Rede zu der Eröffnung der 40. Solothurner Literaturtage Judith Keller

Sehr geehrte Anwesende, die heute Abend hier zusammen gekommen sind zur Feier des vierzigjährigen Jubiläums der Solothurner Literaturtage. Ich wurde gefragt, wie sich das Schreiben, das Erzählen für mich, heute, im Jahr 2018 anfühle, was das Erzählen für mich bedeute. Darüber musste ich lange nachdenken und muss es noch weiterhin tun.
Ich bin der Meinung, dass wir, wie zu jeder anderen Zeit schon, auch im Jahr 2018 erzählt werden, und zwar nicht besonders gut. Doch nachdem ich das gesagt habe, bin ich schon nicht mehr sicher, ob es noch stimmt, was ich gesagt habe, es kommt mir bereits veraltet vor. Darum beginne ich noch einmal. Ich bin der Meinung, dass wir, und sicher geschah auch das schon lange zuvor, aber mir scheint, es ist mehr geworden, im Jahr 2018 weniger erzählt als errechnet werden, und auch das nicht besonders gut. Denn wir finden uns zwar als Resultat einer Rechnung wieder, aber wir sind darin nicht aufgegangen. Wir gehen nicht auf. Es ist darum eine Sprache vonnöten, und ich finde, eine literarische, um diese Rechnung, die nicht aufgeht und deren Resultat wir sind, ins Erzählen zu übersetzen.

Welche Rechnungen erzählen die Resultate? Stimmen die Rechnungen? Oder stimmen sie nicht, weil es darin an Stimmen fehlt?

Erst durch das Suchen nach den Bedingungen, die zu den Resultaten führten, kann in den Blick geraten, womit nicht gerechnet wurde. Und dies finde ich eine Aufgabe der Literatur: Erzählen, womit nicht gerechnet wurde. Erzählen, womit nicht gerechnet werden kann. Erzählen, was sich unter den Wörtern regt. Ich brauche meine ganze Fantasie dafür, mir vorzustellen, was das ist.

Aber was wäre das für ein Erzählen, das so etwas kann?

Was gibt es? ist die Frage dieses Erzählens, so glaube ich, und es ist sich nicht sicher, was es gibt. Aber es erzählt, dass es mehr gibt, als es erzählen kann. Es wäre ein Erzählen, das zuhört und sicher ist, dass es mehr gibt, als es hört. Ich glaube, dass Schreiben eine Form eines solchen Zuhörens ist.

Zum Beispiel höre ich die Schwäne in der Schwanenbucht in der Nähe vom Bellevue in Zürich. Ich weiss nichts von ihnen, aber ich schaue ihnen oft zu.

In diesem Moment kommen sie zur Bucht. Wer ist hier „sie“? Ich nenne sie Peli und Vera, es sind zwei in diesem Moment erschöpfte Frauen und sie haben an diesem Tag schon viel erlebt. Sie kommen zur Bucht, in der die süchtigen Schwäne unruhig die Nacht verbracht haben auf dem Kies oder auf den flachen und erhobenen Steinen nah am See. Unzählbare Schwanschaften drängen sich aneinander. Federn und Kot sind überall verstreut, verrenkte Hälse liegen auf Federkörpern, schwarze Schwanenfüsse suchen Halt. Ein gedämpftes Schnattern rollt durch die Menge, an einigen Stellen ist es dichter, an anderen ganz ruhig, doch dort, wo es ruhig ist, bewegen sich die Schnäbel ohne Ton. Blauweiss leuchten die Federn aus der grauen Dämmerung heraus. Irgendwo scheint es sie immer zu zwicken, ein plötzliches Zucken geht durch die Gefieder, sie graben mit den Schnäbeln nach und fischen etwas aus sich heraus, das niemand sieht. Sie haben Konflikte, innerliche Knöpfe, vielleicht haben sie einen Mangel, sagt Peli oder sagt Vera und sie setzen sich auf ein paar Ufersteine und schauen den Schwänen zu. Sie haben heute viel erlebt und der Text ist noch nicht zu Ende. Wir sind immer noch da, sagt Vera dann. Ich kann mir nicht vorstellen, was jetzt noch kommen soll, sagt Peli. Man kann sich immer nur wenig vorstellen, sagt Vera. Aber warte nur, im Nachhinein ergibt alles Sinn.

Warte nur, im Nachhinein ergibt alles Sinn, sagte mir kürzlich ein Freund, als etwas nicht eintraf, wie ich es wollte. Das ist die Hoffnung des Erzählens, dass am Schluss alles in einem Sinn mündet, und dennoch muss es ohne diese Hoffnung auskommen, dieser Hoffnung gegenüber misstrauisch sein, denn erzählen ist Sinn stiften, wo es keinen gibt. Die Schwäne helfen mir, wenn ich sie lange genug anschaue, wieder nichts mehr über sie zu wissen, die Hoffnung auf Sinn gleichzeitig aufzugeben und doch zu hegen. Sie helfen mir auch, nicht zu viel zu erfinden. Denn ich glaube, ich muss mich an das halten, was da ist. Denn auch wenn ich erfinde, schützt es mich nicht davor, die Welt so zu erfinden, wie sie schon ist. Und trotzdem bin ich sicher, dass die Welt neu erfunden werden muss – und zwar mit dem, was ist.

Judith Keller wurde 1985 in Lachen am Zürichsee geboren und lebt heute in Zürich. Sie hat Literarisches Schreiben in Leipzig und Biel sowie Deutsch als Fremdsprache in Berlin und Bogotá studiert. Nach Veröffentlichungen in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschien 2015 ihre Erzählung „Wo ist das letzte Haus?“ bei Matthes & Seitz als E-Book und wurde mit dem „New German Fiction“ Preis ausgezeichnet. 2018 erschien bei Der gesunde Menschenversand «Die Fragwürdigen».

Wolfgang Hermann „Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald“ Gedichte, Limbus

In Bernsteinlicht eingefangene Momente, Augenblicke. Wer Wolfgang Hermanns Gedichte liest, erinnert sich an sich selbst, an Vertrautes, wird überrascht von der Klarheit seines Sehens. Wolfgang Hermanns Lyrik ist klar, bildreich, grosse Sprachkunst in leisen Tönen.

Bei Romanen ist es ein schlechtes Zeichen, wenn ein Buch lange liegen bleibt, wenn das eingeschobene Lesezeichen nur ganz langsam nach hinten rutscht, wenn es zuweilen unter anderen Büchern verschwindet, wenn man es nur ganz kurz in die Hand nimmt, abends vor dem Schlafen, das Buch in den Händen auf die Decke sinkt, nicht weil ich mich dem Schlaf ergebe, sondern weil ich zwischen letztem Gedicht und dem Wegdriften in den Schlaf dem nachhängen will, was der Dichter in sanften Tönen in die Stille zeichnete.

Reif und prall das leben im quellenden Gras
auf dampfenden Wiesen
unterm langsamen Sommerlicht
Hauch zwischen den Dingen
Hauch im Baum
Hauch um Tor und Tisch
auch mich durchfliesst Hauch
öffnet in mir eine Hand
ist es das, das Älterwerden 

Als ginge man in tiefer Freundschaft zusammen mit Wolfgang Hermann durch die Landschaft. Eine stille Zwiesprache mit einem Dichter, der mich sehend macht. Keine verkopfte, verquere, schwer entschlüsselbare Lyrik. Keine Ausschweifungen, sondern schlichte Konzentrate.

Tief drang ich in den Wald
mir gingen Augen auf und unter
in der Tasche mein Schlüssel
ich vergass ihn
vergass mein Leben in der Stadt
war nur Hauch nur
ein Schlüssel in meiner Tasche.

Zarte Sprachgebilde eines Dichters, der in die Dinge hineinsieht, durch sie hindurch, der sich in die Zeit ziehen lässt, weit hinter die Oberflächlichkeit sieht. Ich las die Gedichte laut, manche immer wieder, die einen anderen Ohren vor, um nachzuprüfen, wie tief die Sprache dringt. Und manchmal spüre ich auch den Schmerz, das Erspüren des Verlusts.

Der Tod errichtet eine Mauer, damit wir auf ihr
balancieren.

Versuche über die Mauer des Todes zu springen.

Die Stimmen der Nacht sind ohne Körper. Sie
sind Schmetterlinge der Nacht, leichter als das
Geflecht der Luft.

… und so ganz nebenbei: Wunderschöne Bücher, auch die Erzählbände von Wolfgang Hermann, aus dem Limbus Verlag von Bernd Schuchter und Merle Rüdisser in Innsbruck!

Wolfgang Hermann, geboren 1961 in Bregenz, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Lebte längere Zeit in Berlin, Paris und in der Provence sowie von 1996 bis 1998 als Universitätslektor in Tokyo. Zahlreiche Preise, u. a. Anton-Wildgans-Preis 2006, Förderpreis zum Österreichischen Staatspreis 2007; zahlreiche Buchveröffentlichungen, unter anderem „Abschied ohne Ende“ (2012), „Die Kunst des unterirdischen Fliegens“ (2015) und „Herr Faustini bleibt zu Hause“ (2016). Bei Limbus: „Paris Berlin New York“ (erstmals erschienen 1992, Neuauflage 2008, als Limbus Preziose 2015), „Konstruktion einer Stadt“ (2009) und „Die letzten Gesänge“ (2015).

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Titelfoto: Sandra Kottonau

André David Winter „Immer heim“, edition bücherlese

Bilder, die sich einbrannten. Zu einen das grossformatige Bild „Die Lebensmüden“ von Ferdinand Hodler in der Pinakothek in München. Zum andern die Schlussszenen im Film „Das gefrorene Herz“ mit dem Schauspieler Sigfrid Steiner, der als Korber in Schnee und Eis seine Ruhe findet. André David Winter schrieb mit seinem Roman „Immer heim“ eine Geschichte aus der Vergangenheit, über alte Menschen, „Verwärchete“, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben.

Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat von Novalis „Wohin gehen wir? Immer heim.“ und auf den letzten Seiten angefügt: „Ein grosser Dank geht an Otto S. und René F. für ihre wertvollen Erinnerungen. „Immer heim ist ein Buch der Erinnerungen. Zurückgesetzt in eine Zeit, die längst vergangen scheint, von Menschen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts gross wurden. Ein Erinnerungsbuch an Schicksale, die noch viel fester mit der Natur und den Mühen der Arbeit verflochten waren, ein Erinnerungsbuch zwischen dem verklärten Blick eines Ankerbildes und der entblössenden Strenge eines Ferdinand Hodlers.

Joseph Bitzi wird nach einem Leben als Knecht vom Hof der Mugglis gegen seinen Willen ins Heim geschickt. Dem Jungbauer war der knorrige, eigenwillige Knecht mehr Last als Kraft und so schnell entsorgt. Aber was tut ein Mann, der ein Leben lang mit seinen Händen anpackte mit einem verordneten Leben im Ruhestand? Unter all den anderen Alten, die nur noch warten, auf das nächste Essen, die Schwester, den Besuch, die Nacht, den Schlaf, den Tod? Einer von denen werden, die sich abgefunden haben und vor sich hin dämmern?

Joseph bäumt sich auf. Er hat einen Plan. Nachdem er ein Leben lang einstecken musste, soll das letzte Stück nach seinem Sinn verlaufen. Er, den man nicht erst jetzt nicht mehr will, bäumt sich auf, stellt sich quer.

“Manchmal fragte er sich, ob nicht alle, die hier wohnten, weggeworfen worden waren wie er.“

Aus dem Aufbäumen des ausrangierten Knechts wird eine richtige Bewegung. Der stumme Alfred, sein Zimmergenosse, den Parapluie, der einst als Schirmflicker von Haus zu Haus hausierte, die böse Anni, die uralt noch immer nachts im Traum schreit aus Angst, ihr Mann komme sie holen, oder Rottannli, den ehemaligen Knecht und Melker, der von Stimmen heimgesucht wird und am liebsten sein Leben mit Feuer löschen würde. Sie alle wachen noch einmal auf, ergeben sich nicht.

“Ihr müsst uns beschäftigen, sonst beschäftigen wir euch.“

Auch Geld hilft ihm, Geld, von dem er wusste, das nie gebraucht wurde, das versteckt auf dem dahinsiechenden Hof liegt, auf dem er zur Welt kam, Geld, das ihm Kraft und Macht geben würde, auch über die Lästerer im Gasthaus im Dorf, die nur darauf warteten, ihn noch einmal und noch einmal mit ihrem Lachen durch den Dreck zu ziehen.

Joseph, dem es in seinen unglücklichen Liebesgeschichten nie gelang, sich als der zu zeigen, der er war, der als Knecht immer Knecht blieb, mischt als „Verwärcherter“ ein Altenheim auf. Mag sein, dass die Szenerie manchmal hart an der Grenze zur Glaubwürdigkeit schrammt. Aber genau das darf Literatur. Literatur muss nicht abbilden, darf Geschichten erzählen. Und André David Winter tut dies mit kräftigen Farben und klaren Strichen.

André David Winter liest am 30. November 2018 an einer „Ofenlesung“ im Haus der Schriftstellerpaars Michèle Minelli und Peter Höner in Iselisberg bei Frauenfeld TG. Weitere Informationen folgen!

André David Winter, geboren 1962 in der Schweiz. Seine Kindheit verbrachte er bis zum achten Lebensjahr in Berlin. Mit vierzehn verlor er seine Mutter. Nach Abbruch einer Lehre arbeitete er auf Bauernhöfen in der Schweiz und in Italien. Es folgten die Ausbildung in der Psychiatrie und die Arbeit in der Notschlafstelle und in einem rumänischen Kinderheim. 2008 erschien sein Roman „Die Hansens“ im Bilger Verlag, 2012 folgte „Bleib wie du wirst. Deine Demenz, unser Leben“. In der edition bücherlese erschien 2015 der Roman „Jasmins Brief“.

Titelbild: „Die Lebensmüden“, 1892, Ferdinand Hodler, Ausschnitt

Sven Recker „Fake Metal Jacket“, Nautilus

Während die Wirklichkeit tobt, trübt sich der Blick in das Antlitz dieser Wirklichkeit immer mehr. Staatsoberhäupter entkräften Tatsachen mit dem Aufschrei „Fakenews“. Zeitungsleser und Nachrichtenagenturen tappen im Nebel von Verunsicherung und permanenter Behauptung. Wo man einst Wahrheit zu finden glaubte, grassiert der Zweifel. Sven Reckers zweiter Roman «Fake Metal Jacket» beschreibt die Entgleisungen eines jungen Journalisten, der es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt. Ein Roman über die kalte Schnauze eines Journalisten, dem es nur um das perfekte Bild geht.

Sven Recker weiss, wovon er schriebt. Er war Journalist und bildet solche aus, bewegt sich in Gebieten, die Krisen viel unmittelbarer angebunden sind, als wir in Mitteleuropa, die, wenn überhaupt, höchstens mit den Auswirkungen zu kämpfen haben.

Larsen produziert News. Aber mit der Nachprüfbarkeit seiner Meldungen von den Fronten der Aktualität nimmt es Larsen nicht so genau. Nichts, was er schreibt, ist grundsätzlich erfunden. Aber nichts, was er schreibt, entspricht nur annähernd den Tatsachen. Alles ist irgendwie wahr und doch erfunden, inszeniert. Larsen weiss, was die Redaktionen mögen, was am ehesten den Weg auf Titelseiten findet. Larsen illustriert das, was Medien und Konsumenten erwarten; Bilder, die bestätigen, die anrühren, die die perfekte Geschichte erzählen. «Der Schein mag trügen, aber er scheint.»

Angefangen hatte es in Lybien. «Es wurde geschossen, aber schlimm war es nicht. Es gab wenig zu tun, aber wenn doch, dann ganz viel. Endlich ein historischer Or. Das Internet kollabierte, der Strom fiel aus, mindestens zehn Mal am Tag.» Dann hatte er zu aller erst Internet und damit die Möglichkeit, auch als erster seine Schlagzeilen in die Welt zu schicken. Hauptsache Schlagzeilen, Hauptsache das Soll erfüllt. Und wenn man dann auch noch entsprechend Kohle damit macht, heiligt der Zweck die Mittel. Larsen ist erfolgreich, wird bewundert, gefeiert, aufs Podest gehoben, bis man ihn mit dem ersten Fehler, der sich fünfstellig auswirkt, wie eine heisse Kartoffel fallen lässt. Mit der Bitte eines Bauern, endlich mit dem Filmen in der Grube aufzuhören, doch endlich über die wirklichen Probleme zu schreiben, z. B. über das Gesocks, das sich im ganzen Land breit macht, beginnt Larsens Konstrukt auch in seinem Innern zu wackeln.

Und mit dem Wunsch, eine junge Frau aus den Wirren des Nahostkrieges zu «befreien», nun endlich mit dem richtigen Berichten zu beginnen, reitet sich Larsen in eine Geschichte, bei der ihn die Wahrheit und die Realität an Wände ketten. Larsen, der das Leben als eine einfache Gleichung sieht, muss sich eingestehen, dass nichts so ist, wie er es sich denkt. Von Einfachheit keine Spur mehr.

Ein kleines Interview mit Sven Recker:

So wie ihr Roman sich mit „Fake-news“ beschäftigt, ist es die Geschichte eines Mannes, der auf einem einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr zurück kann und will. Zum einen, weil er für minimalen Aufwand maximalen Erfolg generiert, weil die „Sache“ zu lange gut geht, zum andern weil er sich selbst versichert, doch eigentlich bei der Wahrheit zu bleiben, Kopien der Wahrheit zu produzieren. Ist Journalismus ein Beruf, bei dem Moral eine besondere Rolle spielt oder hängen wir Informationskonsumenten dem Idealbild des heldenhaften Enthüllungsjournalismus nach?
Journalisten haben ihrem Publikum gegenüber die Verantwortung, es möglichst ausgewogen zu informieren. Moral ist mir in diesem Zusammenhang ein zu großer Begriff. Idealerweise entsteht so ein Vertrauensverhältnis zwischen Medienproduzent und Medienkonsument, vereinfacht gesagt, der Leser einer Lokalzeitung fühlt sich durch die Berichterstattung seines Heimatblattes gut informiert. Soviel zum Idealzustand. Derzeit lässt sich allerdings in zahlreichen Ländern beobachten, dass das Vertrauen des Publikums in die Medien nachlässt. Alle Gründe hierfür aufzuzählen würde an dieser Stelle zu weit gehen. Ein Grund, der auf den zweiten Teil Ihrer Frage anspielt, ist, dass sich viele Journalisten, wie Larsen, in den sozialen Medien inszenieren und andauernd zu allem möglichst pointiert Stellung beziehen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Tweets und Posts fast ausschließlich Meinungsbeiträge sind. Wie aber soll der gleiche Journalist, der kurz zuvor auf Twitter den Beitrag eines Politikers wohlwollend oder ablehnend kommentiert hat, danach möglichst ausgewogen darüber informieren? Klar, die unterschiedlichen, journalistischen Formate, Kommentar, Bericht, Hintergrund gab es schon immer und wurden auch früher schon oft von ein und demselben Journalisten verfasst. Die Reihenfolge, beziehungsweise Gewichtung, war nur anders. Gross aufgemacht wurde der Bericht/Hintergrund, der Kommentar war die Spalte nebendran. Heute kommt oft erst die Meinung auf den sozialen Medien, dann der ausführlichere Bericht.

Peter Larsen lässt sich instrumentalisieren. Zuerst von seinem Erfolg, der Dynamik, die das scheinbar raffinierte Spiel als Reporter an der „Front“ entwickelt, später von einer Gegenseite, mitten im Nahostkonflikt, mit der Waffe an der Stirn. Ist ihr Buch auch der Versuch zu zeigen, in welches Dilemma Berichterstattende unweigerlich geraten? Wie schwierig oder gar unmöglich es ist, neutral, unvoreingenommen, objektiv zu sein?
Na ja, gegen Instrumentalisierung kann man sich als Journalist wehren. Ein Dilemma ist das nicht, das ist eine Frage der Haltung. Eine objektive Realität gibt es nicht, die Wahrnehmung der Welt setzt sich immer zusammen aus eigener Erfahrung, Bildung, familiärem oder religiösem Hintergrund sowie den eigenen Zielen. Es geht also um eine möglichst ausgewogene Berichterstattung, nicht um eine objektive, denn an diesem Anspruch kann man nur scheitern.

Der Besuch der AfD-Politiker in Syrien und ihr anschliessender Appell an die Öffentlichkeit und die Politik, die Syrer in Deutschland doch wieder in ihr „Heimatland“ zurückzuschicken, denn das Land brauche sie für den Wiederaufbau, zeigt doch, wie sehr man sich von Eindrücken, Begegnungen, Einstellungen beeinflussen lässt? Wer sagt dem einfachen Bürger, der Leserin in der warmen Stube zuhause, wessen Sicht man trauen kann?
Im Falle Syriens ist es in der Tat schwierig ein allgemein gültiges Bild zu zeigen. Jeder, der dort hingeht, läuft Gefahr von der einen oder anderen Seite instrumentalisiert zu werden. Die AfD-Politiker sind brav in die Falle getappt, die ihnen das Regime von Assad gestellt hat. Nicht, dass es die Wirklichkeit, die sie gesehen haben nicht gibt. Aber den Preis, den viele Syrer dafür bezahlen müssen, sahen sie nicht und wollten ihn wahrscheinlich gar nicht sehen, da die Agenda der AfD, nämlich Syrer zurückzuschicken, so schön zu dem Bild passt, das Assad von Syrien zeigen möchte. Wem man bei der Berichterstattung über Syrien trauen kann? Generell noch immer den deutschsprachigen Qualitätsmedien sowie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Problem ist allerdings, dass es aus Sicherheitsgründen in Syrien für ausländische Journalisten fast unmöglich ist, alle Konfliktparteien- und Regionen zu besuchen. Hinzu kommt die Fokussierung auf aktuelle Militäraktionen, so dass über die Jahre hinweg der Eindruck entstanden ist, ganz Syrien würde in Schutt und Asche liegen. Die AfD hat versucht, diese Informationslücke zu nutzen.

Sie schulen neben ihrer Arbeit als Schriftsteller und Journalist künftige Journalisten in Libyen, Ägypten, Tunesien, Irak, Sudan, Sri Lanka und Ruanda vor Ort aus. Lauter Regionen, in denen es kocht und brodelt. Geht es dabei nur um das Handwerk oder spielt auch ein Funken „Mission“ mit?
Kommt darauf an, was Sie mit Mission meinen. Die Vermittlung von journalistischem Handwerk ist Grundlage. Im größeren Sinne geht es aber immer darum, ein journalistisches Verständnis zu vermitteln, dass die Konflikte in den jeweiligen Ländern eher befriedet als verstärkt, also beispielsweise Hate-Speech-Artikeln entgegenzuwirken, indem man Journalisten die Grundlagen des Kommentars vermittelt. In einigen Ländern, Sri Lanka beispielsweise, ist bereits der Ansatz unserer Trainingsmaßnahmen ein Beitrag zur Versöhnung, in dem wir dort singhalesische und tamilische Journalisten nicht nur zusammenbringen, sondern sie auch beim gemeinsamen Verfassen von Beiträgen begleiten und unterstützen. In Sri Lanka hat es fast zwei Jahre gebraucht, dass der Dialog zwischen tamilischen und singhalesischen Journalisten einigermaßen funktioniert.

Zur Wahrheit, auf den Boden der Realität, kommt Larsen erst auf den Dächern von Damaskus. Mit Zucker und Peitsche, während nicht weit von seinem „Gefängnis“ Bomben hochgehen und Schüsse peitschen. Es ist nicht die freiwillige Umkehr, die Einsicht. Erst die Not, lebensbedrohliche Not und die Enttäuschung darüber, sich masslos getäuscht zu haben, zwingen Larsen zur „Umkehr“. Muss ein Journalist mehr Gutmensch sein als andere?
Nein! Siehe Hans Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache, dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“

Vielen Dank!

«Fake Metal Jacket» lässt einem nach der Lektüre mit einer ordentlichen Portion Verunsicherung zurück. Dieser fast kindliche Reflex, dass alles wahr sein muss, was man sieht, ist mit einem Mal pulverisiert. Ein schonungsloses, entlarvendes Buch – ein wichtiges Buch!

Sven Recker wurde 1973 in Bühl/Baden geboren und lebt in Berlin. Er arbeitete mehrere Jahre lang als Journalist, bevor der ab 2002 einige Zeit als Not- und Katastrophenhelfer in Krisenregionen reiste. Seit 2009 schult er zudem Journalisten aus Libyen, Ägypten, Tunesien, Irak, Sudan, Südsudan, Sri Lanka und Ruanda vor Ort.
2015 las er mit einem Auszug aus seinem Debütroman »Krume Knock Out« bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Solothurner Literaturtage mit Lea Frei, Illustratorin

Drei Tage zusammen mit Lea Frei an den 40. Solothurner Literaturtagen. Lea Frei studiert „Illustration“ an der Hochschule für Gestaltung in Luzern. Was dereinst als gemeinsames Projekt einmal eine Ausstellung werden soll, hier ein paar Kostproben.

Auf dem Bild unten David Signer und Anja Kampmann bei einer anregenden Diskussion zum Thema „Die Stimme der Verlierer“. Mit den beiden „Gezeichneten“ sassen jene zusammen, die auf dem Titelfoto zu sehen sind.

Wer neugierig auf mehr geworden ist – besuchen Sie literaturblatt.ch erneut!

„Ein Maximum an Bedeutung, aber ein Minimum an Form“

Zwei Höhepunkte an den 40. Literaturtagen in Solothurn waren aus meiner Sicht die 81jährige Anna Felder, die den Schweizer Grand Prix Literatur 2018 erhielt und die noch ganz junge Judith Keller, die mit ihrer ersten Geschichtensammlung «Die Fragwürdigen» längst nicht nur mein Herz rührt und meine Seele erquickt.

Anna Felder, die Tessinerin, die in Aarau lebt, hat nicht nur immer noch ein helles, offenes Gesicht. Sie besitzt ein helles, offenes Bewusstsein, ist eine stille und äusserst feinfühlige Beobachterin, die die Kostbarkeiten des Moments in literarische Bilder zu fassen vermag. Kleinsttragödien, die immer ein Spiegel von Grossem sind, Schöpferin von Texten, die allein durch den Klang der Assoziation eine Richtung geben können. Geschichten, die in Fragmenten aus der Stille steigen, die durchaus das Potenzial zu vielen hundert Seiten hätten. Anna Felder spürt der Kraft der Möglichkeiten nach, spielt mit der Imagination, nimmt sich dem Kleinen, Zarten an.
Wichtiger als Handlung ist ihr die Situation, alles, was aus der Vergangenheit in den einen Moment hineinwirkt. Ihre Geschichten im schmalen Band „Circolare“ sind Momentaufnahmen, langsam gewachsen, auch im Schreiben. Sie schreibt zuhause zu Beginn stets von Hand mit dem Blick in den Garten des Nachbarn. Ihr Papierkorb steht neben dem Stuhl, nicht nur um Sätze wegzuwerfen, sondern auch um nach ihnen zu suchen, wenn das Weggeworfene doch das Richtige war. Worte sind Schlüssel zu unendlich vielen Geschichten, einer Fülle an Leben. Momente, die mit Leben aufgeladen sind. Sie schreibt Geschichten, um Fragen ihres Lebens zu beantworten, im Wissen darum, dass stets neue Fragen entstehen, Fragen nie wirklich beantwortet sind.
Und ganz besonders erwähnenswert ist, dass die Geschichten in „Circolare“ äusserst sorgfältig übersetzt sind, nicht von ihrem Klang, ihrer Melodie einbüssen durch die Übersetzungen von Ruth Gantert, Maja Pflug, Barbara Sauser und Clà Riatsch. So sehr sich Anna Felder für die Kehrseiten der Menschen interessiert, so sehr bemüht sich Anna Felder um die Feinheiten des sprachlichen Ausdrucks. Grosse Literatur einer ganz bescheidenen, aber grossen Dichterin.

In der Kürze und Prägnanz mit einander verwandt und doch weit weg von Anna Felder sind die Geschichten der jungen Judith Keller. Einer Frau, die auf der Bühne ihre Geschichten aus einem rot gefütterten Hut fischt, zieht die aus einem Zauberhut, wägt ab, „wirft“ sie den Zuschauern zu, tief in den dunkeln Raum, einzelne Sätze wie Aufforderungen an das Publikum. Geschichten, die ins Lachen branden, ein Lachen, das bleibt, noch lange nachhallt. Judith Keller scheint in einem unendlichen Reservoir an Geschichten wühlen zu können. Ganz im Gegensatz zu Anna Felder sind es aber nicht unbedingt Beobachtungen an den Menschen, sondern an der Sprache, an Redewendungen, die ihr entgegenspringen, zum Beispiel bei der Lektüre der Zeitung, abstrakte Bezeichnungen, unbeabsichtigte Metaphern, schräge Momente in absoluter Normalität. Geschichten, die feststellen und im Moment ihrer Feststellung kippen. Judith Keller nimmt den Blick von aussen, auch jenen von Tieren, sei es auch nur eine Taube. Der Humor ihres Erzählers liegt nicht in der Pointe, sondern im Grad der Wiedererkennung des Lesers, der Zuhörerin.
Judith Keller ist eine Zauberin. Sie zaubert Geschichten her, so leicht, als wäre es keine Anstrengung, sie zu schreiben, ihnen nachzugehen, als wären sie immer zufällig da, bei ihr, wo sich die Geschichten materialisieren. Die Geschichten passieren sie. Sie, die im schwarzen Kleid mit weissen Tupfen, den roten, samtigen Schuhen und den roten mit einem schwarzen Band über dem Kopf zusammengebundenen Haaren auf der Bühne zaubert. Judith Keller, eine Gschichtenmagierin – bezaubernd!

Die Solothurner Literaturtage waren auch in ihrer 40. Ausgabe ein strahlendes Ereignis. Organisiert von Beseelten, die es schafften, jenen Geist des Aufbruchs in die Gegenwart hinüberzuführen. Die Solothurner Literaturtage sind weit mehr als eine Leistungsschau. Für drei Tage wird die kleine Stadt an der Aare zu einer grossen Stadt der lebendigen Literatur.

Ausstellung Philipp Frei „am Rande der Spur“ in Zürich

Am 8. Juni eröffnet Philipp Frei seine neue Ausstellung in Zürich! Seine Bilder erzählen viel, mehr als Geschichten. Es sind Einschnitte in Innenwelten, Aufforderungen zum Innehalten. 

«Meine Arbeiten entstehen aus der Wechselwirkung von Komposition, Farbe und Faktur. Eine informell flüchtige Bildsprache versucht die malerische Artikulation von Raum erfahrbar zu machen. Mit der Befragung des Raumes und seiner Grenzen, dem Abwägen von An- und Abwesenheit suche ich die Balance zwischen Erinnerung und Gegenwart. Lakonische Auslassungen, Aussparungen verorten und suchen ein vieldeutiges Konglomerat. Gleichzeitig changieren die Arbeiten auf der Schwelle, im Übergang – Bild, Bildobjekt und der Skulptur.»

 

«Ich bin masslos enttäuscht» – eine Einschätzung

Bei der Lesung der Grande Dame der Holländischen Literatur Margret de Moor sassen eine Mutter mit ihrer Tochter in der Reihe vor mir, beide mit Brillen im Haar, die Junge mit schulterfreier, weisser Bluse. «Ich bin masslos enttäuscht. Ich habe geschrieben und angerufen. Aber alle hatten sie eine Ausrede. Ich bin enttäuscht von meiner Generation.»

Ich konnte mich ihrer lautstarken Entrüstung nicht entziehen. Die Lesung würde gleich beginnen. Sie, die junge Frau vor mir, wetterte weiter in Richtung ihrer Mutter. «Hast du gesehen, wer hier ist und wer hier fehlt? Meine Generation. Jene, die dauernd hausieren, was sie alles gelesen haben. Ich bin enttäuscht.» Nicht viel hätte gefehlt, und ich hätte mich eingemischt, hätte der Enttäuschung der jungen Frau beigepflichtet. Nicht um sie zu beschwichtigen, sondern um Öl ins Feuer zu giessen.

Die junge Frau hat recht. Auch wenn die Organisatorinnen und Organisatoren der 40. Solothurner Literaturtage nicht einmal in den Windeln waren, als das Festival vor 40 Jahren ins Leben gerufen wurde, sind die Besucher und Besucherinnen durchschnittlich deutlich im Rentenalter; durchaus frisch und jung geblieben, beweglich und offen. Aber ganz offensichtlich die aussterbende Generation derer, die sich von der Literatur aus der Komfortzone locken lassen. Keine Generation las so viel wie die junge heute. Aber es scheint nicht zu reichen für die Geheimnisse der Literatur.

Dabei sind sie da, die Stimmen, die Aktualität mit Literatur verbinden. Auch in den frischen Stimmen der Schweizer Literatur. Zwei Beispiele:

Alice Grünfelder, einst Buchhändlerin, dann Studium der Sinologie und Germanistik in Berlin und China, arbeitete lange beim Unionsverlag Zürich als Herausgebende der «Türkischen Bibliothek». Ihre Leidenschaft ist Asien. Eine Leidenschaft, die sie einen ersten Roman schreiben liess – «Die Wüstengängerin».
Anfang der 90er Jahre reist die Studentin Roxana  entlang der Seidenstrasse, um unbekannte buddhistische Höhlenmalereien zu erforschen als Beweis dafür, dass die Region dort nicht «immer» islamisch war. Zwanzig Jahr später reist Linda wegen eines Entwicklungsprojekts ebenfalls nach Xinjiang und stösst dabei auf die Spuren Roxanas.
So sehr das Schicksal der Uiguren aus dem Bewusstsein des Westens gefallen ist, so leidenschaftlich verpackt die Autorin die letzten zwanzig Jahre Geschichte eines Volkes, das vergessen von der Weltöffentlichkeit um seine Rechte kämpft. Das Gebiet der Uiguren war über Jahrhunderte immer wieder Durchgangsland, sowohl wirtschaftlich wie militärisch. Die chinesischen Repressalien heute und in den vergangenen Jahrzehnten sind strategisch. Die Gegend muss «ruhig» bleiben, um all die geopolitischen Absichten Chinas durchzusetzen.
Alice Grünfelders Auftritt im schmucken Stadttheater Solothurns hat Eindruck gemacht. Nicht nur weil das orange Vorsatzpapier ihres Romans, das textile Buchzeichen, ihr pelziger Fingerring und die orange Hose mit chinesisch anmutenden Stickereien Ton in Ton zueinander passten. Eine Wüstengängerin erzählt von «der Wüstengängerin», eine leidenschaftliche Frau von einer leidenschaftlichen Frau. Ein Roman, der eine politische Dimension beinhaltet, ohne zu belehren, der nicht nur dokumentieren will, ebenso unterhalten. Ein Roman, der fasziniert und mehrfach erstaunt.

Auch bei der 1979 geborenen Regula Portillo ist das Stadttheater proppenvoll. Ob Heimspiel, weil sie im Kanton Solothurn aufwuchs oder angelockt vom Mut einer jungen Frau, die ein Stück Geschichte Lateinamerikas aus der Sicht von Schweizern erzählt, bleibe dahingestellt.
Eine Parallelerzählung von Eltern und Töchtern, von einem zehnmonatigen Aufenthalt eines Ehepaars in Nicaragua während der Revolution, den Kämpfen zwischen Sandinisten und von den USA unterstützten Contras. Und den Töchtern, die nach dem Tod der Eltern das Haus räumen und erst da entdecken, dass die Eltern in ihrer verschwiegenen Vergangenheit ganz andere Leben führten. Sie entdecken die Hinterlassenschaft zweier Brigadisten aus der Schweiz, eines Paars, das in einer ganz anderen Welt an den Umständen von Revolution und Zerrissenheit zu zerbrechen drohte.
Viva Nicaragua! Viva la Revolución! Eine Mission voller Enthusiasmus, die an der Wirklichkeit zu scheitern drohte. Eine zehnmonatige Reise der Eltern in den 90ern in ein Land, in dem Umsturz, Revolution und neue Ideen das erreichen sollten, was in vieler Hinsicht nicht einmal im Heimatland zu erreichen war.
«Warum verschwand Jahrzehnte später das, was zuvor eine ganze Generation beschäftigte?», war eine der Motivationen der jungen Autorin Regula Portillo. 800 Schweizerinnen und Schweizer zogen damals nach Nicaragua, in der Absicht, sich an historischen Prozessen zu beteiligen. Eine Revolution, die in Lateinamerika stattfand, aber in den Herzen eingeschlossen in viele Länder zurückgetragen wurde, eingehüllt von Enttäuschung und Kränkung.
Nicht einfach ein Roman über die Revolution in Nicaragua! Wie weit dürfen wir uns in die Geschicke eines «fremden» Landes einmischen? Was nehmen Eltern mit dem Sterben mit ins Grab? Wo bleiben all die Geschichten, die unwiderruflich dem Vergessen drohen? Auch ein Roman über die Rolle der Frau, über ein Paar, das sich aussetzt, das Scheitern, über den Tod.

Ich bin nicht enttäuscht. Aber im Grunde genauso ratlos wie die junge Frau im Landhaussaal in der Reihe vor mir. Während Solothurn unter der Vorsommersonne voll mit jungen Menschen ist, die am Ufer der Aare ihre Seele baumeln lassen, bleiben die «Alten» unter sich. Und wenn die Solothurner Literaturtage dereinst auch das Pensionsalter erreichen sollten, bleibt die Frage existenziell, wie die jungen Generationen von Literatur erfolgreich infiziert werden sollen.

Titelbild: Alice Grünfelder und Moderatorin Bernadette Conrad

Mara Meier „Die roten Sandalen“

Licht schimmert unter der Tür durch. Die Stimmen dahinter sind so leise, dass Nina nicht verstehen kann, was geredet wird. Die Grossmutter spricht mit Tante Lisa. Die meinen, ich schlafe und geben sich Mühe, mich nicht zu wecken, sagt sich Nina.

Am nächsten Morgen kommt Tante Lisa ins Zimmer und zieht Nina die Bettdecke weg. Auf, du kleiner Faulpelz! ruft sie. Die Sonne scheint, komm, wir gehen in den Zoo!

Nina zieht das rote Kleid an, das die Mutter für sie genäht hat. Es ist ihr zu kurz, aber Tante Lisa sagt, es stehe ihr gut. Das Kleid war in dem Koffer, den die Tante für sie gepackt hatte, und mit dem sie einen Tag vor den Herbstferien auf einmal vor der Tür zu Ninas Schulzimmer stand. Sie sind dann mit dem Zug zur Grossmutter gefahren, Nina und Tante Lisa, eine Überraschung, hat die Tante gesagt. Darum hatte sie Ninas Koffer schon gepackt, mit dem roten Kleid darin. Aber die Sandalen hatte sie vergessen. Am nächsten Tag hat sie ihr welche gekauft, glänzend rote, damit sie zum Kleid passen, das die Mutter genäht hat.

Komm schon, ruft Tante Lisa und zieht Nina vom Küchentisch weg, bevor sie ihre Milch ausgetrunken hat. Tante Lisa rennt mit Nina zum Bus. Im Zoo kauft die Tante für Nina einen roten Plüschfrosch, und auf dem Heimweg einen roten Luftballon für Nina. Rot ist Ninas Lieblingsfarbe.

Die Mutter mag Rot auch sehr gern. Doch Blau gefällt ihr noch besser, das weiss Nina. Die Mutter schreibt immer mit blauer Tinte. Königsblau, sagt sie dazu. Nina denkt, dass vielleicht eine Postkarte von der Mutter im Briefkasten liegt, wenn sie vom Zoo nach Hause kommt. Mit dem Meer drauf, oder mit Bergen. Doch sie mag die Grossmutter nicht danach fragen. Die Grossmutter sieht nicht aus, als könnte man sie irgend etwas fragen. Und Tante Lisa ist schon weg.

Einmal war Nina mit Tante Lisa im Park. Sie haben die Enten im Teich mit trockenem Brot gefüttert, und Nina hat gesagt, dass sie mit der Mutter immer die Schwäne am Fluss füttern gehe. Und dann hat sie die Tante gefragt, wo die Mutter sei, wann sie wiederkomme. Tante Lisa hat ihr erklärt, dass die Mutter in die Ferien gefahren sei, das könne Nina doch sicher begreifen, sie sei ja schon ein grosses Mädchen. Eine Mutter brauche auch einmal Erholung.

Nina hat genickt und gedacht, dass Mutter in letzter Zeit immer müde war und gar nicht mehr fröhlich. Nicht wie im Frühling, als sie das rote Kleid für sie genäht und dazu gesungen hat.

Aber warum hatte die Mutter keine Zeit mehr, ihr zu sagen, dass sie fortgeht, keine Zeit, ihr noch einen Kuss zu geben? Sie hat sich nicht getraut, die Tante zu fragen. Vielleicht ist Mutters Zug ganz plötzlich gefahren, oder sie musste schnell zum Flughafen, um den Flieger nicht zu verpassen.

Die Grossmutter hat Fischstäbchen mit Salzkartoffeln und Spinat gekocht. Sie schaut zu, wie Nina isst. Nina zerdrückt die Kartoffeln mit der Gabel zu Brei. Den Spinat isst sie ganz schnell, damit die Grossmutter mit ihr zufrieden ist. Dann muss Nina in den Hinterhof, mit den anderen Kindern spielen. Nina kennt die Kinder nicht, und die spielen nicht mit ihr. Nina geht um den Hof herum und zählt ihre Schritte. Als sie bei dreihundert zweiundfünfzig ist, stellt ihr der grosse, dicke Junge ein Bein, und Nina fällt hin und schürft sich das linke Knie auf.

Die Grossmutter legt ganz schnell das Telefon auf, als Nina in die Wohnung kommt. Sie führt Nina ins Badezimmer. Nina muss sich auf dem Badewannenrand setzen, während die Grossmutter eine rote Schachtel mit Erste-Hilfe-Sachen aus dem Schrank nimmt. Die Grossmutter reibt mit einem Wattebausch eine braune Flüssigkeit auf Ninas Knie. Nina beisst die Zähne zusammen. Dann kommt ein Heftpflaster auf die Schürfung. Die Grossmutter räumt die rote Schachtel in den Schrank.

Als Tante Lisa zurückkommt, schaut sie die Grossmutter fragend an. Die schüttelt ein klein wenig den Kopf. Wahrscheinlich meinen sie, dass ich das nicht sehe, denkt Nina. Sie glauben, dass ich nicht höre, dass sie abends leise miteinander reden. Sie wissen nicht, dass ich das Licht sehe, welches nachts unter der Tür durchschimmert.

Beim Frühstück sagt die Grossmutter, dass Ninas Schulferien bald um sind. Nina denkt darüber nach, ob die Mutter dann endlich zurück ist, wenn sie wieder zur Schule muss, aber sie traut sich nicht, die Grossmutter zu fragen. Die Grossmutter sieht nicht aus, als ob man sie irgend etwas fragen könnte.

Die Grossmutter schickt Nina schon am Morgen in den Hof zum Spielen. Der grosse, dicke Junge ist nicht da. Nina geht rings um den Hof herum und zählt ihre Schritte, immer wieder ringsherum. Wenn sie bis siebenhundert siebenundsiebzig kommt mit Zählen, wird die Mutter heute anrufen. Oder es wird eine Postkarte von ihr im Briefkasten liegen, mit königsblauer Tinte geschrieben, mit dem Meer drauf, oder mit Bergen.

Das aufgeschürfte Knie mit dem dicken Pflaster stört Nina beim Gehen, und so ist sie erst bei vierhundert siebenundzwanzig, als die Grossmutter zum Mittagessen ruft. Es gibt Spiralnudeln mit Hackfleisch und Apfelmus dazu. Die Grossmutter sagt, dass Ninas Mutter das besonders gerne gegessen habe, als sie ein kleines Mädchen war. Dann muss sie plötzlich ins Bad und kommt lange nicht wieder. Nina hört Wasser rauschen. Sie schmuggelt das Hackfleisch von ihrem Teller zurück in die Auflaufform, die noch auf dem Tisch steht. Die Grossmutter sagt nichts, als sie zurückkommt.

Unterdessen hat sich der Himmel verdunkelt; es hat zu regnen begonnen. Im fahlen Licht wirkt das Esszimmer grau. Die Grossmutter sieht müde aus. Sie will einen Mittagsschlaf halten. Nina soll in ihrem Zimmer lesen oder auch ein wenig schlafen.

Nina legt sich aufs Bett. Der Regen trommelt gegen das Fenster. Der rote Ballon, den die Tante nach dem Besuch im Zoo für Nina gekauft hat, hat schon fast alle Luft verloren. Schlapp hängt er neben dem roten Kleid an der Kastentür. Die Sandalen stehen am Boden, der rote Lack ist zerkratzt. Kein Wunder bei all den Runden, die Nina mit diesen Sandalen schon gedreht hat, immer um den Hof herum, laut ihre Schritte zählend.

Nina schläft ein. Als sie erwacht, ist es Abend geworden. Ein wenig Licht schimmert unter der Tür durch. Die Stimmen dahinter sind so leise, dass Nina nicht verstehen kann, was geredet wird. Sie setzt sich auf, zieht die roten Sandalen an und geht zur Tür. Sie macht die Tür auf. Die Erwachsenen verstummen. Was ist los, sagt Nina. Ich will endlich wissen, was los ist.

Mara Meier, 1959 in Zürich geboren, Kindheit und Jugend in der Ostschweiz, wanderte als junge Frau nach Chile aus und arbeitete dort zehn Jahre als Botanikerin und in Kulturprojekten der indigenen Mapuche. Der Name ihres Blogs «kintun» stammt aus der Sprache der Mapuche und bedeutet «(an)sehen / suchen». Seit ihrer Rückkehr in die Schweiz ist sie beruflich in Bibliotheken tätig, beschäftigt sich dabei hauptsächlich mit Alten Drucken (15.-18. Jh.). Mara Meier zeichnet Pflanzen und Landschaften, gestaltet Figuren, schreibt Sachtexte, Glossen und Kurzgeschichten. 2018 Gewinnerin des OpenNet Schreibwettbewerb der Solothurner Literaturtage.

Judith Keller „Die Fragwürdigen“, Der gesunde Menschenversand

In ihrer ersten Buchveröffentlichung zeigt die junge Schweizerin ein ganz besonderes Geschick, die Perspektive des Sehens zu verändern. Wenn man den Geschichten der jungen Judith Keller eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Geschwätzigkeit. Judith Kellers Geschichten sind Konzentrate, Sprachkunstwerke, die gleichermassen überraschen wie bezaubern. Eine literarische Entdeckung!

Zusammen mit den Autorinnen und Autoren Franz Hohler, Judith Keller, Thomas Flahaut, Alexandre Hmine und Jessica Zuan eröffneten die 40. Literaturtage in Solothurn ihr Jubiläumswochenende. Das literarische Schwergewicht Franz Hohler zusammen mit vier jungen Schreibenden aus den vier Sprachregionen der Schweiz.

Judith Keller nimmt das Wort beim Wort, nimmt es wörtlich. So wie sich andere der Metapher verschreiben, spürt sie dem Wort nach. Eine Handvoll ihrer Geschichten beginnt mit «Eine weit hergeholte Frau…». Meist tragen die Menschen in ihren Kurz- und Kürzestgeschichten Namen, ganz gewöhnliche, vielleicht etwas altmodische, im Kontrast zu ihrer Erzählweise, oder ausgefallene wie Nepomuk. Judith Keller wirft einen Blick in fremdes Leben, gibt dem Leben einen Namen oder lässt es bleiben, wenn der Moment mehr zählt als die Person, um die sich die Sätze schlaufen. Kurze Geschichten, in die man einsteigt und ganz unverhofft wieder aussteigen muss. Geschichten die auftun und nichts klären. Aber mit aller Deutlichkeit bewusst machen, dass selbst der schnelle Blick, diese eine Schlaufe um ein Leben, alles andere als einfach und einfältig ist. Es spiegelt sich Leben mehrfach in einem einzigen Satz. Es fächert sich auf. Manchmal nur als sprachlicher Schnappschuss, ein ander Mal als Bildfolge, aus Zusammenhängen sprachlich extrahiert, um sie mit dem Leben von Leserinnen und Lesern in neue Konstellationen zu bringen.

Keine Papiere
Esperance ist vor ein paar Jahren in einem Boot übers Meer geflohen. Sie ist nicht ertrunken. Aber jetzt lebt sie untergetaucht.

Judith Keller gibt dem Normalen intensive Farben, dem Farbigen Klarheit, auch wenn nicht die Deutung im Zentrum steht, sondern die Ahnung dem Genuss genügt. Sie schreibt kühn und so gar nicht in der Tradition der «Geschichtenerzähler» mit Mahnfinger und moralischer Motivation. Vielleicht bilden Franz Hohler und Judith Keller bei der Eröffnungsfeier der 40. Literaturtage in Solothurn mit Absicht ein «Erzählerpaar» der Gegensätze. Nicht nur, was ihr Alter betrifft. Der schon zu Lebzeiten zur Erzählerlegende gewordene Franz Hohler und die junge Judith Keller, die sich nur schwer in eine Schublade einordnen lässt.

Scheu
Amalia kennt den Vorwurf, sie sei arbeitsscheu. Es liegt ihr aber daran festzuhalten, dass die Arbeit ebenfalls scheu sei. Die Arbeit komme entweder gar nicht oder nur zögerlich auf sie zu, um dann gleich wieder zu verschwinden.

Mag sei, dass auch Judith Kellers Geschichten zuweilen einen moralischen Hintergrund besitzen. Aber diesen bette ich als Leser selbst unter den Text. Judith Keller setzt nichts vor, mahnt nicht, spiegelt nicht einmal mit Metaphern. Ihre Sprachkunst liegt in der Reduktion auf die Worte selbst, den Satz, der bezaubert, die Melodie, die mich betört. Judith Keller gibt dem Wort zurück, was Fakenews entwenden.

Judith Keller schreibt ganz in der Tradition Grosser, nicht zuletzt Mani Matters. Eindeutig, zweideutig, vieldeutig. So wie der grosse Berner Troubadour erzählt Judith Keller eindeutig und weckt vieles. Ich staune. Ich blicke mit den Geschichten Judith Kellers durch ein Kaleidoskop der Sprache, werde von Vieldeutigkeit überrascht und mit Sprachkunst überzeugt.
Franz Hohler und Judith Keller sind so etwas wie die Exponenten einer Kunst, die an den beiden ihre Vielfalt zeigt, wie viel sie miteinander verbindet und wie weit sie sich voneinander unterscheiden, wie viel sie verbergen und offenbaren, wie sehr sie schmeicheln und sich zieren.

Krieg
Er erklärt ihnen den Krieg. Sie verstehen ihn nicht. Er erklärt innen den Krieg. Sie verstehen ihn nicht. Er versucht es noch einmal. Sie verstehen ihn nicht. Weil er den Krieg nicht erklären kann, muss er zurück in den Krieg. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Im Flugzeug ist gerade noch ein Platz frei.

Unbedingt lesen und entdecken!

Ein kleines Interview mit Judith Keller:

Sie erzählen Geschichten in einer ganz eigenen Art und Weise. Es sind nicht einfach Erinnerungen, Episoden, „Geschichten, die das Leben schrieb“. Viele Ihrer Geschichten lesen sich wie „Negative“ (Fotografie), die den Blick auf eine Situation verändern, mein Auge, meine Wahrnehmung verunsichern. Wie werden Ihre Geschichten zu so kraftvollen Miniaturen?
Ich glaube, ich versuche, da aufzuhören, wo etwas anderes, vielleicht ein Denkvorgang, beginnt.

Sie nehmen das Wort beim Wort. Es liegt viel mehr Gewicht auf der Bedeutung eines einzelnen Wortes als auf dem Transport eines Geschehens. Sind sie eine Wörtersammlerin?
Ja, ich notiere mir oft Redewendungen, die ich höre oder in der Zeitung lese und über die ich nachdenken muss.

Der Umstand, das „Die Fragwürdigen“ beim Verlag „Der gesunde Menschenversand“ herauskommt, erscheint fast logisch. Da treffen sich zwei! Kein anderer Verlag hätte besser zu Ihren Texten gepasst. Ihre erste Erzählung „Was ist das letzte Haus“ erschien als E-Book beim überaus renommierten Verlag Matthes & Seitz Berlin. Öffnen sich die Türen so leicht?
Nein, ich habe viele Absagen bekommen für die kurzen Texte bei anderen Verlagen. Ich hatte sie auch schon vor ein paar Jahren dem gesunden Menschenversand geschickt, aber damals gab es einfach keinen Platz für neue Autorinnen und Autoren. Ich bin darum auch sehr froh, dass es jetzt geklappt hat, gerade bei diesem Verlag.

Ihre Geschichten liessen mich zuweilen stolpern, öffneten sich oft erst beim zweiten Lesen. Sie schreiben alles andere als Nabelschauen, scheinen stets für ein Publikum zu schreiben. Ihre Geschichten brauchen das Gegenüber. Testen Sie die Wirkung Ihrer Texte?
Ja, ich lasse sie oft ein paar Tage oder Wochen liegen und lese sie dann noch einmal wie eine fremde Leserin. Da spüre ich dann, ob es funktioniert oder nicht. Und dann gebe ich sie natürlich auch anderen zu lesen. Aber es kann schon auch vorkommen, dass ich nicht mehr weiss, ob es nur bei mir oder auch bei anderen funktioniert.

Dass Sie an der Seite von Franz Hohler, einem der Grossen der CH-Literatur die 40. Solothurner Literaturtage eröffnen, ist von der Festivalleitung her mit Sicherheit ein klares Signal, nicht nur für die Mehrsprachigkeit unseres Landes, die Vielfalt, sondern für die Qualität ihres Schreibens – und für mich keine Überraschung. Trifft sich dort auf der Bühne Tradition und Aufbruch?
Da kann ich leider zu wenig darüber sagen, weil ich die Texte der anderen nicht kenne. Ich glaube aber, dass sie genau so etwas wollen.

1985 in Lachen, am Zürichsee geboren, lebt Judith Keller in Zürich. Sie hat Literarisches Schreiben in Leipzig und Biel sowie Deutsch als Fremdsprache in Berlin und Bogotá studiert. Nach Veröffentlichungen in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschien 2015 ihre Erzählung «Wo ist das letzte Haus?» bei Matthes & Seitz als E-Book und wurde mit dem «New German Fiction» Preis ausgezeichnet.

(Ich danke dem Verlag «Der gesunde Menschenversand» für die Erlaubnis, aus Judith Kellers Buch «Die Fragwürdigen» drei Geschichten einfügen zu dürfen.)

Titelfoto: Sandra Kottonau