von Iris Wolff zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Ich bin eine langsame Leserin, eine zweiflerische, wortgrüblerische, ungeduldige zuweilen, meist genießerische, versunkene. Mir fällt es schwer, ein Buch aus der Hand zu legen, selbst wenn es mir nicht gefällt. Weil ich weiß, wie viel einem das Schreiben abverlangt, hoffe ich, dass sich die Erzählung noch entwickeln, runden wird. Selbst wenn dies auf Seite 200 noch nicht geschehen ist, bin ich vom Gegenteil nicht leicht zu überzeugen. Viel Lebenszeit geht dahin, wenn man Bücher nicht einfach zuklappen kann. Umso wichtiger sind Empfehlungen. Wenn der Lieblingsbuchhändler den bestellten Büchern noch eins hinzufügt, wenn eine Freundin den Imperativ «Lies!» verwendet, wenn irgendein Zufall einem eine Lektüre zuspielt. Im besten Fall nicht irgendein Buch, sondern eines, in dem man etwas wiederfindet, einen Glauben, ein Glück, eines, das die Welt weit werden lässt. Man muss aber nicht auf solche Zufälle und Zurufe warten – man kann auch einfach Dein Literaturblatt lesen, lieber Gallus! Iris Wolff

Über literaturblatt.ch:

Am 4. Januar 2016 schickte ich meinen ersten Beitrag, eine kurze Rezension zu Anthony Doerrs Roman «Memory Wall», in den Äther. Es war ein Abenteuer. Nichts und niemand wartete auf das, was einer über seine Lesespur schreibt. Meine analog gezeichneten Literaturblätter, die ich per Post an ein paar Dutzend AbonnentInnen schicke, gab es zwar schon ein paar Jahre, aber man schüttelte den Kopf, wenn man sich mit mir über die Wirksamkeit meiner «Literaturvermittlung» unterhielt.

Bis eine Schriftstellerin während eines langen Spaziergangs meinte, ich müsse etwas tun, etwas wagen. Es brauche so einen wie mich. Bis mir mein Schwiegersohn ungefragt die Domain literaturblatt.ch schenkte und versprach, mir eine Webseite so einzurichten, dass ich sie bloss noch zu füllen brauchte. Bis die ersten Rezensionsexemplare in meinem Briefkasten eintrafen und der Kasten dort jeden Tag zur Wundertüte wurde.

In diesen 10 Jahren sind es fast 1900 Beiträge, die erschienen sind; Rezensionen, literarische Gasttexte, Veranstaltungshinweise und -berichte, Schwärmereien, Kommentare und Auseinandersetzungen. Alles rund ums Buch, mitten in der Literatur.

Mein Engagement schenkte mir ein paar Jahre als Programmacher im Literaturhaus Thurgau, als Mitorganisator eines Literaturfestivals, holte mich als Moderator unzählige Male auf die Bühne an die Seite spannender SchriftstellerInnen und überraschte mich unzählige Male mit Reaktionen Schreibender und Lesender.

Ein Abenteuer ist es noch immer, weil ich nicht weiss, wo mich dieses noch hintragen wird. Dankbar bin ich für all die wunderbaren Begegnungen, die Freundschaften, die Einblicke, den Blick durch das Buch hindurch in die Leben jener, die mit ihren Texten Welten formen. Lesen und das Darüber-Schreiben ist zu einem Lebenselexier geworden, einem grossen Stück meiner selbst. literaturblatt.ch zu einem Schlüssel zu diesen Welten.

Gallus Frei

Iris Wolff, geboren in Hermannstadt, Siebenbürgen. Die Autorin wurde für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Eichendorff-Literaturpreis, dem Marieluise-Fleißer-Preis sowie dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und dem Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2024 der Roman »Lichtungen«, der mit dem Uwe-Johnson-Preis und dem Spycher: Literaturpreis Leuk ausgezeichnet sowie für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.

mehr von und über Iris Wolff auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

von ​​​​Rudolf Bussmann zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Seit es die wunderbare Plattform literaturblatt.ch gibt, und je mehr sie anwächst, fragen sich Leserinnen und Leser, wer und was sich eigentlich dahinter verbirgt. Eine einschlägige Analyse erlaubt nun einen Blick hinter die Kulissen. In geduldiger Arbeit ist es gelungen, die DNA der Plattform zu isolieren und gewisse Informationen zu entschlüsseln. Nachdem als Betreiber der Domain ein gewisser Gallus identifiziert wurde, konnte die Buchstabenfolge G-a-l-l-u-s‘ L-i-t-e-r-a-t-u-r-b-l-a-t-t in ihre Bestandteile zerlegt und in neuer Reihenfolge zusammengesetzt werden. So kamen dahinter liegende Inhalte zum Vorschein. Einige Sequenzen sind festgehalten und aufgezeichnet worden.

Gallus‘ Literaturblatt – Blauer Geburtstags-Baiser

Literaturblatt

ultra lesbar
irre geil
stabil agil
alert & geballt
beste Ausleg-Gala
rares Les-Labsal
Attribut: great!

Gallus

Lesart-Sieger
streitbar liberal
Tabu-Tilger
Taubenauge & Argusauge
stetig taetig
Arbeits-Urtier
illustrer Star

Salut Gallus!

ragst aus Grau & Staub raus
liest alles Rare & Gute aus
gibst taegl. gratis Literatur-Rat
traegst als Stil-Guru Silber-Tiara
urteilst subtiler als alle

User R.

salutiert
gratuliert
gibt Gala-Baiser

© Ayse Yavas

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa und Romane. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Webseite führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Seine letzte Buchpublikation in der edition bücherlese ist der Gedichtband «Verheißenes Land», 2024. Rudolf Bussmann lebt in Basel.

Marko Dinić «Buch der Gesichter», Zsolnay

Obwohl so viele Erkenntnisse wie noch nie über alle Formen von Nationalismus in Bücher und Dokumentationen einfliessen, Museen, Gedenkstätten und Ausstellungen offen und kritisch Fakten offenbaren, wächst die Bereitschaft, sich politischen Kräften anzuschliessen, die ganz offensichtlich mit überwunden geglaubten, faschistischen Ansichten sympatisieren.

Marko Dinić erzählt die Geschichte von Isak, einem Kind, das während des Ersten Weltkrieges zusammen mit seiner Mutter am Stadtrand der serbischen Hauptstadt Belgrad aufwächst, einer vom Krieg zerschundenen Stadt, in der das Elend nicht nur an ihrer jämmerlichen Behausung sichtbar ist, sondern am allgegenwärtigen Hunger, den Krüppeln. Isak und seine Mutter Olga glauben nicht mehr an die Rückkehr des Vaters und Ehemanns, von dem man lange nichts mehr gehört hatte. Die beiden sind sich selbst überlassen. Sie beide haben Hunger und Olga, als nach dem Krieg urplötzlich ein Mann wie ein Gespenst im Schuppen auftaucht, driftet immer mehr in der Bar von Rosa und Milan ab, bleibt betrunken sitzen, während Isak sich selber überlassen ist. Bis Olga ganz verschwindet.

Isak wächst zusammen mit dem Waisenjungen Petrar bei Rosa und Milan auf. Er heisst auch nicht mehr Isak, denn der mehr und mehr grassierende Antisemitismus macht es unmöglich, als Jude ohne Todesgefahr in der Stadt zu überleben. Isak und der jüngere Petrar werden zu Brüdern, wobei sich Isak mehr und mehr zu entfemden beginnt, Isak wird zu Ivan. Und als Ivan, alias Isak, erwachsen wird, macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter, auf die Suche nach der Haggada, einem kleinen, illustrierten Buch über die jüdischen Riten, einem Stück seiner Identität, einem Buch, das seine Mutter vor ihrem Verschwinden unter den Dielen des Schuppens versteckt hatte.

Marko Dinić «Buch der Gesichter», Zsolnay, 2025, 464 Seiten, CHF ca. 40.90, ISBN 978-3-552-07577-1

Isak gerät in die Wirren einer Hauptstadt, die man in Hitlers Reich zur ersten judenfreien Stadt des Landes unter der Hakenkreuzfahne erklärt hatte. Mit dem Suchen nach seiner Mutter, mit dem Suchen in seinen Erinnerungen und seinen Träumen, all den Begegnungen auch nach den beiden Kriegen mit Menschen, die in irgend einer Weise sein Schicksal beeinflussten, wächst für mich als Leser nach und nach ein grosses Bild einer Zeit, die man gerne vergessen und verdrängen möchte, einer Zeit des Krieges, der Gewalt, des Hasses, die aber in der Gegenwart unvermindert seine Fortsetzung findet. Für Menschen wie mich weit weg. Aber eigentlich doch ganz nah, denn die Auswirkungen der Angst und des Schreckens verunsichern fast alle, wenn auch in ganz unterschiedlicher Form.

Aufarbeitung ist ein nie endender Prozess. Letztlich schon deshalb, weil der Mensch vergisst und verdrängt und sich eine wirkliche Auseinandersetzung mit Geschichte erst dann aufdrängt, wenn man bereit ist, Fragen zu stellen oder sie zumindest zuzulassen. Marko Dinić setzt sich der Geschichte und dem Leiden seiner Protagonisten ganz direkt aus. Es sind keine Helden. Dinić erzählt auch ungeschönt von Opportunismus. Dinić geht in seiner Erzählweise ganz nah an sein Personal, was auch im Titel seines Romans programmatisch wird. Genau diese Nähe zum Geschehen, die ausufernden Beschreibungen, die manchmal an die Grenzen des Erträglichen gehen, machen diesen ungemein bildhaften Roman aus. Man liest, als wäre man in einem Spiegelraum. Da ist kein deutlicher Weg sichtbar, aber umso mehr verzerrte Fratzen, die mich fassungslos machen. Fassungslos durch ihr Elend, was Dinić ihnen zumutet, was unausweichlich wird. Das „Buch der Gesichter“ ist ein monumentaler Abriss menschlicher Abgründe, gleichermassen faszinierend in seiner Machart wie verstörend in der beschriebenen Realität.

„Buch der Gesichter“ ist ein vielschichtiges Buch. Zeiten und Realitäten mischen und überlagern sich. Ein Kaleidoskop, ein dunkler Kristall. Vielleicht einzigartig im Genre der Bewältigungsliteratur.

Marko Dinić wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Er studierte in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte. Bei Zsolnay sind auch sein erster Roman «Die guten Tage» (2019) erschienen.

Beitragsbild © Apollonia Theresa Bitzan

Konstantin Stawenow, Auszüge aus «Trost Land», Plattform Gegenzauber

Kain / Gera-Aue in den Raunächten

Trostland, wo finde ich dich
auf den wasserstehenden Wiesen
im vertrockneten Schilf, am kleinen Bach
auf den weiten Feldern, hinter den Zäunen

oder im Gänseschrei (des Pflugs linke Flanke)
oder in der Hasenseele, im Fuchsgewissen
im Nadelstreifen der alten Leitungen

habe in den schmalen Gräben gesucht
am Feldrand Weidezaun betrachtet
die Pfosten mit Altöl getränkt
und die gefrorenen Pfützen umgangen

ja aber, wo bist du

 

Abel Epitaph / Gera-Aue in den Raunächten

Trostland, sprich zu mir mit der munteren Zunge der Gera
sag, dass die Eselsdisteln um den Sommer trauern
ich liege unter den Wasserlinsen begraben
wo du mich nicht sehen willst

meine Augen sind wie Laich unter ihren Lidern
ich singe auf ein Neues vom Diptychon, Altar meiner Hände
setze dich auf ihn kleiner Stichling, mein Lied soll dich segnen

doch du sprichst
verschwende deine Verse nicht, Toter

 

Konstantin Stawenow, geboren 2003 in Erfurt, schloss 2024 seine Ausbildung zum Holzbildhauer in Empfertshausen ab. Zurzeit studiert er am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. In den letzten Jahren war er u.a. Teilnehmer der Thüringer Textwerkstätten Weitsicht in Ranis und Poesie & Praxis in Gera sowie der young poems 2023 am Haus für Poesie. Seit Dezember 2023 arbeitet er eng mit der Forschungsstelle Sprachkunst & Religion in Erfurt zusammen. Er war Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen von 2023 bis 2025 und des Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerbs von 2022 bis 2024. Des weiteren war er Preisträger des Treffens junger Autor*innen 2023. Im Sommer 2025 war er Stipendiat der Kulturstiftung Thüringen. Für 2026 hat er ein Stipendium der Sparkassenstiftung Sömmerda erhalten. Verstreute Publikationen in Zeitschriften und Anthologien (u.a. Jahrbuch der Lyrik 2024/25, Literarische Blätter, Ort der Augen, Nagelprobe). Konstantin Stawenow lebt mit seiner Frau in Biel/Bienne.

Beitragsbild © Dirk Loehr/Erfurter Herbstlese

Das 71. analoge Literaturblatt ist in Arbeit

Staunend drehe und wende ich das Literaturblatt mit der roten 70, hole die bessere Brille, um alles ganz genau zu beäugen. Ist das ein Pantoffeltier? Oder gar Prähistorisches aus der Kurilensee? Wie wunderbar, etwas nicht genau zu wissen und es dabei zu belassen. Ein Teil von etwas so Fabelhaftem zu sein, ist eine grosse Freude und Ehre. Danke für all das Gute! Katinka Ruffieux

Das Literaturblatt feiert 70. Jubiläum! Ich gratuliere herzlich. Als Abonnentin ist es mir ein besonderes Vergnügen, die handschriftliche Jubiläumsausgabe zu lesen. Ich nehme eine Lupe zur Hand, um den Schwüngen, den Auf- und Abstrichen, den Zeichen und Zeilen zu folgen. Die Zeit vergeht langsam. Wort für Wort. In einer Art Zeitlupe. Die Texte verdichten sich. Vielen Dank für die kunstvollen Besprechungen. Für mich ist es wieder einmal ein sehr besonderes Auflagenobjekt. Kunst zur Kunst eben. Jane Wels 

Lieber Herr Frei, ja, das Literaturblatt war schon vor einer ganzen Weile in meinem Briefkasten – nur ich war da grade unterwegs – und ziert jetzt mein Bücherregal. Ihre Illustrationen sind wahnsinnig ästhtisch geworden, da bekommt man gleich Lust, sich mit abgebildeten Lebewesen zu beschäftigen. Sophia Klink

Ein Interview mit mir selbst:

Seit 2011 gibt es diese Literaturblätter. Was bewegt dich dazu, mit so viel Aufwand ein Blatt für das gute Buch zu gestalten?
Am Anfang war immer wieder die Frage nach einem guten Buch, einem Lesetipp, Lesefutter für Ferien. Zudem gab es einen Kurs, bei dem ich am Schluss schriftlich Empfehlungen abgab, auch damals schon vier Bücher. Aber man nahm meine Empfehlungen bloss zur Kenntnis, selbst die Tatsache, dass ich die Rezensionen nicht bloss aus dem Netz kopierte. Altpapier. Dann zeichnte und schrieb ich mein erstes Literaturblatt und die Reaktionen waren umwerfend.

Literaturblatt 39

Wie gestaltest du diese Blätter? Sind sie verkleinert? 
Die Blätter sind im Format A4 und Originalgrösse. Ich zeichne und schreibe immer mit schwarzem Kugelschreiber, kann mir Fehler und Korrekturen nur ganz begrenzt leisten. Es kam auch schon vor, dass ich ziemlich weit gereifte Blätter noch einmal beginnen musste. Ich zeichne und schreibe gerne. Und ich bin ein haptischer Mensch. So wie elektronische Bücher für mein Genussverständnis undenkbar sind, bleibt ein Schriftstück und eine Zeichnung das ganz Spezielle.

Wie lange arbeitest du an einem solchen Blatt? Immerhin sind es mittlerweile 70 an der Zahl. 
Die Arbeit beginnt mit der Auswahl der vier Bücher, den Rezensionen. Auf meinen Blog schaffen es Bücher, die mir in irgendeiner Weise gefallen, die ich nicht einfach weglege. Bücher auf meine Literaturblätter schaffen es nur, wenn sie mir ganz besonders ans Herz wachsen, wenn ich glaube, dass sie beinahe jede und jeder gelesen haben muss. Dann brutzelt in meinem Kopf, was und wie ich gestalte, welche Zeichnung aufs neue Literaturblatt gesetzt werden soll. Dann die Suche nach dem Sujet – und dann in meiner Bibliothek am Schreibtisch das konzentrierte Arbeiten mit dem Kugelschreiber. Fertig ist die Arbeit noch lange nicht. Aber es vergehen viele glückliche, intensive Stunden, manchmal über Wochen.

Literaturblatt 11

Warum Kugelschreiber? Warum muss die Schrift so klein sein. Unbedingt lesefreundlich erscheint mir ein solches Blatt nicht. 
Es gab einen schweizer Schriftsteller, Redaktor und Zeichner, der fast alle seine Skizzen und Zeichnungen mit Kugelschreiber fertigte. Vor Jahrzehnten entdeckte ich ihn für mich, begann ihn zu lieben und zu verehren. Arnold Kübler war auch jahrelang Redaktor der Kulturzeitschrift DU, die einst eine ganz andere Bedeutung hatte, als sie es heute neben all den digitalen Medien hat. Arnold Kübler machte Reisen, besuchte Ausstellungen. Er fotografierte kaum, zeichnete stets. Zeichnen als eine Art des Schauens. Und die Schrift ist meine Schrift. Zugegeben ein bisschen angelehnt an die Mikrogramme von Robert Walser. So wie Arnold Kübler war und ist Robert Walser einer der Grossen in meiner Bibliothek, auch im unendlich grossen Regal in meinem Herzen.

71 Literaturblätter. Wie lange soll die Reihe werden? Was bewegt dich jedes Mal, mit einem neuen Blatt zu beginnen? 
Alle, die einmal mit einer Reihe begonnen haben, wissen, wie schwierig es ist aufzuhören. Das wissen SammlerInnen aller Couleur. Die Literaturblätter sind zu einem «Konzeptkunstwerk» geworden. Sie haben längst eine Eigendynamik bekommen, sind zu etwas geworden, was es sonst kaum mehr gibt. Allein die Tatsache, dass ich sie alle per Post mit ein paar persönlichen Worten auf der Rückseite verschicke, gibt den Blättern den Wert eines Briefes. Und wer bekommt heute noch einen Brief? Ich bekomme Fotos von Menschen, die die Literaturblätter in ihrer Wohnung aufhängen, sogar eingerahmt. Vielleicht sind sie etwas von einer Welt, die unterzugehen droht. Alles bunt, digital, perfekt, billig, schnell… vielleicht ein notwendiger Kontrapunkt zu meinen Rezensionen im Netz. Die analogen Literaturblätter und die digitale Form unter literaturblatt.ch erreichen ganz verschiedene Lesegruppen, geben meiner Arbeit etwas Spezielles.
Und zu meiner Freude hängen sie nun an Wänden, Türrahmen, werden aufbewahrt und gehortet. Meine grosse Freude aber sind die vielen Reaktionen auf die Literaturblätter. Seien es nun Leserinnen und Leser oder Autorinnen und Autoren; Lesende, die sich bekräftigt fühlen oder einfach nur Freude am Literaturblatt haben – und Schreibende, die sich erkannt und verstanden fühlen!

Beitragsbild: 71. analoges Literaturblatt in Arbeit

Nancy Hünger «Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu», Azur

Ich bin gleichermassen verblüfft, erschlagen und beglückt. Nancy Hünger lässt mich nach der Lektüre ihres Romans mit vielen Fragen zurück. Genau das, was Literatur soll. Weder Sättigungsgefühl noch Berauschung. Aber ganz sicher das Gefühl, einer literarischen Perle begegnet zu sein.

„Wir drehen dem Meer den Rücken zu“ ist eine Liebesgeschichte, wenn auch auf einer Seite des Spektrums, wo Nancy Hüngers Buch zu einem Unikat wird, frei von aller Sentimentalität, ganz in der Realität, nie abgehoben, schon gar nicht entrückt. Eine Liebesgeschichte, die deutlich macht, dass Liebe letztlich kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung. Zu einem grossen Teil eine Entscheidung trotz allem. Es hätte die Geschichte einer Trennung werden können, einer Entfremdung, was es letztlich auch wurde, die Geschichte von Ent-Täuschungen, Ernüchterung. Aber da lieben sich zwei, auch wenn es blitzt und donnert, wenn graue Wolken aufziehen und man bei der Lektüre befürchten muss, dass der immer dünner scheinende Faden reissen könnte. Tut er aber nicht. Sie liebt ihn, er liebt sie, sie lieben sich beide, wenn auch nicht im satten Sound einer Romanze, wenn auch nicht im ausfliessenden Glück. Mag sein, dass es Glück gibt. Aber so wie die Liebe zur Entscheidung wird, so wird das Glück zu einem Teil der Bewegung zum Gegenüber.

Nancy Hünger Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu», Azur, 2025, 150 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-942375-77-1

Und weil Nancy Hünger in der Lyrik zuhause ist, ist ihr Roman, der auch formal ungewohnt erscheint, nicht nacherzählte Handlung, sondern Resultat einer permanenten Reflexion, eines Nachdenkens, des Haderns genauso wie dem Wissen darum, dass da etwas ist, dass man sich letztlich nur nehmen lassen kann, das jenes Stück Zuhause ausmacht, dass eine Beziehung, eine Langzeitbeziehung ausmachen muss. Neben der Erkenntnis, dass da immer zwei Planeten bleiben, zwei, die sich in einem instabilen Gravitationsfeld umkreisen. Im Wissen darum, dass wir uns letztlich dauernd aus dem Gefühl der Einsamkeit herauswinden müssen, dass es zum Gegenüber immer eine Distanz gibt, sieht man/frau über die Momente der Verzückung hinaus.

Da liebt eine Frau einen Mann, obwohl sie weiss und spürt, dass diese Liebe auch zum Kampf werden kann. Ein Kampf gegen seine Gewohnheiten, auch wenn er sich selbst als Feminist bezeichnet, gegen all die kleinen und grossen Selbstverständlichkeiten, die die feinen und groben Arten der Gewalt in Beziehungen, zwischen Liebenden offenbaren. Mag sein, dass die Grenze zu einer „toxischen“ Beziehung fliessend ist. Vielleicht spielen wir allzu leicht mit dieser Etikette, auch wenn Gewalt an Frauen, Gewalt in Beziehungen in keiner Weise kleingeredet werden darf. Nancy Hünger geht es in ihrem Roman aber nicht draum, Missstände aufzudecken. Sie führt mir vor Augen, dass der Missstand im Kleinen zu finden ist, dass wir in Traditionen sozialisiert werden, die die Formen männlicher Gewalt eindeutig begünstigen. Genau darin liegt die Stärke dieser Liebesgeschichte. Sie spiegelt, was überall passiert und tut dies in einer Sprache, die nicht analysiert, sondern Gefühle, Gedanken spiegelt. In teilweise ganz kurzen Kapiteln, die alle mit einer neuen Seite beginnen, wird das Erzählen zu einem Eintauchen, manchmal fast meditativ, manchmal wie lyrische Prosa, meistens eindringlich, intensiv, von entblössender Tiefe. 

Im ersten Teil des Buches schildert die Autorin die Geschichte einer Liebe, deren Risse immer tiefer, immer offensichtlicher werden. Im zweiten Teil hoffen die beiden auf einer kanarischen Insel auf einen Neuanfang. Ausgerechnet dort, wo die Sonne brennt und es Asche regnet.

Ein ungemein starkes Stück Literatur!

Nancy Hünger, 1981 geboren, studierte Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und verschrieb sich danach ganz der Literatur. Bei AZUR / Voland & Quist sind bereits sechs Bände mit Lyrik und Prosa erschienen, zuletzt «4 Uhr kommt der Hund» (2020). 2023 wurde sie mit dem Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis ausgezeichnet. 2024 erhielt sie das Stipendium zum Rainer-Malkowski-Preis. Nancy Hünger lebt in Tübingen, wo sie das Studio Literatur und Theater leitet.

Beitragsbild © privat

Rina Jost «WEG», Edition Moderne

Wer wird nicht irgendwann im Leben mit Depression konfrontiert, sei sie individuell oder kollektiv, sei es im eigenen Leben oder bei Angehörigen, sei es als einmalige Krise oder immerwährende Auseinandersetzung. Rina Jost erzählt in ihrer Graphic Novel von den Tiefen der Depression, beeindruckend und mit grossem Einfühlungsvermögen.

Der Titel „WEG“ lässt sich vielfach deuten. Depression kann als Weg in die Tiefe verstanden werden, in ein unbekanntes Land, in Abgründe, auch wenn sich in Zeiten der Not kein Rückweg abzeichnet. Ein Weg, der alleine gegangen werden muss, der auszuhalten ist, auch wenn er an der Substanz reisst und glauben macht, man sei allein, in sich eingeschlossen. „WEG“ kann auch als Zustand gesehen werden, wenn man sich von sich selbst entfernt sieht, wenn man in sich eingeschlossen ist, bis zur Unerreichbarkeit, absorbiert.

Über eine solche Reise, einen solchen Zustand ein Buch zu schreiben, zu zeichnen, ist ein Wagnis. Erst recht dann, wenn man über eine Geschichte schreibt, in der viel Betroffenheit steckt, in der man spürt, dass ein Teil eines Selbst darin verarbeitet ist. Wie will man sonst nachempfinden, was Menschen in oder um eine Depression zu erleiden haben, wie viel auszuhalten ist, wie sehr man sich in den Tiefen einer Depression verlieren kann.

Rina Jost «WEG», Edition Moderne, 120 Seiten, farbig, CHF ca. 29.80, SBN 978-3-03731-253-7

Rina Jost erzählt von Geschwistern. Malin und Sybil. Sybil ist weg, zu einem Stein geworden, in eine Welt abgetaucht, die für all jene, die zurückbleiben, unerreichbar zu sein scheint. Mag sein, dass Sybil nur im Bett in ihrem Zimmer liegt. Aber was da liegt, ist nur ihre Hülle. Sybil ist weg. Weil Malin ihre Schwester liebt, macht sie sich auf den Weg, versucht zu ergründen, wo sich ihre Schwester hin verloren hat. Eine Reise nach innen, eine Reise in die Tiefen der Psyche. Hinein in Bilder, die sich wie Traumbilder, psychodelische Projektionen lesen. Malin begegnet Figuren, die wie Wächterinnen an den Übergängen von der einen zur anderen Welt stehen. Rina Josts Graphic Novel ist voller Anspielungen, doppelter Böden, Andeutungen und Zeichen. Keine Geschichte, die man einmal liest und dann hat es sich.

Im hinteren Teil des Buches wird dann klar, wie sehr es Rina Jost um Aufklärung und Handbietung geht. So allein wie sich die Hauptfiguren Malin und Sybil in ihrer Lebenssituation fühlen, so sehr will die Autorin und Zeichnerin all jenen eine Hand bieten, die sich in ähnlichen Situation allein gelassen fühlen, denen nicht einmal mehr die Kraft bleibt, sich aktiv um Hilfe zu bemühen. „WEG“ strotzt vor Kraft, umwerfender Bilder und der Fähigkeit, sich in diese Schattenwelt hineinzufühlen.

Rina Jost, 1987 geboren, Illustratorin und Comicautorin, arbeitet und lebt in Frauenfeld. Sie schloss an der Hochschule Luzern – Design & Kunst im Studiengang Illustration Fiction mit einem Bachelor ab. Heute arbeitet sie für Kultur- und Firmenkund*innen und verfolgt parallel dazu eigene Projekte.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © Balz Kubli

Gabriela Cheng-Voser «bittersüess» – Die Lücke 7/7

dis parfüm esch 
es rosarots gsi
s fläschli met
acht eggä
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

mech packt
blues
wänn ech
dech schmöck
hey, heey, heeey
s esch en
eländä 
herzschmerz 
wo mech plagt
achterbahn
met mer fahrt

häsch din zeigfinger
gern i d höchi greckt
gseit was z machä esch
well du liäber
umägsässe besch
chom hol mer das
breng mer no säb
s esch wörkli wechtig
weisch es doch
alles för dech
söllsch s mol 
besser ha
wiä ech

häsch sand 
verschtreut
wo gwörkt hät 
wiä charisma
bem schwätzä 
schteili kurvä 
gnoh – usäglah 
du wössisch
wiä s lauft
heissi luft
am meter
verchauft

hey, heey, heeey
wänn ech a dech dänk
überchond mech dä blues
nagt a minä chnöchä
möcht so gern wössä
wo du etz ächt besch
wiä s döt so esch
met funkelndä augä häsch
dis chrüsimüsi verzellt
mech badet i dim schmuus
ech sig dini prinzässin
häsch mer gschmeichlet
mech met dinä
märli gschtreichled

ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

of s achslezuckä häsch dech
guät verschtandä
met em chopf herrischi
bewegigä gmacht
dini gangart hät signalisiert
platz do – etz chom ech

besch einzigartig 
aaschträngend gsi
emmer z schpot 
äs betz protzig
häsch chönnä bländä
ond verschwändä

besch gsellig gsi
bsuech häsch gliäbt
met gummigä
gschichtli brilliert
han s gern ghört
wiä häsch mögä lachä

esch din bodä
is gwagglä cho
häsch d luft
nach obä gno
vo nüt chond nüt 
häsch du so verschtandä
dass au z vell 
no z wenig esch

worum ech so fescht 
a der ghangä ben
chan ech mer sälber 
au chum erklärä
wenn mech öpper 
aso frooged wiso
lauf ich eifach dävo
muäss ech en antwort druuf ha
dass ech dech nöd han chönna la gah?
hey, heey, heeey
ha s nöd gschafft
dech hockä z lah
mis läbä hät sech 
numä um dech trüllt
hey, heey, heeey
bes mis eignä
g schtänkered hät 
nemmsch dr au mol
zyt för mech?

be nömm d füürwehr gsi
öber dini minefälder tänzled
han mini sach 
is rollä brocht
be fürschi cho
doch esch s äso 
dä chummer um dech
esch mer nachä gschwänzlet

sit mini lockä
grau wordä send
gnau äso wiä dini 
begriff ech jedes 
wort vo der
no emmer
numä
schier

bevor du ab dä bühni besch
häsch mer no söttigs gseit
wo mer öppis bedüüted
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

hey, heey, heeey
ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

Gabriela Cheng-Voser: In den letzten Monaten kämpfte ich mit einer Schreibblockade, so habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich schreibe. Immerhin habe ich herausgefunden, dass ich mit meinen Texten Mitgefühl wecken möchte und dass mir die Menschen besonders am Herzen liegen, deren Ausgangslagen eher schwierig sind. Zudem habe ich eine Neigung zu Rollenprosa. „bittersüess“ ist der erste Text, den ich nach meinem Schreib-Stau für den Adventswettbewerb vom Literaturblatt eingereicht habe. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7
Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Clemens J. Setz «Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig wahre Geschichten», Edition Thurnhof

Eine Perle aus der Edition Thurnhof. «Die Reststrahlung der Zukunft, Einundzwanzig wahre Geschichten» ist eine gestalterische Offenbarung, Papier gewordene Kunst. Ein Fetisch!

Andere kaufen sich Schuhe, auch wenn keine Anschaffung notwendig wäre. Eine Tasche, einfach nur, weil sie schön ist. Oder ein Nippes, das sich dann irgendwann in den Tiefen des Hausstands verliert. Ich glaube, dass 95 % aller Onlinekäufe Kompensationshandlungen sind, auch wenn alle wissen, wie kurz die Befriedigung ist. Einmal beim Klicken auf den Button „Kaufen“ und ein zweites Mal beim Auspacken, beim Entfernen der Plastiktüte. Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus und kann mir nicht vorstellen, dass alles, was sich dort an gewissen Tagen stapelt, notwendig und unverzichtbar sein sollte. Über die Gründe all dieser Kompensionshandlungen liesse sich ellenlang spekulieren. Und ich gestehe feierlich, dass ich nicht davor gefeit bin.

Ich kaufe aber nur noch selten Bücher, bin in der komfortablen Situation, dass die Bücher, manchmal auch ungefragt, zu mir kommen. Nicht als Geschenk, aber mit der unausgesprochenen Aufforderung, doch bitte darüber zu schreiben. Aber manchmal kaufe ich doch. Zahle gar Preise, die in keiner Weise der gekauften Lesezeit entsprechen, einfach nur, weil ich das Buch besitzen will, weil ich mit den Fingern über das dicke Papier streicheln will, weil ich lesen, schauen, staunen und verweilen will. Kompensation? Als stiller Protest gegen den reinen Konsum? Gegen die Schnelligkeit? Das Verbrauchen?

Clemens J. Setz «Die Reststrahlung der Zukunft, einundzwanzig wahre Geschichten», Edition Thurnhof
Offsetlith, 2025, Offsetlithografien vom Stefan Zsaitsits, € 27.00, ISBN 978-3-900678-72-2

Bei diesem einen Buch ist die Anschaffung ein Statement. Für das Schöne und Gute. Für die Kunst. Für die Liebe zur Leidenschaft. Für ein Objekt, mit dem nicht einfach Gewinn generiert werden soll, ganz nach dem Motto „Mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Kohle“. Ein Buch aus der Edition Thurnhof, aus der Hand eines Verlegers, der nicht die grosse Bühne sucht, dessen Bücher nie auf Bestsellerlisten landen, dessen Leidenschaft nichts mit den Gesetzen von Aufwand und Ertrag gemein haben.

Seit über 40 Jahren entstehen im Niederösterreichischen Horn (wenn man dem Blick vom Satelliten glaubt mitten im Wald) Bücher, die ihresgleichen suchen. Toni Kurz und seine Frau Christa schaffen Druckkunstwerke, die Literatur und Illustration mit Sorgfalt,  Kompromisslosigkeit und dem unbestechlichen Blick für Qualität vereinen. Über die Jahre muss der Verleger Toni Kurz ein bestechendes Netz zwischen Kunstschaffenden aufgebaut haben, das auch den Schreibenden, Malenden, Zeichnenden und Druckenden jenen Wert verspricht, der weit über das Finanzielle hinausgeht.

Auf die Frage, warum gerade Clemens J. Setz schrieb Toni Kurz: Ich habe natürlich schon gewusst, wer Setz ist, aber ich war nie der, der hinter den bekannten Namen her ist wie der Teufel hinter den armen Seelen. Ich lass auch den Leuten gerne Zeit, die sie ja brauchen, die Dinge werden schon, wenn sie reif sind.

Clemens J. Setz, ein ganz Grosser der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Büchner Preisträger 2021 und Stefan Zsaitsits, Künstler, Grafiker und Zeichner schufen in der Reihe der Edition Thurnhof mit „Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig wahre Geschichten“ ein Buchkunstwerk, das mein Herz schneller schlagen lässt. Literarische Miniaturen erzählt mit Schalk und der Überzeugung, dass Literatur auch ein Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit ist, gepaart mit messerscharfen Illustrationen, gekonnt in Szene gesetzt, weit mehr als die Bebilderung dessen, was Setz inszeniert.

Auf die Frage, wie er zum Künstler Stefan Zsaitsits kam: 2012 habe ich ein Buch mit Barbara Frischmuth gemacht, die damals auf meine Anfrage geantwortet hat, sie kennt meine Reihe Oxohyph und würde gerne was machen, nur würde das länger dauern, weil sie mit einem neuen grossen Roman viel auf Lesereisen unterwegs wäre und keine Ruhe zum Schreiben hätte. Als ich auf ihre Frage, wer denn da die Bilder machen sollte, Zsaitsits genannt habe, hat sie erfreut ausgerufen „Der Stefan? Von dem habe ich zwei Zeichnungen in meiner Schreibstube hängen“, und mir binnen einer Woche in einem Express-Brief die Erzählungen „Der Hals der Sängerin“ geschickt, ein Buch, das schon vergriffen ist.

In kleiner Auflage für LiebhaberInnen, in noch viel kleinerer Auflage für all jene, die noch eins oder zwei drauf haben wollen, nummeriert und signiert, in Holzschuber mit Orignalzeichnung. Ich liebe es!

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zuletzt wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis 2021 und dem Österreichischen Buchpreis 2023 geehrt.

Stefan Zsaitsits, geboren 1981 in Niederösterreich, Künstler, Grafiker und Zeichner, studierte von 2001 bis 2006 Malerei in der Meisterklasse von Adolf Frohner an der Universität für angewandte Kunst Wien. Seine Werke werden in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt und sind in nationalen sowie internationalen Sammlungen vertreten, darunter in der Albertina Wien, ebenso wie in zahlreichen privaten Sammlungen.

Webseite des Künstlers Stefan Zsaitsits

Beitragsbilder © Stefan Zsaitsits

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7

Auch in diesem Jahr schneit es nicht. Eigentlich schneit es an Weihnachten schon lange nicht mehr. Der fehlende Schnee hinterlässt im Reigen der Jahreszeiten eine nebelgraue Lücke.

Mery lebt im Haus ihrer Grosstante. Es liegt etwas ausserhalb am Rand des Dorfes. Das grosse Fenster des einen Zimmers blickt wie ein wachsames Auge auf eine weite Wiese. Da, wo in der wärmeren Jahreszeit die Kühe weiden, ducken sich jetzt die Büsche in den Nebel, als hätten sie etwas zu verbergen.

Drei Jahre ist es her, da Merys Grosstante gestorben ist. Unter ihrer Hinterlassenschaft befinden sich ein Kamm und ein Handspiegel. Der Kamm ist aus Elfenbein, eine der groben Zinken ist herausgebrochen.

Mery ist nicht mehr jung, schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Ihr langes silberweisses Haar gleicht dem fahlen Schein des Mondlichts. Seit drei Jahren kämmt sie es jeden Abend und jeden Morgen mit dem Kamm ihrer Grosstante. In der Lücke, da wo ein Zacken fehlt, bleiben jedes Mal ein paar Haare hängen. Sie sammelt die hängengebliebenen Haarsträhnen in einer alten Hutschachtel, indem sie sie zu kleinen haarigen Objekten formt, die sie von Zeit zu Zeit auf einem weissen Leinentuch auslegt. Die Haarobjekte liegen vor ihr wie kleine Wesen, wie stumme Zeugen längst vergangener Tage. Zusammengehalten aus Geschichtenfäden, bestehend aus ihren langen weissen Haaren.

An drei von fünf Tagen arbeitet Mery in einer Kaninchenzucht. Ihre Aufgabe ist es, die gereinigten und getrockneten Felle der gehäuteten Tiere zu einem Stoffkaninchen zusammenzunähen und mit einer besonderen Watte zu füllen, so dass weiche Kuscheltiere daraus entstehen, welche sie an den anderen zwei Tagen der Woche auf dem Markt verkaufen muss. 

Zu ihren Aufgaben gehört es nicht, den fertigen Stofftieren die Augen anzunähen. Das ist Mery recht, so können die Tiere sie nicht sehen und sie braucht ihnen nicht zu erklären, weshalb sie ausgestopft auf ihrem Schoss sitzen, anstatt lustig und voller Leben im grünen Gras herumzuhoppeln.  

Mery kennt es von ihrer Mutter, nicht gesehen zu werden: Klein-Mery blieb die meiste Zeit allein und ungesehen; für die Mutter unsichtbar, so sehr sie sich auch bemühte. Vielleicht bin ich unsichtbar, fragte sie sich. Nur in besonderen Situationen, zum Beispiel wenn Klein-Mery krank oder beim Spielen hingefallen war, wurde sie für die Mutter für kurze Zeit sichtbar durch ihr Weinen.

Die Mutter ärgerte sich dann jeweils darüber, dass ihre Tochter ihr so viel Aufmerksamkeit abverlangte und flüchtete in die Stadt, wo sie sich schöne Kleider in den Schaufenstern teurer Boutiquen anschaute. Manchmal betrat sie den Laden auch, liess sich von der Verkäuferin einen kostbaren Pelzmantel oder ein unerschwingliches Seidentaftkleid zeigen, die sie dann anprobierte und sich vor dem Spiegel drehte. Sie hatte immer noch eine gute Figur, vielleicht war sie insgesamt etwas klein geraten, aber mit hohen Schuhen liess sich dieser Makel schnell beheben. Die Mutter stellte sich vor, sie sei eine wohlhabende und angesehene Kundin der besten Geschäfte der Stadt, und nicht, wie in Wirklichkeit, deren Schneiderin. 

Mery kann die Lücke, die das Fehlen der Mutter bei ihr hinterlassen hat, bis heute nicht schliessen. Ihre Arbeit in der Kaninchenzucht hilft ihr dabei, diese Leere zu verscheuchen. Sie stellt sich vor, wie andere Mütter ihre Kinder mit einem der Fellkaninchen überraschen und dafür mit deren leuchtenden Augen belohnt werden. 

Jetzt, in der kalten Jahreszeit, wo die Dunkelheit so dicht ist, als hätte jemand schwarze Tücher vor die Fenster gehängt, bastelt Mery abends eifrig kleine, kuschelige Bauten aus biegsamem Hasendraht für die augenlosen Fellkaninchen.

Weil der Schnee ausbleibt, kann sie auf ihren ausgedehnten sonntäglichen Spaziergängen schöne Blätter, feine Zweige und weiches Moos sammeln; damit polstert sie jeden Bau weich und dekorativ aus. Beim Bauern steckt sie eine Handvoll Heu oder Stroh in ihre Tasche, die Halme flechtet und webt sie kunstvoll in die Lücken des Hasendrahtes, den sie zuvor in die richtige Form gebogen hat. Zum Glück ist in der Kaninchenzucht noch niemandem aufgefallen, dass hin und wieder ein Stück des Maschendrahtes verschwindet. 

Sie besitzt mittlerweile eine beachtliche Anzahl dieser schön geschmückten Kaninchennester. Keines gleicht dem anderen, jedes ist eine Augenweide. Mery bestaunt sie voller Stolz. 

Das nächste Mal, denkt sie, wenn ich mit meinem Stand auf dem Markt bin, will ich ein paar davon mitnehmen und sie zu jedem verkauften Stoffkaninchen als Geschenk dazugeben, es ist ja bald Weihnachten. 

Was niemand weiss: in jedem Nest hat Mery eines ihrer weissen Haarwesen versteckt. 

Béatrice Bader ist Schweizer visuelle Kunstschaffende und Autorin, deren Werk sich konsequent an der Schnittstelle von bildender Kunst und literarischem Erzählen bewegt. Ihr Schaffen verbindet künstlerische Forschung, Konzeptkunst und Sprache zu stillen Dialogen zwischen Bild und Wort. 2025 erschien ihr Debüt «Imelda und die blaue Feder» im Neptun Verlag – eine feinsinnige Erzählung über Fundstücke und Vergänglichkeit. Sie lebt und arbeitet in Nennigkofen, Schweiz.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7