Michael Georg Bregel «siebzehn», Neue Cranach Presse Kronach

Auch wenn Michael Georgs Bregels Gedichte in diesem Band nur jeweils drei Zeilen lang sind und sich auf ein halbes hundert Seiten verteilen – kein Leichtgewicht. Hinter den Zeilen versteckt sich weit mehr. Es sind Gedanken, die mir entgegenfliegen, viele hängenbleiben und sich in mir einnisten.

Was fettgedruckt wie Titel von längeren Gedichten erscheint, sind wohl eher Kapitelüberschriften, kleine Wimpel, die dem Folgenden eine Richtung geben, Pausen von Portionen, die ich als Leser zum Verdauen brauche. Gedruckt auf dickes Papier, das nicht aufgeschnitten ist, nicht gebunden ein langes Leporello wäre, eine Spur durch Gedanken.

 

spiel

zieh, aber lass dir
nie das spielbrett unter den
füßen wegziehen

dein stein bedroht mich
mein stein hängt um meinen hals
wir spielen mühle

sobald du den stein 
berührst, gilt das als dein zug,
du bist verloren

was wir spielen, wenn
wir spielen, spielen wir, wenn,
ohne Anleitung

 

Verdichtung im wahrsten Sinne des Wortes. Zeilen mit vielen Sichten, vielen Böden. Bilder, die mehr als deutlich machen, dass sich da noch viel mehr sagen lässt, dass die Zeilen nur die Berührungen auf den Oberflächen bleiben.

Michael Georg Bregel «siebzehn», 2026, Euro 22.00, Buchdruck, Durchstichbindung, Haiku, handgeschöpfter Umschlagkarton, direkt zu beziehen bei NEUE CRANACH PRESSE Kronach

Ich trug das Buch ein Weile mit mir herum. Es passte wie ausgemessen in die Tasche meines Wintermantels. Es war mir ein Begleiter, ein Mitdenker, eine Zündkapsel, ein Vervielfacher, ein Spiegel. Ich nahm das Buch hervor – und manchmal reichte das Innehalten, das Halten des Buches allein, die rauhe Oberfläche seines Buchumschlags aus handgeschöpftem, dickem Papier. Als hätte der Autor all das zwischen und unter den Zeilen, all die Zischenräume zu einem grossen Brei zerdrückt, eingeschwärzt und an der Luft getrocknet. Das Leporello jener Zeilen, die als Kondensat übriggeblieben in diesen schwarzen Bodensatz mit fester Schnur eingebunden und wie ein Paket aus Worten in die Welt hinausgeschickt.


ende

man dachte es muss
erst einen anfang geben 
bevor es endet

abenderwartung
bedeutender eingebung
tiefe enttäuschung

irgendwann wenn wir
alles vergessen haben
fängt es von vorne an

 

Die Zeilen nisten sich ein, haken sich fest, treiben mich um. Nicht die Spur von Larmoyanz, nichts von entrückter Unsachlichkeit. Für diesen Band denkt man zu zweit, taucht ein in die Falten eines Spaziergangs durch die Welt.

„Siebzehn“ erschien in der Neuen Cranach Presse Kronach, herausgegeben von Ingo Cesaro in einer nummerierten und signierten 1. Auflage von 100 Exemplaren.

Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften. 

Michael Georg Bregel «Raunacht», Rezension auf literaturblatt.ch

Lena Schätte «Das Schwarz an den Händen meines Vaters», S. Fischer

In der Schweiz zählt man 300 000 Alkoholabhängige, in Deutschland über 2 Millionen, in beiden Ländern eine Quote zwischen 2 und 3 Prozent der Bevölkerung. Scheinbar wenig, nicht aber, wenn man sich im Klaren wird, was dieser Anteil anrichtet. Lena Schätte erzählt von einer Familie, die an der Sucht zerbricht.

Muss man sich einen solchen Roman antun? Literatur über die Kollateralschäden von Sucht gibt es genug, denke man nur an Angelika Klüssendorf. Aber wie Angelika Klüssendorf schafft es Lena Schütte in ganz eigener Manier von dieser Dauerschlechtwetterlage zu erzählen, von Menschen, die es aller guten Vorsätze zum Trotz nicht mehr schaffen, die das Leben straft, die sich verlieren, die als Versager, Looser, ewige Verlierer taxiert und verdammt werden. Lena Schüttes Roman ist viel, viel mehr als Betroffenheitsliteratur, viel mehr ein nüchterner Bericht aus dem Schlachtfeld eine Sucht, einer Familie, die daran zerbricht, von Menschen, die Zuversicht und Hoffnung verlieren, die von der Gesellschaft stigmatisiert werden.

Fremde Väter tragen die Probleme nach aussen, doch meiner trägt sie rein.

Lena Schütte «Das Schwarz am den Händen meines Vaters», S. Fischer, 2025, 192 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-10-397657-1

Da ist die Geschichte einer Familie, einer jungen Frau, Tochter eines Alkoholikers, eines Mannes der sich krank trinkt und einer Tochter, die im Schweif ihres Vater dem gleichen unstillbaren Durst erliegt. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist eine Liebesgeschichte trotz allem. Weil Motte, die Tochter, immer und immer wieder den Mann erkennt, der sich hinter dem Betrunkenen verbirgt, den Mann, der seinen Kampf gegen den Alkohol irgendwann aufgegeben hat, der seine Stelle in der Fabrik verliert, die Familie an den Abgrund reisst, todkrank wird und genau in jener Zeit, als sein absehbarer Tod nicht mehr zu leugnen ist, eine Zartheit an den Tag legt, die nicht nur die Tochter an ihn bindet, sondern mir als Leser vieles klar macht. Hinter jenen Trinkenden sind keine Monster, auch wenn sie sich im Suff als solche gebärden. Motte schwirrt um das langsam verblassende Licht ihres Vaters.

Ich steige aus mir heraus und lasse die Leute mit meinem Körper allein.

Motte, die Ich-Erzählerin, wächst in einer Kleinstadt auf. Man kennen sich. Natürlich bleibt auch die Sucht des Vaters und die Tatsache, dass Motte ins gleiche „Fahrwasser“ gerät, niemandem verborgen. Sowieso nicht, wenn Dorffeste und Versammlungen zu Exzessen werden. Die Mutter versucht die Familie zusammenzuhalten, auch wenn die wirtschaftliche und soziale Lage der Familie im prekärer werden. Man muss in kleinere Wohnungen umziehen, die ältere Schwester reisst aus und bricht den Kontakt ab, Rettungsversuche scheitern und in Dorf und Schule wird die Situation immer schwieriger. Die Phasen tiefer Depression dauern bei der Mutter immer länger an. Was Motte bleibt, ist ihr Bruder, der im Dorf bleibt und als Kindergärtner arbeitet. Als auch er auszieht und der Enge der Familie entflieht, wird er für Motte zum letzten Anker in einem verlorenen Leben.

Ich wünschte, wir wären andere gewesen.

Was überzeugt an diesem Roman, ist in erster Linie seine Erzählweise, seine Sprache. Die Verknappung, Verdichtung, die trockene Art des Erzählens. Lena Schätte schreibt nicht von Emotionen, löst mit ihrem Erzählen aber welche aus. Sie deutet und urteilt nicht. Da ist nicht einmal das Bedauern einer Stimme, die in der Sucht zu ertrinken droht. Lena Schätte schildert Leben und Situationen ohne Wehleidigkeit. Sie schreibt als Wissende, als Liebende trotz allem, als Verstehende, ohne je eine Gewissheit aufdrängen zu wollen. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist einer jener Romane, die man mit Bleistift liest. Weil da immer wieder Sätze auftauchen, die man ihrer Prägnanz nicht erwartet. Ein Roman mit scharfen Kanten – eigenartig schön.

Lena Schätte, geboren 1993 in Lüdenscheid, debütierte 2014 mit dem Roman «Ruhrpottliebe». In den Folgejahren arbeitete sie als Psychiatriekrankenschwester im Ruhrgebiet, bis sie 2020 ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufnahm. Heute betreut sie suchtkranke Menschen in Lüdenscheid – und schreibt. Für ihren Roman «Das Schwarz an den Händen meines Vaters» wurde Lena Schätte mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis und dem Förderpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet; der Roman stand zudem auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025. 


Beitragsbild © Boris Breuer

Peter Weibel «Berge», Plattform Gegenzauber

Der Klang ihres Namens hat eine schwebende Aura, die mich sogleich packt, ich wiederhole ihn zwei Mal, drei Mal. Misaki. Sie ist lautlos neben mich getreten, schaut gebannt auf die Kristallsteine, die vor mir auf dem Tisch liegen, abgebrochene Stücke und filigrane Nadeln. Wo findet man die? Ich zeige nach oben, auf die Felsabbrüche, die Geröllhänge am Giuv, man kann sie finden, aber meistens kehrt man mit leeren Händen zurück. Man feiert die kleinen Siege und hat auch bei Niederlagen die magische Kraft des Steins vor sich. Sie hat sich jetzt zögernd hingesetzt, viel zu vorsichtig, ich heisse Misaki. Sie lächelt befangen, als ich sie nach der Bedeutung des Namens frage, schöne Blüte. Ihr schönes fremdes Gesicht hat wirklich den Glanz einer Blüte, nur ihre Augen sind dunkel, etwas Verletzbares liegt darin. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie zur Hütte hochgestiegen ist, was sie hier sucht. Ich frage nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr die Berge nicht fremd sind, ich könnte nicht sagen warum. Dass in ihrer grazilen Erscheinung auch eine Kraft liegt, die dem Berg gewachsen ist.

Sie nimmt eine Quarznadel in die Hand, hebt sie hoch, sie lässt die Spiegelflächen im Licht aufblitzen, ihre Augen leuchten: Sie ist wunderbar, die Kraft des Universums ist darin, aber warum musst du sie selbst suchen, kann man sie nicht auch kaufen? Ich sage, die magische Kraft ist erst da, wenn du den Stein selbst entdeckst, und sie wird grösser, wenn du ihn weitergibst. Du stehst oben, im Reich der Steine, die Welt ist weit weg, eine andere Welt ist da, archaisch und eigentlich nicht fassbar, und im Kristallstein berührst du ihr Geheimnis. Du hältst das Geheimnis in den Händen, wenn du den Kristall aus einer Kluft herausbrichst – die magische Kraft ist nicht der Stein, es ist das Herz, das durch den Stein spricht. Manchmal gebe ich kleine Quarzsteine weiter – Glückssteine für eine Reise um die Welt, Schutzsteine für Schwerkranke, wo jede Hoffnung ausserhalb der Worte liegt.

Misaki hat schweigend zugehört, irgendwie gedankenverloren, sie sagt, die Wendung vom Herz, das durch den Stein spricht, könnte in einem japanischen Kurzgedicht stehen, sie gefällt mir. Unsere Gedichte sind Verschlüsselungen, sie tragen das Mysterium der vieldeutigen Worte. Etwas beschäftigt sie, ich frage nicht nach, einmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte, aber sie fragt nur, und du steigst morgen zum Reich der Steine hoch? Ich sage nein, ich bin in die Hütte gekommen, um meinen eigenen Geschichten nochmals nahe zu sein. Um sie zu verstehen. Es sind zwei Geschichten, sie gehören auf rätselhafte Art zusammen, sie haben hier begonnen und hier geendet. Ist Misaki überrascht? Sie schaut mich mit seltsamem Blick an, wenn du mir die Geschichten erzählst, erzähle ich dir meine Geschichte.

Ich sage, die erste Geschichte ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung zusammen mit meinem Sohn. Er war damals sechzehn Jahre alt, wir sind im Nebel bis zum Gipfel geklettert, mit Kristallen in den Säcken, und beim Abstieg in die Nebelfalle geraten. Zwei, drei Versuche, über Felsabbrüche zum Gletscher zu gelangen, scheitern, im Nebel lauert die Täuschung überall, wir müssen wieder hoch, eine heikle Geröllwand hinauf, die Dämmerung hat schon begonnen. Die Gesteinsformationen sind locker, keine zuverlässigen Griffe, mehr als einmal bewegt sich ein Felsbrocken bedrohlich. Dass wir es dennoch geschafft haben, trotz ungenügender Seilsicherung geschafft haben, hatte nichts mit meinem Leichtsinn zu tun, aber mit dem Mut meines Sohnes. Kein Wort über seine Angst, über die tödliche Gefahr, aber die feste Zuversicht, dass das Mögliche ganz nahe an das Unmögliche heranreichen kann. Später haben wir beide darüber geschrieben, um die Schreckensstunden loszuwerden. Um sie mit Worten zu bannen. Keiner hat vom andern gewusst, dass er schreibt, wir hätten es beide ahnen können, wir haben es nicht geahnt. Jeder hat den anderen Text später gelesen, sehr viel später, in beiden Erzählungen haben die Berggänger das Glück nicht, das wir beide hatten. In beiden Erzählungen stürzt einer an der Stelle, wo uns die Engel leben liessen.

Der Berg hat euch zusammengeführt, sagt Misaki entschieden, und das Schreiben noch einmal, auf entfernten Pfaden. Im Leben habt ihr euch gehalten, in den Worten ist einer gefallen. Es ist die Poesie des undurchschaubaren Lebens wie in unseren japanischen Gedichten mit abgezählten Silben und Zeilen.

Und die zweite Geschichte? Ich schaue hinüber, zu den Felsrinnen am Giuv, die im warmen Abendlicht fast gefahrlos aussehen: Die Engel müssen gestaunt haben über den erneuten Leichtsinn am gleichen Berg, zweiundzwanzig Jahre später. Wie viele Freikarten hat man bei ihnen zugute? Ich sage, die zweite Geschichte ist die Einlösung des Unwahrscheinlichen – dass eine geschriebene Geschichte auch wahr werden kann. Dass man vorausschreiben kann, was man ahnungslos im Kopf entwirft. Ich bin mit Freunden unterwegs zu den Steinen, im Herz die alte Geschichte; das Gras über den Felsen ist nass vom schmelzenden Schnee, glitschig. Wieder die Täuschung im Nebel, wieder Unvernunft. Mein Sturz beginnt genau dort, wo der alte Berggänger in meiner Erzählung den Halt verloren hat – ich muss die Worte nicht nachlesen, sie sind im eigenen Leben angekommen. Zuerst die Fassungslosigkeit, doch nicht ich, es kann nicht mir geschehen, dann die Beschleunigung, die Gewissheit im rasenden Fall, es ist vorbei. Es ist noch nicht vorbei. Die Freunde und die Nothelfer, die vom Himmel herabsegeln, haben mich gerettet. Die Engel haben noch einmal ihr Veto eingelegt. Ein letztes Mal.

Ein paar Minuten ist es ganz still zwischen uns, die Gespräche der Hüttengäste sind weit weg, ausserhalb. Misaki schaut mich durchdringend an, ihre Augen haben einen eigenartigen Glanz. Als würde sie etwas sehen oder könnte dunkle Zusammenhänge deuten. Sie sagt, Toyotama Tsuno hat in einem Haiku geschrieben, «sobald der ausgestreckte Finger das Glück berührt, ist es nicht mehr das Glück.» Deine Engel verkörpern das Ungreifbare, sie erscheinen immer dann, wenn wir ins Leere fallen. Ins Nichts. Bei uns sind es Naturmächte, die Ahnen. Die göttlichen Wesen. Ohne sie würde es unser Land und unser Volk nicht mehr geben. Sie sagt, auch die Berge sind Teil des Mysteriums, das uns umgibt. Das Universum hat sie geschaffen, lange bevor es uns Menschen gab, in Japan sind es heilige Stätten, aber für viele sind sie nicht mehr heilig. Der männliche Wahn, sie zu bezwingen! Soll ich dir meine Geschichte erzählen?

Sie redet jetzt langsam, stockend, wägt jedes Wort ab. Horcht mit jedem Wort in die Erinnerung hinein, in sich selbst. Sie sagt, ich bin hier heraufgekommen, um meinem Vater nochmals nahe zu sein. Misaki hat den Aufstieg zu dieser Hütte mehr zufällig gewählt, wenn es denn Zufälle gibt, sie will nur den Atem von Fels und Eis spüren, sie will nicht dort sein, wo sie nicht hingehen kann. Sie kann nicht vor der fürchterlichen Wand stehen, wo ihr Vater damals abgestürzt ist. Wo man ihn während Tagen gesucht hat, während Tagen, in denen sie über den halben Erdball hinweg nur gehört hat, wir tun alles, aber wir werden ihn kaum mehr lebend finden. Sie haben ihn gefunden. Misaki hat ihn heimgeholt und ist im Hubraum des Flugzeugs neben seinem Sarg gesessen, sie hat ihn verzweifelt angerufen und nicht geglaubt, dass er einfach schweigt, dass er ihre keine Antwort gibt, nur noch ein letztes Mal.

Ihre Hände machen eine schützende Bewegung, als würde sie nochmals den Sarg berühren, nochmals mit ihrem Vater reden: Er hat mich gelehrt, die Berge zu lieben und später zu hassen. Er hat mich auf Kletterrouten am Tanigawadake mitgenommen, ich habe gelernt, dass man mit dem Berg zusammenwachsen kann, dass sich die Energien von Fels und Körper verbinden. Sie sagt, mein Vater hat mir etwas gegeben, was anderen Mädchen nicht gegeben wird, dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe die Berge geliebt, aber dass habe ich sie hassen gelernt, weil ihm die Berge in Japan nicht mehr genügt haben, weil er ganz oben stehen wollte. Dort oben, wo das Gewicht des Lebens anders wird. Er wollte einer der Bergsteiger sein, die in Japan zur Legende werden. Zur gefährlichen Legende. Sie sagt, ich weiss nicht, was sie antreibt, was sie vernichtet, Überflieger wie Nobukazu Kuriki, der acht Mal versucht hat, auf den Everestgipfel zu kommen, der noch mit abgefrorenen Fingerkuppen hinauf wollte und beim achten Mal nicht mehr zurückgekehrt ist. Sie wissen nicht mehr, dass die Berge heilig sind, sie wollen selbst geheiligt werden, als Sieger oder als gefallene Helden im eisigen Grab. Misaki schaut mit leerem Blick durch mich hindurch, zu dem Felswänden am Giuv hinüber, mit Tränen in den Augen: Warum mussten es dann die Gewaltwände der Alpen sein, ich habe nicht gefragt, vielleicht sind es Siegestrophäen für die grossen Bergsteiger, zu denen mein Vater gehören wollte. Er hätte mir erklären müssen, warum der Höhenrausch, der Siegesrausch alles löscht, warum er die Liebe löscht und jede Vorstellung vom Schmerz, den man zurücklässt.

Sie schweigt jetzt lange, ihre Augen sind wieder dunkel geworden, sie sieht zerbrechlich aus, unnahbar und zerbrechlich. Ihre Worte bleiben wie Schläge im Raum zurück – ihr Vater hat ihr die Leidenschaft für die Berge weitergegeben und sie im Sog seiner Berge im Stich gelassen. Man kann die Berge lieben, man kann sie hassen, aber sie weisen immer auf das Rätselhafte unserer Existenz. Auch unsere Begegnung, das Zusammen-treffen unserer Geschichten ist rätselhaft – man steigt hoch, um sich selbst nahe zu sein, dem eigenen Glück oder Unglück, und kommt einem anderen Menschen nahe. Zufällig oder zu-gefallen. Ich möchte meinen Arm um Misaki legen, ihr sagen, dein Vater soll deinen Zorn und deine Liebe zu ihm hören. Aber ich bewege meinen Arm nicht, ich rede nicht, ich lege nur einen leuchtenden Kristallstein in ihre Hände.

Peter Weibel schreibt, aquarelliert und zeichnet. Seit über vierzig Jahren veröffentlicht er Texte in Prosa und Lyrik, oft mit Cover und Illustrationen aus eigener Hand. In derEdition Bücherlese erschienen bisher sechs Prosabände, nach der Erzählung «Akonos Berg» (2022) «Kaltfront» (2024). Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und für «Mensch Keun» (2017) mit dem ersten Kurt Marti Literaturpreis. Peter Weibel, geboren 1947, studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Er lebt und arbeitet in Bern.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Jehona Kicaj «ë», Wallstein

Der Buchstabe ë im Albanischen ist ein Buchstabe, der oft stumm bleibt. Eine Art Platzhalter. Vielleicht ein Platzhalter für all das Unausgesprochene, Verschwiegene. Dass die junge Autorin Jehona Kicaj mit ihrem Debüt „ë“ den Versuch einer Sprachfindung all dessen unternimmt, was ihre Heimat in ein kollektives Trauma trieb, ist mutig und mit dem Roman ein Sprachkunstwerk. Eine Ergründung der Sonderklasse!

Der 2006 im Gefängnis in Den Haag verstorbene ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, verantwortlich für tausendfachen Mord an unschuldiger Zivilbevölkerung. Einer der vielen Exponenten unmenschlicher Aktionen während der Balkankriege nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Wie fatal zu glauben, dass all die Gräueltaten von damals, auf welcher Konfliktseite auch immer, mit Friedensverhandlungen und Waffenruhe zu Ende wären. Was damals tiefe Wunden ins Kollektiv ganzer Bevölkerungsgruppen riss, ist nicht mit einem Datum zu befrieden. Jene Wunden schmerzen noch immer. Die Narben nässen. Sollte der Angriffskrieg Putins in der Ukraine jemals ein Ende finden, der Bürgerkrieg im Sudan, das Blutvergiessen in Syrien und im Iran oder der tödliche Hass zwischen Juden und Palästinensern, wird es Generationen des aktiven Versöhnens brauchen, um wirklich zu befrieden, um den in die Gene eingeschriebenen Schmerz zu lindern, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.

Jehova Kicaj «ë», Wallstein, 2025, 176 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-8353-5949-9

Jehona Kicajs Roman ist der literarische Versuch, Antworten zu bekommen, genau diesen Schmerz zu lokalisieren. Jenen Schmerz, der dann auftritt, wenn sie, die sie im Kosovo aufwuchs und in Deutschland studierte, feststellen muss, mit wie viel Unverständnis, Ignoranz und Ahnungslosigkeit einem Stück Geschichte begegnet wird, das nur zwei Generationen von der Gegenwart entfernt liegt.

Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.

Die namenlose Erzählerin, die wohl albanisch spricht, aber für vieles die Worte nicht findet, die es bräuchte, um das zu sagen, was ihr nicht nur auf der Zunge, sondern auf dem Herzen liegt, wacht eines Morgens mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Beim Zahnarzt wird sehr schnell klar, dass der Splitter das Resultat einer akuten Verkrampfung im Kiefer ist. Sie mahlt nachts mit ihren Zähnen. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Mahlen. Bis in den Hörsaal einer Universität, wo eine deutsche Forensikerin über ihre Arbeit in den Kriegsgebieten erzählt, „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts“, von der Suche nach Beweisen für all die Verbrechen, die ohne solche Arbeit ungesühnt bleiben würden. Bis in Konfratationen mit Menschen, die wie sie das Unausgesprochene wie einen Stein mit sich herumtragen. Kein Wunder löst sich irgendwann ein Splitter aus diesem Stein.

Auch wenn auf dem Debüt der 1990 im Kosovo geborenen Autorin „Roman“ steht, müsste viel eher „Ergründung“ stehen. „ë“ ist eine literarische Reflexion, was Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit des Aussprechens, das „Keine-Worte-finden“ auslöst. Als der Kosovokrieg 1998 und 1999 wütete, flüchtete ihre Familie nach Deutschland. Was damals passierte, nicht zuletzt mit ihrer Muttersprache, drohte unter einer dicken Schicht Schutt und Sprachlosigkeit zu versteinern. Was Jehona Kicaj mit ihrem Roman gelingt, ist eine ungemein zärtliche und behutsame Konfrontation mit einem Stück ihrer selbst, einem tiefen Schmerz. Jehona Kicaj tut dies ohne Schuldzuweiung, auch wenn mich einzelne Passagen des Buches ganz unmittelbar mit den Gräueln jener Zeit konfrontieren.

„ë“ ist genau das, was es braucht, damit die Wunden nicht mehr nässen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, die Kraft, sich all dem zu stellen und die Fähigkeit, daraus ein äusserst beeindruckendes Buch zu machen.

Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder» (2023). Der Roman «ë» ist ihr Debüt.

Beitragsbild © Carl Philipp Roth

Nava Ebrahimi «Und Federn überall», Luchterhand

Nava Ebrahimi ist eine feinsinnige Beobachterin. In ihrem aktuellen Roman „Und Federn überall“ fühlt sie den Puls einer Gesellschaft, die im ständigen Fieber mit allen Mitteln versucht, die Kontrolle über sich und die Umgebung nicht zu verlieren. Ein Roman, der zeigt, wie nah wir an der Katastrophe agieren. Ein Roman, der unter die Haut geht.

Eine Kleinstadt im Emsland, ganz im Norden Deutschland. Eine Gegend, von der die Autorin in einem Interview erzählt, die noch nie Schauplatz von grosser Literatur war. Ob ihr neuer Roman, der 2025 für den Deutschen Buchpreis nochminiert war, grosse Literatur ist, wird die Zukunft zeigen, ob er im „literarischen Bewusstsein“ bleibt oder im Meer jener Bücher entschwindet, die man nie zu Meilensteinen erklärt. Mich beeindruckt dieser Roman sehr. Nicht nur weil er den Puls der Gesellschaft misst, das Fieber, das viele nah an den Wahnsinn bringt. „Und Federn überall“ ist raffiniert konstruiert, spielt mit seinen 350 Seiten an einem einzigen Tag, einem Montag, in einer Kleinstadt, in der der grösste und wichtigste Arbeitgeber pro Tag 650 000 Hühner zu Lebensmittel verarbeitet. 6 ProtagonistInnen, die in irgend einer Weise von dem Grossbetrieb abhängig sind, riesige Produktionsstrassen, in denen am Fliessband Hühner, die an der Rückseite der Fabrik lebend angeliefert werden und portioniert und eingeschweisst die Hallen wieder verlassen. 

Nava Ebrahimi «Und Federn überall», Luchterhand, 2025, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87745-7

Sonia sitzt jeden Tag an einer dieser Fliessbänder mit der einzigen Aufgabe, Hühnerbrüste auf ihren Verhärtungsgrad mit ihren Händen abzutasten, Stück für Stück. Seit man Hühner durch Hormonbehandlung immer schneller und effektiver wachsen lässt, und das „Wooden Breast“-Syndrom droht, verhärtetes Hühnerfleisch den Verkauf als Lebensmittel verunmöglicht, nicht nur stubide Arbeit, sondern ein Tun, das selbst die eigene Brust verhärten lässt. Sonia, die den Kopf bei der Sache haben sollte, ist an diesem Montag aber nicht wirklich bei all den kalten Hühnerbrüsten auf ihrem Fliessband. Schon am Morgen, kaum aufgestanden, eskalierte die Situation mit ihrer halbwüchsigen Tochter.

Anna ist in der Geflügelschlachterei Melling als Ingenieurin angestellt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Eine Maschine ist im Testlauf, die das „Wooden Breast“-Syndrom ohne „menschlichen Eingriff“ erkennen soll. Eine Maschine, die die Verarbeitung steigern und optimieren und Ausgaben für ArbeitnehmerInnen minimieren soll. Aber es will nicht funktionieren, wie Geschäftsleitung und Anna wollen. Und Anna hat mehr und mehr zu kämpfen. Nicht nur in ihrer Arbeit, in der sie als Frau bestehen soll, sondern auch in ihrer privaten Situation. Nicht nur, dass sich Stimmen aus der Vergangenheit einmischen, da braut sich in ihrem Bauch etwas zusammen.

Meckhausen ist einer in der Teppichetage der Firma Melling. Ein verlassener Ehemann, einer, der sich in seiner Firma unentbehrlich und die Kollegin Ingeneurin wie ein Stück Fleisch sieht, das erst einmal in der Möllingmaschine zu bestehen hat. Ein verlassener Ehemann, der auf einem Dating-Portal nach einer Polin sucht.
Die Auserwählte auf diesem Datingportal ist Justyna, eine nicht mehr ganz junge Polin, die sich als schwarz angestellte Betreuerin um Sonias ehemalige Schwiegermutter kümmert und ihre kleine Einzimmerwohnung mit Nassim, einem sehbehinderten afghanischen Flüchtling teilt. Eine Zweckgemeinschaft, die mehr ist. Nassim hofft nicht nur auf einen positiven Asylentscheid, sondern auch darauf, als Lyriker in dem fremden Land eine Stimme zu bekommen. Die deutsch-iranische Schriftstellerin Roshanak Rastgoo soll ihm bei der Übersetzung seiner Gedichte helfen.

So feinmaschig das Beziehungsnetz in diesem Roman ist, verliere ich nie den Überblick. Sie alle kämpfen mit sich und der Welt, lassen ordentlich Federn. Man spürt, wenn man lesend den Spuren der ProtagonistInnen folgt, dass sich die Schicksale gegenseitig wie Billardkugeln berühren und am Ende des Romans in irgend einer Weise das Final kommen muss. Aber nicht der Plott zieht mich als Leser durch dieses Buch. Zum einen die Neugier, wie sich das Personal aus den immer enger werdenden Schlingen zieht. Und noch viel mehr wie es die Autorin schafft, die Fäden glaubhaft zu verknoten. Etwas, das ihr meisterhaft gelingt. „Und Federn überall“ ist ebenso klug gebaut wie feinfühlig erzählt. Drei Frauen und drei Männer, die an einem Montag die Bodenhaftung verlieren.

Und  nicht zuletzt ein Roman über die Entfremdung unserer Nahrungsmittelindustrie.

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland sowie der Kölner Stadtrevue. Sie erhielt 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für «Sechzehn Wörter» wurde sie mit dem Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, sowie dem Morgenstern-Preis ausgezeichnet. Seit 2025 ist sie regelmässige Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz.

Beitragsbild © Clara Wildberger

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser

Ein mutiges Buch! Nicht nur weil Navid Kermani ganz nah an seinem eigenen Leben schreibt, sondern weil er sich nicht scheut davon zu erzählen, wie sehr ihn seine Gegenwart, der Sommer 2024, verunsichert, wie sehr ihm die Geschehnisse zusetzen. Eine Welt voller Bedrohungen.

Ob die Ettikette „Roman“ dem Buch gerecht wird, bezweifle ich, auch wenn Navid Kermani in seiner „literarischen“ Vergangenheit sehr wohl bewiesen hat, dass er neben seinen Sachbüchern zu Themen interreligiöser Verständigung, sehr wohl Bücher schrieb, die dem Etikett «Roman» gerecht werden. „Sommer 24“ ist essayistische Erzählung, Selbstbestimmung, Erklärungsversuch und existenzielle Auseinandersetzung zugleich. Ein Buch über einen Mann, über ihn, der sich an der Gegenwart reibt, der schreibend versucht, Ordnung in eine Innenwelt zu bringen, die durch das äussere Chaos bedroht ist. Ein Buch über einen heissen Sommer, in dem sich alles zu mischen droht, das Unverständnis darüber, dass die Wahl eines neuen Präsidenten in den USA doch mehr als deutlich ausfallen könnte, dass die AfD im eigenen Land es schafft, all jenen in Deutschland eine Stimme zu geben, die sich unverstanden und betrogen fühlen, einem Sommer der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihm nahestehen und solchen, die sich an seine Seite drängen. Mit Bildern aus Reportagen, die ihn nicht loslassen, die alles Erlebte, alles, was an ihn getragen wird, in ein fast unerträgliches Ungleichgewicht setzen. Den Sommer mit all dem Schrecken im Gaza, in der Ukraine, im Sudan, all den Weltenbränden, die sich wie ein Flächenbrand auszubreiten drohen.

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser, 2024, 160 Seiten, DHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28576-7

„Sommer 24“ ist ein ungemein ehrliches Buch. Ein Buch, das von dem erzählt, was dem Schriftsteller und Reporter an die Nieren geht und mir bei der Lektüre ebenso. Von einem todkranken Freund, den er nur wenige Stunden vor seinem inszenierten Tod besucht, der in den Monaten seiner Krankheit und dem drohenden Sterben immer mehr in rechtes Gedankengut abdriftet. Seine Lebensgefährtin trennt sich von ihm, an seiner Liebe zweifle sie nicht, aber an seiner Beziehungskompetenz. Eine Frau, deren Erzählung ihrer Vergewaltigung er in einen literarischen Text verarbeitete und dabei tunlichst alles entfremdete, um jene Frau zu schützen, die ihm aber nun doch ziemlich unverblümt vorwirft, sie durch den Text ein weiteres Mal vergewaltigt zu haben. Die Hochzeit eines Schulfreundes auf einer griechischen Insel, auf der einen Seite der überbordende Luxus, eine Ehe zwischen den Kulturen, auf der anderen Seite die Dekadenz des Moments. Die Nachwehen eines Attentats, jenes von jenem Mann im Sattelschlepper an einem Berliner Weihnachtsmarkt. Seine Auseinandersetzung mit dem literarischen Übervater Thomas Mann und seiner Familie und der eigenen Biographie, nicht zuletzt mit der Begegnung als Zwölfjähriger mit seiner Familie damals in Teheran mit Ajatollah Chomeini, der damals die Hoffnungen einer ganzen Nation befeuerte. Oder seine Faszination für Petra Kelly, die in den 80ern zu einer Identifikations- und Leitfigur einer Grünen-Bewegung wurde und sich nicht nur gegen Kravattenträger, Aufrüstung und Menschenrechtsverletzungen aller Art einsetzte, sondern zu einer Gallionsfigur des feministischen Kampfes wurde. Eine Frau, die im Selbstzweifel erkrankte und ausgerechnet durch eine Pistolenkugel ihres Ehemannes starb.

„Sommer 24“, manchmal analytisch, immer leidenschaftlich und engagiert, manchmal verzweifelt, ist der ehrliche Versuch eines Mannes, der nichts und niemanden auf die leichte Schulter nimmt und gleichzeitig viel Denkleistung braucht, um an all dem Nebeneinander nicht zu zerbrechen. Ein faszinierender Versuch, Ordnung in die Gleichzeitigkeit der Dinge zu bringen. Ein Zeugnis dafür, wie sehr ein denkender und empathischer Mensch an der Gegenwart leiden muss.

17. Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des 1. FC Köln. Als Reporter berichtet er immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. Für seine Romane, Essays, Reportagen und Monographien erhielt Navid Kermani unter anderem den Kleist-Preis, den Hölderlin-Preis, den Joseph Breitbach-Preis, den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2024 den Thomas-Mann-Preis. Seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck, sein literarisches Werk im Carl Hanser Verlag. Die Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Beitragsbild © Peter Andreas Hassiepen

Julia Sutter «Und das wäre erst der Anfang», FVA

Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.

Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.

Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.

Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.

Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.

Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen. 

Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert. 

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.

Beitragsbild © Hanes Sturzenegger

Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp

Es passiert zuweilen, das ich mich bei der Lektüre über die Massen beglückt fühle. Dann, wenn das Gelesene mich in seiner Gänze berührt; die Geschichte, das Personal, der Ton, der Witz, das Unausgesprochene, der Sound … bis zu einzelnen Sätzen, wie Pflöcke eingeschlagen. Jürg Beelers neuer Roman beisst sich in die Gegenwart und hinterlässt Spuren.

Josef Lautenbacher ist seit wenigen Tagen in Rente, nachdem er über viele Jahrzehnte eine Buchhandlung in Nimmerach, einer kleinen Stadt am Jura Südfuss, geführt hatte. Eine Buchhandlung, die wie Bäckerei und Metzgerei zum Stadtbild gehörten und Lebensnotwendiges an ihre Kundschaft brachten. Nun ist der Buchladen an zwei junge Frauen übergeben. Für Lautenbacher keine leichte Sache, denn seine Nachfolgerinnen liessen keinen Stein auf dem anderen; gerafftes Sortiment, dafür Kaffee und Kuchen. Für Lautenbacher, einen Mann der alten Schule, ein Unding.

Mit Luise, seiner fünf Jahre älteren Frau, wird es mit der Pensionierung in der Dreizimmerwohnung ebenso nicht einfacher. Auch wenn Luise schon vor einem Jahrzehnt beschloss, allein in einem Zimmer schlafen zu wollen – wie soll man sich in einer so kleinen Wohnung aus dem Weg gehen? Als er noch seine Buchhandlung hatte, war das sein Ort, die Stunde vor Öffnung seine Stunde und ein Schild an der Tür das eine oder andere Mal seine Rettung vor aufdringlicher Kundschaft. Seit seiner Pensionierung ist Lautenbachers einzige Rettung vor den Einmischungen seiner Frau sein Notizheft, in das er Ordnung zu bringen versucht, Ordnung in eine Welt, die auseinanderzubrechen droht, Ordnung in seine Seelenlandschaft, durch die immer wieder einmal ein Sturm an ihren Grundfesten rüttelt – und das Bahnhofsbuffet in der Stadt. Der einzige Ort, wo er Luise mit Sicherheit nicht begegnet.

Luise war Luise, sie war so sehr Luise, dass ihm manchmal die Haare zu Berge standen.

Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, CHF ca. 27.00, ISBN 978-3-907334-46-1

Als dann auch noch ein Arztbesuch ansteht, den auch seine beiden erwachsenen Kinder fordern, nur weil die eine oder andere kurzzeitige Schwäche nicht mehr zu kaschieren war, beginnt sich die Schlinge für Josef zuzuziehen. Dabei will er doch einfach nur seine Ruhe; kein Geschnatter, kein Kaffee und Kuchen, keine Nötigungen, nicht den Lärm seiner Enkelkinder, nicht die Strenge seiner Kinder – und schon gar nicht die Bevormundung seiner Frau.

Er will weg. Zuerst aus der Enge seiner Wohnung, weg von dem, was man ihm aufzudrängen versucht, weg von der Kleinstadt mit tausend Augen. Am liebsten nach Paris. In die Stadt der Dichter, der Künstler. Irgendwann schafft er es schon einmal bis nach Zürich. Ein erster Schritt ist getan, in ein kleines Hotel, in das man ohne Kreditkarte einchecken kann, ein Zimmer erstmal für ein paar Tage.

Dass sich die Welt zu ihrem Nachteil verändert hatte, war auch ihm aufgefallen, längst hielt er nicht mehr die Bücher für den Kitt der Gesellschaft, sondern die allgemeine Dummheit.

So sehr Josef Lautenbacher aus der Zeit gefallen ist, so sehr ist Jürg Beelers Geschichte aus der Zeit gefallen. Aber was für ein Genuss. Genau darum, weil sich weder Lautenbacher noch Beeler um den Nerv der Zeit bemühen. Warum gibt es für Menschen ohne Rollkoffer nur noch mitleidige Blicke? Warum ist alles auf Gemütlichkeit getrimmt, obwohl sich kaum jemand mehr in der Zeit verlieren will? Warum lässt einem zuweilen das Gefühl nicht los, allem Unmöglichen genügen zu müssen, nur nicht sich selbst?

Josef Lautenbacher wäre nach seiner Pensionierung am liebsten einfach ein Müssiggänger mit einem guten Buch, nichts von dem neumodischen Zeug, das sich bloss mit dem eigenen Nabel beschäftigt, und seinem Notizbuch, das ihm immer wieder einmal wenigstens das Gefühl gibt, all die Verunsicherungen an den Rand zu drängen. Aber in einer Welt im Optimierungswahn, inszeniertem Genuss und rasender Veränderungen wird die Bewegungsfreiheit eines Sonderlings immer kleiner. Josef Lautenbacher ist ein aussterbender Archätypus. Ihm entflieht die Zeit – buchstäblich.

Wie ich Beelers Schreibe liebe! So ehrlich, so witzig, so entzückend, so frech, so unprätentiös, so anders!

Jürg Beeler (1957) ist in Zürich geboren und in Olten aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Literaturkritik und Komparatistik. Er arbeitete als Mittelschullehrer und als Rezensent sowie als Reise- und Kulturjournalist. Der Autor hat schon viele Auszeichnungen erhalten, u. a. den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (2002) und 2024 die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich. Jürg Beeler lebt als freier Schriftsteller in Narbonne (F) und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm bei Dörlemann die Romane «Die Zartheit der Stühle» (2020) und «Der blinde König und sein Narr» (2024).

Jürg Beeler «Möglicher Anfang eines Romans», Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Remo Fröhlicher

Ahojana 2 «Ein Meisterwerk» – Eine Postkarte aus Babat von Owida N. Woiax

«Zonz ji gawa dantanjie eni tuen kuluj», quengelt mir eine quietschend hohe Stimme in den Nacken. Ich drehe mich um und blicke in die vergnügten Augen eines stämmigen Herrn, dem eine goldgelb leuchtende Schiffchenmütze wie eine Krone auf dem Haar sitzt. «Waren Sie das?», frage ich. Er schütteln den Kopf, ein unschuldiger Bub, er lächelt, blinzelt, zupft sich den mächtigen Schnauz und zieht mit den Zähnen ein Bratenstück aus dem Sandwich in seiner Linken. «Bezai mi, hihi», kichert es nun. Ich schau dem König direkt ins Gesicht: «Machen Sie sich über mich lustig?»

«Nicht doch, Madame, keineswegs», versichert mir der Mann mit heiserem Bass, kaut schmatzend und deutet auf den ausgestopften Fuchs, der neben ihm auf einem Mäuerchen seine Reißzähnchen fletscht: «Ich glaube, das war er, Djoli Luær, Herr Fuchs.» 

«Und? Was hat er gesagt?»

«Oh, das wollen Sie nicht wissen. Lemusisch? Können Sie nicht?»

«Doch, schon, aber nicht sehr gut – ji dingælo lisi lemusie.»

«Dann habe ich etwas für Sie! Ufpoza!» Er bückt sich, hebt ein zerfleddertes Heft mit speckigem Deckblatt vom Boden auf, schüttelt es kurz und streckt es mir hin. «Pisedj, voilà: ein prachtvolles Vokabular, nicht die neueste Ausgabe, aber vielfach erprobt und geradezu umsonst. Zwei Chnou! Mæit xundj pa vos! Ein Spezialpreis für Sie!»

Viel Schönes habe ich bisher nicht entdeckt auf dem kleinen Flohmarkt im Zentrum von Babat. Dafür aber riecht es auf dem ganzen Platz herrlich nach würzigem Fleisch. Der Duft steigt von einem meterlangen, mit Streifen von Leber, Schwarte und Magen, mit Kräutern, Knoblauch und Zitronen gefüllten Schweinebraten auf, der sich an einem Spieß ganz langsam über einem Kohlefeuer dreht. Seine äußerste Schicht scheint aus goldenem Sirup zu bestehen, der mehr und mehr zu einer lackierten Kruste erstarrt. Eine junge Frau schneidet mit einem gekrümmten Messer Scheiben ab und packt sie zusammen mit roten Zwiebeln in kleine Brötchen. Vor ihrem Stand hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Leute unterhalten sich vergnügt, es ist Sonntag, niemand hat es eilig. Der Flohmarkt gilt als das Wochenendvergnügen der Fleischhauerinnen und Kuttelsieder des großen Schlachthauses, das wie eine Burg über den Häusern von Babat thront. Es heißt, dieser Markt sei den Leuten hier, was Menschen andernorts die Kirche. Kuentlek, das lemusische Wort für «Schlachthaus», bedeutet auch «Opferstätte» oder «Heiligtum», wörtlich «Ort des Schlags». Die ganze Gegend heißt so.

Während ich ohne Begeisterung in dem Heft blättere, greift der Mann nach dem Hinterteil seines Fuchses. «Aua! Was bist du nur für ein Grobian!», maunzt das Tier altissimo, «Madame, haben Sie das gesehen? Bitte, seien sie barmherzig und befreien Sie mich aus meinem Elend. Tausend Chnou will der Wüstling für mich haben, aber bei achthundert wird er schwach. Das weiß ich bestimmt. Sie werden es nicht bereuen. Ich bin völlig stubenrein und gut erzogen. Tagsüber hocke ich still am Fenster und schaue auf die Straße hinab. Am Abend lese ich Ihnen Gedichte vor. Und nachts, wenn sie schlafen, tanze ich um ihr Bett und verscheuche die bösen Träume.»

Der König ist wirklich gut, sein Mund bleibt völlig unbewegt, nicht einmal sein Schnauz zittert, und er bringt sogar b, f, w und andere Lippenlaute fließend heraus. Sicher schuftet auch er unter der Woche im Schlachthaus. Ob wohl alle Fleischer von Babat Bauchredner sind? Üben sie bei der Arbeit? Unterhalten sie sich mit den Rindern und Kälbern, während sie die Körper auseinandersäbeln? Sprechen sie mit den Nieren, den Schinken, dem Speck und den Herzen?

«Wie nennt man denn einen Bauchredner auf Lemusisch», frage ich den Fuchs.

«Panoiokak, Madame, warum wollen Sie das wissen?» 

Ich schau auf den Mann, ich schau auf den Fuchs. Der König steht jetzt völlig starr, die Augen geradeaus, die Krone unbewegt. Nur das Brötchen tropft. Herr Luær wackelt leicht hin und her.

«Nun, ich denke, Sie können das wirklich gut», lache ich.

«Danke», fiept der Fuchs, «und schauen sie sich jetzt auch den Herrn mal ganz genau an: Haben wir ihn nicht prächtig ausgestopft? On kracha stizdi! Ein Meisterwerk!»

***

Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Ahojana 1

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen», Atlantis

Pascale Kramer ist eine Meisterin darin, das Psychogramm einer Familie in einer Intensität zu Literatur zu machen, die bei der Lektüre körperlich werden kann. In ihrem neuen Roman „Die Nachsichtigen“ schont sie mich mit nichts. Kein Unterhaltungsroman, aber ein sprachstarker Einblick in die Abgründe einer auseinanderbrechenden Familie.

Manchmal gibt es Bücher, die einen Beipackzettel benötigen. Es ist eine Weile her, als ich einem Bekannten einen Roman von Pascale Kramer schenkte mit der Bemerkung, die Autorin sei eine der ganz Grossen, auch wenn man ihr im deutschen Sprachraum nicht die ihr gebürende Ausmerksamkeit schenkt. Ein paar Wochen später gab er mir das Buch, das ich ihm geschenkt hatte, wieder zurück mit der Bemerkung, er hätte es nicht zu Ende lesen können: „Probleme auf Probleme. Ich lese, um mich zu unterhalten.“ In keinem ihrer bisherigen Romane trifft das mehr zu als auf den neusten. Clémence Mutter stirbt ganz langsam an einer unheilbaren Krankheit. Schon während ihrer Pubertät entgleitet die Tochter der kranken Mutter und dem überforderten Vater. Schon allein das könnte Stoff sein für einen Roman. Aber Clémence verliebt sich in schwärmerischer Art ausgerechnet in ihren Onkel Vincent, einen Kunsthändler, der in seinem Auftreten so ganz anders erscheint, als all die Männer sonst. Aber es bleibt nicht beim Verliebtsein. Vincent versteht sich als Frauenheld, und was mit Komplimenten begann, wird zum Verhältnis, einem Verhältnis, das in der Familie nicht unbemerkt bleibt. Ein Verhältnis, dass die Familie zerreisst, schmerzhaft für alle, wenn auch nicht gleichzeitig. Für Vincent ist Clémence eine Eroberung mehr, Clémence fühlt sich ein erstes Mal ganz und gar gesehen und begehrt. Obwohl Vincent mit Anne-Lise verheiratet ist, einer Frau, die nicht nur eine Fehlgeburt zu verkraften hat und die Seitenspünge ihres Mannes nicht an sich herankommen lässt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen» (Les indulgences), aus dem Französischen von Andrea Spingler, 224 Seiten, CHF ca. 25.00, ISBN 978-3-7152-7569-7

Pascale Kramer beschreibt das Familiengefüge über vier Jahrzehnte, in Kapiteln chronologisch, aber in Rückschauen und Reflexionen, die genau das ausmachen, was Familie ist; ein dichtes Geflecht von Fäden, die sich verlieren, und die mit einem Mal wieder auftauchen, die nie verschwunden sind. Pascale Kramer erzählt davon, wie lange ein Schmerz nachwirken kann, auch wenn Verursacher sich dessen nie wirklich bewusst werden, wie filigran ein Familiegeflecht ist, wie dünn dieses Netz aus Fäden werden kann und man ungewollt riesige Löcher reissen kann.

Man liest dieses Buch nicht, weil einem die Geschichte in Bann zieht, im Gegenteil; Weder Clémence in ihrem ungebremsten Gebaren, noch Vincent in seiner Selbstverliebtheit, weder Clémences Mutter im Käfig ihrer Krankheit, noch ihr Vater, der sich den Situationen nicht zu stellen traut, schon gar nicht Clémences Grossmutter Nancy, die nichts an ihren Sohn Vincent kommen lässt und schon gar nicht die Blindheit und das stille Erdulden von Vincents Frau – niemand lädt zur Identifikation ein. Pascale Kramer scheint sich förmlich zu suhlen im Sumpf einer Familie. Was dieses Buch zum Genuss macht, ist die Fähigkeit der Autorin, das stille Grauen zu wunderschönen Sätzen zu formen. Was ihr Spass zu machen scheint, entlädt sich in mir zu einem Wechselbad der Gefühle. Verstehen sich jene wirklich, die sich am nächsten stehen sollten? Warum ist Schmerz so unmittelbar mit Liebe verflochten? Warum spüren Menschen nicht, was sie mit ihrem Tun anrichten?

Als der Roman einsetzt und es zu ersten Annäherungen zwischen Onkel und Nichte kommt, sprach noch kaum jemand in der Öffentlichkeit von Missbrauch in Familien, von Übergriffigkeit und der Nachsichtigkeit der Gesellschaft. Heute kitten wir die Risse, Risse, die zu schwelenden Narben geworden sind. Pascale Kramer offenbart ein Stück Katastrophe, das sich über Jahrhunderte in eine Gesellschaft gefressen hat. Zugeben; harter Tobak. Aber wer sich traut, liest sich mit diesem Roman in ungewohnte Tiefen.

Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Romanautorin. Aufgewachsen in Lausanne, ging sie 1987 nach Paris, wo sie heute lebt. Die Nachsichtigen, 2023 in Frankreich erschienen, ist ihr zehnter Roman und hat ein starkes Presseecho ausgelöst. Bekannt für subtile Familiengeschichten und sprachliche Präzision, konnte Pascale Kramer 2017 den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk entgegennehmen. Sie engagiert sich u. a. im Verein Nouvelle Page zur Eingliederung von Migrant*innen.

Andreas Spingler übersetzt seit mehreren Jahrzehnten aus dem Französischen; sie hat, neben anderen, Marguerite Duras, Patrick Modiano, Alain Robbe-Grillet, Maylis de Kerangal und Marie-Hélène Lafon ins Deutsche gebracht und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

mehr über die Bücher von Pascale Kramer

Beitragsbild: Jean-François Robert © Flammarion