Eva Strautmann «Ohne Titel»

Ohne Titel 1

Eisiges Zaudern
im schwergewichtigen Blick hinab in silbernen Boden,
weisse Lava, sprudelnd über Wasser 
oder Stromwellen?
Im Gebirge abhanden gekommen überschäumtes Gesicht
des Schwans, nein der Figur,
stakt vorbei an den Wegen,
an überragenden Gipfeln tosender Stille
und vereinsamt unterhalb der Erde.
Verlorenes Gebirge im Strahl gelblichen Augenblicks
springt über die Ufer unserer Augen,
jagt sich selbst im Schacht
geschusterter Tornister auf dem Rücken
des Unsichtbaren
verloren auf weiter Flur

 

Swan – beautiful, Öl auf Leinwand

 

Ohne Titel 2

Das verborgene Herausragen, 
in der Ferne, 
ein Halm von Grün,
unsichtbar im Sichtbaren 
verloren, begraben, 
im Weitläufigen,  
begrünt im Blumengelb, 
dann wieder flach, 
eben-mässig, 
hochgehoben, auf goldenen Stelzen, 
nein gold schimmernd, 
prächtig im Verborgenen, 
weite Landschaft, 
im See, 
zwischen Fels und Wasser nur ein Streifen 
sprechenden Grüns, 
schreiendem Boden, 
irrend am Singen 
und greifend nach einer Stimme

 

The Dog II, Öl auf Leinwand

 

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © privat

Lukas Hartmann «Martha und die Ihren», Diogenes

«Martha und die Ihrigen» ist Lukas Hartmanns persönlichstes Buch, ein Buch über seine Herkunft. Ein Buch, aus dem viel Dankbarkeit spricht, weil Martha, die Grossmutter von Lukas Hartmann, die einzige Person im Roman, die den wirklichen Namen auch im Buch trägt, mit ihrem kargen Leben alles in den Dienst ihrer Familie steckte. Ein Buch – ein Denkmal.

Lukas Hartmann ist ein Mann der starken Biographien, ob über Le Corbusier und seinen Cousin, den Maler Louis Soutter („Schattentanz“), über Lydia Welti-Escher, die reiche Erbin Alfred Eschers („Ein Bild von Lydia“), über John Webber, einen Schweizer Expeditionsmaler, der 1788/89 an der Seite des Entdeckers James Cook bis „Ans Ende der Meere“ vorstiess oder vor bald einem halben Jahrhundert über den Pädagogen und Schulreformer Heinrich Pestalozzi („Pestalozzis Berg“). Lukas Hartmann ist ein literarisches Urgestein der Schweiz. Wer liest, begegnet ihm immer wieder, ob in Kinder- und Jugendbüchern oder in Romanen, die mit umsichtiger und penibler Recherche Vergangenheiten öffnen, ob an Schullesungen oder in Botanischen Gärten für Erwachsene. Was Lukas Hartmann in seinem künstlerischen Schaffen gelungen ist, ist in der Form nur ihm und Franz Hohler gelungen: Generationen von Fans.

Dass nach einer schwierigen, gesundheitlichen Phase nun zum ersten Mal ein Roman aus seiner Feder erscheint, der sich ganz offensichtlich mit seiner eigenen Herkunft und Geschichte auseinandersetzt, erstaunt nicht. Lukas Hartmann feierte am 29. August seinen 80. Geburtstag. Vielleicht einer der Gründe, warum sich Lukas Hartmann nach fast 50 Romanen für Kinder und Erwachsene mit der Geschichte seiner Familie auseinandersetzt. Aber vielleicht auch, weil die Geschichte seiner eigenen Familie beispielhaft ist für viele Familiengeschichten; Geschichten, die aus Armut, Zwängen und Mühsal in die Freiheiten der modernen Zeit münden, auch wenn diese Freiheiten trügerisch bleiben.

Lukas Hartmann «Martha und die Ihren», Diogenes, 2024, 304 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-257-07273-0

In seinem neusten Roman ist Martha, seine Grossmutter, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Martha wächst auf einem bitterarmen Bauernhof auf, der Vater nach einem Unfall schwach und kränklich, die Mutter stets kurz vor dem Zusammenbruch. Man reisst die Familie amtlich auseinander und verteilt die Kinder als Verdingkinder in alle Richtungen. Martha kommt wieder in eine Bauernfamilie, zeichnet sich als willige und flinke Arbeitskraft aus, selbst dort, wo niemand sonst die Hände schmutzig machen will. Sie glänzt in der Schule, aber niemand hat das Geld, sie länger als notwendig in die Schule gehen zu lassen. Sie schuftet in der Fabrik, heiratet einen Schuhmacher, der aber bald mehr und mehr krank stirbt und sie mit Kindern alleine lässt. Martha lässt sich nicht unterkriegen, tut alles, dass es ihren zwei Söhnen besser als ihr ergeht, heiratet ein zweites Mal und erweist sich als geschickte Geschäftsfrau, auch wenn das Eheglück erneut nicht auf ihrer Seite steht.

Toni, der ältere Sohn von Martha, wird nach den Wirren des Weltkriegs Postbeamter, eine sichere Stelle, heiratet und wird selbst auch Vater zweier Söhne, von denen der ältere, im Buch Bastian, unverkennbar die Züge des Autors hat.

Martha ist genau das, was viele Grossmütter damals waren; aufopfernd, fleissig, anpassungsfähig und zäh. Martha ist weit weg von den Idealen einer modernen Frau, auch wenn nicht einmal ein Jahrhundert dazwischensteht. Ein Leben voller Grenzen, Zwänge und Erwartungen. Ein Leben in Arbeit und Pflicht. So sehr darin trainiert und von Schicksalschlägen gepeitscht, dass selbst in Zeiten, in denen es wirtschaftlich besser geht, über Jahrzehnte Eingefleischtes nicht einfach abgelegt werden kann. Ein Leben in absoluter Disziplin, ohne Ansprüche, schon gar kein Luxus. Liegenbleiben erst, wenn man krank oder ernsthaft verletzt ist.

Toni, ihr Sohn, Bastians Vater, schnuppert in seinem Leben an den Annehmlichkeiten der Moderne, auch wenn ihm das Beispiel seiner Mutter lehrt, dass man es nur unter Aufbietung aller Kräfte zu etwas bringen kann. Toni macht Karriere bei der Post. Aber weil auch ihm seine Gesundheit, die durch masslosen Kräfteverschleiss kontinuierlich schlechter wird, den Lebensabend schwer macht, er sich zerreiben lässt in den Pflichten eines Sohnes, eines Ehemanns und Vaters, wird aus Bastians Elternhaus, wie damals im Haus seiner Mutter Martha, kein Nest. Das Leben ist Kampf.

Was den Roman besonders macht, ist die Sachlichkeit, mit der Lukas Hartmann erzählt. Der Erzählton ist in eine fast trockene Schicksalshaftigkeit getaucht, genau wie die Leben seiner Grossmutter und seines Vaters. Sie hatten nie die Chance einer Wahl. Sie hatten zu funktionieren. Erst seine Generation, erst Bastian, kann sich sein Leben nach eigenen Vorstellungen formen. Nichts nach dem Motto „Früher war alles viel besser“. Die Lektüre dieses Romans macht unsäglich demütig und dankbar.

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.

Lukas Hartmann «Der Sänger», Rezension mit Interview

Lukas Hartmann «Ein passender Mieter», Rezension

Beitragsbild © Bernard van Dierendonck

Das 67. Literaturblatt ist versandfertig.

«Wo gibt es das sonst: ein analoges Literaturblatt, von Hand kalligraphiert, sorgfältig illustriert, mit Lesetipps, die überzeugen.» Tabea Steiner

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«Als passionierte Bücherfrau und langjährige SRF-Literaturredaktorin weiss ich aus eigener Erfahrung, wie stark das Bedürfnis beim leseaffinen Publikum ist, Zugang zu haben zu professioneller, unabhängiger Berichterstattung über Literatur. Leider steht den Feuilletons in den herkömmlichen Medien dafür immer weniger Platz  zur Verfügung. Umso schöner, dass es Webseiten gibt wie literaturblatt.ch und das Literaturblatt von Gallus Frei, die diese Lücke mit Knowhow und Herzblut füllen: Sie fördern die Motivation zu lesen und geben Orientierung in einem schier unüberschaubaren Markt.» Luzia Stettler, 

Julia Phillips «Cascadia», hanserblau

Eine todkranke Mutter mit ihren beiden erwachsenen Töchtern auf einer Insel im Nordwesten der USA. Sie sind arm und mit jedem Jahrring werden die Hoffnungen kleiner. In einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung stellen sie sich dem Kampf ums Überleben – und einem Grizzly.

Sam und Elena, zwei Schwesterm, leben zusammen mit ihrer kranken Mutter in Kaskadien, einem Landstrich im Nordwesten der USA, der sich bis in die kanadische Provinz British Columbia zieht. Eine Sehnsuchtsgegend vieler Touristen, die Insel San Juan, nahe der kanadischen Grenze, zwischen den Grossstädten Vancouver und Seattle, ein Ort, an dem Mensch und Natur noch immer im Gleichgewicht nebeneinander zu existieren scheinen; unberührte Landstriche, grenzenloser Himmel, Orcas. Aber für Sam und ihre ältere Schwester Elena ist die Insel alles andere als das Paradies oder jener Ort, an dem sie bleiben wollen. Gemeinsam schmieden sie Pläne. Wenn dereinst die Krankheit ihrer Mutter ein Ende haben wird, werden sie das Haus verkaufen und mit dem Erlös irgendwo weit weg ein neues Leben beginnen, weil das, worin sie stecken, nur ein schmaler, enger Durchgang sein kann, dessen Licht am Ende des Tunnels leicht vernebeln kann.

So paradiesisch die Kindheit war, so unendlich die Möglichkeiten damals schienen, so sehr sind sie in die Pflichten rund um ihre Mutter eingebettet, in die immer grösser werdenen Sorgen um ihre finanzielle Lage, obwohl sie beide arbeiten, Sam als Snackverkäuferin auf eine Fähre und Eliane auf einem nahen Golfplatz. Ihre Mutter, krank geworden durch giftige Dämpfe in der Kosmetikindustrie, liegt in ihrem Zimmer, überlebt nur durch technische Hilfsmittel, muss immer wieder zum Arzt gefahren werden, ist nicht krankenversichert und hat längst Abschied genommen von jeglicher Art Hoffnung, ausser vor der Zuwendung ihrer beiden Töchter.

«Nichts war so gekommen, wie sie es sich vorgestellt hatte.»

Julia Phillips «Cascadia», hanserblau, 2024, aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda, 272 Seiten, CHF, ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28153-0

Es scheint alles festgefahren zu sein. Sam und Elena leben im Schattenwurf zwischen dem drohenden Tod ihrer Mutter, der Aufschiebung aller möglichen Zukunft und der Bedrohung einer immer misslicheren wirschaftlichen Lage, die sich mit der Pandemie nur noch zugespitzt hatte. Sie beide verschliessen sich immer mehr, ebenso ihre Mutter, bei der der Fernseher das einzige Tor zu einer Welt geworden ist, die sich längst verschloss. Ihrer Mutter sind die beiden jungen Frauen der letzte Halt und den Schwestern blockiert die Krankheit ihrer Mutter alles, was Hoffnung bedeutet, auch die Hoffnung auf ein eigenes Leben, auf Liebe, eine Zukunft.

Bis ein Bär auftaucht, Elena ihn neben der Fähre, auf der sie arbeitet, im Meer schwimmen sieht. Bis sie auf der Veranda ihres Hauses den riesigen Rücken eines Bären sehen, dieser sich am Haus zu schaffen macht, hier und dort eine Duftmarke setzt, man Gerüchte zu hören bekommt, Tiere seien gerissen worden, man könne sich nicht mehr sicher sein, schon gar nicht zu Fuss. Bis sich die Zeitung und die Behörden melden und eine Frau, Madeline, eine Biologin, man erst kaum glaubt, dass es sich um einen Grizzly handeln soll, sich Elena seltsam faszieniert und angezogen fühlt und Sam spürt, dass da etwas lauert, was mehr als bloss Bedrohung sein könnte.

«Der Bär hatte sie an den Rand einer Katastrophe geführt und sie dann verschont – was für ein Geschenk! Seine Präsenz: gewaltig, unvorstellbar, ein furchterregender, heiliger Anblick.»

Während Sam, die Perspektive, aus der die Geschichte erzählt wird, sich und ihr sowieso schon arg fragiles Familiengefüge mehr und mehr bedroht sieht, sich die letzten Hoffnungen zerschlagen könnten, öffnet sich Elena einem Wesen, das mit seiner unvorhersehbaren Art, seiner Wildheit und Kraft alles symbolisiert und in strotzendes Leben verwandelt, was ihr in ihrer Enge fehlt. Während Sam sich trotzig rüstet, entschwindet Elena in einer beinahe entrückten Anbetung an ein Wesen, dass sich nicht fassen lässt. Was sich während der Lektüre abzeichnet, trifft ein; die Mutter stirbt, der Bär packt zu und nichts ist mehr so, wie es sich Sam über die letzten Jahre ausgemalt hatte. Das kleine Licht am Ende des Tunnels flackert bedrohlich.

Julia Phillips verwebt Geschichten, Stimmungen ineinander. Es gelingt ihr meisterhaft, das Geschehen mit einem grossen Mass an Sinnlichkeit aufzuladen, man scheint den Bären förmlich zu riechen. Aber das ist auch die Bedrohung, die Hilflosigkeit in Armut und Existenzängsten, die Trotzigkeit, die der Hoffnungslosigkeit entspringt, die Angst vor Einmischung und unsensiblen Behörden. „Cascadien“ ist ebenso Millieustudie wie Familienroman, Sozialdrama und ultimative Konfrontation. Da die Realität von Armut und Krankheit, hier das Archaische der Natur, dort das Märchenhafte, die Hoffnung auf Erlösung in einem Roman, der einem bis zur letzten Seite atemlos lesen lässt.

Julia Phillips, geboren 1988, lebt mit ihrer Familie in Brooklyn, New York. Ihr gefeiertes Debüt «Das Verschwinden der Erde» (2021) war ein SPIEGEL-Bestseller. Die Autorin schreibt u.a. für die New York Times, The Atlantic und The Paris Review und unterrichtet am Randolph College.

Webseite der Autorin

Pociao (Sylvia de Hollanda) übersetzte u.a. Paul Bowles, William S. Burroughs und Evelyn Waugh und gewann 2017 den Don DeLillo-Übersetzungswettbewerb.

Roberto de Hollanda übersetzte u.a. Almudena Grandes, Jack Kerouac und Eugenio Fuentes.

Beitragsbild © Nina Subin

«Stirb nicht, bitte stirb nicht.» Han Kang in «Weiß»(14)

Lieber Gallus

Nun liegt es auf dem Tisch: ein edles Buch in Weiss mit drei Wörtern in Schwarz und einer zarten weissen Feder darüber. Ich nehme es sehr sorgfältig in die Hand.

So verlassen wir den festen Grund, den unser Leben uns bis dahin geboten hat, und tun diesen letzten gefährlichen Schritt ins Leere, ohne zu zögern. Nicht weil wir besonders mutig wären, sondern weil es keine Alternative gibt. Ohne Wenn und Aber wage ich den Schritt in eine Zeit, die ich noch nicht gelebt habe, und in ein Buch, das ich noch nicht geschrieben habe.

Han Kang «Weiß», Aufbau 2020, aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, 151 Seiten, CHF ca. 27.90, ISBN 978-3-351-03722-2

Dieses 2020 auf Deutsch erschienene Werk der diesjährigen Nobelpreisträgerin erschüttert, beglückt und tröstet. In sehr persönlichen und tief bewegenden Bildern gelingt es der Autorin, die prägende Erinnerung an ihre Schwester, die in den Armen der Mutter als Neugeborenes starb, poetisch in Sprache umzusetzen. Das weisse Cover mit der schwarzen Schrift unter einer filigranen Feder und die Fotos von Han Kang und Douglas Seok bilden zusammen mit dem Text ein kostbares Schatzkästchen, dessen Reichtum durch langsame mehrmalige Lektüre jedes Mal aufs neue bewegt.

Stirb nicht, bitte stirb nicht. Diese Worte, die sie nicht verstand, waren das Einzige, was sie in ihrem Leben hören sollte.

Meine Mutter lag auf der Seite, ihr Kind an die Brust gedrückt, und fühlte, wie die Kälte in den kleinen Körper kroch. Tränen hatte sie keine mehr.

Ein Jahr nach dem Verlust ihrer ersten Tochter hatte meine Mutter eine weitere Frühgeburt. Dieses Mal war es ein Junge.

Wenn du noch lebtest, könnte folglich ich nicht sein. Da ich jetzt lebe, darfst du nicht existieren.

In allen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.

In kurzen Zitaten mit weissen Dingen als Titel und gegliedert in 3 Abschnitte «Ich», «Sie» und «Alles weiss» zeigt mir Han Kang ihre ergreifenden Reflexionen über Menschsein, Geworfenheit und Vergänglichkeit. Ich bin dankbar, durch den Nobelpreis auf diese wunderbare Autorin aufmerksam geworden zu sein.
Wirklich grossartig und lesenswert!

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Seit ihrem Roman „Die Vegetarierin“ gehört Han Kang zu Koreas wichtigsten literarischen Stimmen. Während eines Aufenthalts in einer europäischen Stadt, konfrontiert mit der Erinnerung an ihre Schwester, die in den Armen ihrer Mutter starb, entstand „Weiß“, ein Buch, reduziert bis auf das, was sich nicht mehr wegdenken lässt. 

Die Frau, von der erzählt wird, ist in der Fremde, an einem Ort, an dem während der Hälfte des Jahres Kälte herrscht; der Nebel, die Wolken, der Schnee. In einer Stadt, in der sie die Sprache nicht versteht, in der kein Schild zu entziffern ist, in der sie sich fremd und verunsichert fühlt, tauchen im Weiss Bilder auf, die sie in die Erinnerungen zurückreissen.


An die Mutter, die noch ganz jung, ganz allein, weit weg und ohne Zugang zu medizinischer Hilfe lange vor dem Geburtstermin ein Mädchen zur Welt bringt, unvorbereitet und in stiller Verzweiflung. Aber nicht einmal zwei Stunden lang dauert das kurze Leben des Mädchens. Es stirbt. Und nachdem Stunden später der Vater nach Hause kommt, hüllt er dieses in weisse Wickeltücher und beerdigt es auf einem nahen Hügel. Eine Tragödie, von der sich die Mutter nie ganz erholt, die immer wieder im Konjunktiv aufflackert. Eine Tragödie, die auch die Erzählende begleitet, denn trotz ihres kurzen Lebens bleibt das namenlose Mädchen ihre Schwester. Noch mehr, denn es hätte sie selbst nicht gegeben, hätte die Erstgeborene weiter gelebt.

Jahrzehnte später in den kalten Wintermonaten in einer fernen Stadt, allein gelassen mit sich selbst und mit Bildern, die sonst verborgen bleiben, tauchen Erinnerungen wieder auf. Erinnerungen gekoppelt mit der Farbe Weiss. Während die Erzählerin als erstes eine Liste erstellt mit Dingen, die sie mit Weiss verbindet, tauchen weisse Fetzen aus dem Vergessen auf. Aus der Liste werden die Überschriften zu den kurzen Kapiteln, die sich wie Meditationen, Betrachtungen lesen; Wickeltuch, Babyhemdchen, Mondförmiger Reiskuchen, Nebel, Weisse Stadt, Weisse Kerze…

„Hättest du doch nicht aufgehört zu atmen.“

Die Texte reflektieren nicht nur Erinnerung, sie beschäftigen sich auch mit dem Warum, warum sich ausgerechnet in dieser fremden Stadt, diesem fremden Land längst Vergessenes an die Oberfläche drängt. Woher dieses Bedürfnis, dieses Sehnen nach Reinheit und Sauberem, Makellosigkeit und Keuschheit.

Von den Erzählungen der Mutter weiss die Erzählende, wie sehr die Mutter flehte: Stirb nicht, bitte stirb nicht. Mit dem Schreiben, dem Erzählen wandelt sich dieses Flehen an die Erinnerung: Stirb nicht, bitte stirb nicht. Selbst wenn die Augen des kleinen Mädchens nur kurz schauten, der Atem wieder versiegte und die Haut des Mädchens erkaltete – die Erinnerung darf es nicht. Stirb nicht, bitte stirb nicht, wird zum Amulett, zuerst für die Mutter, dann für die zweite Tochter.

„Weiß“ ist ein ganz zartes Buch, ein Hauch im kalten Winter. Der Beweis dafür das wir leben, nicht bloss existieren. 

Wer das Buch liest, scheut sich, es so einfach in ein Regal zu schieben.

Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren und ist die wichtigste literarische Stimme Koreas. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für »Die Vegetarierin« erhielt sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin 2016 den Man Booker International Prize, »Menschenwerk« erhielt den renommierten italienischen Malaparte-Preis. »Weiß« war ebenfalls für den Booker Prize nominiert. 2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur. Sie lebt in Seoul. 

Ki-Hyang Lee, geboren 1967 in Seoul, studierte Germanistik in Seoul, Würzburg und München. Sie lebt in München und arbeitet als Lektorin, Übersetzerin und Verlegerin. Für ihre Übersetzungen wurde sie 2024 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Beitragsbild © Yeseul Jeon

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis #SchweizerBuchpreis 24/09

Mariann Bühler wurde für ihr Debüt «Verschiebung im Gestein» anlässlich der Weinfelder Buchtage der Weinfelder Buchpreis verliehen, eine Auszeichnung, die im Hinblick auf den Schweizer Buchpreis durchaus als Hinweis verstanden werden kann.

Angesichts unserer eigenen Endlichkeit erscheint das, was wir an Welt wahrnehmen, in eine Ewigkeit getaucht, unverrückbar, „in Stein gegossen“. Aber selbst das, was fest erscheint, ist einem Fliessen unterworfen. Mariann Bühler beschreibt drei Leben, die aufbrechen, zu fliessen beginnen, die sich verschieben, eine neue Richtung bekommen. Mariann Bühler tut dies derart souverän, dass das Staunen zum Schaudern wird! Tektonische Verschiebungen, die ganz langsam, kaum wahrnehmbar vonstatten gehen. Mariann Bühler beschreibt genau jene feinen Risse, die mit der Verschiebungen im Gestein einhergehen.

Ihr heute preisgekrönter Roman ist Mariann Bühlers Debüt. Debüt ja, aber bereits ein Meisterstück! Mariann Bühlers Buch besticht vielfach; zum einen die Konstruktion, das Übereinanderschichten verschiedener Leben, die Schichtungen im Buch selbst, zwischen den drei scheinbar unabhängigen Leben und den sanften, zarten Schilderungen, die die drei Leben in einen grösseren Zusammenhang, in einem grossen Bild zusammenfügen. Weiter die Sprache, die sich ganz dem Feinen zuwendet, nichts Reisserisches braucht und mit grosser Empathie maximale Nähe zum Geschehen erzeugt. Es sind die Geschichten von Suchenden, die auf ganz unterschiedliche Weise durch die Sedimente des Lebens geführt, geschoben und gezogen werden. Mariann Bühlers Roman ist Lesegenuss der Extraklasse. Ein Versprechen! Ein Versprechen, das nicht nur dieser Preis hier in Weinfalden gibt, nicht zuletzt auch die intakten Chancen, dass im November noch ein weiteres Ausrufezeichen dazukommen könnte, der Schweizer Buchpreis 2024.

Elisabeth lebt und arbeitet in einem Dorf. Der Tod ihres Mannes bringt sie gänzlich aus dem Trott, lässt sie taumeln, obwohl die Ehe mit ihm nicht das gebracht hatte, was sie sich noch zu Beginn erhofft hatte. Sie führten über Jahrzehnte die Bäckerei im Dorf, ein Geschäft, das Jakob so wie immer führen wollte und die vorsichtigen Änderungs- und Anpassungsvorschläge seiner Frau stets mit Trotz und aufbrausenden Drohungen quittierte. Drohungen, die Jakob mitunter auch mit Schlägen verdeutlichte. Elisabeth, ein halbes Leben in die Pflichten einer Familienfrau, Mutter, Ehefrau und „Angestellte“ eingebunden, muss sich nach dem Auszug ihrer Tochter und dem Tod ihres Mannes neu aufstellen. Das alte Leben soll enden, auch die Rolle, die Elisabeth im Dorf einzunehmen hatte. Nach Wochen, in denen die Notiz an der Einganzstür zur Bäckerei langsam zu vergilben begann, öffnet Elisabeth wieder die Tür zur Bäckerei. Nur mit dem Unterschied, dass sie es ist, die nun den Lauf der Dinge bestimmt.

„Anfangs erschrak Elisabeth, wenn Jakob spurlos im Bäcker verschwand. Mit den Jahren entwickelte sie ein Frühwarnsystem, wie es das für Erdbeben gibt.“

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-7152-5040-3

Alois ist Bauer. Ob er den Hof damals hätte übernehmen wollen, stand nie zur Frage. Er wuchs über die Jahre in diese Rolle hinein. So wie seine Eltern alt und gebrechlich wurden und mit der Zeit nicht mehr die Kraft hatten, so gab er sich immer mehr in die Aufgaben des Bauern hinein. Eine Aufgabe, die mehr und mehr zur seinen wurde, eine Selbstverständlichkeit, ein Naturgesetz. Aber in Alois stiller Ergebenheit blieb stets ein Rest Zweifel. Sollte es das gewesen sein? Nur schon die dauernden Sticheleien der Eltern, weil sich keine Bäuerin finden wollte, oder die Erzählungen im Musikverein von grossen Abenteuern, stellen Alois Innenleben auf eine harte Probe. Selbst seine Schwester, die mit ihrer Familie im gleichen Dorf lebt, spürt, dass da etwas ist, was ausbrechen will. Bis sich Jakob entschliesst, den Hof zumindest für ein Jahr zu verpachten und reissaus zu nehmen, all die Pflichten hinter sich zu lassen.

„Wenn er Halt zu verlieren drohte, hielt er sich an Heugabeln, Besen, Steuerrädern fest.“

Und da ist Ruth, von der Mariann Bühler manchmal in der dritten Person, als Ruth erzählt, und manchmal in der Du-Form, als wäre die junge Frau gleich neben der Erzählstimme, würde sie sie durch das Geschehen schieben. Die junge Frau kehrt ins Dorf zurück, holt sich die Schlüssel für das schon lange unbewohnte Ferienhaus hoch über dem Dorf. Ein kleines Haus, in dem die Zeit still gestanden ist, die Luft sich über Jahre nicht bewegte. Das Haus soll verkauft werden. Ruth trägt ihr Leben hinauf in dieses Haus, die Suche nach ihrem Platz, die Bilder und Stimmen aus ihrer Vergangenheit, einer Familie, in der sich der Schmerz tief eingegraben hatte.

„Du hast dich mit deiner Schwester vom Wald verschlucken lassen, vom Tobel, vom Bach und den moosigen Steinen. Ihr habt eure Mädchenhaut mit den Gummistiefeln abgestreift und seid zu Zwergen geschrumpft, habt aus Tannennadeln und Lehm Häuser gebaut, seid als Löwen mit Mähnen aus Farn durch den Urwald geschlichen, als Hexe mit Tannenzapfennase und Astbesen.“

Jeder Ausschnitt aus diesem Buch zeigt, wie bildhaft Mariann Bühler erzählt, wie sie mit malerischer, zeichnerischer Freude mit Sprache umgeht, wie nah sie sich den Menschen und ihrer Geschichte zuwendet.
Mariann Bühler erzählt von drei Leben, die sich erst nach und nach miteinander verweben. Drei Leben, die sich über- und untereinder verschieben, aufeinanderstossen und sich aufwerfen. Erst über die Zeit wirksame Kräfte, die an ihren Rändern brechen und Abgründe sichtbar machen. 

Ein beeindruckendes Kunststück! Ein Buch, dass das Herz öffnet.

Interview

Nun ist er draussen, Dein erster Roman, an dem Du ganz offensichtlich sehr lange und intensiv gearbeitet hast. Was bis vor kurzem noch ganz Dir gehörte, liegt nun auf Tischen in Buchhandlungen zum Kauf bereit, wartet auf Nachttischchen und in Bücherstapeln auf die Lektüre und auf den Schreibtischen der Rezensenten auf Zuspruch oder Ablehnung. Wie sehr verändert die Veröffentlichung Deines Buches Dein Leben, oder zumindest die zeitliche Ausrichtung?
Diese Frage würde ich in einem Jahr vermutlich anders beantworten, jetzt, kurz nach Erscheinen des Buches beantworte ich sie so: Ich freue mich darüber, dass ich diesen Text und seine Figuren nun mit allen, die ihn lesen wollen, teilen kann. Und ich freue mich auf die Reaktionen darauf – darauf, dass ich dank den Leser*innen den Text selbst noch einmal mit neuen Augen sehen kann. Ich bin gespannt, was auf mich zukommt, welche Wege dieser Roman nehmen wird. Und wie das weitergeht mit meinem Schreiben.

© Mariann Bühler

Die Menschen, von denen Du erzählst, sind Gefangene. Sie alle versuchen auf die eine oder andere Weise auszubrechen, geschoben oder gezogen. Ich bin sicher, dass Du mit dem Thema Deines Romans eine menschliche Ursehnsucht ansprichst, seien es nun kleine oder grosse Ausbrüche, haben wir Menschen doch wie kein anderes Lebewesen die Fähigkeit, uns selbst zu fesseln, zu blockieren – bis zur vollkommenen Lähmung?
Wir alle sind Teil eines Gefüges – da sind zwischenmenschlich Beziehungen, die über Jahre wachsen und uns prägen, ein soziales, berufliches, familiäres Umfeld, das uns ebenso formt wie wir unseren Platz in der Welt mitformen. In manchen Situationen verspricht das Verharren im Bekannten mehr Sicherheit als eine Verschiebung ins Unbekannte. Gleichzeitig geschehen manche Veränderungen, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn die Situation eng aussieht, wenn es scheint, dass alles stillsteht, gibt es einen kleinen Spielraum. Ich mag das englische Wort für Spielraum, «wiggle room», wiggle heisst wackeln oder schlängeln, ich stelle mir einen ganz kleinen Raum vor, der sich durch konstante, kleine Bewegungen verändern und erweitern lässt. Ich mag dieses Bild, darin ist eine Zuversicht.

Warum schaffen wir es nicht, Veränderungen selbst zu provozieren? Warum gelingt uns eine Veränderung meist erst dann, wenn wir sie im Windschatten anderer Ereignisse vollziehen können, wenn das Beben bereits stattgefunden hat, wenn die Risse in den Versteinerungen aufgebrochen sind?
Wir können alle nicht aus unserer Haut. Unser bisheriges Leben hat sich in uns eingeschrieben, hat unsere Möglichkeiten und Grenzen geformt. Tiefgreifende Veränderungen geschehen nicht notwendigerweise mit Pauken und Trompeten und einem einzigen umgelegten Hebel, sondern leise, über eine lange Zeit, unter der Oberfläche. 
Für meine Figuren kommt das Beben nicht plötzlich. Auf den ersten Blick vielleicht, aber bei genauerem Hinsehen wird klar, dass sich das schon lange angebahnt hat. Wie die tektonischen Verschiebungen, die lange bevor wir sie begreifen konnten, stattgefunden haben, braucht es manchmal Zeit, die Risse, die Aufbrüche als solche wahrzunehmen.

Ich bin tief beeindruckt von der Sprache und der Erzähltechnik Deines Romans. Wie weit bist Du Deiner Intuition gefolgt? Oder war da eine Strategie, ein Plan? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Roman das Resultat eines chronologischen Schreibens sein kann. Viel mehr macht er den Eindruck, als wäre es der Sud eines langen Entstehungsprozesses, ohne dass der Roman dabei seine Leichtigkeit eingebüsst hätte.
Der Entstehungsprozess war alles andere als geradlinig. Ich bin im Arbeitsleben die, die für alles eine Liste und einen Plan erstellt. Im Schreiben funktioniere ich offenbar anders. Erst ganz am Schluss gab es eine Liste, die mir den Überblick über die Kapitel erleichterte und die Struktur, die Schichtung, zeigte. 
Davor war alles in Bewegung. So viel in der Schwebe zu halten, war manchmal schwer erträglich, im Nachhinein aber wichtig: Ich konnte Szenen, die nicht funktionieren wollten, an einen anderen Ort schieben, in ein anderes Lebensalter der Figur – oder sie einer ganz anderen Figur zuordnen. So wurde manchmal ein scheinbar unwichtiges Motiv, von dem ich mich nicht recht trennen konnte, wie die Narbe an Alois’ Finger, zentral. Bei jeder Figur gab es einen – manchmal ziemlich ausgedehnten – Moment, wo es nicht weiter ging, wo sich etwas in meiner Wahrnehmung verschieben musste, damit etwas, das ich nicht geplant und manchmal nicht einmal geahnt hatte, Form annehmen konnte. Auf das Geologische bin ich per Zufall gestossen. Ich bin staunend in diese Sprache eingetaucht, die mir genau die Bilder und Prozesse geliefert hat, die mir fehlten. 
Der Text hat die lange Gärphase gebraucht, ich habe sie gebraucht, um besser zu verstehen, was ich schreibe und wie ich schreibe. Welche Möglichkeiten ich habe und wie ich sie nutzen kann. Dem Prozess zu vertrauen und nichts voreilig festzumachen.

© Mariann Bühler

Da gibt es Szenen in der Backstube oder im Stall, die unmöglich ohne persönliche Erfahrungen hätten entstehen können. Ganz offensichtlich wolltest Du nicht nur bei deinen ProtagonistInnen nah rangehen, sondern auch in dem, was sie tun. Kannst Du melken und grosse Mengen Brot backen?
Mir war es wichtig, diese Arbeitsprozesse abzubilden, weil sie viel über die Figuren erzählen und auch als Gegenstück zu den geologischen Verschiebungen. Das Backen und Melken sind auf den ersten Blick repetitive Arbeiten, die jeden Tag gleich geschehen. Gleichzeitig verändern sie sich dauernd: Wer backt oder melkt, braucht ein grosses Erfahrungswissen und ist sich einer Vielzahl von Faktoren bewusst, trifft dauernd kleinste Entscheidungen, um den Prozess an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen, führt also dauernd die für das Gelingen nötigen Veränderungen herbei. So durch und durch gekonntes Handeln finde ich sehr schön – fast wie ein Tanz. 
Ich habe selbst zwar einmal gelernt, ein Melkmaschinenaggregat an ein Euter zu hängen, und würde von Hand etwas Milch aus einer Kuh bekommen, aber wirklich melken kann ich nicht. Beim Backen ist es ähnlich, ich backe gerne mal einen Zopf, aber in grossen Mengen Brot backen, das kann ich nicht. Da war ich beim Schreiben auf das Wissen anderer angewiesen. Ich habe zum Beispiel eine Bäuerin besucht, die jede Woche aus mehreren hundert Kilo Mehl Brot backt, konnte ihr bei der Arbeit zuschauen und Fragen stellen. Das war sehr wichtig: Den blossen Ablauf dieser Arbeit hätte ich aus Texten und Videos zusammenschustern können, aber beim Beobachten wurden die Bewegungen, Konsistenzen, Materialitäten, das ganze verkörperte Wissen, wahrnehmbar. 
Beim Melken und auch beim Holzen war es ähnlich: Die Bewegungen und Körperhaltungen kenne ich seit meiner Kindheit, meinte, mich an die Abläufe erinnern zu können – und musste dann feststellen, dass meine Erinnerung ungenau war. Zum Glück hatte ich einen Testleser für die landwirtschaftlichen Dinge, der mir Reihenfolgen und Aufgabenteilungen geradegerückt hat. Das lässt sich nicht googeln, um das zu vermitteln braucht es Menschen mit entsprechendem Wissen.

Was mich ebenfalls beeindruckte, sind beschriebene Stimmungen. Seien es Stimmungen in Szenerien oder solche in den Innenwelten deiner ProtagonistInnen. Klar ist Empathie eine Voraussetzung, um sich in solche Innenwelten hineinzubegeben. Wann merkst Du, dass das Gleichgewicht zwischen Nähe und der nötigen Erzähldistanz erreicht ist?
Da muss ich nachdenken. Die Stimmungen waren mir wichtig, vielleicht, weil sich damit manchmal die Innenwelten nach aussen übersetzen lassen, wenn den Figuren nicht nach Reden ist. Die können und wollen nicht alles in Worte fassen, was in ihnen vorgeht. Da habe ich versucht, ihre Umgebung so zu beschreiben, dass nachvollziehbar wird, was in den Figuren vorgeht. 
Ich glaube, bei den Figuren entsteht das Gleichgewicht in der Bewegung, im Wechsel zwischen Nähe und Distanz. Die richtige Erzähldistanz zu finden war nicht ganz einfach. Der Vorteil war, dass ich zwischen den Strängen hin und her wechseln konnte. Wenn ich bei Elisabeth nicht weiterkam, konnte ich beispielsweise zu Alois wechseln und schauen, ob der gerade gesprächiger ist. Das brauchte Geduld: So, wie wir anderen Menschen nicht im ersten Gespräch unsere tiefsten Geheimnisse verraten, musste ich die Figuren erst kennenlernen, langsam erarbeiten, was sie umtreibt und mich manchmal ebenso selbst überraschen lassen wie auch mal einzugreifen als Autorin, bewusst eine Weiche stellen im Text. 
Die Distanz zu den Figuren verändert sich noch immer: Anfangs war es nicht leicht, ihnen nah genug zu kommen. Kurz vor dem Ende der zweiten Fassung waren sie mir so nah, dass ich abends nicht einschlafen konnte vor Sorge um sie, ob das alles gut kommt – eigentlich absurd, schliesslich gab es sie nur in meinem Kopf und in einer Datei. Und jetzt, wo das Buch da ist, gehen sie ihre eigenen Wege.

Mariann Bühler, geboren 1982 in der Nähe von Luzern, hat in Basel und Berlin Englische Literatur­ und Sprachwissenschaft, Islamwissenschaft und Gender Studies studiert. Sie lebt als Autorin, Literaturvermittlerin und Veranstalterin in Basel. «Verschiebung im Gestein» ist ihr Romandebüt; für einen Auszug aus dem Manuskript wurde sie mit dem Zentralschweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Weinfelder Buchtage 2024

Webseite der Autorin

André David Winter «Die Kunst, eine schwarze Katze», Edition Bücherlese

Wann ist Kunst Kunst? Kann ich es oder renne ich nur einem Traum, einer Vorstellung hinterher? Was geschieht mit einem Leben, das weder Tritt noch Richtung findet? André David Winter setzt sich in seinem neuen Roman „Die Kunst, eine schwarze Katze“ mit einem Leben auseinander, das nach Klärung sucht, mitten in Zwängen des Gegenwärtigen.

Anina ist jung und ihr zuhause so gar nicht das, was man sich unter einem warmen Nest vorstellt. Vater und Mutter zerfleischen sich gegenseitig, eine Zerrissenheit, die sich tief in das Mädchen und die junge Frau hineinfrisst. Anina spürt, dass sie etwas finden will und muss, das sie zu sich selbst zurückführt. Aber auch ihre Karriere als Schülerin verläuft alles andere als problemlos, sodass ihr Papa immer und immer wieder der wird, der ihr aus der Verzweiflung darüber hilft, dass das Begonnene nicht dem Gewünschten entspricht.

Anina spürt schon als junges Mädchen, dass ihr das Zeichnen etwas schenkt, was sich mit keinem anderen Tun vergleichen lässt. Durch das Zeichnen erfährt sie eine Welt, die sich ihr auftut und sich nicht wie ihr Elternhaus mehr und mehr verschliesst. Sie bittet ihren Vater um die Finanzierung eines Kunststudiums in Paris, an der École Nationale Supérieure des Beaus-Art, schafft es durch die Prüfungen und landet in der Klasse eines ebenso angesehenen wie angefeindeten Professors, der es versteht, ihr eine Art des Sehens zu vermitteln, die Anina immer mehr hoffen lässt, dereinst aus ihrem Talent einen Beruf zu machen. Aber ausgerechnet jener Professor entpuppt sich als Fälscher, fällt in Ungnade und reisst die junge Studentin in eine tiefe Krise. Die Rückkehr von Paris nach Zürich ist verschüttet, genauso das, was in der Fremde ganz zaghaft zu erblühen begann.

„Schwer zu fangen diese Katze, und doch versuchen wir es, manchmal ein Leben lang. Ich mit Büchern und Sie mit Malen.“

André David Winter «Die Kunst, eine schwarze Katze», Edition Bücherlese, 2024, 192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-906907-96-3

Anina nimmt ihr Leben im permanten Zweifel wieder auf, erst recht als sie ihren Jugendfreund heiratet, schwanger wird und sich in einem Leben der Kompromisse einfügt. André David Winter zeichnet eine Frau, die erst mit der Loslösung von ihrem Mann, mit der unfreiwilligen Distanz zu ihrer pubertierenden Tochter und einem erneuten Aufbruch in die Fremde, das wieder zurückerobert, was ihr Mutlosigkeit, Frustration und Ernüchterung genommen hatten. Er zeichnet den Kampf all jener, die genau spüren, dass ihnen etwas geschenkt wäre, was sich nur durch grössten Zweifel und innere Zerrissenheit an die Oberfläche wagt. Eine junge Frau, die nicht weiss, ob das, was sie tut, „nur“ Leidenschaft oder wirklich Kunst ist.

Anina trifft jene Freundin wieder, mit der sie vor Jahren in Paris an eine Zukunft als Künsterin zu träumen wagte. Eine junge Frau wie sie, die aber mit Mann und Familie schafft, was ihr verwehrt blieb, nicht nur eine eigene Handschrift, ein Leben als Künstlerin, sondern das Selbstbewusstsein, eine Künstlerin zu sein, erst recht mit einer Familie. Anina spürt, dass sie einen Kampf aufnehmen muss, nicht nur gegen die eigene Mutlosigkeit, auch gegen Dämonen aus ihrer Vergangenheit, ihre Verletzungen, ihre tiefe Angst vor Verlust. Was zaghaft aufzubrechen beginnt, wird mehr und mehr zu einer Gewissheit.

„Während sie redete, gingen ihr Bilder der letzten Stunden durch den Kopf, und plötzlich wusste sie, dass sie und was sie malen wollte. Malen musste. Das, was niemand sieht.“

André David Winter setzt sich in seinem kunstvoll konstruierten Roman auch mit der Frage auseinander, was Kunst sein muss und soll. Welchen Formen des Sehens und Spürens man folgen muss, dass aus reiner Produktion Kunst wird. Er schickt eine junge Frau auf eine Entdeckungsreise, zurück in die Vergangenheit, hinein in ihr eigenes Leben, zurück auf die für die Kunst existenziellen Fragen, wo Geschaffenes ein Eigenleben bekommt, nicht bloss Abgebildetes ist.

André David Winter leuchtet in die Tiefen einer zerrissenen Seele und offenbart, was in seiner eigenen immer und immer wieder auflodert.

André David Winter, geboren 1962 in der Schweiz, verbrachte die ersten acht Lebensjahre in Berlin. Nach Stationen auf Bauernhöfen in der Schweiz und in Italien folgten die Ausbildung in der Psychiatrie und die Arbeit als Lehrer für Gesundheits- und Krankenpflege sowie als Gerontologe. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit – der erste Roman erschien 2007 – arbeitet Winter heute als Kursleiter und Erwachsenenbildner im Gesundheitswesen.
Er lebt mit seiner Familie im Kanton Luzern.

Rezension André David Winter «Die Leben des Gaston Chevalier»

Beitragsbild © Ayșe Yavaș

Alice Grünfelder «Postkarten aus Sri Lanka» 3/3

Füsse
gehen barfuss den sandigen Weg hinauf, begleitet wird das Mädchen von zwei Schwestern, Freundinnen vielleicht, ihr Kopf unter einem Tuch, und damit kein Blick in die Zukunft.

Boote
schweben fast, als die Flut sie holt, so leicht ist ihr Fang, das Meer rollt und rollt, am Himmel ein Kinderdrachen, sein langer Schwanz aus schwarzen Müllsäcken zusammengeklebt.

***

Bäume («Postkarten aus Sri Lanka» 2/3)
mit dunklen Striemen, Schnittwunden tropfen schon lange nicht mehr, damit anderswo schwarzer Gummi rollt.

Tee
Sträucher, in zahllosen Reihen wie Striche am Hang, Grünspitzen werden gepflückt, Säcke warten am Strassenrand – Rast nur in Waldtempeln, wenig mehr als ein hochgestellter Stein mit gelber Bauchbinde unter wiegenden Baumkronen.

***

Schuss («Postkarten aus Sri Lanka» 1/3)
und schon kommen Menschen um eine Wegbiegung, Schuss, tragen ein längliches Etwas auf ihren Schultern, Schuss, Schuss, ein „big man“ sei gestorben, sagt eine Frau, meint sie „tall“ oder „big“, immerhin ragt ein weisser Haarschopf hervor, noch ein Schuss, auf einem Strommast klebt die Todesanzeige, 90 Jahre ist er geworden, der Weg ins Jenseits muss ihm freigeschossen werden.

***

Alice Grünfelder, 1964 im Schwarzwald geboren, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd – studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin (FU, Magister Artium) und Chengdu (China), war 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Vermittelte und übersetzte von 2001-2010 Literaturen aus Asien. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche, leitet Workshops rund ums Schreiben, Lektorieren und Übersetzen und ist als freie Lektorin tätig. Von Februar bis Juli 2020 war sie für ein Sabbatical in Taipei (Taiwan). Sie ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen, schreibt Essays, Erzählungen und Romane, zuletzt bei dtv «Jahrhundertsommer«. Das Buch «Wolken über Taiwan» (Rotpunktverlag) stand 2022 auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage. Diverse Auszeichnungen, u.a. nominiert für den Irseer-Pegasus-Literaturpreis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019.

Postkarten aus Taiwan

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Alice Grünfelder

Jürg Rechsteiner «Eine seltsame Botschaft», Plattform Gegenzauber

Tell setzt sich an einen Tisch im Schiffsbauch. Trotz Kapuze ist ihm der Fahrtwind an diesem wolkenverhangenen Septembertag kurz nach Isleten zu kalt geworden. Vielleicht wäre es klüger gewesen, in Altdorf zu bleiben. Hier drin riecht es nach Flammkuchen und Kaffee, doch für seinen Rücken ist die angestaute Wärme sicher besser. Am Tisch nebenan malt ein Kind mit Farbstiften und singt vor sich hin. Er muss auf sich achten und beweglich bleiben, mit blockiertem Rücken ist nichts zu gewinnen, weder eine Verhandlung, noch ein Krieg, noch persönlicher Friede. Um all das geht es heute, und natürlich geht es um Freiheit, immer wieder geht es um Freiheit. Alle reden davon, und viele wollen frei sein. Ihm geht es um Verantwortung, so viel ist ihm inzwischen klar geworden. Der See lässt ihn für einmal nicht handeln, sondern nachdenken. Er gilt als Rebell, dabei hat er an Gelassenheit gewonnen. Schon wieder dieses Wort, gewonnen. Er hat sich nie als Anführer gesehen. Das wurde ihm auch schon als Feigheit ausgelegt. Freiheit und Führung passen nur für kurze Zeit zusammen, ist seine Erfahrung.

«Es ist Zeit, deine Waffe weiterzugeben», diese kurze Botschaft hat er vor zwei Tagen erhalten. Wer bin ich, dass ich jetzt in diesem Schiffsbauch sitze, unterwegs zu einem Geheimtreffen? fragt sich Tell. Der Gipfel des Niederbauen schaut aus den Wolken, wie ein Felsbrocken der auf einem Wolkenband schwebt, ein grauer Kopf unter einem blauen Stück Himmel. Wer bin ich? Vor Jahren hat er mit seiner Waffe einen Gewaltherrscher umgebracht. Seither lebt er mit seiner Tat. Als Held, angeblich. Die Waffe hat er noch eine Zeitlang zur Jagd von Wild gebraucht. Das hat nicht verhindert, dass seine Waffe zum Symbol geworden ist, zum Symbol für Widerstand, für gerechtfertigte Gewalt gegen Gewalt, für…, ja, für viele Deutungen ist sie dienlich. Nun soll er sie weiterreichen, andernorts würde sie gebraucht, so heisst es. Er hat sich zu einem geheimen Gespräch bereit erklärt. Doch jetzt auf dem Schiff unterwegs zu diesem Treffen kreisen seine Gedanken, ohne an ein Ziel zu finden. Ist es Eitelkeit? Selbstüberschätzung? Die Waffe lagert zuhause in einem abgeschlossenen Schrank. Soll sie dort bleiben? Als Symbol?

Das Treffen kann er nicht mehr absagen, aber er wird keine abschliessende Antwort geben. Er muss die Sache mit Hedwig besprechen. Das wird seine Antwort sein: Ich muss das mit Frau und Kindern klären. Tell ahnt, was Hedwig sagen wird. 

Jürg Rechsteiner, geb. 1956, lebt in St. Gallen. Schriftsteller und Jurist. Zuletzt Lyrikveröffentlichungen, u.a. in orte Verlag Poesie Agenda. Roman «Halbland», mehrere Hörspiele bei Radio SRF.

Beitragsbild © privat