In der Schweiz zählt man 300 000 Alkoholabhängige, in Deutschland über 2 Millionen, in beiden Ländern eine Quote zwischen 2 und 3 Prozent der Bevölkerung. Scheinbar wenig, nicht aber, wenn man sich im Klaren wird, was dieser Anteil anrichtet. Lena Schätte erzählt von einer Familie, die an der Sucht zerbricht.
Muss man sich einen solchen Roman antun? Literatur über die Kollateralschäden von Sucht gibt es genug, denke man nur an Angelika Klüssendorf. Aber wie Angelika Klüssendorf schafft es Lena Schütte in ganz eigener Manier von dieser Dauerschlechtwetterlage zu erzählen, von Menschen, die es aller guten Vorsätze zum Trotz nicht mehr schaffen, die das Leben straft, die sich verlieren, die als Versager, Looser, ewige Verlierer taxiert und verdammt werden. Lena Schüttes Roman ist viel, viel mehr als Betroffenheitsliteratur, viel mehr ein nüchterner Bericht aus dem Schlachtfeld eine Sucht, einer Familie, die daran zerbricht, von Menschen, die Zuversicht und Hoffnung verlieren, die von der Gesellschaft stigmatisiert werden.
Fremde Väter tragen die Probleme nach aussen, doch meiner trägt sie rein.

Da ist die Geschichte einer Familie, einer jungen Frau, Tochter eines Alkoholikers, eines Mannes der sich krank trinkt und einer Tochter, die im Schweif ihres Vater dem gleichen unstillbaren Durst erliegt. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist eine Liebesgeschichte trotz allem. Weil Motte, die Tochter, immer und immer wieder den Mann erkennt, der sich hinter dem Betrunkenen verbirgt, den Mann, der seinen Kampf gegen den Alkohol irgendwann aufgegeben hat, der seine Stelle in der Fabrik verliert, die Familie an den Abgrund reisst, todkrank wird und genau in jener Zeit, als sein absehbarer Tod nicht mehr zu leugnen ist, eine Zartheit an den Tag legt, die nicht nur die Tochter an ihn bindet, sondern mir als Leser vieles klar macht. Hinter jenen Trinkenden sind keine Monster, auch wenn sie sich im Suff als solche gebärden. Motte schwirrt um das langsam verblassende Licht ihres Vaters.
Ich steige aus mir heraus und lasse die Leute mit meinem Körper allein.
Motte, die Ich-Erzählerin, wächst in einer Kleinstadt auf. Man kennen sich. Natürlich bleibt auch die Sucht des Vaters und die Tatsache, dass Motte ins gleiche „Fahrwasser“ gerät, niemandem verborgen. Sowieso nicht, wenn Dorffeste und Versammlungen zu Exzessen werden. Die Mutter versucht die Familie zusammenzuhalten, auch wenn die wirtschaftliche und soziale Lage der Familie im prekärer werden. Man muss in kleinere Wohnungen umziehen, die ältere Schwester reisst aus und bricht den Kontakt ab, Rettungsversuche scheitern und in Dorf und Schule wird die Situation immer schwieriger. Die Phasen tiefer Depression dauern bei der Mutter immer länger an. Was Motte bleibt, ist ihr Bruder, der im Dorf bleibt und als Kindergärtner arbeitet. Als auch er auszieht und der Enge der Familie entflieht, wird er für Motte zum letzten Anker in einem verlorenen Leben.
Ich wünschte, wir wären andere gewesen.
Was überzeugt an diesem Roman, ist in erster Linie seine Erzählweise, seine Sprache. Die Verknappung, Verdichtung, die trockene Art des Erzählens. Lena Schätte schreibt nicht von Emotionen, löst mit ihrem Erzählen aber welche aus. Sie deutet und urteilt nicht. Da ist nicht einmal das Bedauern einer Stimme, die in der Sucht zu ertrinken droht. Lena Schätte schildert Leben und Situationen ohne Wehleidigkeit. Sie schreibt als Wissende, als Liebende trotz allem, als Verstehende, ohne je eine Gewissheit aufdrängen zu wollen. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist einer jener Romane, die man mit Bleistift liest. Weil da immer wieder Sätze auftauchen, die man ihrer Prägnanz nicht erwartet. Ein Roman mit scharfen Kanten – eigenartig schön.
Lena Schätte, geboren 1993 in Lüdenscheid, debütierte 2014 mit dem Roman «Ruhrpottliebe». In den Folgejahren arbeitete sie als Psychiatriekrankenschwester im Ruhrgebiet, bis sie 2020 ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufnahm. Heute betreut sie suchtkranke Menschen in Lüdenscheid – und schreibt. Für ihren Roman «Das Schwarz an den Händen meines Vaters» wurde Lena Schätte mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis und dem Förderpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet; der Roman stand zudem auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025.
Beitragsbild © Boris Breuer
