Jehona Kicaj «ë», Wallstein

Der Buchstabe ë im Albanischen ist ein Buchstabe, der oft stumm bleibt. Eine Art Platzhalter. Vielleicht ein Platzhalter für all das Unausgesprochene, Verschwiegene. Dass die junge Autorin Jehona Kicaj mit ihrem Debüt „ë“ den Versuch einer Sprachfindung all dessen unternimmt, was ihre Heimat in ein kollektives Trauma trieb, ist mutig und mit dem Roman ein Sprachkunstwerk. Eine Ergründung der Sonderklasse!

Der 2006 im Gefängnis in Den Haag verstorbene ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, verantwortlich für tausendfachen Mord an unschuldiger Zivilbevölkerung. Einer der vielen Exponenten unmenschlicher Aktionen während der Balkankriege nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Wie fatal zu glauben, dass all die Gräueltaten von damals, auf welcher Konfliktseite auch immer, mit Friedensverhandlungen und Waffenruhe zu Ende wären. Was damals tiefe Wunden ins Kollektiv ganzer Bevölkerungsgruppen riss, ist nicht mit einem Datum zu befrieden. Jene Wunden schmerzen noch immer. Die Narben nässen. Sollte der Angriffskrieg Putins in der Ukraine jemals ein Ende finden, der Bürgerkrieg im Sudan, das Blutvergiessen in Syrien und im Iran oder der tödliche Hass zwischen Juden und Palästinensern, wird es Generationen des aktiven Versöhnens brauchen, um wirklich zu befrieden, um den in die Gene eingeschriebenen Schmerz zu lindern, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.

Jehova Kicaj «ë», Wallstein, 2025, 176 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-8353-5949-9

Jehona Kicajs Roman ist der literarische Versuch, Antworten zu bekommen, genau diesen Schmerz zu lokalisieren. Jenen Schmerz, der dann auftritt, wenn sie, die sie im Kosovo aufwuchs und in Deutschland studierte, feststellen muss, mit wie viel Unverständnis, Ignoranz und Ahnungslosigkeit einem Stück Geschichte begegnet wird, das nur zwei Generationen von der Gegenwart entfernt liegt.

Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.

Die namenlose Erzählerin, die wohl albanisch spricht, aber für vieles die Worte nicht findet, die es bräuchte, um das zu sagen, was ihr nicht nur auf der Zunge, sondern auf dem Herzen liegt, wacht eines Morgens mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Beim Zahnarzt wird sehr schnell klar, dass der Splitter das Resultat einer akuten Verkrampfung im Kiefer ist. Sie mahlt nachts mit ihren Zähnen. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Mahlen. Bis in den Hörsaal einer Universität, wo eine deutsche Forensikerin über ihre Arbeit in den Kriegsgebieten erzählt, „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts“, von der Suche nach Beweisen für all die Verbrechen, die ohne solche Arbeit ungesühnt bleiben würden. Bis in Konfratationen mit Menschen, die wie sie das Unausgesprochene wie einen Stein mit sich herumtragen. Kein Wunder löst sich irgendwann ein Splitter aus diesem Stein.

Auch wenn auf dem Debüt der 1990 im Kosovo geborenen Autorin „Roman“ steht, müsste viel eher „Ergründung“ stehen. „ë“ ist eine literarische Reflexion, was Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit des Aussprechens, das „Keine-Worte-finden“ auslöst. Als der Kosovokrieg 1998 und 1999 wütete, flüchtete ihre Familie nach Deutschland. Was damals passierte, nicht zuletzt mit ihrer Muttersprache, drohte unter einer dicken Schicht Schutt und Sprachlosigkeit zu versteinern. Was Jehona Kicaj mit ihrem Roman gelingt, ist eine ungemein zärtliche und behutsame Konfrontation mit einem Stück ihrer selbst, einem tiefen Schmerz. Jehona Kicaj tut dies ohne Schuldzuweiung, auch wenn mich einzelne Passagen des Buches ganz unmittelbar mit den Gräueln jener Zeit konfrontieren.

„ë“ ist genau das, was es braucht, damit die Wunden nicht mehr nässen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, die Kraft, sich all dem zu stellen und die Fähigkeit, daraus ein äusserst beeindruckendes Buch zu machen.

Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder» (2023). Der Roman «ë» ist ihr Debüt.

Beitragsbild © Carl Philipp Roth