Das Buch ist kein Comic, der Erwartungen an Action und Tempo bedient. Das Buch handelt von inneren Ereignissen, von Wahrnehmungen in der Kindheit und von Sensibilität bis heute. Im Prosabetrieb wäre von einer „jungen, vielversprechenden Stimme“ die Rede.
Eine Zeugenbefragung als Selbstbefragung
Julia Trachsels Debutroman ist eine visuelle Narration
Gastrezension von Hans ten Doornkaat, Lektor, Publizist, Dozent
Das Buch zeigt – wie ein Lyrikband – viel Papierweiß; Raum für eigenes Denken. Das Buch heisst zu Recht „Alles in allem“.
Die Zeugenbefragung wird zur Poetikvorlesung
Der Einstieg widersetzt sich einer Handlung, die vorwärtsstrebt. Die Ich-Erzählerin führt sich als unsichere Erzählerin ein. Sie ist Zeugin eines tödlichen Unfalls und sagt: “Ich bin nicht mal sicher, ob ich es gesehen habe.“
Erst das Erleben macht ihr das Sehen bedeutsam. Der Polizeibeamte, der sie auf dem Posten befragt, wirkt unbeholfen. Er versucht eine entspannte Stimmung zu erreichen. Auch aus eigener Not? Die Protagonistin ist indes schon im Geflecht ihrer Wahrnehmungen. Sie weiss viel über sich und weiss gerade deshalb, dass sie nie genug weiss.
Es liegt nahe, von einer Autofiktion zu sprechen. Biografische Informationen zur Künstlerin im Netz und Momente in ihrem Erstling lassen sich verknüpfen. Doch macht die Geschichte deutlich, dass nicht die Fakten zählen, sondern die subjektive Wahrnehmung. Schon deshalb meide ich eine Lesart, die Figur und Urheberin verbindet. Faktisch lässt sich festhalten: Julia Trachsels Debut hat schon im Projektstadium mehrere Jurys überzeugt. Sie erhält 2022 das Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte und einen Beitrag von Pro Helvetia, 2023 ein Förderstipendium des Kantons Thurgau, und 2025 spricht ihr die Kulturförderung des Kantons Luzern einen Werkbeitrag zu. Trachsel absolvierte erst die PH Thurgau, war Primarlehrerin in Zürich und studierte dann „Illustration Fiction“ an der HSLU Design Film Kunst. Ebenso wichtig für ihr heutiges Arbeiten ist wohl ihr Engagement im Herausgeberkollektiv des Comic-Magazins DIE NOTBREMSE – ihr Netz und Nest in Luzern.

Der Aufstieg der Graphic Novel zur anerkannten Literaturform ist kaum zu trennen von der Entwicklung biografischer Darstellungen mit autobiografi–schem Bezug: Von „Maus“ über „Persepolis“ bis zu viel beachteten Büchern von Lika Nüssli. Diese Werke folgen, bei aller individuellen Differenzierung, einer Lebenslinie als Erzählfaden. Ganz anders Trachsel: Sie bohrt in die Tiefe, sucht in der Kindheit, aber nicht einfach um eine biografische Last abzutragen, sondern entlang der Assoziationen, die die Zeugenbefragung auslöst. Wann ist ihr Tod begegnet? Wann zum ersten Mal?
Wie geht Einfühlen, wie Erinnern?
Die Satzzeichen machen die Unschärferelation: Wie geht Einfühlen? Wie Erinnern! Julia Trachsel reagiert mit ihrem Stil: Sie arbeitet am Verwischen, der Linien, der Bilder. Wiederholt ist von Loslassen die Rede. Aber wenn es überall um Loslassen geht, ist die Thematik nicht weg, sie ist nur verteilt „Weichzeichnen“ ist ein heikler Begriff. Er klingt samten-soft und riecht klebrig. Nicht hier, obschon Trachsels Linien im Lauf der Arbeit weicher, verwischter wurden. Weil frühe Zustände ihrer Arbeit dank Berichterstattung zu Auszeichnungen im Netz zu finden sind (Link) lässt sich das vergleichend verfolgen. Die faserigen Linien, die Schmierspuren des Radiergummis und die Grauwolken, die zum Arbeiten mit weichen Bleistiftminen gehören, sind eben kein Ausdruck von Schönreden, also Weichzeichnen. Sie sind Werkspuren, Zeichen harten Erarbeitens (und eine Position gegen KI).
Das Assoziationen der Erzählerin sind wie die kleinen Panels Puzzleteile, die besser zusammenfinden, wenn man sich treiben lässt, statt stimmiges Einpassen zu suchen. Aber der Stream-of-Consciousness fliesst letztlich streng kontrolliert. Spannender als das Verorten im Erleben der Künstlerin ist deshalb das Herauslesen der Bildsignale und Strukturen, mit denen sie den Strom der Wahrnehmungen lenkt. Die Erzählgegenwart der Zeugenbefragung gibt eine Richtung vor: Wir sehen den Beamten nie ganz. Wir sehen überhaupt keine Figur ganz. Aber wir sehen den Schreibtisch, sein Hemd, den Kaffeebecher; immer focusiert, mit den Augen der Erzählerin. Sie bindet uns ein in dieser formalisierten Situation. Zugleich aber driftet die Erzählerin ab, in ihre Erinnerungen. Und sie nimmt uns mit. Wir fliegen mit ihr zurück, fast unverbindlich schwebend, aber wir sehen sie als Kind, das alles aufnimmt und wahrnimmt, das dünnhäutig ist und sinniert. Das Gestern ist so der Ort, an dem die Erzählerin Verletzungen sammelt (oft klebt ein Pflaster auf dem Mädchenknie) und wo sie lernt, die Gerüche des Vaters, die Stimmungen der Mutter, die eigene Verlorenheit stets so zu integrieren, dass sie damit ansatzweise einen Umgang findt. Es gelingt der Protagonistin doch, dass sie Beunruhigendes in jene Form der Sensibilität umwandeln kann, die das Einfühlen ermöglicht. Aber das Zeigen fixiert nicht einfach, Trachsel zeichnet Labilität.
Mit dem Layout erzählen – ein Close Reading

In der Abfolge strenger Panelraster ist die doppelseitige Illustration Zäsur und Oase. Hier wirkt sie auch wie ein Kapiteltitel. Doch schon tragen die flottierenden Textkästen einen davon, während die Erzählerin am Umstand hängenbleibt, dass sie kein Bild hat vom Gesicht des Verunfallten.

Der Polizeibeamte kommt zurück an den Tisch. Die Zeugin beklagt die Hitze, Er klickt den Ventilator an. Wortlosigkeit, übertönt vom Surren, das Trachsel in Szene setzt. Das Rotieren aber führt über zum – Umblättern – zum Rad,

zum Eindruck vom Busrad, das den Mann tötete. Doch die Assoziation schlägt Haken: Das Kinder der Erinnerung sitzt im Bus, es lächelt Menschen an, „penetrant“. Es sucht ihren Blick, ihre Aufmerksamkeit, „so lange, bis sie zurücklächelten. Meistens taten sie es.“ – Umblättern –

„Aber da war … – … diese Frau.“ Das Kind erlebt die Grenzen seines Tricks, seines rettenden Charmes. Noch mehr als die Zeichnungen erzählt das Layout. Faxen und Lächeln scheinen noch Kontakt suchend auf, vereinzelt, aber jede Regung ist der stummen Gegenüberstellung untergeordnet.

Trachsel weiss zu steigern. Sie geht näher ran und nimmt uns in die Konfrontation, mit beiden. Keine Steigerung scheint mehr möglich. Die Starre im Blick und die erstarrte Situation fordern Rückzug.

Der Erzählerin bleibt nur, wieder über ihrer Figur zu schweben, sie in ihrem Unwohlsein zu zeigen. Das Mädchen weiss nicht, wohin mit den Händen.
Doch die Hände gehen ihren eigenen Weg. Erst helfen sie dem Kind, sich zu verbergen, dann umfassen sie das Gesicht. Sie spalten das Geschehen ab, halten die Welt aussen vor. Zurück bleibt ein radartiges Objekt. Man liest das Gebilde als Fazit der Sequenz auf der rechten Buchseite, als Einkapselung eines Traumas, doch … – Umblättern –

die äussere Form und die innere Bedeutung führen uns zurück in die erzählte Gegenwart.
Diese dichte Form des Erzählens, dieses Intensivieren mit dem Seitenrhyth–mus, den Cuts im Umblättern und mit der Regie auf der Doppelseite, das alles hält Julia Trachsel über 224 Seiten durch. – Der strenge Panelraster verliert dabei alle Enge, denn die Lektüre des gezeichneten Romans lehrt auch, die Sehflächen als Ganzes zu lesen, nicht nur entlang der Bildzeilen. Trachsel hebelt die Gesetze der linearen Prosa und des simultanen Bildangebotes gleichsam aus. Es ist fasziniert, wie eine Künstlerin in ihrem Erstling solche konzeptuelle Höhen erreicht und gleichzeitig nahe an jedem Detail. Die Narration zeigt das Erleben der Protagonistin als ein Alles-in-allem Leben. Sie empfindet so, und die Autorin spielt – neben aller Fokussiertheit im Einzelnen – souverän mit Leerstellen.
Schriftsorten klären Textsorten
Das Reden Dritter erscheint in Handschrift, leicht krackelig, aber in Strichstärke und Farbe wie die Bildebene. Das Erzähl-Ich hingegen spricht mit einer intensiv grünen Satzschrift; zu eng laufend, um monumental zu wirken, und doch markant, unverrückbar. Diese Anmutung passt auch zu Feststellungen, die gelegentlich sentenzenhaft wirken („Die Menschen lieben es, zu erzählen“, S.213). Aber die Situierung im Seitenraum, das Wiederaufnahme des Stichwortes („Also“ – „Erzählen Sie“) und die Verfremdung der Aussage, aufgeteilt im Bildraster, verwandelt das Flache solcher Sätze in glaubwürdige Denkmuster. Und wer weiss nicht um die Flucht ins Formelhafte, wenn einen Gefühle überfluten?
Das Ergründen der eigenen Sensibilität und die „beiläufige Gegenwart“ (S.57) der Wahrnehmung treten als geballte Ladung von Proust-Momenten auf. Aber diese führen nicht einfach in die Tiefe, sie beanspruchen Breite. Die Präzision der Erinnerungen und Gefühle ist eben mehr als nur exakte, lineare Beschreibung. Trachsel fächert die gedanklichen Bewegungen im Raum auf. Sie friert die Emotionen ein. Sie zergliedert die Erkenntnisbewegungen in Minimalportionen, so wie der Fotograf Eadweard Muybridge die Gangart von Tieren und Menschen festhielt. Wer diese Studien kennt, erinnert vielleicht, dass sie oft vor Massrastern fotografiert wurden. Das Auffächern von Bewegung, ob im Innern oder im Raum, braucht die Verlangsamung durch kleinste Einheiten, um das Grosse zu buchstabieren und das Ganze zu zeigen.
Julia Trachsel, 1988 in Mammern (CH) geboren, studierte an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und erwarb 2010 den Bachelor of Arts in Primary Education. Nach einer Station als Primarlehrperson in Zürich absolvierte sie das Studium Illustration Fiction an der Hochschule Luzern, das sie 2020 erfolgreich abschloss. Für «Alles in allem» erhielt sie 2022 das Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte und den Kreationsbeitrag von Pro Helvetia sowie 2025 den Werkbeitrag des Kantons Luzern. Sie ist Mitherausgeberin des Comic-Magazins ‚Die Notbremse‘. Julia Trachsel lebt und arbeitet als Illustratorin und Comiczeichnerin in Luzern.
Beitragsfoto © David Fürst / Illustrationen © Edition Moderne / Julia Trachsel
