielsucht oder Weltentfremdung. Was war die Urmotivation, dieses Buch zu schreiben?

1998 besuchte ich meinen Cousin in Frankreich, der sich vorgenommen hatte, einen überwucherten Park eines Schlosses zu restaurieren. Doch  Schloss, Park, Ruinen, Orangerie, alles, was zu diesem Schloss gehörte, waren Träume eines Neureichen, der sich einen Adelssitz bauen liess, um mehr zu scheinen, als er war. – Doch von diesen Scheinwelten zu Salvadors sonderbarem Ausflug gab es mehr als einen Umweg.

So wie die digitale Welt Bilder erzeugt, tat es auch immer wieder die Kunst, die Literatur, die Malerei. In deinem Roman werden sogar Bilder lebendig, so wie „Die Sünde“ von Franz von Strunk, eine Femme fatale mit grossen Augen und viel reizender Haut. Eine Frauenfigur, die dem umherirrenden Salvador Patrick Fischer rätselhafte Begleiterin ist. Du reisst alle Grenzen nieder, machst dich auf in eine Welt zwischen Wachtraum, Realität und Künstlichkeit. Du schreibst auf einem Berg, über allem, mit Sicht bis weit in die Berge. Abgehoben?

Nein, abgehoben ganz bestimmt nicht. Salvador ist weder überheblich, noch besonders brillant, ein Schelm, unerfahren, neugierig und mit einer Aufgabe überfordert, die er erst im allerletzten Moment versteht. Ein Opfer dieses rätselhaften HG 19.

Das Buch ist nicht nur inhaltlich eine Besonderheit, sondern auch optisch und haptisch: Mehrfarbig gesetzt, mit blauer Fadenheftung gebunden, das Cover von einer eigenwilligen Künstlerin (Manuela Müller) illustriert. Warum nicht mehr bei deinem Stammverlag?

Eine der Geschichten, die im Roman vorkommen, wurde schon unter dem Titel „Die indische Prinzessin“ in der Edition Howeg veröffentlicht, da war es naheliegend mit dem Roman bei Thomas Howeg anzuklopfen, gerade weil sein Verlag für Besonderheiten, respektive schöne Bücher, berühmt ist. 

Peter Höner, 1947 in Winterthur geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg, war Schauspieler u.a. in Hamburg, Bremen, Berlin, Basel, Mannheim und Baden. Seit 1981 ist er freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. 1986 bis 1990 Afrikaaufenthalt, 1997 – 2000 Präsident der Gruppe Olten, von 2000 bis 2004 wohnhaft in Wien, seit Mai 2004 wieder in der Schweiz. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern fast ausschliesslich im Limmat Verlag erschienen.

Ich danke der Künstlerin Manuela Müller für die Erlaubnis, das von ihr geschaffene Coverbild verwenden zu dürfen. Webseite der Künstlerin

Webseite des Autors

«Aufs Land gezogen» von Michèle Minelli und Peter Höner auf der Plattform Gegenzauber

Rezension zu «Kenia Leak» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Davide Enia «Schiffbruch vor Lampedusa», Wallstein

In den letzten Jahren sind Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer ertrunken und ein Vielfaches davon Traumatisierte. Das sind Zahlen, Statistiken, die niemals widerspiegeln, was in jeder einzelnen dieser menschlichen Katastrophen durchlebt werden muss. Davide Enia ist mit «Schiffbruch vor Lampedusa» so nahe an die Schicksale herangegangen, wie es Respekt zulässt. Ein Buch, das Fakten und Zahlen pulverisiert und die durchlittenen Schicksale vieler ganz nah an ein inneres Auge lässt.

Wir kennen Fotos und Reportagen. Manche sind tief eingebrannt, unauslöschlich bis in die Träume hineingemischt. Und doch ist es das Wort und nur es, das es schafft, mehr als nur einen Eindruck zu stempeln. Wenn Menschen erzählen. Von ihrem Zuhause, das sie zurücklassen, ihren Familien und Freunden, einer Heimat, die sich hinter ihnen verschliesst. Von der langen Reise, den Schleppern, der Angst, den Misshandlungen, der rohen Gewalt. Von den langen, wortlosen Märschen durch die Wüste, vorbei an jenen, die für immer liegenbleiben. Vom langen Warten in Lagern, der Willkür jener, die die Macht besitzen, von Vergewaltigungen und Folter. Von den endlosen Fahrten in einem überfüllten Schlauchboot, dem langsamen Sterben, dem Hoffen auf Rettung. Vom Ertrinken, vom Verdursten, vom Wahnsinn und dem Auftauchen eines Schiffes. Von den Männern und Frauen, die ihnen bei diesem einen Schritt ins Boot, auf den Steg, auf die Mole helfen und der Odyssee die mit der Rettung erst beginnt. Von den Flüchtenden und den Rettern, den Kapitänen und Rettungstauchern, Traumatisierten wie nach einem Krieg, Mensch gegen Mensch.

© Francesco Enia

«Auf See gibt es kein Abwägen von Alternativen, jedes Leben ist heilig. Und wer Hilfe braucht, dem wird geholfen.»

Die nicht einmal zehn Kilometer lange Insel Lampedusa, mitten im Mittelmeer zwischen Tunesien und Sizilien, einst eine freundliche Touristeninsel mit nicht einmal 5000 Einheimischen, ist seit dem Arabischen Frühling die erste vorgelagerte rettende Insel auf einer unsäglich langen, für uns Europäer kaum nachvollziehbaren Flucht. Zehntausende schaffen es auf lausigen Booten über das Meer, ohne Essen, ohne Trinkwasser, meist auch mit viel zu wenig Treibstoff, hoffen auf Rettung, auf einen Funken Zukunft. Tausende schaffen es nicht, fast ausnahmslos junge Menschen, denn nur ihnen ist eine solche Strapaze zuzumuten. Kinder, schwangere Frauen, Säuglinge in den Armen ihrer Mütter.

«Ich weiss nicht, weshalb ich überlebt habe. Ich bin einer der letzten fünf, der diese Leute lebendig gesehen hat, und trotzdem wüsste ich nicht, wie ich ihren Familien, den Dorfbewohnern gegenüber ihren Tod schildern sollte. Ich war erst siebzehn Jahre alt.»

Davide Enia wollte sich selbst ein Bild von der Situation machen, jenen eine Stimme geben, die sich auf der Insel um die Gestrandeten bemühen, alleine gelassen von Politik und Bürokratie. Einheimische, die nach einem ersten Schock teilen, was sie haben, die ebenso wenig wissen wie ihnen geschieht, wie all jene Hoffnungslosen, die nach dem Ausgestandenen in metallic schimmernden Wärmedecken an der Mole sitzen. Er besucht Freunde auf der Insel, zusammen mit seinem Vater, einem ehemaligen Kardiologen, der fotografiert (-> Fotos zum Text!). Es spricht der Rettungstaucher, den Davide Enia nur den «Samurai» nennt, ein Mann, aus dessen Gesicht tausend Schicksale sprechen. Ein Mann, der den Schrecken, das Elend, den Tod wie eine unsichtbare Kette um den Hals mit sich herumträgt. Es sprechen aber auch alle die liegengebliebenen Dinge in den verlassenen Booten, die die Einheimischen in einem leeren Haus wie in einem Museum sammeln.

© Francesco Enia

«Meine Freunde sind alle da draussen.»

Davide Enia berichtet und erzählt und gibt den Menschen eine Stimme. Auch wenn er die Flüchtenden nur selten sprechen lässt. Was Gesichter, die Blicke, das Leid im Leben der Rettenden hinterlassen, genügt. Und weil der Autor gleichzeitig von seiner Familie erzählt, der Annäherung an seinen wortkargen Vater und seinen sterbenden Onkel, weil es auf beiden «Schauplätzen» um Heimat, Entfremdung und darum geht, ob man diesen einen, unsagbar grossen Schritt wagt, sind die Schilderungen in «Schiffbruch vor Lampedusa» erträglich. Davide Enia nähert sich behutsam, genauso wie sein Vater mit dem Objektiv.

Lampedusa, «europäisches» Territorium, gehört eigentlich zum afrikanischen Kontinent. Die Flucht ist noch lange nicht ausgestanden, auch wenn die Geflohenen mit letzter Kraft den Boden unter ihren Füssen küssen. Entkommen sind sie noch lange nicht.

© Francesco Enia

Warum ein solches Buch lesen? Weil Davide Enia etwas schafft, was angesichts der Zahlen, Statistiken, Fakten und endlosen politischen Debatten unsichtbar wird; der Schrecken, die Menschen, die Schicksale und die Tatsache, dass niemand einen solchen Fluchtweg riskiert, der nicht radikal in seiner Existenz bedroht ist. Dabei von Wirtschaftsflüchtlingen zu sprechen, ist angesichts der Lebensqualität von Millionen Europäern ein Hohn.

Davide Enia, geb. 1974, ist Dramatiker, Schauspieler und Autor mehrerer Romane. Für seine dramatischen Texte, die er teilweise selbst inszeniert und aufführt, hat er bedeutende italienische Theaterpreise gewonnen. Sein erster Roman «Così in terra» (2012) wurde in bisher achtzehn Sprachen übersetzt.

© Tony Gentile

Nachwort: Albert Ostermaier

Die Übersetzerin Susanne Van Volxem, geboren 1965, ist Lektorin, Übersetzerin und Autorin. Sie lebt mit Mann und Kind in Frankfurt am Main. Olaf Matthias Roth, geb. 1965, studierte Romanistik und Germanistik. Er übersetzt aus dem Französischen, Italienischen und Englischen, außerdem arbeitet er als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Kiel.

Webseite des Autors

Alle Fotos © Francesco Enia / Webseite

Ich danke Francesco Enia für die freundliche Erlaubnis, seine Fotos in meinen Text einfügen zu dürfen!

Container25 Wolfsberg A, Sommerfest: Maja Haderlap

Maja Haderlap gewann 2011 nicht nur den Ingeborg-Bachmann-Preis und in der Folge viele andere Preise, sondern brachte in Kärnten einen Stein, einen Fels zum Rollen, dessen Wirkung noch immer im Land zwischen den Sprachen, zwischen Deutsch und Slowenisch nachhallt.

Es gibt Bücher, die auch nach Jahren nichts von ihrer Aktualität, ihrer Wichtigkeit, ihrer Gültigkeit einbüssen. Der Roman «Engel des Vergessens» von Maja Haderlap ist einer davon. Er wird auch in Jahrzehnten ein Meilenstein der Literatur sein, wird in Schulen gelesen werden, als Beispiel dafür, was Literatur auszulösen vermag. Im besten Fall den endgültigen Versöhnungsprozess zwischen zwei scheinbar so unversöhnlichen Volksgruppen, Literatur als Brückenschlag. Aber zumindest ein Ansporn, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen, mit den Wunden eines Konflikts, die seit Jahrzehnten schwelen und immer wieder einmal von Politik und Medien aufgerissen werden. Emotionen sind noch längst nicht geglättet, selbst bei jener Generation, die «nur» Söhne und Töchter der AgitatorInnen von damals waren. Aber Wundheilung heisst nicht Verdrängen und Vergessen.

In einer Gesellschaft, die geprägt ist von Feindschaft, Unverständnis, Hass und Neid, in der es unter idyllischer Oberfläche brodelt und kocht, in der damit unverhohlen Politik gemacht wird und man Schuldzuweisung und Abschottung zur obersten politischen Strategie erklärt, erzählt Maja Haderlap unaufgeregt die Geschichte ihrer Familie, ihrer Grossmutter, ihres Vaters, ihrer Mutter.
Im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, wo vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg ein ganzer Landstrich zwischen den Fronten zerrissen wurde, geplagt und gepeinigt von einem Krieg, dessen Fronten sich mitten durch Ortschaften und Familien zogen, spielt «Engel des Vergessens». Von einem Mädchen, dem man über die Jahre in dem Tal in den Südkärntner Karawanken folgt, das verstehen lernt, was Geschichte anrichten kann, nicht nur regional, sondern überall, wo Hass und Krieg sein Opfer sucht.

An diesem Abend, begleitet vom Gesang eines Männerchors aus der Nachbargemeinde ihres Heimatortes, las Maja Haderlap auch aus dem letzten von ihr veröffentlichten Gedichtband «langer transit». Gedichte, die Geschichten erzählen, die Stimmungen wiedergeben, Momente, in denen sich die Autorin auf sich und die Welt einlässt. Maja Haderlap, die früh mit dem Schreiben von Gedichten begann, begleitet das Schreiben von Gedichten schon Jahrzehnte, eine Form der Kommunikation mit Vergangenheit, Sprache, Natur und Momenten, aber nicht einfach Betrachtungen, sondern intensive Auseinandersetzungen, die sich bis ins Politische ausweiten. Maja Haderlap zeigt eindrücklich, wie sehr sich Lyrik einmischen, einbringen und einsetzen kann.

was war

einmal im jähr,
wenn lesezeichen
aus meinen büchern fallen
mit vermerken wie
zählfarne,
registraturnelken;
nesselkammern,
kehre ich in kein dorf zurück.

auf aufgeschlagenen seiten
vergilbten geschichten,
die ihre waffen abgelegt haben,
den spott, den aufruhr,
den tanzschweiss,
der von den schläfen
der tänzer tropfte.

ich ziehe meinen roten kittel an,
stülpe die haare
wie einen strauch über den kopf,
trage schmutzige socken
und stiefel, die einem mann
passen könnten.
ich rieche das schweinefett
in den ungelüfteten küchen,
probiere namen aus
und ihre schattengeschichten,
die einmal losgetreten,
poltern
wie treibendes holz.

am hofeingang bleibe ich stehen.
dort habe ich einen stein
hingelegt, mit einer furche
in kalk eingeschlossen,
die mich erinnern soll,
woher ich kam.

(aus «langer transit» von Maja Haderlap, 2104 Wallstein Verlag, mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlags)

Maja Haderlap, geb. 1961 in Eisenkappel/Zelezna Kapla (Österreich). Nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien war sie zwei Jahre Herausgeberin der Literaturzeitschrift Mladje und arbeitete danach 15 Jahre als Chefdramaturgin am Stadttheater Klagenfurt. Sie unterrichtet an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt.
Maja Haderlap veröffentlichte auf Slowenisch und Deutsch Gedichte und Essays sowie Übersetzungen aus dem Slowenischen.

Beitragsfoto © Max Amann

John Ironmonger «Der Wal und das Ende der Welt», S. Fischer

Man findet ihn nackt am Strand, nicht weit von St. Pirat, einem kleinen Fischerdorf in Cornwall. Ein junger Mann, dessen Auto im Dorf am Hafen steht – nackt. Wenig später strandet am selben Strand ein Wal, ein Finnwal. Und ausgerechnet dieser junge Mann, Joe Haak, ist es, durch dessen Initiative es das kleine Dorf schafft, den Riesen zurück ins Meer zu schaffen. Es ist der Beginn einer Geschichte, die das Ende des Ganzen bedeuten kann.

«Der Wal und das Ende der Welt» ist wieder ein Buch, das ich nicht gelesen hätte, wäre es nicht in einer meiner Leserunden, die sich zehn Mal im Jahr trifft, vorgeschlagen gewesen. Ich mochte den Titel nicht, was sich auch nach dem Ende der Lektüre nicht geändert hatte. Ich mag weder Filme noch Bücher, die den Untergang der Welt mit der grossen Kelle inszenieren. Und schon gar nicht solche, die im Titel zu viel verraten. Nichts gegen Dystopien, die in den letzten Jahren zu einer eigenen Gattung geworden sind und sich mit Romanen wie «The road» von Cormac McCarthy ins Bewusstsein von Lesenden eingebrannt haben. Aber «Der Wal und das Ende der Welt» überraschten und belohnten mich.

Joe Haak ist Analyst einer Londoner Bank, die sich darauf spezialisierte, dann die grossen Gewinne zu verzeichnen, wenn alle andern in Panik ihre Aktien abstossen. Zusammen mit einem Team entwickelt er «Cassie», ein Programm, das mit Hilfe von Algorhithmen aus dem Meer von Netzinformationen Vorhersagen generiert, die die Bank stets einen Schritt voraus reagieren lassen. Ein Programm, das riesige Gewinne erzielen soll. Aber als dem jungen Mathematiker bewusst wird, welche Auswirkungen ein solcher Rechner haben kann und erste Ergebnisse ihn das Fürchten lehren, kappt er das Wenige, was ihn in jener Welt hält, fährt los bis zu dem kleinen Fischerdorf, an dem die Strasse am Meer endet.

In das kleine Fischerdorf, in dem man an nur ganz wenigen Stellen eine Internetverbindung findet, in dem Jon Haak als Retter des Wals vom ersten Tag an als Fremder einen Sonderstatus innehat, dringen immer mehr Meldungen vor, wie eine Grippepandemie das globale Gleichgewicht durcheinanderbringt. Und weil Joe Haak mehr weiss als alle anderen im Dorf und er ein Versprechen mit sich herumträgt, kauft er mit dem, was er auf seinem Bankkonto verflüssigen kann, einen Nahrungsmittelvorrat, den er mit Hilfe von Eingeweihten im Turm der Kirche des Dorfes einlagern kann. Lebensmittel für 300 Dorfbewohner, die ein paar Wochen Aufschub leisten können. Während sich ein globales Desaster wie ein Flächenbrand auszubreiten beginnt, rüstet sich ein Dorf an der Küste gegen die drohende Anarchie nach einem «Kollaps».

«Der Wal und das Ende der Welt» ist zum einen die Geschichte dieses jungen Mannes, der die Büchse der Pandora öffnete und jene eines kleinen Dorfes und ihrer Mechanismen. Ein Buch über Hoffnung und Ängste, dass sich Menschlichkeit und Unmenschlichkeit nicht vorhersagen lassen. Ein grosser Teil des Buches beschreibt jene Wochen, in denen sich der Analyst Joe Haak zusammen mit dem Pastor Alvin Hocking in der Kirche nach dem Kontakt mit einer an der Grippe Sterbenden einschliessen, eine selbst gewählte Quarantäne. Der Mathematiker und der Theologe, beide Hüter von Geheimnissen, Analysten der Zukunft. Während sie hoffen und bangen, in den kommenden Tagen nicht von der aggressiven Grippe oder einer anderen Welle der Gewalt dahingerafft zu werden, entwickeln sich zwischen all den Kisten, Schachteln und Säcken voller Nahrungsmittelvorräte Gespräche über Existenzielles. Ein fein komponiertes Kammerspiel einer Annäherung.

Urteil der Leserunde: 4 Stimmen sind angetan bis begeistert. 2 Stimmen gaben beim Lesen auf.

«Der Wal und das Ende der Welt» ist bestens erzählte Unterhaltung, gütlich das Ende, von einem Optimisten geschrieben.

John Ironmonger kennt Cornwall und die ganze Welt. Er wuchs in Nairobi auf und zog im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern in den kleinen englischen Küstenort, aus dem seine Mutter stammte. John promovierte in Zoologie; nach Lehraufträgen wechselte er in die internationale IT-Branche. Schon immer hat er geschrieben; seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Inspiriert zu «Der Wal und das Ende der Welt» haben ihn unter anderem die biblische Geschichte von Jonas und dem Walfisch, das Werk des Gesellschaftsphilosophen Thomas Hobbes, Jared Diamonds Sachbuch «Kollaps» und viele andere Quellen der Phantasie und des Zeitgeschehens. John Ironmonger lebt heute in einem kleinen Ort in Cheshire, nicht weit von der Küste. Er ist mit der Zoologin Sue Newnes verheiratet; das Paar hat zwei erwachsene Kinder und zwei kleine Enkel. John Ironmongers Leidenschaft ist die Literatur – und das Reisen auf alle Kontinente.

John Ironmongers Blog

Eine Empfehlung für einen wunderschönen Sommerabend am Bodensee: «Haus zum Schiff«, ein mit viel Herzblut geführtes Restaurant direkt am See.

Beitragsbild © Andrew Richardson

Andreas Neeser «Mücken», Plattform Gegenzauber

Manchmal bin ich ausser Haus. Mitten am Tag, eine halbe Stunde, öfter abends, wenn die Mücken tanzen im Schwarm. Ich gönne mir diese kleinen Abwesenheiten, ich geniesse sie mittlerweile ohne schlechtes Gewissen. Ein kurzes Austreten, eine Art Ausgang. Wenn mir danach ist, trete ich aus mir heraus, gehe ein paar Schritte, flusswärts, bis mir leichter wird, oder hinauf zum Waldrand, immer den Mücken nach. Die Nachbarn grüssen mich, als kennten sie mich, und ich grüsse zurück, obwohl sie keinen Namen haben. Früher stand es mir auf der Stirn, von weitem sichtbar, ich ging wie ein Aus-, wie ein Ausserhäusiger, auffallend licht. Längst habe ich gelernt, mich so zu verlassen, dass keinem von uns beiden etwas anzumerken ist, nicht dem Hausherr, nicht dem Spaziergänger. Wir sind absolut unverdächtig, und es stimmt, wir haben eben noch Kaffee getrunken, Wäsche aufgehängt, die Nägel geschnitten, gleich werden wir einkaufen, guten Tag, Frau Martello – und Ihnen? Die Gewissheit, auch dann als der zu gelten, der ich war, wenn ich es nicht mehr bin, macht es mir leicht, aus dem Haus zu gehen, zur Brombeerhecke, über die klingende Kuhweide, ins sumpfige, sirrende Gehölz, wo die Schwärme tanzen bis spät in den Abend, bis weit in den Herbst. Trotzdem behalte ich es für mich, wenn ich so gehe, aus Vorsicht, aus einer nicht zu verlernenden Ängstlichkeit heraus, vielleicht.

Und dann tanzen sie, am Fluss, am Waldrand, zu Hunderten. Etwas grundloses Leichtes lässt sie schweben, lose gewirkte, von innerster Absichtslosigkeit gehaltene Lebenspunkte, dunkles, taumelndes Textil. So tanzen sie, so tanzen sie mir vor. Mehr ist da nicht.

Manchmal erschrecke ich, wenn ich mich auf dem Rückweg durch die Dorfgassen in einem der sauberen Fenster sehe. Ich zögere einen Moment, bleibe stehen. Es ist jedesmal erstaunlich, wie wenig ich auf mich gefasst bin, auf den, der ich immer auch bin, wenn ich von den Mücken zurückkehre. Als schaute ich mich von aussen an, das eigene Haus. Ein unauffälliger Blick auf die unauffällige Fassade. Seltsam, heimzukommen, selbst nach so kurzer Abwesenheit, einzutreten in sich selbst wie in ein Gebäude, und so viele Zimmer, über und über voll mit abgewohntem Leben.

So komme ich zurück, wenn ich von den Mücken zurückkehre. Schritt für Schritt, mit wechselndem Mut, gehe ich auf mich zu. Aber wenn ich über die Schwelle trete, bin ich so voll und so leicht, ich könnte schweben. Und ich seh sie, von innen, ich hör sie, sie singen im Ohr.

Andreas Neeser
«Zwischen zwei Wassern»
Roman
Haymon Verlag Innsbruck 2014

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Langjährige Unterrichtstätigkeit an der Alten Kantonsschule Aarau. 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses in Lenzburg. Seit 2012 lebt Andreas Neeser als Schriftsteller in Suhr bei Aarau.
Mitglied von Autor/innen der Schweiz (AdS), Deutschschweizerisches PEN-Zentrum und VAA. Mitglied der Jury für den Franz-Tumler-Preis.
Ein neuer Roman erscheint im Januar 2020 im Haymon Verlag Innsbruck.

Rezension zu Andreas Neesers Mundartliteratur auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors