Nava Ebrahimi ist eine feinsinnige Beobachterin. In ihrem aktuellen Roman „Und Federn überall“ fühlt sie den Puls einer Gesellschaft, die im ständigen Fieber mit allen Mitteln versucht, die Kontrolle über sich und die Umgebung nicht zu verlieren. Ein Roman, der zeigt, wie nah wir an der Katastrophe agieren. Ein Roman, der unter die Haut geht.
Eine Kleinstadt im Emsland, ganz im Norden Deutschland. Eine Gegend, von der die Autorin in einem Interview erzählt, die noch nie Schauplatz von grosser Literatur war. Ob ihr neuer Roman, der 2025 für den Deutschen Buchpreis nochminiert war, grosse Literatur ist, wird die Zukunft zeigen, ob er im „literarischen Bewusstsein“ bleibt oder im Meer jener Bücher entschwindet, die man nie zu Meilensteinen erklärt. Mich beeindruckt dieser Roman sehr. Nicht nur weil er den Puls der Gesellschaft misst, das Fieber, das viele nah an den Wahnsinn bringt. „Und Federn überall“ ist raffiniert konstruiert, spielt mit seinen 350 Seiten an einem einzigen Tag, einem Montag, in einer Kleinstadt, in der der grösste und wichtigste Arbeitgeber pro Tag 650 000 Hühner zu Lebensmittel verarbeitet. 6 ProtagonistInnen, die in irgend einer Weise von dem Grossbetrieb abhängig sind, riesige Produktionsstrassen, in denen am Fliessband Hühner, die an der Rückseite der Fabrik lebend angeliefert werden und portioniert und eingeschweisst die Hallen wieder verlassen.

Sonia sitzt jeden Tag an einer dieser Fliessbänder mit der einzigen Aufgabe, Hühnerbrüste auf ihren Verhärtungsgrad mit ihren Händen abzutasten, Stück für Stück. Seit man Hühner durch Hormonbehandlung immer schneller und effektiver wachsen lässt, und das „Wooden Breast“-Syndrom droht, verhärtetes Hühnerfleisch den Verkauf als Lebensmittel verunmöglicht, nicht nur stubide Arbeit, sondern ein Tun, das selbst die eigene Brust verhärten lässt. Sonia, die den Kopf bei der Sache haben sollte, ist an diesem Montag aber nicht wirklich bei all den kalten Hühnerbrüsten auf ihrem Fliessband. Schon am Morgen, kaum aufgestanden, eskalierte die Situation mit ihrer halbwüchsigen Tochter.
Anna ist in der Geflügelschlachterei Melling als Ingenieurin angestellt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Eine Maschine ist im Testlauf, die das „Wooden Breast“-Syndrom ohne „menschlichen Eingriff“ erkennen soll. Eine Maschine, die die Verarbeitung steigern und optimieren und Ausgaben für ArbeitnehmerInnen minimieren soll. Aber es will nicht funktionieren, wie Geschäftsleitung und Anna wollen. Und Anna hat mehr und mehr zu kämpfen. Nicht nur in ihrer Arbeit, in der sie als Frau bestehen soll, sondern auch in ihrer privaten Situation. Nicht nur, dass sich Stimmen aus der Vergangenheit einmischen, da braut sich in ihrem Bauch etwas zusammen.
Meckhausen ist einer in der Teppichetage der Firma Melling. Ein verlassener Ehemann, einer, der sich in seiner Firma unentbehrlich und die Kollegin Ingeneurin wie ein Stück Fleisch sieht, das erst einmal in der Möllingmaschine zu bestehen hat. Ein verlassener Ehemann, der auf einem Dating-Portal nach einer Polin sucht.
Die Auserwählte auf diesem Datingportal ist Justyna, eine nicht mehr ganz junge Polin, die sich als schwarz angestellte Betreuerin um Sonias ehemalige Schwiegermutter kümmert und ihre kleine Einzimmerwohnung mit Nassim, einem sehbehinderten afghanischen Flüchtling teilt. Eine Zweckgemeinschaft, die mehr ist. Nassim hofft nicht nur auf einen positiven Asylentscheid, sondern auch darauf, als Lyriker in dem fremden Land eine Stimme zu bekommen. Die deutsch-iranische Schriftstellerin Roshanak Rastgoo soll ihm bei der Übersetzung seiner Gedichte helfen.
So feinmaschig das Beziehungsnetz in diesem Roman ist, verliere ich nie den Überblick. Sie alle kämpfen mit sich und der Welt, lassen ordentlich Federn. Man spürt, wenn man lesend den Spuren der ProtagonistInnen folgt, dass sich die Schicksale gegenseitig wie Billardkugeln berühren und am Ende des Romans in irgend einer Weise das Final kommen muss. Aber nicht der Plott zieht mich als Leser durch dieses Buch. Zum einen die Neugier, wie sich das Personal aus den immer enger werdenden Schlingen zieht. Und noch viel mehr wie es die Autorin schafft, die Fäden glaubhaft zu verknoten. Etwas, das ihr meisterhaft gelingt. „Und Federn überall“ ist ebenso klug gebaut wie feinfühlig erzählt. Drei Frauen und drei Männer, die an einem Montag die Bodenhaftung verlieren.
Und nicht zuletzt ein Roman über die Entfremdung unserer Nahrungsmittelindustrie.
Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland sowie der Kölner Stadtrevue. Sie erhielt 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für «Sechzehn Wörter» wurde sie mit dem Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, sowie dem Morgenstern-Preis ausgezeichnet. Seit 2025 ist sie regelmässige Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz.
Beitragsbild © Clara Wildberger
