Michael Georg Bregel «siebzehn», Neue Cranach Presse Kronach

Auch wenn Michael Georgs Bregels Gedichte in diesem Band nur jeweils drei Zeilen lang sind und sich auf ein halbes hundert Seiten verteilen – kein Leichtgewicht. Hinter den Zeilen versteckt sich weit mehr. Es sind Gedanken, die mir entgegenfliegen, viele hängenbleiben und sich in mir einnisten.

Was fettgedruckt wie Titel von längeren Gedichten erscheint, sind wohl eher Kapitelüberschriften, kleine Wimpel, die dem Folgenden eine Richtung geben, Pausen von Portionen, die ich als Leser zum Verdauen brauche. Gedruckt auf dickes Papier, das nicht aufgeschnitten ist, nicht gebunden ein langes Leporello wäre, eine Spur durch Gedanken.

 

spiel

zieh, aber lass dir
nie das spielbrett unter den
füßen wegziehen

dein stein bedroht mich
mein stein hängt um meinen hals
wir spielen mühle

sobald du den stein 
berührst, gilt das als dein zug,
du bist verloren

was wir spielen, wenn
wir spielen, spielen wir, wenn,
ohne Anleitung

 

Verdichtung im wahrsten Sinne des Wortes. Zeilen mit vielen Sichten, vielen Böden. Bilder, die mehr als deutlich machen, dass sich da noch viel mehr sagen lässt, dass die Zeilen nur die Berührungen auf den Oberflächen bleiben.

Michael Georg Bregel «siebzehn», 2026, Euro 22.00, Buchdruck, Durchstichbindung, Haiku, handgeschöpfter Umschlagkarton, direkt zu beziehen bei NEUE CRANACH PRESSE Kronach

Ich trug das Buch ein Weile mit mir herum. Es passte wie ausgemessen in die Tasche meines Wintermantels. Es war mir ein Begleiter, ein Mitdenker, eine Zündkapsel, ein Vervielfacher, ein Spiegel. Ich nahm das Buch hervor – und manchmal reichte das Innehalten, das Halten des Buches allein, die rauhe Oberfläche seines Buchumschlags aus handgeschöpftem, dickem Papier. Als hätte der Autor all das zwischen und unter den Zeilen, all die Zischenräume zu einem grossen Brei zerdrückt, eingeschwärzt und an der Luft getrocknet. Das Leporello jener Zeilen, die als Kondensat übriggeblieben in diesen schwarzen Bodensatz mit fester Schnur eingebunden und wie ein Paket aus Worten in die Welt hinausgeschickt.


ende

man dachte es muss
erst einen anfang geben 
bevor es endet

abenderwartung
bedeutender eingebung
tiefe enttäuschung

irgendwann wenn wir
alles vergessen haben
fängt es von vorne an

 

Die Zeilen nisten sich ein, haken sich fest, treiben mich um. Nicht die Spur von Larmoyanz, nichts von entrückter Unsachlichkeit. Für diesen Band denkt man zu zweit, taucht ein in die Falten eines Spaziergangs durch die Welt.

„Siebzehn“ erschien in der Neuen Cranach Presse Kronach, herausgegeben von Ingo Cesaro in einer nummerierten und signierten 1. Auflage von 100 Exemplaren.

Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften. 

Michael Georg Bregel «Raunacht», Rezension auf literaturblatt.ch

Michael Georg Bregel «Raunacht», Lyrik Edition Neun

Da rüttelt es manchmal ganz ordentlich an den Fensterläden, wenn Winterstürme übers Land ziehen, wenn nachts Geräusche ums Haus zu hören sind, die glauben machen, es lasse jemand seinen Zorn übers Land, wehre sich mit allen Mitteln, dass das alte Jahr zur Neige geht, man sich dem Neuen zuwendet in der Zeitenwende.

Raunächte feiert man nicht, sie geschehen. Ich erinnere mich an eisig kalte Winterstürme am See, die Büsche und Gräser in Wassernähe in durchscheinende Geistwesen verwandelten, Geister, die die Haut peitschten und das Atmen schwer machten.

Dass aber genau diese Zeit zu einem Spaziergang einladen kann, dafür sorgt der Gedichtband „Raunacht“ von Michael Georg Bregel mit Grafiken von Steffen Büchner. Ein Spaziergang hinein ins Land. Zwiegespräche mit sich selbst, der Landschaft, dem Himmel, dem Boden, den man nie verlässt. Zwiegespräche mit den Bildern, die man mit sich trägt.

Abend        (ein erster Teil, Anmerkung)

abends gehe ich aufs feld
knie nieder lege mich
in die furche drücke
mein gesicht in die
schwarze erde

abends gehe ich aufs feld
krümme bücke mich
hebe ein korn auf frage
bist du die saat von morgen
oder die hoffnung von gestern

abends gehe ich aufs feld
pflüge ziehe mein
drittes bein hinter mir her
pflanze meine schritte
als ernte für den wind

 

Michael Georg Bregel «Raunacht», Edition Lyrik Neun, illustriert von Steffen Büchner, 2024, 32 Seiten, CHF ca. 10.00, ISBN 978-3-948999-36-0

Gedichte, die sich manchmal wie Liedtexte lesen, die mit lautem Lesen Farbe bekommen. Unspektakuläre Empfindungen, Gewöhnliches, das durch Sprache aus dem Grau des Alltäglichen gehoben wird. Texte, die sich wie warme Decken über mich legen, genau das, was ich in Raunächten herbeisehne. Betrachtungen in den Abend, in die Nacht hinein, die sich beinah wie Gebete lesen.
Ein Spaziergang durch eine Nacht bis ins Dämmern des Morgens hinein. Bis man wieder in die warme Stube zurückkehrt und das Erlebte, die Geschichten zu „Buchstabenstaub“ zerfallen, all die geisterhaften Gesichter, die einem im Halbdunkel zweifeln lassen.

 

rot und roh und weit
weit weg wie deine wärme
vor der langen nacht

vergeblich versucht
irgendetwas zu fühlen
die finger verbrannt

licht in den augen
die sonne steht tief es ist
dunkler als du denkst

„Raunacht“ ist genau das Richtige für die Tasche im Mantel über dem Herz. Für die Wege, die im Licht für Augenblicke Zeit lassen, sich durch Sprache verführen zu lassen.

„Raunacht“ ist Band 36 einer ehrgeizigen Reihe in der Lyrik Edition NEUN. Von jedem dieser Bände erscheint neben der offiziellen eine auf 9 Bücher limitierte, nummerierte und signierte Hardcover-Ausgabe, der ein signierter Original-Linolschnitt von Steffen Büchner beiliegt. Diese Ausgaben kosten 33 Euro und sind nur über den Verlag zu beziehen.

 

komm regen
gib mir
gib mehr
ich lege
den kopf
in den
nacken ich
lasse die
augen weit
offen ich
sehe dir
entgegen ich
mache dich
mir zueigen
du willst
tropfen sein
auf meiner
haut willst
pfützen auf
meiner stirn
ich mache
dich zur
ersten welle
des ozeans
meiner nacht

 

Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften. 

Steffen Büchner, geb. 1963 in Dessau, Grafik-Veröffentlichungen in Künstlerbüchern der Corvinus Presse sowie in mehreren Ausgaben „Body & Soul“. Seit 2021 Illustrationen für die Lyrik-Edition NEUN, einer Lyrik-Reihe des Verlags der 9 Reiche, Berlin. Außerdem mehrere Veröffentlichungen in „el mail Tao — International Journal on Mail-Art-History today“ von Karl-Friedrich Hacker u.a.