Karsten Redmann „Der Korpus“

Es war einer dieser Sonntage, ein verregneter zudem, an dem sie allein in ihrem geräumigen und mit schweren Teppichen ausgelegten Esszimmer sass, die Tageszeitung mit den Todesanzeigen vor sich auf dem Tisch ausgebreitet, als plötzlich das Telefon klingelte. Im ersten Moment zuckte sie zusammen, denn wenige Tage zuvor hatte ein Tross von Elektrikern eine neue Telefonanlage in ihrer Villa eingebaut; ein Gerät auf jeder Etage – so, wie sie es wollte. Und nein, ein Mobiltelefon kam nicht in Frage … Die Elektriker hatten sie belustigt angesehen, wissende Blicke ausgetauscht und sich an ihre Arbeit gemacht. Umständlich klappte sie die Zeitung zusammen, und stand, sich auf ihren schwarzen Gehstock stützend, langsam auf. Am Telefon verabredete sie eine Zeit: 15 Uhr. «Vorher», sagte sie der Frau am Telefon, müsse sie sich ein wenig hinlegen, sie brauche ihren Mittagsschlaf. «Und kommen Sie bitte pünktlich», ergänzte sie, «nicht, dass ich den ganzen Tag auf sie warten muss – ich bin zwar alt, aber nicht so alt, als dass ich Unmengen von Zeit zu vergeuden hätte.» Die Frau am Telefon zeigte Verständnis für das Gesagte, und versprach, auf alle Fälle pünktlich zu sein, schliesslich wolle sie ja unbedingt dieses Regal haben, es gefalle ihr ausserordentlich gut und sie wisse schon genau, wo es in ihrer Wohnung Platz fände. «Ach, wissen Sie», sagte die Alte, «das ist ja allein ihre Sache und geht mich überhaupt nichts an. Ausserdem ist es mir einerlei, ob Sie das Regal für sich nutzen oder weiterverkaufen. Ich selbst kann es nicht mehr brauchen … und noch eins: Hätten Sie vielleicht Interesse an alten Büchern? Mein verstorbener Mann hat früher sehr viel Zeit mit diesen alten Dingern verbracht, vielleicht sogar mehr als mit mir … In der Garage habe ich kistenweise Bücher stehen. Die können Sie gerne alle mitnehmen. Sofern Sie Interesse an Literatur haben?» «Aber ja doch», sagte die Frau, «grosses Interesse sogar. Ich studiere im fünften Semester Germanistik, Kunstgeschichte und …» «Ja, ja», kürzte die Alte ab, «Punkt drei also!», legte auf, schleppte sich die Treppe nach oben und schlief bis kurz vor zwei, denn vor dem verabredeten Termin wollte sie sich noch ein wenig frisch machen. Die verbleibende Zeit nutzte sie unter anderem, um den Namen eines alten Schulfreundes – Willi Sebald, ja, sie erinnerte sich noch gut an ihn, sass immer in der ersten Reihe rechts, ein Einser-Schüler, später dann Zahnarzt mit gut gehender Praxis – mit einem schwarzen Filzstift aus ihrem Adressbuch zu streichen. Bei ihrer morgendlichen Zeitungslektüre hatte sie die kostspielige Todesanzeige mit vorangestelltem Rilke-Gedicht entdeckt, oben rechts in der Ecke. Nicht zu übersehen. Fünf Minuten nach drei klingelte es an der Tür. Die alte Frau öffnete, grüsste, und wies die junge Frau umgehend an, ihr zu folgen. «Da vorne», sagte sie und zeigte im Hof auf zwei Tore einer Doppelgarage. Sie betätigte eine Fernbedienung und eines der Garagentore öffnete sich. Der jungen Frau war deutlich anzusehen, dass die Grösse der Garage sie schier sprachlos machte – aber auch die vielen teuren Gegenständen, die sich in ihr befanden: ein Aston Martin neben einem Bentley, eine kleine aufgebockte Yacht neben einer chromblitzenden Harley Davidson, viele alte Kunstgegenstände, unzählige Vitrinen voller Vasen und teurem Geschirr; vor allem aber erstaunte sie der Anblick eines ganz besonderen Gegenstandes, der, von einer durchsichtigen Plastikfolie bedeckt, längsseits an der weiss gestrichenen Wand stand. «Entschuldigung», sagte sie stockend, «aber ist das hier wirklich das, für das ich es halte?» Die Alte lächelte, hob ein Stück der Folie nach oben und sagte: «Ja, ja. Das ist meiner. Den habe ich mir vor zwei Jahren von einem Tischler anfertigen lassen. Ein schönes Stück! Finden sie nicht auch?» … Die junge Frau betrachtete peinlich berührt den hölzernen Korpus, der annähernd die gleiche Farbe hatte wie das noch zu erstehende Bücherregal, drückte der Alten das abgezählte Geldbündel in die Hand und schleppte das Regal in grosser Eile und ohne sich umzuschauen zu ihrem Wagen, einem alten Kastenwagen mit viel Stauraum. An die alten Bücher dachte sie da schon nicht mehr und auch später nicht. Das alte Regal fand in ihrem Keller Platz, denn in der Wohnung wollte sie es nicht mehr haben: zu sehr erinnerte es sie an die gebrechliche Frau in ihrem schwarzen Kostüm und an die strahlend weiss gestrichene Garage mit dem darin wartenden Sarg.

Karsten Redmann, geboren 1973 in Neunkirchen (Saar), lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in St. Gallen (CH). Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und Zeitungen. Stipendium Bremer Romanwerkstatt 2010. Stipendium Bremer Prosawerkstatt 2012. Text des Monats beim Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich, Juli 2015. Shortlist zum erostepost-Literaturpreis 2016. Nominierung für den storyapp-Preis 2017.

Webseite des Autors

Leukerbad

19 Autorinnen und 15 Autoren gibt es vom 29. Juni bis 1. Juli 2018 am 23. Internationalen Literaturfestival Leukerbad zu erleben. Darunter literarische Schwergewichte, eine Fülle von Poetischem und immer wieder Möglichkeiten, die Natur zu erkunden – sei es zu Fuss mit literarischer Begleitung oder zwischen den Buchdeckeln der Reihe «Naturkunden».

Mit Péter Nádas (Ungarn) und Karl Heinz Bohrer (Deutschland) sind zwei der grossen europäischen Intellektuellen zu Gast in Leukerbad. Beide werden ihre Bücher in Gesprächen näher beleuchten. Felicitas Hoppe (Deutschland) lädtuns ein auf eine amerikanische Reise, und Filip Florian (Rumänien) beleuchtet eine herzerwärmende Jungenfreundschaft.

Gesprächsreihe «Perspektiven»

Ein breites Themenfeld decken die «Perspektiven» in diesem Jahr ab: Stark besetzt ist das Gespräch über die Situation in der heutigen Türkei mit Aslı Erdogan, Murathan Mungan und Ece Temelkuran.
Karin Wieland (Deutschland) und Sasha Marianna Salzmann (Deutschland) diskutieren über weibliche Vor- und Rollenbilder im Theater.
Wolfgang Ullrich (Deutschland) schaut mit Lukas Bärfuss kritisch auf die neue Bekenntniskultur.
Und der Blick geht 50 Jahre zurück: Peter Schneider (Deutschland) und Stefan Zweifel beleuchten eine Epoche, die bis heute aktuell ist.

Natur (er)kunden

Seit fünf Jahren erscheint die Reihe «Naturkunden» im Verlag Matthes & Seitz – wunderschöne, kluge Bücher, die in Leukerbad von der Herausgeberin Judith Schalansky (Deutschland), dem Verleger Andreas Rötzer und zwei der Autoren, Josef H. Reichholf (Deutschland) und Cord Riechelmann (Deutschland), vorgestellt werden.

Schweizer Prosa

Lesung am Dalaschluchtspaziergang c Literaturfestival Leukerbad © Literaturfestival Leukerbad, Jonas Ludwig Walter

Um Krieg und Liebe, eine Nacht voller Geschichten, die Folgen der Klimaerwärmung, die Suche nach der Frau im Mond und ums Wallis geht es in den Werken der Schweizer Autorinnen und Autoren Lukas Bärfuss, Christina Viragh, Arno Camenisch, Jürg Halter und Christine Pfammatter. Monique Schwitter liest verschiedene Texte, und musikalisch von Balts Nill und Mich Gerber unterstützt wird Melinda Nadj Abonji ihre Texte vorstellen.

Elf Mal Lyrik

Elf Lyrikerinnen und Dichter bringen (auch) Verse und Gedichte an den Fuss der Gemmi: Mit Vanni Bianconi (Tessin) und Roberta Dapunt (Italien) sind zwei italienischsprachige Autoren dabei, und auch Oswald Egger (Österreich) ist in seinem aktuellen Buch in Italien unterwegs. Brigitta Falkner (Deutschland) wird ihre krabbeligen Text-Bild-Kompositionen vorstellen. Gianna Olinda Cadonau

Azouz Begag im Hotel Les Sources des Alpes © Literaturfestival Leukerbad, Ali Ghandtschi

(Schweiz) und Marina Skalova (Schweiz) springen mit uns im Projekt Poethreesome über die Sprachgrenzen Rätoromanisch–Französisch–Deutsch hinweg. Einen neuen Gedichtband bringt Esther Kinsky (Deutschland) mit, die mit Roberta Dapunt ein Gespräch über das Übersetzen von Lyrik führen wird. Mit ihren vielbeachteten Gedichtbänden im Gepäck kommen Thilo Krause (Deutschland/Schweiz) Ilma Rakusa (Schweiz) und Raphael Urweider (Schweiz). Nora Gomringer (Schweiz) schliesslich, wird in diesem Jahr Lyrisches – auch – ins Übersetzungskolloquium tragen.

Aus dem französischen Sprachraum reisen neben Marina Skalova Emmanuelle Bayamack-Tam (Frankreich) und Fanny Wobmann (Schweiz) mit ihrer Übersetzerin Lis Künzli ans Festival.

Titelfoto: Bachtyar Ali im Garten des Hotels Regina Terme© Literaturfestival Leukerbad, Hartwig Klappert

„Stories!“

Yaël Inokai las aus „Mahlstrom“ und die Musiker Christian Berger und Dominic Doppler interagierten mit ihrem Sound auf das, was die Autorin mit ihrem Text preisgab. Ein ganz spezielle Abend in einem ganz speziellen Ort. Hier die ersten Eindrücke:

«Einen anderthalbstündigen Spaziergang in meinem Buch. Mit dabei: Christian Berger und Dominic Doppler, die musikalisch den Weg bereitet haben. Laufen, gehen, stehen bleiben, anschauen, weitergehen, staunen … ohne Fragen, ohne Erklärung. Weil Literatur auch manchmal einfach da sein muss. Werde ich nicht vergessen.» Yaël Inokai

Bilder: Sandra Kottonau

Johann Bargum „Nachsommer“, mare

Ein grosses Haus in den finnischen Schären. Eine Mutter liegt im Sterben und der eine ihrer beiden Söhne, Olof, ruft den andern, Carl, aus Amerika zurück ins Haus der Familie. Es könnte die letzte Gelegenheit sein, ihr zu begegnen. Eine letzte Gelegenheit, um Clara zu treffen, die für Olof mehr als bloss seine Schwägerin ist. Und eine letzte Gelegenheit, um endlich aus dem Schatten eines übermächtigen Bruders zu treten.

Olof sitzt auf der Veranda der Villa, die leer geworden ist und schreibt. Von Onkel Tom, der nicht wirklich sein Onkel ist, aber schon seit Jahrzehnten, seit dem Tod seines Vaters, mit seiner Mutter in den Schären lebt, abgeschieden, wie Geschwister. Von Carl, seinem wenig jüngeren Bruder, der in der Familie aber stets den Vorzug genoss, grösser und stärker, verwegener und bestimmter, ehrgeiziger und erfolgreicher. Von Clara, Carls Frau, mit der er nach Amerika zog und damit als Liebling der Familie in Ungnade fiel. Von den beiden Söhnen Claras, die nicht nur Unruhe in die Villa bringen, in der die alte Mutter im Sterben liegt. Und von ihm selbst, dem Verwundeten, dem Zurückgebliebenen, Zurückgelassenen.

“Weiss man eigentlich jemals, was vor sich geht?“

Olof geht durchs Haus wie durch sein Leben, das durch das Sterben, den Tod seiner Mutter leer geworden ist. Durch ein Haus, auf dem kein Stein auf dem anderen bleiben wird, wenn sein Bruder Carl die  Villa übernehmen wird. Olof nimmt die Dinge in die Hand, auch im übertragenen Sinn. Dinge, die einst in anderen Händen unentbehrlich waren und nun, in einem anderen Leben, unter anderen Umständen, dem Nachfolgenden mehr als entbehrlich werden; Überbleibsel, Müll, Ballast, der unweigerlich in einer Grube landet.

“Was habe ich eigentlich schon alles glücklich vergessen?“

Olof ist ein Verwundeter, eigentlich der grosse Bruder, aber durch körperliche und „intellektuelle“ Übermacht und Unberechenbarkeit seines Bruders weg- und abgedrängt, nie zu dem geworden, was möglich gewesen wäre. Allein Carls zurückgekehrte Stimme reicht, dass Bilder wieder auftauchen, Narben zu brennen und zu eitern beginnen.

“Manchmal frage ich mich, was der grössere Segen ist, sich zu erinnern oder zu vergessen.“

Und nun, mit dem Tod seiner Mutter und der Gewissheit, dass es nicht noch einmal eine Gelegenheit geben würde, Klarheit zu schaffen, stellt sich Olof seinem Bruder genauso wie der Geschichte mit Clara. Und Tom, der vom Haus- und Familienarzt zum „Onkel“ wurde, reisst mit auf und bringt festgefahrenes Gefüge ins Wanken.

“Selbst wenn man den Mond nicht vom Himmel holen kann, ist es schön, sein Glitzern auf den Wellen zu bewundern.“

Johan Bargum beschreibt in seinem schmalen Roman das, was überall passiert, wenn in einer Familie die Gravitation durch den Tod eines Fixsterns durcheinandergerät. Und ganz beiläufig stellt er die wichtigen Fragen, die das Leben nur dann beantworten kann, wenn man sich diesen Fragen stellt. Ein Roman mit grosser Kraft, geschrieben von einem Mann, der weiss.

Johan Bargum, geboren 1943 in Helsinki, gilt als einer der prominentesten finnlandschwedischen Autoren. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen, Drehbücher, Hörspiele und zahlreiche Theaterstücke, welche weltweit aufgeführt werden. Sein schriftstellerisches Werk wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Johan Bargum lebt in Espoo. Der Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig, Jahrgang 1956, war Lektor an der Universität Reykjavík und arbeitet heute als Autor und Übersetzer aus den nordischen Sprachen. Er hat u. a. Jón Kalman Stefánsson, Gunnar Gunnarsson und Hallgrimur Helgason ins Deutsche übertragen. Karl-Ludwig Wetzig lebt in Den Haag.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Wer will anstossen? 400 Beiträge auf literaturblatt.ch

Lesen selbst ist einsames Tun. Noch viel mehr, wenn es an dem Ort still und ruhig ist, alles andere Tun eine Atempause einlegt. Aber weil mein Lesen mehr sein soll als nur die Salbung meiner Seele, das Glätten innerer Wallung, das stille Aufreissen oder einfach gute Unterhaltung, geniesse ich es, wenn in Gesprächen, Briefwechseln, dem Austausch das Buch zum Medium wird. Wie bei einer Seance. Wenn der Tisch zu beben beginnt, wenn durch das Medium die Welt dahinter zu Wort kommt.

Nachdem ich eine Rezension online gesetzt hatte, ging es nicht lange, bis auf diese eine Reaktion anklopfte. Eine jener Reaktionen für die sich all das lohnt, wofür man auf schmächtigem Pferd und lottrigen Harnisch für die Literatur ins Feld zieht:

„Lieber Herr Frei-Tomic!

Vielen herzlichen Dank für die sehr schöne Besprechung, über die ich mich sehr gefreut habe! Sie ist auch die allererste Reaktion aus der Schweiz. Sie werden lachen, denn zu dieser Passage — «Andrea Scrima ist eine Meisterin des Sehens, vermag mit ihrer feinen Wahrnehmung Oberflächen aufzubrechen, dahinter liegende Schichten freizulegen. Genau das Gegenteilige von dem, was in der Malerei sehr oft passiert.» — muss ich sagen, das ich ungefähr genauso gemalt habe, darunterliegende Schichten freizulegen, mit anderen Worten, Ihre Beschreibung des Buches könnte genauso eine Beschreibung meiner Kunst sein. Ich grüße Sie herzlich aus Berlin. Andrea Scrima“

Nun mache ich mir mein grösstes Geschenk selber. Ich lade zusammen mit den Musikern Christian Berger (Saiteninstrumente) und Dominic Doppler fünf junge Autorinnen nach St. Gallen ins Theater 111 ein. Dort werden sie aus ihren Büchern vorlesen und die Musiker in die Lesung eingefügt, die musikalischen Bilder dazu malen.

Wie sehr ich mich auf ein volles Theater 111 freue. Reservationen sind von Vorteil! Infos unter www.theater111.ch!

Auf bald!

Angelika Klüssendorf «Jahre später», Kiepenheuer & Witsch

April ist eine Frau, die sucht. Irgendwann findet sie Ludwig. Einen Mann, den sie anfangs aufgeblasen findet, der alles Unmögliche für sie erfindet, um Eindruck zu schinden, dessen Hartnäckigkeit ihr aber schmeichelt. Sie heiraten und bekommen ein Kind. Und April findet sich in einem Gefängnis wieder, aus dem sie sich nur unter Aufbietung aller Kräfte befreien kann, auch mit dem Risiko, fast alles zu verlieren.

Sowohl April wie Ludwig sind Menschen, die kaum Rücksicht nehmen. Alles, was sie beginnen, ist von Kompromisslosigkeit und Härte geprägt. Kein Wunder, wenn man die Geschichte von Aprils Kindheit kennt. Wenn man liest, mit welchen Dämonen die junge Frau zu kämpfen hat. Aber April spürt, dass sie eine andere ist, wenn sie liebt, wenn sie geliebt wird. Ludwig mit seinem Schalk, seinem Witz und seiner Unberechenbarkeit scheint genau der Richtige zu sein, um Aprils Leben zu entsprechen. Aber mit dem Kind, den Mutterpflichten wird alles anders.

«Er scheint sich selbst ganz und gar unvertraut. Auch sie ist sich unvertraut.»

Was wächst, ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen. Ludwig wittert überall einen Plan. April ist sich nicht sicher, mit wem sie sich verheiratet hat. Ist der ehrgeizige Chirurg, der sich abends in seinem Zimmer verkriecht und zum Ausgleich stundenlang zockt, der Mann, von dem sie glaubte, sie hätte ihn einmal geliebt? Ist ihr Mann der Mann, der sich auf Reisen gerne klotzig gibt und in der Marilyn-Monroe-Honeymoon-Suite bucht und bei seinen Eltern wieder zum kleinen Jungen wird?

Es dauert nicht lange, bis sich in Aprils Leben Geister einstellen, Filmfiguren, die sich einmischen; Riff Raff, Faye Dunaway und Rosemarie aus «Rosemaries Baby», die unaufhörlich Fragen stellen, die ihr Leben nicht beantwortet.
Mit dem Sohn, mit Samuel, entfernen sich die grossen Themen, über die sie so gerne schreiben will, immer mehr, werden unerreichbar. April dümpelt, während Aprils Geister sich in ihrem Leben einnisten.

«Ihr Herz klopft da, wo es nicht hingehört.»

Ludwig verstrickt sich in den Intrigen der Ärzteschaft, giert nach einem Chefarztposten, bekommt ihn, was die Familie zwingt, von Hamburg nach Berlin zu ziehen. Weg aus dem für April gewohnten Umfeld, weg aus ihrem Leben, weg aus dem Vertrauten, das in Wirklichkeit nie auf festem Untergrund gebaut war. April beginnt Tabletten zu schlucken, verschrieben von ihrem Therapeuten, begrüsst von ihrem Mann. Und als sie sich in einem afrikanischen Laden wiederfindet, wo man ihr während Stunden ein Haarteil auf dem Kopf näht, schiesst es ihr in den Kopf, begreift sie, «dass sie immer schon den Atem angehalten hat, ihr ganzes Leben lang.» April trennt sich von Ludwig, zumindest vordergründig, zieht zurück nach Berlin, nimmt weiter Tabletten.

«Ludwig kann Feuer entfachen, aber nicht am Brennen halten.»

Es beginnt der Kampf um Sam. Ludwig schickt ihn in ein Internat. April stürzt sich in die Arbeit als Redaktorin, während Ludwigs Leben aus den Fugen gerät. Ein Fall, der April mitzureissen droht.

Angelika Klüssendorfs Roman «Jahre später» ist eine ganz besondere Mischung. Da liest man vom Schrecken, der Achterbahn einer Beziehung, die zwischen akutem Schmerz und ungewollter Abhängigkeit pendelt und gleichsam vom Humor und Witz, der im fatalistischen Gefüge dieser Beziehung aufblitzt. Aus diesem Roman steigt derart viel Kraft und Poesie, dass man den Schluss des Buches möglichst lange herauszögern möchte. Ein Buch, aus dem einem Sätze förmlich anspringen. Sätze, die wie Blitze aufleuchten, hinter denen sich Welten aufschliessen. Sätze, die ganze Geschichten erzählen, Bilder die sich so tief einprägen, als hätten sie sich in die Netzhaut des Erinnern gebrannt.

«Glück ist die Abwesenheit von Angst.»

Angelika Klüssendorf ist auf Lesereise. Unbedingt hingehen, zuhören, staunen, lachen und geniessen!

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute lebt sie in der Nähe von Berlin. Sie veröffentlichte unter anderem die Erzählungen «Sehnsüchte» und «Anfall von Glück», den Roman «Alle leben so», die Erzählungsbände «Aus allen Himmeln» und «Amateure». Mit den beiden Romanen «Das Mädchen» und «April» schliesst «Jahre später eine Trilogie ab. Alle drei Romane sind unbedingt lesenswert!

Titelfoto: Sandra Kottonau

Yaël Inokai liest, Christian Berger und Dominic Doppler im musikalischen Austausch

Am Samstag, den 9. Juni 2018 liest die aus Berlin angereisende Schriftstellerin Yaël Inokai (Schweizer Literaturpreis) zusammen mit dem Musikerduo STORIES aus ihrem preisgekrönten Roman „Mahlstrom“. Die Lesung im Theater 111 in St. Gallen beginnt um 20 Uhr. Türöffnung ist um 19 Uhr.

Die Lesung mit Yaël Inokai ist die erste einer ganz speziellen Reihe, die Literatur mit improvisierte Musik verbinden will. Auch in den folgenden Lesungen agiert STORIES mit Aria Lobsiger (Jakob bleibt), Dana Grigorcea (Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen), Julia Weber (Immer ist alles schön) und Noëmi Lerch (Grit) über Herbst und Winter fortgesetzt (weitere Informationen hier).

Christian Berger (Saiteninstrumente) und Dominic Doppler (Percussion) sind zwei Klangforscher, die nicht bloss den literarischen Text musikalisch illustrieren. Musikimprovisation soll in einen Dialog mit dem gelesenen, vorgetragenen Text treten. Die Musik reagiert auf den Text, entgegnet ihm, Zwiespache haltend. Im Idealfall sogar soll die Musik auf das Auftreten der Autorin reagieren. Christian Berger und Dominic Doppler beschäftigen sich dabei im Vorfeld intensiv mit den gemeinsam vereinbarten Textstellen aus den jeweiligen literarischen Texten. Trotzdem bleibt viel Freiheit, viel Risiko, viel Abenteuer, sowohl für die Akteure im kleinen Theater 111, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich dem Wagnis aussetzen werden. (Wie klingt die Musik? Hören Sie hier.)

Yaël Inokai, (vormals Pieren) geboren 1989, arbeitete als Fremdenführerin. Sie veröffentlichte in verschiedenen Literaturzeitschriften und war Hildesheimer Stadtschreiberin. Nach ihrem viel beachteten Debüt „Storchenbiss“ (2012) legte sie 2017 mit „Mahlstrom“ ihren zweiten Roman vor. Barbara, die sich mit zweiundzwanzig im Fluss ertränkt. Ihr Tod, der im ganzen Dorf die Telefone schellen lässt, bringt die anderen zum Reden. Mahlstrom erzählt die Geschichte sechs junger Menschen, die in einer dicht verwobenen Dorfgemeinschaft herangewachsen sind. Zugleich geschützt und bedroht von den engen Banden, sind sie im Erwachsenenleben angekommen und stecken doch noch knietief in ihrer Kindheit. Erst Barbaras Selbstmord bringt den Stein ins Rollen und zwingt die Übriggebliebenen, sich mehr als zehn Jahre nach dem Verbrechen dem Geschehenen zu stellen.

Beginn der Lesereihe (Lesereise) im Theater 111, St. Gallen

Am Samstag, den 9. Juni ist es soweit. Yaël Inokai liest im Theater 111 in St. Gallen aus ihrem preisgekrönten Roman «Mahlstrom». Eine Lesung, in der sich Literatur und Musik begegnen. Christian Berger (Saiteninstrumente) und Dominic Doppler (Percussion) garantieren zusammen mit der Autorin für ein besonderes Hörvergnügen!

aus der aktuellen Nummer des Ostschweizer Kulturmagazins «Saiten»

Friedrich Christian Delius «Die Zukunft der Schönheit», Rowohlt

Der Georg-Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius war mit 23 für ein paar Wochen als ganz junger Autor nach New York eingeladen. Mit Freunden besuchte er dort einen Jazzclub in der verrufenen Lower East Side, ein Konzert des Saxophonisten Albert Ayler und seiner Band. Ein Gig, der Jahrzehnte nachhallt.

Friedrich Christian Delius erinnert sich 75 geworden an den einen Abend am 1. Mai 1966 in Slugs‘ Saloon in New York. Es war ein Ausflug mit Freunden in der Fremde, zum ersten Mal im «Land der Sieger», auf einer eben erst begonnenen, langen Reise als Schriftsteller

Es gibt sie, jene Momente, jene Schalt-, Wende-, Angel- und Kulminationspunkte im Leben. Ob dieser 1. Mai 1966 einer in Friedrich Christian Delius Leben war, ist vielleicht zum Teil Fiktion – aber in Buchform perfekt konstruiert und komponiert. Ganz anders wie der Freejazz damals in New Yorks Downtown, der alles andere sein wollte, als in Konstruktion und Komposition eingezwängt.

«Die Zukunft der Schönheit» ist das Porträt eines Mannes am Scheidepunkt, ein Abend in Echtzeit. Der Sound ist ohrenbetäubend, pulverisiert mit Synkopen und schrillen Tönen alles, brennt wie ein Feuersturm alles nieder. Eingemauertes im Nachkriegskopf des jungen Schriftstellers beginnt einzustürzen.

Schreiben war und ist Delius Stimme, sein Instrument, sein Sound. Nach dem Tod seines Vaters auf dessen Schreibmaschine getaktet. Er, der damals verschreckte Musiklaie, das Dorfkind, der Provinzler, der Predigersohn, Spätzünder sass mit einem Mal dort, wo sich die amerikanische Seele mit aller Radikalität und Intensität von den Verkrustungen und Verunsicherungen befreien wollte. Sei es der nie zu gewinnende Vietnamkrieg, das Attentat auf Kennedy. Alle Grenzen und Mauern sollten mit den Hörnern von Jericho niedergerissen werden, auch die Grenzen und Barrieren zwischen Schwarz und Weiss, dem zementierten Establishment und unüberwindbarer Armut.

Die Musik an jenem Abend provozierte und riss auf. Genau das, was Friedrich Christian Delius in den Jahren nach Kriegsende in seiner kleinbürgerlichen Heimat mit seinem Schreiben einreissen wollte. Im Kampf gegen den freundlichen Drogisten im Ort, der Jahre zuvor Stellvertreter Adolf Eichmanns war, der als Musterbürokrat den Tod Hunderttausender organisierte.

«Die vulkanische Gewalt der Musik» soll aufbrechen, erst recht die eben erst erkalteten Krusten in einem Deutschland, in dem sich Altnazis hinter Biederkeit verschanzten.
Delius schreibt, wie jedes Freejazz-Musikstück Fenster und Türen aufreisst, auch jene zu seinem Vater, den ihm der Tod unversöht durch Krankheit entreisst. Kurze Kapitel, nie mit einem Punkt endend, jedes am Schluss mit einem Gedankenstrich ins Leere. Als würde Delius immer wieder den Weg zurück in den Sound der Musik suchen, um sich gedanklich erneut wegtragen zu lassen.
Musik als Flammenmeer, in das alles versinken soll, was sich als Nazibodensatz in seiner Jugendstadt unter die Normalität abgesetzt hatte.

Ein musikalischer Einstieg in den vielfältigen Kosmos eines grossen Deutschen!

Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen, lebt seit 1963 in Berlin. Seine Werkausgabe im Rowohlt Taschenbuch Verlag umfasst derzeit achtzehn Bände. Friedrich Christian Delius wurde unter anderem mit dem Fontane- Preis, dem Joseph-Breitbach Preis und 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Gaël Faye „Kleines Land“, Piper

Wir, eine Gruppe Lese- und Literaturinteressierter, treffen sich monatlich und diskutieren über ein Buch, eine Schriftstellerin, ein ganzes Werk, die Gegenwartsliteratur eines Landes, eine Literaturverfilmung… So wie es viele tun im Wissen darum, dass man einem Buch eigentlich nicht gerecht wird, wenn man es nach der Lektüre bloss in ein Regal schiebt. Dass ich dabei auch Bücher lese, die sonst an mir vorbeigehen würden, versteht sich von selbst.

So wie der Autor selbst kehrt Gabriel nach vielen Jahren im unfreiwilligen Exil in Frankreich zurück in das Land seiner Kindheit. Ein Entschluss, der nicht zu reifen brauchte, sondern einer, der Mut brauchte, um in ein Land zurückzukehren, dass ihm mit Macheten und Gewehren, die Mutter, die Familie, die Heimat nahm. Zurück in ein Land, das nicht mehr das sein würde, was es einst war.

Gabriels Kindheit in Burundi war die eines privilegierten Jungen. Zusammen mit seiner Schwester, einem erfolgreichen Vater und einer schönen Mutter wächst der junge Gabriel unter einer paradiesischen Glaskuppel auf, weit weg von Armut und dem schwelenden Konflikt zwischen Tutsis und Hutus.

1994 kostete der Stammeskrieg, der zu einem Völkermord ausartete eine Million Todesopfer. In hundert Tagen massakrierten Angehörige der Hutu-Mehrheit ca. 75% der Tutsi Minderheit und moderate Hutus, die sich dem Morden entgegenstellten. Ein Konflikt, der nicht erst in jenem Jahr entgleiste, sondern in den Ländern dieser beiden Volksgruppen immer wieder zu grossen Auseinandersetzungen führten.

Gabriel spürt diesen Konflikt. Aber Vater und Mutter versuchen den Jungen aus der Politik und den gegenwärtigen Konflikten und Problemen herauszuhalten. Gabriel zieht nach der Schule mit seiner Clique durchs Quartier. Sie klauen Mangos von den Bäumen der Nachbarn, baden im Fluss und treffen sich in einem ausgeweideten Autobus. Aber nicht nur die politische Situation im Land spitzt sich zu. «Nachts liess Mamas Zorn die Wände unseres Hauses wackeln.» Gabriel muss zusehen, wie die Ehe der Eltern immer mehr zu Maskerade wird, bis sie auseinanderbricht und Gabriels Mutter das Haus verlässt. Das Paradies beginnt zu bröckeln. Aber auch im Land rumort es. Obwohl die ersten freien Präsidentschaftswahlen Grund zur Hoffnung wären, stirbt diese, durch Morde und Attentate. Das empfindliche Ungleichgewicht im Land beginnt zu kippen. Gabriel und seine Freunde hören in der Ferne Schüsse. Das Personal in Gabriels Elternhaus erscheint nicht zur Arbeit und die Schule bleibt geschlossen. Angst schleicht sich ein. Ein Gefühl, das Gabriel so nicht kannte. «Da kann ich in meinem Gedächtnis wühlen, wie ich will, ich komme nicht mehr auf den Moment, ab dem es uns nicht mehr reichte, das bisschen zu teilen, was wir besassen, und wir keinem mehr trauten, jeden als Gefahr ansahen, eine unsichtbare Grenze zogen gegen die Aussenwelt, unser Viertel zur Festung erklärten und unsere Sackgasse zum Sperrgebiet.»

So beschaulich sich der erste Teil des Romans liest, so schrecklich, beissend und unwirklich wird das Geschehen im zweiten Teil von «Kleines Land». Gabriels Welt bricht auseinander. Aus lauter Angst kehrt die Mutter zurück ins Haus. Doch der Krieg im Land frisst sich in die Herzen aller. Die Reise zur Hochzeit von Verwandten wird zum Spiessrutenlauf und ein verzweifelter Anruf zum letzten Lebenszeichen. Gabriels Vater schafft zusammen mit seinen beiden Kindern die Flucht ins ehemalige Mutterland Frankreich. Die Mutter bleibt zurück. Mit ihr die für immer verlorene Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und Sicherheit.

Ich gebe zu, das Buch hat seine Schwächen. Vieles von dem, was der Autor «verspricht», von dem er zu erzählen beginnt, lässt er fallen. So poetisch die Sprache in manchen Passagen ist, so hölzern an anderen. Und doch schafft es Gaël Faye mit seinem Buch, dass eine Tür aufgerissen wird. «Vielleicht ist das Krieg: wenn man nichts versteht.» Gaël Fayes Roman zwingt einem, nachzudenken. «Kleines Land» ist ein Buch über unheilbaren Verlust. Über den Irrtum, dass man sich durch Flucht zu retten vermag.

Gaël Faye, 1982 in Burundi geboren, wuchs als Kind einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters auf, bevor er 1995 als Folge des Bürgerkriegs nach Frankreich flüchten musste. Nach dem Ende seines Wirtschaftsstudiums arbeitete er zwei Jahre als Investmentbanker in London, bevor er nach Frankreich zurückkehrte, um dort als Autor, Musiker und Sänger zu arbeiten. Sein erster Roman »Kleines Land« war nominiert für den Prix Goncourt und erhielt unter anderem den Prix Goncourt des Lycéens.
Übersetzer: Andrea Alvermann und Brigitte Grosse

Ein Buch zur Vertiefung: «Hundert Tage» (2008, Wallstein Verlag) von Lukas Bärfuss!
Ein sehenswerter Film: «Hotel Ruanda» von Terry George, 2004

Webseite des Autors