Karin Hofmann «Leo Sola», Lokwort

Leonie ist zurück in der Schweiz. Wenn auch nicht so, wie sie es sich vorgestellt hätte. Zurückgeworfen in ein Spitalbett, ausgespuckt aus einer Geschichte, die sie nicht loslässt, denn an ihrem Bett sitzt ein Polizeibeamter. Eine turbulente Geschichte um eine Frau, die sich als Kriegsberichterstatterin vom Leiden nicht besiegen lassen will, aber in der Liebe kapitulieren muss.

2003. Leonie „Leo“ Lusser bricht in der vom Sommer aufgeheizten Berner Innenstadt zusammen, eben zurück von der Beerdigung von Hugo Karpf. Ein geplatzter Eileiter, innere Blutungen im Bauchraum, Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand. Sie überlebt nur, weil ein bärtiger Mann und ein Barmann gedankenschnell reagieren und sie es rechtzeitig ins Spital schafft. Sie, die als Auslandkorrespondentin mitten im Irakkrieg, vom angeblichen Präventivkrieg gegen eine mit Massenvernichtungswaffen aufgeblähte Diktatur berichtete, wird nicht nur von einem Blutbad in ihrem Inneren niedergestreckt, sondern von der fanatischen Liebe eines Mannes, der seinen Wahn mit dem Leben bezahlen musste. Sie, die aus der Enge einer krankhaften Liebesbeziehung in ein Kriegsgebiet entfloh, liegt in einem Spitalbett – und er, Hugo Karpf, Musiker, Ehemann und Familienvater, einst ihr Geliebter, irgendwann nur noch die blinde Klette, liegt tot auf einem Berner Friedhof. Sie von der Polizei bedrängt, weil man sie für den Tod von Hugo Karpf verantwortlich macht, Karpf, der Musiker, niedergestreckt mitten in den Wirren des Irakkriegs.

Karin Hofmann «Leo Sola», Lokwort, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-906806-53-2

Es hätte Leos Beginn von etwas Grossem werden sollen. Endlich Auslandkorrespondentin, endlich die Chance, mit dem, was man tut, etwas bewirken. Endlich in einem Team, das zusammenarbeiten muss, weit weg von den Positionskämpfen innerhalb einer Redaktion. Aber auch endlich die Distanz zu einem Leben, das ihr mehr und mehr die Luft nahm. Als sie Hugo Karpf kennenlernte, war er genau der, den sie brauchte. Ein Mann ohne Besitzanspruch, ein Mann auf Distanz, ein Mann, der sie auf Musikerhänden trug, der ihr das Gefühl gab, geliebt und begehrt zu sein. Der sich aber mehr und mehr in Leos Leben einmischte, ihr mit der Zeit den Raum, die Luft nahm. Der sie mit seinen Versprechungen und Hinhaltungen, seinem Besitzanspruch und seinen sich mehrenden Gewaltausbrüchen verunsicherte und bedrängte. Ein Liebe, die für Leo zur Bedrohung wurde, das, was man heute toxisch bezeichnet. Eine Beziehung, die immer mehr auf den einen grossen Knall hintaumelte. Und jetzt lagen sie beide niedergestreckt in Bern. Er tot, sie im Spital von der Polizei bewacht und vernommen.

Der Kriminalbeamte Antonio Tondo setzt sich in Leos Wachphasen an ihrem Bett fest, fordert sie unmissverständlich auf, die Geschichte ihrer Beziehung zu Hugo Karpf zu erzählen. Und Leonie berichtet. Nicht nur, weil sie sich gezwungen fühlt, sondern weil sie Ordnung machen muss in ein Leben, das ihr entglitt. Da ist die Geschichte einer Frau, deren Träume von der Realität in einem brutalen Krieg pulverisiert wurden, die die Folgen von Unmenschlichkeit und Gewalt am eigenen Leib erfahren muss, die nicht nur die Liebe verlor, sondern gleich mehrfach gedeihendes Leben in ihrem Leib, der das Schicksal Glauben machen wollte, mit ihr sei Liebe nicht lebbar. Was sie anfangs nur widerwillig dem Beamten preisgibt, spannt in ihrer Erinnerung, die mit dem, was geschah, immer trüber zu werden drohte, immer klarere Fäden und erschliesst ihr das, was sie mit dem scheinbar absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben, verloren zu haben schien.

Karin Hofmann, selbst lange Zeit für das IKRK in Krisengebieten tätig, weiss, wovon sie erzählt. Wie sie den zweiten Teil ihres Romans mitten im Irakkrieg inszeniert, mir vor Augen führt, was ich als Leser vergessen und verdrängt habe, ist beeindruckend und viel mehr als die Kulisse einer vom Wahn durchtränkten Beziehung, die letztlich in die Katastrophe laufen muss. Man kann der Autorin vorwerfen, zu viel hineingepackt zu haben, aber das schmälert nicht meine Faszination für eine Geschichte, die man so in der helvetischen Literaturszene nur ganz selten antrifft. Da traut sich eine Autorin, mit der grossen Kelle anzurühren! Ein Roman mitten in den Brennpunkten der Gegenwart!

Karin Hofmann lebt in Bern und ist seit vielen Jahren in Führungspositionen des Gesundheits- und Sozialbereichs tätig. Die Erfahrungen aus ihren langjährigen Einsätzen als Delegationsleiterin beim IKRK sind im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» geschildert. Ihr neuer Roman, dessen Zentrum in einem Berner Spital angesiedelt ist, profitiert in seiner Authentizität auch von Erlebnissen, die sie in Bagdad und in einem kurdischen Teil Iraks erlebt hat. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin des Vereins Wohnenbern.

Beitragsbild © privat

Schelmischer Witz in schrecklichen Zeiten – über Andrej Kurkow, «Samson und Nadjeschda» / «Samson und das gestohlene Herz» (29)

Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.

Lieber Gallus

Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.

Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.

Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Andrej Kurkow «Samson und Nadjeschda», Diogenes, 2022, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, mit Illustrationen von Juri Nikitin, 368 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-257-07207-5

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.

Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.

Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.

Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.

Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.

Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

«Samson und Nadjeschda» aus der Büchergilde Gutenberg

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.

Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.

Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

Sei umarmt
Gallus

© Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.

Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann

Per liegt im Sterben. Alina, seine Nichte, tut sich schwer mit der Unausweichlichkeit. Es stirbt mehr als ihr Onkel. In ihrer Suche nach dem, was bleiben muss und soll, findet Alina bei dem was dereinst stofflich bleibt, Anworten, die sie trösten, die sie mit dem Sterben und dem Tod versöhnen.

Alina ist hin- und hergerissen. Sie schreibt in ihrem Atelier in der Stadt, nicht weit vom Spital, in das man Per eingeliefert hatte. Man hat ihr versprochen, Zeichen zu geben, wenn sie Per besuchen darf, wenn sie sich verabschieden soll. Per ist der Bruder ihres Vaters. Per und er waren als Kinder Brüder und Freunde in einem, unzertrennlich. Und dann, Alina war noch nicht einmal zwölf, begann sich ihr Vater von der Familie zu lösen. Bis zu jenem Moment, als er seiner Frau, Alina und ihren Geschwistern einen Brief schrieb, in dem er erklärte, er werde an der Seite einer anderen Frau ein neues Leben beginnen, ein Leben in Erleuchtung. Während ihr Vater sich aus dem Staub machte, unerreichbar wurde, war es Per, der geblieben war, der in ihre Nähe rückte, der wurde, der ihr Vater hätte sein können. Der mit ihr die Berge erwanderte, der mit ihr für ein paar Tage nach London fuhr, nur mit ihr.

Und nun liegt Per nicht weit von ihrem Schreibzimmer in einem Spitalbett. Unerreichbar wie ihr Vater, aber nicht weggegangen, sondern weggenommen. Alina versucht mit der Situation zurechtzukommen, so wie sie mit ihrem Leben zurechtzukommen versucht; als Mutter zweier Kinder, als Familienfrau, als Geliebte, als Schriftstellerin, als Suchende, als Fragende. Sie versucht es mit ihrem Schreiben. Sie versucht es mit Therapiegesprächen. Mit Recherche. Im Dazwischen, zwischen all dem, was sie umgibt. Sie versucht es mit Fragen.

Per ist einer der Ersten, der mich je gesehen hat.
Und ich bin die Letzte, die ihn sieht.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann, 2026,
192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-03820-186-1

Wenn ein Mensch eingeäschert wird, bleibt wenig übrig. Eigentlich nur Kalk. Genau das, was Materie ausmacht, aus der Leben gebaut ist, genau das, was Leben braucht, um zu gedeihen. Genau das, was über die Zeit bleibt, eingeschlossen als Fossil, über Jahrmillionen zu Stein gepresst, als Pulver das, was die Pflanze braucht. Ein Schritt in permanenter Metamorphose.

Obwohl es schon lange her ist, seit sich ihr Vater aus dem Staub machte, mit der Familie den Kontakt abgebrochen hatte, hemmt das Alinas Leben noch immer, als wäre ein Stein an ihrem Sein. Nachdem mein Vater gegangen ist, war ich wie begraben … jahrelang wie gelähmt … irgendwo tief eingeschlossen. Etwas, was nie zu einem Ende fand, was sie immer mit sich herumträgt. Das Verlassenwerden, die Frage nach der Schuld, umso mehr als dass sie für ihr eigenes Schreiben, ihre Recherchen ihre Kinder immer wieder einmal zurücklassen muss.

Sie meldet sich für einen Kurs in einem Sauriermuseum; die Techniken des Freilegens. Sie nimmt Kontakt auf mit einem Verein, der sich um einen der letzten Kalköfen bemüht, schreibt einen literarischen Bericht zu Kalk und Familie, erinnert sich an ihren Grossvater, der sich in seiner Freizeit ganz intensiv mit Mineralien, mit Steinen auseinandergesetzt hatte, der sie bearbeitete, hämmerte und schlug, um seinen Vorstellungen Gestalt zu geben.

Laura Vogts vierter Roman ist ein ungemein zarter, ein tastender. Eine literarische Erkundung, ein Erspüren, ohne sich in schwer zu definierenden Schattengegenden zu verlieren. Ein grosses Fragestellen, das mir keine Antworten liefern will, sondern jene mitnimmt, die sich ähnlichen Fragen stellen. Was bleibt? Ist das Menschsein bloss ein Schritt in einer ewig dauernden Metamorphose? Wo sind die Verkrustungen, die Versteinerungen in meinem eigenen Leben? „Das Jahr des Kalks“ ist beinahe durchscheinend, von grosser Ehrlichkeit.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane «Die liegende Frau» (2023), «Was uns betrifft» (2020) und «So einfach war es also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet und teilweise auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Zsuzsanna Gahse «Spielbeginn», Edition Korrespondenzen

Zsuzsanna Gahse schreibt längst nicht mehr, um sich zu beweisen. „Spielbeginn“, ihr neustes Buch, gibt sich wie ein Theater, gibt wieder, was Menschen sprechen, was die vielen Stimmen, die die Autorin mit sich trägt zum dem einen Instrument zu sagen haben, das die meisten von uns gedankenlos mit sich herumtragen; die Stimme, die Sprache.

Zsuzsanna Gahse, eine der eigenwilligsten Stimmen der Literatur im deutschsprachigen Raum, hat mit ihrem neusten Werk „Spielbeginn» schon über 30 Bücher verfasst, das erste vor über 40 Jahren. Keine Bücher, die sich um ein möglichst breites Publikum bemühen, die möglichst oft verkauft werden sollen.

„Spielbeginn“ ist Spracherkundung, Spracherfahrung und Sprachlandschaftsbegehung. Ein vielstimmiges „Theaterstück“, in dem sich die Stimmen treiben lassen, die sich in Stimmung bringen, die sich ins Wort fahren, sich gegenseitig herausfordern. „Spielbeginn“ ist Bühne für die Sprache, jenes Instrument, das uns in den Mund gelegt ist, das einen ganzen Körper zum Schwingen bringt und seine Umgebung in Verrutschungen treiben kann, manchmal in neue Sphären, manchmal auf Neuland, aufs Glatteis, ins Offsite, in Rage, in Verzückung, ins Schwärmen, in Zorn… Zsuzsanna Gahse will keine Geschichte erzählen, auch wenn ihr Buch voller kleiner Binnengeschichten (Die Autorin nennt sie Erzählinseln.) ist. Sie gibt ihre Stimme ihre Sprache, forscht ihr entgegen, erzählt, was die Simmen auf der Bühne ihrer Vorstellung in Worte zu fassen versuchen. 

Zsuzsanna Gahse «Spielbeginn. Vertuschungen», Edition Korrespondenzen, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-902951-83-0

Eine Bühne mit Personal. Die einen tragen  Namen, die andern nur Nummern. Die einen haben ein Gesicht, die andern tragen die Farbe Grün, wirken gesichtslos, sind Stimme und Sprache allein. Es ist die Hauptprobe zu einem Stück. Noch setzt man sich mit dem auseinander, was im Stück gesagt, gesprochen werden soll. Wie ein Orchester bei der Hauptprobe. Die Noten, die Partitur sind da, aber die SpielerInnen an den Instrumenten scheinen in einem demokratischen Diskurs darüber, wie das Stück gespielt werden muss, in welcher Stimm- oder Stimmungslage. Die Protagonisten mit Namen sind Solisten, das durchnummerierte Personal das Orchester. Dirigentin ist Zsuzsanna Gahse selbst mit dem Text, der Partitur ist.

„Spielbeginn“ ist nur Partitur und verlangt deshalb von mir als Leser einiges ab. Nur wer bereit ist, den eigenen Körper, die Vorstellung während des Lesens zu einem Instrument zu machen, vielleicht sogar den Mut aufbringt, laut zu lesen, wer sich wegbewegen kann von der Vorstellung, dass Sprache bloss Träger von Informationen, einer Geschichte ist, erahnt, worum es der Dichterin in ihrem Buch geht. Ein Buch, das sich den meisten Erzähltraditionen entzieht, sich aktiv sperrt.

Im zweiten Teil des Buches wird aus dem Theaterstück Prosa. Zwei Männer notieren, was ihnen unterwegs im Bodenseeraum begegnet. Sie kommunizieren noch immer miteinander, schreiben auf, denken nach. „Spielbeginn“ nimmt kontemplative Züge an und doch geht es nicht um die Geschichten zweier Männer, sondern was Sprache und das Sprechen mit ihnen macht.

Gahse beschreibt als Erzählstimme das Archaische, die Szenerie, die Bühne, die Landschaft, aber auch die Geräusche, die Töne, das Sprechen selbst mit all dem, was an Nebengeräuschen hörbar wird. Ganz nebenbei fallen Sätze wie Meisselschläge, markant und kantig. Betrachtungen bis hinein in den Laut selbst, hinein in den Muskel einer Zunge, des Mundes, des Gaumens, der Lippen.

„Spielbeginn“ ist ein mutiges Buch. Zsuzsanna Gahse vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser ihr Spiel mitmachen, dass sie sich einlassen. Wer dies tut, bewegt sich auf ungewohnten Pfaden – ein Abenteuer. Aber wer genau das will, wer mit auf die Bühne, hinaus in die Landschaft der Sprache, hinein in das grosse Orchester der Sprache will, sind genau jene, mit denen sich die Autorin in ihrem Spiel einlassen will. Eine Liebeserklärung an die Sprache, in Zeiten des Sprachverlusts.

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-­Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).

Beitragsbild © Ch. Rütimann

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat

Julia Weber verblüfft. Nicht nur weil ihr mit „Weil ich Ruth bin“ ein aussergewöhnlicher Roman gelungen ist, sondern weil das Buch während des Lesens Wirkungen erzielt, die ganz selten sind. Das Buch umarmt mich, Julia Webers Sprache umgarnt mich. Und dabei hätte die Geschichte genug Stoff, der schmerzt. Messerstiche, die wehtun.

Ein Mutter-Tochter-Buch, ein Buch über Freundschaft, ein Liebesroman, die Geschichte einer Frau, die sich einer Welt ausgesetzt findet, die nur schlecht mit dem Ungenormten umgehen kann, ein Roman über die Macht der Verwandlung, über Selbstfindung, über das Geheimnis des ganz eigenen Selbst. Stoff genug, um sich zu verlieren, als Autorin genauso wie als Lesende. Aber Julia Weber erschafft einen Kosmos des Kleinräumigen, der trunken macht, der mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen Rausch geschrieben, einen mitreissenden Sprachstrom, der mich unweigerlich nach wenigen Seiten erfasst und erst mit der letzten Seite loslässt.

Ruth ist anders, schon als sie zur Welt kommt. Ihr Körper ist mit einem feinen Flaum bedeckt, mit Haaren, die wachsen, von denen die Mutter weiss, dass sie mehr als bloss Haare sind, dass sie Zeichen sind, wie schon bei ihr, als sie Kind war, bei Ruths Grossmutter, in der langen Reihe der Frauen. Was erst nur Zeichen ist und die Umgebung verunsichert, das Leben für die kleine Ruth zum Märtyrium macht, wandelt sich mit zunehmendem Alter zu einer Art Larvenstadium, denn Ruth ist nicht einfach ein haariges Mädchen (auch wenn der Begriff für ihre Zukunft ein durchaus treffender ist), sie entwickelt besondere Kräfte, besondere Fähigkeiten. So wie in ihrem „Schweif“ unerklärliche Dinge passieren können, so entwickelt sie die Fähigkeit, Menschen in Tiere zu verwandeln. Was am Anfang wie ein Zaubertrick erscheint, für die Betroffenen, die Auserwählten zu einem kurzen Glück wird, wird mit zunehmendem Alter für immer mehr Menschen in Ruths Umgebung ein Tor zum Glück, eine Tür zur Flucht. Gleichzeitig für eine Umgebung, die sich schwer tut mit einem Mädchen, einer jungen Frau, die nicht ist, wie sie sein sollte.

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat, 2026, 464 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03926-101-7

Solange Ruth Kind ist, wird ihr Anderssein geduldet. Aber als junge Erwachsene, erst recht als Ruth eine eigene, kleine Wohnung bezieht, wird sie mit Argwohn beobachtet. Eine Entfremdung, die Ruth auch in den Reaktionen derer sieht, die sie doch eigentlich liebt. Allen voran Toni, mit dem sie als Kind und Jugendliche eine tiefe Freundschaft verbindet, eine Liebe mit Glitzerstaub, der sich aber mit einem Mal abwendet, als er zum Mann wird.

Ruth muss nicht nur bei Toni erfahren, dass die Welt nicht die ist, von der sie gerne ein Teil wäre. An die Seite ihrer Mutter klebt sich ein neuer Mann, der die Welt seiner Mutter immer kleiner macht, bis diese sich in ihrer Angst, einen Fehler zu machen, gänzlich einschliessen lässt. Und Linda, die eine Freundin noch aus der Schulzeit, die schöne, grosse Linda eines Tages mit ihrem Kind vor ihrer Wohnung steht und Hilfe braucht. Nicht nur weil ihr Mann sie schlägt, sondern weil Linda den Tritt nicht mehr findet. So wie viele in ihrer Umgebung, denen Ruth zu einem Anker geworden ist, zur einzigen Verbindung mit jenem Stück Welt, zu der sie in der Realität den Kontakt verloren. Es wird eng in Ruths Wohnung, eng in Ruths Leben.

Ruth ist von jener Sorte Mensch, die zum Schwamm werden, von denen man nimmt, die bis zur Selbstaufgabe geben. Aber auch von jener Sorte Mensch, denen es schwer fällt, die ungeschriebenen Gesetze einer immer rationaler werdenden Gesellschaft zu akzeptieren. Ruth wird zu einem Medium, das an der scheinbaren Wirklichkeit zu zerbrechen droht, zu einem Mensch, der nicht akzeptieren will und kann, dass all das, was in den ersten Jahren eines Lebens ein fluider Zustand ist, jener Zustand des Glücks, der nicht nur für einen Moment aufblitzt. Ruth ist auf der Suche nach ihrem Vater und findet ihn bloss dort, wo er nicht ist. Sie sehnt sich nach Liebe, nach Geborgenheit und kämpft gegen toxische Männlichkeit.

Die Geschichte fasziniert; opulent, sinnlich, phantastisch (ganz wörtlich). Aber noch viel mehr fasziniert die Sprache, dieser ganz eigene, satte Sound und Julia Webers Fähigkeit aus dem Schmerz eine konstruktive Kraft zu erzeugen. Dieser Roman schafft etwas, was nur in ganz wenigen Büchern zu finden ist; das Glück des Lesens!

Interview

Dein Buch ist auf ganz eigenartige Weise faszinierend. Man leidet mit der Figur Ruth. Man leidet an der Welt, in der sie lebt. Man leidet an dem, woran das Personal in deinem Buch leiden muss. Und trotzdem tut einem das Lesen gut. Weil es nicht die Geschichte ist, sondern die Musik deiner Sprache. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du zum Sound in deiner Sprache gekommen bist und wie du es geschafft hast, diesen Sound über mehr als 400 Seiten funktionieren zu lassen.

Diese Sprache, die auch in «Weil ich Ruth bin» noch vorhanden ist, habe ich in Biel am Literaturinstitut angefangen zu üben und suchen und entwickeln. Für mich hat Kunst sehr viel mit Zugewandtheit und Trost zu tun und soll dennoch ein Ort sein, der die Welt schonungslos zeigt. Das könnte ein Widerspruch sein, und ist es in der Kunst nicht, weil man dort das Schreckliche direkt neben das Schöne stellen kann. Ich habe in meinem ersten Buch «Immer ist alles schön» eine Sprache entwickelt, indem ich in mein Notizbuch geschrieben habe, um das genaue Betrachten zu üben. Jeden Tag habe ich das scheinbar Langweilige und Graue versucht besonders zu beschreiben. Ich habe versucht, eine hoffnungsvolle Sprache in diese Welt der Funktion und der Macht und des Geldes zu setzen. 
Und von dieser Sprache der Durchlässigkeit und Zugewandtheit lebt auch «Weil ich Ruth bin». So kann eine Geschichte, die noch so traurig ist, Trost geben. Manchmal schien mir die Sprache von Ruth fast zu intensiv, wie ein Schnaps oder auch ein Elixier, vielleicht ein Zaubertrank, dann habe ich versucht, sie etwas gemächlicher zu machen oder sanfter, sodass man das Buch über 400 Seiten lesen kann. Ich glaube, das ist mir gelungen, ohne sie wässrig zu machen

In den Roman eingefügt sind kurze, kursiv gedruckte Textpassagen, die nach dem Vater suchen und vor allem das finden, was fehlt, wo er nicht ist. Ein Abtasten in der Leere. Im Roman selbst gibt es diese Suche nicht. Die Versuche von Ruth, von ihrer Mutter etwas über den fehlenden Vater zu erfahren, werden ziemlich rigoros abgeblockt. Wie kam es zu diesen Passagen, die ganz anders „klingen“?

Ich habe ein paarmal überlegt, diese Passagen rauszunehmen, gerade weil sie vom Ton her nicht immer passen. Aber ich konnte nicht. Es sind Stücke von Ruth, ein Fragen vielleicht auch von mir an sie, an ihre Schwäche, die es gibt, auch wenn Ruth wahnsinnig stark ist. Auch sie ist ein normaler Mensch, auch sie ist ein Kind, das seine Mutter liebt, das Angst hat, das seinen Vater vermisst, das sich eine Welt wünscht, in der die Menschen gut zueinander sind. Diese Passagen sind eigentlich Briefe. Sind die Bitte an ihren Vater, den es nicht gibt, aber den sie sich vorstellen und wünschen kann, und also sind es Briefe an alle männlichen Personen auf dieser Welt. Ein Wunsch nach mehr Weichheit und Verletzlichkeit, mehr Unsicherheit.

Man suggeriert uns zwar immer wieder, jeder Mensch müsse seine ganz eigene Fähigkeit, Begabung, Kraft finden. Es wäre die ureigenste Aufgabe von Erziehung und Bildung, den Weg dorthin zu finden. Ist dein Buch auch die Bestandsaufnahme dessen, was wirklich passiert? Dass wir gelebt werden? Dass man sich Menschen untertan macht, dass man sie intrumentalisiert, statt nach ihrem Kern zu suchen?

Ja, das ist es bestimmt. Das ist schon immer ein Teil meines Schreibens gewesen, eigentlich das Kernthema all meiner Bücher. Der Wunsch, die Gesellschaft so zu formen, dass in ihr mehr Vielfalt, Lebendigkeit und Wärme und vielleicht weniger Funktionalität und Leistung möglich ist. Das wünschte ich mir. Ich glaube, wir könnten noch ganz anders zusammenleben, als wir es tun und dennoch erfüllt sein und satt. Und für mich hat die Art der Individualität, die so gepriesen wird, eigentlich mehr mit dem Kapitalismus zu tun als mit der Lebendigkeit und Verwandlung und dem Vorhandensein, die Ruth lebt und feiert und in die Menschen legt. Sie verwandelt Menschen in Tiere, damit sie vergessen, dass sie noch Yoga machen müssten und sich eine Creme bestellen, die ihr 30jähriges Ich zurückbringt, das schon damals unglücklich war, weil es nie so schön und erfolgreich und fleissig war wie die Menschen auf den Plakaten an der Bushaltestelle. 

© Sandra Kottonau

Du bist Mutter, Familienfrau und Schriftstellerin. Niemand weiss so gut wie du, wie sehr wir in Rollenbildern eingebunden sind. Ein bisschen abgeändert könnte der Titel deines Romans doch auch der Titel deines Lebens sein; Weil ich Julia bin. Ich bin sicher, dass dein Buch Mut macht, damit jede und jeder dort seinen Namen einsetzen kann. Und trotzdem kann „Mut-machen“ nicht deine Motivation gewesen sein. Was stand ganz am Anfang dieses Manuskripts?

Am Anfang stand eine Anfrage von Michelle Steinbeck, die damals noch Redaktorin der Fabrikzeitung in Zürich war. Sie haben eine Ausgabe zu Irmgard Keun gemacht und sie hat mich gebeten einen Text zu schreiben. Ich habe dann versucht die Protagonistin von „Das kunstseidene Mädchen» in die Gegenwart zu holen. Ihr Selbstbewusstsein hat mich sehr fasziniert, diese Figur, die in der Zeit der Weimarer Republik lebte und die als Frau fast keine Rechte hatte, die in Not lebte und sich darum verkaufen musste, behielt ihren Stolz, war klar und autonom in einer Art und Weise, die ich sehr bewundere. Ich habe das gleiche in Ruth gesucht. Und nach 4 Seiten schreiben habe ich gemerkt, dass ich da weitermachen will, dass Ruth mir noch einiges erzählt. Und sie ist auch eine Figur, die ich bewundere, weil sie Charakterzüge hat, die ich an mir vermisse. Sie kann zum Beispiel gut wütend sein, was mir oft schwer fällt.

Männer kommen in deinem Roman schlecht weg. Als Lesender muss man das ertragen. Ich musste es ertragen, obwohl ich es vor allem als Katalysator zur Selbstreflexion verstand. Eigenartig aber war meine Reaktion während des Lesens trotzdem. Ich fühlte mich nie angegriffen, sehr wohl aber gespiegelt, nicht zuletzt in der Suche nach dem fehlenden Vater. Was hast du mit diesem Buch gefunden?

Oh, was habe ich gefunden? Ich habe viel gefunden. Ich habe Ruth gefunden, die stark ist und gleichzeitig verletzlich. Ich habe keine Lösungen gefunden. Ich habe Bilder gefunden, wie Menschen sein könnten, wie sie zusammenleben. Manchmal habe ich auch ein bisschen Rache gefunden, wenn ich Ruth jemandem die Hand schwer werden lassen konnte, der eigentlich jemanden gegen ihren Willen berühren wollte. Oder wenn sie einen Mann in ein Tier verwandelt und ihn so harmlos macht. Ich habe auch einen Weg gefunden, meine Wut in Sätze zu formen. 

Liebe Julia, vielen Dank. Wir sehen uns bestimmt im November im Foyer im Theater Basel!  Und natürlich am Wortlaut!

Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach der Schule macht sie eine Lehre als Fotofachangestellte und absolviert die gestalterische Berufsmaturität. Von 2009 bis 2012 studiert Julia Weber literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. Im Jahr 2012 gründet sie den Literaturdienst (www.literaturdienst.ch ) und ist 2015 Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht.
Im Frühjahr 2017 erschien ihr Debüt «Immer ist alles schön», das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem internationalen Franz-Tumler-Literaturpreis, der Alfred Döblin Medaille der Universität Mainz, 2017 steht der Roman auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

mehr über Julia Weber auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ayse Yavas

Rudolf Bussmann „Verheissenes Land“, Plattform Gegenzauber

Begegnung

Eine Ausfallstrasse, lang und gerade
Die ödeste Strasse der Stadt.
Man geht um die Welt, um hier zu landen.
Die Gedanken zurückgefahren, die Antennen
Eingezogen marschiert man ins Ungewisse.
Fehlgeleitet von Neugier hab ich den Stadtkern
Verlassen, um in solche Unlust zu kommen.

Eine Reparaturwerkstatt für Motorräder
Ein Gasflaschendepot, geparkte Autos 
Welkendes Grün vor einem Blumengeschäft.
Nur vom Schicksal Verurteilte gehn hier zu Fuss
Ein in sich gekehrter Alter, ein Halbwüchsiger
Vor sich hinredend mit geballten Fäusten
Eine Frau mit Kinderwagen. Welchen Ort

Hast du gewählt, Kind! Die Frau schaut mich an. 
Sie lächelt, nickt mir über den Kinderwagen zu
Als wär ich ein Freund. Neben den Gasflaschen
Bin ich stehengeblieben. Ein Strahlen ohne Grund
Bevor sie verschwand. Wie war ihr Mund? Trug sie 
Ein Hütchen? Ein Kopftuch? Ich überquere die Strasse
Trete ins Blumengeschäft, frage nach Rosen.

Komme mit einem Strauss aus dem Laden. 
Gehe die Strasse zurück, die ödeste Strasse der Stadt 
Im gleichen Schritt wie zuvor den baumlosen 
Fassaden entlang, Staub an den Schuhen
Im Arm einen Strauss, unterwegs nirgendwohin
Mit einem Strauss Rosen.

 

Auf dem Suk

Zuoberst auf dem Verkaufstisch liegt 
Ein Ballen Stoff, fein anzufassen, ein Gewebe 
Für ein besonderes Kleid, den eine suchende Hand
Unter dem Berg aus Ballen hervorgeholt hat. Ungewiss
Wohin seine Reise geht, wo seine Stücke hingelangen
Weggeschnitten von der grossen Schere

Nach Westen, Süden oder Osten. Vielleicht 
Entscheiden seine Farben, entscheidet seine Struktur
Oder die Macht seiner Muster, zu welchem Fest er
Bestimmt ist, zu Ostern, zu Pessach, zum Ramadan.
Im Gewoge anderer Kleider wird er 
Von den Schultern seiner Trägerin fliessen

Und Worte einer Sprache des Westens, Ostens 
Oder Südens werden über ihn gleiten.
Unentschlossene Hände befühlen den Stoff
Zögern die Freude, ihn zu besitzen
Eine Weile hinaus. Faltenlos liegt er da
Schwer und ungeteilt.

 

Eichung

Unter dieser alten mächtigen Eiche 
Sitze ich. Wie lange schon bin ich da?

Seit ich in der Kinderbibel die Geschichten
Von Abraham und Jakob las

Seit ich diesen Ort
Im Traum gesehen habe

Seit ich am frühen Nachmittag
Hierher gewandert bin

Seit ich die Frage stellte
Noch keine halbe Minute.

Zuvor war Wind, war Stille
Zwischen Blättern ein Himmel

War ein Geruch von Hitze und Harz
War ich ein Tag der keinen Anfang kennt.

 

(aus «Verheissenes Land» Gedichte, edition bücherlese 2024)

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

www.rudolfbussmann.ch

Beitragsbild © Ayse Yavas

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese

Pius Strassmann schildert in seinem erzählerischen Debüt die vermeintlich kleine Welt eines Jungen, der bei seiner Grossmutter aufwächst. Einer Frau, die sich ihrer Aufgabe hingibt, den Jungen aber nimmt wie eine permanente Zumutung. Pius Strassmann erzählt von einem Kind, das letztlich allein aufwächst, sich die Welt ganz alleine zusammensetzen muss.

Erinnern sie sich an ihre Grossmütter? Zumindest bei mir war die eine distanziert, fremd, schon ihre Brille ein Statment „Komm mir nicht zu nahe“. Und jene müttelicherseits? Dort war ich manchmal in den Ferien, durfte mit dem Fahrrad ihres zweiten Gatten herumfahren, das mir so gross war, dass ich unter der Stange, dem Oberrohr treten musste. Vergnügen gab es nur bei den Nachbarkindern, wo ich ganze Nachmittage Monopoly spielte. War ich bei Grossmutter, musste ich im Garten helfen, Bohnen zum Dörren auffädeln. Mir wurden keine Geschichten erzählt. Radio und Fernsehen blieben stumm. Gegessen wurde in der Küche mit Wachstischtuch und die einzigen Bücher, die ich mir mit sauberen Händen ansehen durfte, waren Mondo- und Silvabücher. Aber wehe, wenn eines der eingeklebten Bilder herausfiel oder beim Blättern geknickt wurde.

Es waren die Grossmütter, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten, vielleicht sogar geschuftet. Es waren die Grossmütter, die ein Leben lang sparten und sich kaum etwas gönnten, ausser die Genugtuung eines wachsenden Kontos. Leben war Arbeit. Und warum sollten es die Kinder anders haben?

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03981-020-8

Pius Strassmann lässt mich im Dunkeln darüber, warum der Junge, den die Grossmutter nie beim Namen nennt, bloss Kind, nicht bei seinen Eltern aufwächst. Aber dafür wird umso deutlicher, dass der Junge nicht geliebt, sondern bloss geduldet ist. Seine Grossmutter ist Witwe, der Junge ein Anhängsel, das sich gefälligst nach ihren Regeln zu richten hat. Regeln, die nicht ausgesprochen werden, die der Junge erfahren muss. Alles ist in gut und schlecht eingeteilt, das Leben klar gegliedert zwischen hell und dunkel. Selbstverständlich lauert hinter allem Dunkeln und Schlechten der Mahnfinger der Religion. 

Heute verkörpern Grossmütter und Grossväter ein ganz anderes Bild. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Enkel, opfern bereitwillig ihre eben erst gewonnene Freizeit, bereiten ein kleines Paradies, wenn die kleinen Racker sie besuchen oder ein paar Tage in die Ferien kommen. Der Grossvater verzieht sich in den Nächten ins Gästezimmer, weil die Enkel Rundumbetreuung brauchen. Und tagsüber schenkt man ihnen voller Freude die ganze Aufmerksamkeit, erzählt Geschichten, liegt auf dem Boden und spielt mit, schiebt das Rad die Strasse hoch, geht Eis oder Pommes essen oder bastelt mit so viel Eifer, dass sich das Wohnzimmer in ein Atelier verwandelt.

In „Fantast!“ ist nichts so, wie es heute sein würde. „Fantast!“ ist Grossmutters Ausruf, wenn sich der Junge traut, wenn er seiner Grossmutter etwas davon zeigt, was in seinem Innern zu Wirklichkeit wird, zur zusammengeschusterten Realität, weil sich die Grossmutter weigert, ihm jene Fragen zu beantworten, die das Leben stellt. 

Zum Glück gibt es in dieser kleinen begrenzten Welt einen Dachboden, den die Grossmutter nicht mehr betritt. Ein verwinkelter, mehrräumiger Kosmos, der den Jungen mit seinen Gegenständen und Geschichten wegträgt. Dort oben, wo auch Bücher und alte Illustrierte liegen, offenbart sich das Tor zur Welt, auch wenn er sich die Erklärungen selbst geben muss. Eigentlich möchte er die Zeichen auf Papier gerne lernen. Aber seine Grossmutter vertröstet ihn auf später, weil sie ahnt, dass sie damit ein Fass aufmacht, das sie nicht mehr schliessen kann.

Sei es in dem kleinen Haus mit Sonntagsstube, Glasvitrinen mit Büchern, die man nicht in die Hand nehmen darf. Sei es der Keller, wo sinnbildlich für alle Gefahren, die bei unerlaubtem Betreten lauern, eine offene Wäscheschleuder steht, nur eine der vielen Gefahren. Sei es der Garten, der nur der Arbeit dient und selbst die Brombeeren nicht zum Naschen, sondern für Konfitüre am Strauch wachsen. Sei es der Zaun im Wald, hinter dem der Bär lauert. Sei es der Fernseher, wo allabendlich ein Mann mit Kravatte die Nachrichten liest. Wenn Grossmutter am Mittag um Punkt halb eins die Nachrichten hört und nach einem hastig verzehrten Mittagessen regelmässig auf den Chaiselongue einschläft. Wir begleiten den Jungen, der die Welt in kleinen Bissen verdaut, sich auf das meiste selbst einen Reim machen muss, tunlichst vermeidend, die Grossmutter in ihrem Alltagstrott zu stören. Eine kleine Welt, eine beklemmende Welt. Als wäre der kleine Junge ein Tier, das in seinem engen Käfig gar nicht weiss, wie die Welt draussen aussieht.

Auch wenn „Roman“ auf dem Buchdeckel steht; „Fantast!“ ist ein Stück Geschichte. Als wäre sie Lichtjahre entfernt.

Pius Strassmann, geboren 1963, lebt und arbeitet als Musiker und freier Autor in Luzern und im Emmental. Nach Berufstätigkeiten als Primarlehrer, Musiker, Musik-Kinesiologe und Lehrtätigkeit an Musikschulen und Musikhochschulen widmet sich Pius Strassmann heute ausschliesslich dem Schreiben und seinen musikalischen Interessen als Blockflötist. Seit 1994 Veröffentlichung mehrerer Lyrikbände, zuletzt «blauklang» und «erinnerungsleicht», beide bei edition bücherlese.

Beitragsbild © Lydia Segginger

Katerina Poladjan «Goldstrand», S. Fischer

Eli ist Filmemacher, hat aber in den letzten zehn Jahren keinen Film mehr gedreht. Auch zu seiner Tochter Vera stockt die Verbindung – und zu seinen Eltern hat er sie ganz verloren. Eli liegt für 40 Sitzungen auf der Bank bei der Dottoressa und erzählt sein Leben, so weit weg von der Realität wie in seinen Filmen.

Eli ist um die sechzig und lebt in Rom, in der Villa seiner Grosseltern, die einst glühende Verehrer Mussolinis waren, in einem Haus, das voll ist mit Devotionalien jener Zeit, einem Haus, in dem der Mief der Vergangenheit nie ganz auszulöschen war. Elis grosse Erfolge in der Filmwelt sind schon mehr als eine Weile her. Eli steckt in einer Krise und legt sich deshalb auf die Couch seiner Psychologin. Aber was er der Frau erzählt, ist eine schillernde Variante seiner Geschichte, der Geschichte seiner Familie, von den Bildern dieser Geschichte, die er wie Filmsequenzen mit sich herumträgt. Einer Geschichte voller Geheimnisse. So wie die Geschehnisse vor einem Jahrhundert, als seine Verwandten väterlicherseits auf der Flucht mit dem Schiff auf dem Schwarzen Meer Richtung Süden waren. Lew mit seinen beiden Kindern, dem Knaben Felix und der jungen Frau Vera. Seine Tochter verliert sich auf dem Schiff. Ist sie über die Reling des Dampfers geklettert und in die Fluten des Meeres gesprungen? Lew, einst Student der Philosophie, macht sich auf eine lange und verzweifelte Suche nach seiner Tochter, bleibt an der Küste Bulgariens, haust mit seinem Sohn in einer kleinen, windschiefen Hütte und hält sich und seinen Sohn als Korbmacher über Wasser. Bis man ihn zu Grösserem ruft, sein Sohn, Elis Vater zu einem gefragten Architekten wird, einer von jenen, die in den 1950er Jahren am Goldstrand Bulgariens, nicht weit von der Stadt Varna, mit riesigen brutalistischen Bauten, für eine neue Gesellschaft Ferienressots an die Küste klotzt.

Katerina Poladjan «Galdstrand», S. Fischer, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-10-397176-7

Eli lebt von seiner grossen Liebe Jenny getrennt, jener Frau, die ihn in genau jenem Moment verliess, in dem er sich zu ihr hätte bekennen müssen. Damals, als Elis greiser Grossvater im Untergeschoss der Villa sein Leben aushauchte und man hätte Ordnung machen können. Mit dem Auszug und der Distanz seiner ehemaligen Frau verliert Eli aber auch die Nähe zu seiner Tochter Vera, die damals den Namen seiner verschwundenen Tante bekommen hatte. Vera sieht er nur noch ab und zu. Eli ist zu einem Mann geworden, der von seinem Leben abgeschnitten ist.

Katerina Poladjans schmaler Roman hätte Stoff genug für ein ausladendes Epos; ein Mann und seine Filme, was Bilder evozieren können, ein Mann in der Krise, eine Familiengeschichte in den tektonischen Verschiebungen eines ganzen Jahrhunderts, die Nähe von Liebe und Verzweiflung. Nicht dass Katerina Poladjan an diesen grossen Themen gescheitert wäre, ganz im Gegenteil; die hat sie auf ein Konzentrat eingedampft. Sie spielt mit prägnanten Schnitten, witzigen, filmreifen Dialogen, vor allem jenen zwischen Eli und seiner Dottoressa und Bildern, die vieles offen lassen. Was passierte damals wirklich mit seiner Tante Vera? Wer war Elis Vater, der aus dem Leben seiner Mutter verschwand, der bulgarische Kommunist, der sie in den 60ern am Goldstrand schwängerte? „Goldstrand“ liest sich zwischen filmischen Bildern von surrealer Wirkung und Realität. Sie erzählt nicht klassisch, aber sprunghaft, manchmal wie in einem Film mit rätselhaften Sprüngen.

Katerina Poladjan, in ihrer eigenen Lebensgeschichte genauso entwurzelt, wie die ProtagonistInnen in ihrem Roman, erzählt von Menschen, die mit- und weggespült werden, die nach Ankerpunkten suchen. „Goldstrand“ ist eine schillernde Collage, raffiniert erzählt, mit dem sicheren Gespür dafür, wie man in Leserinnen und Lesern jenes Mass an Stirnrunzeln erzeugen kann, das jene tektonischen Verschiebungen in eine neue Ordnung bringt.

Lesung im Literaturhaus Thurgau / Gottlieben

Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt «In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Für «Hier sind Löwen» erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit «Zukunftsmusik» stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis 2022 ausgezeichnet. Katerina Poladjan wurde 2025 mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds geehrt. 

Beitragsbild © Andreas Labes

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis

Kleiner, unvollständiger Rückblick zum 22. Internationalen Lyrikfestival Basel

Klein und bescheiden? Ganz und gar nicht. Wer sich vom 22. bis 25. Januar in Basel zur Lyrik verführen liess, wunderte sich oft über die aufmerksame Stille und das lebhafte Gedränge im Literaturhaus Basel in den Pausen zwischen den Veranstaltungen. Der Durst war gross!

Das Festival überzeugt durch seine Konzentration, die Art und Weise, wie sich ModeratorInnen und GesprächsteilnehmerInnen vorbereiten und in die Werke der Eingeladenen vertiefen. Das Programm besticht durch Qualität, nicht durch Quantität. Wenige Veranstaltungen, dafür Atempausen. Immer wieder Möglichkeiten, sich mit Dichterinnen und Dichtern auszutauschen oder Gelegenheiten mit anderen BesucherInnen bei einem Kaffee oder einem Glas Wein dem nachzugehen, womit das eben Gehörte den Nerv trifft, weit weg von Oberflächlichkeiten, Chauvinismus und Selbstinszenierung. 

wenns dich nicht gäb
ich würde dich erfinden
ausdenken
erdichten
errichten
vorstellen
so hielt ich dich in meinem kopf
in der hosentasche im schränk und fest in der hand
legte dich an die wange oder die stirn
wenn der kopf schmerzt
aber du bist und alles was mir bleibt
ist mich selbst zu erfinden

(Volha Hapeyeva «Mutentengarten», Edition Thanhäuser, S. 55)

Die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva war eine der Eingeladenen am diesjährigen Lyrikfestival. Eine Frau, die wegen politischer Repressionen gezwungen wurde, 2020 ihr Heimatland zu verlassen, die ihre Heimat in ihrer Sprache sucht, ihrer Fähigkeit, all die Leerstellen mit Worten zu füllen, Worte, die nicht erklären, nicht deuten, aber eine Spur hinterlassen auf der Suche nach Gewissheiten. Eine Frau, die sich energisch gegen die Schulbladisierung «Flüchtling» wehrt und sich als Nomadin bezeichnet und ihren Weg durch die Lande damit zur Haltung, das «Fremdsein», die Einsamkeit, das Verlorensein und den Schmerz zu ihren grossen Themen macht. Die wahre Heimat gibt es nur im Traum, sagte sie im Gespräch. Poesie als ihre Art des Denkens, eine Wahrnehmung, die neue Räume schafft. Ihre Lyrik nimmt das Gesellschaftliche ins Visier, misst sich aber stets an der Realität. Als Linguistin spürt die Autorin den Wörtern nach, ihrer Bedeutung, ihrer Mehrdeutigkeit. Ihre Mehrsprachigkeit, Volha Hapeyeva übersetzt ins Deutsche, Englische, Chinesische, Japanische, Ukrainische, Lettische prägt nicht nur ihr Denken, ihre Poesie, sondern ihren Blick auf die Welt, aus der Distanz der Vertriebenen, Ausgeschlossenen.

Eine andere Dichterin, die mit ihren vielseitigen Publikationen immer wieder für Überraschungen und Aufsehen sorgt, ist die sprachliche Tiefenforscherin Esther Kinsky. In einem feinsinnigen Gespräch mit dem Moderator und Dichter Rudolf Bussmann unterhielten sich die beiden über «gestörte Gelände», einen Begriff aus der Naturkunde. «Gestörtes Gelände» beschreibt eine Fläche, die einst vom Menschen genutzt wurde und der Natur wieder überlassen wird, von der Leblosigkeit zurück in die Vielfalt. Ein Gelände, in dem die Nutzung eingeschrieben bleibt, wie Schrift, wie eine Erzählung. Nebst naturkundlichen Streifzügen durch solches Gelände, ist vieles in ihrer Dichtung das Erforschen der Sprache über Natur selbst. Sie erkundet Schichten (in ihrem gleichnamigen Band, 2020 bei Suhrkamp erschienen), das Übereinandergelegte, Zugedeckte, das Verborgene, schon lange nicht mehr Sichtbare. Als stünde sie an einer Bruchstelle des menschlichen Seins, wo all die Segmente, die sonst nie mehr ans Licht kommen, Klärung fordern.

Wir
sagen die kiesel
wären auch gerne wort

wir sagt der schotter
(was heisst er kennt
seine grenzen nicht)
wir halten auch was von der zeit
wie sollten wir nicht

dünn entflockt der sauerklee
das sinken der blüten
hat nichts gemein mit dem fall.

(Ester Kinsky «FlussLand Tagliamento», S. 48)

Aber es gab wie jedes Jahr auch Namen, die ich nicht kannte, deren Bücher mich in den kommenden Monaten begleiten werden, wie die der frisch mit dem Basler Lyrikpreis 2026 ausgezeichneten Dichterin Barbara Hundegger. Gedichte, über die der Festredner Sascha Garzetti sagte: Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist.

Franziska Füchsl und Esther Kinsky – Vor Franziska Füchsl erscheint im Frühling 2026 bei der Edition Thanhäuser der Band «Am Rande der Müh»

Weitere Gäste waren Anna Frey, Jens Friebe, Franziska Füchsl, Elias Hauck, Nina Hurni, Vera Kappeler, Judith Keller, Martina Kuoni, Thomas Lehmkuhl, Mira Mann, Valerie-Katharina Meyer, Julia Rüegger, Tobias Pfister, Lisa Pottstock, Nadine Reinert, Monika Rinck, Jan Röhnert, Nathalie Schmid, Carlo Leone Spiller und Michael Spyra.

Grossen Dank an die Lyrikgruppe Basel mit Rolf Bussmann, Claudia Gabler, Sascha Garzetti, Ariane von Graffenried, Alisha Stöcklin, Simon Lappert und der operativen Leitung von Maria Marggraf. Ich freue mich auf die 23. Internationalen Lyrikbasel 2027!