Dass Augenblicke einem Leben eine andere Richtung geben können, wissen wir. Erst recht vier Minuten ohne Puls. Die Altmeisterin Monika Maron erzählt von Lea, deren Lebensfaden eigentlich schon gekappt war – und stellt damit existenzielle Fragen.
Wir sind eingebettet in ein Leben, von dem wir überzeugt sind, wir hätten es selbst eingerichtet. Wir hätten all die Entscheidungen getroffen, die Richtung gewählt, vielleicht nicht immer das Richtige getan, aber es doch zumindest versucht. Wir leben unser Leben, als wäre es nach einem Muster, als gäbe es einen Plan. Dabei vergessen wir, dass jeder Augenblick unsäglich viele Varianten in sich trägt, dass wir manchmal sogar mit Absicht die Augen vor dem verschliessen, was Wegweiser hätte sein können. Wir bewegen uns scheinbar vorwärts, als gäbe es eine weisse durchgezogene Linie, der man nur zu folgen braucht. Oder andere vertrauen darauf, dass da ein göttlicher Plan bestimmt, dass uns Vorsehung leite.
Der Gedanke, dass ich nur zufällig noch am Leben war, nistete wie ein Gespenst in mir.
Lea Nowak, erfolgreiche Journalistin, Parlamentskorrespondentin, wird auf dem Weg zur Arbeit von einem roten Audi angefahren. Sie bleibt liegen, ihr Herz steht still. Nur weil sich ein junger Arzt zufällig in der Nähe befindet und Lea zu Hilfe eilt, beginnt ihr Herz wieder zu schlagen. Nach vier Minuten. Nicht nur ein Arzt eilt herbei, auch ein katholischer Priester. Als Lea im Krankenhaus aufwacht und von ihrer glücklichen Rettung erfährt, versetzt sie das Geschehene in den eigentlichen Taumel, in einen Zustand maximaler Verunsicherung. Nicht nur weil der Zufall ihr das Leben rettete, nicht nur weil der Arzt in aller Selbstverständlichkeit reagierte und sie zurück ins Leben holte, sondern weil sie sich erzählen lassen musste, dass da ein Priester auf der Strasse neben ihr und dem reanimierenden Arzt kniete und betete. Ausgerechnet bei ihr, die sie nicht an einen Gott glaubt, nichts, aber auch gar nichts mit Kirche verbindet.
Ich misstraute Psychiatern, die schliesslich verpflichtet waren, hinter jedem Konflikt eine Ursache, für jede seelische Verwirrung die Lösung zu finden und darum zur Not auch Eindeutigkeiten erfinden mussten, wo es keine gab.

Lea wacht im Krankenhaus auf und alle Selbstverständlichkeiten haben sich verflüchtigt. Was soll in der Zeit, die ihr nun geschenkt wurde, noch passieren? Ist das, was ihr Leben ausmachte, jenes Leben aus dem sie gerissen wurde, das wahre, das hätte sein müssen? Hätte es in der Vergangenheit Momente gegeben, auf die sie anders hätte reagieren sollen. So wie damals, noch vor dem Mauerfall, als sie aus lauter Enttäuschung ihre erste grosse Liebe fallen liess, jenen einen, letzten Brief nicht öffnete, nicht las und sich danach in eine Beziehung fallen liess, die keine Liebe war? Was wäre passiert, wenn sie doch Wissenschaftlerin geworden wäre, so wie jener Vater einer Freundin damals aus der DDR, der sie so sehr beeindruckte?
Wahrscheinlich ist es albern, aber ich suche einen Sinn hinter meiner Rettung.
Sie ist zurückgeworfen auf sich selbst. Versucht, Ordnung in ihr Leben zu bekommen, muss ärztlich verordnet zuhause bleiben, mit sich selbst, mit all dem, was die Hektik ihres Journalistenlebens beiseite geschoben hatte, nicht nur Erinnerungen und Unverarbeitetes, auch die Reflexion darüber, was übrig geblieben ist, was in Ordnung gebracht werden sollte. Letztlich will sie nicht nur sich selbst, sondern auch Cora, ihrer einzige wirkliche Freundin, beweisen, dass sie sich mit dem konfrontiert, was ihr Leben vor sie hinschwemmte. Auch die Fragen, was aus ihrem Leben geworden ist, aus ihren Hoffnungen, ihrem Glauben an die grossen Geheimnisse, nicht zuletzt an die Liebe.
Lea spürt, dass sich etwas ändern muss. Unter anderem schreibt sie einen Brief jenem Mann, dessen Brief sie damals verweigerte.
Monika Marons Roman stellt sich existenziellen Fragen. Klar und feinsinnig spielt sie mit dem Konjunktiv des Lebens – was hätte sein können oder müssen. Ein Buch, das erfrischend zur Selbstbefragung zwingt, das zeigt, wie direkt ihr Blick auf Lebenswirklichkeiten ist. Und letztlich überraschend bis zum letzten Satz.
Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. Sie wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik nach Hamburg und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und mehrere Essaybände. Ausgezeichnet wurde sie mit diversen Preisen, darunter der Kleistpreis (1992), der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2003), der Deutsche Nationalpreis (2009), der Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2011), der Ida-Dehmel-Literaturpreis (2017), sowie der Stahl-Literaturpreis (2025). Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt der Essayband Was ist eigentlich los? (2021), der Roman «Das Haus» (2023), sowie die Erzählung «Die Katze» (2024).
Beitragsbild © Jonas Maron
