Noëmi Lerch vor vollem Haus

Noëmi Lerch war mit ihrem Roman «Grit» der letzte Gast in der Reihe «Wortklang – Klangwort» mit junger CH-Literatur. Nach Yaël Inokai, Arja Lobsiger, Dana Grigorcea und Julia Weber performte Noëmi Lerch zusammen mit den Musikern Christian Berger und Dominic Doppler den Abschluss der abenteuerlichen Reihe zwischen Literatur und Musik.

© Philipp Frei

Schon eine halbe Stunde vor Beginn füllte sich das kleine Foyer im Theater 111 St. Gallen. Man trank Wein, unterhielt sich, eine lockere Stimmung. Nichts vom erwartungsvollen Bangen anderer Abende, ob sich die Zuschauerreihen wohl füllen würden. Kein Hadern und Suchen nach Gründen, warum sich kaum jemand ins Traumland zwischen Literatur und Musik locken liess. Nicht einmal das feuchte Wetter, der Matsch auf den Strassen, das Schneegestöber hielten die Besucher zurück.

© Philipp Frei

Als ob es ein Zeichen gewesen wäre, ein Fingerzeig, den Plan, frische Formen der Literaturperformance zu finden, ja nicht aufzugeben.
Noëmi Lerchs Romanausschnitte aus «Grit» machen es dem Zuhörer zwar nicht leicht. Noëmi Lerch erzählt nicht einfach die Geschichte dreier Generationen auf einem Hof am Rande einer Ebene. Noëmi Lerchs Bilder sind Inneneinsichten und fokussierte Aussenansichten, manchmal rätselhafte Furchen ins Holz der Zeit. Aber zusammen mit der Musik von «Stories» (Christin Berger Gitarre und Dominic Doppler Drums) wuchs im intimen Kleintheater ein dichter Teppich aus Wort und Klang.

© Sandra Kottonau

Das Zusammenspiel von Literatur und Musik wird weitergehen. Im Herbst 2019 werden die Scheinwerfer im Theater 111 ihr Licht auf vier neue Abenteuer bündeln. Daten sind fix, Dichter und Dichterinnen gefragt, ein neuer Plan in Entwicklung, die Freude darauf gross. Abenteuer werden es sein, weil sich die Initianten dorthin wagen, wo auch für die Veranstalter das Abenteuer beginnt.

© Sandra Kottonau
«Durch den Schnee zum Theater 111 gekommen. Dank der Ruhe all der Anwesenden und des Ortes ganz in die Wärme des Lichtes auf der Bühne eintauchen können. Die Musik wie Wasser um mich. Meine Geschichte hat sich darin aufgelöst, wurde unsere Geschichte. Ich habe gestaunt, wie leicht es ging. 
Die Geschichte hat sich selber erzählt und wir haben zugehört.» Noëmi Lerch
Beitragsfotos © Sandra Kottonau und Philipp Frei

Daniel Sonder «Der Schönschreiber», ein Interview mit Urs Heinz Aerni

Wenn die ‚Diktatur der Körperlichkeit’ gebrochen wird
Der in Chur geborene Daniel Sonder legt mit „Der Schönschreiber“ seinen ersten Roman vor, der literarisch an das Eingemachte des Menschlichen geht.

Urs Heinz Aerni: 1952 wurden Sie in Chur geboren und nun erschien Ihr erster Roman. Wie muss man sich die Reifung dieses Buches vorstellen?

Daniel Sonder: Reifung ist in diesem Zusammenhang ein guter Begriff. Der Entstehungsprozess des Buches hat sich über Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte hingezogen. Zunächst war’s einfach der Hang, Einfälle, Ideen, aber auch Erlebtes schriftlich festzuhalten. Vielleicht der Versuch, seinem Wesen nach Flüchtiges irgendwie zu bannen, oder banaler, auch nur die Eitelkeit, sich in wohlformulierten Texten eine Art Miniaturdenkmälchen zu setzen. So hat sich im Laufe der Zeit das eine oder andere angesammelt.

Aerni: … So wie auch die Korrespondenzen?

Sonder: Ja, später kamen dann noch Inspirationen durch Briefe, die im Zuge meiner Aktivitäten auf Partnerbörsen entstandenen sind, hinzu. Ernsthaft ein Romanprojekt ins Auge gefasst habe ich aber erst nach meiner vorzeitigen Pensionierung. Der „Schönschreiber“ ist dann innerhalb von etwa zwei Jahren entstanden, wobei sich Phasen konzentrierten Arbeitens ablösten mit solchen, in denen die Stimmung vorherrschte, dass aus dem Buch eh nichts würde. Zeiten während denen ich dann über Wochen auch nicht eine Zeile zu Papier brachte.

Aerni: Der Text ist dicht, die Gedanken sind verspielt. Wenn ich sage, dass man das Buch nicht einfach liest, sondern dass man sich am Buch lesend labt, was meinen Sie dazu?

Sonder: Da fühle ich mich zunächst etwas geschmeichelt. Denn, ein Buch, das einem erlaubt, sich daran zu laben, wie Sie es ausdrücken, dürfte über reine Unterhaltung hinaus wohl noch einiges mehr zu bieten haben. Hier zu widersprechen, sehe ich natürlich wenig Anlass.

Aerni: Nur zu!

Sonder: Eben, kein Widerspruch. Es bleibt allerdings die Frage, welchem Typ Leser sich dieser Mehrwert am ehesten erschliesst. Ich denke, es ist nicht schlecht, wenn etwa der Begriff Denklust nicht nur Befremden bei einem auslöst. Auch vorteilhaft dürfte sein, wenn einem gleichsam das Jonglieren mit Möglichkeiten näher ist, als das Bemühen, letztgültige Antworten zu fassen zu kriegen. Eine weitere hilfreiche Voraussetzung dürfte ein gewisses Mass an Robustheit sein gegenüber Schilderungen, die dem Pornographischen zuneigen.

Aerni: Sie geben mir das Stichwort; der Romanheld W. bezirzt Frauen durch seine Schreibe, das auch mal in den Chat-Sex rutscht. Welche Vorteile bringt die heutige Kommunikationstechnik dem Flirtwilligen aus Ihrer Sicht?

Sonder: In der leibhaftigen Begegnung ist allem was ich sage von Anbeginn ein enger Interpretationsrahmen vorgegeben, bedingt durch meine blosse physische Präsenz.
All meine Aussagen sind dann immer schon die von jemandem, der so und so aussieht, sich so und so bewegt, dessen Stimme einen bestimmten Klang hat etc. In gewissem Sinne bin ich dann gezwungen, der zu sein, welcher mir meine Körperlichkeit vorschreibt.
 Im rein textlichen Austausch wird das überwunden, findet eine befreiende Entkörperlichung statt. Ein gutes Stück weit selbst dann noch, wenn auch Fotos ausgetauscht werden. Die Verhältnisse werden damit im Vergleich zur Situation, wo am Anfang des Kennenlernens die leibhaftige Begegnung steht, gerade umgekehrt. Nicht die Körperlichkeit legt fest, wie das Gesagte interpretiert wird…

Aerni: Sondern?

Sonder: …sondern vielmehr entscheidet das zuvor Geschriebene zumindest in massgeblichen Teilen darüber, wie die physische Erscheinung und alles was damit einhergeht wahrgenommen wird.

Aerni: Also eine Art Umkehrschub von Körper zum Geist und dann wieder zurück?

Sonder: Ja, und damit wird die Diktatur der Körperlichkeit gebrochen und mein Denken wieder ermächtig, entscheidend mitzubestimmen darüber, wer ich für mein Gegenüber bin. Eine tolle Sache, wie ich finde, und nicht nur für Menschen, die als äusserlich wenig attraktiv gelten.

Aerni: Das Buch fabuliert zwischen Ironie, Philosophie und fast schon Juxerei mit erotischem Unterton. Sie entschieden sich für die Gattung Roman, war das immer schon von Anfang an klar?

Sonder: Schon in einer frühen Phase des gezielten Materialsammelns wurde deutlich, dass die inhaltlichen Ideen, die ich in dem Buch unterbringen wollte, sehr vielgestaltig sein würden. Gleichzeitig schwebte mir vor, mich unterschiedlicher Formen der Sprache zu bedienen. Vor diesem Hintergrund hielt ich es für notwendig, irgendwie etwas Durchgängiges, ein verbindendes, Zusammenhalt stiftendes Element einzuführen. Da lag dann der Gedanke an eine zentrale Figur, in deren einheitlichen Lebenswelt sich all das gebündelt findet, nahe. Damit war der Protagonist W. geboren und mit ihm der Entscheid für die Gattung Roman getroffen.

Aerni: Ein Protagonist, bei dem Sie dann quasi literarisch die Zügel schleifen lassen konnten?

Sonder: Sie sagen es. Dieser W. konnte sich nun in menschenleere philosophische Gefilde emporschwingen, sich in romantischem Verführungsgeflüster ergehen, in Debatten heftige Attacken reiten, seine sexuellen Phantasien ins Abseitige schweifen lassen oder auch alltägliche Beobachtungen anstellen und abenteuerliche Gedanken daran knüpfen. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Ironie aufscheinen lassen wo er grad lustig war und Zweifel einstreuen, wo Ideen ihm allzu sehr nach Wahrheit schielten. Und bei all dem war es immer die eine Person W., und damit seine Perspektive und seine Welt, die der ganzen Heterogenität Einheit und Verbundenheit brachten.

Aerni: Sie waren lange in der Softwareentwicklung tätig, was kühl und technisch vorzustellen ist, könnte sich durch die Jahre über eine Lust des Erzählens nah am Menschsein aufgestaut worden sein?

Sonder: Ihre Frage geht von der naheliegenden Annahme aus, dass die beiden
angesprochenen Tätigkeiten von irgendwie gegensätzlicher Natur sind.

Aerni: Ist dem nicht so?

Sonder: Seltsamerweise habe ich die Unterschiede gar nicht als so ausgeprägt erlebt, wie man das wohl allgemein erwarten würde. Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass es sich in beiden Fällen um ein kreatives Tun handelt, dessen Ergebnis die Form von, wenn auch sehr verschieden gearteten, Texten hat. Sowohl der Programmierer als auch der Schriftsteller sind ja abstrakt betrachtet mit nichts anderem zugange, als dem Erstellen von Zeichenketten. Eine weitere mögliche Parallele findet sich auch im Buch selbst angedeutet. Dort, wo der Protagonist der Frage nachgeht, ob seine Verführungsbriefe und ihre Wirkung bei den Adressatinnen nicht Ähnlichkeit haben könnten mit Trojanern, also Computerviren, die einmal eingeschleust ein Eigenleben führen und dabei gleichsam subversive Aktivitäten entfalten.

Aerni: Interessante Vergleiche…

Sonder: Was Sie in Ihrer Frage thematisieren, habe ich mir übrigens auch schon früher mal überlegt und bin dann zum zugegeben etwas hemdsärmeligen Vergleich gelangt, dass schreibendes Erzählen ungefähr so ist wie Programmieren angetrunkenem Zustand.

Aerni: Ein Pfau ziert das Buchcover, was so manches schlussfolgern lässt…

Sonder: Nun, der Pfau gilt ja weithin als Symbol der Eitelkeit und das wohl mit gutem Grunde. Haben Sie schon mal mitverfolgt, wie solch ein seltsames Wesen das Rad schlägt?

Aerni: Aber sicher, das geschieht mit zitterndem Brimborium…

Sonder: Das ist eine Performance von geradezu grotesker Selbstgefälligkeit. Der Narzisst im Reich der Tiere… Und W. der Held des Buches hat wohl auch eine narzisstische Seite, ob das auch auf den Autor des Werks zutrifft, bleibt der Spekulation der Leser überlassen. Und natürlich gibt der Pfau auch einfach ein schönes Bild ab und funktioniert dadurch bestens als Blickfang. Durch die Penetranz der Eitelkeit erfährt die Faszination aber auch eine Brechung, welche zusätzlich ein Element des Misstrauens ins Spiel bringt. Das alles passt eigentlich ganz gut zum Inhalt des Buches.

Aerni: Wenn ich ein Gemälde mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen malen würde, wie müsste es aussehen?

Sonder: Da gerate ich als erstes gerade ein wenig in Verlegenheit. Sie reden von einem Menschen und ich sollte jetzt wohl entscheiden, ob Frau oder Mann.

Aerni: Nicht nur…

Sonder: Nun, ich habe schon einige Male zu hören gekriegt, dass es sich beim „Schönschreiber“ vor allem um ein Männerbuch handle. Eine Einschätzung, die ich so nicht teilen mag. Um hier ein Gegengewicht zu setzen, soll der Mensch auf dem Bild deshalb eine Frau sein. Eine Frau reiferen Alters auf einer Terrasse an erhöhtem Ort sitzend, auf einem edel anmutenden, verschwenderischen Raum bietenden Lounge-Sessel. Es ist Sommer am späten Nachmittag, der Himmel wolkenlos. Die ärgste Hitze hat bereits ihren Rückzug angetreten, derweil ein leiser Windzug sich bemerkbar macht. Die Füsse der Frau sind nackt, ansonsten ist sie zwar sommerlich, aber in einem Masse stilvoll elegant gekleidet, wie es nicht so recht zur Situation passen will. Sie verströmt Kultiviertheit und Sinn für Ästhetik. Die Vorstellung, sie könnte adliger Abstammung sein, wäre nicht abwegig. Das Buch liegt aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben auf ihrem Schoss. Man erkennt, dass diesem Augenblick der Ruhe ein langes konzentriertes Lesen vorausgegangen ist. Den Kopf hat sie jetzt angehoben und den Blick geöffnet gegenüber der Weite, nicht suchend, einfach nur schauend. Sie scheint etwas zu erahnen, ohne es aber wissen zu wollen. Und ihre Augen, vielleicht sind sie umspielt von einem feinen kaum wahrnehmbaren Lächeln.

Daniel Sonder studierte Psychologie und Philosophie in Zürich, war anschließend viele Jahre in der Sofwareentwicklung tätig aber das Schreiben habe ihn „mehr oder weniger im Verborgenen schon lange beschäftigt“. Nun tritt der Vater von drei erwachsenen Töchtern mit Wohnsitz in Meilen am Zürichsee mit seinem Roman „Der Schönschreiber“ zum ersten Mal auf die Bühne des Literaturbetriebes.

Norbert Gstrein «Die kommenden Jahre», Hanser

Richard und Natascha sind ein Paar, Fanny ist ihr Kind. Richard ist Glaziologe, Gletscherforscher, Natascha Schriftstellerin. Es gab eine Zeit, da interessierten sich sich für die Welt des anderen. Das Interesse ist Sache geworden, Intimität entglitten, Missverständnis und Negativdeutung der Normalfall. Und als Natascha im Sommerhaus am See eine syrische Familie einquartiert, droht alle Selbstverständlichkeit zu kippen.

Norbert Gstrein scheut sich nicht, politische und gesellschaftliche Themen zu den seinen zu machen. Sein Roman ist vielschichtig. Es sind Szenen einer auseinanderbrechenden Ehe. Was tun, wenn das Schicksal geflüchteter Familien plötzlich zum eigenen Schicksal wird? Wenn die Bedrohungen von Fremdenfeindlichkeit, diffusen Ängsten und Hass bis in die eigene Familie wirken? «Die kommenden Jahre» ist ein Roman über einen Mann, der sich meine Sympathie durch Feigheit verspielt. Es ist gar nicht so einfach, den Protagonisten zu mögen, denn ich würde ihn gerne aus seiner Lethargie schupsen. Ein Krisenroman; über die Klimakrise in Ehe und auf den schwindenden Gletschern, in Krisen innen und aussen.

Richard ist oft weg von seiner Familie, auf Forschungsreisen und Kongressen. Und seit seine Frau in ihrem Wunsch, etwas Positives in einer immer akuter werdenden Gesellschaftskrise zu tun, einer syrischen Flüchtlingsfamilie das Sommerhaus als vorübergehenden Wohnsitz einrichtet, wird seine Abwesenheit immer mehr zur Flucht, zu einem Absprungbrett in seinem Kopf. Was wäre wenn?

Da ist sein kanadischer Freund Tim, der sich nicht binden lässt. Ein Mann, der an seine Grenzen geht und darüber hinaus. Etwas, was Richard nicht gelingen will, schon gar nicht in seiner Ehe, im Konflikt um das Sommerhaus am See. Da ist seine mexikanische Kollegin Idea, wie Tim ebenfalls Gletscherforscherin. Eine Frau, die ausspricht, was er kaum zu denken wagt, eine Frau, die seine Feigheit spürt und sie mehr als deutlich spiegelt. Eine Frau, zu der sich Richard hingezogen fühlt, genauso wie zu Nataschas Zwillingsschwester, die vor Jahren bei einem tragischen Unfall starb. Ein Unfall, bei dem Richard Schuld mit sich herumträgt.

Da ist diese Familie aus Damaskus, zu der Natascha Nähe sucht, zur Beschützerin wird, mit der ihr Schreiben verwickelt wird, an der sich die Ehe zerreibt. Das Haus am See, einst Ferienasyl der Familie, nun Asyl einer vom Krieg vertriebenen Familie. Brennpunkt von Auseinandersetzungen, Schauplatz in Zeitschriften und Zeitungen, bis Gefühle überkochen und ein Schuss fällt.

Ein Roman über Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Bin ich das, was ich will? Ist das, was ist, die Wahrheit? Wie viel spiele ich mir selbst vor? Habe ich Angst vor Entscheidungen? Lebe ich das Leben, das mir zusteht, von dem ich will, das es meines ist?

Auch wenn es vordergründig um eine Flüchtlingsfamilie geht, darum, was aus Hilfe werden kann, wie gute Absichten schlechte Auswirkungen nach sich ziehen können – auch wenn es die Geschichte eines Unentschlossenen, eines Feiglings ist, ist «Die kommenden Jahre» in erster Linie ein hervorragender Eheroman. Die Geschichte von Verfahrenheit und Ausweglosigkeit. Norbert Gstrein malt nicht aus, bringt Unordnung in das eigene Denken, stösst mich als Leser wie das Leben selbst in Situationen, aus denen es eigentlich keine Rettung gibt.

© Gustav Eckart

Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Er erhielt unter anderem den Alfred-Döblin-Preis und den Uwe-Johnson-Preis. Bei Hanser erschienen «Die Winter im Süden» (Roman, 2008), «Die englischen Jahre» (Roman, Neuausgabe 2008), «Das Handwerk des Tötens» (Roman, Neuausgabe 2010), «Die ganze Wahrheit» (Roman, 2010), «In der Luft» (Erzählungen, Neuausgabe 2011), «Eine Ahnung vom Anfang» (Roman, 2013) und «In der freien Welt» (Roman, 2016).

Linn Ullmann an der BuchBasel

Linn Ullmann letztes deutsch erschienenes Buch «Die Unruhigen» erzählt von ihren drei grossen Lieben. Jener zu «Hammars», dem Ort am Meer, an dem ihr Vater ein Haus gebaut hatte. Der Liebe zu ihrem Vater, dem Filmemacher Ingmar Bergmann und jene zu ihrer Mutter, der Schauspielerin Liv Ullmann. Drei Lieben, bei denen es kaum gemeinsame Liebe gab, kein Familienidyll, kein Bild von Vater, Mutter und Tochter.

Ob nacherzählt oder Fiktion, ob erinnert oder gewoben, spielt keine Rolle. «Die Unruhigen» ist ein ganz eigener Familienroman, ein behutsame Annäherungen an Menschen, die unglaublich viel Raum für sich beanspruchen. Ein Familienbuch. Das Buch einer Annäherung. Ein Buch der Tochter über ihre Liebe zu ihrem Vater, der Liebe zu ihrer Mutter, auch wenn die Liebe der beiden Eltern untereinander irgendwann abhanden kam.

«Ich bin ein vierundsiebzig Jahre alter Mann, und erst jetzt beschliesst Gott, mich aus dem Kinderzimmer zu werfen.»

Linn Ullmann nennt weder ihren Vater Ingmar Bergmann (Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur, 1918 – 2007) noch ihre Mutter Liv Ullmann (geb. 1938, Schauspielerin und Regisseurin) mit Namen. Nicht bloss aus Respekt, sondern weil ihr Erzählen fiktionalisiert ist. Es geht nicht darum, den voyeuristischen Blick jener zu stillen, die nach Enthüllungen gieren. Auch wenn «Die Unruhigen» kein Buch über eine «normale» Familie ist, denn der Vater ist berühmt, umgeben von Frauen, die Mutter ebenfalls berühmt und viel unterwegs, in der Kindheit des Mädchens lange nicht anwesend und die Tochter einmal da, einmal hier, umgeben von Kindermädchen, die in ihrer Not mit dem Kind die Flinte ins Korn werfen.

Am Ursprung des Buches lag ein gescheitertes Buchprojekt. Ein Buch, dass Linn Ullmann zusammen mit ihrem alt und krank gewordenen Vater schreiben wollte, ein Buch über Erinnerungen, Träume, Ängste und Bilder. Ein Buch, an dessen Beginn ein kleines Aufnahmegerät stand, dass die Fragen und Antworten zuverlässig hätte aufzeichnen sollen, Fragen, die angesichts der fortschreitenden Krankheit zu spät gestellt wurden und im Vergessen des Vaters verloren gingen. Aufnahmen, die in Nebengeräuschen zu verschwinden drohten, so unbrauchbar schienen, dass sie auf einem Dachboden vergessen gingen, bis der Zufall sie wieder in die Hände der Tochter zurückbrachte. So wie das verschwommene Foto auf dem Cover des Romans. Ein Bild, das die Autorin lange mit sich auf ihrem Mobilphone herumtrug.

«Er sagte, dass Dinge fort waren. Er sagte, dass die Worte verschwanden. Wäre er jünger gewesen, hätte er ein Buch darüber geschrieben, alt zu werden. Doch jetzt, da er alt war, schaffte er das nicht.»

So sassen Tochter und Vater in den letzten Monaten eines langen Lebens im selbst gebauten Haus auf der Ostseeinsel Fårö zusammen, um festzustellen, dass Erinnerung vergessen geht. Die Erzählerin will all die Bilder ihres Lebens nicht verblassen lassen, nicht noch unschärfer werden lassen.

«Die Unruhigen» ist komponiert, unterteilt in sechs Kapitel, wie die sechs Violoncellosuiten von Johann Sebastian Bach. So wie jede Suite ihren Ton, ihr Temperament hat, zeigt sich dies auch in den sechs Kapiteln des Romans, deren Tonarten nicht dem Zufall überlassen sind, die beweisen, wie behutsam und mit wie viel formalem Bewusstsein sich die Autorin ihrem Vater und ihrer Mutter annähern will.

«Um über wirkliche Personen zu schreiben wie Eltern, Kinder, Geliebte, Freunde, Feinde, Onkel, Brüder oder zufällige Passanten, ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren. Ich glaube, dies ist der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen. ‚Sich erinnern‘ heisst, sich umzuschauen, immer wieder, jedes Mal von Neuem erstaunt.»

© Agnete Brun

Linn Ullmann ist eine der bedeutendsten Autorinnen Skandinaviens. Ihre Romane sind vielfach preisgekrönt und in 30 Sprachen übersetzt. 2017 erhielt sie von der Schwedischen Akademie den Doubloug-Preis für ihr Gesamtwerk. Bei Luchterhand erschien zuletzt „Das Verschwiegene“ – unter dem Titel „The Cold Song“ u.a. auf der Jahresbestenliste der New York Times und eines der Lieblingsbücher von James Wood (New Yorker). Für „Die Unruhigen“ erhielt sie den Hörerpreis des Norwegischen Rundfunks, der Roman war für den Kritikerpreis und den Nordischen Literaturpreis nominiert. Eine Bühnenfassung wird im Herbst 2018 am Königlichen Dramatischen Theater Stockholm unter der Regie von Pernilla August ihre Uraufführung haben.

Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Beitragsbild © Ben Koechlin

Text und Musik im Theater 111, St. Gallen: Noëmi Lerch und Sound von Berger/Doppler

Zusammen mit dem Musiker Christian Berger organisiere ich eine ganz besondere Lesereihe im Theater 111 in St. Gallen. Eine Lesereihe mit jungen Schweizer Autorinnen in Verbindung mit improvisierter Musik der Musiker Christian Berger und Dominic Doppler.

Samstag, 12. Januar, 2019, 20 Uhr, Theater 111:
Noëmi Lerch liest aus ihrem Roman „Grit“.
Noemi Lerch, 1987 geboren, Schriftstellerin und Älplerin, arbeitet seit 2014 zusammen mit der Cellistin Sara Käser im Duo Käser & Lerch. 2015 erschien ihr erstes Buch «Die Pürin», für den sie den Terra-Nova Schillerpreis für Literatur 2016 erhielt. Ihr zweites Buch »Grit« erschien 2017. Eine Hütte am Rande einer kargen Ebene. Im Innern der Hütte ein Kessel. Am Kessel eine junge Frau, sie rührt mit der Harfe die Milch. Wenig Licht kommt durch das Fenster, wo eine alte Frau im Offiziersmantel steht und raucht. In dieser Stille die beiden Frauen, deren Leben kaum unterschiedlicher sein könnte. Die Ältere hat studiert und in der Politik Karriere gemacht, die Jüngere umsorgt einen kleinen Hof und zwei Kinder. Trotz ihrer Verschiedenheit sind die beiden Frauen durch ein starkes Band verbunden, sie sind Mutter und Tochter.

„Wortklang“ definiert an sechs Abenden die Begegnung zwischen Wort und Klang, zwischen Literatur und Musik neu. Das Gegensätzliche verschmilzt und lässt Harmonisches in Spannungen um Aussagen ringen. Jeder Abend ein Unikat und einmaliges Erlebnis, das Hörerinnen und Hörer begeistern soll!

Karl-Heinz Ott «Und jeden Morgen das Meer», Hanser

Sie ist abgetaucht, hat mit ihrem alten Leben gebrochen, radikal und unumkehrbar. Die Frau, die im Lindenhof am Bodensee zusammen mit ihrem Mann einen Gourmettempel führte, wo sich die Prominenz die Klinke gab, führt inkognito ein altes, ausgezehrtes Hotel an der walisischen Küste und versteckt sich vor allen, auch vor sich selbst.

Kann man seiner Vergangenheit den Rücken kehren? Kann man neu beginnen oder ist aller scheinbarer Neubeginn eine Flucht vor dem Alten, von dem man sich nicht wirklich lösen kann?
Sonja war 30 Jahre an der Seite ihres Mannes Bruno Chefin eines Hotels, sie an der Front, Bruno in der Küche. Der Fluch begann an jenem Tag, als Bruno für seine Küche einen Stern bekam. Was dem Gast Massstab ist, von der Öffentlichkeit als Adelstitel auf Zeit interpretiert wird, was zum Tor zur Öffentlichkeit werden kann, war für Sonja und Bruno der Beginn des Untergangs. Das Leben, das bis zum Stern schon hart genug war, nimmt nach der Auszeichnung an Härte nur noch zu. Erwartungen steigen ins Unermessliche, alles soll perfekt sein. Nicht bloss das Essen auf dem Teller, sondern das ganze Haus, das nicht nur nach Pinsel und Farbe schreit, sondern nach einer rigorosen Sanierung. Aber woher das Geld, wenn der Betrieb alle Einnahmen schluckt? Woher die Energie, wenn die Arbeit alles frisst, selbst das wenige, das vom Eheleben übrig geblieben ist.

Wärs nur die Geschichte eines unaufhaltsamen Untergangs. Aber es ist auch die Geschichte unendlicher Herablassung, denn niemand anders als Brunos Bruder zwingt Sonja das Jahrzehnte alte Zentrum ihres Daseins von einem Tag auf den anderen zu verlassen. Eine Mischung aus Zwang, Erniedrigung und Nötigung lässt Sonja überstürzt die Koffer packen, alles stehen und liegen lassen und an einen Ort ziehen, von dem sie nicht einmal die Ortsnamen aussprechen kann.

Alles, was sie an dem öden Ort hält, ist das Meer, der Blick in die Weite. Hier scheint ihr nutzlos gewordenes Leben in bester Gesellschaft zu sein, ein Ort, an dem nichts nach Effizienz und Perfektionismus gemessen wird. Auch wenn sie sich dort fremd fühlt, ist das marode Hotel am Ufer des Meeres genau jener Spiegel, den Sonja braucht. Was zählt, ist nicht mehr bloss Fassade und Inszenierung, sondern jener Moment, in dem man ganz bei sich ist. Mit dem Blick aufs Meer, der ein Blick in die Ruhe, in die Weite, in die Tiefe, ein Blick zurück ist.

Sonja resümiert. Ein Mann, den seine Arbeit in den Tod stiess. Eine Ehe, die längst den Zauber verloren hatte, keine Kinder, keine Familie, nicht einmal Freundschaften, die sie über die letzte Krise hinausgetragen hätten. Schuldgefühle nach dem Tod ihres Mannes, Schuldgefühle sich selbst gegenüber, weil sie sich mehrfach durch den Bruder ihres Mannes bedrängen liess.

Karl-Heinz Otts Blick auf das Geschehen ist weder melancholisch noch tiefenpsychologisch. Seine Schilderungen des Daseins einer Highendküche, dem perfekten Betrieb auf einem Kreuzfahrtschiff, dem katholischen Internat, in dem Sonja schon früh genug gezeigt wurde, was richtig und falsch war und der Ödnis walisischer Küstenprovinz sind herrlich, sinnlich und entlarvend.
So kurz der Roman, so tief der Blick!

Karl-Heinz Ott, 1957 in Ehingen an der Donau geboren, wurde für sein Werk mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (1999), dem Alemannischen Literaturpreis (2005), dem Preis der LiteraTour Nord (2006), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) und dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014). Zuletzt erschien bei Hanser sein Roman «Die Auferstehung» (2015).

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Laura Vogt: «Ich über – (Laura Vogt)», Plattform Gegenzauber

Ich soll nicht über das Ich schreiben, heisst es da und dort in der Literaturwelt, denn es bedeute Nabelschau. Welches Ich?, frage ich mich, und wer stellt hier die Bedingungen, für wen, wofür und warum?
Ich sitze an der Alten Donau, wie unwienerisch: lautes Froschquaken, Vögel singen; ich höre den Wind in den Bäumen, eine Kettensäge in der Ferne und Autorauschen von der grossen Strasse her, die über den Fluss führt. Dahinter schiessen hochmoderne Wolkenkratzer in die Höhe. Clean wirken sie, als würden sie aus der Erde wachsen, genau wie das Schilf direkt vor mir.
Zurück zum Ich, das mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Zwei junge Frauen, die je einen Kinderwagen vor sich her schieben, spazieren an mir vorbei; ich habe mein Kind zu Hause in St. Gallen gelassen und in den letzten zwei Tagen so wenig gesprochen wie seit mindestens zwei Jahren nicht mehr. Ich gehe alleine der Alten Donau entlang, und am Morgen ging ich auch ganz für mich durch Wiens Strassen und Gassen, am Museumsquartier und an der Hofburg vorbei, an Touristenströmen vorüber und durch sie hindurch.
Ich bin flüssig wie Honig.
Ich rinne vor mich hin, eher dünn- als dickflüssig bei der Hitze, und ich lasse an mir kleben, was mir gefällt, um die Dinge später, wenn ich ein Gegenstück habe, zu verwerten. (Brot für den Honig. Ein menschliches Gegenüber oder einen Stift & ein Stück Papier für das Ich)
Ich zergehe mir selbst im Mund.
Ich schlucke und verdaue all die Wörter, die ich lese.
Das Ich und seine mannigfaltigen Möglichkeiten. Das Ich in seinem Nichts.
Losgelöst von meinem Leben und mitten in ihm – zurück von der Alten Donau in der Wiener Innenstadt – betrete ich das Leopold Museum. Ich betrachte die Bilder von Egon Schiele, wegen derer ich in die Stadt gekommen bin. Hunderte Selbstporträts hat Schiele vor rund hundert Jahren gemalt. Klare Linien zeigen mal einen ganzen Körper, mal nur einen Torso; dürre Beine, schlaffer Penis, lavarote Nippel, aufgerissener Mund, die Stirn in Falten, ein honiggelber Körper. Das Ich als Märtyrer, als Heiliger, als Leidender.
Schiele hat sich nicht festgelegt. Er hat Ich gesagt und Vieles und Nichts gemeint.
Ich richte mich auf. Ich habe Durst. Mein kinderloses Ich steigt die Treppe hoch ins Café Leopold und wirft einen Blick in die Getränkekarte. Als der Kellner vor meinem Tisch stehen bleibt und fragt, was er mir bringen soll, deutet mein Zeigefinger auf „All I Need“. Grüntee belebt.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, absolvierte das Schweizerische Literaturinstitut in Biel. Davor studierte sie fünf Semester Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und hielt sich längere Zeit in Uganda, Ägypten und Griechenland auf. Sie schreibt Prosa, lyrische und journalistische Texte und ist zudem als Schriftdolmetscherin tätig. 2016 erschien ihr Debütroman «So einfach war es also zu gehen» (VGS St. Gallen). 2012 war sie Siegerin beim Schreibwettbewerb des Thuner Literaturfestival Literaare, 2014 erhielt sie einen Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung und 2017 einen Werkbeitrag der Stadt St. Gallen.

Im Januar wird das Stück „Die Traumbeschauten“ in der Offenen Kirche, St. Gallen aufgeführt. Laura Vogt schrieb den Text für dieses Musiktheater.

https://inscriptum.ch/programm/

Judith Schalansky «Verzeichnis einiger Verluste», Suhrkamp

Buchkunst – inhaltlich und formal! Judith Schalansky nimmt mich mit auf eine Reise durch Raum und Zeit. In zwölf Kapiteln in zwölf Welten, jedes Kapitel im Buch je ein Bund, zu einem grossen Ganzen gebunden. Zwölf Reisen in zwölf verschiedene Welten, von den Rändern der Mondkrater über ihre Heimat rund um Greifswald bis zu einem untergegangenen Atoll mitten im Ozean. Judith Schalansky ist eine Türöffnerin und literarische Weltenbummlerin.

Ich traf Judith Schalansky im vergangenen Sommer am Literaturfestival in Leukerbad. Während eines Interviews über ihre Arbeit als Herausgeberin der  Naturkunden-Reihe, einer ganz speziellen Sachbuchreihe, mit der der Berliner Verlag Matthes und Seitz seit ein paar Jahren Furore macht, erzählte mir Judith Schalansky von ihrem neuen Buchprojekt bei Suhrkamp. Ein Buch, das bald herauskommen werde, aber noch gar nicht zu Ende geschrieben sei. Aber da sprach weder Hektik noch Sorge. Judith Schalansky ist Sammlerin. So wie sie in ihrem Buch «Fraktur, mon amour» (2006) Schriften sammelte oder «Atlas der abgelegenen Inseln. 50 Inseln, auf denen ich nie war und nie sein werde.» (2009) Eilande mit phantastischen Geschichten, sammelt die Autorin in «Verzeichnis einiger Verluste» Abhanden-Gekommenes, Nachgesagtes und Legenden, Vergessenes.

Doch diesmal ist es nicht blosses Sammeln und Fantasieren. Judith Schalansky setzt jede Erzählung in ein Leben, gibt den Protagonisten mit schlafwandlerischer Sicherheit eine eigene Stimme, Kapitel für Kapitel, Bund für Bund. So wie auf den beiden Raumsonden Voyager I und II zwei goldenen Platten die Zeichen unserer Zivilisation in den galaktischen Raum getragen werden, beschreibt die Autorin die schattenhaften Errungenschaften der Menschheit, hinausgetragen aus dem Astralleib des Vergessenen in eine dargebotene Perle der Literatur.

Judith Schalansky kann sich regelrecht in Rage schreiben, wenn sie von ihren Beobachtungen, Forschungen und Begegnungen erzählt, als Zeuge in einem Stall bei der Geburt eines jungen Schafs, auf der Suche nach Monstern im Wallis, über dem Wunder zerstörter Architektur oder einem bei gezeigten Film. Ob in der Haut der alt gewordenen Garbo, einer schlecht gelaunten, alten Schachtel mitten in Manhatten auf der Suche nach Trost oder in jener einer jungen Mutter, die mit dem Kind im Arm auf den scheinbar untreuen Mann wartet – Judith Schalansky schafft sie alle.

Und jedem Kapitel, jedem Bund ist ein Vorsatz vorangestellt ein grauschwarz schimmerndes Papier mit dem gerade noch sichtbaren Bild zu den jeweiligen verloren gegangenen Dingen, dem Palast der Republik, dem Kaspischen Tiger oder dem Kosmos eines Armand Schulthess, der in den 70er Jahren im Tessiner Valle Onsernone seine ganz eigene Weltordnung errichtete. Bilder, die verschwinden. Geschichten, die Judith Schalansky vor dem Vergessen rettet, zurückholt, und dabei aber alle Endlichkeit deutlich macht.

Aber nicht einfach geflissentlich produzierte Recherchestücke, Splitter aus dem Suchen der Autorin, weder chronologisch, noch logisch, dafür alle mehrschichtig im Leben der Schriftstellerin und «Buchmacherin» verankert, ob mit unauslöschlichen Kindheitsbildern oder mit lebendig gewordener Geschichte!

«Wie alle Bücher ist auch das vorliegende Buch von dem Begehren angetrieben, etwas überleben zu lassen, Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern. Nichts kann im Schrieben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden.» Judith Schalansky

Was für ein Buch!

Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr Werk, darunter der international erfolgreiche Bestseller Atlas der abgelegenen Inseln sowie der Roman Der Hals der Giraffe, ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie ist Herausgeberin der Naturkunden und lebt als Gestalterin und freie Schriftstellerin in Berlin.

Grosses literaturblatt-Interview mit Judith Schalansky zu ihrer Arbeit als Herausgeberin der «Naturkunden»-Reihe bei Matthes & Seitz

Beitragsbild © Sandra Kottonau

und kein Ende.

Das 43. Literaturblatt ist verschickt. Mein «analoges» Literaturblatt, von Hand geschrieben, gezeichnet und per Post mit Briefmarke verschickt. Meine «digitales» Literaturblatt, die Literaturseite literaturblatt.ch steuert mit seinen 500 Beiträgen seinem dritten Geburtstag entgegen. 

„Ich habe Ihre Rezension im Literaturblatt gelesen und bin tief berührt über Ihre Worte, die mir nahe gehen. Haben Sie dank für dieses genaue Lesen und kluge Formulieren.“ Urs Faes

„Ach, wenn nur alle Kritiker und Rezensentinnen so gründlich, klug und aufs Wesentliche fixiert wären wie du.“ Wolfgang Bortlik

„Mein Kompliment zu literaturblatt.ch: lesenswerte Auswahl durch lesenswerte Besprechungen des Lesens für wert befunden. Klasse!“ Thomas Gierl, Verleger

„Literarische Blogger und -innen gibt es zuhauf, auch wenn kaum mal einer oder eine ein Buch aus dem Verlag hier hinten am Horizont in die Hände bekommt. Macht nix, Hauptsache Long John Silver liest unsere Preziosen. Nun ist es so, dass auch die Welt der Blogs eine der Superlative ist und wen wundert es, dass die Suche nach dem Besten, Schönsten und Weitvernetztesten im Gange ist. Mir persönlich ist nur einer bekannt; ein wenig verrückt ist er, – wie könnte ich ihn sonst kennen –, publiziert er doch seine immer eigenwillig geschriebenen Buchrezensionen – davon kann man sich jederzeit selbst überzeugen – nicht nur auf seinem Blog, sondern schreibt diese zusätzlich und von Hand mit Kugelschreiber wie in ein (B)Logbuch, druckt das Ganze auch noch auf Papier und verschickt diese Flaschenpost, die LITERATURBLATT heisst, per Post, mit Briefmarke und allem, was dazu gehört.“ Ricco Bilger, Verleger

„Ihre Literaturseite gefällt mir sehr gut, auch die Texte auf der Plattform, wo ich manche KollegInnen entdeckt bzw. wiedergefunden habe.“ Simone Regina Adams

„Auf der Fahrt nach Zürich las ich auf dem Handy deine Rezension und war ganz geplättet. Es ist so selten geworden, dass sich jemand mit dem Stoff und der Art, wie er umgesetzt wurde, auseinandersetzt. Sich Gedanken dazu macht, diese weiterspinnt zu einer Meinung. Ich habe deine Rezension auch deswegen aufgeschlürft. An dir und deiner Art, dich für Rezensionen wirklich hinzugeben (Hingabe), könnten viele andere lernen.“ Michèle Minelli

Christina Ammann «kartentraum.ch»

In St. Gallen treibt Christina Ammann das Schreiben auf die Spitze. In der Kloster-, Bibliothek und Buchstadt. Ihre Arbeiten sind es wert, in einem Interview vorgestellt zu werden. 

Christina, du schreibst. Das tun viele. Und alle taten es zuerst als Kinder, spätestens in der Schule. Fast alle schreiben auch als Erwachsene, müssen es, aber immer weniger von Hand. Handschriftliches ist selten geworden, bringt Menschen zum Staunen. Was bedeutet dir dein handwerkliches Schreiben, deine „Kunstschrift“ und wann wurde klar, dass du daraus eine Meisterschaft machen willst?

Die Kunst des Schön-Schreibens hat mich als Kind schon fasziniert. Aber Schreiben gehörte damals nicht zu meinen Hobbys.
Vor 14 Jahren habe ich angefangen, Karten zu gestalten, zuerst noch mit Motivstempel.
Während ich 2012 viel Zeit brauchte, um mich von einem Unfall zu erholen, spürte ich, wie in mir das Bedürfnis wuchs, kreative Grenzen zu überschreiten und mein eigenes «Ding» zu machen. Da kamen erstmals Tinte und Feder ins Spiel. Ich besuchte verschiedene kalligraphische Kurse. Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, handschriftlich – ob analog oder digital – ist mein Weg. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht einen Stift oder Pinsel in der Hand halte. 

Wie arbeitest du? Sitzt oder stehst du wie in einem mittelalterlichen Kloster an einem hölzernen Schreibpult mit Tintenfass und Feder?

Ich bevorzuge das Sitzen. Ich habe es noch nie ausprobiert, im Stehen zu schreiben. Aber vielleicht sollte ich es einmal versuchen. Da ich mich seit über einem Jahr intensiv mit dem digitalen Handlettering befasse, ist mein Arbeitsplatz flexibler geworden. Mit dem iPad kann ich auf dem Sofa, im Zug oder im Sommer im Liegestuhl arbeiten.
Arbeite ich mit Tinte und Feder, so ist ein solider Tisch klar das Nonplusultra. Mein Kreativzimmer ist noch nicht bezugsbereit, deshalb muss ich die kalligraphischen Arbeiten noch am Esstisch ausführen.
Der Vorteil des iPads (digitales Handlettering) gegenüber Tinte und Feder ist, dass ich das Tablet überall mitnehmen kann und dazu nur noch einen (digitalen) Stift benötige.

Was sind das für Anlässe und Anfragen, für die du dein Handwerk zur Verfügung stellst? Könnte man dich auch bitten, einen Liebesbrief an jemanden zu schreiben? Oder ist das schon passiert?

Die Aufträge und Anfragen sind sehr vielfältig. Von der Hochzeitspapeterie, über einzelne Karten zu speziellen Anlässen, Visitenkarten, Couverts bis hin zu personalisierten Christbaumkugeln ist alles gefragt. Auch Vorlagen für Tattoos, Logos und Buchzeichen habe ich schon gestaltet. Das macht das Ganze so spannend und einzigartig.
Ich könnte durchaus einen Liebesbrief schön schreiben, texten würde ich allerdings nicht. Tatsächlich hatte ich schon einmal einen Auftrag für eine Karte mit einer Liebesbotschaft. Das war sehr berührend und speziell, da ich auf diese Weise an einem wunderbaren Moment teilhaben durfte. 

Du hast deine Handschrift zur Kunstschrift veredelt. Und doch unterscheidet sich deine Handschrift, dein Schreiben von „klassischer „Kalligraphie“. Wohin soll es gehen, wenn du deinen begonnenen Weg weiterträumst?

Es gibt bei jedem Tun, ob das malen, schreiben oder eine andere kreative Tätigkeit ist, gewisse Vorgaben, die man beachten sollte, um ein stimmiges Ergebnis zu erhalten.
Bei mir selbst habe ich festgestellt, dass es mich blockiert, wenn ich mich zu eng an «Vorgaben» halte. Ich war mit dem Ergebnis erst zufrieden, wenn ich etwas gefunden hatte, das eben nicht nur der Regel entsprach. Dadurch bin ich entspannter geworden und habe meinen eigenen Stil gefunden.
Vieles habe ich mir inzwischen auch selbst beigebracht. Im Vordergrund sollen die Freude und der Spass am Tun stehen.
Wo mich das hinführt? Mir ist wichtig, in diesem Schreiben mir selbst zu begegnen, mich auf den Moment einzulassen, Gefühle, die das Kreative auslöst, anzunehmen und ins Werk mit einfliessen zu lassen. Auf sich vertrauen und sich selber bleiben gehört zum kreativen Prozess. Und wenn ich mit meinen Werken andere Menschen berühren kann, ist das umso schöner. 

So wie meine handschriftlichen Literaturblätter sind deine Arbeiten ein eigentliches Gegengewicht zu all dem Digitalen, Gedruckten, Wegwerfpapierigen. Auch wenn dieses Gegengewicht noch leichtgewichtig ist, spürt man bei jenen, denen es gefällten Zauber, der von diesen Arbeiten ausgeht. Vielleicht berührst du eine Sehnsucht, ein bisschen Heimweh nach dem Echten, dem Greifbaren. Ein Wort, ein Sattsein Text wird zum Unikat. Steckt in deinem Tun auch ein Funke Widerstand?

Ich spüre in meinem Tun keinen Widerstand. Vielmehr öffnet mir die Verschmelzung von digital und analog neue Türen. So kann ich digital etwas gestalten, das ich mit Tinte und Feder vollende oder auch umgekehrt.
Mit handschriftlichen Arbeiten, sei das Kalligraphie/Handlettering, ob digital oder analog, möchte ich den Menschen zeigen, dass eine Karte schreiben etwas sehr Schönes ist.
Während des Schreibens ist man mit seinen Gedanken bei dieser Person, schenkt ihr Zeit, und das ist ein unbezahlbarer Moment.

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