«Literatur am Tisch» mit Andreas Neeser und seinem neuen Roman «Wie wir gehen»

Am Mittwoch 4. März besucht Andreas Neeser mit seinem neuen Roman «Wie wir gehen» den Literaturport Amriswil. Wer das Buch bereits gelesen hat und mit dem Autor am Tisch über sein Schreiben, die Literatur und den Roman diskutieren möchte, ist herzlich an den Tisch eingeladen. Für Essen und Trinken ist gesorgt. Der Mindesteintritt ist 30 CHF. Eine Anmeldung unter info@literaturblatt.ch ist unbedingt erforderlich!

4. März, 20 Uhr, Maihaldenstrasse 11, «Literatur am Tisch»
mit Andreas Neeser

Mona steht mitten im Leben. Von Pierre hat sie sich getrennt, ihre Tochter Noëlle geht zunehmend eigene Wege. Ganz am Anfang hingegen ist die Beziehung zu ihrem Vater Johannes. Die beiden sind sich schon viel zu lange fremd – dabei geht sein Leben langsam dem Ende zu. Solange Zeit ist, will Mona mit ihrem Vater ins Gespräch kommen. Doch wie soll sie Zugang zu diesem spröden, gebrochenen Mann finden?
Sie bittet ihn, seine Geschichte auf ein Diktiergerät zu sprechen. Erzählerisch brillant spannt Neeser den weiten Bogen von Johannes’ Kindheit, in der
er als Verdingbub auf dem Bauernhof seines Onkels schuftet, bis in die Gegen- wart, in der sich ihm seine Tochter behutsam annähert: Welche Seele denkt und fühlt in diesem Menschen? Was für ein Leben hat ihn so werden lassen? Und wie wäre es möglich, einander doch noch lieben zu lernen? Andreas Neeser entwickelt einen feinsinnigen Familien- und Generationenroman: leise und voll poetischer Kraft.

«Literatur am Tisch» hat Tradition und ist ein Ereignis von besonderer Gute:

«Es war ein wunderbarer Abend mit wunderbaren Menschen und wunderbaren Gastgebern, und der Duende, dieser Geist, der dem Mark des Lebens die Bühne bereitet, legte sich auf die Runde und befeuerte die Energie des Erzählens, der Geschichten und des Redens über Geschichten, die den Menschen die Seele reinigen.
So war es, in Amriswil, am 29. Mai 2019, bei Irmgard und Gallus Frei-Tomic, deren Herzenskraft der Literatur den Rücken stärkt.» Patrick Tschan

«Ein Wunder, das sich Dank Gallus und Irmgard ereignet. Schön, mit Gallus einen Bruder im Geiste zu wissen, einen Verbündeten, der wie ich nicht leben kann und will ohne Bücher, ohne Geschichten, einen, der wie ich brennt für die Literatur. Danke, durfte ich Platz nehmen an besagter Tafel und meine Novelle zur Diskussion stellen.» Hansjörg Schertenleib

«Schön gibt es die Hauslesungen und «Literatur am Tisch» bei Irmgard und Gallus Frei-Tomic, wo man die Begegnung zwischen Leser/in und Autor bei bester Verköstigung üben und «likes» oder «unlikes» ausgiebig diskutieren darf. Ein grosses Dankeschön nach Amriswil. Weiter so!» Jens Steiner

«So eine Literatur am Tisch sollte es überall geben. Meiner Meinung nach schreiben viele Autor/innen genau für sie: Menschen, die sich vertieft und intensiv, mit viel Liebe und Neugier, mit Literatur auseinandersetzen.» Bettina Spoerri

Anmeldestand: 9 Anmeldungen, 3 Stühle frei

Damiano Femfert «Rivenports Freund», Schöffling & Co.

Eine Kleinstadt im Norden Argentiniens. Perón regiert in Buenos Aires, die Welt erholt sich von den Schrecken des letzten Weltkriegs. Rodrigo Rivenport, Direktor des städtischen Krankenhauses schätzt die Gleichförmigkeit der Tage, dass in seinem etwas zu gross geratenen Krankenhauses nur nach Festen alle Betten belegt sind und ihn nach dem Tod seiner Frau Rosa seine Haushälterin in seinem Kellerrefugium mit seinen Schmetterlingen in Ruhe lässt.

Seit dem Tod seiner Frau liebt Rivenport seine stille Beschäftigung mit seiner Schmetterlingssammlung. Erst recht, seit ihr ein angemessener Platz im städtischen Museum versprochen ist und er seine Sammlung neu ordnen muss. Ordnung ist alles. Nicht nur in der Lepidopterologie, sondern im Leben überhaupt. Und die Tatsache, dass sich Marie, seine Haushälterin, die ihn seit seiner Kindheit begleitet, traut, an die Kellertüre zu klopfen, verspricht nichts Gutes. Ein Notfall. Man hat einen Verletzten in sein Krankenhaus gebracht, gar schwer verletzt, blutverkrustet, mit nichts als seinen Kleidern am Leib, apathisch. Kein Einheimischer, denn der Mann ist gross, blond und hat, nachdem er seine Augen öffnet, erkennbar blaue Augen. Nach erster Wundversorgung und Klarheit, dass die Verletzungen nicht lebensbedrohlich sind, wird offensichtlich, dass der Mann nicht spricht und an einer Amnesie leidet.

Rivenport findet in den kümmerlichen Habseligkeiten des Mannes bloss eine Nummer und muss feststellen, dass sich der Fall auch nicht mit Hilfe der örtlichen Polizei so schnell lösen lässt und er in den Rhythmus seines Alltags zurückkehren sollte. Erst als der Patient in seinem Stammeln seinen Namen preisgibt, man ihn zur Aktivierung seines Erinnerns mit in die Stadt nimmt, in einen Gottesdienst in der Stadtkirche und er mit einem Mal auf der Orgel zu spielen beginnt, gekonnt und virtuos, wird klar, dass „Kurt“ ein ganz spezieller Fall ist. Mit einem Mal interessiert sich nicht bloss das Krankenhauspersonal und die Polizei für den Fremden, sondern eine ganze Stadt und die örtliche Geistlichkeit. Auch die Nonnen aus dem Kloster der Allerheiligsten Jungfrau Maria von Guadalupe. Und während sich die Nonne bereit erklären, den gross gewachsenen Fremden bei sich im Gärtnerhäuschen des Klosters aufzunehmen, schiessen die Spekulationen über den Blondschopf ins Uferlose: Ein Engel ohne Flügel, ein geflohener Berufsmusiker oder gar einer, der aus Europa über Chile bis in den Norden Argentiniens gespült wurde? 

Was erst zu Rivenports Freude aussieht, als könnte er in seine gewohnte, geliebte Ordnung zurückkehren, lässt den Arzt ohne grosse Leidenschaft nicht mehr los. Wie kann ein Mann, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist, mit seiner Musik aber auch mit seiner Art, den Dingen und Menschen zu begegnen, derart faszinieren. „Kurt“ lernt zwar, sogar die Sprache, aber nicht den Zugang zu seiner verlorenen Vergangenheit. Und als klar wird, dass Kurt auch im Kloster nicht in seiner Direktheit zu kontrollieren ist, quartiert man ihn, ganz zur Freude seiner Haushälterin Maria, in Rivenports Haus ein. Rivenport nimmt ihn mit auf seine Schmetterlingsexkursionen, muss aber feststellen, dass sein Schützling nichts davon hält, dass man Schmetterlinge hinter Glas auf Nadeln aufspiesst.

Damiano Femferts leidenschaftlicher Roman erinnert an südamerikanische Erzählweise genauso wie an die Geschichten von Kaspar Hauser oder Schlafes Bruder. Leidenschaft in der südamerikanischen Provinz, ein Mann, der ganz langsam wie ein Kind die Welt neu zu entdecken beginnt, ein Genie, das mit seinem Orgelspiel eine ganze Stadt zu verzaubern vermag. Damiano Femfert öffnet mit jedem Kapitel eine philosophische Frage mehr; Darf die Wissenschaft zerstören? Was macht einem zu einem guten Menschen? Wann beginnt die Lüge? Rivenport wird durch den Fremden gezwungen, sein enges Korsett, seine Scheuklappen abzulegen. So sehr er zum Lehrer seines Schützlings wird, so sehr lehrt in dieser, was das Leben sein könnte.

Und hinter dem ganzen Romankonstrukt schwebt die Frage, wer der Mann ist, warum er schwer verletzt an einem Strassenrand gefunden wurde, warum ihn niemand zu vermissen scheint. „Rivenports Freund“ ist mit grosser Geste gemalt, in satten Farben, als hätte der noch junge Autor den Sound der Grossen verinnerlicht. Damiano Femfert legt mit seinem Debüt einen Roman vor, der viel, sehr viel für die Zukunft verspricht!

© Alexander Paul Englert

Damiano Femfert, geboren 1985, in Deutschland und Italien aufgewachsen, hat Theaterstücke, Drehbücher zu Kurzfilmen, Spielfilmen, einem Dokumentarfilm und mehrere Reise-Artikel geschrieben, die u. a. in der Frankfurter Rundschau und Neuen Zürcher Zeitungerschienen sind. Neben seiner Schreibtätigkeit ist er in der Kunstszene als Kurator aktiv und als Dozent in Rom, wo er auch lebt. «Rivenports Freund» ist sein erster Roman.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Kurt Oesterle «Die Stunde, in der Europa erwachte», klöpfer narr

Es ist ein Jahrhundert her, dass das lange Töten und Morden endete. In einem Krieg, der auf allen Kontinenten wütete und 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Ein Krieg, der tiefe Gräben und Krater in die Landschaft schoss, Wunden, die im Weltkrieg darauf wieder aufrissen und an denen die Welt bis heute leidet. Gräben und Krater, die zugeschüttet sind, Gräben und Krater, die einst den Sieg versprachen, die zu Massengräbern wurden.

In den Kinos lief 1917, ein Kriegsfilm von Sam Mendes, der in 110 Minuten Echtzeit die Mission zweier Soldaten zeigt, zweier Helden, die verhindern sollen, dass eine andere Einheit in den Hinterhalt des Feindes gerät. Das übliche Muster; Helden kämpfen für das Gute. Das Gute hier, das Böse dort und alles „zum Gedenken an die Opfer einer verlorenen Generation“. Der Mensch denkt in Kategorien.

Kurt Oesterle tut das nicht. In einem apokalyptischen Szenario finden sich in einem vom Krieg verwüsteten Landstrich in Frankreich, wo kein Stein mehr auf dem andern steht, das Land von Bomben umgepflügt ist und unter jedem Stein eine Mine droht, in der der Geruch des Todes über die offenen Wunden wabert und es eine Unendlichkeit dauern muss, bis die Gegend an das erinnert, was sie einmal war. Menschen, einst Feinde, auf der Suche nach einer Zukunft. Nur eine Hütte steht noch, ein kleines Haus, dahinter ein mobiler Backofen, ein „Gasthaus“ mit Namen À l’héroine des ruins – Zur Heldin der Ruinen.

Geführt wird es vom 16jährigen Minot, der eigentlich von seiner vom Krieg geflüchteten Familie geschickt wurde, um nachzusehen, was vom Hof geblieben ist, auf dem die Familie einst lebte. Minot bleibt am Haus hängen, weil die einstige Wirtin verschwand und irgendjemand den streunenden Seelen an diesem Ort die Oase sein muss.

Der erste Teil des Romans gibt sich wie ein Erzählband mit Kapiteln, die nichts miteinander zu tut zu haben scheinen. Kurt Oesterle erzählt vom jungen Minot, der einst in dieser Gegend auf einem Einödhof geboren wurde. Vom Ehepaar Max und Magda Krüger, deren Sohn Felix kein Feigling sein sollte, der sich dann mehr oder weniger freiwillig in Kriegsdienst gemeldet hatte, wie alle um ihn, die an einen schnellen und glorreichen Sieg glaubten. Von der Engländerin Elsie Norton, die einen traumatisierten Mann aus dem Krieg zurückbekommt, sich selbst und den Mann zu hassen beginnt, weil sie nicht verstehen kann, was geschah und geschieht. Von Franz, dem Kriegsgefangenen Nummer 2341, der den Krieg als Freiwilliger einst als Labor für den Fortschritt sah, denn was zerstört wird, kann „über kurz oder lang nachwachsen wie Haare und Fingernägel“. Und von Gorm, dem Hund, der von seinen kinderlosen Besitzern als ihr Beitrag im Dienste des Vaterlands als Sanität- und Meldehund in einer Kaserne abgeliefert wird.

Im zweiten Teil des Romans treffen sich all diese Gestalten, nachdem ihr Weg bis zur Heldin der Ruinen erzählt wurde. Minot wird zu einem Helden der Herzlichkeit, Max und Magda Krüger wollen die sterblichen Überreste ihres Sohnes zurück nach Hause holen, Elsie sucht das verlorene Leben ihres stumm gewordenen Ehemannes, Franz fristet das Dasein eines Kriegsgefangenen im nahen Lager und der Hund Gorm stomert einsam, vergessen und verwahrlost in der schrundigen Endzeitlandschaft herum.

Sie suchen alle, ernüchtert, desillusioniert. Genauso die Männer, die in der Heldin vom Metall ernten in den Schlachtfeldern ausruhen, die Meter für Meter absuchen, nach dem, was der Krieg liegen lässt, denen der Geruch frischgebackenen Brotes etwas von dem zurückgibt, was ihnen die vier Jahre Krieg genommen hat.
Der Krieg ist nicht vorbei, wie kein Krieg je vorbei ist mit dem Schweigen der Waffen. Der Ursprung allen Schmerzes ist aber nicht der ehemalige Feind, sondern der Verlust, der Verlust von Leben, Liebe und Vertrauen.

Die Idee Europa entspringt der Angst. Und der November 1918, das Ende des Krieges und die darauffolgenden Jahre der Ernüchterung, das kollektive Trauma, das auch einen weiteren weltweiten Krieg nicht verhindern konnte und die Angst von Generation zu Generation weiterfüttert, weckte Europa kurz, um gleich danach in den Versailler Verträgen den Grundstein zum nächsten grossen Schlachten zu legen.

Kurt Oesterle schrieb ein gewichtiges Buch, das sich ins Bewusstsein einfrisst. Keine actiongeladene Herogeschichte, sondern einen Roman mit epischer Tiefe über das, was übrig bleibt, wenn die Waffen schweigen. Grossartig geschrieben und inszeniert, Papier gewordenes Welttheater!

Ein Interview mit Kurt Oesterle:

Sie geben ihrem Roman einen durchaus positiven Titel. Erwacht Europa 1919 wirklich? Oder ist das, was sich heute Europäische Union nennt (Ich weiss, das ist nicht Europa!), nicht einfach das Konglomerat von Wirtschaftsinteressen, Angst und Verzweiflung darüber, das Nationalismus und Eigenbrötelei den Anfang eines weiteren Endes bescheren?

Ja, Europa ist nach dem Ersten Weltkrieg erwacht … durchaus! Aber es hat sich nur kurz die Augen gerieben, um gleich wieder einzuschlafen – so tief, als wäre es tot. Niemand ahnte damals, dass die nicht genutzte Chance sich zu einer Katastrophe übelster Art auswachsen würde. Doch wichtiger scheint mir: Der Augenblick des Erwachens steht uns immer noch und immer wieder bevor – darum ist mein Roman auch kein historischer Roman, sondern ein ganz und gar gegenwärtiger. Auch und gerade heute sucht er eine Antwort auf die Frage, wie wir, die Europäer, WIR sagen könnten, oder anders: was uns eigentlich verbindet. Bisher ist es doch überwiegend der Wohlstand, der den Kontinent zusammenhält, doch wehe, dieser Wohlstand schwindet …

Herr und Frau Krüger wollen ihren toten Sohn in die Heimat zurückführen, weg von dem Ort, an dem die „Demokratenart“ keine Unterschiede macht, an dem „alle rücksichtslos miteinander gekreuzt, vermischt oder zusammengeworfen“ werden. Hundert Jahre später ist die Argumentation längst nicht gestorben auch wenn es meiner Meinung die einzige Art ist, dem Menschen das Überleben auf diesem Planeten zu sichern. Wie soll es der Mensch schaffen, Grenzen niederzureissen? Erst in Zeiten apokalyptischer Not?

Die Grenzen in Europa sind inzwischen zum Glück nahezu bedeutungslos geworden – dass ich ohne Passkontrolle nach Frankreich fahren, ja, mich dort sogar wie ein Inländer niederlassen kann, ist ein unerhörter Fortschritt, der noch in meiner Jugend undenkbar war. Ich vergesse nie, dass sowohl mein Vater als auch mein Grossvater gegen Frankreich Krieg geführt haben! Was jedoch auch ohne Grenzziehung weiterlebt, das ist der Egoismus der einzelnen Nationen und Personen. Darum erprobe ich in meinem Roman ja in zarten Ansätzen so etwas wie eine Wir-Erzählung, die es in Europa nach wie vor nicht gibt. Sie sollte basieren auf dem gefühlsgesättigten Wissen, dass wir als Menschen in grösseren Einheiten existieren als bloss in Familie, engerer Heimat oder Nation. Dafür habe ich mit meinem Buch einen ersten Entwurf geliefert – andere müssen fortfahren mit dieser Wir-Erzählung, solange bis man ihre Stimme hört.

Einer der Gäste in der Heldin nennt den Nationalstaat die Ursache allen Kriegs. Wo liegen die Ursachen für den ungebrochenen Glauben vieler Menschen, dass eine Gesellschaft in Frieden, ohne Krieg möglich wäre. Solange wir meterhohe Thujen um unsere Grundstücke ziehen, solange Reichtum geizig macht, die Angst vor dem Fremden um sich greift und man sich mit Vorliebe nicht für die eigenen Probleme interessiert, bleibt Krieg doch ideale Ersatzhandlung. Oder nicht?

Die „apokalyptische Not“, von der Sie sprechen, war der Krieg, der 1918 endete. Dringlicher als je zuvor konnte man damals sehen, dass eine europäische Lebensform nötig ist, wenn der Kontinent überleben will. Ich möchte ja gerade zeigen, dass das heutige Europa, die EU, eine Kriegs- und Notgeburt ist. Was selbst in Deutschland inzwischen wieder in Vergessenheit gerät, mitsamt der Rolle, die mein Land in beiden Weltkriegen gespielt hat. Ich halte es mit Paul Valéry, der schon nach dem Ersten, nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Einsicht besass: „Wir Kulturvölker wissen jetzt, dass wir sterblich sind. Wir fühlen, dass eine Kultur genau so hinfällig ist wie ein einzelnes Leben.“ Als Symbol steht dafür in meinem Buch insbesondere die geschändete und verstümmelte Natur, die Valéry zu seiner Zeit noch nicht auf der Rechnung hatte …

Wo lag der Ursprung ihres Romans?

Der Ursprung meines Romans lag in mir, in meiner Seele, wie ich gern sage. Und wie in einer europäischen Familienaufstellung hat sich die Konstellation ergeben, die ich dann in diesem verwüsteten französischen Landstrich zwischen Reims und Laon angesiedelt habe. Mein Roman ist keine Gedankenkonstruktion, sondern eine Schau, ein Traum, ein Film im Kopf, der unaufhaltsam ablief (und sich hoffentlich in Leserin und Leser wiederholt). Ich habe mich beim Schreiben oft gewundert, dass zuvor noch kein Autor auf die Idee gekommen ist, einen Nachkriegsroman mit gesamteuropäischem Personal zu verfassen – fast alle Bücher, die ich dazu gelesen habe, handeln nur aus der nationalen Innenperspektive, die anderen bleiben eher Schatten.

Sie nennen den 16jährigen Minot ein aus der Zeit gefallener Philantrop, der sich vorgenommen hatte, in diesen Zeiten um jeden Preis gut zu sein und die Welt mit seiner Güte anzustecken. Meist versteht man Philantropie aber in Verbindung mit unermesslichem Reichtum. Aber Minot zeigt das Gegenteil. Ein Jugendlicher an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein. Ist ihr Roman „Die Stunde, in der Europa erwachte“ nicht auch eine Aufforderung, die Jugend ernst zu nehmen? Heute erst recht?

Philantropie bedeutet schlicht: Menschenliebe, sie ist keine Sache des Geldes! In meiner Stadt Tübingen wird der „philantropische Verein“ von griechischen Gastarbeitern getragen! Die Figur des Minot in meinem Roman wäre sozusagen mein Alter ego, auch ich konnte mit 16 oder 17 Jahren nach zwei Weltkriegen als nachgeborener Deutscher keine andere Rolle für mich entdecken, als die, gut zu sein und den Neubeginn in der eigenen Güte, in Bescheidenheit und Weltoffenheit zu suchen. Dabei war es mir nicht wichtig, ernst genommen zu werden, sondern mein Leben aus innerer Überzeugung zu führen. In der Hoffnung, dass diese Überzeugung wirkt, dass sie auf andere ausstrahlt … Und genau so ist es doch auch mit der Literatur: Sie folgt nicht einem politischen Programm, sondern generiert Energien, die in anderen weiterwirken … das ist die Eigenart des Ästhetischen. Übrigens, bei Lesungen muss ich meinen Minot stets verteidigen, eben weil er versucht, gut zu sein. Im Literaturbetrieb ist es offenkundig nach wie vor so, dass man fünf Schurken weitaus weniger verteidigen muss als einen einzigen Guten. Woher mag diese Vorliebe für die Bösen wohl kommen? Das Gute beunruhigt uns anscheinend viel mehr als das Böse …

© De Maddalena

Kurt Oesterle, 1955 in Oberrot/Nordwürttemberg geboren, studierte Literatur, Geschichte und Philosophie, Dr. phil., freier Autor und Journalist, insbesondere für die Süddeutsche Zeitung und das Schwäbische Tagblatt; auch für die »Frankfurter Anthologie« der FAZ. Monographien über Wolfgang Koeppen und Peter Weiss. Essays u. a. zu Schiller, Heine, Hebel, Hauff und Uhland («Ich hatt’ einen Kameraden»), wofür er 1997 den Theodor-Wolff-Preis erhielt. 2002 erschien bei Klöpfer & Meyer sein hoch gelobtes Romandebüt «Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen». Ausgezeichnet mit dem Berthold-Auerbach-Preis und von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gewählt.

Webseite des Autors

Evelina Jecker Lambreva «Entscheidung», Braumüller

Bulgarien fehlt im Fokus Europas. Selbst drei Jahrzehnte nach der Wende, nach Glasnost und Perestroika zählt Bulgarien zu den „fehlerhaftesten“ Demokratien, obwohl das Land seit 2007 Mitglied der EU ist. Evelina Jecker Lambrevas neuer Roman „Entscheidung“ erzählt von den Jahren des Umbruchs in diesem Land, dem letzten unter kommunistischer Führung, den leisen Hoffnungen einer Öffnung und dem bösen Erwachen im Kampf machtgieriger und verzweifelter Parteieliten.

Anja ist eine junge Ärztin, die direkt nach dem Studium in einen kleinen Ort in der bulgarischen Provinz geschickt wird. Mit Bestnoten aus ihrem Studium und voller Pläne reist sie an und taucht in eine Welt, die in maximaler Entfernung dessen vor sich hinvegetiert, was in den Plänen ihrer Zukunft Gestalt annehmen möchte; ein Häuschen, durch das der Wind pfeift, eine Medizinische Dienststelle, in der das Notwendigste fehlt, ein schäbiger Notfallkoffer, abgelaufene Medikamente und ein Krankenwagen, der allerhöchstens transportiert.
Neben ihren Aufgaben als Landärztin ist sie auch für das örtliche Heim mit Dorfschule zuständig, einen schlimmen Ort, wo Erziehung allein durch Strafen vollzogen wird und wo aus Kindern ohne Vergangenheit Menschen ohne Zukunft geprügelt werden.
Auch die Honoratoren des Dorfes, Genosse Nakov, Mitglied der Staatssicherheit oder der Bürgermeister begegnen der jungen Ärztin mit einer Mischung aus Misstrauen, politischem Kalkül und der Selbstverständlichkeit alteingesessener Machtstrukturen. In einem Land, in dem Korruption, Denunziation und kollektive Angst zum Instrumentarium eines Systems gehören, spürt auch die junge Ärztin Anja, dass ihr Tun und Lassen unweigerlich zu der einen, drohenden Entscheidung führen wird.

Einzige Lichtblicke im Leben der jungen Frau ist die Freundschaft zu Dora, einer jungen, mutigen Lehrerin aus dem Dorf, zu Maria, einem verstörten Mädchen aus dem Heim, das jeden Tag auf ihre Mutter wartet, eine junge Katze, die Maria mit ins Haus der Ärztin bringt und ihre Liebe zu Michail, den sie während des Studiums kennen und lieben lernte. Sie schreibt Michail Briefe, weil ihre Arbeit sie beide fest im Griff hat, weil sie Trost und Rat braucht bei einer Arbeit, die ihr wohl gefällt, in der sie Erfüllung erfährt, die sie aber oft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt. Sei es, dass sie medizinische Entscheidungen trifft, die sie mit niemandem besprechen kann, sei es weil sie immer wieder mit ganz intimen Katastrophen konfrontiert wird, sei es weil sie Genosse Nakov mit Versprechungen in den Dienst der Staatssicherheit locken will.

Eines Tages sitzen sich Nakov und Anja in seinem Haus gegenüber. Nakov verspricht ihr eine glanzvolle Zukunft mit den Privilegien der Elite, wenn Anja sich zur aktiven Spionage im In- und Ausland verpflichten lässt. Und weil Anja spürt, dass sie mit einem solchen Deal mehr als nur die Selbstachtung verliert, entscheidet sich die junge Frau gegen das Angebot, gegen den Staat, gegen die Obrigkeit, gegen eine Zukunft als Frauenärztin in der Stadt, gegen die Aussicht, sich dereinst im Ausland weiterbilden zu können. Statt dessen wird sie zur potenziellen Verräterin. Und als Dora ihre Freundin sich ins Ausland absetzt und man ihr Mithilfe zu ihrer Flucht unterstellt, als die Liebe zu Michail in die Brüche geht und man die Katze erschiesst, scheint sich die Dunkelheit in Anjas jungem Leben endgültig wie in einem Sack eingeschlossen einzunisten. Wäre da nicht der Welten Lauf, jener politische Virus, der sich aus dem maroden Sowjetsystem über den ganzen Ostblock ausbreitet.

«Anjas Haus in meiner Phantasie», © Evelina Jecker Lambreva

„Entscheidung“ ist ein geradlinig erzählter Roman von einer Schriftstellerin, die am eigenen Leib erfuhr, was in Bulgarien in den späten Neunzigern passierte. „Entscheidung“ gibt Einblick in einen Staat, in ein System, ein Dorf, das aus der Entfernung von drei Jahrzehnten unsäglich weit erscheint, zumindest aus mitteleuropäischer Sicht. Eine spannend und mit viel Empathie geschriebene Geschichte über den Kampf einer jungen Frau in den Wirren der Geschichte. Ein Roman, der mir bewusst macht, wie gross das Geschenk ist, in einem demokratischen Land geboren worden zu sein. Ein Plädoyer dafür, dass es nicht sein kann, dass man sich jenen Menschen verschliesst, die vor Verfolgung, politischer Willkür und Hoffnungslosigkeit ins vermeintliche Paradies fliehen wollen.

Ein Interview mit Evelina Jecker Lambreva:

Sie selbst sind 1963 in Bulgarien geboren und 1996 in die Schweiz gekommen. Dora, die Freundin Anjas, setzt sich ins Ausland ab und droht mit ihrer Flucht, andere mit sich in den Generalverdacht des Verrats hineinzuziehen. Ein Umstand, der vielen Flüchtenden das Gewissen plagt, sei es damals aus dem Ostblock oder Flüchtenden heute, die Familien und Freundschaften zurücklassen. Warum blieb und bleibt Bulgarien nie im Bewusstsein Mitteleuropas, weder politisch, noch kulturell, heute nicht einmal als Feriendestination?

Bulgarien war politisch schon immer für Mittel- und Westeuropa völlig uninteressant, da es nicht als Instrument zur Erreichung von diversen politischen Zwecken und Interessen eingesetzt werden konnte und kann. Es passiert und bewegt sich zu wenig in diesem Land, da die Bulgaren ein äusserst duldsames, gehorsames und überangepasstes Volk sind. Dies liegt in der Geschichte des Landes verwurzelt: Die 500 Jahre osmanische Herrschaft haben tiefe Spuren in der Mentalität und im kollektiven Verhalten der Bevölkerung hinterlassen. Kaum war Bulgarien 1878 durch Russland von der türkischen Herrschaft befreit worden und begann seinen Platz in Europa mit einem deutschen König zu suchen, kam nach nur 66 Jahren europäischer Orientierung die Sowjetische Herrschaft des Kremls für weitere 45 Jahre. Überhaupt begab sich das Land – seit dem Fall unter den Osmanen 1396 – immer wieder in Abhängigkeit von irgendeinem mächtigen Staat, verhielt sich passiv und passte sich den Umständen an, so wie es übrigens auch in einem bulgarischen Sprichwort heisst «Ein gebeugtes Köpfchen wird von keinem Schwert geköpft». Bulgarien verhielt sich über Jahrhunderte – so würde ich es aus meiner Sicht als Psychiaterin sagen – wie ein vergewaltigter Mensch: gefügig, still, eingeschüchtert, voller Scham-, Schuldgefühlen und Angst. Die Jahrhunderte andauernder Unterdrückung kultivierte brave, folgsame Individuen, die sich die Überangepasstheit als Überlebensstrategie aneigneten. Und von solchen Ländern schaut man im Mittel- und Westeuropa einfach weg.

Evelina Lambreva als Landärztin, © Evelina Jecker Lambreva

Kulturell hat Bulgarien einiges zu bieten, jedoch interessieren sich westeuropäische Medien kaum dafür. Dies ist meines Erachtens so, weil das Land einerseits politisch uninteressant ist und andererseits, da die Sehenswürdigkeiten in Bulgarien sehr schlecht vermarktet sind. Auch in der Schweiz hört man selten etwas über das Land. Nach wie vor wird Bulgarien mit Rumänien, und die Hauptstadt Sofia mit Rumäniens Hauptstadt Bukarest verwechselt. Sogar darüber, dass die Stadt Plovdiv für das Jahr 2019 immerhin zur Kulturhauptstadt Europas gewählt worden war, hat man hierzulande wenig gehört.

Als Feriendestination würde sich Bulgarien sehr gut eignen, wäre da im Tourismus an der Schwarzmeerküste und in den Bergen nicht die alte Einstellung aus kommunistischen Zeiten geblieben: «Wenn du einen Touristen siehst, schinde ihm die Haut! Ob er morgen wiederkommt, ist egal, Hauptsache, du kannst bei ihm heute abkassieren.» Obwohl die jetzige Regierung sehr viel für die Verbesserung der Infrastruktur im Lande tut, ist das noch immer nicht ausreichend, um aus Bulgarien eine beliebte Feriendestination zu machen. Aber es ist grosses Potential vorhanden, das in den nächsten Jahrzehnten sicher genützt wird. Zumindest ist das meine Hoffnung.

In den Jahren, in denen die Geschichte um Anja spielt, waren sie selbst ziemlich genau so alt wie die Protagonistin. Trotz aller Härte jener Zeit, der Armut und den archaisch anmutenden Verhältnissen schienen sich die Menschen, wenn die Angst vor dem Staat aussen vor blieb, nur zaghaft nahe zu kommen. Die Macht des Staates mischte bis in Liebesbeziehungen, Freundschaften und Familien. Heute ergeben wir uns freiwillig der Macht der Grossen, sei es Google oder Amazon, sei es Facebook oder sonst ein Globalplayer. Schöne heile Welt?

Heil war die Welt noch nie, und sie kann es auch nicht sein. Aber schön ist sie, die neue Zeit. Weil wir die Wahl haben, ob wir uns dafür entscheiden und wenn ja, welcher Macht wir uns ergeben wollen. Wir dürfen jetzt selbst darüber bestimmen und werden zu nichts gezwungen. Die individuelle Freiheit gibt uns jede Menge Möglichkeiten, ob und in welchem Ausmass wir uns freiwillig in welche Abhängigkeit begeben wollen.

Jeweils am 24. Mai feierte man im Dorf Kyrill und Method, die Begründer der kyrillischen Schrift. Ein Fest mit Reden, Tanz und einem Meer aus Blumen. Kyrill und Method waren aber zwei christliche Missionare aus dem 9. Jahrhundert. Typisch für die Manipulation von Geschichte, wenn es um politische Zwecke geht. Damals nicht anders wie heute. Wie weit ist Anjas Geschichte eine Geschichte um den Kampf gegen Manipulation?

Der Krankenwagen, © Evelina Jecker Lambreva

Dass Kyrill und Method zwei christliche Missionare aus dem 9. Jahrhundert waren, wurde im Kommunismus ganz bewusst verschwiegen. Diesem Aspekt wurde nie Aufmerksamkeit geschenkt. Denn Glaube und Religion waren verboten. Anders als in anderen osteuropäischen sozialistischen Ländern, führten Kirchenbesuche in Bulgarien zum Verlust der Arbeitsstelle oder des Studienplatzes und zu erheblichen politischen Schwierigkeiten. Einzig die Besichtigung von Klöstern war erlaubt, da diese als kulturelles Gut betrachtet wurden. Aber schon das Anzünden einer Kerze in der Klosterkirche galt als politisches Verbrechen, auf welches die Staatssicherheit stets ein waches Auge hielt, um dann das Vergehen sofort im Dossier des Betroffenen schriftlich festzuhalten. Diesem Aspekt habe ich in meinem Romandebüt «Vaters Land», (Braumüller Verlag, 2014) einen besonderen Platz eingeräumt.

Kyrill und Method wurden einzig als Erfinder der Kyrillischen Schrift sowohl vom Staat als auch von der Bevölkerung geliebt, gefeiert und verehrt. Der 24. Mai, der Tag der Kyrillischen Schrift, war und ist ein Fest der Buchstaben, der Bücher, der Literatur, der Kultur, Bildung und des Wissens geblieben. Bis heute ist und bleibt der Tag von Kyrill und Method mein Lieblingsfest in Bulgarien mit seiner Pracht aus Buchstaben, geschriebenem Wort und Frühlingsblüten. Deshalb kann ich den 24. Mai in keinster Weise in Verbindung mit Manipulation bringen.

Kaum zeichneten sich in Bulgarien durch Perestroika und Glasnost umfassende Veränderungen ab, begann ein „Krieg“ auf der Strasse. Bandenkriege und die Verzweiflung eines sterbenden Dinosauriers drohten das Land ins Chaos zu stürzen. Perestroika und Glasnost waren alles andere als eine sanfte Revolution. Hat sich ihr Blick auf diese Zeit in den Jahrzehnten danach verändert?

Das Kinderheim

Der sterbende Dinosaurier, wie Sie ihn nennen, hat nicht nur das Land durch die Bandenkriege und die schreckliche Angst vor deren Anführern, den sogenannten «Fratzen» (ehemaligen Geheimdienstlern, entlassenen Angestellten aus der Volkspolizei Milicija, Sportlern aus dem Ring- und Kampfsportbereich), ins Chaos gestürzt, sondern er hat dank diesem Chaos sogar bis heute überlebt. Heute sind diese Leute Oligarchen und regieren das Land durch die Macht ihres Geldes. Durch Bulgariens Pallastrevolution vom 10. November 1989 konnten sie ihre ideologisch-politische Macht ungestört in Wirtschaftsmacht umwandeln, und dies unter dem nachsichtigen Blick des Westens. Es gibt keine erfolgreichen sanften Revolutionen. Sanfte Revolutionen führen nur zu kosmetischen, nicht aber zu fundamentalen Veränderungen. Deshalb hat in Bulgarien keine echte Wende stattgefunden, sondern nur ein Prozess, der als «Alter Wein in neuen Schläuchen» bezeichnet werden muss. Noch immer sind 10’500 ehemalige Angehörige der bulgarischen Staatssicherheit (und das macht ca. 10% aus) in führenden staatlichen Positionen angestellt und besetzen öffentliche Ämter. Eine Durchleuchtung, die Lustration, die sich viele von uns erhofften, hat nie stattgefunden, die Vergangenheit wurde nicht aufgearbeitet und bleibt somit bis heute unverarbeitet. Zum Glück wurde Bulgarien im Jahr 2007 in die EU aufgenommen. Es hat diese einmalige Chance gepackt und kann nun zuversichtlich vorwärtsblicken, auch wenn die unverarbeitete Vergangenheit das Land in seiner Weiterentwicklung stark bremst. Für die kommenden Generationen wird aber Bulgarien dennoch zu einem Land, in dem man gerne leben wird. Vorausgesetzt, es gibt keinen neuen Krieg in Europa und insbesondere auf der Balkanischen Halbinsel.

Anja wird in die Isolation gezwungen. Ihre Freundin flieht, ihre Liebe scheitert, ihre Aufgabe droht ihr zu entgleiten. Selbst Maria, das Mädchen aus dem Heim ist nicht zu retten. Sie sind Psychotherapeutin. Isolation ist ein Phänomen, damals wie heute. Anja ist stark. Aber nicht alle Menschen finden die Kraft. Was kann die Literatur?

Ich denke, Literatur kann viel bewirken. Sie kann aufklären, zum Nachdenken anregen, sie kann helfen, das Leben und den Menschen in ihren Widersprüchlichkeiten besser zu verstehen, sie kann die Introspektionsfähigkeit des Einzelnen fördern. Literatur kann seelische Kräfte und Ressourcen mobilisieren, selbst grausamen Diktatoren wie Stalin war das bekannt. Vergessen wir nicht, dass Stalin während der Blockade von Leningrad der aushungernden Bevölkerung den Roman „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi verteilen liess und sie aufforderte, den Roman zu lesen, um ihren Selbsterhaltungstrieb anzuregen, um die Widerstandskraft und die Moral der Bevölkerung zu stärken. Literatur kann ohne Zweifel in schwierigen Zeiten Kraft und Trost spenden. Durch Austausch von Gedanken und Meinungen über Bücher kann sie Freundschaften schaffen und somit helfen, Isolation und Einsamkeit zu überwinden. In der Welt der Bücher kann man sich kaum einsam fühlen. Denn durch die Flucht in diese Welt und ins Lesen kann man unerträgliche Realitäten erträglicher machen. Literatur verbindet, sie schafft Brücken zum uns Fremden und Unbegreiflichen. Sie besitzt sogar eine Art heilende Kraft, was sich aus der Arbeit mit Bibliotherapie deutlich zeigt.

© Evelina Jecker Lambreva

Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. In deutscher Sprache liegen der Gedichtband «Niemandes Spiegel» sowie der Erzählband «Unerwartet» vor. Zuletzt bei Braumüller erschienen: «Vaters Land» (2014) und «Nicht mehr» (2016).

Rezension von «Nicht mehr» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Alice Grünfelder «Postkarten aus Taiwan» II

«Was haben wilde Erdbeeren, wilde Lilien und Sonnenblumen gemeinsam?» Es sind Namen dreier Bewegungen Taiwans, die jedes Mal zu einem unblutigen, wenngleich spektakulären Machtwechsel führten. Wie zeigt sich nun der in der Vergangenheit erprobte Widerstand? Und wie sehen die Zeichen von Non-Konformismus im turbokapitalistischen Alltag der Inselrepublik aus?

Mit diesen Fragen im Koffer macht sich die Schriftstellerin Alice Grünfelder in Taiwan auf Spurensuche und schickt ihr Gewölk aus Gedanken, Beschreibungen, Zitaten in Miniaturen verdichtet per Postkarte ans literaturblatt.ch – jeden Monat eine.

Erste Irritationen

Wo ist Ost und West wenn
der Nebel in die Stadt drückt
kein Sonnenlicht im
mehrstöckigen Labyrinth
Google Maps ein schwacher Trost

Glocke und Drache
im Osten mit Weihrauch um
Glück bitten Krankheit
und Angst mit Geld verscheuchen
so die Regeln in Tempeln?

 

David Wagner «Der vergessliche Riese», Rowohlt

Er besucht seinen Vater. Einen Vater, der sich ungewollt immer mehr von ihm entfernt. Einen Vater mit Demenz. Dieses grosse Vergessen, das einem einen Menschen wegnimmt, immer weiter weg, bis dieser trotz körperlicher Nähe ganz entschwindet, bis sich das Vergessen durch alles hindurchgefressen hat.

Als Arno Geiger 2011 seinen Roman „Der alte König in seinem Exil“ veröffentlichte, war es ganz offensichtlich für viele Leserinnen und Leser, als hätte da jemand ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, die Geschichte einer unaufhaltsamen Abkehr, die Geschichte um einen an Alzheimer erkrankten Vater. Ich war an einer Lesung des Schriftstellers, an der er schon zu Beginn der Lesung klarmachte, dass er weder Fachmann in Fragen zu dieser Krankheit sei und auch keine Lust habe, eine Pandorabüchse zu öffnen.

David Wagner erzählt die Vater-Sohn Geschichte bis zu jenem letzten Satz: „Wer sind eigentlich deine Eltern?“ Eine Erzählung über einen langen, unvermeidbaren Abschied. David Wagner erzählt von den Besuchen des Sohnes bei seinem Vater. Zuerst im Glashaus in Andernach, später in der grossen Villa für Demenzkranke am Rhein. David Wagner schildert Begegnungen, in denen er Dialoge in Echtzeit erzählt, wie sich Wiederholungen immer mehr ausbreiten, die Entfernung aus der Gegenwart immer grösser wird. David Wagner tut dies so schlicht und geradlinig, dass ich mich tief in die Begegnungen hineingezogen fühle, ohne dass der Schriftsteller je in eine sentimentale Ebene abrutschen würde. Ich werde unmittelbarer Zeuge eines Verschwindens. Ich werde durch die immer gleichen Fragen des Vaters, der äusserlich noch immer rüstig und agil erscheint, durch die herzlich hartnäckigen Antworten des Sohnes tief in dieses Gefühl hineingesogen, als würde die Insel im Meer des Vergessens Stück für Stück wegbrechen und immer kleiner werden. Nur die fernen Streifen in der Vergangenheit, die Bilder aus der Kindheit aus der Familiengeschichte während und nach dem grossen Krieg, sind unmittelbar, als würden sie wie Wetterwolken in die absolute Windstille des Vergessens einbrechen.

Es sind nicht die Geschichten der Familie, nicht die Episoden von Vater und Sohn, auch nicht die zuweilen auftretende Komik, sondern die Art und Weise, wie David Wagner über diese Besuche schreibt, seine Zurückhaltung, seine Liebe, seine Behutsamkeit, sein Respekt. Wenn ein Vater nur mehr in der Erinnerung der Riese ist, der einem auf seinen Schultern durch das Leben trägt.

Es wird bei Lesungen aus diesem Buch ganz ähnlich sein wie bei Arno Geiger. David Wagner macht eine Tür auf, von der wir lieber wollen, dass sie geschlossen bleibt. Und für all jene, die gezwungen wurden hindurchzugehen, jenen Menschen an der Hand zu nehmen, weil ein Gang alleine immer unmöglicher wird, jenen gibt er zwar keine Hoffnung, aber den Mut, den Zauber einer Kleinigkeit. Der Vater ist schlussendlich im Pflegeheim, im Waisenhaus für alte Kinder. Ausgeschlossen von den Erinnerungen, die nicht mehr einzuordnen, nicht mehr kontrollierbar sind. Eingeschlossen ins Vergessen. Und wenn dann diese Vater-Sohn-Gespräche mit einem Mal voller Tiefe, Weisheit und Wissen strahlen, dann wird klar, dass Demenz nicht nur ein dunkler, schwarzer Abgrund sein muss.

© Linda Rosa Saa

David Wagner, 1971 geboren, debütierte mit dem Roman «Meine nachtblaue Hose». Sein Roman «Vier Äpfel» stand er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 2013 wurde ihm für sein Buch «Leben» der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen, 2014 erhielt er den Kranichsteiner Literaturpreis und war erster «Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessor für Weltliteratur» an der Universität Bern. «Der vergessliche Riese» brachte ihm 2019 den Bayerischen Buchpreis und eine Platzierung auf der Shortlist für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis ein. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Er lebt in Berlin.

Rezension von «Ein Zimmer im Hotel» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild: Sandra Kottonau

Sun Wei «Die Einbahnstraße der Elefanten»

aus dem Chinesischen von Anna Stecher

Es war ein Sommer wie im Backofen. Am Horizont hinter der großen Stadt türmten sich Abend für Abend feuerrote Wolken. Sie sahen aus wie riesige rote Elefanten, die gemächlich auf die fingernagelgroßen Häuser zu wanderten. Der Trupp der Elefanten war unendlich lange, so als würde er niemals aufhören. Sogar an windigen Abenden klebten sie am Himmel wie an einem Vorhang, der immer dunkler und dunkler wurde, bis schließlich die tiefblaue Nacht hereinbrach.

Mufeng presste ihre Nase ans Fenster und sah dem Elefantentrupp dabei zu, wie er sich langsam vorwärts bewegte. Obwohl die Klimaanlage im Wohnzimmer an war, schwitzte sie, und ihre Nase hinterließ auf dem Fensterglas einen Abdruck wie eine Erdbeere.

Großmutter sagte: „Morgen wird wieder ein heißer Sommertag sein. Das kann man an der Form der Wolken erkennen.“

Kaum war Großmutters Stimme verklungen, sah Mufeng keine Elefanten mehr, sondern nur ein paar feuerrote Riesenwolken, die über den Himmel dahinzogen.

Mit den Hausaufgaben für die Sommerferien war Mufeng schon fast fertig, der Sommer selbst würde bald zu Ende sein. Natürlich war sie gespannt auf den Herbst, im nächsten Semester gab es viele neue Kurse und sie würde viele neue Mitschüler kennen lernen. Aber in letzter Zeit hatte Mufeng begonnen sich etwas zu wünschen. Sie wünschte sich, dass der Herbst niemals kommt, sie wünschte sich, dass die Zeit stehen und dass es für immer Sommer bleibt, auch wenn es so heiß ist, dass man nicht nach draußen gehen kann. Genau das wünschte sie sich aus tiefstem Herzen.

Großmutter ging viel langsamer als früher. Sie brauchte jetzt sehr lange, um einen Teller Bohnenbrei aus der Küche ins Wohnzimmer zu tragen. Der kleinen weißen Katze kam sie auch nicht mehr nach. Großmutter liebte es Mufengs Haare zu einem Pferdeschwanz zu binden, jetzt kam sie beim Kämmen immer ganz außer Atem. Mufeng merkte, dass Mama und Papa sich große Sorgen um Großmutter machten. Jedes Mal, wenn sie Großmutter zum Arzt fuhren, kamen sie mit zusammengezogenen Augenbrauen wieder heim.

Aber Großmutter lächelte strahlend über das ganze Gesicht: „Jetzt bin ich eben alt. Was ist denn so schlimm daran?“

Was war das, „alt“? Mufeng fuhr mit der Hand leicht über Großmutters Rücken, der in diesen Jahren immer krümmer und krümmer geworden war.

„Dieses spezielle Recht bekommt man erst, wenn man sehr viele Jahre lang gelebt hat“, meinte Großmutter lachend. „So kann man die schönen Blumen am Boden besser sehen.“

Mufeng betrachtete Großmutters Haar, das ihr bis über die Ohren reichte. Keine Ahnung, wann es völlig weiß geworden war.

„Das ist ein noch spezielleres Recht, man bekommt eine silberne Krone. Damit kann man in der Menschenmenge glitzern und funkeln.“ Großmutter steckte einen Schmetterling in Mufengs Haar.

Plötzlich sah Großmutter wieder sehr müde aus, sie drückte ihre Finger an die Schläfen. Dabei meinte sie zu Mufeng: „Man hat nicht mehr so viel Energie wie die jungen Leute, das ist auch ein spezielles Recht. Denn man hat einfach keine Zeit mehr für nutzlose Dinge.“

Wenn Mufeng sich zu lange bei Großmutter aufhielt, kam jetzt immer öfter Mama vorbei. Sie meinte, Großmutter sei müde. Einmal brachte Mama sie ins Elternschlafzimmer, wo es sich gerade die kleine weiße Katze gemütlich gemacht hatte. Dabei murmelte Mama: „Großmutter muss sich ausruhen.“ Dann wurden ihre Augen rot und sie flüsterte mit erstickter Stimme: „Großmutter hat nicht mehr so viel Zeit.“

Als von den Sommerferien nur noch zwei Wochen übrig waren, war die kleine weiße Katze auf einmal verschwunden. Mufeng war noch im Bett, da hörte sie eines Tages in aller Frühe, wie Mama und Papa rein und raus liefen. Dabei sprachen sie leise darüber, dass Katzen verschwinden, bevor sie sterben, um sich ein Versteck zu suchen. Immerhin war die kleine weiße Katze schon über zehn Jahre alt.

Mufeng verstand nicht. Auch der Nachbarsjunge war schon über zehn, aber er sah keineswegs alt oder tot aus. Von draußen drangen laute Rufe herein, Großmutter war auf der Suche nach der kleinen weißen Katze im Garten hingefallen. Mufeng kletterte aufs Fensterbrett, um nachzuschauen, was los war. Als sie nichts sehen konnte, sprang sie aus dem Bett und lief barfuß im Schlafanzug hinaus. An der Haustür wurde sie von Mama aufgehalten.
Mama lächelte Mufeng mit geröteten Augen zu: „Ich habe eine Idee. Was hältst du davon ein paar Tage bei Onkel zu verbringen? Jetzt hast du ja noch Ferien.“

Schon wenig später war Onkel da und packte Mufeng in sein Auto. Dann hievte er noch den riesigen Koffer hinein, den Mama für sie eingepackt hatte. Schon sausten sie durch die Straßen und erreichten sein kleines Haus außerhalb der Stadt. Onkel war ein Maler, und in seinem Haus duftete es nach Öl und nach Holz. Neugierig lugte Mufeng durch die halboffene Tür in sein Atelier.

„Ich habe gerade deinen Vater angerufen, er sagt, Großmutter geht es sehr gut. Aber sie muss noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben.“ Obwohl Onkel sehr zuversichtlich klang, hatte Mufeng ein seltsames Gefühl und brachte keinen Bissen hinunter. So zog sie sich in ihr kleines Zimmerchen im oberen Stock zurück und starrte zum Fenster hinaus. Dabei drückte sie ihre schweißnasse Nase an die kalte Fensterscheibe.

Seltsam, obwohl sie sich am anderen Ende der Stadt befand, waren die Wolken vor dem Fenster dieselben. In der Sommerhitze dehnten sie sich aus und wurden unglaublich groß. So lagen sie quer am Horizont, zunächst weiß und dann zunehmend röter und röter, wie ein Trupp von riesigen roten Elefanten, der nach und nach in die immer dunklere Nacht hinein schreitet.

Plötzlich klopfte es an der Tür, leicht und schnell, so als pochten da viele kleine Fäuste. Mufeng erschrak, wer außer Onkel wohnte denn sonst noch in diesem Haus? Zaghaft öffnete sie die Tür. Im nächsten Augenblick rollte ein ganzer Schwall von feuerroten Tomaten ins Zimmer, der Raum füllte sich mit ihrem Duft. Das waren also die Tomaten gewesen!

„Wir haben keine Zeit mehr.“

„Wir haben keine Zeit mehr!“

So schrien sie und wirbelten wild durcheinander. Mufeng stand sprachlos daneben und starrte sie an.

Eine Tomate, die rundeste von allen, rollte sich in unglaublichem Tempo auf Mufengs Fußrücken. Unter heftigem Schnaufen meinte sie: „Bitte hilf uns! Schnell! Wir haben keine Zeit mehr!“

Mufeng fragte sie: „Wie kann ich euch helfen?“

„Geh zum Kühlschrank und iss uns auf, oder nimm uns mit.“

Kühlschrank? War das vielleicht ein Traum?

„Wenn ich sie nicht aufesse, dann kommen sie vielleicht wieder in meine Träume“, überlegte Mufeng. Also machte sie sich auf den Weg Richtung Küche.
Sie öffnete den Kühlschrank und stellte fest, dass sich dort in der Tat reife Tomaten türmten. Mufeng nahm sie heraus und legte sie auf den Küchentisch.

Jetzt sahen sie genauso schüchtern aus wie die Tomaten im Supermarkt, die nicht sprechen konnten. Mufeng griff nach einer Tomate und biss hinein, sogleich spürte sie ihren Geschmack auf den Lippen. Diese Tomaten hatten in der Tat genau die richtige Reife, sie schmeckten weich und ein bisschen sauer, und zugleich klebrig süß.

Mufeng aß und aß, aber es waren zu viele Tomaten. So langsam befürchtete sie gleich zu zerplatzen.

Als die alte Uhr im Wohnzimmer zwölf Mal schlug, kam auf einmal Bewegung in die Tomaten auf dem Tisch. Mufeng sah, wie eine nach der anderen einen Sprung bekam. Fröhlich riefen sie: „Jetzt haben wir endlich einen eigenen Mund! Dann brauchen wir nicht mehr in die Träume anderer Leute hinein zu laufen, wenn wir etwas sagen wollen.“

Mit ihrem gerade erst gewachsenen Mund flehten sie Mufeng an: „Bitte nimm uns mit, wir können hier nicht länger bleiben!“

Mufeng fragte: „Wohin wollt ihr denn?“

„Ans Ende des Sommers“, rief die Tomate mit dem größten Sprung. „Das befindet sich hinter der Nacht da draußen.“ Und dann lächelte sie das schönste Lächeln, das Mufeng in ihrem ganzen Leben gesehen hatte. Es hörte sich an, als wäre das ein Ort, der zehn Millionen Mal besser war als das Gemüsefach im Kühlschrank.
Mufeng überkam die Angst. Sie blickte in die undurchdringliche Dunkelheit vor dem Fenster hinaus. Sie kannte die Straßen in dieser Gegend kaum. Zudem kam gerade Wind auf, der die Schatten der Bäume über die Gitter vor dem Fenster tanzen ließ. Auf einmal tat es einen lauten Knall und die Haustür flog auf. Der Wind blies in die Küche und wirbelte einmal über den Tisch und den Geschirrschrank, sodass die Teller und Essstäbchen laut klirrten. Die Tomaten auf dem Tisch drängten sich auf einem Haufen zusammen. Draußen prasselte schon laut der Regen.

Plötzlich bemerkte Mufeng eine kleine weiße Gestalt, die in der offenen Haustür vor der Regenwand stand. Es war die kleine weiße Katze, die sie den ganzen Tag lang gesucht hatten. „Weißchen!“ Mufeng lief auf die Katze zu und wollte sie hochheben.

Wer hätte gedacht, dass sich die kleine weiße Katze hochnäsig sträubte: „Es ist dir nicht erlaubt mich so zu nennen. Mein richtiger Name ist Kater Weiß. Deswegen wünsche ich, dass du mich Herr Kater nennst.“

Mufeng schaute den Kater erstaunt von oben bis unten an, er sah heute wirklich anders aus als sonst. Er trug einen weißen Frack und hatte eine feuerrote Schleife umgebunden. Auf dem Kopf saß ein weißer Zylinder, und in einer Vorderpfote hielt er einen weißen Spazierstock. Mit der anderen Vorderpfote lüpfte er den Hut zum Gruß, dann schritt er majestätisch in die Küche und wetterte zu den Tomaten auf dem Tisch: „Hatten wir nicht ausgemacht, dass ich euch den Weg dorthin zeige? Warum fragt ihr dann sie?“

Die fröhliche Tomate meinte sogleich erklärend: „Herr Kater, natürlich haben wir auf dich gewartet. Aber schau doch, wie rund wir alle sind. Wenn dir niemand dabei hilft uns zu bändigen, dann wirst du einige von uns auf Halbweg verlieren.“

„Und wer sollte dabei bitteschön helfen?“ Herr Kater schwieg einen Augenblick. „Ihr wisst doch ganz genau, dass kein Mensch an diesen Ort gehen darf. Ihre Großmutter hat eine Eintrittskarte erhalten, aber sie doch nicht.“

Als Mufeng hörte, dass Großmutter auch an jenem Ort war, horchte sie auf. „Ich bin nicht irgendjemand, und ich helfe wirklich sehr gerne! Bitte bitte, lieber Herr Kater, ich muss Großmutter sehen. Lass mich doch bitte mitkommen!“

Mit ihren großen Mündern unterstützten die Tomaten Mufeng lautstark: „Herr Kater, eine Persönlichkeit wie du könnte doch eine Dienerin dabei haben.“
Was? Eine Dienerin? Er ist doch mein Haustier, und ich bin seine Besitzerin! Mufeng sträubte sich zunächst. Aber dann sah sie, wie Herr Kater den Spazierstock in seinen Händen drehte und sie dabei vielsagend ansah, so als wollte er sie daran erinnern, dass sie es war, die ihm Tag für Tag sein Futter hinstellte und sein Fell bürstete. In der Tat, es war völlig klar, wer hier der Herr war und wer der Diener.

Gut, dachte Mufeng, Hauptsache ich kann Großmutter sehen. Was macht es da schon aus, dass ich seine Dienerin sein muss.

Als Dienerin machte sie sich sofort daran genügend Regenschirme aufzutreiben. Es regnete in Strömen, da braucht jede Tomate ihren eigenen Schirm. Aber Herr Kater bestand darauf, dass es keine Schirme bräuchte. Dann machte er einen Katzenbuckel, hob den Kopf, klopfte mit dem Stock auf den Boden und wies alle an zusammenzustehen. Er hielt er den Stock in den Regen hinaus. Auf einmal öffnete sich mitten im Regen ein kleiner Gang mit silbernen Vorhängen, wie ein Durchgang, der hinter eine Bühne führt.

Würdevoll trat Herr Kater in den Gang, und die Tomaten folgten ihm kullernd eine nach der anderen. Mufeng war die letzte in der Reihe. Als sie sich noch einmal umsah, waren die Regenvorhänge verschwunden, ebenso wie die große Stadt. Mufeng spürte Sonnenlicht auf ihrer Haut, die Luft um sie herum war trocken und kühl. Licht und Schatten wogten auf und ab wie Musiknoten, und unter ihren Füßen spürte sie weiches Gras. Es duftete nach Tau.

Sie befanden sich an einem frühen Morgen ohne genaues Datum. Um sie herum standen keine Hochhäuser, sondern nur schneebedeckte Berge mit dichten grünen Wäldern. Darüber strahlte ein blauer Himmel.

Am Fuß der schneebedeckten Berge lag ein ruhiger See, der so klar war, dass man durch das Wasser hindurchsehen konnte. An seinem Ufer wuchsen frische Gräser und bunte Blumen. Sie liefen am Seeufer entlang, der Kater schritt eilig an der Spitze des Zuges, die Tomaten rollten in einer Reihe hinterher.

„Beeilt euch ein bisschen!“

„Sonst kommen wir noch zu spät zur Feier!“

Aber der Trupp kam alles andere als schnell vorwärts. Im Gegenteil, es war genauso, wie es die Tomate vorhergesagt hatte. Sie rollten ständig durcheinander, manche auf die linke, die anderen auf die rechte Seite. Mufeng, die als letzte ging, hatte alle Hände damit zu tun die Tomaten, die vom Weg abgekommen waren, wieder zurückzurollen. So kam es, dass sie immer wieder von anderen Trupps überholt wurden.

Der Trupp der Sternjasmine bestand aus vielen kleine Grüppchen. Alle trugen grüne Röcke und hielten weiße Windräder in die Luft. So glitten sie wie auf Flügeln im Wind dahin.

Dann kam der Trupp der Hortensien, die auf einem grünen Wagen saßen und während der Fahrt wie ein Team von Cheerleadern tanzten und winkten. Die Musik, zu der sie sich bewegten, stammte vom Trupp der Klettertrompeten und Taglilien. Diese hielten ihre orangen Trompeten hoch in die Luft und bliesen gerade einen flotten Marsch.

Majestätisch nahte der Trupp der Chrysanthemen. Auf hohen Stängeln reckten sie ihre Blüten in die Luft. Sie waren mit lila und roten Röcken bekleidet und trugen goldene Kronen auf den Köpfen. In höfisch distanzierter Eleganz nahmen sie den Gruß von Seiten der Tomaten nur sehr von oben herab wahr.

Auch die Kirschen waren dabei. Sie drängten sich schnell nach vorne, dabei hüpften sie wild und prallten aufeinander. Schon bald hatten sie den Trupp der Tomaten auseinander gesprengt. Nach ihnen folgten Erdbeeren, Pflaumen und Litschi. Den Pfirsichen erging es ähnlich wie den Tomaten, sie rollten langsam daher und verliefen sich ständig. Schon bald hatten sie sich völlig mit den Tomaten vermischt. Unglücklicherweise hatten sie es noch nicht geschafft sich wieder in Formation zu bringen, als sich mit Getöse ein weiterer Trupp ankündigte.

Das waren die Wassermelonen. Sie rollten daher wie Kriegsfahrzeuge, die alles niederzuwalzen drohten, was ihnen in den Weg kam. Zu Tode erschrocken flüchteten sich die Pfirsiche und Tomaten zur Seite. Herr Kater stellte sich schützend vor sie hin und nahm den Spazierstock quer in seine Vorderpfoten: „Ruhe bewahren, Ruhe bewahren!“

In diesem Augenblick erblickte Mufeng abermals die feuerroten Elefanten. Es war das erste Mal, dass sie sie aus nächster Nähe sah. Sie gingen am Ende des Zuges und kamen allmählich näher. Sie waren so groß, dass Mufeng nur ihre Beine und Bäuche sehen konnte, als sie näher kamen. Ihr Trupp sah unendlich lange aus, so als würde er niemals aufhören.

Auf ihren Rücken trugen sie Menschen und Tiere, die gemeinsam ein altes hallendes Lied sangen. Die Melodie erfüllte die Luft, als würden zahllose kleine Elfen mit den Flügeln schlagen. Mufeng konnte nicht genau verstehen, worum es in dem Lied ging. Sie schaute nur gebannt nach vorne, wo Großmutter auf einem kleinen Elefanten daher geritten kam. Ihr weißes Haar glitzerte im Sonnenlicht wie eine Silberkrone.

„Großmutter, Großmutter!“ Mufeng stürmte auf Großmutter zu.

Großmutter war auf einmal wieder jung und beweglich. Sie rutschte über den Rüssel des kleinen Elefanten hinunter und breitete ihre Arme aus, um sie um Mufeng zu schlagen. Mufeng stürzte sich in die Umarmung, wie warm und schön war das doch! Die Kleider hatten Großmutters vertrauten Geruch. Mufeng war so glücklich, dass ihr die Tränen kamen.

Der kleine Elefant hielt inne und lächelte und schloss die beiden mit seinem Rüssel in einer weiteren Umarmung ein. Seine Haut war weich und warm, wie die Schale von gebratenen Süßkartoffeln. Mufeng sah, wie der kleine Elefant eine Freudenträne vergoss, und als sie auf den Boden fiel, wuchs daraus eine schöne Blume.

Sogleich kamen die Tomaten herbei und freuten sich mit. Herr Kater lüpfte seinen Hut und küsste Großmutter nach europäischer Art auf beide Wangen.

Mufeng griff fest nach Großmutters Hand. Sie hatte sich solche Sorgen um sie gemacht! Jetzt war sie entschlossen sie nie wieder los zu lassen. Hand in Hand folgten Mufeng und Großmutter dem Zug. Vorne wurde es langsamer. Umrahmt von Seen und Wäldern öffnete sich auf beiden Seiten des Weges ein fröhlicher Jahrmarkt. Früchte und Blumen mit bunten Schürzen und Kopftüchern verkauften alle möglichen kleinen Dinge.

Herr Kater wollte eine Riechflasche aus Geißblatt haben. Mufeng sah, wie er der Verkäuferin eine Pfote hinstreckte. Diese scannte die Pfote, es piepste, dann meinte sie: „Restbetrag: eine Stunde und 19 Minuten.“ Daraufhin reichte die Verkäuferin Herrn Kater die Riechflasche und meinte: „Ich wünsche dir viel Freude damit.“

Die Riechflasche war gefüllt mit getrocknetem Geißblatt, das einen betörenden Geruch verströmte.

Als Mufeng sah, dass es Windräder aus Jasmin zu kaufen gab, blieb sie sofort stehen. Großmutter konnte ihre Gedanken erraten und streckte lächelnd ihre Hand aus.

„29 Minuten.“ Daraufhin meinte die Verkäuferin: „Das ist die gesamte Zeit, die Ihnen geblieben ist. Dafür kann man nur noch ein kleines Windrad haben.“ Großmutter nickte, nahm das kleine Windrad entgegen und reichte es Mufeng.
Mufeng war ein wenig traurig. Auf dem Jahrmarkt gab es noch so viele schöne Dinge, sie wollte auch etwas für Großmutter kaufen. Das Gelee aus Vogelbeeren zum Beispiel, das in kleinen herzförmigen Behältern angeboten wurde. Mufeng streckte ihre Hand aus, die Verkäuferin scannte sie. Da begann ein Alarm zu schrillen.

„Ihre Zeit gehört nicht hierher“, meinte die Verkäuferin erstaunt. „Ihre Zeit gehört nicht hierher.“

„Sie gehört nicht hierher!“

Die Blumen, Früchte und Tiere schrien alle erschrocken auf, einer lauter als der andere. Das Chaos führte dazu, dass die Elefanten in ihrem Schritt innehielten. Der größte Elefant entdeckte Mufeng in der Menge und ging langsam auf sie zu: „Wer bist du? Wie kommst du hierher?“

Die Stimme des Elefanten grollte wie der Donner im Sommer.

Herr Kater sprang mutig vor und stellte sich vor Mufeng: „Ich habe sie hierher gebracht, sie ist meine … Dienerin.“

Mufeng wollte in keinem Fall, dass der Herr Kater Schwierigkeiten bekäme, und sagte: „Es ist meine eigene Schuld. Ich habe ihn darum gebeten mich mitzunehmen! Ich wollte nur Großmutter sehen.“

Der Elefant beugte seinen riesigen Körper und schwenkte seinen Kopf über die Menge, um Mufeng zu finden. Schließlich konnte Mufeng ihr eigenes Spiegelbild in den Augen des Elefanten erblicken. Nach und nach verschwand daraus die Schärfe und die Augen füllten sich mit Wärme.

Mufeng fragte den Elefanten vorsichtig: „Könntest du mir nicht ein bisschen Zeit geben?“

„Wofür willst du die Zeit haben?“ Der Elefant blinzelte mit seinen großen Augen.
„Ich möchte ein Geschenk für Großmutter kaufen.“

Der Elefant richtete sich wieder auf und erklärte laut vor der versammelten Menge: „Sie ist ein Kind.“

„Sie ist ein Kind!“

„Himmel, sie ist ein Kind!“

Alle schrien wild durcheinander.

„Und deswegen“, meinte der Elefant, „hast du noch sehr viel Zeit, mehr Zeit als wir alle zusammen.“

Der große Elefant machte mit seinem Rüssel eine Bewegung in der Luft, wie ein Zauberer. Da erschien auf der Spitze des Rüssels eine goldene Kreditkarte, eine „Zeit-Kreditkarte“. Er reichte Mufeng die Kreditkarte und meinte ernst: „Bitte merk dir eines: Jede Minute, die du heute hier ausgibst, wird später von deiner Zeit abgezogen, sobald du erwachsen bist.“

Glücklich nahm Mufeng die golden schillernde Karte in Empfang und bedankte sich beim Elefanten.

Im nächsten Augenblick hatte sie schon zwei Portionen herzförmiges Vogelbeergelee gekauft, eines für Großmutter und eines für sich selbst. Es schmeckte süßsauer und glitzerte rot wie Rubin. Schon bald hatten sie es mit einem kleinen Löffel aufgegessen.

Der Jahrmarkt hatte noch so viele schöne Dinge zu bieten! Mufeng suchte für Großmutter einen Haarschmuck aus Jade aus, der ausgezeichnet zu ihrem weißen Haar passte. Dann kaufte sie noch eine kleine Laterne aus Lampionblumen, die hell leuchtete, wenn ein Glühwürmchen hinein flog. Außerdem musste sie noch die lila Tusche aus Himbeeren haben, Großmutter konnte wunderschöne Schriftzeichen malen. Am Ende erstand sie noch einen Kirschenlikör in einer kleinen Porzellanflasche, eingehüllt in dunkelrotes Geschenkpapier.

„Zu zahlender Betrag: Eine Stunde und 39 Minuten. Vielen Dank für Ihren Einkauf.“ „Ursprünglicher Preis: 59 Minuten, nun gibt es zehn Prozent Rabatt.“

„39 Minuten. Ohne Garantie.“

„Zwei Stunden und neun Minuten. Dazu gibt es gratis eine Geschenkbox.“

Großmutter sah ein bisschen traurig aus: „So viele Geschenke brauche ich doch gar nicht. Ich habe ja schon dich, das macht mich sehr glücklich.“

Mufeng meinte ernst: „Großmutter, wenn ich für dich eine Minute Freude kaufen kann, dann ist es völlig egal, wieviel die kostet.“

Großmutter lachte laut: „Ich freue mich schon sehr.“ Sie strich Mufeng über den Kopf: „Du musst noch erwachsen werden, deswegen darfst du nicht deine gesamte Zeit hier verbrauchen.“

Aber Mufeng hatte das Gefühl, dass die Zukunft völlig unbedeutend war angesichts dieses wunderbaren Moments.

Für Herrn Kater kaufte Mufeng ein Rückenkissen gefüllt mit Pfingstrosenblüten. Für einen reisenden Gentleman war das doch ein ausgesprochen nützliches Geschenk. Herr Kater war so gerührt, dass er anfing zu niesen.

Dann fiel Mufengs Blick auf einen Stand mit kleinen lila Klappschirmen aus Hibiskusblüten. Sie musste zwei davon haben, einen für sich und einen für Großmutter. So würden sie nicht nass werden, falls es regnete. Aber als sie mit ihrer Kreditkarte bezahlen wollte, hielt Großmutter sie zurück: „Du brauchst nicht zwei davon zu kaufen. An den Ort, wo ich hingehe, kannst du nicht mitkommen.“

Mufeng wurde von einer plötzlichen Ahnung ergriffen. Sie merkte, wie der Zug immer schneller und schneller wurde. An beiden Seiten des Weges wurden schon die Stände weggeräumt. Im nächsten Augenblick waren die beiden Schirme in ihrer Hand zu zwei ganz normalen Hibiskusblüten geworden.
Der kleine Elefant, auf dem Großmutter gesessen hatte, näherte sich ihnen. Mit seinem Rüssel hob er Großmutter leicht auf seinen Rücken. Deswegen konnte Großmutter Mufengs Worte nicht mehr hören: „Warum darf ich nicht mitkommen, warum?“

Der Elefant blies Mufeng mit seinem Rüssel warme Luft in den Nacken: „Für alle Dinge gibt es die richtige Jahreszeit. Wir werden gemeinsam mit diesem Sommer aufbrechen, aber du wirst noch viele Sommer haben.“

Mufeng erinnerte sich, dass die Tomaten über einen Ort gesprochen hatten, der „Ende des Sommers“ heißt. In der Tat war der Sommer zu Ende. Mufeng fragte: „Aber nächstes Jahr im Sommer kommt ihr doch wieder zurück, nicht wahr?“
Der kleine Elefant meinte mit warmer Stimme: „Wir kommen nicht mehr zurück. Für dich wird es nächstes Jahr einen weiteren Sommer geben. Du wirst wieder die schönen Blumen und Früchte sehen, und du wirst wieder rote Elefanten am Himmel sehen. Aber das werden nicht wir sein.“

Erschrocken begriff Mufeng, dass das hieß, dass Großmutter ebenfalls nicht mehr zurück kommen würde.

Der kleine Elefant tröstete sie: „Aber du kannst dir auch vorstellen, dass die großen Elefanten am Himmel wir sind.“

Mufeng schüttelte energisch den Kopf. Niemals würde sie sich vorstellen, dass ein anderer Mensch Großmutter wäre, oder eine andere weiße Katze Herr Kater. Nie wieder würde es einen so wunderbaren Sommer geben! „Bitte bleibt stehen, bleibt stehen!“ Mufeng lief dem kleinen Elefanten hinterher und schimpfte verärgert: „Warum können wir nicht für immer in diesem Sommer bleiben?“
Der kleine Elefant schüttelte seine großen Ohren: „Wenn es so wäre, dann würden die Kinder auf der Welt nie erwachsen, und die Äpfel würden nicht rot, die Kastanien würden nie reifen, und du und deine Mitschüler, ihr würdet nie in die vierte Klasse kommen. Würde dir so eine Welt etwa gefallen?“

Noch während er sprach, trabten die Elefanten immer schneller. Mufeng lief ihnen keuchend hinterher. Aus vollem Halse schrie sie: „Stehenbleiben!“

Sie schrie so laut, dass sie selbst darüber erschrak. Da blieb der kleine Elefant wirklich stehen, und der große Elefant, der hinter ihm ging, prallte leicht auf ihn. Schließlich stand der ganze Zug still. Die Früchte kullerten nicht mehr weiter, die Blumen tanzten nicht mehr, die Tiere und Menschen hörten auf zu singen. Alle blieben stehen, in diesem Augenblick.

Mufeng hatte das Gefühl, dass ihr Kopf aufgehört hatte zu denken. Sie überlegte fieberhaft, was sie sagen wollte.

Der große Elefant kam durch die Menge hindurch auf sie zu und hielt seinen großen Rüssel wie ein wütendes Fragezeichen in die Luft.

Mufeng reckte ihre goldene Kreditkarte hoch in die Luft: „Ich habe noch viel Zeit, und ich möchte diese Zeit Großmutter und Herrn Kater schenken! Ich weiß, dass ich nicht nur an mich selbst denken darf. Ich darf mir nicht wünschen, dass die Kinder auf der Welt nicht erwachsen werden, nur um diesen Sommer aufzuhalten. Aber wäre es nicht möglich, dass ich nicht erwachsen werde? Dürfen Großmutter und Herr Kater dann bleiben?“

Der große Elefant blinzelte überrascht und gerührt zugleich.

Herr Kater klemmte sich den Spazierstock unter den Ellenbogen und griff nach dem Taschentuch in der Brusttasche seines weißen Fracks. Damit tupfte er sich versteckt die Augen.

Der große Elefant überlegte eine ganze Weile, dann antwortete er: „In dieser Sache gibt es keinen Präzedenzfall.“

Der kleine Elefant flüsterte Mufeng ins Ohr: „Dann kannst du ja mal einen Antrag stellen!“ „Glaubst du, sie werden ihn annehmen?“ fragte Mufeng aufgeregt.
„Das ist schon möglich“, meinte der große Elefant langsam.

Mufeng borgte sich von der Chrysantheme einen Stängel aus und von Herrn Kater sein Taschentuch. Dann tauchte sie den Chrysanthemenstängel in die Himbeertusche und schrieb ihren Antrag auf das Taschentuch. Der Elefant hob ihn mit seinem Rüssel hoch in die Luft. So war der Antrag also gestellt.

Der kleine Elefant streckte abermals seinen warmen Rüssel aus und umarmte Mufeng. Sie sah, wie er vor Rührung eine große Träne vergoss, und als die Träne auf den Boden fiel, verwandelte sie sich in einen Seufzer. Im nächsten Augenblick setzte sich der Zug wieder in Bewegung und alle Trupps darin schritten eilig dahin.

Die Tomaten rollten davon und schickten Mufeng ein letztes Lächeln.
Der Kater winkte ihr mit dem Pfingstrosen-Kissen zu, dabei funkelte sein Zylinder im Sonnenlicht.

Großmutter saß auf dem Rücken des kleinen Elefanten, die Tüten mit den Geschenken schaukelten im Rhythmus seiner Bewegungen hin und her. Aus immer größerer Entfernung lächelte sie Mufeng zu. Sie lächelte nur, ohne das kleinste bisschen Traurigkeit.

Dieses Mal schaffte es Mufeng nicht mehr, mit ihnen Schritt zu halten.

Schließlich begannen ihre Tränen zu fließen, so warm wie Großmutters Hände. Mufeng sah dem kleinen Elefanten nach, wie er Großmutter immer weiter fort trug, zu den rätselhaften schneebedeckten Bergen, irgendwohin an einen Ort, wo der weiße Schnee ins Dunkel der Nacht übergeht. Dabei zeichneten ihre Gestalten eine feuerrote Einbahnstraße über den Himmel.

Seltsam, eigentlich war der Sommer vorbei und es war schon merklich kühler. Aber auf einmal begann die goldene Kreditkarte in Mufengs Hand zu schmelzen. Sie klebte und duftete, denn sie war aus Zucker gemacht. Mufeng steckte ihre klebrigen Finger in den Mund. Aber noch bevor sie herausfinden konnte, wie sie schmeckten, erwachte sie aus ihrem Traum.

Die kleine Holztür ihres Zimmerchens war geschlossen. Die Lichter der Nacht schienen von draußen herein. Die Klimaanlage surrte. Mufeng stieß das Fenster auf. Draußen hatte es geregnet. Die feuchte Luft drang ins Schlafzimmer.

Der letzte Tag des Sommers war vorbei.

Einige Tage später entdeckte Mufeng ein Bild in Onkels Atelier. Darauf waren riesige rote Elefanten zu sehen, wie sie gerade über den Himmel hinter der großen Stadt wanderten. Die Farbe war noch nicht ganz trocken.

„Hast du sie auch gesehen?“ fragte Mufeng.

Onkel nahm den Pinsel von der Leinwand und hob den Kopf: „Du meinst die roten Sommerwolken?“

Nach dieser Frage sah Mufeng keine roten Elefanten mehr, sondern nur eine Reihe von großen roten Wolken, die sich am Himmel erhoben.

Als Mama Mufeng wieder abholte, steckte sie ihr eine weiße Blume ins Haar. Die Blume sah genauso aus wie das Windrad aus Sternjasmin, das Großmutter für sie gekauft hatte.

Dann begann wieder die Schule und Mufeng kam in die vierte Klasse, später in fünfte, und dann in die sechste. Irgendwann merkte sie, dass jener Antrag, den sie damals gestellt hatte, niemals angenommen worden war. Sie wuchs und wuchs. Hieß das etwa, dass Großmutter und Herr Kater nicht zurückkommen würden?

Vor dem Abitur erinnerte sich Mufeng daran, dass es da noch eine andere wichtige Sache gab. Sie hatte doch einmal eine „Zeit-Kreditkarte“ bekommen, und der große Elefant hatte zu ihr gesagt: „Merk dir, dass jede Minute, die du heute hier ausgibst, von deiner Zeit abgezogen wird, sobald du erwachsen bist.“ Falls ihre Zeit gerade während der Abschlussprüfung zu Ende wäre, dann wäre das schon ein unglaubliches Pech.

Zum Glück geschah nichts dergleichen.

Nach der Schule begann Mufeng zu arbeiten, aber sie war nie in Eile. Was sie zu erledigen hatte, tat sie in aller Ruhe. Denn sie wusste, egal wie sehr sie sich auch beeilen würde, es gab immer noch viel Zeit die „automatisch abgezogen“ wird.
Manchmal versank sie am Fotokopiergerät in ihre Gedanken, wenn das Licht unter der Scheibe hin und herwanderte. Dann erinnerte sie sich an die schneebedeckten Berge und an das alte hallende Lied. In jenen Augenblicken hatte sie das Gefühl, dass Großmutter ganz nahe bei ihr war. Im Handumdrehen war eine halbe Stunde vergangen. War es vielleicht genau das, was mit „automatisch abgezogen“ gemeint war?

Ihre Arbeitskollegen meinten es nur gut mit ihr, wenn sie ihr rieten, nicht so viel Zeit zu verplempern. Es war wohl das Beste, jede Minute in Geld oder Erfolg zu verwandeln. Sie hatten immer das Gefühl, dass Mufeng viel zu verschwenderisch umging mit ihrer Zeit. So konnte sie ewig einer Blume zulächeln oder stundenlang eine Wolke betrachten.

Dann dachte sie an jenes alte Lied und an die roten Elefanten, die nie mehr zurück kommen würden. Vielleicht genoss sie aber auch nur die Stille, oder den Duft der Früchte, oder die Blumen, die sich langsam öffneten, oder sie verlor sich in der einsamen Magie der Wolken … Sie sah den Dingen der Welt dabei zu, wie sie auf der Einbahnstraße der Elefanten dahin ziehen, und diesem Augenblick, der vergeht und nie zurück kommt.

An eine Szene am Ende jenes Sommers konnte sich Mufeng noch ganz klar erinnern. Soeben hatte ihr der große Elefant mit seinem Rüssel die goldene Kreditkarte überreicht. Voller Erwartung drehte Mufeng die Karte in ihren Händen. Dabei fiel ihr Blick auf einen kleingedruckten Satz auf der Rückseite:
„Es lohnt sich immer, Zeit für die Zeit selbst zu verbrauchen.“

Sun Wei (1973), während den Zeiten der Kulturrevolution in China geboren, war vor ihrer Profession als Schriftstellerin Journalistin, Dokumentarfilmerin und Geschäftsführerin eines Betriebs. Sie veröffentlichte bereits 23 Bücher, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. Ihr Roman „The Map of Time“ wurde 2017 in China ein Verkaufsschlager. Ihre Novellen „Farewell“, „Ignition“ und „Second Son“ wurden ins Englische, Französische, Spanische, Bulgarische übersetzt. Sun Wei sticht in die vielen psychologischen und sozialen Probleme der chinesischen Stadtbewohner. Ihre Arbeiten spiegeln Einsamkeit, Stolz und das Gefühl der Entfremdung wider.

12. Sankt Galler Literaturfestival Wortlaut

Vom 26. bis 29. März 2020 erwartet die Besucherinnen und Besucher eine grosse Auswahl wortlauter Kunst in den vier etablierten Programmreihen Luise, Laut, Lechts und Rinks. Die vier Reihen strukturieren das Programm und fordern zu literarischen Grenzüberschreitungen auf. Insgesamt bietet das Sankt Galler Literaturfestival an vier Tagen 25 Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Orten der Stadt, allesamt fussläufig erreichbar. Ab heute (06. Februar) ist das Gesamtprogramm des Literaturfestivals auf der neu programmierten sowie neu gestalteten Webseite wortlaut.ch abrufbar.

Buchvernissage mit Laura Vogt
Was bedeutet es in der heutigen Zeit, Mutter zu sein? Was ist Weiblichkeit? Welche Beziehungen sind ­möglich und wie bleibt man darin selbstbestimmt?  Zusammen mit dem Basler Zytglogge Verlag feiert Wortlaut die Buchvernissage von Laura Vogts neuem Roman «Was uns betrifft«. Die Ostschweizer Autorin liest am Donnerstag, den 26. März, um 19:30 Uhr im Raum für Literatur. Musikalisch begleitet wird sie von Andi Bissig. Die Moderation übernimmt der Literaturvermittler Gallus Frei-Tomic.

Eröffnungsveranstaltung und Dialekt-Poetry-Slam
Zur Eröffnungsveranstaltung im Palace wird erst einmal eine Partie «Print-Pong» gespielt. Das ist sowas wie Ping-Pong nur ohne Ball und mit Worten. Wer das Kleinkunst-Duo «Ohne Rolf» kennt, wird diese Spielart bereits lieben gelernt haben. Sie ist gespickt mit seitenweise überraschenden Momenten. Was als Strassenaktion vor eineinhalb Jahrzehnten begann, tourt vier abendfüllende Programme und einige Preise später erfolgreich durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Wortlaut präsentiert das sehens- und hörenswerte Künstler-Duo Christof Wolfisberg und Jonas Anderhub am Freitag, den 27. März, um 19 Uhr. Eine kurze Begrüssungsrede hält die Wortlaut-Festivalleiterin Rebecca C. Schnyder.

Am gleichen Abend, um 21 Uhr, findet in der Grabenhalle, nur einen Steinwurf vom Palace entfernt, der schweizweit einzigartige Dialekt-Poetry-Slam (Säg rächt!) statt, bei dem Mundarten aus der Schweiz und dem angrenzenden deutschsprachigen Raum aufeinandertreffen.

Tour littéraire in den vier Reihen
Vier Reihen strukturieren das Wortlaut-Programm und fordern insbesondere am Wortlaut-Samstag, dem 28. März, zu literarischen Grenzüberschreitungen auf: Comic-Autorinnen lassen ihre Zeichnungen zu Wort kommen, es reden und singen Kabarettisten, Spoken-Word-Poetinnen performen die Sprache und Autoren lesen aus ihren aktuellen Werken.

In der Reihe Luise stellt zum Beispiel die Autorin Karen Köhler ihr Romandebüt «Miroloi» vor. Das Buch stand im letzten Herbst auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ähnlich wahrgenommen bzw. rezipiert wurde das Buch «Die Nachkommende» von Ivna Žic. Mit ihrem Erstling war sie u.a. für den Schweizer Buchpreis 2019 nominiert. Die Moderation der Lesung übernimmt die Schriftstellerin Tabea Steiner, die im letzten Jahr ebenfalls für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Mit einem bildstarken, und vor kurzem mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichneten Debüt, zeigt Eva Maria Leuenberger, welche eigene Kraft Lyrik entfalten kann. Sie liest am Samstag, um 14 Uhr, im Raum für Literatur.

Einen Webteppich aus Kurztexten und Celloimprovisationen (Hommage an John Cage) präsentieren Christine Fischer (Text)  und Brigitte Meyer (Musik) am Sonntag, 16 Uhr, im Museum of Emptiness.

Ostschweizer Bühne: Neben weiteren Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum betreten am Wortlaut-Samstag vier Literaturschaffende aus dem Literaturnetz Ostschweiz die Bühne im Splügeneck. Ab 13 Uhr treten auf:  Tobias Bauer, Liv Naran, Mathias Ninck und René Oberholzer. Es moderiert Tamara Hostettler.

In der Reihe Lechts stellt das Festival bekanntlich Werke aus dem Bereich «Comic und Graphic Novel» vor. Veranstaltungsort ist das Palace. Dieses Jahr wird neben der Hamburger Illustratorin Orphea Heutling, dem Cartoon-Kollektiv «Pause ohne Ende» und dem Comic-Künstler Frank Schmolke («Nachts im Paradies»), der Illustrator Nando von Arb mit seinem Buch «Drei Väter» zu Gast sein. Ihm verdankt Wortlaut das aktuelle Plakatmotiv, das in enger Kooperation mit dem Büro Sequenz entstanden ist. Ab heute, den 06. Februar, hängen die grossformatigen Wortlaut-Plakate an den Kultursäulen der Stadt.

Die Reihen Laut und Rinks werden divers bespielt: So wird in der Reihe Laut neben «Ohne Rolf» auch Lisa Christ ihren Auftritt mit dem Programm «Ich brauche neue Schuhe» haben. Sie präsentiert ihr einstündiges Programm ab 21 Uhr in der Kellerbühne. Bei Rinks stellt u.a. der Slam-Poet Nektarios Vlachopoulos sein zweites Bühnenprogramm mit dem Titel «Ein ganz klares Jein» vor. Mal geht’s dabei um Rechtspopulismus, mal um mitgebrachte Rotweingläser bei der Studentenparty, mal um die Liebe, mal um morphogenetische Spektralbarometer. Weitere Spoken-Word-Künstler an diesem Samstag werden sein: Rolf Hermann/Trio Chäslädeli, Jan Rutishauser, Cruise Ship Misery, Diana Dengler und Marcus Schäfer (Gassenhauer). Nähere Infos dazu finden sich auf wortlaut.ch oder im Wortlaut-Programmheft.

Festivalzentrum mit Illustrationskiosk
Die Buchbeiz ist zentrale Ticket-Verkaufsstelle. Hier können Tagespässe erstanden, reservierte Tickets abgeholt und sich über das aktuelle Programm informiert werden. Achtung: Tickets für einzelne Veranstaltungen können nur an den jeweiligen Kassen in den Lokalitäten erworben werden.

«Wir weben den Teppich den Teppich des Lebens, fliessen ineinander. Alles ist miteinander verbunden.» gezeichnet von Jana Siegmund

Illustrationskiosk: Angehende Illustratorinnen und Illustratoren zeichnen für Besucherinnen und Besucher des Festivals: Textpassagen werden in Zeichnungen übersetzt – überraschend, vielfältig, kreativ. Ab 13 Uhr, Eintritt frei, Kollekte. Speis und Trank.

TeilnehmerInnen Wortlaut 2020 – nach Programmreihen
Luise (Lesungen und Gespräche): Laura Vogt (musikalische Begleitung: Andi Bissig), Tobias Bauer, Liv Naran, Eva Maria Leuenberger, Mathias Ninck, Ivna Žic, René Oberholzer, Andreas Neeser, Lorenz Langenegger, Karen Köhler, Richard Butz und Nathalie Hubler (Literatur in der Stadt), Christine Fischer (musikalische Begleitung: Brigitte Meyer)

Laut (Musik- und Sprechkabarett): Ohne Rolf (Christof Wolfisberg und Jonas Anderhub), Lisa Christ

Lechts (Comic und Graphic Novel): Orphea Heutling, Frank Schmolke, Nando von Arb, Pause ohne Ende

Rinks (Slam Poetry und Spoken Word): Säg rächt! Dialekt-Poetry-Slam mit: Teresa Reichl (Regensburg), Emil Kaschka (Tirol), Jan Rutishauser (St.Gallen), Sven Hirsbrunner (Thurgau), Remo Rickenbacher (Thun), Valerio Moser (Langenthal), Diego Häberli (Schaffhausen) und Simon Libsig (Baden), Spoken Word: Nektarios Vlachopoulos, Rolf Hermann/Trio Chäslädeli, Jan Rutishauser, Cruise Ship Misery, Diana Dengler und Marcus Schäfer (Gassenhauer)

Shobha Rao «Mädchen brennen heller», Elster

Purnima und Savita, zwei junge Frauen aus einem Dorf im indischen Süden sind die ausgesperrten Heldinnen eines Romans, der nichts Neues erzählt; Menschenhandel, institutionalisierte Frauenverachtung, tief in der Gesellschaft verankerte und zementierte Armut, fehlende Menschenrechte und munter prosperierende Kriminalität. Aber Shobha Rao erzählt mit der genau richtigen Nähe und Distanz, mehrperspektivisch, nie mit dem Zorn der Entwaffneten, stets mit der Hoffnung der Unbesiegbaren.

Aus den Medien sind Meldungen über Gewalt an Frauen in Indien doppelt schmerzhaft. Nicht nur, weil Frauen männlicher Willkür ungebremst ausgesetzt sind, sondern weil ihnen selbst nach der Verhaftung ihrer Peiniger der Hass als drohende Lebensgefahr ins Gesicht schlägt. Verkauft, misshandelt, vergewaltigt, ausgenützt, eingesperrt, mit Öl übergossen und angezündet, gebrandmarkt, gezeichnet, zum Freiwild erklärt.

„Jeder Moment im Leben einer Frau ist ein Geschäft, ein Geschäft mit ihrem eigenen Körper.“

Für eine arme indische Familie sind Mädchen in der Familie kein Segen, sondern Strafe. Denn mit jedem Mädchen wächst der Druck auf die Familie, auf die Eltern dieser Mädchen, die ihre Töchter nur verheiraten können, wenn sie eine Mitgift zu bieten haben. Eine Mitgift, die wiederum der Willkür der Familien der zukünftigen Ehemänner ausgesetzt ist, die beliebig feilschen und den Weg bis zu einer Hochzeit zum Höllentripp werden lassen können.

„So ist das doch mit Mädchen. Wann immer sie am Rand von irgendwas stehen, kannst du einfach nicht anders. Du denkst: Ein Stoss. Mehr bräuchte es nicht. Nur ein kleiner Stoss.“

Purmina kommt aus einer Weberfamilie, die seit Generationen an Webstühlen Saris herstellt. Kein lukratives Geschäft, eingeklemmt zwischen Angebot und Nachfrage. Als Purminas Mutter stirbt, gerät das filigrane Familienglück in Schieflage, die bescheidene Existenz der Familie an den Rand. Purminas Vater stellt Savita ein, ein Mädchen, das etwas älter ist, als seine Tochter, aus einer noch viel ärmeren Familie, die durch die Alkoholkrankheit Savitas Vater nur durch den totalen Einsatz der ältesten Tochter errettet werden kann.

Allmählich werden Purmina und Savita Freundinnen. Purmina ruhig und zurückhaltend, Savita von einem ungestillten Lebenshunger getrieben. Was in Indien Kindheit und Jugend junger Frauen ist, ist aus westlicher Sicht ein Gefängnis; kaum Bildung, sklavische Anbindung an die wirtschaftlichen Pflichten innerhalb der Familie mit der einzigen Aussicht, dereinst sicher verheiratet zu werden, von einer Kette zur nächsten. Während Purmina verheiratet werden soll und sich die Familie wegen dieser Hochzeit mit einem unbekannten Mann, der sich bis zur Hochzeit nicht zeigt, in Schulden stürzt, wird Savita, die am Webstuhl von Purminas Vaters bis zum Umfallen arbeitet, von diesem vergewaltigt. Und weil Savita weiss, dass sie als Opfer immer Opfer bleibt, flieht sie in eine Welt, die sie nicht kennt, beginnt eine Odyssee bis nach Seattle.
Purmina, die dem Hass ihres Gatten und deren Familie ausgeliefert ist, die ausharrt mit der Sehnsucht nach ihrer verschwundenen Freundin, bis ihre Haut zu brennen beginnt und sich der Schmerz dieses Feuers bis in die Seele frisst, folgt Purmina, ihrer Freundin, sucht sie. Purmina, gezeichnet durch das Feuer übergossenen Öls, Savita, gezeichnet von einer amputierten Hand, weil sie als Krüppel mehr Umsatz verspricht für besondere Wünsche herrischer Macht.

„Wir waren einmal Kinder, dachte sie; wir waren einmal kleine Mädchen. Einst spielten wir auf der Erde im Schatten eines Baumes.“

„Mädchen brennen heller“ ist die Geschichte einer Freundschaft. Über die Kraft der Liebe und eines Versprechens, erzählt mit ungeheurer Kraft. Eine Odyssee der Gegenwart, in der die Monster nicht in der Unterwelt agieren, sondern selbst in der Familie lauern. Purmina und Savita suchen nicht nur einander, sondern sich selbst, den Rest Überlebenswillen, jenen Ort, der aller Heimat beraubt nur Freundschaft und Liebe zurückbringen kann. Man liest „Mädchen brennen heller“ atemlos, geschlagen von der Wirklichkeit und der trägen Sicherheit der eigenen Existenz.

Dieser Buch schmerzt und belohnt gleichermassen!

Shobha Rao emigrierte im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie aus Indien in die USA und lebt heute in San Francisco. Sie arbeitete lange als Rechtsanwältin im Bereich häuslicher Gewalt und vertrat insbesondere Opfer mit Migrationshintergrund. Raos Debütroman «Mädchen brennen heller» («Girls Burn Brighter», 2018) rangierte in den führenden Bestenlisten der USA. Zuvor erschien ihr Band mit Kurzgeschichten («An Unrestored Woman», 2016). Shobha Rao ist Preisträgerin des Katherine Anne Porter-Preises und wurde von T. C. Boyle für die Anthologie «The Best American Short Stories 2015» ausgewählt.

Sabine Wolf ist Übersetzerin von Sachbüchern, Reiseliteratur, Belletristik, journalistischen und wissenschaftlichen Texten (Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften). Sie ist tätig u. a. für ZEITmagazin, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Amnesty International, Goethe-Institut, Lonely Planet (MairDumont), Deutsches Institut für Menschenrechte, Friedrich-Ebert-Stiftung.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Sandra Kottonau (Ausschnitt)

4. Lyrikfestival Neonfische 7./8. März in Lenzburg

Sie stehen an einem Morgen auf, schauen zum Himmel und haben das Gefühl, dass das Blau über ihnen blauer als sonst ist? Kennen sie das? Sie sitzen in einer romanischen Kirche und die Stille umfängt sie wie sonst nirgends mehr? Schon erlebt? Lesen sie die neuen Gedichte von Albert Ostermaier aus dem Band „Über die Lippen“ und aus Sprache wird eine grosse Gebärde der Liebe.

Selten passiert, was bei der Lektüre dieses Buches passierte. Ich zog den Band aus dem Regal mit jenen Büchern, die auf mich warten, an einem Morgen, ganz früh. Ich dachte mir, es müsse ein Morgen sein, meine Wahrnehmung ganz unverbraucht, mein Geist wach, alles in mir auf Empfang.

Ich setzte mich in den Sessel vor dem grossen Fenster mit Blick in den Garten. Und während es draussen langsam dämmerte, dämmerte mir, was für ein aussergewöhnliches Buch ich in Händen hielt.

schreiben
es ist da wo du nicht bist du
bist ein gedicht ich schriebe
dich fort du bist nicht
das papier wert auf dem es
gedruckt steht sondern mehr
das überschriebene du liebst
aber ich schreibe du liebst
und unterschreibe mein urteil
ich bin hier in meiner sprache
und du aus ihr und nicht mehr
hier aus fleisch und blut und
machst einen satz den ich nicht
einholen kann auf den zeilen
selbst wenn ich springe

„Über die Lippen“ sind fast hundert Gedichte, im Buch nach dem ersten Buchstaben der Titel geordnet. Ein Alphabet der Liebe. Ein Rundumschwenk durch alle Facetten dieser einen, grossen, vielleicht grössten Kraft. Allein die 80 Titel lesen sich wie eine Gedicht: … verbergen, vereinigung, verhalten, vermisst, verrückt, verstehen, wahrheit, warum, weinen…

Albert Ostermeier spricht zu mir, ganz unmittelbar, zieht mich hinein, lässt mich nicht los.
An diesem Morgen wuchs mir ein Buch regelrecht ans Herz, wurde zur Reliquie einer Begegnung der besonderen Art. Ich werde das Buch lange nicht weglegen können. Und selbst, wenn es einmal liegen gelassen wird, werde ich den Klang, all jene Gefühle, die es an diesem Morgen extrahierte, weitertragen.

entwertung
ich liebe nur die liebe du
bist nichts wert ausser ihr
ich werfe mich in deine
arme my love aber werfen dich
weg ich habe dich über
alles in der Welt und keine
mit dir als meine du ziehst
mich aus ich zieh dich an
du bist reizlos das reizt mich
alles von dir zu verlangen
bis nichts mehr bleibt als
mein verlangen und du
übrig bleibt dir nur mir den
letzten stich zu versetzen
mich mit mir selbst zu
verletzen mir die lippen
mit deinen zu netzen mir
den punkt den stein im herz
zu wetzen bis er wieder funkt

Liebesgedichte, die nichts verklären, die alles sagen, selbst im grössten Schmerz, unsäglicher Erkenntnis, grösstmöglicher Nähe und klaffender Entfernung. Albert Ostermaiers Gedichte sind Beschwörungen, Texttänze um ein Gegenüber, einmal nah und einmal schmerzend fern. Seine Gedichte tragen Hysterie und Trance, Verzauberung und Entzauberung, Wut und Enttäuschung, nicht zuletzt über sich selbst. Gedichte, weit weg von jeder Sentimentalität. Geschrieben in einer Sprache, die unmittelbar anschlägt, mitten hineingreift, genau den Punkt trifft.

Albert Ostermaier umarmt mich mit Sprache, setzt mich in seinen lyrischen Szenen direkt ins Leben, ins Lieben hinein. Er schweift nicht aus, mäandert nicht. Er flüstert, fragt, schreit und hadert. Und Albert Ostermaier liest in der Schweiz!

Am Wochenende vom 7. und 8. März treffen sich im Aargauer Literaturhaus Lenzburg grosse Namen wie Esther Kinsky oder Albert Ostermaier mit NewcomerInnen wie der Bündnern Flurina Badel und der eben mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichneten Eva Maria Leuenberger. Das Herz des Festivals sind traditionsgemäss Werkstattgespräche von jeweils drei Lyrikerinnen. AutorInnen stellen dabei dem Publikum nicht nur Texte aus ihrem Werk vor, sondern befragen sich gegenseitig über ihre Texte und beleuchten an ausgewählten Beispielen die kreativen Entstehungsprozesse.

PDF Programmheft Neonfische

Webseite Aargauer Literaturhaus Lenzburg