Ahojana 10 – «Magisches Hin und Her» – Eine Postkarte aus Saleban von Owida N. Woiax
Erst dachte ich, das müsse wohl ein japanischer Ahorn sein, der mir durch das herbstlich lichte Geäst der Uidaien Pfunzdi, des «Laternenwäldchens», entgegenleuchtete. Als ich aber dann an das Ufer des namenlosen Tümpels trat, zu dem sich das Flüsschen Zela mitten in diesem Gehölz anstaut, erkannte ich meine tuala, wie man so einen kleinen «Irrtum» auf Lemusa nennt.
Etwa einen Meter über der Oberfläche des Teichs sitzt eine junge Frau auf einer Schaukel. Sie trägt ein fluffiges, kirschmyrtenrotes Gewand. Das Sitzbrett hängt an sehr langen Seilen, deren Enden weit oben in der Krone einer Eiche festgezurrt sind. Der Stamm des Baums ist meterdick, nahezu schwarz und ragt wie ein Schrägstrich in den Himmel. Gut möglich, dass die Ufer sumpfig sind und der Riese allmählich zu Boden geht. Die Frau blickt zur Seite, in den Wald hinein, als ob es dort etwas zu sehen gäbe, das ihre Aufmerksamkeit fesselt. Ich versuche zu erkennen, was es sein könnte. Doch da ist kein Tier und kein Mensch, kein Geist und kein Irrlicht. Aber wer weiß, vielleicht sind aus ihrem Blickwinkel heraus ja noch ganz andere Dinge sichtbar.
Ich winke ihr freundlich zu. Doch sie dreht nicht einmal den Kopf in meine Richtung. Ganz bestimmt hat sie gehört, wie ich nähergekommen bin. Der Weg lag voller trockener Eicheln, die unter meinen Füßen mit einem Knall zersprangen. Warum reagiert sie nicht? Ist sie eine Kröte, die nicht gemerkt hat, dass sie längst wieder zur Prinzessin geworden ist?
Es ist seltsam still in dem Wald. Kein Vogelweibchen pfeift nach einem Männchen, keine Maus raschelt durchs Dickicht, keine verirrte Wespe sucht nach ihrem Nest. Es kommt mir vor, als liege ein Bann auf den Dingen, der alles zum Stillstand zwingt. Nur die Schaukel schwingt hin und her, sachte, aber regelmäßig wie das Pendel einer Uhr. Warum eigentlich? Da ist ja keine Strömung in der Luft, die das erklären könnte, und keinerlei Bewegung im Körper der Frau. Verbirgt sich in der Krone der Eiche ein kleiner Motor, der die Seile in Gang bringt? Wenig wahrscheinlich – außerdem müsste von so einer Mechanik ja etwas zu hören sein.
Erst jetzt fällt mir auf, dass da doch ein Geräusch in der Luft liegt, ein Säuseln oder Murmeln, je nach Haltung meines Kopfes. Es scheint von der Frau auszugehen, auch wenn ich rund um ihren Mund keinerlei Regung ausmachen kann. Ich strecke mein linkes, mein besseres Ohr in ihre Richtung, forme mit der Hand einen Schalltrichter, schließe die Augen. Erst kann ich mit den Tönen nichts anfangen, dann aber erkenne ich plötzlich die Sprache darin, es ist Lemusisch: «Wabra furta, ulum, xeli, wabra hinan uach tue ueli», wiederholt die Frau wieder und wieder. Das ist ein Reim, den Kinder oft brauchen, wenn sie mit ihren Murmeln spielen und sich wünschen, ihre Kugel möge sich auf dem Terrain noch etwas weiter bewegen und sie so zum Sieg führen: «Wabra furta, ulum, xeli, wabra hinan uach tue ueli» («Roll vorwärts, sanft und sicher, roll dorthin, wo ich dich haben will»).
Kann es sein, dass die junge Dame mit dem Kindervers ihre Schaukel zum Schwingen bringt? Das wäre magisch, die Frau folglich eine Zauberin, die rot leuchtende Hexe des Laternenwäldchens. Wenn ich die Fähigkeit hätte, mit meinem Wort die Dinge in Bewegung zu versetzen, dann würde ich mich allerdings nicht darauf beschränken, eine Schaukel über einem Tümpel hin und her zu schubsen: Ich würde mich eher auf einem Stuhl in den Himmel hinaufkatapultieren oder knapp über dem Boden durch die Landschaft schweben.
Keine Hexe, also. Nur, was ist sie dann? Ich gehe etwas nach links, so dass sie mich sehen muss, winke ihr erneut zu und rufe freundlich: «Kuil milun flak!» («Was für ein hübscher Teich!»). Allein, auch jetzt bleibt sie unbewegt sitzen, den Kopf zur Seite gewandt. Ich kann nicht mal ein Zucken in ihrem Gesicht entdecken. Leicht beleidigt greife ich nach einem flachen Stein und lasse ihn hinter ihr über die Wasseroberfläche hüpfen. Keine Reaktion.
Nun, dann eben nicht. Ich gehe weiter in Richtung Quisville. Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um. Der Tümpel ist nun nicht mehr zu sehen. Und, was da rot durch die Äste leuchtet, könnte, von hier aus auch gut japanischer Ahorn sein.
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt. Zuletzt erschien bei Rotpunkt der Episodenroman «Der Verlag», geschrieben von Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli und Karin Rey.