Ein mutiges Buch! Nicht nur weil Navid Kermani ganz nah an seinem eigenen Leben schreibt, sondern weil er sich nicht scheut davon zu erzählen, wie sehr ihn seine Gegenwart, der Sommer 2024, verunsichert, wie sehr ihm die Geschehnisse zusetzen. Eine Welt voller Bedrohungen.
Ob die Ettikette „Roman“ dem Buch gerecht wird, bezweifle ich, auch wenn Navid Kermani in seiner „literarischen“ Vergangenheit sehr wohl bewiesen hat, dass er neben seinen Sachbüchern zu Themen interreligiöser Verständigung, sehr wohl Bücher schrieb, die dem Etikett «Roman» gerecht werden. „Sommer 24“ ist essayistische Erzählung, Selbstbestimmung, Erklärungsversuch und existenzielle Auseinandersetzung zugleich. Ein Buch über einen Mann, über ihn, der sich an der Gegenwart reibt, der schreibend versucht, Ordnung in eine Innenwelt zu bringen, die durch das äussere Chaos bedroht ist. Ein Buch über einen heissen Sommer, in dem sich alles zu mischen droht, das Unverständnis darüber, dass die Wahl eines neuen Präsidenten in den USA doch mehr als deutlich ausfallen könnte, dass die AfD im eigenen Land es schafft, all jenen in Deutschland eine Stimme zu geben, die sich unverstanden und betrogen fühlen, einem Sommer der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihm nahestehen und solchen, die sich an seine Seite drängen. Mit Bildern aus Reportagen, die ihn nicht loslassen, die alles Erlebte, alles, was an ihn getragen wird, in ein fast unerträgliches Ungleichgewicht setzen. Den Sommer mit all dem Schrecken im Gaza, in der Ukraine, im Sudan, all den Weltenbränden, die sich wie ein Flächenbrand auszubreiten drohen.

„Sommer 24“ ist ein ungemein ehrliches Buch. Ein Buch, das von dem erzählt, was dem Schriftsteller und Reporter an die Nieren geht und mir bei der Lektüre ebenso. Von einem todkranken Freund, den er nur wenige Stunden vor seinem inszenierten Tod besucht, der in den Monaten seiner Krankheit und dem drohenden Sterben immer mehr in rechtes Gedankengut abdriftet. Seine Lebensgefährtin trennt sich von ihm, an seiner Liebe zweifle sie nicht, aber an seiner Beziehungskompetenz. Eine Frau, deren Erzählung ihrer Vergewaltigung er in einen literarischen Text verarbeitete und dabei tunlichst alles entfremdete, um jene Frau zu schützen, die ihm aber nun doch ziemlich unverblümt vorwirft, sie durch den Text ein weiteres Mal vergewaltigt zu haben. Die Hochzeit eines Schulfreundes auf einer griechischen Insel, auf der einen Seite der überbordende Luxus, eine Ehe zwischen den Kulturen, auf der anderen Seite die Dekadenz des Moments. Die Nachwehen eines Attentats, jenes von jenem Mann im Sattelschlepper an einem Berliner Weihnachtsmarkt. Seine Auseinandersetzung mit dem literarischen Übervater Thomas Mann und seiner Familie und der eigenen Biographie, nicht zuletzt mit der Begegnung als Zwölfjähriger mit seiner Familie damals in Teheran mit Ajatollah Chomeini, der damals die Hoffnungen einer ganzen Nation befeuerte. Oder seine Faszination für Petra Kelly, die in den 80ern zu einer Identifikations- und Leitfigur einer Grünen-Bewegung wurde und sich nicht nur gegen Kravattenträger, Aufrüstung und Menschenrechtsverletzungen aller Art einsetzte, sondern zu einer Gallionsfigur des feministischen Kampfes wurde. Eine Frau, die im Selbstzweifel erkrankte und ausgerechnet durch eine Pistolenkugel ihres Ehemannes starb.
„Sommer 24“, manchmal analytisch, immer leidenschaftlich und engagiert, manchmal verzweifelt, ist der ehrliche Versuch eines Mannes, der nichts und niemanden auf die leichte Schulter nimmt und gleichzeitig viel Denkleistung braucht, um an all dem Nebeneinander nicht zu zerbrechen. Ein faszinierender Versuch, Ordnung in die Gleichzeitigkeit der Dinge zu bringen. Ein Zeugnis dafür, wie sehr ein denkender und empathischer Mensch an der Gegenwart leiden muss.

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des 1. FC Köln. Als Reporter berichtet er immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. Für seine Romane, Essays, Reportagen und Monographien erhielt Navid Kermani unter anderem den Kleist-Preis, den Hölderlin-Preis, den Joseph Breitbach-Preis, den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2024 den Thomas-Mann-Preis. Seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck, sein literarisches Werk im Carl Hanser Verlag. Die Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Beitragsbild © Peter Andreas Hassiepen
