Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.
Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.
Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.
Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.
Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.
Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen.
Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert.
Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.
«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen.
Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.
Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.
Beitragsbild © Hanes Sturzenegger
